Wenn man sich mit dem frühen Christentum und seiner Verbreitung im römischen Reich beschäftigt, wird man zwangsläufig auch mit dem Thema der Christenverfolgungen konfrontiert. Nach kurzer Recherche sticht dem aufmerksam Forschendem ein Umstand besonders ins Auge, nämlich die Ungleichmäßigkeit der Quellenherkunft und die verschiedenen Aussageintentionen zu diesem Thema.
Von christlicher Seite ist eine Vielzahl an Schriften und Äußerungen dazu zu finden, deren Ziele weit gefächert sind. In den Evangelien wird die Ansicht vertreten, dass Verfolgung Teil der Mission und somit heilsbringend ist. Die Apologeten des 2. Jh. n. Chr. sind einerseits darum bemüht, die Wahrheit des Glaubens und die Ungerechtigkeit der Christenverfolgungen zu beweisen, die verfolgenden Kaiser als auch von den Heiden gehasste Menschen darzustellen und durch die positive Bewertung nicht verfolgender Kaiser, das Wohlwollen der aktuellen Kaiser zu erlangen, andererseits beschreiben sie die Strafen der Verfolger und die Freuden der in der Verfolgung Standhaften im Jenseits.
Die mit der zunehmenden Häufung von Christenprozessen entstandenen sogenannten Märtyrerakten vermitteln uns die Sicht der Verfolgten auf die Verfolgung und die daraufhin stattfindenden Gerichtsverfahren. Die Schriften des 3. Jh. befassen sich unter anderem mit, durch die Verfolgungen ausgelösten, innerchristlichen Problemen und die Kirchengeschichten des 4. Jh. n. Chr. wollen den Kampf der Heiden gegen die Kirche dokumentieren und zeigen, dass die Verfolger Gottes gerechter Strafe nicht entgehen konnten.
Dem gegenüber steht eine bemerkenswerte Leere von Seiten der Heiden. Erwähnungen von Christen und damit verbundenen Verfolgungen sind in der Historiographie selten, und oftmals wird sogar in Kontexten, in denen man eine Erwähnung erwarten könnte, über das Thema stillschweigend hinweg gegangen.
Im 2. Jh. n. Chr. streifen Verwaltung, Literatur und Philosophie die Christenthematik wenn, dann nur kurz und oftmals oberflächlich und von den polemischen Schriften gegen das Christentum sind uns nur die christlichen Gegenschriften erhalten geblieben. Diese so enorme Spannweite an Motiven und Quellengattungen mit gleichzeitiger Fülle an dunklen Flecken erschwert die Beschäftigung mit der Geschichte und Entwicklung der Christenverfolgungen im römischen Reich.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I Verfolgung durch die Juden
II Verfolgung seitens der Heiden
III Verfolgung durch die Römer
1. Unter Nero
2. Unter Domitian und Nerva
3. Unter Trajan
4. Unter Antonius Pius und Marc Aurel
5. Unter den Severern
6. Unter Maximinus Thrax
7. Unter Decius
8. Unter Valerian
9. Unter Aurelian
10. Unter Diocletian
Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entwicklung und die verschiedenen Ursachen der Christenverfolgungen im Römischen Reich. Dabei wird analysiert, wie sich die Rolle des Staates, der lokalen Bevölkerung und innerkirchlicher Dynamiken im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat und welche Faktoren zu den staatlich organisierten Verfolgungen ab dem 3. Jahrhundert führten.
- Die Entwicklung von lokalen Pogromen zu reichsweiten, staatlich gelenkten Verfolgungen.
- Die unterschiedlichen Motivationen von jüdischen, heidnischen und römisch-staatlichen Akteuren.
- Die Rolle der öffentlichen Ordnung und des Kaiserkultes als Konfliktfaktoren.
- Die Bedeutung von Quellenkritik und historischer Interpretation patristischer Berichte.
Auszug aus dem Buch
3. Unter Trajan
Die ersten Informationen über die Sicht eines römischen Magistratsbeamten auf die Christenthematik erhalten wir im Jahr 112 n. Chr. aus dem sog. Christenbrief des Plinius Secundus an Kaiser Trajan. In diesem Brief fragt Plinius, der als Statthalter in Bithynien tätig ist, den Kaiser, wie er denn mit den von ihm festgenommenen Christen zu verfahren habe und beschreibt auch gleich wie er bisher verfahren ist. Besonders unsicher ist Plinius in der Frage, ob denn Christ zu sein an sich (nomen ipsum) oder erst die mit dem Namen verbundenen Verbrechen (an flagitia cohaerentia nomini puniantur) zu bestrafen sind. Sehr interessant ist die Antwort des Trajan. Dieser beurteilt das bisherige Vorgehen zwar als richtig, trägt aber auf keine weiteren Nachforschungen in dieser Thematik anzustellen, es sei denn, es werden Anzeigen eingereicht. Bei erfolgter Anzeige sind die Christen, wenn sie sich weigern das geforderte Opfer zu vollziehen, zu bestrafen. Dieses Rescript des Trajan wurde für die nächsten 150 Jahre die Handlungsnorm römischer Magistrate im Umgang mit den Christen. Diese von Trajan festgesetzte merkwürdige Mischung aus Passivität und Aktivität wird von Tertullian in seiner Apologie des Christentums folgendermaßen kritisiert:
„Wenn es gewiß ist, daß wir so große Verbrecher sind, warum werden wir von euch anders behandelt als unseresgleichen, die übrigen Verbrecher? Es müßte bei gleicher Schuldbarkeit doch auch die gleiche Behandlung eintreten. […] Im Gegenteil, wir finden, daß sogar das Nachforschen nach uns verboten ist. Eine Entscheidung, die unvermeidlich verworren ausfallen mußte! […] Er[Trajan] sagt, wie bei Unschuldigen, man solle nicht auf sie fahnden, und befiehlt, sie doch, gleich Schuldigen, zu bestrafen! Er schont und wütet, er vertuscht und straft! Warum, o Zensur, umgarnst du dich selbst? Wenn du verdammst, warum läßest du nicht auch fahnden? Wenn du nicht fahnden läßest, warum sprichst du nicht auch frei? Zur Aufsuchung der Räuber wird in allen Provinzen eine Abteilung Soldaten beordert, gegen Majestätsverbrecher und Hochverräter wird jedermann zum Soldaten, bis auf die Helfer und Mitwisser wird die Nachsuchung ausgedehnt. Den Christen allein darf man nicht aufsuchen, wohl aber denunzieren, als ob die Aufsuchung etwas anderes bezweckte, als vor Gericht zu stellen. Ihr verurteilt also den Denunzierten, den doch niemand aufgesucht wissen wollte. Die Strafe also, so muß ich denken, hat er nicht deswegen verdient, weil er schuldig ist, sondern weil er als ein solcher erfunden wurde, auf den man nicht fahnden darf.“(Tert. Ap. 2)
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Quellenlage sowie die unterschiedlichen Aussageintentionen der frühen christlichen und heidnischen Autoren.
I Verfolgung durch die Juden: Analyse der frühen Konflikte, bei denen die jüdische Gemeinde die junge Jesus-Bewegung aufgrund theologischer Differenzen bekämpfte.
II Verfolgung seitens der Heiden: Darstellung der Rolle der lokalen Bevölkerung, die aufgrund von Vorurteilen und sozialen Spannungen Pogrome auslöste.
III Verfolgung durch die Römer: Untersuchung der kaiserzeitlichen Edikte und der staatlichen Praxis, beginnend mit Nero bis zur diokletianischen Verfolgung.
1. Unter Nero: Untersuchung der ersten, durch eine Brandkatastrophe motivierten Verfolgung und deren nachträgliche christliche Stilisierung.
2. Unter Domitian und Nerva: Analyse der unklaren Quellenlage bezüglich einer vermeintlichen Verfolgung von Mitgliedern des Kaiserhauses.
3. Unter Trajan: Erörterung des Briefwechsels zwischen Plinius und Trajan, der die Handlungsnorm für den Umgang mit Christen für 150 Jahre prägte.
4. Unter Antonius Pius und Marc Aurel: Aufzeigen der regionalen Pogrome in einer Zeit, in der die Verweigerung des Kaiserkultes zunehmend zum Konfliktherd wurde.
5. Unter den Severern: Analyse der verschärften antichristlichen Stimmung aufgrund von Krisen, die in einem Konversionsverbot gipfelte.
6. Unter Maximinus Thrax: Kritische Würdigung der Historizität der auf Rom beschränkten Christenverfolgung unter diesem Kaiser.
7. Unter Decius: Beschreibung des ersten reichsweiten Opferedikts und der damit verbundenen staatlichen Kontrolle.
8. Unter Valerian: Analyse der scharfen Edikte gegen den Klerus und der systematischen Konfiskation von Eigentum.
9. Unter Aurelian: Einordnung der Martyrien während des Interregnums und der möglichen Pläne für eine neue staatliche Verfolgungswelle.
10. Unter Diocletian: Detaillierte Untersuchung der letzten großen Verfolgungswelle unter der Tetrarchie und der Rolle innerkirchlicher Strukturkonflikte.
Resümee: Zusammenfassende Synthese der Entwicklung der Christenverfolgungen vom privaten Konflikt zur staatlich organisierten Vernichtungsmaßnahme.
Schlüsselwörter
Christenverfolgungen, Römisches Reich, Märtyrer, Libelli, Decius, Diocletian, Kaiserkult, Martyrium, Antike, Toleranzedikt, Kirchengeschichte, Historizität, Plinius der Jüngere, Opferedikt, Tetrarchie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Christenverfolgungen im Römischen Reich und beleuchtet die Ursachen sowie den zeitlichen Wandel von lokalen Konflikten hin zu staatlich verordneten Maßnahmen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die Spannungsfelder zwischen Christen und Juden, der heidnischen Bevölkerung und schließlich dem römischen Staatsapparat, inklusive der Rolle der Kaiser.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es wird das Ziel verfolgt, die historischen Abläufe hinter den oft christlich geprägten Berichten zu objektivieren und die Motive für die Verfolgungen fundiert zu erarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin/der Autor nutzt primär die historisch-kritische Quellenanalyse, wobei patristische Berichte mit heidnischen Quellen und archäologischen Befunden abgeglichen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich chronologisch entlang der verschiedenen Kaiser von Nero bis Diocletian und untersucht die spezifischen Hintergründe der jeweiligen Verfolgungswellen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben den Kaisernamen vor allem "Märtyrerakten", "Opferedikt", "Rechtssicherheit", "Kaiserkult" und "libelli".
Warum wird der Brief von Plinius an Trajan als so bedeutsam eingestuft?
Dieser Brief stellt das erste offizielle Dokument dar, das die römische Praxis im Umgang mit Christen auf eine gesetzliche Basis stellte, die über 150 Jahre Bestand hatte.
Inwieweit spielte die "öffentliche Ordnung" eine Rolle bei den Verfolgungen?
Oftmals dienten religiöse Maßnahmen nicht primär der Ideologie, sondern wurden aus der Sorge vor religiösen Unruhen und der Gefährdung des inneren Friedens durch die Verweigerung des Kaiserkultes begründet.
Welche Rolle spielten die ägyptischen "libelli" für das Verständnis der decischen Verfolgung?
Die Funde belegen, dass das Opferedikt des Decius nicht speziell gegen Christen gerichtet war, sondern die gesamte Reichsbevölkerung zur Teilnahme an den Staatsopfern verpflichtete.
Wie unterscheidet sich die Sicht der christlichen Autoren von der historischen Realität?
Christliche Quellen interpretieren Verfolgungen häufig als "Strafe Gottes" oder als direkte Bosheit der Kaiser, während die historische Analyse oft politische und ordnungspolitische Erklärungen in den Vordergrund stellt.
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- Winfried Kumpitsch (Author), 2016, Christenverfolgung im römischen Reich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372940