Das Zusammenspiel von Affekt- und Verfügbarkeitsheuristik und ihr Einfluss auf eine erfolgreiche Risiko-Kommunikation


Studienarbeit, 2007

35 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhalt

Inhalt

Abstract

1. Einführung

2. Verfügbarkeits-Heuristik

3. Affekt-Heuristik

4. Interaktion von Affekt und Verfügbarkeit
4.1. Empirische Aufarbeitung anhand einer gegenwärtigen Studie
4.2. Ergebnisse und Diskussion

5. Relevanz für erfolgreiche Risiko-Kommunikation und Ausblick

Literatur

Anhänge

Anhang 1: Ergebnisse der Studien von KELLER, SIEGRIST & GUTSCHER (2006)

Abstract

Ergebnisse verschiedener Studien sprechen Affekt im Hinblick auf Risikowahrnehmung eine entscheidende Rolle zu.[1] Dabei wird darauf verwiesen, dass Affekt die Verfügbarkeit von Risiken erhöht, woraus auf eine enge Beziehung beider Konzepte geschlossen wird, vice versa (vgl. Keller, Siegrist & Gutscher, 2006). Aufgrunddessen stellt die hier beschriebene Interaktion von Affekt und Verfügbarkeit und deren Berücksichtigung einen integralen Teil für erfolgreiche Risiko-Kommunikation dar. Einleitend werden beide Konzepte in Anlehnung an deren Grundüberlegungen zuerst einzeln und dann vergleichend dargestellt (vgl. Tversky & Kahneman, 1973; Schwarz & Vaughn, 2002; Finucane et al, 2000; Slovic et al, 2002). Eine kürzlich veröffentlichte, exemplarisch gewählte empirische Studie aus dem Bereich ökologischer Gefahren dient als Diskussionsgrundlage und der Veranschaulichung der eingangs vorgestellten Urteilsheuristiken. Gekoppelt mit weiterführenden Überlegungen, z.B. zur sozialen Verstärkung von Risiken (insbesondere durch deren mediale Repräsentanz, vgl. Kasperson et al, 1988) werden die vorliegenden Interdependenzen herausgearbeitet und stellen den Kern der Diskussion dar. Die empirischen Ergebnisse werden dann im Licht der gewonnenen Erkenntnisse analysiert und einer kritischen Diskussion zugeführt. Unzulänglichkeiten, z.B. basierend auf der Messung einzelner Variablen, werden hervorgehoben, um abschließend einen Ausblick auf die weitere Ausarbeitung und Nutzbarmachung dieser Konzepte im Rahmen der Risiko-Kommunikation zu geben.

Stichworte: Verfügbarkeits-Heuristik, Affekt-Heuristik, Risiko-Wahrnehmung, Risiko-Kommunikation

1. Einführung

Der Terminus Risiko gehört seit Jahren zum „selbstverständlichen Begriffsinventar“ von (Sozial-) Psychologen, Soziologen, Wirtschaftswissenschaftlern, etc. Der Begriff Risiko wird dabei hauptsächlich für die Bezeichnung der „(objektiven) Verlustchancen, die sich aus der unvollständigen Vorhersagbarkeit künftiger Ereignisse bzw. Ereignisalternativen ergeben“, herangezogen.[2]

„Konstatiert wird eine wachsende Aufmerksamkeit für Fragen von Risiko, (Un-)Sicherheit und (Un-)Gewissheit im wissenschaftlichen und politischen wie im öffentlichen Bereich. Damit korrespondiert eine fast inflationäre und ubiquitäre Verwendung des Wortes Risiko im gegenwärtigen Sprachgebrauch und Schrifttum, sowohl eigenständig als auch in Zusammensetzungen als Grund oder Bestimmungswort.“ (BANSE, 1996, S. 19)

Eine extensive Begriffsdiskussion soll jedoch an dieser Stelle nicht stattfinden, da dies aufgrund der vorliegenden Thematik im Hinblick auf die Kommunikation von Risiko unter Einbeziehung von Urteilsheuristiken zwar eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielt, jedoch nicht im Vordergrund steht. Grundsätzlich existiert kein objektives oder kontextfreies Risikokonzept. Es gibt keine Risikodefinition, die als universell akzeptiert angesehen werden kann und/oder sich grundlegend von einem, auf dem gesunden Menschenverstand basierenden Alltagskonzept unterscheidet (vgl. Luhmann, 1991).

„Wahrnehmung, Identifizierung, Beschreibung, Analyse, Kommunikation, Abschätzung, Bewertung, Akzeptanz, Assessment und Management von Risiken, aber auch (Un-)Sicherheit, (Un-)Gewissheit und (Un-)Bestimmtheit, Wahrscheinlichkeit und Häufigkeit sowie Konstrukt und Kommunikation sind zwar in der Risikoforschung unumgängliche Sprachschöpfungen oder Wortwendungen, die jedoch eine große begriffliche Unschärfe bzw. Variabilität aufweisen.“ (BANSE, 1996, S. 43)

Dieser heterogene Charakter, des, aus der verfügbaren Literatur entnehmbaren Risiko-Begriffs, ist regelmäßig Anlass für Divergenzen (vgl. JUNGERMANN, 1990). Diese sind es auch, die die vorliegende Diskussion prägen, in der der prädominante, quantifizierbare und analytische Risikobegriff (oftmals vertreten durch Experten) dem eher qualitativ intuitiven Verständnis von Risiko der Laien gegenübergestellt wird. Jedoch sind derartige Unterschiede im Risiko-Verständnis nicht nur charakteristisch zwischen Laien und Experten. Auch in der Gemeinschaft der Experten gibt es erheblichen Dissens in der Konzeptualisierung von Risiko, sowohl innerhalb als auch und erst recht zwischen den einzelnen Disziplinen (ebenda, S. 322).

Die Art und Weise, wie Informationen hinsichtlich Gefahren dargestellt werden, beeinflusst aber auch maßgeblich die Art deren Wahrnehmung. Deshalb kommt der Frage der Kommunikation und Informierung der Beteiligten über Ausmaß oder Stärke eines Risikos ein hoher Stellenwert zu (vgl. FISCHHOFF, 1995). Vielen der vorliegenden Risiken haftet eine geringe Wahrscheinlichkeit und große Hypothetizität, aber breites Interesse an, weswegen die Kommunikation derartiger Risiken eine besondere Herausforderung darstellt.

Die psychologische Entscheidungsfindung hat sich zu Beginn primär am Konzept der subjektiven Wahrscheinlichkeit orientiert. Es wurden numerische Wahrscheinlichkeitsurteile empirisch erhoben, und es wurde geprüft, ob bzw. inwieweit diese Urteile den Axiomen der Wahrscheinlichkeitstheorie bzw. daraus abgeleiteten Theoremen wie dem Bayes-Theorem genügten. Die empirischen Befunde führten zu einer Differenzierung zwischen regel-bestimmten und intuitiven Wahrscheinlichkeitsurteilen (Jungermann, Pfister & Fischer, 1998, S. 169f).[3]

Besonderes Interesse gilt im Rahmen dieser Arbeit der Kategorie der intuitiven Wahrscheinlichkeitsurteile. Leicht zu verarbeitende Informationen, die in befriedigendem Maß mit der Urteilsdimension in Zusammenhang stehen, nennt man heuristische Hinweisreize, sogenannte cues. D.h., um einen Urteilsgegenstand zu erreichen, können unterschiedliche Urteilsstrategien angewandt werden. Beispielsweise könnte bei der Suche nach einem geeigneten Hotel in einer fremden Stadt entweder in allen verfügbaren Hotels genächtigt werden, um daraus den Favoriten zu küren oder aber auch, und das schneller und praktikabler, ein Hotelführer oder Online-Empfehlungen zu Rate gezogen werden. Die erste Variante wird zwar mit großer Wahrscheinlichkeit zum gewünschten Ergebnis führen, dafür aber viel Zeit, Geld und Energie in Anspruch nehmen. Die andere Variante hingegen führt zu einem minder zuverlässigen Resultat, verwendet aber leicht zu erhaltende und verarbeitende Informationen. Wissen um den Zusammenhang zwischen heuristischem Hinweisreiz und Urteilsdimension, bezeichnet man als Urteilsheuristiken. Urteils-heuristiken sind salopp formuliert einfache „Faustregeln“, die auf leicht zu erhaltende Informationen (im obigen Beispiel Hotelführer) angewendet werden und unter geringem Verarbeitungsaufwand ein hinreichend genaues Urteil (Geeignetheit der Unterbringung) erlauben. Demzufolge stimmen heuristische Urteile zwar häufig mit Urteilen überein, die auf der Grundlage aufwändigerer, regel-bestimmter Verarbeitungsprozesse gefällt wurden. Da der Zusammenhang zwischen Hinweisreiz und der tatsächlichen Ausprägung des Urteilsgegenstands aber grundsätzlich nicht perfekt ist, kommt es unter bestimmten Bedingungen zu systematischen Urteilsverzerrungen, zu biases. Der Gebrauch von Urteilsheuristiken wird deshalb in vielen Fällen erst am „Fehlurteil“ deutlich.

Anfänglich wurde der Mensch oftmals als „kognitiver Geizhals“ angesehen, der derartige Urteilsheuristiken relativ rigide und nahezu automatisch, situations- bzw. zielunabhängig einsetzt. Diesem Menschenbild wird das Bild eines „Managers“ oder „motivierten Taktikers“ gegenübergestellt, der unterschiedlichste Ziele mit begrenzten zeitlichen und kognitiven Ressourcen verfolgt und situativ koordiniert (vgl. STRACK & DEUTSCH, 2002).

Zwei solcher Konzepte, die Verfügbarkeits- und die Affekt-Heuristik, werden in weiterer Folge in Anlehnung an deren Grundüberlegungen zuerst einzeln und dann vergleichend dargestellt (vgl. Tversky & Kahneman, 1973; Schwarz & Vaughn, 2002; Finucane et al, 2000; Slovic et al, 2002), um dann die daraus gewonnenen Erkenntnisse auf gelingende Risiko-Kommunikation umzulegen.

2. Verfügbarkeits-Heuristik

Die Verfügbarkeits-Heurisik ist die Umkehrung einer fundamentalen Erkenntnis der Gedächtnispsychologie über den Zusammenhang zwischen der Darbietungshäufigkeit eines Assoziationspaares und der Erinnerungsleistung. Die Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens zweier Reize, trägt dazu bei, dass einer der Reize bei der Darbietung des anderen leichter aus dem Gedächtnis abgerufen werden kann. Dieses allgemeine Gedächtnisprinzip wird in umgekehrter Form als Grundlage für Häufigkeits- und Wahrscheinlichkeitsurteile verwendet: Je leichter ein oder ein ähnliches Ereignis aus dem Gedächtnis abgerufen werden kann, d.h. je – kognitiv - verfügbarer dieses Ereignis ist, desto höher wird die Häufigkeit oder Wahrscheinlichkeit des betreffenden Ereignisses eingeschätzt (vgl. TVERSKY & KAHNEMAN, 1973).[4]

„A person is said to employ the availability heuristic whenever he estimates frequency or probability by the ease with which instances or associations could be brought to mind.” (TVERSKY & KAHNEMAN, 1973, S. 164)

Insbesondere in Situationen der Unsicherheit, einem anhaftenden Merkmal von Risiken, werden in der Regel heuristische (anstelle von algorithmischen) Strategien, hinsichtlich Wahrscheinlichkeitsab- bzw. –einschätzungen und Risiko-Beurteilungen angewandt.

„The impossibility of having complete, reliable, predictive information about people and social interactions suggests that people adopt heuristics that enable them to make inferences and predictions from what scanty and unreliable data are available.” (TAYLOR, 1982, S. 190)

Die subjektive Wahrscheinlichkeit für ein Ereignis ist umso größer, je leichter oder schneller man in der Lage ist, sich Beispiele für das Ereignis vorzustellen oder in Erinnerung zu rufen. Mehr noch, im Laufe unseres Lebens lernen wir, dass wahrscheinliche Ereignisse leichter als unwahrscheinliche erinnerbar sind oder aber auch, dass Zusammenhänge zwischen Ereignissen verstärkt wahrgenommen werden, je öfter diese gemeinsam auftreten.

“As a result, man has at his disposal a procedure (the availability heuristic) for estimating the numerosity of a class, the likelihood of an event, or the frequency of co-occurrences, by the ease with which the relevant mental operations of retrieval, construction, or association can be performed.” (TVERSKY & KAHNEMAN, 1974, S. 14)

TVERSKY und KAHNEMAN (1974) vermuten, dass diese Heuristik bei der Beantwortung folgender Fragetypen benutzt wird:

- Wie viele Exemplare x vom Typ Y gibt es? und

- Wie häufig ist das Ereignis x (unter der Bedingung Y)?

Die Anwendung der Verfügbarkeits-Heuristik ist im Allgemeinen sehr effizient bzw. ermöglicht im Alltag oft zuverlässige Beurteilungen, denn Ereignisse, an die man sich leicht erinnert, kommen normalerweise auch tatsächlich häufig vor. Jedoch kann die oftmals unbewusste Anwendung dieser Heuristik unter bestimmten Bedingungen, sowohl kognitiver als auch nicht-kognitiver Art, systematisch zu Urteilsverzerrungen führen (Jungermann, Pfister & Fischer, 1998, S. 173). Derartige Bedingungen sind z.B. Beeinflussungen durch die Lebhaftigkeit der Darstellung, die Präsenz eines Ereignisses oder durch Ereignisverknüpfungen an sich; z.B. durch die mediale Repräsentation spektakulärer Unfallsereignisse, wodurch Tendenzen der Überbewertung hervorgerufen werden. Unterschätzt werden hingegen alltägliche Todesursachen, die weniger mediale Präsenz aufweisen (vgl. SLOVIC, FISCHHOFF & LICHTENSTEIN, 1980). Die durch derartige Informationsquellen hervorgerufene selektive Wahrnehmung kann dann falsche Wahrscheinlichkeitsabschätzungen hervorrufen.[5]

“For example, one may assess the risk of heart attack among middle-aged people by recalling such occurrences among one’s acquaintances. Similarly, one may evaluate the probability that a given business venture will fail by imagining various difficulties it could encounter. (…) Availability is a useful clue for assessing frequency or probability, because instances of large classes are usually reached better and faster than instances of less frequent classes. However, availability is affected by factors other than frequency and probability. Consequently, the reliance on availability leads to predictable biases (…).” (TVERSKY & KAHNEMAN, 1974, S. 11).

Derartige Fehlwahrnehmungen/Fehlurteile sind z.B. die Beeinflussung durch die Lebhaftigkeit der Darstellung, durch die Präsenz der Ereignisse oder durch Ereignisverknüpfungen bzw. der Tendenz zur illusionären Korrelation (JUNGERMANN, PFISTER & FISCHER, 2005, S. 173f).[6] Beispielsweise wurden bei der Befragung von Personen im Hinblick auf die Häufigkeit von Todesursachen und dem anschließenden Vergleich mit der tatsächlichen Zahl, zusammenfassend betrachtet, seltene(re) Todesursachen über- und verbreitete Todesursachen unterschätzt (Beeinflussung durch die Präsenz der Ereignisse). Die Überschätzung kann u.a. darauf zurückgeführt werden, dass Medien häufiger über außergewöhnliche Todesursachen (z.B. durch Naturkatastrophen), als über verbreitete (z.B. Diabetes) berichten (vgl. SLOVIC, FISCHHOFF & LICHTENSTEIN, 1980).

Ansätze wie z.B. der versicherungstechnische Ansatz, beruhen alle auf der möglichst genauen Erfassung der beiden zentralen Komponenten eines Risikos: Ausmaß des möglichen Schadens, sowie die Wahrscheinlichkeitsabschätzung für dessen Eintreffen.[7] Im Rahmen des psychometrischen Paradigmas wird Risiko hingegen als multidimensionales Konstrukt aufgefasst, für dessen Beurteilung nicht alleinig die Wahrscheinlichkeit des möglichen Schadens, sondern vor allem andere Dimensionen von Bedeutung sind, die den Schaden, die Risikoquelle oder die Situationen der Betroffenen näher charakterisieren (vgl. SLOVIC, FISCHHOFF & LICHTENSTEIN, 1980, SLOVIC, 1987, JUNGERMANN & SLOVIC, 1993). Ziel dieses Ansatzes ist die quantitative Beschreibung der kognitiven und evaluativen Struktur von Risiko und ihren Determinanten.

Typischerweise beurteilen Personen in Studien des psychometrischen Paradigmas zahlreiche Risikoquellen, d.h. Situationen oder Technologien, in Bezug auf ihre Riskantheit. Darüber hinaus werden diese Risikoquellen auch noch auf verschiedenen qualitativen Dimensionen beurteilt, von denn man annimmt, dass sie für die Beurteilung von Risiken von Bedeutung sind. Dies sind dann auch jene qualitative Faktoren, die es zu berücksichtigen gilt, um Wahrnehmungsprozesse zu verstehen und die daraus gewonnen Erkenntnisse im Rahmen der Risiko-Kommunikation anzuwenden (vgl. u.a. CARIUS & RENN, 2003). Bezogen auf die Risikosituation oder anders ausgedrückt, als Funktion der Situationsgenese sind dies Freiwilligkeit, persönliches Kontrollvermögen und Vertrauen ins zuständige Risikomanagement. Auf Seite der Risikoquelle werden unter anderem die Gewöhnung an die Risikoquelle, die Schrecklichkeit der mit dem Risiko einhergehenden Folgen und/oder die sinnliche Wahrnehmbarkeit angeführt (vgl. SLOVIC, FISCHHOFF & LICHTENSTEIN, 1980, JUNGERMANN & WIEDEMANN, 1990). Bei Betrachtung von natürlichen Risiken, wie Erdbeben, Überflutungen, etc. werden - im Hinblick auf diese Faktoren - diese im Gegensatz zu zivilisatorischen Risiken als unfreiwillig, unkontrollierbar und nicht gesellschaftlich attribuierbar, und damit mehr oder weniger unvermeidbar erlebt.

Die Quantifizierung von Risiken, wie es z.B. beim bereits genannten versicherungstechnischen Ansatz oder bei Risiko-Vergleichen im Allgemeinen (vgl. JUNGERMANN, 1990, SCHÜTZ et al, 2004) gang und gäbe ist, ist deshalb zwangsläufig interpretationsbedürftig. Insbesondere in Fällen, in denen Risiken besonders wertbeladen sind, wie etwa die Nutzung von Stammzellen zu Forschungszwecken, tritt zu der Unsicherheit noch ein hohes Maß an Ambivalenz der Bewertung von Risikofolgen und somit erhöhtes Konfliktpotential hinzu (vgl. u.a. die Ausführungen bei CARIUS & RENN, 2003).

Ein interessanter Risiko-Typ findet sich bei Diskussionen im Hinblick auf neue Technologien, wie z.B. jene hinsichtlich gentechnisch modifizierter Nahrungs-/Lebensmittel, der Kernenergie oder auch der Nano-Technologie, die zu einem gewissen Ausmaß im Bereich der „hypothetischen“ Risiken anzusiedeln sind. Damit untrennbar verbunden und im Hinblick auf „hypothetische“ Risiken integraler Bestandteil sind Unsicherheiten. Als hypothetische Risiken werden hierbei möglicherweise bestehende, aber nicht konkret nachgewiesene Gefahren verstanden, für die es weder empirische Evidenz noch den Nachweis eines möglichen Kausalmechanismus gibt (JUNGERMANN, 1990, S. 313). Hier geht es also um die „Hypothetizität“ von Risiken die mit der Unkenntnis verbunden sind, ob es die Möglichkeit des Eintritts des Schadensereignisses nicht eventuell doch gibt. Und diese Möglichkeit gilt es auch entsprechend im kommunikativen Prozess unter den Beteiligten, d.h. zwischen Entscheider und Betroffenen, (partizipativ) aufzuarbeiten. Die Haltung solchen ungewissen und undeutlichen Risiken gegenüber ist vor allem durch Ambiguität gekennzeichnet.

„(…) dieses Nicht-Wissen wird als besonders bedrohlich erlebt. Ambiguität fühlen wir vor allem gegenüber neuen, unbekannten, unvertrauten Technologien. Demgegenüber hat ältere, bekannte und vertraute Technik für viele einen „background of safety“, d.h. man weiß, was man riskiert, aber man weiß auch, dass ein Unfall sich in Grenzen halten wird.“ (JUNGERMANN & WIEDEMANN, 1990, S. 17)

Die Wahrnehmung derartiger Risiko-Typen kann daher nicht lediglich auf deren Verfügbarkeit beruhen, da diese z.B. vielfach maßgeblich bzw. ausschließlich durch mediale Präsenz ge- bzw. „verformt“ wird. Hier findet sich vielmehr eine affektive Kopplung im Hinblick auf den Wahrnehmungs- und Bewertungsprozess. Man denke dabei z.B. nur an die unzähligen Berichterstattungen im Zusammenhang mit der Nutzung atomarer Energie und den dadurch hervorgerufenen hitzigen Debatten an wöchentlichen Stammtischen. Diese Kopplung wird auch im Zuge der Ambiguitäts-Diskussion bei JUNGERMANN und WIEDEMANN (1990) durch das Wort „fühlen“ zum Ausdruck gebracht.

Bereits ZAJONC (1980) hat vor einer Überschätzung der kognitiven Perspektive gewarnt und aufgezeigt, dass das emotionale Geschehen vielfach das Primäre sei, auf das sich Kognitionen lediglich auflagern. Diese Argumentationslinie ist somit konträr zu kognitiven Theorien der Gefühle, die oft den Eindruck wecken, dass das eigentlich Verhaltensbestimmende letztendlich die Kognitionen selbst seien, in die sich Gefühle gewissermaßen einkleiden. Dies ist schon deshalb von Bedeutung, weil emotionale Befindlichkeiten die Art und den Umfang kognitiver Vorgänge beeinflussen können: Sie bestimmen in erheblichem Maße die Aufnahme, Verarbeitung und Speicherung von Informationen (vgl. ZAJONC, 1980, FISCHER & WISWEDE, 2002).

Besonders lebhafte oder erst kurz zurückliegende Ereignisse werden besser erinnert, als wenig lebhafte oder lang zurückliegende Ereignisse. Auch Merkmale unseres Gedächtnisses können dazu führen, dass bestimmte Informationen besser erinnert werden als andere, obwohl keine Unterschiede in der Häufigkeit des Erlebens vorlagen. SLOVIC et al (2004) wiesen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Verfügbarkeits-Heuristik durch affektgeladene Erinnerungen beeinflusst werde, wodurch eine enge Interdependenz zwischen Affekt und Verfügbarkeit hervorgerufen wird bzw. Affekt als grundlegend für die Anwendung der Verfügbarkeits-Heuristik anzusehen ist.

[...]


[1] Neuere Auffassungen interpretieren Affekt auch als einen Sammelbegriff für Konstrukte, die mit einem veränderten subjektiven Befinden und/oder mit körperlichen Veränderungen einhergehen (z.B. Emotion, Stimmung). Außerdem wird in Anlehnung an die Originalliteratur, der Terminus Affekt (affect) beibehalten und synonym mit Emotion verwendet. Dies mag für manchen Leser unbefriedigend erscheinen, nichts desto trotz und insbesondere, um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, wird auf eine ausführliche Diskussion verzichtet (vgl. FRÖHLICH, 2000, S. 43 bzw. 148ff, SLOVIC et al, 2002, 2004).

[2] Fröhlich, W. (2000): Wörterbuch Psychologie., 23. Aufl. München, S. 380

[3] Eine ähnliche Differenzierung findet sich im sogenannten Erfahrungs- und im analytischen System, die in weiterer Folge näher ausgeführt werden (vgl. u.a. SLOVIC et al, 2002, 2004).

[4] Hierbei sei auf die Unterscheidung der theoretischen Konstrukte Verfügbarkeit (availability) und Zugänglichkeit (accessability), sowie die in diesem Zusammenhang stattfindenden Diskussionen hingewiesen. Ungeachtet präziser Definition werden diese beiden Konstrukte oft synonym verwendet. Verfügbarkeit bezieht sich dabei auf die Frage, ob ein bestimmter Wissensinhalt im Gedächtnis gespeichert ist oder nicht. Zugänglichkeit hingegen auf den Grad der Möglichkeit, einen gespeicherten Wissensinhalt tatsächlich zu aktivieren (Aktivationspotential). Eine derartige Begriffs-Differenzierung macht deutlich, dass die Verfügbarkeits-Heuristik sich im Grunde auf die Zugänglichkeit von Wissen bezieht, nicht auf die Verfügbarkeit an sich (vgl. HIGGINS, 1996).

[5] Neuere Forschung (vgl. z.B. POHL. 2005) beurteilt die vorliegenden Untersuchungsergebnisse kritisch und weist darauf hin, dass diese Erklärungen zuweilen zu kurz greifen.

[6] Vgl. auch im Original TVERSKY & KAHNEMAN (1974, S. 11ff), sowie weiterführende Untersuchungen wie z.B. im Hinblick auf egozentrisch verursachte Fehleinschätzungen (egocentric biases) bei ROSS & SICOLY (1979, S. 179 – 189)

[7] Als versicherungstechnische Grundformel sei hier die Mathematisierung von Risiko über den Erwartungswert R als Produkt einer quantitativen Angabe, die ein mögliches Ereignis und seine Folgen betrifft (Schadensumfang, -ausmaß bzw. -höhe S), und einer quantitativen Angabe über die Wahrscheinlichkeit, mit der dieses Ereignis bzw. seine Folgen eintreten (Eintrittshäufigkeit bzw. –wahrscheinlichkeit H), zu verstehen: R = S x H.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Das Zusammenspiel von Affekt- und Verfügbarkeitsheuristik und ihr Einfluss auf eine erfolgreiche Risiko-Kommunikation
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Social Behavioral Sciences)
Note
1.0
Autor
Jahr
2007
Seiten
35
Katalognummer
V372247
ISBN (eBook)
9783668504646
ISBN (Buch)
9783668504653
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verfügbarkeits-Heuristik, Affekt-Heuristik, Risiko-Wahrnehmung, Risiko-Kommunikation
Arbeit zitieren
Gerald Ulmer (Autor), 2007, Das Zusammenspiel von Affekt- und Verfügbarkeitsheuristik und ihr Einfluss auf eine erfolgreiche Risiko-Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372247

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Zusammenspiel von Affekt- und Verfügbarkeitsheuristik und ihr Einfluss auf eine erfolgreiche Risiko-Kommunikation



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden