Antiautoritäre Erziehung nach Alexander Sutherland Neill


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
30 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1. Alexander Sutherland Neill
1.1 Biographie Neills
1.1.1 Kindheit und Jugend
1.1.2 Erste Lehrjahre
1.1.3 Studium und erste akademische Beschäftigungen
1.1.4 Neill als Schulleiter und sein Kontakt mit der neuen Erziehungsbewegung
1.2 Hauptwerke Neills -
1.2.1 Neills Zeitschrift „Education of the New Era“
1.2.2 Werke zu seiner Schule „Summerhill“
1.3 Die Studentenbewegung als gesellschaftliche Entstehungsvoraussetzung antiautoritärer Erziehung
1.4 Erzieherische Leitgedanken und Grundsätze der Pädagogik Neills
1.4.1 Freiheit des Kindes
1.4.2 Selbstbestimmung des Kindes
1.4.3 Glück als anzustrebendes Erziehungsziel
1.5 Anthropologische Grundlagen seiner Pädagogik
1.5.1 Menschenbild
1.5 2 Gesellschaftsbild
1.6 Neills pädagogische Konzeption der antiautoritären Erziehung in „Summerhill“
1.6.1 Bedeutung von Macht in der antiautoritären Erziehungskonzeption
1.6.2 Freiwilligkeit als Basis derNeilFschen Freiheits-Erziehung
1.6.3 Verantwortung
1.6.4 Liebe, Anerkennung und Humor.
1.6.5 Sexualität als Grundlage der Persönlichkeit

2. Pädagogische Anthropologie Neills im Verhältnis zu den anthropologischen Grundlagen Eugen Finks und Christoph Wulfs
2.1 Anthropologische Grunddimensionen bei Eugen Fink
2.2 Anthropologische Deutungsbahnen Christoph Wulfs
2.2.1 Die kulturelle Natur des Menschen - Körper und Tod
2.2.2 Die Jenseitsstruktur des Menschen
2.2.3 Das Spiel - Mimesis und Imagination, Gesellschaft und Performativität
2.3 Die Pädagogik des Spiels bei Neill im Vergleich zu Christoph Wulf.

3. Persönliche kritische Stellungnahme zur antiautoritären Pädagogik Neills und seiner Schule „Summerhill“

4. Quellenverzeichnis
4.1. Internetquellen
4.2 Literatur

1. Alexander Sutherland Neill

Die vorliegende Arbeit thematisiert das reformpädagogische Erziehungskonzept von Alexander Sutherland Neill. Um Grunddimensionen seiner theoretischen Vorstellungen von Erziehung, Bildung und Pädagogik, sowie die Konzeption seiner Schule „Summerhill“, welche jene theoretischen Ansätze praktisch umsetzt, zu verstehen, ist es nötig, die Biographie und den Werdegang des Reformpädagogen sowie seine Mentoren in den Blick zu nehmen, da beides gleichermaßen Einfluss auf seine pädagogischen Auffassungen hatte und sich in Neills erzieherischen Ansichten widerspiegeln. Ferner wird auf die historisch-gesellschaftlichen Hintergründe Neills, quasi die ausschlaggebenden Impulse für seine Leitgedanken und pädagogischen Grundsätze eingegangen, die ebenfalls ausgeführt werden. Anschließend soll es dann um die Anthropologie Neills, sein Menschen-und Gesellschaftsbild, gehen, welche die Grundlagen seiner antiautoritären Erziehungskonzeption und das Fundament seiner Schule „Summerhill“ darstellen.

1.1 Biographie Neills

Zu Beginn aber wird ein Blick auf die Biographie des Reformpädagogen Alexander Sutherland Neill geworfen.

1.1.1 Kindheit und Jugend

Alexander Sutherland Neill wurde am 17.0ktober 1883 als viertes von acht Kindern in Forfar (Schottland) geboren. Sein Vater, George Neill, der ursprünglich einer Bergarbeiterfamilie entstammte, hatte sich zum Schulleiter „hochgearbeitet“ und war in einer schottischen Dorfschule tätig. Mary Sutherland, Neills Mutter, arbeitete bis zu ihrer Hochzeit ebenfalls als Lehrerin, bis sie ihre Stellung letztlich aufgeben musste, da es verheirateten Frauen im damaligen Schottland nicht gestattet war, an Schulen zu lehren. Mary galt als äußerst stolze Frau, die trotz der ständigen Geldsorgen viel Wert auf ein dem sozialen Status der Familie Sutherland entsprechendes Leben und Verhalten legte. Neill selbst empfand dies bereits in seiner Kindheit als belastend: „Daß Mutter solchen Nachdruck auf gesellschaftliche Stellung legte, engte uns, fürchte ich, ein. Wenn im Sommer die ganze Schule barfuß ging, mußten wir heiße Strümpfe und Schuhe tragen - und steifgestärkte Kragen.“[1] Ebenfalls eine Belastung, fast schon eine Qual für Neill waren die sonntäglichen Kirchgänge. Für ihn beinhalteten sie lediglich „äußerste Langeweile“ mit „langweiligen Psalmen“ und „einer scheinbar endlosen Predigt“[2]. Weil Neill nicht sonderlich gut lernen konnte, hatte er auch wenig Interesse am Unterricht oder an Büchern. Sein Vater war deshalb der Meinung, dass aus seinem Sohn nichts werden würde, was er ihn an diversen Demütigungen und körperlichen Bestrafungen spüren ließ: „Er war oft grausam zu mir, und ich entwickelte eine ausgesprochene Angst vor ihm, eine Angst, die ich auch als Mann nie ganz überwand.“[3] Im Alter von vier Jahren besuchte Neill die Schule, an der auch sein Vater tätig war und dieselbe Strenge wie im Elternhaus an den Tag legte, weshalb der Unterricht von Zwang und Disziplin geprägt war. Nicht nur zu Hause sondern auch in der Schule „zitterte“ der junge Neill „vor den mächtigen Autoritäten“[4]. Vor allem Sexualität war in seiner Kindheit ein tabuisiertes Thema, dajene Zeit vom schottischen Calvinismus geprägt war, der Bildung und Erziehung zur damaligen Zeit maßgeblich bestimmte und solche Themen als Entheiligung des „Tages des Herrn“[5] empfand. Mit 14 Jahren begann er gemäß der Anweisung seines Vaters eine Lehre als Buchhaltungsgehilfe in Edinburgh, kehrte aber nach sechs Monaten aufgrund schlechter Arbeitsverhältnisse, geringen Verdienstes und Heimwehs zurück in die Heimat. Dort sollte er nach den Plänen seines Vaters Tuchhändler werden. Auch diese Arbeit musste Neill aus gesundheitlichen Gründen nach kurzer Zeit niederlegen.

1.1.2 Erste Lehrjahre

Als Alexander Sutherland Neill 15 Jahre alt war, beschlossen seine Eltern, dass er den Lehrerberuf ergreifen sollte. Neill wurde deshalb in den folgenden vier Jahren „pupil teacher“ (Lehrerpraktikant) seines Vaters. Ähnlich wie in einem Tutorensystem unterrichtete er als älterer Schüler diejüngeren. In dieser Zeit erkannte er, dass man am besten etwas lernt, wenn man es selbst lehrt, was dazu führte, dass sein Interesse und seine Motivation zum Lernen geweckt wurde. Als er nach den vier Lehrjahren unter der Autorität seines Vaters das Examen für die Aufnahme an der Universität Edinburgh nicht bestanden hatte und damit eine Lehrerausbildung unmöglich wurde, wurde er, zum großen Beschämen seines Vaters, ein sogenannter „ex-pupil-teacher“ (Ex­Praktikant). Er war somit als „Hilfslehrer“ tätig und, wie er sich selbst bezeichnet, einer der „niedrigsten Würmer im Garten der Bildung“[6]. In dieser Stellung bewarb er sich anschließend an einer Schule in Bonnyring bei Edinburgh, an der er aber nur für zwei Monate beschäftigt war, da ihn die sehr strengen Erziehungsmethoden abschreckten. Danach ging er für drei Jahre als „strenger Zuchtmeister“[7] nach Kingskettle, wo seiner Meinung nach das Höchstmaß an Disziplin herrschte, was seinen Prinzipien ganz und gar widerstrebte, weshalb er, in Abwesenheit des Schulleiters, seinen Schülern gewisse Freiheiten einräumte.

Neills glückliche Jahre begannen 1906, als er in Newport die Stelle eines Konrektors antrat. Grund dafür war der „lockere“ Führungsstil des dortigen Schulleiters Willsher: „Willshers Disziplin war unbeschwert - es scherte ihn wenig, wieviel die Kinder schwatzten - und vom ersten Tag an liebte ich die Schule.“[8] Endlich konnte er sich aus der erdrückenden Autorität seines strengen Vaters befreien, gewann eine gewisse Eigenständigkeit hinsichtlich seiner Lehrmethoden und baute ein sehr großes Selbstbewusstsein auf. Kurze Zeit später bestand er dann auch sein Abschlussexamen in der Lehrerausbildung und die Aufnahmeprüfung zur Universität.

1.1.3 Studium und erste akademische Beschäftigungen

Im Jahre 1908 ging Neill, erneut auf Drängen seines Vaters, an die Universität Edinburgh um Agrarwissenschaft zu studieren, obwohl er selbst ursprünglich die Universität in St. Andrews in Schottland besuchen wollte. Aufgrund seines Desinteresses an dem (nur) vom Vater gewünschten Studienfach, wechselte er nach einem Jahr zum Studiengang „Anglistik“, für welchen er sich deutlich mehr begeisterte. In dieser Zeit wandte er sich nach reichlicher Lektüre verschiedener Autoren sozialistischen Ideen zu und brachte die Studentenzeitschrift „Student“ heraus. Bereits in den Veröffentlichungen dieser Zeitschrift, kritisierte er die universitären Lehrformen und die allgemein angewandten (autoritären) Erziehungsmethoden. Am 05.Juli 1912 erhielt er als einer der Besten den akademischen Titel des „Master of Arts“ und strebte nun eine journalistische Laufbahn an. Was er auf keinen Fall wolle, wäre „nach Schottland zurückkehren und Lehrer werden“[9]. Deswegen wurde er zunächst Redakteur bei einem Verlag in Edinburgh, dann nach Beendigung dieser Arbeit künstlerischer Assistent eines neugegründeten Magazins. Dieses erschien allerdings aufgrund des ausbrechenden Krieges nie.

1.1.4 Neill als Schulleiter und sein Kontakt mit der neuen Erziehungsbewegung

Als der erste Weltkrieg ausbrach und er im Journalismus gescheitert war, nahm er im Jahre 1914 eine den Posten des stellvertretenden Schulleiters von Gretna Green, einer kleinen schottischen Dorfschule mit 150 Schülern an. Neill selbst empfand es als paradox, dass gerade er als „pädagogischer Ketzer“[10] nun wieder als Lehrkraft tätig war. Die Stelle war für ihn allerdings auch ein Schutz vor militärischer Kriegsverpflichtung, der Neill entgehen wollte. Da sich aber der damalige Rektor der Dorfschule freiwillig dem Militärdienst verschrieb, übernahm Neill nun dessen Stelle als Schulleiter. Zum ersten Mal beschäftigte er sich konkret mit Fragen der Erziehung und konnte endlich sein Verständnis von Lehren, Lernen und Erziehung praktisch umsetzen. Das Schulleben unter Neills Leitung war deswegen geprägt von wenig disziplinarischen Maßnahmen. Aufgrund der Sinnlosigkeit, welche Neill in einigen verpflichtenden, weniger populären Unterrichtsthemen sah, erlaubte er seinen Schülern nicht nur die (für jene angemessene) Vernachlässigung, sondern gestattete denjenigen Schülern, die wenig Interesse am Unterrichtsgeschehen zeigten, den Klassenraum (kurz) zu verlassen. Neill forderte seinen Lehrkörper auf, statt monotonem Frontalunterricht, (Lehr-)ausflüge und Exkursionen in die Natur zu machen. Außerdem ersetzte er Lehrbücher durch ausgewählte Literatur.

Doch bereits im Frühjahr 1917 wurde Neill doch noch als kriegstauglich gemustert und trat den Militärdienst an, welcher ihn an verschiedene militärische Stationen führte. Schlussendlich befiel ihn aber eine schwere Grippe, wegen der nach einiger Zeit wieder aus dem Kriegsdienst entlassen wurde. Während seiner Zeit beim Militär wurde er auf den amerikanischen Erzieher Homer Lane und seine Besserungsanstalt „Little Commonwealth“ aufmerksam, für welche er sich gerne beworben hätte, wäre die Institution nicht bereits geschlossen worden. Neill sandte seine Bewerbung deshalb an die „King Alfred School“ von John Russell, wo er als Lehrer angenommen wurde. Grund für sein Interesse an dieser Schule war ihr koedukativer Stil ohne Noten und Prügelstrafen. Ausgehend davon startete Neill sein Experiment vom sogenannten „Self­government“ nach dem Vorbild Homer Lanes. Doch als es zu Konflikten im Lehrerkollegium bezüglich der Selbstverwaltungssitzungen über einzelne Lehrer kam, empfahl ihm John Russell, die Arbeit an dieser Schule zu beenden.

1.2 Hauptwerke Neills

Nachdem Neill auf Anraten John Russells die „King Alfred School“ verließ, begann die Zeit des Publizierens seiner Werke, die bis heute die Grundlage der antiautoritären Erziehungsbewegung darstellen.

1.2.1 Neills Zeitschrift „Education of the New Era“

Im Frühjahr 1920 gab Neill gemeinsam mit Beatrice Ensor, einer Theosophin und Pädagogin aus Marseille, die Zeitschrift „Education of the New Era“ heraus. Dieses journalistische Blatt war bedeutsam für das Vorantreiben der reformpädagogischen Ansätze Neills, denn nun war es ihm möglich, sich mit einer Bandbreite an pädagogischen Themen und Bildungs- sowie Erziehungsfragen zu beschäftigen und sich frei über die bestehenden Strukturen der Bildungseinrichtungen in (teilweise heftiger) Kritik zu äußern. Auch die zunehmend bekannter werdende Montessori-Pädagogik betrachtete er kritisch: „Nein, die Montessori-Welt ist zu wissenschaftlich für mich. Sie ist zu ordentlich, zu didaktisch.“[11] In allen publizierten Beiträgen Neills in der „Education of the New Era“, wie z.B. in dem über die pädagogischen Grundprinzipien Maria Montessoris, schwang stets seine Erziehungsphilosophie von Freiheit, Selbstbestimmung und Glück, welches das Ziel aller Erziehung sein solle, mit. Als Hauptwerk kann die Zeitschrift aber auch deswegen bezeichnet werden, weil sie maßgeblich den wachsenden Bekanntheitsgrad Neills und seiner Pädagogik beeinflusste. Als Mitherausgeber wurde er deswegen auch zu vielen Vorträgen geladen, in denen er vor großem Publikum sprach. Ausgehend von der Kritik, die unter anderem auch Neill an den veralteten Erziehungsidealen äußerte, entstanden überall in Europa Reformschulen, welche durch die Einführung von Koedukation, die Loslösung von festen Stunden- und Fachschemata, die Auflösung von Klassenverbänden, das Ersetzen von Lehrbüchern durch (zum Teil selbsterstellte) Nachschlagewerke oder die Einrichtung von Schulgärten bzw. Schuldruckereien gekennzeichnet waren. Der Erfolg seines journalistischen Blattes eröffneten ihm auch ganz neue Wege der praktischen Umsetzung seiner Erziehungskonzeption. So bekam er beispielsweise im Zuge seiner Deutschlandreise, in der er über den Betrieb und die Organisation der Jaques-Dalcoze-Schule in Hellerau schrieb, von einem Architekten und dessen Frau, Schülerin von Emile Jaques-Dalcoze, das Angebot, die neu geplante Rhythmik-Schule in Hellerau nach seinen pädagogischen Grundsätzen zu gestalten. Bereits 1921 stilisierten sich in Hellerau bestimmte Elemente heraus, die auch für seine eigens gegründete Schule „Summerhill“ charakteristisch wurden. So nahm er beispielsweise die Unterrichtsform des „Self-government“ wieder auf und stellte die Teilnahme am Unterricht frei. „Das Interesse sollte aus dem Kind selbst kommen, und dieses Dinge-interessant-machen ist falsch.“[12] In Hellerau entstand zudem ein weiteres Buch Neills mit dem Titel „A Dominie Abroad“, in dem er von seinen Erfahrungen und Erkenntnissen während seiner Deutschlandreise berichtet. Die Schule in Hellerau musste jedoch im Jahre 1923 nach dem Ausbruch eines Bürgerkriegs in Sachsen und dem darauffolgenden Rückgang der Schülerzahlen ihren Betrieb einstellen.

1.2.2 Werke zu seiner Schule „Summerhill“

Ende des Jahres 1924 reiste Neill nach England, wo er sich ein Haus in Lyme Regis in der Grafschaft Dorset kaufte und es „Summerhill“ nannte. In seiner Zeitschrift hieß es hierzu im Oktober 1924: „A.S. Neill hat seine Internationale Schule heimgebracht und sich in Summerhill, Lyme Regis, niedergelassen. Er spezialisiert sich auf Problemkinder und sagt, daß er Jungen und Mädchen aufnehmen will, die an anderen Schulen beschwerlich, faul, träge, antisozial sind.“[13] Die Popularität von „Summerhill“ stieg schlagartig mit der Veröffentlichung seines Buches „The Problem Child“, in welchem er verdeutlichen wollte, dass die moralbetonte Erziehung, die viele Eltern erfahren haben, die ihrer eigenen Kinder nachhaltig (negativ) beeinflusse. Die Zahl von ursprünglich fünf Problem-Kindern in Summerhill stieg dadurch deutlich auf ca. 60 an. Den Umgang mit diesen Veränderungen sowie Betrieb, Organisation und die pädagogischen Grundprinzipien, nach denen sich der Schulalltag ausrichtete, beschrieb Neill in seinem I960 in New York verfassten Hauptwerk „Summerhill - A Radical Approach to Child Rearing“. Das in sieben Kapitel unterteilte Buch greift unter anderem die Themen Sexualität, Religion und Moral, und Probleme des Kindes und der Eltern auf. Mehr als die Hälfte dieses Werkes beanspruchen aber die Zielformulierungen der Schule und Fragen der Erziehung und Disziplin. Einen systematischen Aufbau weist das Werk, passend zu den Ansichten seines Verfassers, der Systematik und Ordnung als beengend empfand, eher weniger auf. Die tragenden Leitgedanken werden eher durch beispielhafte Anekdoten aus dem realen Schulleben Summerhills deutlich. Diese werden später in den Gliederungspunkten 1.4, 1.5 und 1.6 genauer aufgegriffen. Auch die Beurteilung jener Leitgedanken durch die staatliche Schulbehörde hielt Neill 1949 nach dem ersten Besuch der Schulinspektoren in seinem Werk „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“ fest. Hier veröffentlichte er sogar den originalen Bericht der Inspektoren, welche Summerhill zwar tolerierten, aber staatlich nicht anerkennen konnten, da sie aufgrund derer Bewertungskriterien (Wissensstand der Schüler in „wichtigen“ Unterrichtsfächern) nicht als leistungsfähig erachtet wurde. Neill selbst vertrat die Auffassung „daß man nichts wirklich Wichtiges lehren kann. Mathematik, Englisch, Französischja, aber nicht Güte, Liebe, Aufrichtigkeit.“[14]

1.3 Die Studentenbewegung als gesellschaftliche Entstehungsvoraussetzung antiautoritärer Erziehung

Wie aus der Biographie Neills deutlich spürbar ist, war vor allem die eigens von ihm erlebte Unterdrückung durch Autoritäten, besonders durch seinen Vater, ausschlaggebend für seine späteren pädagogisch-erzieherischen Ansichten. Doch die Gesamtdynamik der antiautoritären Erziehungsbewegung hat ihren Ursprung in gesellschaftspolitischen Dimensionen.

Der Drang nach Befreiung von autoritärer Unterdrückung, das Aufkommen eines spezifischen Interesses an antiautoritären Erziehungsperspektiven sowie deren praktischer Umsetzung ist erstmals deutlich im Kontext der Studentenbewegung der sechziger Jahre zu sehen. Hier trat nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA, Frankreich, England und Belgien eine neue, jüngere Generation ins Leben der Öffentlichkeit, welche, anders als die ältere Generation, vor ihnen nicht mehr Prestige und materiellen Wohlstand als oberste Präferenz hatte, sondern die drängende Forderung nach Mitbestimmung und einem gesellschaftlich-kulturellen Wandel. Ausschlaggebend für diese Forderungen war unter anderem die Stagnation der ökonomischen Lage, die das Resultat des stetigen Wirtschaftswachstums nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland gewesen war. Erstmals war man nun mit Wirtschaftsphänomenen wie der Rezession und dem Ende der Vollbeschäftigung konfrontiert. Vor allem im Krisenjahres 1967 zeichnete sich deutlich ab, dass die alten Bildungsstrukturen den höher qualifizierten Arbeitskräften nicht mehr gerecht werden konnten. Eine Bildungsreform war unabdinglich. Auch wenn der studentische Protest, der sich vor allem gegen die damalige große Koalition von CDU/CSU und SPD richtete, oftmals wie ein politisch-sozialer Widerstand scheint, so war er aber in erster Linie ein Widerstand gegen die vorherrschenden universitären Missstände. Schlechte Studienbedingungen aufgrund völlig überfüllter Hochschulen, Unfähigkeit und Unwilligkeit der Universität zur Selbstreform, unangemessene Hochschulmaßnahmen der Länder, unüberschaubare Fakultäten, zunehmende Stofffülle, mangelnder Kontakt zwischen Studenten und Dozenten, erstarrte Formen dogmenartigen Dozierens, eine unkontrollierte, patriarchalische Ordinarienherrschaft verbunden mit der Zurückdrängung kritischer Fragestellungen aus dem Wissenschaftsbetrieb wie auch mangelnde Einflussmöglichkeiten der Studenten auf die Organisation ihres Lernens und auf das Selbstverständnis der Universität[15] kennzeichneten das damalige (universitäre) Bildungssystem. Weil der Widerstand hinsichtlich des Studentenprotestes vor allem aus der Gesellschaft herrührte, richtete sich die studentische Bewegung zunehmend gegen diese „verbürgerlichte, erstarrte, verlogene, etablierte und heuchlerisch interpretierte Wohlstandsgesellschaft“[16]. Hier wird schon deutlich spürbar, wie scharf die gesellschaftlichen Denk- und Verhaltensmuster, die autoritären Herrschaftsbeziehungen und die gesamte durch Machtmittel gesteuerte Gesellschaft kritisiert wurden. Die Forderung nach einer neuen, repressionsfreien Gesellschaft der Zukunft war so stark wie nie. Man erkannte aber, dass eine Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins eine Veränderung im Bereich der Erziehung voraussetzte. Eine antiautoritäre Erziehung sollte daher die gedankenlose Übernahme von außen „aufgedrückter“ Ordnungen und Verhaltensmuster verhindern und zudem die kritisch-rationale Auseinandersetzung und Reflexion der vorherrschenden (veralteten) politischen Herrschaftsformen, die keinen Raum für Freiheit und Selbstbestimmung gelassen hatten, ermöglichen.

1.4 Erzieherische Leitgedanken und Grundsätze der Pädagogik Neills

Um einen ersten Eindruck von den Grunddimensionen der Neillschen Pädagogik zu geben, möchte ich zunächst einige Zeilen aus dem 1923 erschienenen Buch „The prophet“ von Khalil Gibran, das auch zu Beginn von Neills Werk „Summerhill - A radical approach to child rearing“ auf dessen Ausführungen einstimmen soll. Dort heißt es:

[...]


[1] Neill 1972, 23

[2] Neill 1972, 21

[3] Neill 1972, 22

[4] Neill 1972, 50

[5] Neill 1972, 65

[6] Neill 1972, 76

[7] Neill 1972, 83

[8] Neill 1972, 91

[9] Neill, 1972, 116

[10] Neill 1972, 122

[11] Croal 1983, 105

[12] Zit. n. Kühn 1995, 54

[13] Zit. n. Kühn 1995, 64

[14] Neill 1972, 194

[15] Vgl. Masthoff 1981, 10

[16] Masthoff 1981,25

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Antiautoritäre Erziehung nach Alexander Sutherland Neill
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Veranstaltung
Pädagogik
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
30
Katalognummer
V372449
ISBN (eBook)
9783668524347
ISBN (Buch)
9783668524354
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eugen Fink, Alexander Sutherland Neill, Christoph Wulf, antiautoritär, Pädagogik, Reformpädagogik, Erziehung
Arbeit zitieren
Julia Siegert (Autor), 2016, Antiautoritäre Erziehung nach Alexander Sutherland Neill, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372449

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