Amerikanisierung und das Phänomen 'Halbstarke'. Begriffe und Entwicklungen in (West-)Europa


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
18 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Amerikanisierung
2.1 Herkunft und Bedeutungswandel des Begriffs 'Amerikanisierung'
2.1.1 Amerikanisierung/Westernisierung
2.1.2 Europäisierung
2.1.3 Globalisierung

3. Nachkriegszeit in Deutschland

4. Nachkriegszeit in Frankreich im Vergleich zu Deutschland

5. Halbstarke
5.1 Herkunft und Bedeutungswandel des Begriffs 'Halbstarke'
5.2 Ursachen der 'Halbstarken'- Erscheinung
5.3 Alter und Geschlecht der Halbstarken
5.4 Halbstarke, Mode und ähnliche Gruppierungen
5.5 Halbstarke in Saarbrücken
5.6 Halbstarke im Ausland

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Um einen passenden Einstieg zu gewähren, möchte ich ein Zitat von Christian Kleinschmidt anführen, welches den Inhalt der Arbeit andeutet:

Amerika, du hast es besser als unser Kontinent, der Alte, hast keine verfallenen Schlösser und keine Basalte. Dich zerstört nichts im Innern, zu lebendiger Zeit, kein unnützes Erinnern, und vergeblicher Streit.[1]

Dieses Zitat von Kleinschmidt verdeutlicht, wie das zerstörte Deutschland[2] nach dem Krieg von Amerika aufgefangen und neugestaltet wurde. Zur Weltmacht aufgestiegen und durch die Besatzung Deutschlands zur Orientierung in fast allen Lebensbereichen, vor allem für die Jugendlichen, gilt Amerika von da an als Leitbild für Deutschland. Durch die amerikanische Präsenz im Land und die Massenkultur wichen Orientierungs- und Verhaltensmuster der ersten Jahrhunderthälfte ab. Auf der Suche nach einer neuen Identität orientierte sich Deutschland an demokratischen Gesellschaften. Besonders in den fünfziger Jahren wurde die Alltagswelt und die Jugendkultur mit Importen von US-Populärkultur und US-Produkten überflutet. Gleichzeitig fielen in Deutschland die sogenannten Gruppen von Halbstarken durch Krawalle auf und lenkten so das öffentliche Interesse auf die neu entstehende Subkultur.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, zu untersuchen, woher der Begriff 'Amerikanisierung' kommt und was dies mit den sogenannten Halbstarken zu tun hat. Hierbei werde ich das Phänomen der Halbstarken untersuchen, um herauszufinden, woher diese Subkultur entsprungen ist und wie sie sich entwickelte. Liegt der Ursprung in Deutschland oder schwappte dieses Phänomen der Amerikanisierung nach 1945 von Amerika über? Doch bevor ich im Hauptteil detaillierter auf die einzelnen Aspekte des Halbstarken-Phänomens komme, möchte ich kurz auf den Forschungsstand eingehen und erklären, was unter dem Begriff 'Amerikanisierung' eigentlich gemeint ist.

2. Amerikanisierung

Damit über die Amerikanisierung einer Nation gesprochen werden kann, muss zuerst der Begriff näher erläutert werden. Dies soll sicherstellen, dass beim Lesen der Arbeit ein gleiches Begriffsverständnis vorliegt. Das irreführende Wort wird in Fachkreisen auf das Wort 'Amerikanisierung' beschränkt, obwohl es richtig ausgedrückt US-Amerikanisierung heißen müsste. Das Land Amerika, wovon sich der Ausdruck ableitet, besteht nicht nur aus den Vereinigten Staaten (USA), sondern aus weiteren Staaten, wie zum Beispiel Kanada. Somit ist zu betonen, dass vorrangig das Gebiet der USA gemeint ist, wenn in dieser Arbeit über Amerikanisierung geschrieben wird. Doch was ist im deutschen Sprachgebrauch mit diesem Begriff überhaupt gemeint?

2.1 Herkunft und Bedeutungswandel des Begriffs 'Amerikanisierung'

Der Begriff 'Amerikanisierung' umfasst viele verschiedene Ideen und hat unterschiedliche Bedeutungen für unterschiedliche Menschen und Bereiche. Ferner veränderte sich die Bedeutung des Wortes im Laufe der Zeit durch die Erforschung des Phänomens in verschiedenen Disziplinen. Ursprünglich bezeichnete 'Amerikanisierung' den Versuch aus dem Völkergemisch der Einwanderer Nordamerikas eine homogene Nation unter den Wertevorstellungen amerikanischer Ideale zu formen.[3] Die Immigranten sollten das amerikanische Wertesystem akzeptieren und als ihr Eigenes übernehmen. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurde unter 'Amerikanisierung' die Überschwemmung Europas mit Gütern und Leitbildern aus den USA verstanden. Intellektuelle dieser Zeit sahen diese Überflutung mit fremden Kultureinflüssen als bedrohlich an, da dadurch die Gefahr bestand, dass die eigene nationale Identität verloren ginge und durch eine amerikanische ersetzt werde. Während des Kalten Krieges wurde der Begriff des öfteren im Zusammenhang mit der feindlichen Gegenüberstellung der Mächte verwendet. Seit dem 11. September[4] ist 'Amerikanisierung' eher in einem religiösen Kontext einzuordnen. Der Konflikt der wirtschaftlich starken westlichen Kultur mit dem Rest der Welt wird von da an mit diesem Begriff in Verbindung gebracht.

Die historische Forschung hat die Diskussion um die 'Amerikanisierung' mehrfach aufgegriffen. Bis in die sechziger Jahre war die Erforschung nationaler 'Amerikabilder' ein klassischer Zweig der herkömmlichen Ideengeschichte. In den siebziger und achtziger Jahren wurde dieses Thema eher weniger berücksichtigt. Einen Aufschwung erlebte die Forschung zur deutschen und europäischen Amerikawahrnehmung in den neunziger Jahren mit den Namen Diner, Nolan und Schmidt. Diese Persönlichkeiten schlossen mit ihren Arbeiten eine wichtige Lücke in der Forschungsliteratur. Vor allem Schmidt widmete sich in seinen Arbeiten der europäischen Perspektive, indem er Vergleiche der Amerikanisierung in Deutschland zu der in Großbritannien und Frankreich zog.[5]

Für den Begriff 'Amerikanisierung' gibt es keine eindeutige Definition, da Prozesse der 'Amerikanisierung' nur schwer von allgemeinen Modernisierungsprozessen zu unterscheiden sind. Es liegen lediglich einzelne inhaltliche Überschneidungen der verschiedenen Autoren in diesem Forschungsgebiet vor. Doering-Mateuffel definiert den Begriff 'Amerikanisierung' als den Transfer von Amerikanismen, sprich Produkten, Institutionen, Normen, Werten, Gebräuchen, Verhaltensweisen und Verfahrensnormen, Symbolen und Bildern, die vermeintlich oder tatsächlich aus den USA übernommen worden sind oder als amerikanisch empfunden werden.[6] Im Deutschen Wörterbuch von Gerhard Wahring findet sich lediglich eine kurze Erklärung für die Begriffe 'Amerikanisieren' und „Amerikanismus“. 'Amerikanisieren' bedeutet demnach, „nach amerikan. Muster gestalten“[7]. 'Amerikanismus' wird folgendermaßen definiert: „Eigentümlichkeit des amerikan. Englisch; in eine andere Sprache übernommene amerikan. Spracheigentümlichkeit; die Eigenart der Bevölkerung der USA in Geisteshaltung, Lebensstil, Kultur- u. Wirtschaftsformen“[8]. Im Lexikon der deutschen Geschichte von 1945 bis 1990 befindet sich eine ausführlichere Definition des Begriffs 'Amerikanisierung'. Neben einer kurzen Herkunfts- und Entwicklungserläuterung definiert sich 'Amerikanisierung' als die „Bezeichnung für die Übernahme US-amerikan. Leitbilder in der alltäglichen Lebenswelt der Massengesellschaft“[9].

Weitere Begriffe, die öfters im Zusammenhang oder sogar als Synonym für Amerikanisierung verwendet werden, sind Globalisierung, Modernisierung und Westernisierung. Auch Reicher Marcowitz unterscheidet drei konkurrierende Konzepte, nämlich 'Amerikanisierung und Westernisierung', 'Europäisierung' und die 'Globalisierung'.[10] Diese Ansätze beschäftigen sich mit dem Transfer sowie Wandlungs- und Angleichungsprozessen bezüglich der Kultur, der Politik und der Sozioökonomie im europäischen, transnationalen und globalen Rahmen. Im Folgenden versuche ich die Begriffe und deren Bedeutung näher zu erläutern.

2.1.1 Amerikanisierung/Westernisierung

Unter dem Begriff 'Amerikanisierung' wurde bereits in der Zwischenkriegszeit die Neugier und Neigung zur amerikanischen Lebensart sowie der Wirtschaft und Populärkultur in West- und Mitteleuropa verstanden. Dabei weist Axel Schild darauf hin, dass gesellschaftlich-kulturelle Einflüsse, in Form von Gütern, aus den USA nach Europa verlaufen sind. Dies wird als einseitig linear verlaufender Prozess interpretiert. Westernisierung dagegen bezieht sich seiner Meinung nach auf den Transfer politischer, gesellschaftlicher sowie kultureller und überwiegend amerikanischer Ideen, im Sinne eines Kreislaufes, der von beiden Seiten beeinflusst wurde.[11]

2.1.2 Europäisierung

Der Begriff der Europäisierung wird in der Literatur unterschiedlich verwendet. Im historischen Kontext meint es den Export von europäischen Werten, Kulturgütern und politischen Systemen im Rahmen und als Ergebnis des europäischen Kolonialismus. Im kulturellen Kontext ist der Bedeutungsverlust von nationalen Identitäten durch die Entstehung und Angleichung an eine europäische Identität gemeint.[12] Nach Marcowitz meint Europäisierung „die Orientierung hin nach Europa als einem geographischen wie ideellen Raum ebenso wie die Herausbildung europäischer Konvergenzen“[13]. Damit ist das Auftreten gleicher Kulturerscheinungen bei unabhängig voneinander lebenden Völkern gemeint. Des Weiteren schreibt er, dass Vertreter anderer Disziplinen Europäisierung als „Wechselwirkungen zwischen den nationalen Mitgliedstaaten und der supranationalen EU-Ebene“[14] verstehen.

2.1.3 Globalisierung

Globalisierung ist kein neuartiges Phänomen der Modernen. Schon während der Antike gab es zunehmende Verflechtungen und gegenseitige Abhängigkeit zwischen den Staaten, die an das Mittelmeer angrenzen. Trotzdem lässt sich dieser Begriff von allen der oben genannten am wenigsten fassen. Das Deutsche Wörterbuch definiert unter 'Globalisierung' nur kurz „weltweites Verbreiten, Verflechten“[15]. Osterhammel meint unter 'Globalisierung' etwas ausführlicher „den Aufbau, die Verdichtung und die zunehmende Bedeutung weltweiter Vernetzung“[16] zwischen Individuen, Gesellschaft, Institutionen und Staaten.

[...]


[1] Kleinschmidt, Christian: Der produktive Blick. Wahrnehmung amerikanischer und japanischer Management- und Produktionsmethoden durch deutsche Unternehmer 1950-1985, Berlin 2002, S. 100.

[2] Deutschland wird in dieser Arbeit stellvertretend für den Teil Deutschlands benutzt, welcher in der Nachkriegszeit die Besatzungszonen der Alliierten und demnach das spätere Westdeutschland umfasste.

[3] Vgl. Maase, Kaspar: Bravo Amerika. Erkundungen zur Jugendkultur der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren, Hamburg 1992, S. 21.

[4] Der 11. September 2001 ist für die Terroranschläge in den USA bekannt. Vier Passagierflugzeuge wurden auf Inlandsflügen entführt und zwei davon von den Tätern in das World Trage Center und eines ins Pentagon gelenkt. Das vierte Flugzeug stürzte in Pennsylvania ab.

[5] Vgl. Klautke, Egbert: Unbegrenzte Möglichkeiten. „Amerikanisierung“ in Deutschland und Frankreich (1900-1933), Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 2003 (Transatlantische Historische Studien 14), S. 10 f.

[6] Vgl. Doering-Manteuffel, Anselm: Wie westlich sind die Deutschen? Amerikanisierung und Westernisierung im 20. Jahrhundert, Götingen 1999, S. 11.

[7] Wahrig, Gehrhard: Deutsches Wörterbuch. Gütersloh (Wissen-Media-Verlag) 2006, S. 163.

[8] Ebenda.

[9] Behnen, Michael: Lexikon der deutschen Geschichte. Teil 2: Von 1945-1990. Stuttgart (Kröner) 2002, S. 17.

[10] Vgl. Marcowitz, Reiner: Einleitung, in: Ders. (Hg.), Nationale Identität und transnationale Einflüsse, München (Oldenbourg) 2007, S. 7-30.

[11] Vgl. Schildt (2000), Sind die Westdeutschen amerikanisiert worden?: URL [Stand: Sept. 2014] http://www.bpb.de/publikationen/0L28RP,3,0, Sind_die_Westdeutschen_amerikanisiert_worden.html#art3.

[12] Vgl. Sittermann, Birgit: Westfälische Wilhelmsuniversität (Hrsg.): Europeanization – A Step Forward in Understanding Europe?, Münster 2006 (online (PDF; 161 kB), [Stand: 16. September 2014).

[13] Marcowitz, Reiner: Einleitung, S. 12.

[14] Ebenda, S. 13.

[15] Wahrig, Gehrhard: Deutsches Wörterbuch. Gütersloh (Wissen-Media-Verlag) 2006, S. 564.

[16] Osterhammel, Jürgen und Petersson, Niels P.: Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen, München 2003.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Amerikanisierung und das Phänomen 'Halbstarke'. Begriffe und Entwicklungen in (West-)Europa
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V372208
ISBN (eBook)
9783668500457
ISBN (Buch)
9783668500464
Dateigröße
649 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
amerikanisierung, phänomen, halbstarke, begriffe, entwicklungen, west-, europa
Arbeit zitieren
I. Magel (Autor), 2014, Amerikanisierung und das Phänomen 'Halbstarke'. Begriffe und Entwicklungen in (West-)Europa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372208

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