Eiskunstlauf gehört zu den Sportarten, die bereits in sehr jungen Jahren begonnen werden müssen, damit Chancen auf den „Sprung“ in die hochleistungssportliche Karriere bestehen. Nicht selten erfolgen die ersten Schritte auf dem Eis im Vorschulalter.
Aus dem reinen Freizeitvergnügen wird häufig durch Trainer, die auf Talentsuche sind, aus der Kür eine Pflicht. Es folgt jahrelanges intensives Training unter Einschränkung oder Zurückstellung anderweitiger Interessen und Potenzialnutzungen. Ehrgeizige Trainer und Eltern geben im frühen Kindesstadium Ziele vor, die das Leben des jungen Leistungssportlers stark bestimmen. Die Hauptaufgabe des heranwachsenden Eisläufers besteht letztlich darin, die Anforderungen von Schule und Ausbildung mit denen des Sports zu verbinden. Dies sind auch die Voraussetzungen für die spätere berufliche Entwicklung.
Die Lebensbereiche Sport und Schule bzw. Ausbildung stehen in zeitlicher und leistungsmäßiger Konkurrenz. Hier stellt sich vor allem bei Kinderleistungssportlern die Frage, wie sich die sportspezifische Sozialisation zunächst auf Schule bzw. Ausbildung und anschließend auf die berufliche Integration auswirkt. Der Leistungssport steht damit in einem fundamentalen Spannungsverhältnis zur Ausbildung und einer späteren Berufskarriere. Zwischen Sport und Ausbildung bzw. Beruf besteht damit im Zeitablauf ein wachsender Zielkonflikt.
Es ist zu klären, welche aus dem Hochleistungssport resultierenden individuell entwickelten Fähigkeiten bzw. Defizite (personale Ressourcen) und welche externen Einflussmomente (Bekanntheitsgrad durch die Medien, Ansehen der Sportart Eiskunstlauf, sportbegeisterte Berufskollegen) bzw. Unterstützungsleistungen von der Familie, dem Trainer und dem Verband (Beziehungen) diese Entwicklung beeinflussen.
Interessant und neu im sozial- und sportwissenschaftlichen Bereich ist die Fragestellung, inwieweit sich diese sehr speziellen und vielfältigen Fähigkeiten eines erfolgreichen Eiskunstläufers auf den nach- und außersportlichen schulischen bzw. beruflichen Werdegang auswirken. Zeichnen sich erfolgreiche Sportler durch besonders hohe Werte in Disziplin, Ehrgeiz, Zielorientierung und Zeitmanagement aus und behalten sie diese dauerhaft für ihr weiteres Leben bei? Kann die Selbstsicherheit, sich vor einem Publikum zu präsentieren und es mit einzubeziehen („in den Bann zu ziehen“), auf die Ausbildungssituation bzw. später den Beruf übertragen werden und ist dies förderlich?
Inhaltsverzeichnis
I. Themenaufriss
1. Problemstellung
2. Gegenstand und Ziel der Arbeit
II. Eiskunstlauf: Eine Sportart stellt sich vor
1. Geschichte
1.1 Wettbewerbe
1.2 Regeln
1.3 Technik
1.4 Ein kritischer Blick auf die Leistungsbeurteilung bei Wettkämpfen
III. Sozialwissenschaftliche Perspektiven
1. Sozialökologischer Ansatz
2. Der Ansatz der konstruktivistischen Sozialisationsforschung
2.1 Das Konzept des Kindes als Akteur
2.1.1 Agency und Sozialisation
2.1.2 Reichweite und Grenzen des Akteurskonzepts
3. Handlungstheoretische Grundlagen
3.1 Soziale Lern- und Erwartungs-Wert-Theorien
3.2 Das handlungstheoretische Partialmodell der Persönlichkeit
4. Selbstdarstellung als Persönlichkeitseigenschaft oder Impression-Management?
4.1 Begriffsverortung und -abgrenzung von Persönlichkeit
4.2 Die Impression-Management-Theorie
5. Spezielle Lerneffekte
5.1 Der Imagefaktor
5.2 Körperbild und Körpereinstellung
5.3 Die Selbstdarstellung und personale Zusammenhänge
6. Strukturelle und systemspezifische Einflüsse im Leistungssport Eiskunstlauf
6.1 Der Zeitfaktor
6.2 Motivations- und Disziplinierungsmethoden bis Mitte der 1990er Jahre
6.3 Konsequenzen für den Handlungsspielraum des Eiskunstläufers
6.4 Das Ausscheiden aus dem Leistungssport
7. Berufliche Sozialisation
7.1 Begriffsverortung der beruflichen Sozialisation
7.2 Berufsbeeinflussende Sozialisationsinstanzen in der Kindheit
7.3 Die Einflussfaktoren Schicht und Geschlecht auf den beruflichen Habitus
7.4 Hauptphasen und -instanzen beruflicher Sozialisation
7.5 Selektion und Anforderungsprofile von Arbeitgebern
7.6 Zusammenschau und Abgleich der erlernten Fähigkeiten im Eiskunstlauf mit den Anforderungen im Berufsleben
8. Ableitung theoretischer Ansätze für den empirischen Teil
IV. Empirische Untersuchungen und Befunde
1. Methodisches Vorgehen
1.1 Fragebogen „Eiskunstlauf und Beruf“
1.2 Stichprobe
2. Untersuchungsvariablen und Operationalisierung
2.1 Berufskarriere
2.2 Hochleistungssport-Karriere
3. Durchführung
4. Idealtypisches Basismodell
5. Statistische Auswertungen und Ergebnisdiskussion
5.1 Grundlegende Ergebnisse zur Charakterisierung der Stichprobe
5.2 Ergebnisse zum idealtypischen Basismodell
5.3 Typen von empirisch nachweisbaren beruflichen Werdegängen
5.3.1 Einfluss des Alters
5.3.2 Eiskunstlauf und der berufliche Werdegang
5.3.3 Präsentations- und Selbstdarstellungsfähigkeit
5.3.4 Eiskunstlauf, Beruf und Schicht
5.3.5 Bereichsspezifisches und generalisiertes Kontrollgefühl
5.4 Diskussion zum Themenschwerpunkt Eiskunstlauf und Beruf
V. Entwicklung und Ausblick
1. Veränderungen seit der aktiven Zeit der Untersuchungsgruppe
1.1 Optimierung des Bewertungssystems seit den 1990er Jahren
1.2 Eiskunstlauf als Spiegel gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen
1.3 Sportliche Motivations- und Disziplinierungsmethoden nach 1995
1.4 Pädagogische Ansätze für den Trainingsbereich
1.5 Unterstützende Institutionen: Laufbahnberatung an Olympiastützpunkten
2. Ausblick: Schule und Leistungssport
VI. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Dissertation untersucht den Zusammenhang zwischen der sportlichen Sozialisation im Eiskunstlauf in der Kindheit und Jugend und der späteren beruflichen Integration der ehemaligen Sportler. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob die im Leistungssport erworbenen Kompetenzen wie Disziplin und Selbstdarstellungsfähigkeit den beruflichen Werdegang begünstigen oder ob die hohen Anforderungen und die notwendige Doppelbelastung durch Schule und Training negative Auswirkungen haben.
- Sozialisation von Leistungssportlern in der Kindheit und Jugend
- Die Doppelbelastung durch Schule und leistungssportliches Training
- Entwicklung beruflicher Identität und Kompetenzen (z.B. Impression-Management)
- Statistische Analyse von beruflichen Werdegängen ehemaliger Eiskunstläufer
- Rolle von externen Faktoren wie sozialer Herkunft und pädagogischen Ansätzen
Auszug aus dem Buch
5. Spezielle Lerneffekte
„Um im Eiskunstlauf Erfolg zu haben, ist ein konsequentes und ausdauerndes Training notwendig, sonst erreicht man nur ein Hobby-Niveau, das einen selbst nicht zufrieden stellt. Leider haben sowohl im beruflichen als auch im privaten Umfeld hierfür eher wenige Leute Verständnis und man muss sich mit Sturheit durchsetzen“ (männlicher Eiskunstläufer 32 Jahre, Beamter und Trainer).
Welche Eigenschaften nehmen die Läufer durch die intensive Ausübung und Konzentration auf ihren Sport häufig an? Diese Frage wird in zwei Schritten beantwortet: Zunächst wird vorgestellt, welche Einstellungen bei allen Eiskunstläufern stark ausgeprägt sind, bevor auf spezifische Aspekte eingegangen wird.
Der Großteil der im Rahmen dieser Arbeit befragten Eiskunstläufer gibt an, durch das Eiskunstlaufen positiv für den Beruf geprägt worden zu sein. Durchgängig wurden sehr hohe Werte genannt bezüglich Disziplin, Ehrgeiz, Zielorientierung und Zeitmanagement.
Aber auch andere Faktoren werden angeführt, wie das folgende Zitat verdeutlicht: „Was habe ich gelernt? 1. Zielorientiertes Arbeiten 2. Diplomatie (!) 3. Ruhe bewahren, egal was kommt 4. Lügner von ehrlichen Menschen unterscheiden 5. Fingerspitzengefühl / Menschenkenntnis 6. Ballett/Bladen/Gewichtheben 7. Eislaufen“ (männlicher Eiskunstläufer, 30 Jahre, Angestellter Diplom-Kaufmann im Sportmanagement).
Zusammenfassung der Kapitel
I. Themenaufriss: Einleitung in die Problematik der Doppelbelastung im Eiskunstlauf und Definition des Forschungsziels.
II. Eiskunstlauf: Eine Sportart stellt sich vor: Historische Entwicklung sowie die spezifischen Wettbewerbs- und Bewertungsbedingungen des Eiskunstlaufs.
III. Sozialwissenschaftliche Perspektiven: Theoretische Herleitung durch sozialökologische Ansätze, konstruktivistische Sozialisationsforschung und handlungstheoretische Modelle.
IV. Empirische Untersuchungen und Befunde: Darstellung des methodischen Vorgehens, Operationalisierung der Variablen und Auswertung der Fragebogendaten sowie der Leitfaden-Interviews.
V. Entwicklung und Ausblick: Analyse aktueller Veränderungen im Eiskunstlauf, insbesondere in Bezug auf pädagogische Konzepte und die Verzahnung von Schule und Leistungssport.
VI. Zusammenfassung: Synthese der Forschungsergebnisse und Fazit zum Einfluss des Eiskunstlaufs auf die berufliche Integration.
Schlüsselwörter
Eiskunstlauf, Leistungssport, Berufliche Sozialisation, Kindheit, Jugend, Doppelbelastung, Schule, Handlungskompetenz, Impression-Management, Beruflicher Erfolg, Sozialisation, Identitätsentwicklung, Kontrollüberzeugung, Sportpädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Dissertation im Kern?
Die Arbeit untersucht den Einfluss einer Eiskunstlaufkarriere in der Kindheit und Jugend auf die spätere berufliche Integration und Laufbahnentwicklung.
Welche zentralen Themenbereiche werden bearbeitet?
Neben der sportartspezifischen Sozialisation stehen die psychologischen Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung, der Einfluss von Trainer- und Elternverhalten sowie die Vereinbarkeit von leistungssportlichem Training und Schulausbildung im Fokus.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufklärend und unterstützend zu wirken, indem häufig auftretende Problemfelder im Kinderhochleistungssport identifiziert und der Zusammenhang zwischen erlernten sportlichen Fähigkeiten und beruflichem Erfolg geklärt wird.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine Kombination aus quantitativer Befragung mittels standardisiertem Fragebogen und qualitativen Leitfaden-Interviews verwendet, um sowohl objektive Daten als auch subjektive Erfahrungen abzubilden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische sozialwissenschaftliche Perspektiven und den darauf aufbauenden empirischen Teil, in dem die Daten der befragten ehemaligen Eiskunstläufer ausgewertet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zentrale Begriffe sind neben Eiskunstlauf und Leistungssport vor allem Sozialisation, Doppelbelastung, Handlungskompetenz und beruflicher Werdegang.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Alter beim Einstieg in den Sport und späterem Erfolg?
Die Studie deutet darauf hin, dass ein zu junges Einstiegsalter mit einer höheren Fremdbestimmung korrelieren kann, während ein etwas späterer Einstieg eher positive Lernerfahrungen und ein höheres Maß an Selbstbestimmung begünstigt.
Welche Rolle spielt die "Selbstdarstellung" für den späteren Beruf?
Das im Eiskunstlauf notwendige "Impression-Management" zur Präsentation vor Publikum wird von vielen ehemaligen Sportlern als Fähigkeit wahrgenommen, die sie in kommunikativen beruflichen Situationen erfolgreich anwenden können.
- Arbeit zitieren
- Sibylle Schmidtke (Autor:in), 2006, Eiskunstlauf und schulische Bildung - zwei Chancen für eine gelingende berufliche Integration, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371951