Der innere Monolog als Konzept der Selbstentlarvung am Beispiel von Arthur Schnitzlers "Lieutnant Gustl"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1.) Einleitung
1.1) Wiener Moderne: Die Wendung nach Innen und der innere Monolog

2.) Darstellung der Erzählinstanz

3.) Dauer
3.1) Zeitgefühl als Indikator des Gefühlszustands

4.) Ordnung und Frequenz

5.) Fokalisierung
5.1) Die Persönlichkeit des Lieutenants
5.2) Selbstentlarvung

6.) Fazit

Quellenverzeichnis

1.) Einleitung

Arthur Schnitzlers Lieutenant Gustl erzählt die Geschichte eines niederen Offiziers, dernach einem Konzertbesuch von einem nicht sanktionsfähigen Bäckermeister beleidigtund somit in seiner Ehre verletzt wird. Statt den Bäckermeister augenblicklich zu töten,wie es der militärische Ehrenkodex der kaiserlichen und königlichen (kurz: k.u.k.) Armeein Wien um 1900 fordern würde, lässt Lieutenant Gustl den Bäckermeister gehen, ohneseine Ehre wiederhergestellt zu haben. Es folgt ein Spaziergang durch das nächtlicheWien, bei dem der Rezipient Gustls Gedanken rund um das Erlebte verfolgen kann.Immer wieder kommt Gustl zu dem Entschluss, dass der einzig ehrbare Weg, den er nunnoch einschlagen kann, der des Suizids ist. Gustl kurz nach dem Vorfall und beteuertimmer wieder, dass er schon allein seiner Selbstachtung wegen mit diesem Ehrverlustnicht leben kann, sucht aber gleichzeitig ständig nach Wegen, dem Freitod doch zuentgehen. Die gesamte Novelle ist fast ausschließlich als innerer Monolog desProtagonisten aufgebaut. Dem Lieutenant, so scheint es bei der Betrachtung seinerGedanken, bedeutet der militärische Ehrenkodex offenbar noch nicht so viel, wie erbehauptet. Zwar lässt die Betrachtung seiner Gedanken diesen Schluss zu, er selbstjedoch, wo er doch derjenige ist, dessen Gedanken es sind, scheint dies nicht zubemerken. Die vorliegende Hausarbeit untersucht die Frage, durch welche narrativenMittel und Besonderheiten der innere Monolog diese scheinbar verdeckteSelbstentlarvung möglich macht.

1.1) Wiener Moderne: Die Wendung nach Innen und der innere Monolog

Lieutenant Gustl erschien erstmals im Jahr 1900 als Weihnachtsbeigabe der Wiener Neuen Freien Presse. Das Wien um die Jahrhundertwende war gekennzeichnet durch dieWendung nach Innen. Die Vertreter der Wiener Moderne stellten die Vorstellung inFrage, dass die Gesellschaft auf dem rationalen Verhalten rational denkender Menschenaufbaue und stellten die These auf, dass die Handlungen eines Einzelnen vonunbewussten mentalen Prozessen und Konflikten geprägt seien. Charakteristisch für dasWien um 1900 war ein großes wissenschaftliches Interesse an Gedanken und Gefühlen.

Obgleich dieses Nachdenken über unbewusste mentale Prozesse Philosophen bereits seit Jahrhunderten beschäftigte, nahmen die Wiener Intellektuellen wie Freud, Klimt,Kokoschka oder Schnitzler eine Sonderstellung ein; sie „erweiterten […] die Ideen ihrerVorgänger über unbewusste Triebe und stellten sie in einem überzeugenden, modernenLicht dar“1. Äußere Handlungsverläufe rückten im Zuge dieses zunehmenden Interessesam Inneren in den Hintergrund und wurden anderem durch die Fokussierung auf dieEigentümlichkeit von Gedanken und Gefühlen abgelöst, mit dem Leitgedanken, dass wirnur dann zur Wirklichkeit gelangen, wenn wir unter das oberflächliche Äußere schauen.2 Seine Ideen in eine „verblüffend moderne, kohärente und dramatische Sprache zu kleidenund der Öffentlichkeit auf diesem Wege eine neue Sicht auf den menschlichen […] Geistnahezubringen“3 versuchte Arthur Schnitzler durch die Darstellung unbewusster mentalerProzesse in seinen literarischen Werken, unter anderem in Lieutenant Gustl. AlsErzähltechnik wendet Schnitzler fast ausschließlich den inneren Monolog an, eineTechnik, die erst in dieser Zeit um 1900 aufkam und somit als äußerst moderneErzähltechnik gesehen werden kann.4 In dem inneren Monolog wird die Geschichte „[…]nicht mehr als vom Erzähler berichtet dargeboten, sondern gänzlich aus derInnenperspektive der Figur präsentiert“5. Hierbei können konkrete Gedanken,Bewusstseinsinhalte und freie Assoziationen scheinbar unmittelbar präsentiert werden.Hierdurch ergibt sich die Möglichkeit, „den Lesern […] einen direkten Einblick in diePsyche seiner Figuren - in ihre unzensierten Impulse, Hoffnungen, Wünsche, Ideen,Eindrücke und Wahrnehmungen“6 aufzubereiten.

2.) Darstellung der Erzählinstanz

Im Falle von Lieutenant Gustl wird die Geschichte also vollständig aus derInnenperspektive des Protagonisten aufbereitet. Dies kann zunächst den Anscheinerwecken, dass die Geschichte sich scheinbar selbst und ungefiltert erzählt. Eine vermittelnde Erzählinstanz ist jedoch „in Erzähltexten […] immer vorhanden; lediglich die Art seiner Darstellung kann unterschiedlich gestaltet sein.“7. Je mehr dieseErzählinstanz in den Hintergrund tritt, desto mehr kann der Erzähltext wirken, als kämeer scheinbar ohne Erzähler aus. Auch bei Lieutenant Gustl ist die Erzählinstanzverborgen, aber vorhanden. Sie tritt zu keinem Zeitpunkt direkt in den Vordergrund, dieVermittlungsfunktion, die sie erfüllt, ist somit kaum spürbar. Letztendlich jedoch ist esdiese zunächst scheinbar fehlende Erzählinstanz, die es uns überhaupt erst ermöglicht,Gustls Gedankenstrom wahrzunehmen und nachvollziehen zu können. Diese Instanz ist,folglich der Prämisse der Nichtidentität von Autor und Erzähler, eben nicht der Autor,sondern vielmehr „dieses Neutrum, […] das jede Identität, angefangen bei der desschreibenden Körpers, verlorengehen lässt“8. Sie beziehungsweise dieses Es ist es, dasuns nach und nach alle nötigen Informationen liefert, die zum Verständnis der Geschichtenotwendig sind. Diese Informationen werden zwar durch Gustl selbst gegeben, jedochkeines Falls so ungefiltert oder willkürlich, wie es die Erzählform zu suggerieren scheint.Dieser Illusion wird vielmehr erzielt durch präzise gewählte narrative Werkzeuge, dieverschiedene Effekte bewirken können.

3.) Dauer

Narrative Texte beinhalten eine doppelte Zeitlichkeit. Zum einen die erzählte Zeit, diejenen Zeitraum beschreibt, der in der Geschichte tatsächlich beansprucht wird (Histoire),zum anderen die Erzählzeit, die die Erzählung beansprucht, um die Geschichte zuerzählen (Discours).9 Durch die Illusion der ungefilterten und augenblicklichen Teilhabean Gustls (kompletten) Gedanken, kann zunächst der Eindruck entstehen, dass beideZeitebenen gleichzeitig bedient werden und somit zeitdeckendes Erzählen vorliegt. DieErzählzeit scheint mit der erzählten Zeit synchron, stimmt also übereinstimmend.Gleichzeitig jedoch scheint eine Zeitraffung, also eine längere erzählte Zeit vorzuliegen,als Erzählzeit beansprucht wird. Die Geschichte, die in Lieutenant Gustl erzählt wird, findet in einer Nacht, genauer in der Zeit von 21:45 Uhr bis etwa 6:00 Uhr am Folgetag statt.10 Bereits im ersten Satz wird mitgeteilt: „Wie lang wird denn das noch dauern? Ichmuß auf die Uhr schauen. […] Erst Viertel auf Zehn ist’s….“11. Als Gustl nach demZusammenstoß mit dem Bäckermeister auf die Straße läuft, gibt er erneut eineZeitangabe: „Wie viel schlagt’s denn ? … 1,2,3,4,56,7,8,9,10,11 … elf, elf …“12. In derHistoire wird also ein Zeitraum von einer Stunde und 15 Minuten dargestellt. Auf derDiskursebene jedoch erfährt der Leser während dieser Zeit lediglich Gustls Gedanken,teilweise zu dem, was er scheinbar gerade erlebt („Ah, ein Solo ! Wer ist das ? Alt :Fräulein Walker ; Sopran : Fräulein Michalek …“13 ) und teilweise zu anderen Dingen(„Und dann hat sie mir einmal eine Ansichtskarte aus Belgrad geschickt. Auch eineschöne Gegend !“14 ). Geht man davon aus, dass Gustls sämtliche Gedanken während derZeit zwischen 21:45 Uhr und 23:00 Uhr (und im Hinblick auf das gesamte Werk auchwährend des Zeitraums zwischen 21.45 Uhr und 6:00 Uhr am nächsten Morgen)aufgezeichnet und unbearbeitet wiedergegeben werden, so müsste folglich der Annahme,dass ein lebender Mensch niemals aufhört unbewusst zu denken und der vom Textsuggerierten Annahme, dass dieser Prozess tatsächlich auch genau so präsentiert wird,der Zeitraum, den die Geschichte auf der Discours-Ebene braucht, um das in der Histoiregeschehene zu berichten, ebenfalls eine Stunde und 15 Minuten beinhaltet. Trotz der (ausder subjektiven Leserkompetenz resultierenden) Vagheit, diese Erzählzeit an der Zeit zumessen, die die Lektüre des Textes einfordert und trotz der Ungenauigkeit, die sich dabeiergibt, die Erzählzeit am (räumlichen) Faktor der Seitenzahlen zu messen15, kann imvorliegenden Beispiel die Aussage gemacht werden, dass keine grundsätzliche Isochronievorliegt. Der beschriebene Zeitraum erstreckt sich in einer Reclam Ausgabe auf denSeiten sieben bis neunzehn, in einer historisch kritischen Ausgabe mit editorischenNotizen auf den Seiten 513 bis 526. Hier zeigt sich die zuvor angeführte Ungenauigkeit,die durch unterschiedliche Formate unterschiedlicher Ausgaben entstehen kann, dennoch lässt sich sagen, dass ein durchschnittlicher Leser nicht über eine Stunde Zeit benötigt, um 12 beziehungsweise 13 Seiten zu lesen und dass sich die gesamten Gedanken vonmehr als einer Stunde nicht auf dieser Anzahl von Seiten festhalten lässt. Dies lässt sichebenfalls auf das gesamte Werk übertragen. Zeitdeckende Abschnitte sind jedochebenfalls immer wieder zu finden: „Was guckt mich denn der Kerl dort immer an ? Mirscheint, der merkt, daß ich mich langweil’ und nicht herg’hör…. Ich möcht’ Ihnen rathen,ein etwas weniger freches Gesicht zu machen, sonst stell’ ich Sie mir nachher im Foyer !

- Schaut schon weg !“16. Die Gedanken, die Gustl auf Grund seines derzeitigen Umfeldsereilen, können als zeitdeckend angesehen werden, weil sie scheinbar genau in demMoment aufkommen und so lange andauern, wie auch der Rezipient benötigt, um sieaufzunehmen. Die Darstellung seiner Gedanken wird durch das kontinuierlicheWechselspiel von Angaben und Momentaufnahmen zu seinem derzeitigen physischenUmfeld und abrupten Assoziationen, Empfindungen und Erinnerungen die Gustl ereilen,authentisch und plausibel.

3.1) Zeitgefühl als Indikator des Gefühlszustands

Die Zeitchronologie in Lieutenant Gustl kann vom Leser sehr genau im Blick behaltenwerden. Es beginnt „Viertel auf Zehn“17, schlägt elf, als er nach dem Konzert auf dieStraße geht18 und eine Stunde später, als er sich zur Pause auf eine Bank gesetzt hat19.Wenig später schläft Gustl auf eben jener Bank ein, was durch eine Ellipse angezeigtwird. Nachdem er wieder aufwacht, ist es drei Uhr morgens20, eine Bahnhofsuhr, an derGustl später vorbeiläuft, zeigt halb 421, später bei seinem Ziel, dem Kaffeehausangekommen, ist es „halb - dreiviertel“22 sechs. Der Leser bekommt also in regelmäßigenAbständen präzise Zeitangaben, an denen er sich orientieren kann.

[...]


1 Kandel, Eric: Das Zeitalter der Erkenntnis. Die Forschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis heute. München 2012. S.35.

2 Vgl.: Kandel, Eric: Das Zeitalter der Erkenntnis. München 2012. S.33ff.

3 Kandel, Eric: Das Zeitalter der Erkenntnis. München 2012. S.35.

4 Vgl.: Lahn, Silke und Christoph Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. Stuttgart 2008. S.128.

5 Lahn, Silke und Christoph Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. Stuttgart 2008. S. 128.

6 Kandel, Eric: Das Zeitalter der Erkenntnis. München 2012. S.106.

7 Vgl.: Lahn, Silke und an Christoph Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. Stuttgart 2008. S. 63.

8 Barthes, Roland: Der Tod des Autors. In: Ders.: Das Rauschen der Sprache. Kritische Essays IV. Frankfurt am Main 2012. S. 57 - 63. Hier: S. 57.

9 Vgl.: Lahn, Silke und Christoph Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. Stuttgart 2008. S.136.

10 Vgl.: Schnitzler, Arthur: Lieutenant Gustl[1900]. In: Ders.: Historisch-kritische Ausgabe. Hg. v. Konstanze Fliedl. Berlin 2011. S. 513 und S. 548

11 Schnitzler, Arthur: Lieutenant Gustl [1900]. In: Ders.: Historisch-kritische Ausgabe. Hg. v. Konstanze Fliedl. Berlin 2011. S. 513.

12 Schnitzler, Arthur: Lieutenant Gustl [1900]. In: Ders.: Historisch-kritische Ausgabe. Hg. v. Konstanze Fliedl. Berlin 2011. S. 526.

13 Schnitzler, Arthur: Lieutenant Gustl [1900]. In: Ders.: Historisch-kritische Ausgabe. Hg. v. Konstanze Fliedl. Berlin 2011. S. 526.

14 Schnitzler, Arthur: Lieutenant Gustl [1900]. In: Ders.: Historisch-kritische Ausgabe. Hg. v. Konstanze Fliedl. Berlin 2011. S. 514.

15 Vgl.: Lahn, Silke und Christoph Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. Stuttgart 2008. S. 144.

16 Schnitzler, Arthur: Lieutenant Gustl[1900]. In: Ders.: Historisch-kritische Ausgabe. Hg. v. Konstanze Fliedl. Berlin 2011. S. 514f.

17 Schnitzler, Arthur: Lieutenant Gustl[1900]. In: Ders.: Historisch-kritische Ausgabe. Hg. v. Konstanze Fliedl. Berlin 2011. S. 513.

18 Vgl.: Schnitzler, Arthur: Lieutenant Gustl[1900]. In: Ders.: Historisch-kritische Ausgabe. Hg. v. Konstanze Fliedl. Berlin 2011. S. 526.

19 Vgl.:Schnitzler, Arthur: Lieutenant Gustl[1900]. In: Ders.: Historisch-kritische Ausgabe. Hg. v. Konstanze Fliedl. Berlin 2011. S. 536.

20 Vgl.: Schnitzler, Arthur: Lieutenant Gustl[1900]. In: Ders.: Historisch-kritische Ausgabe. Hg. v. Konstanze Fliedl. Berlin 2011. S. 538.

21 Vgl.: Schnitzler, Arthur: Lieutenant Gustl[1900]. In: Ders.: Historisch-kritische Ausgabe. Hg. v. Konstanze Fliedl. Berlin 2011. S. 541.

22 Schnitzler, Arthur: Lieutenant Gustl[1900]. In: Ders.: Historisch-kritische Ausgabe. Hg. v. Konstanze Fliedl. Berlin 2011. S. 548.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der innere Monolog als Konzept der Selbstentlarvung am Beispiel von Arthur Schnitzlers "Lieutnant Gustl"
Hochschule
Universität Hamburg  (Sprache, Literatur und Medien)
Veranstaltung
Arthur Schnitzler intermedial. Exemplarische Einblicke in die Erzähltextanalyse, Dramen-, Film- und Theaternarratologie
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V372280
ISBN (eBook)
9783668510180
ISBN (Buch)
9783668510197
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literatur, Arthur Schnitzler Innerer Monolog
Arbeit zitieren
Jasmin Oppermann (Autor), 2015, Der innere Monolog als Konzept der Selbstentlarvung am Beispiel von Arthur Schnitzlers "Lieutnant Gustl", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372280

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