Im Rahmen dieser Hausarbeit wird die sogenannte Komposition mit identischen Gliedern (KIG) erläutert, welche in der Forschung ein relativ neuartiges Phänomen darstellt und bis dato vorwiegend im englischsprachigen Raum untersucht wurde. Formal gesehen besteht die KIG aus einer Konstruktion aus zwei angrenzenden, völlig identischen Wörtern, die ohne Verbindungselemente (z.B. Fugenelemente) miteinander verbunden sind. Damit unterscheiden sie sich von der „normalen“ Komposition insofern, dass deren Verbindungen nur aus ungleichen Konstituenten bestehen (Haustür). Dabei ist dieser Prozess nicht lediglich auf Nomen beschränkt (1); sondern wie Freywald (2013) konstatiert, auch mit Adjektiven (2), Adverbien (3) und vereinzelt mit Verben beobachtbar.
(1) Dann bin ich doch mal hier die langweilige Wurst, die ein Buch nach dem anderen liest. :-) Es ist höchstens drin, gleichzeitig eins auf meinem Reader und ein Buchbuch zu lesen und selbst das mach ich nicht so gerne. (Freywald 2013: 10)
(2) Er hat Tagesdienste, das heißt er muss den ganzen Tag arbeiten, also von früh bis spät, also früh-früh bis spät-spät.
(Freywald 2013: 13)
(3) [Gespräch zwischen zwei Studentinnen:]
A: Ich war am Wochenende daheim.
B: Hier in Mainz oder daheim-daheim?
(Finkbeiner 2014: 184)
[...]
Um aufzuzeigen, warum man sich derart ausdrückt, muss zunächst erörtert werden, in welcher Art und Weise der Hörer KIG überhaupt auffassen kann. Hierzu stelle ich kurz dar, welche Lesarten bzw. Relationen existieren. Dabei beziehe ich mich vorwiegend auf Finkbeiners Pilotstudie von 2014 und die darin enthaltenen Relationen „Prototyp“ und „Echt“3. Anschließend zeige ich auf, wie der Verstehensprozess bei KIG ablaufen kann. Mit anderen Worten: Wie kommt es dazu, dass der Hörer überhaupt etwas versteht und im Idealfall das versteht, was der Sprecher meint? Um dies zu veranschaulichen, arbeite ich einen möglichen pragmatischen Schlussprozess einer „echten“ Lesart heraus. Dabei berücksichtige ich besonders die Griceschen Konversationsmaximen (vgl. Grice 1993) und deren mögliche Verletzungen. Abschließend stelle ich dar, welche Rolle der Kontext zum Verständnis von KIG einnimmt. Innerhalb dieser Diskussion bestehen divergierende Meinungen bzgl. der Relevanz des Kontexts. Dazu stelle ich Huangs relativ extreme Position der von Finkbeiner und Hohenhaus gegenüber und gehe auch auf die jeweiligen Positionen bzgl. der Lexikalisierung von KIG ein.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Lesarten
2.1 Die „prototypische“ Lesart
2.2 Die „echte“ Lesart
3. Verstehensprozess
4. Kontextabhängigkeit
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den kommunikativen Mehrwert von Kompositionen mit identischen Gliedern (KIG) im Deutschen. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie Hörer die Bedeutung dieser oft redundanten Wortbildungsprozesse erschließen und welche Rolle dabei der Kontext sowie pragmatische Schlussprozesse spielen.
- Phänomenologie der Komposition mit identischen Gliedern (KIG)
- Differenzierung zwischen „prototypischen“ und „echten“ Lesarten
- Anwendung pragmatischer Theorien (Grice'sche Konversationsmaximen) auf Wortbildung
- Die Rolle von Kontext und „pragmatischer Erfahrung“ beim Sprachverstehen
- Diskussion zur Lexikalisierung von KIG-Formen
Auszug aus dem Buch
3. Verstehensprozess
Nach Finkbeiner (2014: 191) werden KIG üblicherweise verwendet, um eine bestimmte Lesart aus einer Reihe von möglichen Lesarten einer lexikalischen Einheit hervorzuheben. Zugleich soll damit einem potentiellen Missverständnis bzw. einer Doppeldeutigkeit entgangen werden, welches aufgetreten wäre, wenn die Konstituente allein verwendet wird (Hohenhaus 2004: 302).
Um den Verstehensprozess aufzuzeigen, muss zunächst erwähnt werden, dass man bei der Sprecherbedeutung nach Grice zwischen dem explizit Gesagten und dem Gemeinten differenziert (Rolf 1991: 110 ff.). Die Bedeutungsaspekte, die nicht unmittelbar aus dem Gesagten hervorgehen, die also vom Sprecher nur angedeutet, aber nicht kommuniziert werden, bezeichnet Grice als Implikaturen (Finkbeiner 2015: 21). Diese kommen u.a. „durch gezieltes Mißachten einzelner [Konversations-]Maximen“ (Grewendorf/ Hamm/Sternefeld 1999: 403) zustande und werden durch einen pragmatischen Schlussprozess ermittelt. Damit im Falle der Nichterfüllung von Konversationsmaximen trotzdem von einem bedeutungshaltigem Verhalten des Sprechers ausgegangen werden kann, „muß angenommen werden können, daß dieses Verhalten trotz allem kooperativ ist“ (Rolf 1991: 106). Somit kann ein Verstoß gegen die Konversationsmaximen dazu führen, dass der Hörer über zusätzliche Bedeutungsaspekte reflektiert.
Überträgt man diese Annahmen auf KIG, ist auch hier auf Seiten des Hörers ein pragmatischer Schlussprozess nötig. Dabei muss angemerkt werden, dass es entsprechend der verschiedenen Lesarten bzw. Relationen nicht einen einzigen, universellen Schlussprozess gibt, der auf alle derartigen Komposita zutrifft. Vielmehr variiert der Schlussprozess und damit der Weg, wie der Hörer eine KIG erschließen kann, von KIG zu KIG.
Um dies zu verdeutlichen, zeige ich exemplarisch einen möglichen Schlussprozess auf. Dieser pragmatische Schlussprozess einer „echten“ Lesart könnte folgendermaßen aussehen:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in das linguistische Phänomen der Komposition mit identischen Gliedern (KIG) ein und definiert die Zielsetzung der Hausarbeit.
2. Lesarten: Hier werden verschiedene Kategorisierungen von KIG vorgestellt, wobei der Fokus auf der Unterscheidung zwischen „prototypischen“ und „echten“ Lesarten liegt.
3. Verstehensprozess: Dieses Kapitel analysiert mittels pragmatischer Ansätze nach Grice, wie Hörer die Bedeutung von KIG trotz Verletzung von Konversationsmaximen erfolgreich deuten.
4. Kontextabhängigkeit: Hier findet eine wissenschaftliche Diskussion über die Notwendigkeit des Kontextes für die Interpretation von KIG statt, unter Einbeziehung verschiedener Expertenmeinungen.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und zeigt auf, dass KIG ein produktiver Prozess sind, der je nach Situation und Kontext interpretiert wird, während gleichzeitig Forschungsbedarf für Korpusanalysen angemeldet wird.
Schlüsselwörter
Komposition mit identischen Gliedern, KIG, Wortbildung, Sprachwissenschaft, Pragmatik, Lesarten, Konversationsmaximen, Implikaturen, Kontextabhängigkeit, Prototypikalität, Lexikalisierung, Sprachverstehen, Kommunikation, Mehrwert, Sprachanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt das linguistische Phänomen der sogenannten „Komposition mit identischen Gliedern“ (KIG), bei der ein Wort verdoppelt wird, um eine spezifische Bedeutung zu erzeugen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder umfassen die Wortbildungslehre, die Semantik (Bedeutungslehre) sowie die Pragmatik, insbesondere die Frage, wie Sprecher und Hörer durch Kontext und Konventionen kommunizieren.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu ergründen, warum Sprecher KIG verwenden, obwohl sie aufwendiger in Produktion und Verarbeitung sind, und wie dabei ein kommunikativer Mehrwert entsteht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die linguistische Primär- und Sekundärliteratur (u.a. Finkbeiner, Grice, Hohenhaus) auswertet und anhand eigener Beispiele pragmatische Schlussprozesse illustriert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der Lesarten (prototypisch vs. echt), die Erklärung des kognitiven Verstehensprozesses mittels Gricescher Maximen und die Diskussion um die Kontextabhängigkeit und Lexikalisierung von KIG.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie KIG, pragmatischer Schlussprozess, Konversationsmaximen, Identität, Prototypikalität und Wortbildung.
Wie unterscheiden sich „prototypische“ und „echte“ Lesarten von KIG?
Die prototypische Lesart betont eine Eigenschaft (z. B. Salat-Salat als klassischer Blattsalat), während die echte Lesart die Identität des Objekts hervorhebt (z. B. Palmen-Palmen als echte, lebende Pflanzen statt Dekoration).
Warum spielt die Selbstkorrektur (Self-Repair) eine Rolle bei KIG?
Sprecher nutzen Selbstkorrekturen als präventive Maßnahme, um den Hörer bei der Deutung einer potenziell mehrdeutigen KIG zu unterstützen und Missverständnisse aktiv zu verhindern.
- Quote paper
- Marc Lörsch (Author), 2015, Kompositionen mit identischen Gliedern. Wie kommt es zum kommunikativen Mehrwert?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372552