Der strukturelle Wandel der Prekarisierung und wie sie sich auf die Männlichkeitsvorstellungen auswirkt


Hausarbeit, 2016

19 Seiten, Note: 1,7

Kira Steinmann (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Begriff der "Prekarisierung"
2.2. Wie ist die Prekarisierung strukturell begründet?
2.3. Männlichkeitsvorstellungen hinsichtlich der Arbeit
2.4. Auswirkungen der Prekarisierung auf die Männlichkeitsvorstellungen
2.5 Beispiele betroffener Männer im Umgang mit Prekarität

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Prekarisierung ist in den letzten Jahren einen enormen strukturellen Wandel durchlaufen. Diese meint eine Veränderung der atypischen Erwerbsverhältnisse, welchesomit deutlich angestiegen sind, was Folgen wie starke Unsicherheit und Abhängigkeit für die Arbeitnehmer mit sich bringt.Seit mehreren Jahrzehnten steigt die Prekarität stetig an, welche durch die verschiedensten Faktoren erklärt werden kann. Auch auf die Vorstellungen der Männlichkeit wirkt sich die Prekarisierung aus, denn trotz des starken Wandels bleibt die Erwerbsarbeit eine zentrale Bedeutung für das Männlichkeitskontrukt und sorgt so vor allem für Männer zum Verlust des Gefühls der Männlichkeit und an Sicherheit.

Das Ziel der Hausarbeit ist es, in den folgenden Kapiteln näher auf den strukturellen Wandel der Erwerbsverhältnisse einzugehen und zu erklären, wie es zu diesem gekommen ist. Anschließend werden die Männlichkeitsvorstellungen hinsichtlich der Arbeit dargestellt und auch die damit einhergehenden Auswirkungen der Prekarisierung auf dieses Männlichkeitskonzept.

Zuerst wird grundlegend eine Definition der 'Prekarisierung' genannt, um für ein allgemeines Verständnis des Begriffes zu sorgen und diese auch analysieren zu können. Im nächsten Kapitel wird nun analysiert, wie die Prekarisierung strukturell begründet ist. Die Frage, wie es zu der enormen Zunahme der atypischen Erwerbsverhältnisse kommen konnte und was dessen Faktoren sind, wird geklärt. Zudem wird herausgestellt, wasdie Prekarisierung allgemein für Folgen mit sich bringt und was sie für die Menschen bedeutet.

Der Hauptfokus der Hausarbeit liegt auf dem zweiten Teil. In diesem wird sich auf die Männlichkeitsvorstellungen bezogen. Zunächst wird die Frage beantwortet, welch großeBedeutung die Arbeit für die Männlichkeitsvorstellungen und deren Sicherheit im Lebenslaufhat und wie es dazu kommt, dass das Männlichkeitskonstrukt von der Berufsorientierung bestimmt ist (vgl. Scholz 2009: 1). Darauf aufbauend wird der analysierende Teil folgen, in welchem die Folgen der entstehenden Prekarität für die Männlichkeitsvorstellungen beschrieben werden, wobei dort ein wesentlicher Bestandteil die Unsicherheit sein wird, welche durch die Prekarität entsteht. Um dies besser zu veranschaulichen, folgen im letzten Abschnitt des Hauptteils ein paar Beispiele, welche den Umgang von Männern mit Prekarität und der Unsicherheit darstellen und aufzeigen, wie verschieden mit dieser Situation umgegangen werden kann.

2. Hauptteil

2.1. Begriff der "Prekarisierung"

Der Begriff der Prekarisierung hat in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. Robert Castel hat diesen 1995 eingeführt (vgl. Janowitz 2006: 335) und ist mit Pierre Bourdieu die zentrale Figur für die soziologische Prekarisierungsforschung (vgl. Motakef 2015: 6). Im Duden wird 'prekär' mit den Synonymen "misslich, schwierig, heikel" (vgl. Motakef 2015: 5) beschrieben und deutet somit schon auf unsichere Verhältnisse an.

Mit Prekarisierung werden die "unsichere[n] Erwerbsverhältnisse" ( Motakef 2915: 6) beschrieben, welche in den letzten Jahren immer häufiger vorkommen. Dazu gehören beispielweise Beschäftigungsverhältnisse wie die Teilzeitarbeit, der Ein-Euro-Job, die Lohnarbeit oder die Zeitarbeit, welche zeitlich meist begrenzt sind. Völker beschreibt diese Entwicklung als eine "Expansion geringfügiger Arbeit" (2011: 423). Diese, auch genannt 'atypischen' Arbeitsverhältnisse, weichen von dem männlichen Normalarbeitsverhältnis ab (vgl. Motakef 2015:6) und bringen ein hohes Prekaritätsrisiko mit sich (vgl. Motakef 2015: 50). Denn sie können weder lebenslange Berufsbiographien, noch eine Existenzsicherung gewähren und ermöglichen auch keinen 'Familienlohn', welcher die Familien- und Lebensverhältnisse garantieren kann (vgl. Manske/ Pühl 2010:7).

Diese prekären Arbeitsverhältnisse bieten somit nur noch ein geringes Maß an Sicherheit (vgl. Jungwirth/ Scherschel 2010: 113), was folglich im Kontrast zu dem männlichen Normalarbeitsverhältnis steht, bei welchem durch eine Festanstellung die berufliche und soziale Zukunft gesichert ist.

Aufgrund der Ausbreitung der prekären Arbeit entstehen damit Dynamiken sozialer Entsicherung (vgl. Völker 2011: 423), bei welcher eine Absicherung des Existenzminimums und eine verlässliche Zukunftsplanung nicht möglich sind (vgl. Winker 2010: 165), wodurch massive Unsicherheit entsteht. Diese Entwicklung beschreibt Pelizäus-Hoffmeister als eine "Erosion des Normalarbeitsverhältnisses" (2008: 2). Dies bedeutet, das Normalarbeitsverhältnis weicht den prekären Erwerbsverhältnissen und verschwindet teilweise. Doch bringt die Prekarisierung nicht nur eine 'Erosion' mit sich, sie wird auch noch von Bourdieu als "Teil einer neuartigen Herrschaftsform, die auf die Errichtung einer zum allgemeinen Dauerzustand gewordenen Unsicherheit fußt und das Ziel hat, die Arbeitnehmenden zur Unterwerfung, zur Hinnahme ihrer Ausbeutung zu zwingen" (Winker 2010: 167) beschrieben. Freudenschuß erläutert diesen Prozess als eine gesellschaftliche Umgestaltung (vgl. 2010: 266), bei welchem Prekariat mehr und mehr 'normal' zu werden scheint. Dank zahlreicher Protestbewegungen werden prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse mittlerweile aber immer mehr akzeptiert (vgl. Motakef 2015: 5).

2.2. Wie ist die Prekarisierung strukturell begründet?

Wie oben schon genannt, wird ein fundamentaler Strukturwandel beobachtet. Die atypischen Verhältnisse sind deutlich gestiegen. Wo sie 1991 noch bei 20 Prozent lagen, sind sie bis 2010 auf 38 Prozent gestiegen (vgl. Motakef 2015: 47), sie haben sich somit fast verdoppelt. Armut und Prekarisierung wachsen also (vgl. Ernst 2010: 88) und damit auch die Unsicherheit. Motakef schreibt, dass sie in den Dynamiken ein solch 'prekäres Potenzial' sieht, dass dieses sich zu einer prekären Lebenslage verfestigen kann (vgl. 2015: 45).Laut Dörre et al. ist die Gesellschaft damit auf dem Weg von einer "fordistischen Vollbeschäftigungs- zu einer prekären Vollerwerbsgesellschaft"(Motakef 2015: 48), in welcher die Erwerbsarbeit zu einem 'Unsicherheitsgenerator' wird (vgl. Scholz 2009: 9). Die Beschäftigten können sich in ihrer Anstellung nicht mehr sicher sein. Durch das Wachsen der Beschäftigungsverhältnisse von Teilzeitarbeitern, Mini-Jobbern oder geringfügigen Beschäftigungen (vgl. Motakef 2015: 49), gibt die 'Normalbiographie' keinen geeigneten Orientierungsrahmen mehr (vgl. Pelizäus-Hoffmeister 2008: 18), da diese nach wie vor der 'Idealvorstellung' der Vollbeschäftigung folgt, welche allerdings immer mehr abnimmt.Die Prekarisierung bildet so den 'Motor des Strukturwandels', welcher als 'Erosion des männlichen Normalarbeitsverhältnisses' gesehen werden kann (vgl. Motakef 2015: 43) und ist damit der Auslöser für die Veränderung der Erwerbsverhältnisse. Prekäre Erwerbsverhältnisse, wie beispielsweise Ein-Euro-Jobs sollen zwar eine Integration in den Arbeitsmarkt ermöglichen (Grigorova 2010: 81), jedoch ist dies auch nicht immer von Erfolg.

Neben dem Strukturwandel, welcher ohnehin schon zu großer Unsicherheit führt, gibt es immer weniger Gesetze, welche für gesellschaftlichen Halt und Sicherheit sorgen (vgl. Pelizäus-Hoffmeister 2008:18). Aufgrund der dadurch entstehenden Unsicherheit im Lebenslauf und der durch die befristeten Verhältnisse wechselnden Jobs, fehlt vielen ein 'roter Faden' in ihrem Leben (vgl. Pelizäus-Hoffmeister 2008: 22).

Gründe für den Strukturwandel gibt es von der Veränderung des Arbeitsmarktes, über die veränderten Ansprüche des Arbeitnehmers, bis hin zur Emanzipierung der Frau zahlreiche. Völker schreibt grundlegend, die Auslöser "für diese transformatorischen Dynamiken werden oftmals durch Umbrüche und Verwerfungen in der Erwerbsarbeit gegeben" (2011: 423), welche beispielsweise die Ausweitung des Niedriglohnbereiches oder die Befristung von Beschäftigung bedeuten (Völker 2011: 423). Pelizzari geht weiter auf die Umbrüche ein und beschreibt drei zentrale Entwicklungsprozesse, welche die Zunahme der Prekarisierung unterstützen. (1) Zum einen schreibt sie, ist das die Zersplitterung der Arbeitswelt.Die immer mehr unüberschaubar werdende Vielfalt auf dem Arbeitsmarkt sorgt für Unsicherheit bei der Berufswahl. Außerdem betont Pelizzari, dass die Lebensläufe an Stabilität und Kontinuität verlieren. Und des Weiteren trägt die Unternehmensflexibilisierung und der politische Wille zur Neugestaltung der Arbeitswelt der Zersplitterung bei. (2) Als zweiten Punkt nennt Pelizzari die Neueinstellungen wohlfahrtsstaatlicher Sicherungsleistungen und Ordnungsvorstellungen, wessen Prämissen darauf zielen, den Arbeitsmarkt durch Unsicherheit, Ungewissheit und Unverbindlichkeit zu öffnen . Außerdem tragen sie dazu bei, den Arbeitnehmerstatus zu schwächen. Dies soll zu einem 'gewährleistendem Staat' führen, welcher auf Staatssicherung verzichtet. (3) Durch die 'zunehmende Subjektivierung der Arbeit' und den Wert, die Arbeitszeiten selber legen zu können, wachsen die Erwartungen der Beschäftigten und die Beschäftigungsorientierungen werden individueller. Dies führt laut Pelizzari dann zu einem Wandel von Ansprüchen und Bedürfnissen der Beschäftigten, welches wiederum einen unterstützenden Prozess darstellt (vgl. 2010: 9f). Auch Motakef schreibt, der Strukturwandel vollzieht sich unter anderem durch das Steigen der subjektiven Ansprüche der Arbeitnehmer und nennt dies eine "doppelte Subjektivierung (2015: 43). Sie kommt allerdings auch auf verschiedene Dimensionen der 'Entgrenzung' zu sprechen. Dieser Begriff beschreibt die Veränderung in der Arbeitswelt. Hier verweist sie auf sechs Dimensionen der Entgrenzung. (1) Zum Ersten nennt sie die Flexibilisierung der Zeit. Die Dauer, wie auch die Länge der Arbeitszeit stehen permanent zur Disposition, so Motakef. (2) Des Weiteren erklärt sie mit dem Blick auf den Raum einen sich ständig verändernden Ort der Arbeit. Immer mehr Beschäftigte sind während der Arbeit unterwegs oder arbeiten von zu Hause aus, anstatt einen festen Ort zum Arbeiten zu haben. (3) Als dritte Dimension nennt die Autorin die Kontrolle von Arbeit. Durch die steigende Gruppenarbeit und mehr Projektarbeiten wird die Kontrolle über ihre Arbeiten in die Hand der Beschäftigten gelegt. (4) Zudem wird von den Arbeitnehmern immer mehr eine fachliche Flexibilität erwartet und (5) die Bedeutung für sinnhafte und motivationale Faktoren, also mehr Initiative seitens der Beschäftigten, steigt. (6) Zuletzt fordern Arbeitgeber mehr Eigenleistung von ihren Arbeitnehmern. Diese sollen selbstständiger und eigenverantwortlicher arbeiten (vgl. 2915: 43f).

So kann die Prekarisierung auch als "Motor von Entgrenzungsprozessen" (Motakef 2015: 44) verstanden werden. Denn durch die Ausbreitung der atypischen Erwerbsverhältnisse kommen Entgrenzungsrisiken zum Vorschein. Einmal wäre dies beispielweise der fehlende feste Arbeitsplatz bei Leiharbeitern, zum anderen die Entgrenzung der Arbeits- und Privatsphäre in zeitlichen und räumlichen Dimensionen bei den Selbstständigen (vgl. Motakef 2015: 44). Dieser größere Möglichkeitsraum kann bei den Selbstständigen, wie auch bei anderen Beschäftigten zu Unsicherheit in ihrer Erwerbsarbeit führen (vgl. Pelizäus-Hoffmeister 2008: 14). Das 'Selbst' scheint jetzt noch die einzige Basis zu sein, um biographische Sicherheit zu erzeugen (vgl. Pelizäus-Hoffmeister 2008: 17), doch das fällt den Menschen schwer, wenn sie keine feste Erwerbsarbeit und damit eine Existenzsicherung haben.

Die Erwartungen an die Arbeitnehmer sind weiterhin so gestiegen, dass von den Beschäftigten verlangt wird, sich kreativ, flexibel, eigenverantwortlich und risikobewusst zu verhalten. [Denn] [i]n allen Bereichen gilt das Diktat der Selbstoptimierung" (Motakef 2015: 45). So wird immer mehr von den Arbeitnehmern verlangt, obwohl die Unternehmen zugleich auch noch auf die 'Intensivierung' achten. Die Unternehmen wollen weniger Arbeiter einstellen, welche dann allerdings das Arbeiterpensum ausgleichen und in weniger Zeit mehr Leistung erbringen müssen. Damit wird ein neuer Idealtypus verlangt, der laut Voß und Prognatz zu einer 'Verbetrieblichung der alltäglichen Lebensführung' führt. Bei diesem sollen die Arbeitenden die Arbeitssteuerung und die Kontrolle übernehmen und den Anforderung gerecht werden (vgl. Motakef 2015: 44).

Durch die oben genannte Flexibilisierung, wie auch die Deregulierung und die Zunahme unsicherer Arbeitsverhältnisse ist eine Neuorganisation der Lohnarbeit notwendig. Die alten klassischen Arbeitsmodelle der männlichen Vollbeschäftigung haben sich mit den Jahren grundlegend geändert, was eine Anpassung an die heutigen Arbeitsverhältnisse von Nöten hat.Zudem betonen Scherschel und Jungwirth, die Zunahme an prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen habe auch viel mit dem Wandel der Organisation von Reproduktionsarbeit zu tun (vgl. 2010: 110). Die wachsende Rationalisierung und Automatisierung lässt vor allem eher gering qualifizierte Arbeiter überflüssig werden (Ernst 2010: 88).

Von großer Bedeutung für die Forschung des Strukturwandels der Erwerbsverhältnisse und auch für meine Hausarbeit ist der Wandel des 'Rollenklischees'. Wo es bis Mitte des 20. Jahrhunderts noch vollkommen selbstverständlich war, dass der Mann arbeiten geht und die Frau zu Hause bleibt, um sich um den Haushalt und die Kinder zu kümmern, hat sich das Bild mittlerweile grundlegend verändert. Denn die Emanzipierung der Frau und die damit einhergehende feministische Forderung nach Unabhängigkeit und Teilhabe hängen stark mit der Erosion der männlichen Ernährermodells zusammen (Motakef 2015: 85). Winker beschreibt drei ökonomische Entwicklungen, welche in diesem Zusammenhang die Prekarisierungsprozesse fördern. (1) Zum einen ist das, wie oben schon angedeutet, das Verschwinden des Ernährermodells, wodurch die Geschlechterhierarchie zurückgeht und Frau und Mann auf eine gleiche Ebene gestellt werden. Durch die ständig sinkenden Löhne und die steigenden Sozialausgaben ist es allerdings auch weitgehend essentiell geworden, dass mehrere Personen aus einem Haushalt arbeiten gehen müssen, um einen normalen Lebensstandard halten zu können.(2) Dadurch steigen die Frauenerwerbsquoten stetig, was zu einem Verlust der traditionellen Konzepts der Hausfrau führt. (3) Als Letztes steigen auch die inhaltlichen und zeitlichen Anforderungen an die Reproduktionsarbeit. Eltern, insbesondere Mütter haben neben der Arbeit viele Aufgaben zu erledigen, was beispielweise das Kochen, Fahren der Kinder oder die Hausaufgabenbetreuung beinhaltet. Zu diesen Punkten kommt noch die wachsende Verantwortung für die Eltern, welche im Alter unter Umständen gepflegt werden müssen. Diese Faktoren tragen zum einen dazu bei, dass auch Frauen arbeiten gehen müssen, um zum Beispiel die Pflegekosten halten zu können, allerdings führt die hohe Reproduktionsarbeit aufgrund der zeitlichen Einschränkung auch zu prekären Erwerbsverhältnissen (vgl. Winker 2010: 170ff).

Ernst schreibt, 'Prekär-Werden' sei das Gegenteil von Anerkennung (vgl. 2010: 207). Durch die steigende Unsicherheit als Folge der Prekarisierung sind sogar die Menschen betroffen, "die sich bis weit in noch stabil beschäftigte Mittelschichten hinein Sorgen um die eigene soziale Absicherung machen und das Abrutschen in die Prekarität befürchten" (Winker 2010: 165). Hier unterscheidet Castel in vier Zonen, welche die Schichten darstellen. (1) Ganz unten sieht er die Zone der Entkopplung. In dieser Schicht leben die Erwerbslosen, welche keine Chance auf Integration in den Arbeitsmarkt haben und die Integration zu sozialem Teilhabe schwierig ist. Durch die fehlenden Kontakte- wie beispielsweise Arbeitskollegen- oder die aufgrund des Geldmangels kaum bestehende Möglichkeit etwas zu unternehmen, leben die Menschen in dieser Zone oft isoliert und mit wenig sozialen Kontakten. (2) Zone zwei ist die Zone der Fürsorge. Castel nennt diese eine 'Zwischenzone', da Entkoppelte und Verwundbare dazu aufgefordert werden, für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen. Durch das Mischen zweier Zonen ist diese daher schwer zu trennen. (3) In der Zone der Verwundbarkeit herrscht eine prekäre Lebenssituation. Dort sind zwar mehr Menschen erwerbstätig, allerdings besitzen diese keine Chance auf eine sichere Existenz oder Planungssicherheit, da sie prekäre Erwerbsarbeiten wie zum Beispiel Zeitarbeit oder Leiharbeit ausüben. (4) Ganz oben steht die Zone der Integration, in welcher die meisten Menschen im Normalarbeitsverhältnis tätig und sozial abgesichert sind. Allerdings bestehen hier trotzdem die oben erklärten Existenzängste (vgl. Winker 2010: 166).

Die entstehenden Folgen der Prekarisierung verlangen somit für alle Betroffenen einen Umgang mit Unsicherheit. Wie in den nächsten beiden Kapiteln erläutert wird, haben aber vor allem Männer mit dieser Unsicherheit zu kämpfen.

2.3. Männlichkeitsvorstellungen hinsichtlich der Arbeit

Die Männlichkeitsvorstellungen hinsichtlich der Arbeit unterscheiden sich sehr von denen der Frauen. Wohingegen Frauen sich eher über die Familie orientieren, ist dies bei Männern sekundär. Scholz schreibt, die Männlichkeitskonstruktion lasse sich über "eine Ausrichtung auf lebenslange, kontinuierliche und die materielle Existenz sichernde Erwerbsarbeit, eine hohe Identifikation mit dem Beruf, oft auch mit dem Betrieb bzw. der Firma" charakterisieren (2009: 1). Das Männlichkeitskontrukt ist also von der Berufsorientierung bestimmt (vgl. Scholz 2009:1) und so mehr fokussiert auf die Karriere, als auf die Familie. Dies liegt daran, dass es sich der Mann oftmals nicht vorstellen kann, eine Familie oder Ehe zu gründen, ohne eine festen Job zu haben (vgl. Scholz 2009: 5), da er sich als Haupternährer sieht und ihm die Vollzeitarbeit daher wichtig ist (vgl. Scholz 2009: 1).

Das Bild des Haupternährers stammt aus der ursprünglichen Normalbiographie des Mannes. Dort war es üblich, dass die Männer nach der Ausbildung und dem Berufseintritt geheiratet und eine Familie gegründet haben. Diese Familie hat er dann versorgt, bis der Berufsaustritt im Alter folgte. Der Status der Ehefrau war hier noch ganz der der Hausfrau (vgl. Motakef 2015: 78). Durch dieses traditionelle Bild des arbeitenden Mannes ist die Männlichkeit über die Einbindung in ein Normalerwerbsverhältnis und eine hohe Identifikation mit der Tätigkeit und dem Unternehmen bestimmt (vgl. Motakef 2015: 105). So ist, wie Scholz schreibt, die Männlichkeit mit der Erwerbsarbeit kulturell-symbolisch verknüpft (vgl. 2009: 3). Sie schreibt außerdem, die "narrative Konstruktion von Männlichkeit ist durch eine Hypostasierung von einer Erwerbsarbeit und einer Dethematisierung von Familie gekennzeichnet" (2009: 3). Wenn Männer über ihr Leben gefragt werden, berichten diese vorrangig über ihre beruflichen Erfolge und die Arbeit. Sie identifizieren sich also über die Arbeit und sehen diese als das an, was ein erfolgreiches Leben ausmacht. Die 'hegemoniale Männlichkeit' ist laut Connell notwendig, um als richtiger Mann anerkannt zu werden,sie "bildet die Normalitätsfolie männlicher Lebenslagen, ist die Basis männlicher Suprematie und stellt die zentrale Rahmung der männlichen Biografie dar" (Motakef 2015: 105). Ohne eine feste Erwerbsarbeit ist der Mann also nichts von dem, was das 'Idealbild' ausmacht und ihn damit identifiziert.

Da sich die Situation allerdings so verschlechtert und erschwert hat, eine Festanstellung zu erlangen und so in ein Normalarbeitsverhältnis einzutreten, ist das Männlichkeitskontrukt durch diese Umbrüche für viele nicht mehr möglich (vgl. Scholz 2009: 1). Die Männlichkeit wird somit durch die Globalisierung neu herausgefordert (vgl. Scholz 2009: 10). Diese Veränderungen ändern jedoch weiterhin nichts für die Männlichkeitsvorstellungen.Die Erwerbsarbeit bildet dennoch den "zentralen Bezugspunkt für männliche Lebensentwürfe und Identitätskonstruktionen" (vgl. Scholz 2009: 1) und ist somit auch in der Zeit der Prekarisierung das Identifikationsmerkmal der Männlichkeit.

2.4. Auswirkungen der Prekarisierung auf die Männlichkeitsvorstellungen

Wie oben schon erklärt, identifiziert sich die Männlichkeit über die Erwerbsarbeit. Dies kann in Zeiten der Prekarisierung allerdings zu Identitätskrisen und Zeiten der Verunsicherung führen.Durch den Strukturwandel können viele Männer dem 'Idealbild' nicht mehr folgen. Dieser ist "mit einer Neurelationierung unterschiedlicher Männlichkeiten verbunden" (Völker 2011: 423) und so wird durch die Globalisierung die Männlichkeit neu formiert (vgl. Scholz 2009: 6). Damit kann der "Wandel des Erwerbssystems als Grund für die Degeneration der Männer" (Scholz 2009: 8) gesehen werden, was als Konsequenz hat, dass viele Männer den 'typischen' Aufgaben nicht mehr gerecht werden und somit beispielsweise der Ernährerfunktion nicht mehr stand halten können.

Dies führt dazu, dass die männliche Ordnung brüchig wird, Butler nennt jene Lagen als 'precarity'. In dieser Situation sehen sich die Betroffen als 'verwiesen', wo das "Subjekt [...] immer außerhalb seiner selbst, von sich selbst verschieden [ist], weil seine Verbindung zu anderen wesentlich für das ist, was es ist" (Egert et al. 2010: 205). Das Männlichkeitskontrukt und der damit lückenlose Lebenslauf bekommen Leerräume, womit auch die biographische Unsicherheit bei den betroffenen Männern immer größer wird (vgl. Pelizäus-Hoffmeister 2008: 2). Somit ist die entstehende Unsicherheit durch die abnehmenden Normalarbeitsverhältnisse ein zentrales Thema für die Männlichkeit. Durch die Unsicherheit erfolgt auch eine Verunsicherung der männlichen Identität, welche die Betroffenen bei dem Verlust der Erwerbsarbeit verspüren. Diese Verunsicherung scheint nur teilweise durch die Familienpoisition kompensierbar, da sie sich nach wie vor über die Arbeit identifizieren (vgl. Scholz 2009: 3), denn die "industriegesellschaftliche Männlichkeit [bildet] weiterhin die hegemoniale Form von Männlichkeit" (Motakef 2015: 107). Und durch den Wandel "konstituiert sich im Kontext der sich globalisierenden kapitalistischen Ökonomie eine neue hegemoniale postindustrielle Konstruktion von Männlichkeit" (Scholz 009: 6), wo der Zusammenhang von Erwerbsarbeit und Männlichkeit erhalten bleibt und sich sogar noch ausbreitet. Durch diese Veränderungen hat die Männlichkeit an Selbstverständlichkeit verloren (vgl. Motakef 2015: 107), da sie nicht mehr in dem Maße erbracht werden kann, wie sie sich vorgestellt wird. Dies sorgt laut Kratzer und Sauer dann aus männlicher Sicht für eine "Gefährdung der psychisch-physischen Reproduktionsfähigkeit" (Ernst 2010:93). So fühlen sich Männer aufgrund der Arbeitslage nicht mehr als richtiger Mann, was Dörre als 'Zwangsfeminisierung' beschreibt (vgl. Motakef 2015: 107). Die betroffenen Männer fühlen sich angesichts der fehlenden oder prekären Arbeitsverhältnisse wie eine Frau, welche nicht der Haupternährer der Familie sein sollte.Egert et al. beschreiben dies so, dass Männlichkeit als Kategorie sozialer Verortung infolge dieser Tatsachen mehr und mehr entleert wird und so 'Praktiken der Nichtmännlichkeit' entstehen (Völker 2011: 423f).

Vor allem in Bezug auf das Geschlechterregime ist eine grundlegende Veränderung zu beobachten. Wo bis Mitte des 20. Jahrhunderts der Mann hierarchisch über der Frau stand, ist dies heutzutage häufig nicht mehr zu erkennen und Mann und Frau stehen auf gleicher Ebene. Zwar arbeitet der Mann meist mehr als die Frau, diese ist jedoch auch in Normalfällen in die Erwerbsarbeit eingestiegen.

So wird die normative Verknüpfung des Normalarbeitsverhältnisses mit hierarchischer Geschlechterkonstellation brüchig und gerät in den Entsicherungsprozess (vgl. Völker 2011: 423). Dies hat zur Folge, dass die Prekarisierung Konsequenzen mit sich bringt, welche weit mehr über die Erwerbssphäre hinausgehen, es kommt zu einer 'Erosion des männlichen Ernährermodells' (vgl. Motakef 2015: 70), die durch den Eintritt der Frau in die Erwerbsarbeit und der dadurch entstehende 'Status' eines weiteren Familienernährers entsteht.Für viele Männer wird darum die Krise der Arbeit häufig auch als Krise der Männer gesehen. Es entsteht für die Betroffenen ein Entsicherungsprozess der "komplementär-hierarchischen Geschlechterkonstellation" (Völker 2011: 423), durch welchen sie ihre Identität als Geschlecht infrage stellen und sich nicht mehr männlich fühlen. Ähnlich wie Völker schreibt auch Scholz, dass durch die Emanzipation der Frauen eine Männlichkeitskrise entsteht, da diese sich geschwächt oder überflüssig fühlen (vgl. Scholz 2009: 7). Ihre Aufgabe als alleiniger Familienernährer können sie nun nicht mehr erfüllen und sind entweder neben der Frau Ernährer oder sogar infolge der Niedriglöhne und prekären Jobs auf die Hilfe der Frau angewiesen, welche auch Geld verdienen muss, um die Familie versorgen zu können. In Ost-Deutschland wird es, so schreibt Scholz, sogar zum Normalfall, dass Frauen die Familie ernähren und der Hauptverdiener sind (vgl. 2009 4). Durch den Strukturwandel und das dadurch entstehende Gefühl, überflüssig oder nicht mehr so wichtig zu sein, wurden erhöhte Mortalitätsraten oder mehr Gewalt beobachtet (vgl. Scholz 2009: 7), da die Betroffenen denken, sie werden nicht mehr gebraucht oder auch aufgrund der prekären Lage aggressiv werden.

Als Folge der Prekarisierung ist weiterhin zu beobachten, dass junge Männer zunehmend weniger eine Ehe schließen oder sogar eine Familie gründen. Grund hierfür ist die Unsicherheit, wie die berufliche Zukunft für die Betroffenen aussieht und der nicht planbare Lebenslauf, wie auch die veränderten Vorstellungen von Vater- und Partnerschaft. Vor allem eher gering verdienende Männer haben durch den niedrigen Verdienst weniger dauerhafte Partnerschaften,da sie sich nicht als Familienernährer sehen und somit denken, sie seien nicht im Stande, eine Familie versorgen zu können (vgl. Scholz 2009: 5). Damit einhergehend schreibt Völker, was sie allerdings für nicht hinreichend hält, "für junge Männer [scheint] ein gelungener und erfüllender Lebenszusammenhang unter prekarisierten Bedingungen unerreichbar oder nur mit Partnervorstellungen umsetzbar, die einen dem Gesellschaftlichen enthobenen Weiblichkeitsmythos bemühen" (2011: 423), womit er sagt, dass junge Männer in der heutigen prekarisierten Zeit eine Normalbiographie als unantastbar sehen und sich eine Partnerschaft bloß anhand des traditionellen, hierarchischen Konzepts vorstellen können. Dies traditionelle Konzept sieht, wie oben schon beschrieben, die Männer arbeiten gehen und die Frauen als Hausfrau.

Es gibt allerdings auch entgegen jeglichen Klischees mehr und mehr Männer, die nach der Geburt ihres Kindeszu Hause bleiben und in Elternzeit gehen, sodass die Frauen weiterhin voll erwerbstätig sind. Auch wenn dies mittlerweile immer öfter vorkommt, stoßen die Männer damit oft auf Unverständnis, welches vor allem beim Chef stark ausgeprägt ist, da die Elternzeit mit den 'Verfügbarkeitsansprüchen' des Unternehmens und den Erwartungen des Vorgesetzten kollidiert. Jedoch haben nach wie vor viele Väter Angst, die Elternzeit zu übernehmen, da sie befürchten später nicht mehr in ihrem Job wieder zurück zu können und so gefühlt ihre Männlichkeit verlieren (vgl. Motakef 2015: 110f).

Was jedoch meist außer Betracht gelassen wird, ist, dass Frauen stärker von der Prekarisierung betroffen sind, als die Männer. Da Frauen häufiger ohnehin schon erwerbslos sind und sich um den Haushalt und die Kinder kümmern, oder aufgrund der Reproduktionsarbeit nur in einem Mini- oder Teilzeitjob tätig sind (vgl. Woltersdorff 2010: 241). Laut Freudenschuß gelten Frauen somit als besonders armutsgefährdet, da Armut als Folge der Prekarisierungsprozesse gesehen wird (vgl. 2010: 260).

2.5 Beispiele betroffener Männer im Umgang mit Prekarität

Um die Auswirkungen der Prekarisierung auf die Männlichkeitsvorstellungen und das Erleben mit der entstehenden Unsicherheit genauer darstellen zu können, werden nun drei Beispiele dargestellt, die den verschiedensten Umgang mit prekärer Arbeit aufzeigen.

Susanne Völker stellt drei Interviews dar, welche einzelne Praxisformen erläutern und in welchem die Interviewten ihr Erleben mit den prekären Erwerbsverhältnissen erläutern. (1) Die erste Praxisform nennt sie 'Orthodoxe Klassifizierungen'. Herr K. ist 21 Jahre alt und durch seinen Katholizismus, welchem er angehört, stark geprägt. Er repräsentiert die Gruppe, welche das traditionelle Konzept der hierarchischen Geschlechterordnung vertritt und ist der Meinung, der Mann sollte solch eine Erwerbsarbeit ausüben, mit der er seine Familie ernähren kann. Die Frau könne mit einer Nebentätigkeit als 'Zuverdienerinnenmodell' tätig sein, welche er beispielsweise als Kassierer ausgeübt hat. Da ihm die Arbeit als Kassier zu 'weiblich' war, hat er seine relativ stabile Tätigkeit aufgegeben und einen Aushilfsjob in einer Spielwarenkette angenommen, bei dem er jetzt Fahrräder und Carrera-Autobahnen verkauft. Durch seine prekären Arbeits- und Lebensverhältnisse sieht er sich nicht im Stande, eine Partnerschaft oder gar Familie zu gründen, da er diese mit seinem Aushilfsjob nicht versorgen kann. Diese traditionelle Denkweise ist laut Völker allerdings bedroht und fragil (vgl. 2011: 425f), da seine Vorstellungen aufgrund des Strukturwandels überholt wurden. (2) 'Erschöpfungen- Krise der (männlichen) Erwerbsarbeit' ist die zweite Praxisform, welche Völker darstellt. Beispielhaft für diese Gruppe wird Herr D. genannt. Er ist 32 Jahre alt, hat eine Partnerin und Kinder. Herr D. blickt zwar dem geschlechter- differenzierendem Konzept nach, weiß jedoch, dass die Vorstellungen aufgrund des Strukturwandels umgearbeitet werden müssen, da die Ansprüche nicht in den Alltag umgesetzt werden können. Hinsichtlich seiner Arbeitslosigkeit war er nicht mehr im Stande, seine Familie zu ernähren und musste somit einen Verlust der Ernährerposition hinnehmen. Dadurch gelang er in eine tiefe Identitätskrise, in welcher er Zweifel hatte, ein guter Vater sein zu können und dachte, er sei kein gutes Vorbild für seine Kinder. Seitdem er wieder einen unbefristeten Job hat, berichtet er, ist er als stellvertretender Filialleiter eines Telekommunikationsvermarkters glücklich. Allerdings kommen auch hier die Ängste, wieder in die Prekarität hineinzurutschen zum Ausdruck, da ihm eine umsatzanhängige Bezahlung gezahlt wird. Durch diese tägliche Unsicherheit führen seine Partnerin und er beide eine Erwerbsarbeit aus, damit sie finanziell gesichert sind, falls einer der beiden einmal arbeitslos wird. Somit wechselt auch die Tagesverantwortung für die Kinder (vgl. 2011: 426). Bei Herrn D. ist zu erkennen, dass er es zu schätzen weiß, eine Arbeit zu haben und obwohl er an das klassische Bild gebunden ist, versucht, sich dem Wandel der Verhältnisse anzupassen und so ein besseres Leben führt, als würde er an dem traditionellem Konzept festhalten. (3) Die dritte Praxisform 'Gelegenheitsorientierungen und temporäre Arrangements' stellt eine Gruppe dar, welche auf kurzfristige und spontane Gelegenheiten vertraut. Herr V. ist 35 Jahre alt und durch seine Kindheit stark geprägt und sozial verunsichert. So ist die Milieuzugehörigkeit eng verbunden mit den Gelegenheitsorientierungen. Er sieht die prekären Erwerbsverhätltnisse als eine Chance, da in einem ungesichertem Rahmen mehr möglich ist als in einem festen. Somit besteht auch die Möglichkeit, sich selbst zu erfinden. Durch seine schon oft wechselnden Jobs und auch ein Jahr der Arbeitslosigkeit ist er froh, eine Arbeit als Verkaufsoptimierer zu haben, auch wenn diese stark prekär ist, da sie auf Provisionsbasis und er für seinen Gewinn allein verantwortlich ist. Zumal er die selbstständige Arbeit als Dreh- und Angelpunkt in seinem Leben sieht. Anders wie bei Herrn K., welcher keine Partnerschaft aufgrund seiner prekären Lebensverhältnisse haben möchte, wäre Herr V. für solch eine bereit, da für ihn die Geschlechterdifferenz spielt im Gegensatz wie für Herrn K. keine große Rolle spielt, sondern ist untergeordnet ist (vgl. Völker 2011: 425ff).

Diese drei Beispiele zeigen, wie unterschiedlich mit der Situation in der Prekarität umgegangen wird und wie sich das auf ihr Leben und die Lebenseinstellung auswirkt. Auffällig ist jedoch, dass Herr V., welcher der älteste der drei Männer ist, am wenigsten die traditionelle Haltung der Geschlechterhierarchie vertritt.

3. Fazit

Abschließend sollte deutlich dargestellt werden, wie sehr sich die Veränderung der Erwerbsverhältnisse nicht nur finanziell für die Betroffenen auswirkt, sondern wie stark diese auch den Menschen und vor allem Männern psychisch zusetzen kann.

Der Strukturwandel der Prekarisierung, welcher sich nun durch die unterschiedlichsten Faktoren erklären lässt, hat in den letzten Jahrzehnten für zunehmend Unsicherheit beim Großteil der Bevölkerung gesorgt. Die veränderten männlichen Normalarbeits- und Lebenskonzepte sind eng verbunden mit demgewachsenen gesellschaftlichen Teilhabe der Frau (vgl. Ernst 2010: 93) undneben den veränderten beziehungsweise gestiegenen subjektiven Anforderungen der Arbeitgeber an die Arbeitnehmer (vgl. Motakef 2015: 43) ein Hauptauslöser für steigende Prekarität. Durch die mehr und mehr werdenden prekären Verhältnisse bekommen sogar Menschen in der relativ sicheren Mittelschicht Ängste, in die Prekarität abzurutschen und ihr Normalarbeitsverhältnis zu verlieren. Die 'Normalbiographie' scheint so kein geordneter Orientierungsrahmen für die Menschen mehr zu sein (vgl. Pelizäus-Hoffmeister 2008: 18).

Stark betroffen von der Prekarisierung sind, wie ausführlich analysiert, vor allem die Männer. Obwohl die Arbeit ein Generator der Unsicherheit wird, bleibt sie weiterhin ausschlaggebend für die Männlichkeit. Durch diese starke Identifizierung des Selbst über die Erwerbsarbeit geraten viele in eine Männlichkeitskrise und sehen sich nicht mehr als Mann. Die Prekarisierung bringt somit außer den finanziellen Folgen überwiegend für die Psyche des Mannes ihre Folgen mit sich. Die steigende Unsicherheit und das Gefühl, kein richtiger Mann mehr zu sein schafft sie in eine Identitätskrise. Konsequenzen davon sind weniger Partnerschaften oder Eheschließungen und auch weniger Familien, da sie sich nicht im Stande sehen, eine Familie zu ernähren. Aus den drei Beispielen wurde deutlich, wie sehr sich die Lebenseinstellung und das Denke über die Geschlechterhierarchie auf das Leben auswirken kann.

Völker fasst in einem Satz zusammen, was die Konsequenzen der Prekarisierung mit sich bringen: "Wir haben es mit einer komplexen Konstellation der Entsicherung von sozialen und geschlechterdifferenzierten Integrationen und Begrenzungen im Erwerbsbereich und einer Ernennung und Verdrängung des Ortes der Regeneration und Reproduktion zu tun" (2011: 428).

Der strukturelle Wandel verlangt somit eine komplette Neuorientierung in der Arbeitswelt und den Erwerbsverhältnissen, wie auch in der Denkweise vieler Menschen über das traditionelle Konzept der Geschlechterhierarchie. Da die Prekarisierung in den nächsten Jahren immer weiter ansteigen wird, ist den Betroffenen nichts anderes überlasse, als sich damit abfinden zu müssen und die gesellschaftliche Teilhabe der Frau zu akzeptieren.

4. Literaturverzeichnis

Egert, Gerko et al. 2010: Praktiken der Nichtmännlichkeit. Prekär-Werden Männlicher Herrschaft im ländlichen Brandenburg. In: Manske, Alexandra/ Pühl, Katharina (Hrsg.): Prekarisierung zwischen Anomie und Normalisierung. Geschlechtertheoretische Bestimmungen. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot, 1. Aufl., Bd. 28: S. 186-209

Ernst, Stefanie 2010: Gekränkter Stolz? Prekäres Leben und Arbeiten jenseits des NAV. Zwischenrufe aus dem 'Niemandsland der (Dauer-) Arbeitslosigkeit'. In: Manske, Alexandra/ Pühl, Katharina (Hrsg.): Prekarisierung zwischen Anomie und Normalisierung. Geschlechtertheoretische Bestimmungen. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot, 1. Aufl., Bd. 28: S. 84-109

Freudenschuß, Magdalena 2010: Kein eindeutiges Subjekt? Zur Verknüpfung von Geschlecht, Klasse und Erwerbsstatus in der diskursiven Konstruktion prekärer Subjekte. In: Manske, Alexandra/ Pühl, Katharina (Hrsg.): Prekarisierung zwischen Anomie und Normalisierung. Geschlechtertheoretische Bestimmungen. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot, 1. Aufl., Bd. 28: S. 252-271

Grigorova, Anzhela 2010: Stabilität abseits des Arbeitsmarkt. Ein-Euro-Jobber zwischen "Fordern" und "Fördern". In: Götz, Irene/ Huber, Birgit/ Kleiner, Piritta (Hrsg.): Arbeit in "neuen Zeiten". Ethnografien und Reportagen zu Ein- und Aufbrüchen. München: Herbert Utz Verlag GmbH, Bd. 7: S. 79-88

Janowitz, Klaus M 2006: Prekarisierung. In: Sozialwissenschaften und Berufspraxis, 29 (2): S. 335-341. URN: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-38796. 29.3.2016

Jungwirth, Ingrid/ Scherschel, Kathrin 2010: Ungleich prekär. Zum Verhältnis von Arbeit, Migration und Geschlecht. In: Manske, Alexandra/ Pühl, Katharina (Hrsg.): Prekarisierung zwischen Anomie und Normalisierung. Geschlechtertheoretische Bestimmungen. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot, 1. Aufl., Bd. 28: S. 110-132

Manske, Alexandra/ Pühl, Katharina (Hrsg.) 2010: Prekarisierung zwischen Anomie und Normalisierung. Geschlechtertheoretische Bestimmungen. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot, 1. Aufl., Bd. 28: S. 7-23

Motakef, Mona 2015. Prekarisierung. Bielefeld: transcript Verlag Pelizäus-Hoffmeister, Helga 2007: Biografische Unsicherheiten und deren Bewältigung um die Jahrhundertwenden 1900-2000. Eine historisch vergleichende Analyse am Beispiel bildender KünstlerInnen. In: Forum Qualitative Sozialforschung/ Forum Qualitative Social Research, 9 (1), Art. 35

Pelizzari, Alessandro 2009: Dynamiken der Prekarisierung. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH Scholz, Sylka 2009: Männlichkeit(en) und Erwerbsarbeit: Prekarisierung und Neuaufforderung. In: Heinrich Böll Stiftung/ Gunda Werner Institut/ Forum Männer. Fachtagung "Prekäre männliche Lebenswelten. Männer im Prekariat". Berlin

Völker, Susanne 2011: Praktiken sozialer Reproduktion von prekär beschäftigten Männern. In: WSI-Mitteilungen (8): S. 423-429

Winker, Gabriele 2010: Prekarisierung und Geschlecht. Eine intersektionale Analyse aus Reproduktionsperspektive. In: Manske, Alexandra/ Pühl, Katharina (Hrsg.): Prekarisierung zwischen Anomie und Normalisierung. Geschlechtertheoretische

Bestimmungen. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot, 1. Aufl., Bd. 28: S. 162-184

Woltersdorff, Volker 2010: Prekarisierung der Heteronormativität von Erwerbsarbeit? Quertheoretische Überlegungen zum Verhältnis von Sexualität, Arbeit und Neoliberalismus. In: Manske, Alexandra/ Pühl, Katharina (Hrsg.): Prekarisierung zwischen Anomie und Normalisierung. Geschlechtertheoretische Bestimmungen. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot, 1. Aufl., Bd. 28: S. 84-109

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der strukturelle Wandel der Prekarisierung und wie sie sich auf die Männlichkeitsvorstellungen auswirkt
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V372946
ISBN (eBook)
9783668507708
ISBN (Buch)
9783668507715
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethnografie, Prekarität, Prakeriat, Männer, Arbeit, Arbeitslosigkeit, struktureller Wandel, Männlichkeitsvorstellungen, Prekarisierung
Arbeit zitieren
Kira Steinmann (Autor), 2016, Der strukturelle Wandel der Prekarisierung und wie sie sich auf die Männlichkeitsvorstellungen auswirkt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372946

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