Umgang mit jungen Industrien im Economic Partnership Agreement zwischen EU und EAC-Staaten

Liberalisierung auf Kosten der Industrialisierung?


Bachelorarbeit, 2016
50 Seiten, Note: 1,1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

AbkürzungsverzeichniƐ

1 Einleitung
1.1 Einführung und Fragestellung
1.2 Methode, Quellenlage und Forschungsstand
1.3 Klassifikationsproblematik
1.4 Aufbau
1.5 Allgemeine Anmerkungen

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Definition und Eingrenzung zentraler Begriffe
2.2 Freihandelstheorie
2.3 Relevanz des industriellen Sektors für eine Volkswirtschaft
2.4 Erziehungszollargument

3 Aktuelle wirtschaftliche Situation Tansanias
3.1 Situation des verarbeitenden Gewerbes
3.2 Herausforderungen des verarbeitenden Gewerbes
3.3 Handelsbeziehungen zwischen Tansania und den EU-Staaten
3.4 Industrie- und Handelspolitik

4 Economic Partnership Agreement zwischen EAC- und EU-Staaten
4.1 Historischer Hintergrund, Ziele und Aufbau
4.2 Regelungen und ihre Auswirkungen auf das verarbeitende Gewerbe
4.2.1 Zollsätze
4.2.2 Stillstand-Klausel
4.2.3 Exportsteuern /-zölle
4.2.4 Quantitative Restriktionen
4.2.5 Subventionen
4.2.6 Weitere Maßnahmen
4.3 Schutzmaßnahmen
4.3.1 Antidumping- und Ausgleichszölle
4.3.2 Multilaterale Schutzmaßnahmen
4.3.3 Bilaterale Schutzmaßnahmen

5 Fazit

6 Bibliographie
6.1 Primärquellen
6.2 Sekundärquellen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Einführung und Fragestellung

Artikel mit Überschriften wie ͣShock as Dar dumps EP 12, ͣEPA has never made much sense for Tanzania“3 oder ͣWhy Tanzania is now completely uninterested in the EP deal with EU”4 schmückten im Juli 2016 die Seiten vieler tansanischer Zeitungen. Nachdem die seit 20075 andauernden Verhandlungen über das Freihandelsabkommen ‚Economic Partnership greement‘ (EP ) zwischen den Staaten der East African Community (EAC)6 und der Europäischen Union7 (EU) im Oktober 2014 erfolgreich beendet wurden8, weigerte sich die Regierung Tansanias im Juli 2016 kurz vor der geplanten finalen Unterschrift das Handelsabkommen zu unterzeichnen. Mit der Unterzeichnung aller EAC-Staaten wäre der Ratifizierungsprozess in Gang gesetzt worden.9 Als Grund für die Weigerung nennt Dr. Aziz P. Mlima, Staatssekretärin des tansanischen Außenministeriums, in einem Brief an das EAC- Sekretariat die ͣprevailing circumstances“10. Ihrer Einschätzung nach führe das Ausscheiden Großbritanniens aus der EU zum einen zu neuen Rahmenbedingungen. Zum anderen habe man Angst vor einer Verdrängung tansanischer Industrien vom tansanischen Markt. Dies könnte aus der geforderten Marktöffnung und einem dadurch möglichen Anstieg europäischer Konkurrenz auf dem tansanischen Markt resultieren.11 Diese Befürchtung speist sich aus Erfahrungen während der Marktöffnung 1980 - 1995 im Rahmen der Strukturanpassungsprogramme. Damals kam es in Tansania nach Zollsenkungen zu steigender ausländischer Konkurrenz, die zu einer Verdrängung junger Industrien führte.12

Die Aussage der Staatssekretärin Dr. Aziz P. Mlima dient als These der Arbeit. Es soll geklärt werden, ob die Angst der Verdrängung tansanischer Industrien durch die Regelungen im EPA zwischen EAC- und EU-Staaten (EAC-EU-EPA) berechtigt ist. Darauf basierend wird die Frage bearbeitet, ob Schutzmaßnahmen im EAC-EU-EPA ausreichend sind, um den industriellen Sektor und vor allem junge Industrien, sogenannte infant industries, in Tansania angemessen vor europäischer Konkurrenz zu schützen oder ob die Gefahr der Verdrängung junger Industrien durch das EAC-EU-EPA besteht. Der Fokus wird dabei auf den industriellen Sektor und im speziellen auf den Sub-Sektor des verarbeitenden Gewerbes gelegt. Dieses wird im Verlauf der Arbeit hinreichend auf seine Wettbewerbsfähigkeit analysiert und untersucht in wie weit ein Schutz des verarbeitenden Gewerbes durch das EAC-EU-EPA notwendig ist. In dieser Arbeit werden nur die Auswirkungen des EAC-EU-EPAs auf die tansanische Republik betrachtet, da eine Untersuchung aller fünf EAC-Staaten den Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde. Den Ergebnissen dieser Arbeit wird eine hohe Relevanz für das Gelingen eines industrialisierungsfördernden, armutsreduzierenden Handelsabkommens zwischen den EAC- und EU-Staaten zugeschrieben.

1.2 Methode, Quellenlage und Forschungsstand

Methodisch basiert diese Arbeit auf einer Literaturstudie. Diese wird im Hauptteil durch eine evaluierende Dokumentenanalyse des Handelsabkommens ergänzt.

Zur Beantwortung der Fragestellung wird soweit wie möglich mit dem ausgehandelten Vertragstext des Handelsabkommens zwischen den EAC- und EU-Staaten gearbeitet. Des Weiteren sind vor allem Primärquellen wie Daten und Berichte der EAC- und EU-Staaten sowie Regelwerke der World Trade Organisation (WTO) Bestandteil des Datenkorpus.

Der wirtschaftstheoretische Hintergrund der Auswirkungen einer Liberalisierung wird durch die Freihandelstheorie von David Ricardo erklärt. Die Ökonomen Krugman, Obstfeld und Melitz fassen die wichtige Aspekte dieser Theorie und weitere Ansätze, wie das Erziehungszollargument, in ‚Internationale Wirtschaft - Theorie und Politik der Außenwirtschaft‘ zusammen. Während in diesem Lehrbuch vor allem liberale Wirtschaftspolitiken vertreten werden, rufen die Ökonomen Stiglitz und Charlton in ‚Fair Trade For All‘ zu verteilungsgerechtem Handel auf.

Zur Bewertung der Ausgangssituation in Tansania werden tansanische Industrie Reporte aus den Jahren 2012 und 2015 sowie eine Studie von John Page herangezogen. Die beiden ‚Tanzania Industrial Competitiveness Reports‘ stellen jeweils eine quantitative nalyse des verarbeitenden Gewerbes in Tansania dar. Sie wurden von Ministerien der tansanischen Regierung herausgegeben. Der Report aus dem Jahr 2012 wurde zusätzlich von der ‚United Nations Industrial Development Organization‘ (UNIDO) unterstützt. Beide Reporte haben eine genaue Evaluierung des tansanischen verarbeitenden Gewerbes zum Ziel, arbeiten Chancen und Probleme heraus und geben Politikempfehlungen. Sie dienen dadurch als grundlegende und zentrale Quelle, um den Sektor des verarbeitenden Gewerbes zu evaluieren.13 Ihre Ergebnisse werden durch Feststellungen aus einem Arbeitspapier von John Page ergänzt. Dieses wurde im Frühjahr 2016 vom ‚United Nations University World Institute for Development Economics Research’ veröffentlicht. Es arbeitet die Schwächen des verarbeitenden Gewerbes in Tansania heraus und diskutiert verschiedene Politikempfehlungen.14

Seit Anfang der 2000er ist eine Fülle an aktuellen Studien entstanden, die Regelungen des EAC- EU-EPAs genau untersuchen. Im vierten Kapitel wird ein Diskussionspapier von Sanoussi Bilal und Dan Lui aus dem Jahre 2009 zu Grunde gelegt. Die beiden Autoren untersuchen im Auftrag des ‚European Centre of Development Policy Management‘ Streitthemen der Interim-EPAs. Hierfür stellen sie Standpunkte unterschiedlicher Akteure einander gegenüber, legen Begründungen für die jeweiligen Argumente dar und geben Lösungsvorschläge für die Verhandlungen.15 Das Diskussionspapier gibt durch diese Methode einen umfassenden Überblick über die Vor- und Nachteile der Regelungen der Interim-EPAs. Eine Vergleichbarkeit der erwähnten Regelungen der Interim-EPAs und der finalen Fassung der EAC-EU-EPAs wurde untersucht und liegt vor. Die Studie reiht sich in eine Vielzahl von Veröffentlichungen Bilals über den Verhandlungstext der EPAs ein.

Des Weiteren wird mit Studien, die direkten Bezug auf die Auswirkungen des EAC-EU-EPAs in Tansania nehmen, gearbeitet. Hierzu existiert eine Fülle an Studien mit unterschiedlichen Fokussen und Methoden. Chris Milner, Oliver Morrisseya und Andrew McKay veröffentlichten 2005 ein analytisches Modell zur Berechnung der Auswirkungen des EAC-EU-EPAs auf Wohlfahrt16 und Handel. Neben einer ausführlichen Erläuterung des erarbeiteten Modells stellen sie Berechnungen über die Auswirkungen des EAC-EU-EPAs in Tansania, Kenia und Uganda an und evaluieren diese.17 Dr. Beatrice Mkenda und Monica Hangi veröffentlichten 2009 im uftrag des ‚Consumer Unity & Trust Society‘ eine quantitative Studie, die sich mit den Auswirkungen des EAC-EU-EPAs auf die Staatseinnahmen Tansanias beschäftigt. Es wird sowohl ein Überblick über die Ergebnisse früherer Studien gegeben als auch eigene Berechnungen angestellt und evaluiert. Die Studie bietet daher eine gute Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse und Einschätzungen.18 Verschiedene Veröffentlichungen von Evita Schmieg und des ‚South Centres‘ ergänzen die genannten Studien in der Wirkungsanalyse des E C-EU-EPAs.

Bedingt durch die Aktualität des Themas, wird insbesondere mit Internetquellen gearbeitet. So liegt bisher keine vergleichbare Arbeit vor, die als Teil des Datenkorpus zur Beantwortung der Fragestellung herangezogen werden könnte.

1.3 Klassifikationsproblematik

Ein zentrales Problem dieser Arbeit liegt in der unterschiedlichen Klassifikation des Begriffes manufacturing in verschiedenen Quellen. Auf internationaler Ebene haben sich unterschiedliche Klassifikationssysteme von Waren für verschiedene Zwecke herausgebildet. Diese bestimmen, welche Waren zum manufacturing-Sektor zählen und haben dadurch erheblichen Einfluss auf international erhobene Statistiken. Die ‚International Standard Industrial Classification of ll Economic ctivities‘ (ISIC) dient als international akzeptierte Klassifizierung der Wirtschaftsbereiche. Sie ist Ausgangspunkt für alle weiteren erwähnten Klassifizierungen.19

Die United Nations (UN) klassifiziert Waren zur Vereinheitlichung der internationalen ußenhandelsstatistik durch die ‚Standard International Trade Classification‘ (SITC). Diese liegt in unterschiedlichen Überarbeitungen vor. Die in dieser Arbeit herangezogenen Daten basiert größtenteils auf der dritten Überarbeitung dieser Klassifikation.

Das EAC-EU-EPA selbst verwendet zur Klassifikation von Waren das ‚Harmonized Commodity Description and Coding System‘ (HS) der Weltzollorganisation. Von dieser Klassifikation existiert bereits die vierte Überarbeitung. Eine Vergleichbarkeit des HS und der SITC wird durch die Überarbeitungen angestrebt.20 Inwieweit allerdings eine direkte Vergleichbarkeit der Waren, die dem Wirtschaftssektor manufacturing angehören, möglich ist, konnte trotz intensiver Recherche nicht endgültig festgestellt werden.

Der ‚Tanzania Industrial Competitiveness Report 2012‘21 und die Handelsberichte der European Commission (EC) verwenden manufacturing-Sektor in Bezug auf die SITC, Revision 3. Der ‚Tanzania Industrial Competitiveness Report 2015‘ nennt keinerlei Klassifikationsgrundlage.

Eine diesbezügliche Anfrage blieb unbeantwortet. Da es sich allerdings um einen regelmäßig erscheinenden Report des MITI handelt und sich keinerlei Diskrepanz in den Daten zeigt, wird eine Vergleichbarkeit der Begriffe in den Reporten angenommen.22 John Page klassifiziert in ‚Industry in Tanzania - Performance, prospects, and public policy‘ nach der ISIC.23 Milner et al. klassifizieren nach der HS-Klassifikation. In dieser Arbeit wurde eine starke Einschränkung der Literatur auf wenige Klassifikationsgrundlagen vorgenommen. Dennoch ist keine pauschale Vergleichbarkeit zwischen den Statistiken verschiedener Quellen gegeben. Betroffen von diesem Problem sind vor allem Kapitel 3.1 und 3.3. Eine Definition des Begriffes manufacturing für diese Arbeit erfolgt im Kapitel 2.1. Die entstandene Problematik der Verwendung von unterschiedlichen Klassifikationen (SITC und HS) in verschiedenen Daten wird im Weiteren thematisiert.

1.4 Aufbau

Der Aufbau der Arbeit gestaltet sich wie folgt. Im zweiten Kapitel werden zunächst zentrale Begriffe definiert und eingegrenzt. Daraufhin werden wichtige theoretische Grundlagen, wie die Freihandelstheorie und das Erziehungszollargument dargestellt und die Relevanz von Industrien für eine Volkswirtschaft diskutiert. Dieses Kapitel bildet die Grundlage für das Verständnis von späteren Zusammenhängen. Im dritten Kapitel wird die aktuelle Situation Tansanias in relevanten Bereichen dargestellt. Es werden Chancen und Probleme des verarbeitenden Gewerbes herausgearbeitet, um im weiteren Verlauf der Arbeit besseres Verständnis über die Ausgangsposition des Wirtschaftsbereichs zu gewährleisten. Des Weiteren wird der Handelsbeziehung zwischen Tansania und den EU-Staaten beleuchtet und die aktuelle Handels- und Industriepolitik Tansanias dargestellt, um Veränderungen durch das EAC-EU-EPA im vierten Kapitel besser bewerten zu können. Im vierten Kapitel wird zunächst eine kurze, allgemeine Einführung über das EAC-EU-EPA gegeben, bevor relevante Regelungen vorgestellt und in ihrer Wirkungsweise diskutiert werden. Hierbei sollen prognostizierte positive wie negative Folgen einzelner Regelungen im Hinblick auf das verarbeitende Gewerbe diskutiert werden, um herauszuarbeiten, ob Schutzmaßnahmen im EAC-EU-EPA notwendig sind. Schließlich wird anhand des Handelsabkommens geprüft, welche Schutzmaßnahmen zur Abwehr negativer Folgen erlaubt sind und welche positiven wie negativen Aspekte diese beinhalten. Der Schutz von infant industries steht hierbei im Fokus. Im letztem Kapitel wird die Ausgangsfrage beantwortet und Alternativen sowie weiterführende Forschungsansätze aufgezeigt.

1.5 Allgemeine Anmerkungen

Da es sich um ein wirtschaftspolitisches Thema handelt, wird in dieser Arbeit mit Statistiken gearbeitet. An dieser Stelle muss auf die Problematik der verwendeten Zahlen, die nicht als Spiegel der Realität, sondern lediglich als Ergebnisse verschiedener Studien und als Tendenzen gesehen werden sollten, hingewiesen werden.24 Außerdem ist sich die Autorin der normativ behafteten Bedeutung des Begriffs ‚Entwicklung‘ bewusst. Der Begriff ‚Entwicklung‘ wird in dieser Arbeit ausschließlich im Sinne der Industrialisierung genutzt, welche einen
ͣvolkswirtschaftlichen Prozess, der gekennzeichnet ist durch eine signifikante Zunahme der gewerblichen Gütererzeugung (sekundärer Sektor) auf Kosten des Agrarbereichs (primärer Sektor)“25 bezeichnet. Der Begriff ‚Entwicklungsland‘ bezeichnet demnach in dieser rbeit ein Land, das sich im volkswirtschaftlichen Sinne noch in den Anfangsstadien des Industrialisierungsprozesses befindet.

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Definition und Eingrenzung zentraler Begriffe

In diesem Kapitel sollen die Begriffe Industrie, infant industry, industrieller Sektor und verarbeitendes Gewerbe (manufacturing) für diese Arbeit definiert und eingegrenzt werden.

Industrie wird definiert als ͣWirtschaftsform zur Verarbeitung von Rohstoffen und Halbfabrikaten. Wesentliche Merkmale sind Massenfertigung, intensiver Einsatz von Maschinen, Arbeitsteilung und Beschäftigung von ungelernten und angelernten Arbeitern“26.

Der Begriff infant industry oder junge Industrie ist nicht eindeutig definiert. Die ‚United States gency for International Development’ definiert: “The term [infant industry΁ is generally applied to an industry in a country that is smaller and/or less productive than global best practice in that industry. In many countries such lagging performance is due to newness; thus the term”27. In dieser Arbeit wird der Begriff infant industry oder junge Industrie in diesem Sinne benutzt.

Der industrielle Sektor ist ͣder Wirtschaftsbereich, in dem Rohstoffe be- und verarbeitet werden“28. Er bildet neben den primären (landwirtschaftlicher Sektor) und tertiären (Dienstleistungssektor) Wirtschaftssektoren den sekundären Wirtschaftssektor einer Volkswirtschaft.29 Vor allem dieser Sektor ist den vorhergehenden Definitionen entsprechend von industriellen Tätigkeiten geprägt.

In vielen englischsprachigen Quellen dieser Arbeit, die sich um Industrie oder den industriellen Sektor drehen, wird der Begriff manufacturing als Synonym für Industrie und den industriellen Sektor verwendet.30 Im ‚Tanzania Industrial Competitiveness Report 2015‘ wird manufacturing als wichtiger Teil des ͣindustrial sector[s΁”31 bezeichnet. Manufacturing wird also nur als ein Teilaspekt des industriellen Sektors verstanden und ist keinesfalls mit ihm gleichzusetzen. Die synonyme Verwendung mag dem Umstand zu Schulden sein, dass manufacturing mit Abstand den größten Teil des tansanischen industriellen Sektors ausmacht und die anderen Sub- Sektoren zu vernachlässigen sind.32 Deshalb fokussiert sich diese Arbeit auf den manufacturing Sub-Sektor.

Ohne eine einheitliche Definition des Begriffs manufacturing ist die Verwendung von verschiedenen Quellen mit unterschiedlichen Klassifikationen problematisch. In den unterschiedlichen Klassifikationsschemen finden sich lediglich verschiedene Auflistungen der Waren, jedoch keine Definition des Begriffes manufacturing, welcher häufig in der Sekundärliteratur auftaucht. In dieser Arbeit wird deshalb die Definition der ISIC Revision 4 zugrunde gelegt, die auch für alle weiteren Klassifikationen als Basis dient.33

ͣThe boundaries of manufacturing and the other sectors of the classification system can be somewhat blurry. As a general rule, the activities in the manufacturing section involve the transformation of materials into new products. Their output is a new product“34.

Weiter wird dort eingegrenzt:

“The materials, substances, or components transformed are raw materials that are products of agriculture, forestry, fishing, mining or quarrying as well as products of other manufacturing activities. Substantial alteration, renovation or reconstruction of goods is generally considered to be manufacturing.”35

Diese Definitionen grenzen ein, sind aber auch breit genug gefasst, um den Unterschieden in den Klassifikationen annähernd gerecht zu werden. Genau die gleichen (übersetzten) Definitionen verwendet das Statistische Bundesamt zur Beschreibung des verarbeitenden Gewerbes. Aus diesem Grund wird im Folgenden der englische Begriff manufacturing mit dem deutschen Begriff verarbeitendes Gewerbe gleichgesetzt. Bergbau, Energieversorgung, Wasserversorgung und das Baugewerbe zählen zwar wie das verarbeitende Gewerbe zum industriellen Sektor, werden aber kategorisch von ihm abgegrenzt.36 Das verarbeitende Gewerbe beinhaltet sowohl Industrien als auch handwerklich orientierte Bereiche.37 Durch die Datenlage und die besondere Bedeutung des verarbeitenden Gewerbes für Tansania thematisiert diese Arbeit besonders das verarbeitende Gewerbe.

Durch die beschriebene Klassifikationsproblematik ist es durchaus möglich, dass sich die Verwendung des Begriffes in einigen Quellen nicht eindeutig mit den dargestellten Definitionen deckt. Für eine finale Feststellung müsste eine genaue Prüfung der jeweiligen Klassifikation durchgeführt werden. Im Folgenden wird transparent dargestellt, welche Klassifikation zugrunde liegt. Der Problematik der Verwendung von unterschiedlichen Klassifikationen soll dadurch und durch Einschränkung der Quellen entgegengewirkt werden.

2.2 Freihandelstheorie

In diesem Kapitel soll kurz umrissen werden, warum Freihandel und Liberalisierung weltweit gefördert werden und was genau unter Liberalisierung zu verstehen ist.

Unter Liberalisierung versteht man ͣim ußenwirtschaftsverkehr die Beseitigung nationaler Beschränkungen, die einem freien Wirtschaftsverkehr zwischen den Staaten entgegenstehen“38. Unter diese nationalen Beschränkungen fallen beispielsweise Zölle, die ͣvon Staaten oder Staatsgemeinschaften 39 und als ͣtraditionelle politische Instrumente“40 zum Schutz des heimischen Marktes vor ausländischer Konkurrenz gelten. Die Liberalisierung des Außenhandels wird als ͣMotor der Entwicklung“41 beschrieben und gilt als beste Außenhandelspolitik, die eine Regierungen wählen kann.42

Der Ökonom David Ricardo entwickelte im 19. Jahrhundert die Theorie des komparativen Kostenvorteils, welche bis heute einen Kern der Handelstheorie bildet. Er zeigt, dass ein gesamtgesellschaftlicher Vorteil entsteht, wenn sich jedes Land auf die Produktion des Gutes spezialisiert, bei dem es einen komparativen Vorteil43 vorweisen kann. Durch Handel mit anderen Ländern kann jedes Land Güter preiswerter importieren als es sie produzieren könnte. Dadurch stellt sich jedes Land besser. So können die weltweite Produktion sowie der weltweite Konsum erhöht werden und der weltweite Wohlstand gefördert werden.44 Handel wird also als gesamtgesellschaftlich vorteilhaft gesehen. Basierend auf dieser Theorie soll der weltweite Freihandel durch Liberalisierungsmaßnahmen gefördert werden.

Aber es gibt auch Kritik an dieser Theorie, da die Verteilung des erschaffenen Wohlstands keine Beachtung findet und realitätsferne Annahmen getroffen wurden.45 Vor allem strukturelle Merkmale von Entwicklungsländer weichen oft von den Annahmen des Modells ab.46 Des Weiteren kann Liberalisierung auch Gefahren für die nationale Wirtschaft in sich bergen.47 Durch das Wegfallen von protektionistischen Maßnahmen, sind heimische Produzenten ausländischen Konkurrenzprodukten ausgesetzt und können dadurch Schaden nehmen. Beispielsweise kann der industrielle Sektor, in dem ͣEntwicklungsländer48 verfügen, Gefahr laufen von ausländischer Konkurrenz verdrängt zu werden.49

Schon lange ist unter Ökonomen aber nicht mehr die Frage relevant, ob Liberalisierung vorteilhaft ist. Vielmehr wird diskutiert, wie und unter welchen Umständen sie umgesetzt werden kann, damit sie für alle Beteiligten zu Vorteilen führt.50 Auch die Empirie zeigt, dass Liberalisierung nicht ungebunden von zahlreichen gesellschaftlichen und innenpolitischen Faktoren zum Erfolg führt. Diese Faktoren spielen eine wichtige Rolle, um die Chancen der Liberalisierung effizient nutzen zu können.51

2.3 Relevanz des industriellen Sektors für eine Volkswirtschaft

Der Ausbau nationaler Industrien ist seit Anfang des Jahrtausends stärker denn je in nationale Politikstrategien der tansanischen Regierung integriert.52 Auch das neunte Sustainable Development Goal zielt auf den Ausbau der weltweiten Industrie ab.53 Dies verdeutlicht die hohe Bedeutung, die dem industriellen Sektor sowohl in Tansania als auch international beigemessen wird. uch im ‚Tanzania Industrial Competitiveness Report 2012‘ wird das verarbeitende Gewerbe als “key for growth and job creation“54 bezeichnet. Im Folgenden werden Gründe für die besondere Relevanz des industriellen Sektors und des Sub-Sektors verarbeitendes Gewerbe dargestellt.

Der industrielle Sektor ist zunächst für nachhaltiges Wachstum und den strukturellen Wandel einer Volkswirtschaft essenziell. Die Höhe der Wertschöpfung durch den industriellen Sektor hat nicht nur einen signifikanten Einfluss auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP), sondern spielt auch eine wichtige Rolle in dem Industrialisierungsprozess einer Volkswirtschaft.55 Gerade in landwirtschaftlich geprägten Volkswirtschaften nimmt Industrie als Basis für nachhaltige Entwicklung eine tragende Rolle ein. Durch den anhaltenden strukturellen Wandel einer Volkswirtschaft kann ein ausgeprägter industrieller Sektor zur Industrialisierung und Armutsreduzierung beitragen.56

Besondere Bedeutung erlangt der industrielle Sektor auch durch die Schaffung von Arbeitsplätzen. Vor allem die Herstellung von Produkten mit geringem Technologieniveau ist sehr arbeitsintensiv und benötigt eine Vielzahl von Arbeitskräften zur Wertschöpfung.57 Die UN hebt hier den ͣjob multiplication effect“58 hervor: “one job in manufacturing creates 2.2 jobs in other sectors”59. Durch den industriellen Sektor werden also auch andere Bereiche der nationalen Wirtschaft stimuliert, da beispielsweise die ͣdemand for more and better services: banking, insurance, communication and transport“60 erhöht wird. Dadurch werden zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen.

Der industrielle Sektor bedingt weitere positive externe Effekte für viele Bereiche der Volkswirtschaft. Da im industriellen Sektor viel technisches Equipment zum Einsatz kommt, ist es besonders relevant neue Technologien zu entwickeln. So stellt der industrielle Sektor einen Antrieb von Innovation, neuen Technologien und dem Lernprozess eines Landes dar.

Auch auf internationaler Ebene ist der industrielle Sektor eines Landes von großer Bedeutung. Die Vermarktung industrieller Produkte auf dem internationalen Markt ist ͣless exposed to external shocks, price fluctuations, climatic conditions and unfair competition policies“61 als Agrarprodukte oder Rohstoffe. So haben Entwicklungsländer durch industrielle Weiterverarbeitung die Chance ihre Stellung in den internationalen Wertschöpfungsketten weiter auszubauen.62

Diese Argumente heben deutlich die Relevanz eines stabilen, expandierenden industriellen Sektors für eine Volkswirtschaft hervor und zeigen, dass es wichtig ist, eine durchdachte und angemessene Wirtschafts- und Industriepolitik zu betreiben. Gerade junge, sich entwickelnde Industrien sind von hoher Bedeutung, da sie die Vorteile, die ein stabiler Industriesektor schafft, auch zukünftig sichern.

2.4 Erziehungszollargument

Gerade wegen der hohen Relevanz des industriellen Sektors sind sich Ökonomen einig, dass zum Schutz junger Industrien eine zeitlich begrenzte Abweichung von der Doktrin des Freihandels vorteilhaft sein kann. Das Erziehungszollargument, auch infant industry argument genannt, wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Alexander Hamilton und Friedrich List ausgearbeitet. Es besagt folgendes: Ein komparativer Vorteil im Bereich der Industrie eines Landes reicht nicht unbedingt aus, um Vorteile aus Liberalisierungsmaßnahmen zu ziehen. Wenn der industrielle Sektor eine schwache Struktur aufweist und international nicht wettbewerbsfähig ist, läuft er Gefahr durch einen Anstieg von Konkurrenzprodukten auf dem heimischen Markt aufgrund von Liberalisierungsmaßnahmen Schaden zu nehmen. Ausländische Manufakturwaren können beispielsweise durch den Einsatz von Exportsubventionen kostengünstiger angeboten werden. Deshalb sei eine zeitlich begrenzte Politikintervention in Form von Zöllen oder Importquoten zur Reduzierung beziehungsweise Preissteigerung der Importe notwendig. Während solcher protektionistischer Maßnahmen kann ein schwacher industrieller Sektor gestärkt und ausgebaut werden. Erst wenn er sich auf einem ähnlichen Stand wie die ausländische Konkurrenz befindet, kann er dem freien Handel standhalten und davon profitieren. Diese Form der Intervention stellt ein wichtiges nationales Instrument der Handelspolitik dar.63

Empirisch zeigt sich, dass viele heutige Industrienationen nur durch den früheren Einsatz von Erziehungszöllen einen Ausbau ihres industriellen Sektors bewirken konnten.64 Analytisch hat dies zur Konsequenz, dass Entwicklungsländern ausreichend Flexibilität zum Schutz ihrer Industrien in Freihandelsabkommen eingeräumt werden sollte.65 Bei der Implementierung eines Erziehungszolls ist es wichtig, dass die Politikintervention zeitlich begrenzt ist, eine Öffnung des Marktes angestrebt wird und, dass die Nutzen der Zölle für die Industrie, deren Kosten nicht übersteigen.66

Das Erziehungszollargument ist jedoch nicht frei von Kritik. So ist es beispielsweise schwierig festzustellen, welche Branche einen komparativen Vorteil in der Zukunft haben wird und wann der richtige Zeitpunkt erreicht ist die Schutzmaßnahmen zu beseitigen. Des Weiteren besteht die Gefahr eines Exportrückgangs, da durch die Einführung eines Importzolls weniger importiert wird und daher im Inland mehr für den nationalen Markt produziert werden muss. Dies kann dazu führen, dass weniger Ressourcen in die Herstellung von Exporten fließen und damit das Exportvolumen sinkt.67

3 Aktuelle wirtschaftliche Situation Tansanias

Trotz einer Vervierfachung des Handelsvolumens in den letzten 10 Jahren68 gilt Tansania laut UN als Least Developed Country (LDC).69 Die Handelsbilanz Tansanias ist seit Jahren negativ. Dies bedeutet, dass der Wert der Waren, die importiert wurden, höher war als der Wert der exportierten Waren.70 2010 war die Wertschöpfung Tansanias folgendermaßen auf die einzelnen Sektoren verteilt: Der Dienstleistungssektor leistete mit 43,6% den größten Anteil an der Wertschöpfung, gefolgt von dem Agrarsektor mit 30,6%.

[...]


1 Economic Partnership Agreement (deutsch: Wirtschaftspartnerschaftsabkommen)

2 O.V., 2016

3 Mkapa, 2016

4 Njoroge, 2016

5 Brücher, 2008: S.242

6 Wirtschaftsgemeinschaft aus Burundi, Kenia, Ruanda, Süd Sudan, Tansania und Uganda; allerdings befindet sich der Süd Sudan noch im Ratifizierungsprozess und zählt nicht als vollwertiges Mitglied. Das EAC-EU-EPA wurde nur mit den anderen 5 Staaten verhandelt. Deshalb sind mit EAC-Staaten in dieser Arbeit Burundi, Kenia, Ruanda, http://www.eac.int/about/overview)

7 28 Mitgliedstaaten; aufgelistet im Vertragstext

8 EC, 2016c

9 Mkapa, 2016

10 Mlima, 2016

11 Karuhanga, 2016

12 MIT et al., 2012: S.17 Tansania und Uganda gemeint. (siehe:

13 MITI, 2016: S.i; MIT et al., 2012: S.2

14 Page, 2016: S.1

15 Bilal and Lui, 2009: S.5

16 Aggregation individueller Nutzen

17 Milner et al., 2005: S.331

18 Mkenda and Hangi, 2009: S.3

19 DESA, 2008: S.5; Statistisches Bundesamt, 2008: S.8

20 DESA, 2006.: S.VII ff.

21 MIT et al., 2012: S.104

22 MIT et al., 2012: S.104

23 Information per Mail am 25.10.2016 an die Autorin

24 Siehe dazu: Jerven, Morton. 2013. Poor Numbers. Cornell University

25 Springer Gabler Verlag, o.J.

26 Grüske and Schneider, 2003: S.230

27 Slaughter, 2004: S.1

28 Spektrum der Wissenschaft, 2001

29 Bundeszentrale für politische Bildung, 2013

30 Siehe auch: MIT et al., 2012; MITI, 2016; Page, 2016

31 MITI, 2016: S.IV

32 NBS and MITI, 2016: S.XV

33 Statistisches Bundesamt, 2008: S. 8

34 DESA, 2008: S.86

35 Ebd.: S.85

36 Statistisches Bundesamt, 2008: S.5,S.186f.; Information per Mail, 31.10.16, an die Autorin

37 Information per Mail, 31.10.2016, an die Autorin

38 Busch et al., 2006: S.235

39 Ebd.: S.359

40 Ebd.: S.360

41 Wallacher, 2003: S.307

42 Krugman et al., 2012: S.321

43 Dieser liegt vor, wenn Opportunitätskosten für die Produktion eines Gutes, ͣausgedrückt in anderen Gütern, in diesem Land niedriger sind als in anderen Ländern“ (Krugman et al., 2012. S.58).

44 Krugman et al., 2012: S.58

45 Wallacher, 2003: S.309

46 Krugman et al., 2012: S.831

47 Stiglitz and Charlton, 2005: S.35

48 Krugman et al., 2012: S.359

49 MIT et al., 2012: S.58

50 Stiglitz and Charlton, 2005: S.12

51 Ebd.

52 MIT et al., 2012: S.7

53 UN, o.J.b

54 MIT et al., 2012: S.15

55 Ebd.

56 Page, 2016: S.4

57 MIT et al., 2012: S.35

58 UN, o.J.a

59 Ebd.

60 MIT et al., 2012: S.15

61 Ebd.

62 Ebd.: S.15f.

63 Krugman et al., 2012: S.359; Yanagihara, 1982: S.243; Melitz, 2005: S.178f.

64 Ebd.

65 Kotte, 2012

66 Melitz, 2005: S.178

67 Krugman et al., 2012: S.362

68 EC, 2016b: S.8

69 DESA, 2014; LDCs sind durch ein durchschnittliches Bruttonationaleinkommen der letzten 3 Jahre pro Kopf unter 1.035 US-Dollar und ein ungenügendes Ergebnis bei dem Human Asset Index sowie bei dem Economic Vulnerability Index definiert.

70 EC, 2016b: S.8

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Umgang mit jungen Industrien im Economic Partnership Agreement zwischen EU und EAC-Staaten
Untertitel
Liberalisierung auf Kosten der Industrialisierung?
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,1
Autor
Jahr
2016
Seiten
50
Katalognummer
V372335
ISBN (eBook)
9783668502031
ISBN (Buch)
9783668502048
Dateigröße
749 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
EPA, Handelsabkommen, infant industries, Welthadel, Wirtschaftspartnerschaftsabkommen, Tansania, Afrika, internationaler Handel, Industralisierung, Liberalisierung
Arbeit zitieren
Katharina Lang (Autor), 2016, Umgang mit jungen Industrien im Economic Partnership Agreement zwischen EU und EAC-Staaten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372335

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