Trans*normaler Wahnsinn. Pathologisierung und Selbstbestimmung von trans* Menschen


Bachelorarbeit, 2017

79 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Teil und Kontextualisierung
2.1 Die Konstruktion Geschlecht nach Judith Butler
2.2 Schnittstelle Habitus nach Pierre Bourdieu
2.3 (Un)Doing Gender

3 Trans*normaler Alltag – Lebensbedingungen und Datenlage
3.1 Begrifflichkeiten und Definitionen
3.2 Prävalenz
3.3 Suizidalität
3.4 Medizinische Aspekte
3.5 Recht und Gesetze
3.6 Diskriminierungen

4 Soziale Arbeit
4.1 Genesis und Geschichte gender- und diversitätsbewusster Sozialer Arbeit
4.2 Aktuelle Fachdebatte zu Gender- und Diversitätsbewusstsein
4.3 Social Justice und Diversity

5 Zusammenfassung

6 Fazit

7 Quellenverzeichnis

Abstract

Die vorliegende Bachelorarbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob und inwiefern trans* Menschen in der Gesellschaft pathologisiert und fremdbestimmt werden und welche Rückschlüsse sich daraus über deren Selbstbestimmung und Anerkennung im Alltag ziehen lassen. Diesbezüglich wird auch die Notwendigkeit gender- und diversitätsbewusster Ansätze in der Sozialen Arbeit diskutiert, wobei diese deskriptive Arbeit grundlegend auf dem Theorem der „(De-)Konstruktion von Geschlecht“ nach Judith Butler fußt.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Effekte der Hormonersatztherapie

Tabelle 2 Risiken der Hormonersatztherapie

1 Einleitung

Auf unserem wunderschönen Planeten leben laut Pressemitteilung der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung vom 23.12.2016 mit Beginn des Jahres 2017 etwa 7.473.690.000 Menschen jedweden Alters, jedweder Ethnie, Klasse, körperlicher und geistiger Fähigkeiten, Geschlecht und Identität, kurz: Menschen jedweder Couleur. Menschen, die den gleichen Schmerz fühlen; Menschen, die die gleichen Grundbedürfnisse nach Nahrung, einem Heim, Liebe und Anerkennung haben; Menschen, die das eigene Leben und den eigenen Körper vor Gefahren geschützt und sicher wissen wollen. Anstatt sich jedoch auf all diese Gemeinsamkeiten menschlichen Lebens zu berufen, werden Menschen nach wie vor klassifiziert und segregiert. Vorherrschend hierbei ist jedoch das Geschlecht, das alle anderen menschlichen Eigenschaften und Strukturen durchdringt.

Die vorherrschende heterosexistische zweigeschlechtliche Zwangsordnung, der sich Menschen unterwerfen müssen, empfinde ich als verstörend, menschenverachtend und ausgrenzend. Ich verstehe mich selbst als Queerfeministin mit der Überzeugung, dass es unendlich viele Varianzen von Geschlechtern, Geschlechtsidentitäten und romantischem Begehren gibt. Neben Mann und Frau existieren noch trans*[1] und inter*[2] Menschen sowie etliche weitere Geschlechtsvarianzen und Identitätskonzepte; Menschen mit homo-, bi- oder polysexuellem Begehren, um nur einige Beispiele zu nennen. Meines Erachtens sind alle Körper wunderschön und einzigartig und sollten in ihrer Fülle und ihren Formen sowie in ihrer geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt Schutz, Respekt und Anerkennung unter der Ägide der Gemeinschaft, also aller menschlichen Individuen finden. Mein Verständnis von Queerfeminismus ist hierbei:

„[...] handeln gegen sexismus als interdependentes machtverhältnis. widerstand gegen sexismus kann und will also nicht vom widerstand gegen rassismus, ableismus, klassismus oder dem machtverhältnis, welche körpernormen hervorbringt, getrennt werden.“ (Bretz/ Lantzsch 2013: 17)

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema trans* Menschen in der Gesellschaft sowie deren Ausschlüssen, Benachteiligungen und Pathologisierungen, die sie alltäglich erleben und erdulden müssen, ergo dem Wahnsinn, dem sie in der Gesellschaft ausgesetzt sind. Dieser zeigt sich in all seinen macht- und gewaltvollen Ausführungen. Unsichtbarkeiten und Fremdbestimmung scheinen hierfür ursächlich, wodurch Ursache und Wirkung demzufolge nah bei einander liegen, da trans* Menschen in unserer Gesellschaft immer noch nicht die gleiche Anerkennung und Würde erhalten wie cis-geschlechtliche[3] Menschen.

Der Anteil von trans* Personen liegt je nach Studie bei etwa 0,0015-0,2% (Conway/ Olyslager 2007: 23) und würde an der Bevölkerung Deutschlands, die 82.180.000 Menschen erfasst (Statistisches Bundesamt 2015: o.S.) heruntergerechnet eine Anzahl von 1.233 – 164.360 trans* Menschen innerhalb der Gesamtbevölkerung ergeben.

Trans* Menschen werden nach der ICD-10 und der DSM-5 mit einer Persönlichkeitsstörung respektive Verhaltensstörung bzw. Geschlechtsdysphorie diagnostiziert, was verstörende, pathologisierende und stigmatisierende Effekte erzeugt. Synonyme zu „Störung“ sind laut Duden (Bibliographisches Institut 2017: o.S.): Beeinträchtigung, Behelligung, Behinderung, Belästigung, Unterbrechung, Defekt, Panne, Problem, Schaden, Schädigung. Trans* Menschen werden folglich als schadhafte oder defekte Menschen angesehen, die belästigen und Probleme verursachen, da sie als widernatürlich verstanden werden, weil sie in das klare Entweder-oder-Prinzip der dichotomen Geschlechterordnung nicht reinpassen und so die hegemonialen Vorstellungen von zweigeschlechtlicher Heteronormativität stören und infrage stellen.

Trans* Menschen werden durch die Pathologisierung qua Medizin geradezu entmenschlicht und genießen nicht die gleichen Rechte, wie cis-geschlechtliche Menschen, die sich in der binären Geschlechterordnung verorten (können), was deutlich macht, dass Menschsein mit zweierlei Maß gemessen wird. So werden trans* Menschen jedoch nach wie vor durch die Gesellschaft von eben jener exkludiert und unsichtbar gemacht. In Bezug hierauf hat Sprache einen gewaltvollen und Wirklichkeit erzeugenden Korpus, der fundamentale Ausschlüsse und Unsichtbarkeiten kreiert, obgleich Diskriminierungen und Exklusionsmechanismen auch auf allen anderen strukturellen, institutionellen, gesellschaftlichen und individuellen Ebenen stattfinden. Was das mit Menschen macht, welcher Leidensdruck durch Exklusion und Diskriminierung entsteht, als „andersartig“ zu scheinen, wie Zwang und Pathologisierung auf Menschen einwirkt, ist furchtbar, traurig, entwürdigend und für jede moderne, hochzivilisierte Gesellschaft eine Schande, Trauerspiel und Armutszeugnis in einem. Wären die EU-Menschenrechtskonvention und das Grundgesetz personifizierte Götzen, so kämen sie zweier Figuren gleich, von denen sich eine nachdenklich, zerrüttet und bestürzt eine Hand an die Stirn hält, um damit vor Scham das Antlitz zu verdecken, während die andere den Kopf zum Boden geneigt, sich beide Hände vors Gesicht schlägt.

„Was du nicht willst, das man dir tu´, das füg´ auch keinem anderen zu“ war in meiner Kindheit ein gängiger Reim, der als anachronistischer Imperativ - in Anlehnung an Kants kategorischen Imperativ, zu verstehen als „moralische Forderung“ (Boehme 2005: 17ff) - als erster und über allem schwebender Grundsatz diente, der zur Ausbildung meiner persönlichen Maxime und Paradigmen geführt hat.

Als liberal denkender und handelnder Mensch, der koedukativ gebildet wurde in einer Gemeinschaft, in der alle alles gelernt haben, ungeachtet des ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlechts, sehe es als individuelle, aber auch gesamtgesellschaftliche Aufgabe heteronormative Sozialisationen infrage zu stellen und zu überwinden; Angst und Vorurteile abzubauen und den Menschen außerhalb hegemonialer Vorstellungen ihren gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft einzuräumen. Es ist schier bedauerlich, dass es im 21. Jahrhundert immer noch Menschen gibt, die sich aufgrund ihres Körpers und/ oder ihrer Identität ins Abseits gedrängt sehen und gar um ihre leibliche Unversehrtheit besorgt sind. Ein*e Freund*in sagte mir vor gar nicht so langer Zeit in Bezug auf sein*ihr trans* Sein: „Ich werde lieber verprügelt für das, was ich bin, als mich ewig zu verstecken.“ Als jemandes Kind weiß ich, dass sich meine Eltern für mich immer eine angstfreie, schöne und sichere Welt gewünscht haben, in der ich sein darf wie ich bin. Als Elternteil eines Kindes wünsche ich mir dasselbe auch für mein Kind. Eben jenes wünsche ich mir für all meine Lieben und jeden Menschen, ganz besonders in Bezug auf Geschlechtlichkeiten, Identitäten und sexuelle Orientierungen. Denn niemand entscheidet sich dazu trans*, inter* oder cis-geschlechtlich geschweige denn homo- oder heterosexuell zu sein. Anerkennung, Liebe und Respekt gebühren allen Menschen, unabhängig ihres Geschlechts, ihrer Ethnie, Identität, Religion, Fähigkeiten oder sozialen Klasse.

Oberste Prämisse aller sollte es daher sein, sich widerständig zu zeigen und für andere einzustehen, wenn Menschen wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden, wegen Umständen, für die sie nichts können. Ein gesamtgesellschaftlicher Paradigmenwechsel wird an dieser Stelle als unumgänglich erachtet.

In Bezug auf Soziale Arbeit als Profession ist festzuhalten, dass Gender- und Queerstudies nach wie vor eher als Spezialgebiete oder Randdisziplinen behandelt werden und je nach universalem Kontext in äußerst marginalisierter Form auftreten. Interdisziplinarität findet diesbezüglich gar nicht bis wenig statt und ist stark abhängig vom jeweiligen persönlichen Engagement der Dozent*innen, Themen zur geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt aufzugreifen und Inhalte zu vermitteln, ergo relevantes und wichtiges Wissen darzulegen.

Ziel der Sozialen Arbeit als Profession sollte es sein, geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in der Theoriebildung und allgemeinen Ausbildung mitzudenken und sich hierfür zu sensibilisieren, um die Diversität als etwas Bereicherndes und nicht Bedrohliches anzusehen. Es ist notwendig ein Bewusstsein über die Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu entwickeln, in denen wir leben und die auch institutionell und individuell reproduziert werden, wenn kein gender- und diversitätsbewusster Paradigmenwechsel stattfindet.

Innerhalb dieser Bachelorarbeit werden deskriptiv folgende Leitfragen queertheoretisch in Diskurs gesetzt: Inwiefern werden trans* Menschen pathologisiert und fremdbestimmt und wie viel Selbstbestimmung und Anerkennung wird ihnen dabei zugesprochen? Woher kommen und wie entstehen Exklusionsmechanismen in Bezug auf trans* Menschen und wie äußern sich diese konkret? Welche Möglichkeiten der diskursiven Verschiebung von hegemonialen Vorstellungen bestehen? Inwiefern halten Gender- und Diversitätsbewusstsein aktuell Einzug in der Sozialen Arbeit und welche Aufgaben, Optionen und Konzepte diesbezüglich bestehen in der Profession in Hinblick auf die Anerkennung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt am Beispiel von Trans*?

Die vorherrschenden Vorstellungen von Heteronormativität sowie deren Reproduktion liegen meines Erachtens in der Konstruktion von Geschlecht begründet und werden in Kapitel 2.1 anhand von Judith Butlers poststrukturalistischem und diskurstheoretischem Ansatz analysiert. Wobei ihr Theorem mit Hilfe eines kurzen Abriss des Habituskonzepts in Kapitel 2.2 und der Konzepte des Doing Gender und Ungoing Gender im Kapitel 2.3 kontextualisiert werden.

In Kapitel 3 findet eine Analyse der Faktenlage zu und Lebensbedingungen von trans* Menschen statt, die mit allgemeinen Daten und Begriffsbestimmungen beginnt, um anschließend die medizinischen und diagnostischen Aspekte und Richtlinien aufzuzeigen (Kapitel 3.4), denen trans* Personen mit Angleichungswünschen unterliegen. Daran anknüpfend werden die verschieden rechtlichen Aspekte und Gesetze (Kapitel 3.5) präsentiert, die die rechtliche Stellung von trans* Personen als auch Menschenrechtsverletzungen offenlegen und dadurch für eben jene Personen relevant sind.

Darauf folgend werden die verschiedenen Ausschluss- und Benachteiligungsmechanismen in Form von Diskriminierungen (Kapitel 3.6) auf allen Ebenen, in sämtlichen Darstellungen gezeigt als auch in einem kurzen Abriss auf das Konzept der Mikroaggressionen eingegangen. Mit Rückbezug auf die theoretischen Grundlagen von Butlers Theorie der Konstruktion von Geschlecht wird dann in Kapitel 4 ein Bezug zur Sozialen Arbeit sowie deren Einbettung in den historischen Kontext (Kapitel 4.1) hergestellt, die aktuelle Debatte um Diversitäts- und Genderbewusstsein in der Sozialen Arbeit (Kapitel 4.2) dargelegt und mögliche Handlungsoptionen und Ziele Sozialer Arbeit unter Einbezug von Gendertheorien in Theoriebildung und Praxis erläutert. Im Anschluss wird das Social Justice and Diversity Konzept (Kapitel 4.3) mit Erörterung des Inhalts der Methode Mahloquet vorgestellt.

In einem den Hauptteil abschließenden Kapitel wird der vorangegangene Inhalt noch einmal kurz rekapituliert (Kapitel 5), die einzelnen Resultate dar- und Zusammenhänge hergestellt, bevor schlussendlich in der Konklusion die Leitfragen beantwortet und ein persönliches Fazit (Kapitel 6) gezogen werden.

2 Theoretischer Teil und Kontextualisierung

Innerhalb der theoretischen Diskussion um Geschlecht, bestehen zwei Optionen anhand derer Geschlecht erschaffen wird: zum einen als Praxis in Form des (Un)Doing Gender und zum anderen als diskursive und sprachliche Konstruktionen. Das Geschlecht eines Menschen ist lebens- und zukunftsweisend - es differenziert, klassifiziert und kategorisiert. Was aber, wenn das Geschlecht nicht naturgegeben sondern gesellschaftlich konstruiert ist? Die Biologie des Schicksals wäre dann kein festgeschriebenes Gesetz, sondern lediglich eine Farce.

2.1 Die Konstruktion Geschlecht nach Judith Butler

Judith Butler ist Philosophin, Poststrukturalistin und Theoretikerin ohne gleichen, die mit ihrer dekonstruktivistischen Theorie über die Konstruktion von Geschlecht, Geschlechtsidentität, Begehren und Sexualpraxis maßgeblich zur Entstehung der Queer-Theory beigetragen hat. Daher scheint ihr diskurstheoretischer Ansatz als legitime Wahl, um im Folgenden genauer betrachtet zu werden. Butlers Theorie fußt auf den Annahmen, „dass die Produktivität diskursiver und sprachlicher Macht das fundamentale Konstruktionsprinzip von Wirklichkeit“ (Bublitz 2010: 8) ist und das biologische Geschlecht ebenso konstruiert ist wie die Geschlechtsidentität, also das soziale Geschlecht. Sie bricht somit mit der bis dahin vorherrschenden, von Simone de Beauvoir geprägten, feministischen Vorstellung, nur das soziale Geschlecht sei konstruiert, nicht aber das biologische. Sie kritisiert die feministische Theorie weiterhin insofern, als dass sie diese beschuldigt an der Produktion und Verfestigung binärer Normen, folglich auch der Konstruktion von Geschlecht beteiligt zu sein, da diese immer nur die Differenzen von Männern und Frauen aufzeigt und alle weiteren Geschlechter damit gänzlich ausschließt. Zwei zentrale Punkte sind bei der Konstruktion von Geschlecht, sozialem Geschlecht, Begehren und sexueller Praktik grundlegend: zum einen der Diskurs an sich und zum anderen der performative Sprechakt.

2.1.1 Produktivität diskursiver Macht

Butler postuliert, dass der Mensch innerhalb einer Gesellschaft erst lebensfähig respektive gesellschaftlich anerkannt ist, wenn sich dieser vorherrschenden Normen unterwirft und diese anerkennt. Gleichzeitig reproduziert der Mensch jedoch durch Sprechhandlungen eben jene Normen, durch die er bedingt ist, verleiht den Normen wiederum Macht und ist somit Teil des Diskurses (Butler 1991: 16). Die Trias von Diskurs, Norm und Macht bildet die heterosexuelle Matrix, welche in Ausübung ihrer eigenen Macht die Diskurse und Normen strukturiert und wieder neu produziert. Die heterosexuelle Matrix ist dabei kein starres Ordnungssystem, sondern vielmehr ein Prozess der Stabilisierung von Macht und Normen mit dem Potential, durch Neuartikulation den Diskurs zu verschieben (Butler 1995: 21).

2.1.2 Biologie des Schicksals

Weiterhin geht Butler der Frage nach, ob der Mensch tatsächlich als Subjekt bereits in einem vordiskursiven Feld zum Subjekt gemacht wird, was bedeutet, dass die Festlegung des Subjekts in seiner Art, seinem Sein bereits durch die Biologie vorbestimmt wäre. Daher wird auch von der Biologie des Schicksals gesprochen, welche anhand von chromosomalen, hormonellen oder anatomischen Geschlechtsmerkmalen den sexuell bestimmten Körper produziert und diesen von Geburt an (Butler 1995: 29) in die Kategorien Frau oder Mann klassifiziert als auch darüber entscheidet, welche soziale Rolle dem Subjekt übergestülpt wird. Ebenso wird der Binarität der Geschlechter eine Natürlichkeit auferlegt, die wiederum die Heterosexualität als einzig wahre - weil in der Biologie begründete – Sexualität legitimiert, da nur diese die Reproduktion von Subjekten durch den gegengeschlechtlichen Geschlechtsakt vollführen kann und so die Erhaltung der eigenen Spezies sichert (Beauvoir 2013: 27ff). Durch diese Grundannahme, der Mensch sei eine Einheit aus Geschlecht (sex), Geschlechtsidentität (gender) und heterosexuellem Begehren, werden jedoch Exklusionsmechanismen kreiert, die Menschen mit bspw. bi-, homo- oder polysexuellem Begehren; Menschen die sich weder als Mann noch Frau verorten können (oder wollen) wie Trans* oder Inter* als auch Menschen, deren Geschlechtsidentität weder auf das anatomische Geschlecht noch das sexuelle Begehren schließen lassen (Butler 1991: 39) wie Drags und andere Queers, gewaltvoll ausgrenzen und als nicht legitim darstellen.

Um die Komplexität von Butlers Theorie sowie die Bedeutungen der von ihr genutzten Begrifflichkeiten wie bspw. heterosexuelle Matrix, Intelligibilität, Macht, Diskurs, Performativität usw. verständlicher und greifbarer zu machen, erscheint eine kleinteilige Begutachtung sowie die jeweiligen Kohärenzen eben jener Begriffe als sinnvoll.

2.1.3 Geschlecht, Geschlechtsidentität, Begehren und sexuelle Praxis

Jeder Mensch besitzt einen physischen Körper, der aufgrund seines biologischen Geschlechts als männlich oder weiblich klassifiziert wird. Mit dieser Klassifizierung wird dem Subjekt jedoch nicht nur ein Geschlecht (sex, z.B. weiblich) sondern ebenfalls eine soziale Rolle, ergo Geschlechtsidentität (gender, z.B. Frau), sexuelle Praxis (heterosexuell) und das Begehren (in diesem Fall auf den Mann ausgerichtet) zugewiesen. Dem Subjekt werden damit gleichzeitig geschlechtsspezifische Attribute und Verhaltensweisen angehaftet wie Kleidung, Haarschnitt, menschliche Eigenschaften und legitime sexuelle Praktiken.

Der von Simone de Beauvoir oft zitierte bedeutungsschwangere Satz „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ (Beauvoir 2013: 334), wird in der feministischen Theorie dazu verwendet, das biologische Geschlecht von der Geschlechtsidentität zu unterscheiden und die Geschlechtsidentität als soziale Konstruktion zu entlarven, um somit „die Formel »Biologie ist Schicksal« anzufechten“ (Butler 1991: 22).

Butler geht hier noch einen Schritt weiter und macht darauf aufmerksam, dass bei der Unterscheidung von sex und gender nicht bedacht wurde, dass diese auf einer zeitlichen Reihenfolge basieren. „Treiben wir die Unterscheidung anatomisches Geschlecht/ Geschlechtsidentität bis an ihre logischen Grenzen, so deutet sie vielmehr auf eine grundlegende Diskontinuität zwischen den sexuell bestimmten Körpern und den kulturell bedingten Geschlechtsidentitäten hin“ (Butler 1991: 22f). Das heißt, dass der Körper eines Subjekts bei dessen Geburt zuerst mit einem biologischen Geschlecht markiert wird und sich dieser darauffolgend durch Sozialisation ein soziales Geschlecht aneignet. So scheint es, als sei sex immer ursächlich für gender und Biologie doch Schicksal. Ginge man jedoch davon aus, dass sex und gender gänzlich voneinander getrennt wären, so könnte die biologische Schicksalhaftigkeit von Körpern widerlegt werden. Dies würde jedoch durch die „radikale Spaltung des geschlechtlich bestimmten Subjekts“ (Butler 1991: 23) dazu führen, die Tragweite des sozialen Geschlechts infrage zu stellen, da das biologische Geschlecht keinerlei Vorbestimmung mehr für die Ausprägung der Geschlechtsidentität besäße. Geschlechtsidentität kann von daher das anatomische Geschlecht vielfältig interpretieren (Butler 1991: 22) und würde „selbst zu einem freischwebenden Artefakt“ (Butler 1991: 23), was zur Folge hat, dass Begriffe wie männlich/ weiblich und Mann/ Frau jedweden Körper ungeachtet seines sex oder gender bezeichnen können.

Butler deduziert hierbei, dass, da das soziale Geschlecht durch den Diskurs hervorgebracht wird, das biologische Geschlecht ebenso Produkt kultureller Konstruktion sein müsse, weswegen „die Unterscheidung zwischen Geschlecht und Geschlechtsidentität letztlich gar keine Unterscheidung ist“ (Butler 1991: 24). Dies bedeutet, dass sich sowohl das biologische Geschlecht als auch die Geschlechtsidentität innerhalb der Grenzen von Diskursen, Normen und Sprache entlang des „hegemonialen kulturellen Diskurses“ (Butler 1991: 27) entwickeln, weswegen vielmehr von einem kulturellen Schicksal gesprochen werden kann. Geschlecht ist dementsprechend nur eine gesellschaftlich konstruierte Kategorie, die zu einer bestimmten Zeit, in einem bestimmten kulturellen Kontext, eine bestimmte Vorstellung davon erzeugt, was es heißt eine bestimmte Geschlechtsidentität aufzuweisen. Geschlechtsidentität ist somit nur eine Kopie ohne Original (Butler 1991: 203).

Das biologische Geschlecht dient somit vielmehr als regulierendes Ideal, das von Beginn an normativ ist und wirkmächtigen Charakter hat. So erschafft sex als Teil der produktiven Macht durch Normen und Werte erst die Körper, die sich ihr unterwerfen und die von der Macht kontrolliert werden. „[D]as »biologische Geschlecht« ist ein ideales Konstrukt, das mit der Zeit zwangsweise materialisiert wird“ (Butler 1995: 21). Materialisierung meint hierbei allerdings keine feste Beschaffen- oder Begebenheit, sondern vielmehr den Prozess, bei dem sich Normen und Werte durch fortlaufende Repetitionen performativer Akte auf den Geschlechtskörper einschreiben und dieser aufgrund der Inkorporation der Normen wieder auf nachfolgende Geschlechtskörper einwirkt und dem hegemonialen Diskurs Macht verleiht. Durch die Prozesshaftigkeit der Materialisierung ist es aber eben auch möglich die dem Diskurs verliehene Macht zu destabilisieren (Butler 1995: 21). Wenn also für die Stabilität von Machtformationen eine ständige Repetition von Normen nötig ist, so muss es möglich sein diese Stabilität zu erschüttern, in dem die Repetition einer normativen Wahrheit entweder unterbrochen, gestoppt, ad absurdum geführt oder durch eine andere Wahrheit ersetzt wird.

2.1.4 Intelligibilität von Geschlecht in der heterosexuellen Matrix

Während im Feminismus vorrangig die männliche Herrschaft über das weibliche Geschlecht insistiert wurde, geht es im Queerfeminismus vielmehr um die Herrschaft der heterosexistischen und zweigeschlechtlichen Zwangsordnung sowie deren Ausschlüsse. Um als menschliches Wesen Anerkennung zu finden, muss der Körper sich nicht nur der Macht unterwerfen, sondern ebenso normkonform agieren und auftreten um intelligibel, also vom Verstand in seiner Gänze fassbar zu sein.

„Intelligible Geschlechtsidentitäten sind solche, die im bestimmten Sinne Beziehungen der Kohärenz und Kontinuität zwischen dem anatomischen Geschlecht (sex), der Geschlechtsidentität (gender), der sexuellen Praxis und dem Begehren stiften und aufrechterhalten.“ (Butler 1991: 38)

Dies würde im vorherrschenden kulturellen Rahmen bedeuten entweder Mann oder Frau zu sein, sich der jeweiligen sozialen Rolle zu fügen, diese durch Handlungen und Verhalten zu inszenieren und jeweils das Geschlecht zu begehren, das man selbst nicht ist. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass, wenn sich keine Rückschlüsse oder Zusammenhänge zwischen anatomischen Geschlecht, Geschlechtsidentität, Begehren und Sexualpraxis bilden lassen, die kulturelle Matrix keine intelligiblen, sondern verworfene Geschlechtsidentitäten hervorbringt, da der Diskurs als Träger von Normen und Werten erst Körper und das Menschliche produziert (Butler 1991: 38f). Will oder kann das Subjekt die Normen nicht anerkennen, so wird es gänzlich von der kulturellen Matrix ausgeschlossen, ist in seinem Sein entmenschlicht und besitzt einen weder lebbaren noch legitimen Körper. Fokus wird hierbei auf eben jene Menschen gelegt, die sich außerhalb der Grenze heterosexueller Matrix befinden: Schwule, Lesben, Trans* und Inter*, Drag Queens und Kings, Sissy Boys, Tom Boys und viele andere mehr. Der von Diskurs, Normen und Macht hergestellte Imperativ, ein Subjekt müsste einen sexuell bestimmten Leib, eine intelligible Geschlechtsidentität besitzen, muss sich darüber hinaus über die Grenzen des konstituierten Außens und seinen destabilisierenden Charakter bewusst sein. Abseits der Grenzen der heterosexuellen Matrix befinden sich die Verwerflichen, Unaussprechlichen, Nichtmachbaren, die „mit den Hegemonien der Heterosexualität, der Fortpflanzung ... [brechen]“ (Butler 1991: 41) und so das Feld „rivalisierende[r], subversive[r] Matrixen der Geschlechter-Unordnung (gender disorder) “ (Butler 1991: 39) eröffnen, die aufgrund ihrer verworfenen Existenzen die Grenze zwischen gesellschaftlicher Norm und Abnorm, intelligiblen und nicht intelligiblen Geschlechtsidentitäten bezeichnen und die Norm in ihrer Wahrheit und Gültigkeit bestätigen. Da der Diskurs aber über die Unaussprechlichen mittels performativer Sprechakte spricht, um sie als nicht lebbare Identitäten zu klassifizieren, sie gleichwohl immer wieder mit dem Verweis auf Ausschluss von der Intelligibilität markiert und die Nichtmachbaren damit doch produziert, scheitert er daran die eigentlichen Grenzen des Normativen, der Materialität zu sichern. Gleichzeitig wird er vom konstituierten Außen, allem Verworfenen und Verwerflichen kontinuierlich verfolgt, wie ein ihm anhaftender Schatten (Butler 1995: 249f).

2.1.5 Subjektivation und Materialisierung

Zwischen Subjekt und Macht herrschen unzertrennliche Wechselwirkungen. Den Begriff Subjekt begreift Butler entgegen der Auffassung René Descartes, der das Subjekt als ein denkendes, frei handelndes und fühlendes Wesen deutet und dies mit der Aussage „Ich denke, also bin ich“ begründet (Descartes 2011: 57ff). Für Butler kann das Subjekt nur innerhalb eines Diskurses zum Subjekt gemacht werden, indem es den Prozess der Subjektivation durchläuft und im Zuge dessen eine Identität ausprägt.

„«Subjektivation» bezeichnet den Prozeß [ sic! ] des Unterworfenwerdens durch Macht und zugleich den Prozeß [ sic! ] der Subjektwerdung. Ins Leben gerufen wird das Subjekt ... mittels Anrufung oder ... Interpellation … oder mittels diskursiver Produktivität“ (Butler 2001: 8).

Bedeutend ist hierbei, dass in Butlers Theorie die Identität eines Subjekts immer verschränkt ist mit sex, gender, Begehren und Sexualpraxis (Butler 1991: 38).

Der Diskurs als Medium der Macht kann mit den von ihm getragenen Normen ein Subjekt bilden und die diskursiv erzeugten hegemonialen Werte machtvoll in das Subjekt einschreiben (Butler 2001: 7f). Normen und Werte werden folglich Teil des Subjekts, seines Handelns, Denkens, Fühlens und werden über dessen Körper materialisiert. Um als Subjekt Anerkennung zu finden, muss sich dieses der Macht unterwerfen und deren „Bedingungen annehmen“, von denen wiederum die Existenz des Subjekts abhängt (ebd.: 8). Je nachdem, ob das Individuum sich den Bedingungen der Macht unterwirft oder widersetzt, erhält es seinen Platz innerhalb oder außerhalb der Intelligibilität (Butler 1991: 38f). Das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft, die Materialisierung von Normen auf den Körper sowie die Unterwerfung des Subjekts an die Macht stabilisieren sich gegenseitig und wirken als Perpetuum Mobile, eine Kraft die sich von selbst antreibt. So werden Körper und Subjekte im Diskurs immer wieder neu geformt und reproduzieren eben jene Normen und schreiben sie auf nachfolgende Individuen ein, die wiederum die vorherrschenden Normen und Werte inkorporieren und dann wieder reproduzieren. Chancen und Möglichkeiten des Subjekts den Diskurs zu verschieben oder diesen zu verändern, die Heteronormativität und den Geschlechterdualismus anzufechten, liegen in ihm selbst begründet, als Macht. Das Subjekt kann sich der in ihm begründeten Macht befähigen und sich in Form von sprachlicher Einmischung an einer Re- oder Neuartikulation von hegemonialen Strukturen beteiligen (Butler 1995: 21).

2.1.6 Produktivität sprachlicher Macht - Performativität und Sprechakte

Butler begreift die Begriffe „Diskurs“ und „Macht“ in Anlehnung an Foucault als produktiv (Butler 1995: 58ff). Neben dem Theorem der Wirkmächtigkeit von Diskursen, fungiert der Diskurs gleichzeitig auch als regulierende Praxis in Form von „performativer Kraft durch Sprache“ (Bublitz 2008: 8).

„Die Identität als Praxis, und zwar als Bezeichnungspraxis zu verstehen, bedeutet, die kulturell intelligiblen Subjekte als Effekte eines regelgebundenen Diskurses zu begreifen, der sich in die durchgängigen und mundanen Bezeichnungsakte des sprachlichen Lebens einschreibt.“ (Butler 1991: 212)

Kleinster Teil des Diskurses (franz.: discours) ist die Rede, eine Unterhaltung oder das Wort. Da also Subjekte innerhalb des Diskurses gebildet werden, werden sie auch durch und in Sprache produziert. Durch die performative Macht der Sprache ist es möglich hegemoniale Werte zu perpetuieren, aber auch zu verändern. Bevor jedoch auf Strategien diskursiver Verschiebung eingegangen wird, muss zunächst geklärt werden inwiefern Sprache wirkmächtig, performativ und Subjekt bildend sein kann.

Performative Sprechakte sind solche, die die hegemonialen Normen und Werte durch ständige Wiederholungen und Zitate verfestigen, womit sie eine Machtformation darstellen und zu den diskursiven Praktiken der Geschlechts(identitäts)konstruktion zählen. Allerdings sind diese Sprechhandlungen keine absichtsvollen Taten (Butler 2006: 45; Butler 1995: 22), da „es keinen »Täter hinter der Tat gibt«, sondern … [dieser] erst in und durch die Tat hervorgebracht wird“ (Butler 1991: 209). Gleichzeitig reicht es nicht aus eine Norm einmalig zu zitieren, um die Wirkmächtigkeit von Sprechakten, einen Effekt der Naturalisierung zu erreichen. Dazu müssen Zitationen und Wiederholungen in Form von eben jenen Sprechakten fortwährend und dauerhaft, also in einem Prozess, vollführt werden (Butler 1995: 22, 32).

Paradoxerweise erlangt die jeweils zitierte Norm ihre Macht nur dadurch, dass sie fortlaufend zitiert wird, was darauf schließen lässt, dass „das Zitieren des Gesetzes der eigentliche Mechanismus seiner Herstellung und Artikulation ist“ (ebd.: 38). Dies führt allerdings zu der Diallele, dass die Norm den performativen Sprechakten Macht verleiht und performative Sprechakte der Norm durch ständiges Zitieren zu ihrer Existenz verhelfen.

Sprechhandlungen als Sprechakte lassen sich in Anlehnung an Austin unterteilen in illokutionäre und perlokutionäre Sprechakte. Illokutionäre Akte sind in diesem Fall solche, die das, was sie benennen, im Augenblick des Aussprechens, auch herstellen (Butler 2006: 11f), wie zum Beispiel am Szenario einer Eheschließung ersichtlich wird. Durch die Äußerung: „Hiermit erkläre ich Sie zu Mann und Frau“ ist die Eheschließung folglich erst rechtskräftig, nachdem der*die Standesbeamt*in aufgrund seiner*ihrer autorisierten Position den illokutionären Sprechakt vollzogen hat und die einstigen Verlobten vermählt hat. Der perlokutionäre Sprechakt erzielt mit seiner Äußerung wiederum „bestimmte Effekte“ oder „Wirkungen“ (ebd.: 11) bei dem*der Hörenden, die beim bereits genannten Beispiel bedeuten würden, dass sich die Eheleute an die Konventionen der Ehe wie Treue, Loyalität usw. halten.

Die maßgebliche Unterscheidung besteht bei illokutionären und perlokutionären Akten darin, dass die Wirkmächtigkeit und Kraft illokutionärer Akte vielmehr an Konventionen respektive stärker an Normen und Werte gebunden sind (ebd.: 45), wodurch sie gesellschaftlich stabiler sind. Indes gehen die Wirkungen perlokutionäre Akte aus der Begutachtung einer gesamten Sprachsituation hervor, wodurch sie eine erhebliche Projektionsfläche für Interpretationen und Umgestaltungen bieten (Austin 1972: 123ff).

Butler geht weiterhin davon aus, dass sich illokutionäre und perlokutionäre Sprechakte nicht klar voneinander trennen lassen, da Sprechen und Handeln, also das Ausführen von gesprochenen Worten, den Charakter der Performativität ausmachen (Butler 2006: 68). Die Produktivität des Diskurses wird folglich durch die Performativität bedingt, da sie Tatsachen, Wirklichkeiten und Realitäten erzeugt, die sie bezeichnet. In Bezug auf die Konstruktion von Geschlecht können das zum Beispiel Geburtshelfer*innen oder Ärzt*innen sein, die das Geschlecht eines Kindes qua performativem Sprechakt als männlich oder weiblich erzeugen und diesem dadurch ausschließlich eine bestimmte Biographie ermöglichen.

„Und in der Tat, mit der ärztlichen Interpellation … wechselt das Kleinkind von einem »es« zu einer »sie« oder einem »er«; und mit dieser Benennung wird das Mädchen »mädchenhaft gemacht«, es gelangt durch die Anrufung des sozialen Geschlechts in den Bereich von Sprache und Verwandtschaft.“ (Butler 1995: 29)

Dieses nun geschlechtsspezifizierte Kleinkind wird im Laufe seines Lebens fortwährend hören, welchem spezifischen Geschlecht es angehört und ein Verständnis von dem strukturierenden Ordnungssystem vorherrschender Normen und Werte entwickeln, indem es sich der sprachlichen und diskursiven Macht unterwirft oder widersetzt. Das einstige Kleinkind weiß um sein Geschlecht; seine Geschlechtsidentität; wen es Begehren darf und welche Sexualpraxis als legitim gilt. So fällt es dann, je nach Unterwerfung an die Macht, in den Bereich der Intelligibilität; oder durch seinen Widerstand in den Bereich des konstituierten Außen.

Als intelligibles Subjekt kann es nun die inkorporierten Normen und Werte durch deren sprachliche Reproduktion in Form von Zitationen und Wiederholungen in deren Dasein stützen oder als verworfenes Wesen die Grenzen der Hegemonie destabilisieren.

2.1.7 Dekonstruktion

Butler erörtert in ihren Werken jedoch nicht nur das diskurs- und sprachtheoretische Konzept von gesellschaftlichen Konstruktionen, sondern zeigt gleichzeitig auf, wie dieser Konstruktivismus von Geschlecht und Geschlechtsidentität verschoben werden kann. Unter dem Begriff der Dekonstruktion versteht Butler weder die Auslöschung noch Auflösung des anatomischen Geschlechts, der Geschlechtsidentität, des Begehrens oder der Sexualpraxis, sondern die Infragestellung (Bublitz 2008: 44) der Konstruktion eben jener im hegemonialen Diskurs. Dekonstruktion ist vielmehr die Kritik an „etwas Nützlichem … ohne das wir nicht auskommen können“ (Butler 1995: 53). Gemeint ist hierbei die Kritik diskursiver Naturalisierung besagter Konstruktionen (Bublitz 2008: 44), eine Kritik an der Behauptung dessen „was schon immer Natur war, muss auch immer Natur sein“. Dekonstruktion versucht die Normen, Werte und „Naturtatsachen“ als Konstruktionen aufzuzeigen und den Diskurs durch subversive Wiederholungen zu destabilisieren und zu verschieben (ebd.). Wenn also Geschlechtsidentität performativ und nicht expressiv ist, dann gibt es keine vordiskursive Identität (Butler 1991: 207). „Es gibt dann weder wahre noch falsche, weder wirkliche noch verzerrte Akte der Geschlechtsidentität, und das Postulat einer wahren geschlechtlich bestimmten Identität enthüllt sich als regulierende Fiktion.“ (ebd.: 208)

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass, wenn es nicht die bestimmte Geschlechtsidentität gibt, müssen nahezu so viele vielfältige Geschlechtsidentitäten wie Menschen auf der Welt existieren.

2.1.8 Diskursive Verschiebung, Subversion und Parodien

Da Butler feststellt, dass sowohl sex, gender als auch Begehren und sexuelle Praktiken nicht Natur, sondern gesellschaftliche Konstruktionen sind und durch performative Sprechakte erst das erzeugen, was sie benennen, ist es möglich diese so erzeugten Wirklichkeiten zu verändern. Innerhalb der heterosexuellen Matrix wird versucht „zur Geschlechter-Verwirrung anzustiften“ (Butler 1991: 61) und mit Hilfe der Performativität als Werkzeug der Macht, Geschlechterparodien, parodistische Varianzen von Geschlecht (ebd.) und Subversionen von Identität zu erzeugen (ebd.: 213). Da weiterhin hegemoniale Normen und Werte nur durch ihre fortwährenden Zitationen stabilisiert werden, ist es ebenso möglich durch die diskursive Einmischung in Form von machtvoll konstituierten Sprechakten die vorherrschenden Vorstellungen zu verändern. Von daher besteht die Option, die engen Grenzen der konstruierten Kategorien Geschlecht und Geschlechtsidentität zu eröffnen, wodurch die „definitorische Unvollständigkeit der Kategorie … dann als normatives Ideal dienen [könnte], das von jeder zwanghaften Einschränkung befreit ist“ (ebd.: 35).

Durch die Dekonstruktion der hegemonialen Zwangsordnung von Binarität, eröffnet sich gleichzeitig der Bereich alternativer Lebens-, Geschlechts- und Identitätskonzepte, die sich als „queer“ verstehen, wodurch „queer“ bereits selbst „durch das diskursive System der heterosexuellen Matrix hervorgebracht [wird]“ (Bublitz 2008: 107f).

Eine diskursive Verschiebung wird besonders am Beispiel des Begriffes „queer“ deutlich, der ursprünglich als herabsetzende oder beleidigende Konnotation für Menschen verwendet wurde, die homosexuelle Beziehungen pflegten. In dem sich diese den Begriff „queer“ aneigneten und in einer anderen Bedeutung verwendeten, nämlich als Selbstbezeichnung, wurde der Begriff seinem ursprünglichen Kontext enthoben und neu-artikuliert. Dies hatte zur Folge, das „queer“ nicht mehr beleidigenden Charakter hatte, sondern als Label respektive Selbstbezeichnung homosexueller Menschen diente (Butler 1991: 181) und somit seine ursprünglich negativ konnotierte Besetzung verlor. Anzumerken ist allerdings, dass sich im heutigen Sprachgebrauch des Wortes „queer“ nicht mehr nur Homosexuelle, sondern auch Trans*, Genderqueere, Drags und viele andere Menschen verorten, die „schräg“ zur heterosexuellen Zweigeschlechterordnung leben oder sich „schräg“ dazu verstehen.

Ein weiteres Beispiel für Subversion ist die kritische Desubjektivation, die innerhalb des Diskurses „die Bereitschaft [erfordert], nicht zu sein“, um den machtvollen Diskurs als „weniger mächtig“ erscheinen zu lassen „als [er] tatsächlich zu sein scheint“ (Butler 2001: 122). Das Individuum kann sich also bewusst der Einschreibung von Normen und Werten entziehen, indem es diese nicht als kulturelle Gesetze anerkennt und sich der damit einhergehenden Macht folglich auch nicht unterwirft. Die Chancen der Veränderung des Diskurses liegen hierbei vor allem in der Tatsache begründet, dass, wenn sich viele Individuen einer kulturellen Norm nicht unterwerfen, diese Norm aufgrund der Machtlosigkeit nicht länger in ihrer bestehenden Form existieren kann, da die Normen auf die Anerkennung und Unterwerfung der Individuen angewiesen sind, um sozial stabil zu sein.

Fundamental für die Destabilisierung von Normen, ergo vom Diskurs ist weiterhin die Produktive Macht der Sprache, was heißt, dass, wenn Äußerungen getätigt werden diese auch Wirklichkeiten erzeugen, was wiederum bedeutet, dass dadurch Wirklichkeiten sichtbar gemacht werden können.

Am Beispiel des generischen Maskulinums eröffnete die diskursive Verschiebung und ständige Wiederholung weiblich konnotierter Berufsgruppen die Sichtbarmachung von Frauen in der Sprache. Die ursprüngliche sprachliche Norm war „der Pädagoge“, unter dessen Beschreibung sich alle Geschlechter wiederfinden sollten. Durch die fortwährende Wiederholung vom weiblichen Pendant im Sprachduktus, eröffnete sich der Diskurs, so dass es nun „Pädagogen“ und „Pädagoginnen“ (lautsprachlich: Pä-da-go-gin-nen) gab. Versucht man nun aus dem binären Konzept von Sprache auszubrechen, kann dies geschehen, in dem von z.B. „Pädagog*innen“ (lautsprachlich: Pä-da-gog-in-nen) gesprochen wird, so dass sich in der Bezeichnung des Berufsstands pädagogischer Fachkräfte sowohl Frauen, Männer, als auch trans*, inter* und weitere Geschlechtsvarianzen wiederfinden.

Je nach Kontext ist es aber auch möglich die individuelle Autorität zu nutzen, um die Normen neu zu artikulieren, in dem man bspw. immer wieder von der Zitation Gebrauch macht, dass Liebe universell sei und sich kein Mensch aussuchen kann, wen er*sie liebt, dass niemand entscheiden kann hetero-, homo- oder pansexuell zu sein oder in welchen Körper er*sie geboren wird. Es ist also möglich, dass jedes Individuum in seinem Mikrokosmos sich dazu bemächtigt Diversität, geschlechtliche und sexuelle Vielfalt als normative Werte zu deklarieren, so dass im Prozess der Reproduktion und Stabilisierung dieser Werte eben jene zu den kulturellen Normen des hegemonialen Diskurses werden können, wodurch sie gesellschaftlich anerkannt würden, was die Heteronormativität destabilisieren und eine geschlechtlich und sexuell vielfältige Normativität erzeugen und stabilisieren würde.

Sprache kann also als aktives Mittel respektive Werkzeug begriffen werden, das gesellschaftliche, diskursive Veränderungen hervorbringen kann und soziale Tatsachen und Wirklichkeiten schafft. Nichtsdestotrotz ist aber in letzter Instanz entscheidend, wer (Sprecher*in), wann (kultureller Rahmen), was (Normen, Werte, Ge- und Verbote), wie (performative Sprechakte) zu wem (Empfänger*in) sagt und welche Reaktion daraus folgt.

2.2 Schnittstelle Habitus nach Pierre Bourdieu

Verknüpfen und veranschaulichen kann man den Prozess der Subjektivation und Materialisierung bei Butler mit Bourdieus Habituskonzept. Der Habitus eines Menschen bezeichnet die Summe seiner Erfahrungen, seine Grundhaltung zu sich selbst, der Gesellschaft und der ganzen Welt und beinhaltet alle Denk-, Verhaltens-, Handlungs- und Wahrnehmungsschemata eines Individuums (Gebauer/ Krais 2002: 5). Da der Mensch jeden Tag neue Erfahrungen in seiner Umwelt, seinem Umfeld mit Menschen, Situationen und kulturellen Begebenheiten macht, findet der Prozess der Habitualisierung, der Ausbildung des Habitus bis zu seinem Lebensende statt und wird fortlaufend weiter entwickelt, gewandelt oder perpetuiert (ebd.: 6f). Der Habitus kann auch als Modus Operandi verstanden werden, also als Handlungsweise oder Art des Vorgehens (ebd.: 5f) eines Individuums gegenüber seiner Umwelt, die ihm jedoch nicht gänzlich bewusst ist. Der Modus Operandi stellt die strukturierende Struktur innerhalb eines sozialen Akteurs, Menschen, Subjekts dar, die es eben jenem ermöglicht Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen und diese den Strukturen seines Habitus entsprechend zu prägen und mitzugestalten. Die Summe der bis zu einem bestimmten Zeitpunkt gesammelten Erfahrungen sind damit auch Produkt, etwas Hergestelltes, Konstruiertes, das man als Opus Operatum, als strukturierte Struktur verstehen kann, in den Körper eingeschriebene Geschichte der bis dato gesammelten Erfahrungen (ebd.: 6), die die Grundparadigmen und Konditionen des Lebens innerhalb der sozialen Ordnung bestimmen.

Bourdieu unterteilt den Habitus in drei soziologische Strukturfelder: Klasse, Geschlecht und soziales Feld, die jeweils einzeln die Erfahrungen, die ein Mensch in der Gesellschaft macht, beeinflussen (ebd.: 31).

[...]


[1] Die vorliegende Bachelorarbeit wurde aus Gründen der Antidiskriminierung in einer gendergerechten Sprache verfasst. Um alle Geschlechter neben der männlichen und weiblichen Form mit einzubeziehen, findet fortlaufend der Asterisk (*) als Platzhalter Verwendung (z.B. Sozialarbeiter*in). Sollte es sich im Text ausschließlich um ein spezifisches Geschlecht handeln, so wird dies entsprechend und eindeutig kenntlich gemacht. Die Nutzung des Asterisk im Anschluss an den Begriff „trans“ fungiert in der Schreibweise „trans*“ als Platzhalter für sämtliche Selbstverortungen und -bezeichnungen von trans* Personen wie: transgender, transident, transsexuell, trans*, Transmann, Transfrau, FtM, MtF, Frau-zu-Mann, Mann-zu-Frau, transgeschlechtlich, genderqueer, Trans*Männer und Trans_Frauen, Trans* Femmes und Transbutches, schwule Mädchen und lesbische Männer, pangender, polygender und viele andere mehr.

[2] Uneindeutige chromosomale, hormonelle und/ oder anatomische Zuordnung zum männlichen oder weiblichen Geschlecht. Die Nutzung des Asterik im Anschluss an den Begriff „inter“ dient als Platzhalter die Selbstverortungen und -bezeichnungen, denen sich eben jene Menschen gleichermaßen unendlich bedienen.

[3] Die sexuelle Identität befindet sich in Übereinstimmung mit dem zugewiesenen Geburtsgeschlecht.

Ende der Leseprobe aus 79 Seiten

Details

Titel
Trans*normaler Wahnsinn. Pathologisierung und Selbstbestimmung von trans* Menschen
Hochschule
Alice-Salomon Hochschule Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
79
Katalognummer
V372410
ISBN (eBook)
9783668512825
ISBN (Buch)
9783960951209
Dateigröße
1534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
trans, gender, Geschlecht, Sex, Vielfalt, Diversity, Transition, Menschenrechte, inter, queer, Sexualwissenschaft, geschlechtliche Vielfalt, Dekonstruktion, Judith Butler, Undoing Gender, Doing Gender, Habitus, Bourdieu
Arbeit zitieren
Franziska Jahn (Autor), 2017, Trans*normaler Wahnsinn. Pathologisierung und Selbstbestimmung von trans* Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372410

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