Diese Arbeit geht der Frage nach, inwiefern es sich bei dem Roman "Tarub, Bagdads berühmte Köchin" und der Novelle "Weltmacht" Paul Scheerbarts um orientalistische Texte nach den Thesen Saids handelt, oder ob in diesen eher ein 'anderer Orientalismus', wie er von Polaschegg beschrieben wird, dargestellt wird. Es soll also untersucht werden, wie die Darstellung des Orients bei Scheerbart erfolgt und ob sie, beziehungsweise inwiefern sie, zu einer der durch Said und Polaschegg präsentierten Orient-Rezeptionen tendiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zusammenfassung der zentralen Thesen des Werks Orientalismus Edward Saids
3. Zusammenfassung der zentralen Thesen des Werks Der andere Orientalismus: Regeln deutsch-morgenländischer Imagination im 19. Jahrhundert Andrea Polascheggs
4. Untersuchung des Romans Tarub, Bagdads berühmte Köchin Paul Scheerbarts auf orientalistische Deutungsmuster nach den Thesen Saids und Polascheggs
5. Untersuchung der Novelle Weltmacht Paul Scheerbarts auf orientalistische Deutungsmuster nach den Thesen Saids und Polascheggs
6. Zusammenfassung der Ergebnisse
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Bachelorarbeit untersucht, inwiefern die orientalistischen Darstellungen in Paul Scheerbarts Roman Tarub, Bagdads berühmte Köchin und der Novelle Weltmacht mit den Thesen von Edward Said über einen eurozentrischen, machtorientierten Orientalismus korrespondieren oder ob sie stattdessen den Ansatz eines "anderen Orientalismus" nach Andrea Polaschegg widerspiegeln, der eine differenziertere, respektvolle Auseinandersetzung mit der morgenländischen Kultur postuliert.
- Analyse der Machtverhältnisse und des eurozentrischen Blicks bei Edward Said.
- Kontrastierung mit der Polaschegg'schen These der respektvollen deutsch-morgenländischen Imagination.
- Untersuchung von orientalistischen Deutungsmustern in ausgewählten Werken von Paul Scheerbart.
- Erörterung von Aspekten wie Eskapismus, Sinnlichkeit und kultureller Wertschätzung im literarischen Orientbild.
- Synthese der Ergebnisse im Hinblick auf die Konstruktion des Orients als ästhetisches Gegenmodell zur europäischen Moderne.
Auszug aus dem Buch
Untersuchung des Romans Tarub, Bagdads berühmte Köchin Paul Scheerbarts auf orientalistische Deutungsmuster nach den Thesen Saids und Polascheggs
Zu Beginn des Romans Tarub, Bagdads berühmte Köchin verwendet Scheerbart ein Form der Orient-Darstellung, die, so wird es zumindest von Said beschrieben, charakteristisch ist für die Rezeption des Morgenlandes aus der Sicht eines Abendländers. Denn Scheerbart zeichnet unmittelbar in der Eingangssituation das Bild eines idyllischen, romantisch verklärten Orients. So beschreibt er anschaulich die Art und Weise, wie sich das Sternenlicht im beeindruckenden Tigris und auf den prachtvollen Bauten der Stadt widerspiegelt. Diese Stilisierung des Orients zu einer Idylle wird außerdem verstärkt durch die Beschreibung des Nebeldunstes, der sich um eben diese Bauten erhebt und durch die Schilderung von sich im Winde wiegende Palmen in den Gärten der Stadt: Unzählige Sterne glänzen aus dem tiefblauen Himmel auf Bagdad hinab; sie spiegeln sich in den lauten Fluten des Tigris, und an den bunten Kacheln der Minaretts, der Palast- und Moscheekuppeln werden auch die Glanzlichter der Sternenwelt glitzernd umhergestrahlt. Die Kalifenburg mit ihren prächtigen Türmen, Kiosken und Galerien hebt sich hoch heraus aus dem Häusergewirr der großen Stadt, aus der ein Nebeldunst – magisch leuchtend – aufsteigt. Und am Tigris entlang leuchten die weißen Mauern der Landhäuser; in deren Gärten schwanken die ruhigen Palmen im Abendwinde…
Allerdings wird anhand dieser Passage auch ganz klar ersichtlich, dass der Orient hier nicht mit negativen Attributen assoziiert wird, wie Said in seinen Thesen behauptet. Stattdessen wird besonders die orientalische Architektur hervorgehoben und dieser Respekt gezollt. Es schwingt sogar Bewunderung mit, wenn von den majestätischen Prachtbauten des Morgenlandes die Rede ist und die Bauten werden beinahe als beispielhaftes Exempel der Architekturkunst herangezogen. In diesem Sinne erfolgt somit keine Verunglimpfung des Orients, wie sie von Said beschrieben und für viele Fälle konstatiert wurde. Stattdessen erfolgt ein respektvoller, wertschätzender Umgang mit dem Orient, wie er von Andrea Polaschegg geschildert wurde, wobei das Morgenland für den Westen eine Vorbildfunktion erfüllt und durchaus positiv konnotiert ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik des Orientalismus und die wissenschaftliche Fragestellung unter Einbeziehung der konträren Positionen von Edward Said und Andrea Polaschegg.
2. Zusammenfassung der zentralen Thesen des Werks Orientalismus Edward Saids: Darstellung des Said’schen Konzepts des Orientalismus als eurozentrisches Herrschaftsinstrument, das den Orient als irrational und unterlegen konstruiert.
3. Zusammenfassung der zentralen Thesen des Werks Der andere Orientalismus: Regeln deutsch-morgenländischer Imagination im 19. Jahrhundert Andrea Polascheggs: Erläuterung von Polascheggs Kritik an Said, wobei sie betont, dass der Orient oft als inspirierendes Vorbild und kulturelles Gegenmodell rezipiert wurde.
4. Untersuchung des Romans Tarub, Bagdads berühmte Köchin Paul Scheerbarts auf orientalistische Deutungsmuster nach den Thesen Saids und Polascheggs: Analyse der Romantexte im Hinblick auf ihre idyllische Darstellung und das gleichzeitige Vorhandensein von sowohl abwertenden als auch bewundernden orientalistischen Mustern.
5. Untersuchung der Novelle Weltmacht Paul Scheerbarts auf orientalistische Deutungsmuster nach den Thesen Saids und Polascheggs: Anwendung der erarbeiteten Thesen auf die Novelle, mit Fokus auf die Themen Eskapismus, Dekadenz und die Konstruktion des Orients als ästhetische Gegenwelt.
6. Zusammenfassung der Ergebnisse: Synthese der Analyseergebnisse, die aufzeigt, dass Scheerbarts Orientdarstellung ein komplexes, hybrides Phänomen ist, das sowohl Said’sche Stereotype als auch Polaschegg’sche Wertschätzung vereint.
Schlüsselwörter
Orientalismus, Paul Scheerbart, Edward Said, Andrea Polaschegg, Tarub Bagdads berühmte Köchin, Weltmacht, Eurozentrismus, Kulturkonstrukt, Literaturanalyse, Morgenland, Idylle, Exotismus, Dekadenz, Identitätsbildung, literarischer Eskapismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Orientbild in ausgewählten literarischen Texten von Paul Scheerbart und prüft, inwiefern diese den Orientalismus-Theorien von Edward Said oder den Thesen von Andrea Polaschegg entsprechen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit fokussiert auf die Darstellung des Orients als Idylle oder Bedrohung, das Verhältnis zwischen Okzident und Orient sowie die Rolle des Orients als ästhetische Gegenwelt und Rückzugsort für den Autor.
Was ist das primäre Ziel der Bachelorarbeit?
Ziel ist es zu klären, ob Scheerbart den Orient im Sinne eines "klassischen" eurozentrischen Orientalismus abwertet oder ob er – im Sinne von Polaschegg – eine wertschätzende, wenn auch fiktive, Faszination für das Morgenland zum Ausdruck bringt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, bei der sie die Primärtexte von Scheerbart mit den theoretischen Rahmenwerken von Said und Polaschegg in einen direkten Vergleich setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Untersuchung des Romans "Tarub, Bagdads berühmte Köchin" und der Novelle "Weltmacht" unter Anwendung der theoretischen Konzepte auf konkrete Textstellen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Orientalismus, Eurozentrismus, kulturelles Konstrukt, Eskapismus, Machtverhältnisse und die spezifische "deutsch-morgenländische Imagination".
Wie bewertet Scheerbart die Rolle des Orients im Vergleich zu Europa?
Scheerbart nutzt den Orient als ästhetisches Gegenmodell zur europäischen Moderne seiner Zeit; dabei schwankt er zwischen einer romantischen Verklärung als Idylle und einer Darstellung, die den Orient als hochkulturell, aber auch als exzessiv und "gefährlich" wahrnimmt.
Welche Rolle spielt der "Anderer Orientalismus" nach Polaschegg in der Analyse?
Polascheggs Ansatz dient dazu, die Einseitigkeit von Saids Thesen aufzubrechen, indem er aufzeigt, dass der Orient in der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts auch als Quelle der Inspiration, des Fortschritts und der Bewunderung fungierte.
- Arbeit zitieren
- Sarah Neubauer (Autor:in), 2016, Orientalismus bei Paul Scheerbart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372448