Der Einfluss printmedialer Berichterstattung auf das kollektive Gedächtnis moderner Gesellschaften

Welche Rolle spielt printmediale Berichterstattung und das kollektive Gedächtnis in modernen Gesellschaften?


Examensarbeit, 2016
73 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das kollektive Gedächtnis und moderne Gesellschaften
2.1 Theoretische Überlegungen
2.1.1 Systeme
2.1.2 Die Akkumulation von „Sinn“
2.1.3 Autopoiesis
2.2 Zusammenfassung

3. Die Flüchtlingskrise
3.1 Die Flüchtlingskrise und die Gesellschaft
3.2 Ursprung und Konsequenzen der Flüchtlingskrise
3.2.1 Ursachen
3.3 Die Auswirkungen der Flüchtlingskrise auf die Bundesrepublik Deutschland
3.3.1 Die Haltung der Regierung
3.3.2 Die Gegenbewegungen in der deutschen Gesellschaft
3.4 Zusammenfassung

4. Untersuchung printmedialer Berichterstattung
4.1 Allgemeines
4.2 Betrachtung und Analyse printmedialer Berichterstattung zur Flüchtlingskrise
4.2.1 Fragenkatalog
4.2.2 Kritik
4.3 Analyse und Interpretation printmedialer Berichterstattung
4.3.1 Bild Zeitung
4.3.2 „In Syrien zeigt der Despot seine Zähne“
4.3.3 „Aus Angst vor Attacken im Asylhotel: Sanitäter tragen schon Schutzwesten“
4.3.4 „AfD hofft bundesweit auf 20 Prozent“
4.3.5 Zwischenfazit
4.3.6 Süddeutsche-Zeitung
4.3.7 „Warum Assad kein Teil der Lösung ist“
4.3.8 „Was die Zuwanderung mit Deutschland macht“
4.3.9 „So berauscht sich die AfD an ihrem Erfolg“
4.3.10 Zwischenfazit
4.3.11 Frankfurter Allgemeine Zeitung
4.3.12 „Der Winter der Revolution“
4.3.13 „Die Folgen des Flüchtlingszuwachses für die deutsche Wirtschaft“
4.3.14 „Entscheidungssiege im Westen“
4.3.15 Zusammenfassung

5. Fazit, Kritik und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Geschichtstheorie ist eine Teildisziplin der Philosophie. Dieser Oberbegriff fasst mehrere theoretische Strömungen zusammen und versucht die Akkumulation menschlicher Geschichte, die in erster Linie Sinnbildungsprozessen sowie die kollektiv erstellten Konstruktionen von Geschichte anbahnt, zu beschreiben. Der Ausdruck Sinnbildungsprozess spielt auch in den geschichtstheoretischen Ansätzen Maurice Halbwachs‘ und Jan und Aleida Assmanns eine tragende Rolle. Beide Theorien versuchen zu erklären, wie Erinnerungen innerhalb einer Erinnerungsgemeinschaft entstehen und letztendlich in Sinnbildungsprozessen in dieser münden. Interessant erscheint in diesem Zusammenhang die Aussage, dass die Theorien davon ausgehen, dass jegliche Erinnerung im Kollektiv generiert wird und dieses von außen eingeleitet und beeinflusst werden kann. Somit stellt sich also die Frage, wodurch und wie das Gedächtnis von außen beeinflusst wird. Ziel dieser Arbeit soll es sein, einen solchen Einfluss zu untersuchen und die Verarbeitung in einem Kollektiv darzustellen.

Ein solches Kollektiv oder eine Erinnerungsgemeinschaft ist auch die deutsche Gesellschaft in all ihren Facetten, denn eine Erinnerungsgemeinschaft konstituiert sich auf verschiedenen Ebenen. So kann davon ausgegangen werden, dass politische Entscheidungen, gesellschaftliche Bewegungen und vieles mehr Einfluss auf die Erinnerungsgemeinschaft nehmen, die Erinnerungsgemeinschaft aber zeitgleich auch immer rückkoppelt und bis zu einem gewissen Grad Politik und Gesellschaft in der Gegenwart beeinflusst. Diese Beeinflussung beruht immer auf dem konstituierten Sinn und diese Vorgänge werden auch von Halbwachs und den Assmanns beschrieben. Da aber beide Theorien Bezug auf Kulturen herstellen, die schon historisch sind, soll in dieser Arbeit der Versuch unternommen werden zu zeigen, ob und wie die Prinzipien, von denen Halbwachs und die Assmanns ausgehen, auf die heutige Gesellschaft anwendbar sind. Dafür ist es zunächst nötig diese geschichtlichen Theorien mit soziologischen Theorien zu verknüpfen, die moderne Gesellschaften beschreiben, damit der Gegenstand beschreibbar gemacht werden kann.

Damit Entwicklungen einer Kultur sichtbar gemacht werden können, braucht es einen konkreten Einfluss. Die Einflüsse, an denen dies am deutlichsten darstellbar ist, sind einschneidende Entwicklungen, die in besonderer Weise Einfluss auf das Leben einer Gemeinschaft nehmen. Eine solche Entwicklung erlebt die deutsche Gesellschaft gerade im Zuge der Flüchtlingskrise, sie soll deshalb betrachtet werden. Wie wichtig und gravierend die Auswirkungen dieser sind, bei Betrachtung der Berichterstattung zu diesem Thema deutlich. Deswegen werden die Ursachen und Auswirkungen der Flüchtlingskrise aufgearbeitet und in den Kontext der Theorien gestellt werden, um darzustellen welchen konkreten Einfluss sie auf Entwicklungen in der Gesellschaft nehmen, bzw. wie sich die Reaktionen auf diesen Einfluss darstellen.

Da der Kern eines jeden gesellschaftlichen Einflusses auf Information beruht, ist es von immanenter Wichtigkeit die Quellen der Information einzubeziehen und sie ebenfalls in den Kontext der Theorien zu stellen. Zu diesem Zweck soll die printmediale Berichterstattung genutzt werden, um festzustellen wie über die Flüchtlingskrise als Einfluss berichtet wird, ob dies rein objektiv geschieht, oder ob sie aus dem Standpunkt ihrer Gemeinschaft heraus berichtet und so verzerrte Bilder des Einflusses wiedergeben. Eingang in die Untersuchung sollen Artikel verschiedener Tageszeitungen, Themen und Art finden. D.h. es sollen sowohl Kommentare, Analysen, als auch reine Berichte genutzt werden, da alle drei Typen Informationen liefern und Kommunikation in Gemeinschaften anstoßen.

Abschließend sollen diese im Kontext der Theorie bewertet und eingeordnet werden, um die theoretischen Überlegungen zu beweisen oder zu widerlegen. Hauptziel der Arbeit ist also, den Einfluss printmedialer Berichterstattung für eine Gemeinschaft darzustellen, um Entwicklungsprozesse in der Sinnakkumulation sichtbar zu machen. Zu klären ist, ob die Berichterstattung Einfluss auf den Sinn nimmt, oder ob sie aus dem Sinn des abgeleiteten Selbstverständnisses einer Gemeinschaft heraus argumentiert und so den Prozess weiter vorantreibt.

2. Das kollektive Gedächtnis und moderne Gesellschaften

2.1 Theoretische Überlegungen

Ziel dieser Arbeit ist es die Theorien zum kollektiven Gedächtnis nach Maurice Halbwachs und die Theorien des kulturellen Gedächtnisses nach Jan und Aleida Assmann auf eine aktuelle gesellschaftliche Entwicklung anzuwenden und ihre konkrete Beeinflussung darzustellen. Zu Beginn stellt sich aber das Problem, dass die Theorien nicht für die Anwendung an modernen Gesellschaften gedacht sind. Vor allem die Theorie der beiden Assmanns bezieht sich auf frühe Hochkulturen. Deswegen stellt sich zunächst also eine soziologische Frage: Wie lässt sich eine moderne Gesellschaft ausdifferenzieren und beschreiben, um zu zeigen, dass insbesondere die Theorie nach den Assmanns noch Relevanz besitzt? Ein möglicher Ansatz ist die Auflösung über die Systemtheorie von Niklas Luhmann. Diese bietet sich aus mehreren Gründen an:

1. Sie besitzt ein selbstreferentielles Moment, ist also auf die „Produktion“ von Sinn angewiesen.
2. Sie beschreibt Gesellschaft als System, dass aus unterschiedlichen sich beeinflussenden Systemen konstituiert wird.
3. Sie beruht auf Kommunikation.
4. Sie beschreibt ein sich selbsterhaltendes System.

Bei Betrachtung dieser vier grundlegenden Punkte fallen eine begriffliche und auch funktionale Nähe zu den Theorien des kollektiven und kulturellen Gedächtnisses auf. In diesem Kapitel soll der Versuch unternommen werden, diese Theorien zu kombinieren, um den Bogen zu modernen Gesellschaften zu schlagen und den Gegenstand der Arbeit untersuchbar zu machen. Damit dies gelingt, sollen zunächst die wichtigsten Begriffe im Zusammenhang der Systemtheorie erläutert und an den entsprechenden Stellen mit den Theorien des kollektiven und kulturellen Gedächtnisses verknüpft werden. So entsteht ein Bild einer modernen Gesellschaft, dass es ermöglicht kollektive Erinnerungsprozesse erkennbar und beschreibbar zu machen. Die Begriffe, die das systemtheoretische Konstrukt Luhmanns beschreiben und füllen, müssen gegebenenfalls angepasst werden. Die Nähe der Systemtheorie zum kollektiven Gedächtnis, ist aber auf den grundlegenden Ebenen identisch und bietet sich daher zur Betrachtung des Untersuchungsgegenstandes an. Diese Aussage soll im folgenden Teil beschrieben und belegt werden.

2.1.1 Systeme

Systeme sind das Grundkonstrukt der Systemtheorie. Diese stellen in gewisser Weise das Äquivalent zum cadres sociaux[1] nach Maurice Halbwachs dar, zumindest wenn die Rede von sozialen Systemen ist. Zunächst aber muss geklärt werden, um was es sich bei dem soziologischen Begriff System überhaupt handelt. Nach der gängigen Auffassung werden Systeme folgendermaßen beschrieben:

„Systeme sind Konstruktionen unseres Verstandes. […] In der Wirklichkeit [aber] gibt es keine Systeme. Dort gibt es […] nur lauter einzelne Gegenstände. […] Aber wir können uns entschließen, beliebige Gegenstände zu einem System zu verknüpfen.“[2]

Bei Systemen handelt es sich also um Konstruktionen, mit denen wir versuchen unsere Umwelt zu organisieren und unter Umständen sogar unser zukünftiges Handeln zu beeinflussen. Es wird immer der Versuch unternommen Fakten und Tatsachen zu systematisieren und organisieren, um unsere Geschichte zu verarbeiten und daraus zu lernen und zukünftiges Handeln abzuleiten. Genau diese Arbeit leistet das System nach der soziologischen Auslegung auch. Dabei ist es wichtig zu beachten, dass es durch Beobachtung[3] Themen aus der Umwelt ins Blickfeld des Systems rückt. Der Beobachtungsprozess wird als objektiv beschrieben. D.h. er nimmt Sachverhalte wahr und führt diese in ihrer tatsächlichen Form in das System ein.[4]

Teilweise anders hingegen füllt Luhmann den Begriff System. Er geht davon aus, dass die Systeme weit über eine bloße Konstruktion hinausgehen. Im Gegensatz zum objektiv analytischen Organisationsansatz liefert Luhmann die Möglichkeit, dass Systeme einen realen Sachverhalt beschreiben.[5] Damit nimmt er dem Begriff einen großen Teil seiner Abstraktheit, da so existierende Objekte in den Fokus eines Systems rücken. Darüber hinaus wird auch die Objektivität des Systems an sich bezweifelt. Es wird in Luhmanns Theorie davon ausgegangen, dass die Betrachtung der Welt als System, als Organisationseinheit einer Gruppe, und der Umwelt, als die Sammlung aller Geschehnisse, Objekte und Gegenstände, die betrachtet werden können, immer einer Färbung und Selektion durch das System unterliegen.[6] Daraus lässt sich folgern, dass die Objektivität nicht gewährleistet wird. Vereinfacht ausgedrückt liegt dies also daran, dass die Betrachtung von Systemen und Gegenständen durch ein System aus einer bestimmten Grundhaltung entspringt.[7] Diese Grundhaltung entspricht den Denkschemata die Halbwachs dem kollektiven Gedächtnis zugrunde legt. Sie beeinflussen und lenken unsere Wahrnehmung und Handlung.[8] Wichtig erscheint zusätzlich, dass das System selektiv vorgeht, weil es aus seiner Grundhaltung an bestimmten Ereignissen oder Gegenständen gar nicht, oder zumindest nicht an ihrer tatsächlichen Form „interessiert“ ist. Diejenigen Ereignisse und Gegenstände, an denen ein „Interesse“ besteht, werden durch Beobachtung von im Sinne des Systems denkenden Gruppen fokussiert. Dies verlangt aber nach mehr als nach einem reinen Beobachtungsprozess. Luhmann erweitert auf Basis dieser Überlegungen das System um den Begriff der Unterscheidung [9] :

„Real ist das, was als Unterscheidung praktiziert, durch sie zerlegt, durch sie sichtbar und unsichtbar gemacht wird: die Welt.“[10]

Unterscheidung beschreibt also letztendlich den Vorgang der Selektion. Wobei Selektion bzw. Unterscheidungen z.T. gar nicht bewusst getroffen werden, da dieser Prozess Ergebnis eines sich selbsterhaltenden, aus Sicht der Teilnehmer somit legitimierten, Systems ist. Der Vorteil von Luhmanns Annahmen liegt darin, dass die Systemtheorie es ermöglicht, zwischen Realität und Konstruktion zu unterscheiden. Diese Differenz spielt sowohl in der Geschichtswissenschaft als auch in den Theorien des kollektiven Gedächtnisses eine tragende Rolle. Denn im kollektiven Gedächtnis ist immer davon die Rede, dass die Erinnerungen, die eine Gruppe zur Erstellung ihres Selbstbilds benutzt, reine Konstruktionen sind, da sie ebenfalls an dieses Selbstverständnis angepasst werden.[11]

Neben der Möglichkeit in der Systemtheorie und dem kollektiven Gedächtnis zwischen Realismus und Konstruktivismus zu unterscheiden, steht dieser Realismus, als die reine Sammlung von Fakten, dem Konstruktivismus, als rekonstruiertes Geschichtsbild in der Geschichtswissenschaft ebenfalls gegenüber. Sie koexistieren also.

Weiterhin wird dem System auch eine soziale Komponente zugeschrieben, die vorher so nicht in aller Deutlichkeit beschrieben wurde. Es gibt soziale Systeme, die den Systemen, die Gegenstände beschreiben, entsprechen, weil ihre „Gegenstände“ Individuen sind, die Informationen nutzen und verarbeiten, um im eigenen System zu existieren. Also nicht nur die bloße Sammlung aller Sachverhalte und der Umwelt, aus der die Gegenstände entspringen sind ein System, sondern der in der Theorie des kollektiven Gedächtnisses beschriebene soziale Bezugsrahmen (cadres sociaux)[12] bildet ebenfalls ein eigenes, informationsverarbeitendes System. Denn ähnlich verhält dieser Vorgang auch bei Halbwachs: Systeme bilden einen Rahmen, der mit dem sozialen Bezugsrahmen vergleichbar ist. Beide gehen davon aus, dass der soziale Rahmen direkt die individuellen Wahrnehmungen und Erinnerungen beeinflusst, denn sie bilden Denkschemata aus. Bei völliger Abwesenheit des sozialen Rahmens kann weder ein System noch das kollektive Gedächtnis existieren.[13]

Betrachtet man diese Zusammenhänge wird deutlich, dass sowohl die soziale als auch die konstruktivistische Komponente in den Theorien des kollektiven Gedächtnisses aufgegriffen werden. Soziale Systeme entsprechen den Gruppen nach Halbwachs, da sie, bezogen auf Informationsverarbeitung, gleiche oder zumindest sehr ähnliche Ziele verfolgen. Folgt man Luhmanns Ausführungen weiter lässt sich das soziale System folgendermaßen beschreiben:

„Soziale Systeme haben die Funktion der Erfassung und Reduktion von Komplexität [gemeint sind hier die komplexen Zusammenhänge der Welt]. Sie dienen der Vermittlung zwischen der äußersten Komplexität der Welt und der sehr geringen, aus anthropologischen Gründen kaum veränderbaren Fähigkeit des Menschen zu bewußter Erlebnisverarbeitung.“[14]

So lässt sich die Entwicklung sozialer Systeme auf eine reduktionistische Möglichkeit begrenzen, die Welt zu strukturieren, um die Komplexität der sich abzeichnenden Möglichkeiten greifbar zu machen.[15] Das geläufiges Mittel scheint hier die Reduktion zu sein, die sich aber auch mit dem oben angesprochenen Interesse deckt und die Aufgabe hat, komplexe Abläufe, die in der Welt außerhalb des Systems stehen, erklärbar zu machen. Es wurde bereits kurz angesprochen, dass die Ideen, die mit der Systemtheorie einhergehen, auch Anwendung in den Theorien des kollektiven Gedächtnisses finden. Besonders bei Maurice Halbwachs wird die Nähe zu systemischen Ideen deutlich. Sowohl die Systemtheorie als auch das kollektive Gedächtnis nach Halbwachs gehen davon aus, dass die gewonnenen Erkenntnisse und Erinnerungen auf eine soziale Determinierung zurückzuführen sind. Laut Halbwachs wird jegliche Erinnerung im Kreise anderer Menschen konstituiert. Er geht davon aus, dass auch jegliche individuelle Erinnerung das Ergebnis eines Gruppenprozesses ist, dessen Denkschemata Konstruktionen schafft.[16] D.h. ähnlich wie der systemische Ansatz von Luhmann spielt das Individuum oder Subjekt eine zunächst untergeordnete Rolle, die übergeordnete Rolle spielt immer eine Gruppe, die konstituierend für das Individuum ist. Einfach aus dem Fakt heraus, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, wird festgelegt, dass er seine Erfahrungen immer im Umfeld seines Soziallebens macht.[17] Bemerkenswert erscheint, dass Halbwachs nicht nur die geschichtliche Perspektive, also die Generierung von Erinnerung berücksichtigt, sondern seine Ideen vielmehr auch auf soziologischer Ebene anzusiedeln sind. So steht bei ihm, ähnlich wie bei den sozialen Systemen bei Luhmann, Kommunikation als zentrales Mittel des Austausches im Mittelpunkt.[18] Bei Jan und Aleida Assmann wird die Rolle von Kommunikation noch deutlicher. Sie treffen auf Basis von Halbwachs Theorien eine Unterscheidung des kollektiven Gedächtnisses in das kommunikative und kulturelle Gedächtnis.[19] Das kulturelle Gedächtnis beschreibt die fertig ausgebildete Kultur und speichert mit Hilfe von gestifteter und zeremonialisierter Objektivation Erinnerungen.[20] Im Zusammenhang mit der Arbeit ist das kommunikative Gedächtnis aber von zentraler Bedeutung. Es beschreibt die durch Alltagsinteraktion belebten Erinnerungen aus einem begleitenden Zeithorizont von 80-100 Jahren.[21] Diese Art der Kommunikation findet sich auch in sozialen Systemen. Beide beziehen ihre Information aus ihrer unmittelbaren Umgebung und diskutiert diese vor dem Horizont seines Systems oder sozialen Bezugsrahmens.

Neben diesem Aspekt, der die Nähe zur Systemtheorie schon greifbar macht, spielen aber auch die Akkumulation von Denk- und Erfahrungsströmungen eine tragende Rolle. Diese werden bei ihm aus dem vorhandenen Wissen und den entsprechenden zur Verfügung stehenden Daten gewonnen; sie unterliegen also dem gleichen Prozess wie die Verarbeitung von Informationen in der Systemtheorie.[22]

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass sich Systeme in zwei grundlegende Arten differenzieren lassen, die für die Bearbeitung des Gegenstandes der Arbeit von zentraler Bedeutung sind. Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen Systemen und sozialen Systemen. Während als System all das betrachtet werden kann, dass einen Sachverhalt im globalen Kontext der Welt beschreibt, steht diesem ein soziales System gegenüber, das für sich versucht die außenstehenden Systeme zu organisieren und strukturieren. Beim Versuch diese Strukturierung durchzuführen, spielen zwei Merkmale eine wesentliche Rolle, da sie einerseits in gegenseitiger Abhängigkeit stehen und andererseits die Grundelemente des Strukturierungsvorgangs bilden, der starke konstruktivistische Tendenzen aufweist. Diese grundlegenden Elemente sind Kommunikation und Information, welche genutzt werden, um die durch Beobachtung herangezogenen Sachverhalte zu einem dem System entsprechenden Bild zu konstruieren. Dies zeigt, dass die Systemtheorie Luhmanns geeignet ist, die Entstehung eines kollektiven Gedächtnisprozesses zu beschreiben und erklärbar zu machen. Wie dieser Zusammenhang konkret aussieht, wird zusammen mit einer anschließenden Frage im nächsten Kapitel geklärt werden. Bei abschließender Betrachtung dieser Ausgangstheorie wird ihre Aktualität deutlich. Wenn zugrunde gelegt wird, dass die Systeme existieren und diese auch in der Gedächtnistheorie nach Halbwachs wiedergefunden werden können, bleibt die Frage offen, welches Ziel die Bildung eines solchen Systems hat. Da es sich, wie in der Einleitung schon kurz angesprochen, um selbstreferentielle Konstrukte handelt, also ein Selbstbezug besteht, wird klar, dass sie, unter Berücksichtigung der Punkte der Organisation und Strukturierung der Welt, versuchen, eine Gruppe, oder sich selbst als System zu legitimieren. Um diesen Anspruch zu genügen, muss der Prozess der Kommunikation Sinn akkumulieren. Grob formuliert ermöglicht es dieser Sinn den Mitgliedern eines Systems sich auf eine Stufe zu stellen und ein Zugehörigkeitsgefühl zu generieren. Welche Rolle der Begriff Sinn im Detail spielt, soll im nächsten Unterkapitel dargestellt werden.

2.1.2 Die Akkumulation von „Sinn“

Bevor man sich mit der Akkumulation von Sinn beschäftigen kann, muss der Begriff gefüllt werden. Wie genau wird der Sinnbegriff bei Luhmann also definiert? In der soziologischen Dimension nimmt Sinn eine zentrale Rolle ein, zeitgleich herrscht aber Uneinigkeit darüber, was Sinn leistet.[23] Geht man nach Max Weber, der die grundlegendste Definition schuf, ist Sinn die „ subjektive Möglichkeit, zur Welt Stellung zu nehmen“[24]. Die Dimension, die Max Weber schafft, entspricht nicht der Dimension von Sinn, die Luhmann für grundlegend hält. Luhmann schafft einen Sinnbegriff, der losgelöst vom Subjekt steht. D.h. der Sinn steht objektiv neben den Subjekten, die gleichzeitig seine Rezipienten sind. So kann Sinn als Beschreibung der Möglichkeit sozialer Phänomene betrachtet werden.[25] Gemeint ist damit, dass der Sinn aus dem System entspringt und sich im Blick anderer, überwiegend sozialer, Systeme definiert. Wird dieser Gedanken weiterverfolgt, kann Sinn als die wichtigste Ordnungsform sowohl menschlichen Handelns als auch Erlebens angesehen werden.[26] Das Endergebnis dieses Vorgangs ist letztlich dasselbe: Prozesse, die mit Informationsverarbeitung in einem definierten Rahmen, wie dem System funktionieren, haben Sinnbildung als Ziel. Dieser Sinnbildungsprozess hat eine grundlegende Aufgabe in der Gruppe. Er sichert ab, dass ein System oder eine Gruppe, die über Kommunikation auf sich selbst Bezug nimmt und zu diesem Zwecke Daten und Informationen vor dem Hintergrund des eigenen Wissens reflektiert, in der Lage ist, einen gemeinsamen Standpunkt aufrecht zu erhalten. So wird zum einen die eigene Legitimation begründet und zum anderen das Gruppengefühl gestärkt.

Um den Sinnbegriff hinsichtlich seiner Entstehung zu beleuchten muss aber grundlegender angesetzt werden. Sinn entsteht nicht aus dem Nichts, sondern ist auch in Rückkoppelung mit der Struktur eines sozialen Systems zu betrachten. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang scheint zunächst einmal, dass auch Luhmann davon ausgeht, dass es ein Gedächtnis geben muss.[27] Somit bietet er einen optimalen Ansatzpunkt für die Theorie des kollektiven bzw. kulturellen Gedächtnisses. Der Teil seiner Theorie, der sich mit der selbstreferentiellen und sinnhaften Struktur einer Gesellschaft beschäftigt, macht den Gebrauch eines Gedächtnisses unausweichlich. Auch hier spielt der Begriff der Unterscheidung wieder eine tragende Rolle. Die Ausgangsüberlegung erscheint logisch: Wenn ein System selbstreferentiell agiert, dann braucht es einen Standpunkt, von dem aus es operieren kann.[28] Dieser Standpunkt hat eine Ausrichtung, an der vorherige Maßnahmen und Entscheidungen orientiert wurden. Bei Betrachtung neuer Möglichkeiten der Informationsverarbeitung muss das neue Vorgehen vom alten Standpunkt her koordiniert oder grundsätzlich mit einem neuen Vorgehen überdacht werden, es findet also eine Unterscheidung statt.[29] Die Existenz eines Gedächtnisses zeigt die unmittelbare Nähe zu den Theorien des kulturellen und kollektiven Gedächtnisses. Besonders das kulturelle Gedächtnis nach Jan und Aleida Assmann zeigt hier deutliche Parallelen. Denn beide Formen des Gedächtnisses, also sowohl die Luhmanns als auch die der Assmanns, besitzen stark retro- und prospektive Elemente, wenn davon ausgegangen wird, dass sie sich auf einen vorhandenen Standpunkt stellen, von dem aus neue Informationen und Möglichkeiten betrachtet und umgesetzt werden. Das von Aleida Assmann beschriebene Funktionsgedächtnis steht eindeutig im Mittelpunkt dieser Überlegung, denn es beschreibt eine „lebendige Erinnerung“, die gegenwärtig Sinn erzeugt. D.h. es strukturiert die Gruppe, bzw. das System, weil es Wertbindung und Zukunftsorientierung[30] einschließt. Diese Strukturierung basiert auf der jüngeren Vergangenheit, da das Funktionsgedächtnis lebendige Erinnerungen[31]

- welche im Schnitt 80 Jahre relevant sind – und die daran gekoppelten Erfahrungen und Handlungsmuster einschließt. Ein Speichergedächtnis, das laut den Assmanns dem Funktionsgedächtnis gegenübersteht, existiert nach Luhmann nicht. Vielmehr handelt es sich beim Speichergedächtnis eher um den Gegenstand und die Sachverhalte, den Luhmann im Begriff Welt zusammenfasst. Die Welt schließt Selektion zunächst aus, sie kann, wie oben bereits angesprochen, als die bloße Sammlung von Ereignissen verstanden werden. Ähnlich wie bei Luhmann wird selektiv, bzw. unterscheidend ausgewählt: diejenigen Sachverhalte, die interessant für eine Gruppe oder System sind, werden aufgenommen und entsprechend zum Selbstverständnis verarbeitet. Dies geschieht. Es bietet also, wie die Welt nach Luhmann, eine Möglichkeit, aus verschiedenen Möglichkeiten auszuwählen und diese im eigenen Sinne zu interpretieren. Einen Aspekt, den Luhmann völlig außer Acht lässt, den es aber zu erwähnen gilt, ist Erinnern und Vergessen. Vergessen besitzt auch in der Systemtheorie eine Relevanz, wird aber nicht benutzt. Eigentlich unterliegen die Möglichkeiten, die aufgrund von Unterscheidung an Relevanz verlieren, einem selektiven Prozess, der als Vergessen im Sinne der Assmanns beschrieben werden kann. Diejenigen Erinnerungen aus dem Zeithorizont lebendiger Erinnerung fallen (80-100) Jahre, geraten ins Vergessen.[32]

Beide Theorien beschäftigen sich darüber hinaus auch mit Kommunikation Die Unterscheidung die von Jan Assmann getroffen wird, ist aber differenzierter und weniger abstrakt als die von Luhmann. Da sie als grundlegend zur Sinnstiftung angesehen wird, soll sie an dieser Stelle genauer betrachtet werden, weil sie die Technik ist, die von Menschen verwandt wird, um Sinn zu stiften.

Folgt man Luhmann, lässt sich feststellen, dass die Kommunikation einen hohen Abstraktionsgrad besitzt, weil sie eine weite Fassung hat. Dies liegt zum einen daran, dass der Kommunikationsbegriff vor der Aufstellung der Systemtheorie zu kurz gefasst war und deswegen erweitert wird und zum anderen daran, dass Kommunikation losgelöst von Gruppen und Individuen steht und somit zu einem eigenständigen Gegenstand ernannt werden kann.[33] Bei Kommunikation handelt es sich eine spezielle Form des Handelns, sie ist sozial geprägt und dient ausschließlich der Vermittlung von Informationen.[34] Jedoch gilt es zu beachten, dass hier nicht gemeint ist, dass die Informationen als objektive Sachverhalte anzusehen sind oder in ihrer Gänze vorliegen. Vielmehr ist schon Kommunikation ein selektiver Prozess, der nach Luhmann immer der Unterscheidung unterliegt.[35] Auch kann Kommunikation nicht als eigenständiges System verstanden werden, da sie sonst der Annahme der Selbstreferenz nicht genügt.[36] Entsprechend der Systemtheorie kann ein System ein anderes nicht übernehmen oder dieses in seiner Struktur gänzlich nachvollziehen. Tatsächlich handelt es sich bei Informationen mehr um eine systeminterne Unterscheidung[37], die, wie im vorangegangenen Kapitel schon angesprochen, durch das System, dem die Information zugrunde liegt, konstituiert wird. Der Kommunikationsbegriff, den Jan Assmann verwendet, ist weit weniger abstrakt. Er unterscheidet zunächst nur zwischen der Alltagskommunikation, die von Mündlichkeit geprägt ist und schriftlicher Kommunikation, die im Endeffekt all das umfasst, das in irgendeiner Form verschriftlicht ist.[38] Diese Unterscheidung wird von Luhmann nicht getroffen. In der Systemtheorie wird Kommunikation aber als das wesentliche Mittel zur Informationsgewinnung angesehen.[39] Es verhält sich also ähnlich wie bei Assmann und geht sogar noch darüber hinaus.

Zusammenfassend lassen sich also Sinnbildungsprozesse, die auch nach Luhmann eine tragende Rolle spielen, als zentrales Motiv der Theorien begreifen. Luhmann beweist darüber hinaus auch, dass die Sinnbildungsprozesse auch in modernen Gesellschaften zu beobachten sind und nicht nur, wie bei den Assmanns, auf frühe Hochkulturen zu beschränken sind. Ziel des Sinnbildungsprozesses bleibt immer das gleiche: Selbsterhaltung. Wie Selbsterhaltung in modernen Gesellschaften nach der Systemtheorie funktioniert, soll im nächsten Abschnitt geklärt werden. Angepasst an diese Überlegungen sollen auch die Theorien des kollektiven und kulturellen Gedächtnisses wieder eingefügt werden.

2.1.3 Autopoiesis

Die Autopoeisis ist eines der zentralen Motive aller hier verwandten Theorien. Luhmann wendet diese auch auf die Systemtheorie an und schafft somit wieder eine begriffliche Nähe zu den Theorien des kollektiven und kulturellen Gedächtnisses. Der Begriff an sich lässt sich mit Selbstreferenzialität oder -bezüglichkeit[40] übersetzen und findet sich als solcher auch bei Jan Assmann im kulturellen Gedächtnis wieder.

Die Autopoiesis oder Selbstreferenz beschreibt zunächst ein System, das von seiner Struktur her darauf ausgerichtet ist, sich selbst fortzusetzen.[41] Dieser Vorgang ist schon bei Organismen beobachtbar, auch diese sind auf Erneuerung ausgelegt und reproduzieren sich laufend neu, um sich selbst zu erhalten. Der soziologische Vorgang hat aber ein anderes Ziel: Hier soll der Sinn, der im vorigen Kapitel besprochen wurde, reproduziert werden.[42] Ein System hat immer zur Aufgabe, sich selbst zu reproduzieren[43] und so zu erhalten. Nach Luhmann findet dieser Prozess automatisch statt, da soziale Systeme an sich nur keinen direkten Kontakt zur Umwelt besitzen, sondern abgeschlossen vor dieser stehen und Umwelteinflüsse nur in entsprechender Anpassung, durch Kommunikation und Information, übernehmen.[44] So können Systeme als geschlossen angesehen werden, da sie Umwelteinflüssen Sinn geben und sie vor der Sinngebung reflektieren, um so zu einem Ergebnis zu kommen, der die Selbsterhaltung sichert. Auch kann laut Luhmann ein Prozess der sich auf die Entwicklung ebenjenen sozialen Systems auswirkt nur durch die Neustrukturierung oder Neuschöpfung von Sinn Einfluss nehmen.[45]

Die Ausführungen Luhmanns sind aber wenig konkret, eine differenzierte Ansicht liefert Jan Assmann: Er unterscheidet verschiedene Punkte, die es ermöglichen Autopoiesis als Prozess zu verstehen, zudem schafft er eine eindeutige Verbindung, die aufzeigt, welche Motive hinter der Autopoiesis und dem Sinn stehen. Vor allem fallen sechs Punkte auf, die er nennt, um den Hintergrund von Sinn und der Autopoiesis in Verknüpfung zu verstehen:

1. Identitätskonkretheit: Soziale Gruppen, die auch als soziales System verstanden werden können, konstituieren ein kulturelles Gedächtnis, das dem sozialen Gedächtnis Luhmanns strukturell sehr ähnlich ist, aus denen die Mitglieder ihre Identität ableiten.
2. Rekonstruktivität: Da das kulturelle Gedächtnis Anwendung auf gegenwärtige Entwicklungen findet und zu diesem Zwecke bereits verarbeitete Sachverhalte und die daraus resultierenden Ergebnisse genutzt werden, entsteht immer aus dem vorhandenen Sinn abgeleitete Konstruktion. An dieser Stelle deckt sich Assmanns Gedanke mit Luhmann, da er den Systemen aberkennt eine objektive Übernahme von Umwelteinflüssen durchzuführen. Es findet also keine Adaption dieser statt, sondern sie übernimmt diese angepasst an sein Selbstverständnis.
3. Geformtheit: Dieser Begriff deckt sich stark mit den Ideen der Systemtheorie. Auch das kollektive Gedächtnis ist in hohem Maße selbstreferentiell. Oberste Prämisse ist auch nach Jan Assmann Legitimierung der eigenen Gruppe, sowie die kontinuierliche Entwicklung von Sinn.
4. Organisiertheit: Das Gedächtnis wird institutionalisiert. Hierauf kommt Luhmann nicht zu sprechen. Sie ist aber ein wichtiges Merkmal, wenn es darum geht, Sinn zu erhalten. Die Institutionalisierung erlaubt es den Teilnehmern des Systems oder der Gruppe, Rituale zu schaffen, die tradiert werden können und somit Bestand erhalten.
5. Verbindlichkeit: Der Sinn und die Konstituierung der Gruppe ermöglichen es klare Wert- und Normvorstellungen zu vermitteln, die dazu führen, dass die Gruppe einen festen, im Bestfall sogar tradierten gemeinsamen Pool an diesen entstehen zu lassen, um sich so selbst fortzuführen.
6. Reflexivität: Beschreibt die Selbstreferentialität nach Luhmann. Aus der Reflexivität wird das Selbstbild abgleitet, indem Sachverhalte vor der Erinnerung oder dem Sinn reflektiert werden.[46]

Durch diese Punkte wird die strukturelle Nähe zwischen beiden Theorien klar. Jedoch beschreiben sie das kulturelle und nicht das kommunikative Gedächtnis. Trotzdem lassen sich diese Prinzipien auch im Sinne eines Systems interpretieren und bedingen dieses auch, da die Trennung zwischen den beiden Gedächtnissen in der Systemtheorie nicht stattfindet. Luhmann konzipiert einen abstrakteren Rahmen, während die Assmanns konkreter werden. Wenn diese Liste zugrunde gelegt wird, wird deutlich, dass diese Prozesse nicht nur auf alte Hochkulturen zu beziehen sind, sondern auch heute noch Relevanz besitzen, da die Abläufe gleichgeblieben sind.

2.2 Zusammenfassung

Nach der Klärung der drei Schlüsselbegriffe der Systemtheorie Luhmanns und der anschließenden Verknüpfung der entsprechenden Theorien des kollektiven und kulturellen Gedächtnisses nach Halbwachs und Assmann wird zum einem die Nähe zwischen ihnen deutlich, zum anderen ist aber auch dargestellt worden, dass die Theorien auch einen hohen Grad an Aktualität besitzen. Ein Problem bleibt aber zunächst bestehen: Die Theorie der Systeme hat von ihrem Ansatz her einen zu globalen Kontext. Dieser weltumspannende, also von einer Weltgesellschaft ausgehende Gedanke kann nicht in diesem Maßstab funktionieren und hat eher utopischen als realen und praktischen Charakter. Viel sinnvoller erscheint es, zwischen kleineren sozialen Systemen und Systemen, die einen Sachverhalt beschreiben zu differenzieren. Um dem Anspruch der Arbeit zu genügen, muss die Betrachtung und Untersuchung der Systemtheorie auf das soziale System der deutschen Gesellschaft begrenzt und angepasst werden. Bei ersten Vorüberlegungen wird schon deutlich, dass es sich bei dieser um ein komplexes System handelt, dass sich aus unterschiedlichsten sozialen Systemen konstituiert. Dies liegt offensichtlich an der Struktur der Gesellschaft selbst: Wenn davon ausgegangen wird, dass es sich um eine demokratische und pluralistische Gesellschaft handelt, wird deutlich, dass auch dieses große System aus vielen kleineren besteht, die durchaus unterschiedliche Ansätze besitzen, aber auch leicht abweichende Sinnbegriffe, die sich auf die Norm- und Werthaltung auswirken, und innerhalb eines kleineren sozialen Systems zu anderen Anschauungen führen können. Diese Prozesse finden in einer vor allem demokratischen geprägten Gesellschaft schneller statt, da diese Entwicklungen über ihr Selbstverständnis legitimiert und begrüßt werden. Die deutsche Gesellschaft im nationalen Kontext gesehen, ist also schon ein sehr komplexes System, dessen Entwicklungen, aufgrund der Geschwindigkeit, mit der sie stattfinden, schwer nachvollziehbar sind.

Die Prozesse die durch Beobachtung und Unterscheidung zu Meinungsverschiedenheiten, aufgrund des Charakters der Gesellschaft führen, sollen im Anschluss an diesen Teil sichtbar gemacht werden. Dabei wird ein Sachverhalt, der als Umwelteinfluss verstanden werden kann - die Flüchtlingskrise und ihre Ursachen - aufgearbeitet und in den Kontext von Sinnbildungsprozessen in der deutschen Gesellschaft gesetzt werden. Zu diesem Zweck sollen alle angesprochenen Aspekte angewendet werden, um ein möglichst vollständiges Bild dieses Prozesses abbilden zu können.

3. Die Flüchtlingskrise

3.1 Die Flüchtlingskrise und die Gesellschaft

Die systemische Betrachtung unter Berücksichtigung der Theorien des kollektiven und kulturellen Gedächtnisses kann, wenn möglichst umfassend angewendet, Entwicklungen in der Gesellschaft sichtbar machen. Ziel dieses Kapitels soll sein, den von Luhmann als Umwelteinfluss beschriebenen Auslöser aufzuarbeiten, um die Entwicklung in ihren Ansätzen zu verstehen. Als Beispiel soll hier die Flüchtlingskrise dienen. Dieses aktuelle Thema birgt aber auch Gefahren. Eigentlich eignen sich die Theorien des kollektiven und kulturellen Gedächtnisses, um Entwicklungen zu betrachten, die schon einem Historisierungsprozess unterlagen und demzufolge als Erinnerungen im Sinne der Theorien zu betrachten sind. So stellt das Thema die Herausforderung einer korrekten Ausarbeitung aktueller Ereignisse unter Bezugnahme auf die öffentliche Berichterstattung, die als einzige Informationen liefert. Trotzdem soll der Versuch unternommen werden, ein möglichst objektives Bild dieser Abläufe zu schaffen.

Um den in der kurzen Einleitung genannten Aspekt der Vollständigkeit dieses Prozesses zu genügen, müssen folgende Punkte bearbeitet werden:

1. Die Umwelteinflüsse aus der Welt müssen aufgearbeitet werden.
2. Die Auswirkungen auf das System „deutsche Gesellschaft“ und ihren kleineren sozialen Systemen muss verdeutlicht werden.
3. Systeme sind auf Kommunikation und Informationen angewiesen. Es muss also geklärt werden, woher diese stammen und wie die Informationen im Sinne des Systems interpretiert werden. Unter diesem Aspekt muss auch bedacht werden, dass unterschiedliche kleinere soziale Systeme unterschiedliche Quellen nutzen und so zu einem „anderen“ Sinn kommen. Mit diesem Ansatz sollen verschiedene Artikel von Tageszeitungen über einen Zeitraum hinweg auf ihren Informationsgehalt und die benutzte Kommunikation untersucht werden.

Nach der Bearbeitung dieser drei Punkte können die Zusammenhänge dargestellt und der Prozess so sichtbar gemacht werden. Das folgende Kapitel zielt also darauf ab, eine „Ursache-Wirkungsforschung“ zu betreiben, um den Prozess im Überblick zu verstehen. Im Anschluss daran kann mit Hilfe der Einbindung von Kommunikation und Information lückenlos dargestellt werden, wie diese Prozesse in modernen Gesellschaften funktionieren.

[...]


[1] Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Metzler, 2. Auflage. Stuttgart 2011. S. 16.

[2] Reese-Schäfer, Walter: Luhmann zur Einführung. Zitiert nach: Jensen, Stefan: Systemtheorie, S.9. Junius Verlag 2. Auflage, Hamburg 1996, S. 27.

[3] Reese-Schäfer (1996): Luhmann zur Einführung, S.28.

[4] Reese-Schäfer (1996): Luhmann zur Einführung, S.28.

[5] Reese-Schäfer (1996): Luhmann zur Einführung, S.27.

[6] Reese-Schäfer (1996): Luhmann zur Einführung, S.28.

[7] Reese-Schäfer (1996): Luhmann zur Einführung, S.28.

[8] Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen (2011). S. 17.

[9] Reese-Schäfer (1996): Luhmann zur Einführung, S.28.

[10] Reese-Schäfer (1996): Luhmann zur Einführung, S.28. Zitiert nach: Luhmann: Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt/M. 1990, S. 707.

[11] Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen (2011). S. 17.

[12] Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen (2011). S. 17.

[13] Erll, Astrid: Die Erfindung des kollektiven Gedächtnisses (2011). S. 17.

[14] Thome, Helmut: Der Versuch die Welt zu begreifen. Fragezeichen zur Systemtheorie von Niklas Luhmann. Athäneum Verlag, 1973 Frankfurt/Main S. 26. Zitiert nach: Soziologische Aufklärung – Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, Köln und Opladen 1970: Soziologische Aufklärung, Soziale Welt 18 (1967), S.116.

[15] Thome, Helmut: Der Versuch die Welt zu begreifen (1973), S. 28.

[16] Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen (2011). S. 17.

[17] Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen (2011). S. 17.

[18] Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen (2011). S. 17.

[19] Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen (2011). S. 31.

[20] Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen (2011). S. 31.

[21] Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen (2011). S. 30-31.

[22] Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen (2011). S. 17.

[23] Schützeichel, Rainer: Sinn als Grundbegriff bei Niklas Luhmann; Campus Forschung. Frankfurt/Main, New York: Campus Verlag 2003. S. 30.

[24] Schützeichel, Rainer: Sinn als Grundbegriff bei Niklas Luhmann (2003). S. 30.

[25] Schützeichel, Rainer: Sinn als Grundbegriff bei Niklas Luhmann (2003). S. 32.

[26] Schützeichel, Rainer: Sinn als Grundbegriff bei Niklas Luhmann (2003). S. 32 f.

[27] Schützeichel, Rainer: Sinn als Grundbegriff bei Niklas Luhmann (2003). S. 200.

[28] Schützeichel, Rainer: Sinn als Grundbegriff bei Niklas Luhmann (2003). S. 200.

[29] Schützeichel, Rainer: Sinn als Grundbegriff bei Niklas Luhmann (2003). S. 200.

[30] Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen (2011). S. 34.

[31] Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen (2011). S. 18.

[32] Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen (2011). S. 31.

[33] Schützeichel, Rainer: Sinn als Grundbegriff bei Niklas Luhmann (2003). S. 95.

[34] Schützeichel, Rainer: Sinn als Grundbegriff bei Niklas Luhmann (2003). S. 95.

[35] Schützeichel, Rainer: Sinn als Grundbegriff bei Niklas Luhmann (2003). S. 96.

[36] Schützeichel, Rainer: Sinn als Grundbegriff bei Niklas Luhmann (2003). S. 96.

[37] Schützeichel, Rainer: Sinn als Grundbegriff bei Niklas Luhmann (2003). S. 96.

[38] Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen (2011).). S. 32.

[39] Schützeichel, Rainer: Sinn als Grundbegriff bei Niklas Luhmann (2003). S. 96.

[40] Reese-Schäfer: Luhmann zur Einführung (1996). S. 46.

[41] Reese-Schäfer: Luhmann zur Einführung (1996). S. 46.

[42] Reese-Schäfer: Luhmann zur Einführung (1996). S. 51.

[43] Reese-Schäfer: Luhmann zur Einführung (1996). S. 47.

[44] Reese-Schäfer: Luhmann zur Einführung (1996). S. 47.

[45] Reese-Schäfer: Luhmann zur Einführung (1996). S. 48.

[46] Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen (2011). S.

Ende der Leseprobe aus 73 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss printmedialer Berichterstattung auf das kollektive Gedächtnis moderner Gesellschaften
Untertitel
Welche Rolle spielt printmediale Berichterstattung und das kollektive Gedächtnis in modernen Gesellschaften?
Hochschule
Universität Paderborn  (Historisches Institut)
Note
1,8
Autor
Jahr
2016
Seiten
73
Katalognummer
V373133
ISBN (eBook)
9783668506169
ISBN (Buch)
9783668506176
Dateigröße
958 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Assmann, Halbwachs, luhmann, Printmedien, Kollektives Gedächtnis, Systeme, moderne gesellschaften
Arbeit zitieren
Konstantin Krummel (Autor), 2016, Der Einfluss printmedialer Berichterstattung auf das kollektive Gedächtnis moderner Gesellschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373133

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