Sprachspiel: L. Wittgenstein und F. de Saussure


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

25 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Das „Sprachspiel“ bei Ludwig Wittgenstein

III. Ferdinand de Saussure
a) Einige Grundgedanken des Cours de linguistique generale
b) Das „Spiel“ im Cours de linguistique generale

IV. Vergleich

V. Literatur:

I. Einleitung

Ein Spiel definierte der holländische Kulturhistoriker J. Huizinga in seinem Homo ludens als eine freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb bestimmter räumlicher und zeitlicher Grenzen nach zuvor freiwillig angenommenen, im Folgenden aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel oder ihren Zweck in sich selber trägt und von einem Gefühl der Spannung, Freude und des „Andersseins“ als der Alltag begleitet wird.

Sprache ist ein Mittel zur Verständigung der Menschen mit Hilfe lautlicher Zeichen im Rahmen artikulierter Äußerungen. Oder man versteht darunter die Gesamtheit der sprachlichen Zeichen und grammatischen Regeln, deren Gebrauch innerhalb der konkreten Sprachgemeinschaft einer Reihe von Konventionen unterliegt.

Während das Spiel also sowohl zu der Arbeit als auch zu dem Ernst in antonymischer Beziehung steht und nur innerhalb zeitlicher und räumlicher Grenzen existieren kann, stellt die Sprache ein Organon der menschlichen Kommunikation dar, welches weder lokale oder temporale Begrenzungen erfährt oder auf spezifische Handlungszusammenhänge festgelegt ist.

Dennoch dient das Spiel, insbesondere das Schachspiel, vielen Linguisten, Sprachphilosophen etc. als Vergleichs- bzw. Erklärungsobjekt für unterschiedliche Aspekte der Sprache.

In einem ersten Schritt werden die Rollen der Spiel-Metapher in Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen (PU) und Saussures Cours de linguistique generale präsentiert und daraufhin einer vergleichenden Betrachtung unterzogen. Die Untersuchung konzentriert sich dort auf den späten Wittgenstein, da im Tractatus-logico-philosophicus zunächst ein einfacher Vergleich von Sprache und Spiel und zudem das Synonym des „Kalküls“ zu finden ist. In den Philosophischen Untersuchungen erlangt der Begriff des „Sprachspiels“ dann allerdings systematische Eigenständigkeit.

II. Das „Sprachspiel“ bei Ludwig Wittgenstein

Ludwig Wittgenstein (*24/04/1889 in Wien, +29/04/1951 in Cambridge) gilt einerseits in Fachkreisen als einer der bedeutendsten Denker unseres Jahrhunderts, andererseits fehlt jedoch ein entsprechender Eintrag in einigen philosophischen Nachschlagewerken völlig.

Im TLP vertritt Wittgenstein eine Form des Sprachrationalismus, er nimmt eine logische Tiefenstruktur als Grundlage einer idealen Wissenschaftssprache und eine Abbildfunktion des sprachlichen Zeichens an.

Mit den PU steht Wittgenstein dann allerdings im Kontext der „ordinary language philosophy“. Praxis und Analyse der Alltags- und Umgangssprache gelten als hinreichendes Mittel zur Lösung der traditionellen Probleme der Philosophie und insbesondere der Metaphysik. Die Täuschungen und Irrtümer, die aus einer auf dem Primat der Logik gegründete Untersuchung, wie er sie zuvor selber gefordert und vollzogen hat resultieren sollen durch eine entsprechende Sprachbetrachtung aufgelöst werden.

Wittgenstein faßt seine instrumentalistische Sprachauffassung in der Formel „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“ (PU 43):

Für Frege stand die Alternative so: Entweder wir haben es mit den Tintenstrichen auf dem Papier zu tun, oder diese Tintenstriche sind Zeichen von etwas, und das, was sie vertreten, ist ihre Bedeutung. Daß diese Alternative nicht richtig ist, zeigt gerade das Schachspiel: Hier haben wir es nicht mit den Holzfiguren zu tun, und dennoch vertreten die Figuren nichts, sie haben in Freges Sinn keine Bedeutung.

Es gibt aber eben noch etwas drittes, die Zeichen können verwendet werden wie im Spiel. (Brose (1985), 1o)

Abgesehen von vereinzelten mündlichen Äußerungen im des Wiener Kreis erfährt der Terminus „Sprachspiel“ eine schriftliche Fixierung erstmals im Blauen bzw. Braunen Buch, die als Vorläufer der Philosophischen Untersuchungen gelten.

Im Anschluß an den im ersten Paragraphen der PU skizzierten gegenstandstheoretischen Ansatz des Augustinus, demzufolge die Bedeutung eines Wortes der korrespondierende außersprachliche Gegenstand ist und Sätze Verbindungen solcher Benennungen sind, entwirft Wittgenstein das Modell einer „vollständigen primitiven Sprache“. Dieses Beispiel ist zweifellos leitmotivisches Paradigma, das in erweiterter und modifizierter Form an vielen Stellen der PU wieder aufgegriffen wird:

Die Sprache soll der Verständigung eines Bauenden A mit einem Gehilfen B dienen. A führt einen Bau auf aus Bausteinen; es sind Würfel, Säulen, Platten und Balken vorhanden. B hat ihm die Bau-steine zuzureichen, und zwar nach der Reihe wie A sie braucht.

Zu dem Zwecke bedienen sie sich der Sprache, bestehend aus den Wörtern: „Würfel“, „Säule“, „Platte“, „Balken“. A ruft sie aus;- B bringt den Stein, den er gelernt hat, auf diesen Ruf zu bringen. Fasse dies als vollständige primitive Sprache auf. (PU 2)

Dieses Grundmuster läßt die wesentlichen Konstituenten eines Sprachspiels erkennen. Neben dem Vokabular, d.h. den reinen Sprachelementen „Würfel“, „Säule“, „Platte“ und „Balken“ sind das die Gesprächspartner A und B sowie eine allgemeine Sprechsituation.

Explizit trifft man in PU 7 erstmals auf den Ausdruck „Sprachspiel“:

Wie können uns auch denken, das der ganze Vorgang des Gebrauchs der Worte in (2) eines jener Spiele ist, mittels welcher Kinder ihre Muttersprache erlernen. Ich will dies Spiele „Sprachspiele“ nennen, und von einer primitiven Sprache manchmal als einem Sprachspiel reden.

Und man könnte die Vorgänge des Benennens der Steine und des Nach-Sprechens des vorgesagten Wortes auch Sprachspiele nennen. [...] Ich werde auch das Ganze: der Sprache und der Tätigkeiten, mit denen sie verwoben ist, das „Sprachspiel“ nennen. (PU 7)

„Sprachspiele“ sind Tätigkeiten zum Zwecke des Spracherwerbs. Die aus PU 2 zitierte vollständige primitive Sprachform oder ein ähnlicher Gebrauch einer begrenzten Menge von Sprachelementen im Rahmen einer gegebenen Situation stellen ein Sprachspiel dar und auch die Synthese von Sprache und Tätigkeit nennt Wittgenstein „Sprachspiel“. Den Gemeinsamkeiten und Differenzen dieses Begriffs kann nur unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Schreibkonventionen, dem variierenden Gebrauch von Anführungszeichen und der möglichen Pluralbildung gerecht werden. Im Kontext der Frage nach Art und Anzahl von Definiens und Definiendum erhebt Wittgensteins fiktiver Opponent aufgrund der Mannigfaltigkeit gegebener Beispiele den Vorwurf:

Du machst dir´s leicht! Du redest von allen möglichen Sprachspielen, hast aber nirgends gesagt, was denn das Wesentliche des Sprachspiels, und also der Sprache ist.

[...] Und das ist wahr.- Statt etwas anzugeben, was allem, was wir Sprache nennen, gemeinsam ist, sage ich, es ist diesen Erscheinungen gar nicht Eines gemeinsam, [...].

Wittgenstein reagiert auf diesen Einwand mit dem Konzept der „Familienähnlichkeiten“:

Betrachte z.B. einmal die Vorgänge, die wir Spiele nennen.[...]

Denn wenn du sie anschaust, wirst du zwar nicht etwas sehen, was allen gemeinsam wäre, aber du wirst Ähnlichkeiten, Verwandtschaften sehen, und zwar eine ganze Reihe.[...]

Ich kann diese Ähnlichkeiten nicht besser charakterisieren als durch das Wort „Familienähnlichkeiten“, denn so übergreifen und kreuzen sich die verschiedenen Ähnlichkeiten, die zwischen den Gliedern einer Familie bestehen.[...] – Und ich werde sagen: die „Spiele“ bilden eine Familie.

Diese Erklärung greift ebenfalls auf die Analogie von Sprache und Spiel zurück. Wittgenstein zeigt, daß es keine wesentlichen Eigenschaften gibt, die allen Phänomenen zukommen, die man „Spiel“ nennt. Er erinnert seinen Opponenten an Brett- und Ballspiele, das Tennisspiel oder auch an Pacience. Allerdings bestreitet er nicht die Existenz „gemeinsamer Züge“, auf die man häufig treffen wird. Hier nennt er z.B. ihren Zweck der Unterhaltung, das Verhältnis der Konkurrenz zwischen den Spielern, Glück, Geschick, Gewinnen oder Verlieren. Aber ein Merkmal des Spiels, das jedes Phänomen, insofern es als Spiel bezeichnet werden kann, notwendig zukommen muß, gibt es nicht. Vielmehr sind die verschiedenen Spiele miteinander verwandt wie die Mitglieder einer Familie. Es existiert ein kompliziertes Netz von Ähnlichkeiten und unzähligen Beziehungen zwischen allen Elementen, die man „Spiel“ nennt. Spiele haben nichts weiter miteinander gemeinsam, als daß sie gespielt werden. Das bedeutet zugleich, daß auch Sprachspiele bzw. die Sprache keine Definition zulassen, sondern es auch hier nur eine Reihe von Ähnlichkeiten gibt, die alles, was man Sprache nennt, miteinander auf vielfältige Weise in Beziehung setzt:

Man kann sagen, der Begriff „Spiel“ ist ein Begriff mit verschwommenen Rändern. (PU 71)

Der Satz „[...] es ist diesen Erscheinungen [sc. Sprachspielen] gar nicht eines gemeinsam, weswegen wir für alle das gleiche Wort verwenden“ (PU 65) behauptet allerdings nicht notwendig das Fehlen einer, allen Sprachspielen zukommenden Eigenschaft, negiert diese aber als Grund bzw. Ursache einer einheitlichen Benennung. Wittgenstein selber verdeutlicht den Begriff ausschließlich anhand von Beispielen und Analogien. Eine klassische Definition wäre dem wittgensteinschen Terminus damit in keiner Weise adäquat.

PU 23 zeigt exemplarisch anhand einer Liste die „Mannigfaltigkeit der Sprachspiele“:

Befehlen, und nach Befehlen handeln –

Beschreiben eines Gegenstandes nach dem Ansehen, oder nach Messungen –

Herstellen eines Gegenstands nach einer Beschreibung (Zeichnung) –

Berichten eines Herganges –

Über den Hergang Vermutungen anstellen –

Eine Hypothese aufstellen und prüfen –

Darstellen der Ergebnisse eines Experiments durch Tabellen oder Diagramme –

Eine Geschichte erfinden; und lesen –

Theater spielen –

Reigen singen –

Rätsel raten –

Einen Witz machen; erzählen –

Ein angewandtes Rechenexempel lösen –

Aus einer Sprache in die andere übersetzen -

Bitten, Danken, Fluchen, Grüßen, Beten. (PU 23)

Diese Enumeration enthält eine kleine Auswahl der Sprachspiele, die es gibt oder die möglich wären. Dies Menge ist insgesamt nicht nur an sich unendlich, sondern auch in ihrer Konfiguration fließend. Letzteres wird deutlich, wenn man bemerkt, daß der Komplex „Befehlen und nach Befehlen handeln“ einerseits in PU 2 ein Element des dort präsentierten Sprachspiels war, in PU 23 andererseits jedoch als eigenständiges Spiel in die Liste aufgenommen worden ist.

Die unüberschaubare Vielfalt der Alltags- und Umgangssprache macht Wittgenstein erst durch den methodischen Kunstgriff des Sprachspiels handhabbar:

Es zerstreut den Nebel, wenn wir die Erscheinungen der Sprache an primitiven Arten ihrer Verwendung studieren, in denen man den Zweck und das Funktionieren der Wörter klar übersehen kann. (PU 5)

Sprachspiele sind neben dem Untersuchungsobjekt damit auch die Untersuchungsmethode. Die PU werden durch den perspektivischen Blick durch das Objektiv Sprachspiel auf die Praxis des Gebrauchs der Sprache geprägt. Das Sprachspiel ist eine bestimmte Form der Betrachtungsweise der Sprache als Betrachtetes. Da sich das Phänomen Sprache einer umfassenden Betrachtung und Beschreibung entzieht, nimmt Wittgenstein diese methodische Reduktion vor. Der Terminus referiert auf keine hier nicht näher zu bestimmende unabhängige, reale Entität, sondern stellt ein Instrument der Sprachbetrachtung dar.

Sprachspiele eröffnen eine Betrachtungsebene, von der aus die Behauptung, der Zweck der Sprache ist Verständigung, evident oder trivial erscheint. Im Rahmen des Sprachspiels aus PU 2 kann die Frage nach der Bedeutung eines Wortes eigentlich gar nicht sinnvoll gestellt werden. Die Funktion der Sprache erklärt sich vollständig durch ihren Gebrauch.

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Sprachspiel: L. Wittgenstein und F. de Saussure
Hochschule
Universität Siegen  (Germanistik FB 3)
Veranstaltung
Konzepte von Sprache
Note
1
Autor
Jahr
2002
Seiten
25
Katalognummer
V37289
ISBN (eBook)
9783638366762
ISBN (Buch)
9783638653985
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In dieser Arbeit wird der Begriff des Sprachspiels, der grundsätzlich mit dem späten L. Wittgenstein in Verbindung gebracht wird sowohl dort als aber auch in dem Hauptwerk F. de Saussures untersucht. Was verstehen beide Autoren unter diesem Begriff, welche argumentative Rolle spielt er und welche Differenzen bestehen?
Schlagworte
Sprachspiel, Wittgenstein, Saussure, Konzepte, Sprache
Arbeit zitieren
Violetta Stolz (Autor), 2002, Sprachspiel: L. Wittgenstein und F. de Saussure, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37289

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