Die Zertrümmerung der Wirklichkeit. Abstraktion in der Dramatik und im Theater des Expressionismus


Hausarbeit, 2013
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das Zertrümmern der Wirklichkeit in einer entfremdeten Welt

2. Die Krise der Gesellschaft als Ursprung des Expressionismus und die Hinwendung zum Drama

3. Das ästhetische Prinzip der Abstraktion
3.1. In der Dramatik des Expressionismus
3.1.1. Die Dramaturgie des Stationendramas
3.1.2. „Dramatis personae“
3.1.3. Der Einsatz und die Bedeutung von Sprache
3.2. Im Theater des Expressionismus
3.2.1. Der Bühnenraum
3.2.2. Der Einsatz von Licht und Farbe
3.2.3. Der „neue“ Schauspielstil
3.2.4. Das Kostüm

4. Das Ende des Expressionismus in der Literatur und auf der Bühne

Quellenverzeichnis

1. Das Zertrümmern der Wirklichkeit in einer entfremdeten Welt

Anfang des 20. Jahrhunderts empfand die bürgerliche Intelligenz – hierunter v.a. die jüngere Generation der zwischen 1875 und 1895 Geborenen – die Kultur, die Gesellschaft in der sie lebten als zerfallen, degeneriert. Bisherige Werte und Normen, welchen durch den um die Jahrhundertwende eingesetzten Wandel im Denken die Grundlage entzogen schien, hingen an ihnen und den Menschen wie Ketten, die sie von ihrer sehnlichst erwünschten Entfaltung hin zu einem neuen, besseren Leben zurückhielten. Sie fühlten sich einer entfremdeten Welt ausgeliefert, generell „[d]ie Vorstellungen von ‚Ich‘ und ‚Welt‘ gerieten ins Wanken“[1]. Identitätskrise und Selbstentfremdung sind Symptom des Traumas einer ganzen Generation. Ihr radikaler Protest gegen die Zeit offenbart sich in der während des „expressionistischen Jahrzehnts“ (1910 – 1920) entstandenen Literatur, welche die „der expressionistischen Bewegung in all ihren Richtungen gemeinsame Weltanschauung, die in einem niemals genau formulierten Idealismus ruht“[2] offensichtlich macht. Die literarischen Zeugnisse der jungen Expressionisten sind allerdings durch einen ausgeprägten Stil- und Formpluralismus gekennzeichnet, so dass „das Verbindende des Expressionismus weniger in stilistischen Eigenarten als in seiner einheitlichen Grundhaltung der Wirklichkeitszertrümmerung als Opposition gegen die vorangegangene Wirklichkeitsauffassung des Naturalismus“[3] zu sehen ist. Das Drama bezieht hierbei eine Sonderstellung, da es im besonderen Maße geeignet schien einem breiten Publikum den Weg aus der Krise der Gesellschaft, aus der Krise des Menschen zu weisen, da es durch die Aufführung im Theater nicht nur „dem Programm dienstbar ist [sondern] gleichzeitig seine Verwirklichungsmöglichkeit vorzuführen vermag“[4].

Dem Phänomen der Zertrümmerung der Wirklichkeit, d.h. insbesondere dem ästhetischen Mittel der Abstraktion in der Dramatik als auch im Theater des Expressionismus möchte ich in der vorliegenden Arbeit auf den Grund gehen. Zu Beginn werde ich die sozialen und kulturellen Gegebenheiten, welche die literarische Strömung des Expressionismus hervorriefen, beleuchten um nachzuvollziehen, worin genau die Beweggründe der Expressionisten lagen, welche Ziele sie verfolgten und warum das Drama zum beliebtesten Medium avancierte. Im Folgenden werde ich untersuchen inwiefern das Prinzip der Abstraktion sich sowohl in der Dramatik als auch in der Bühnenform des expressionistischen Theaters niederschlägt. Gegenstand der Analyse wird hier zunächst die dramatische Form des Stationendramas sein, die Vermittlung von Raum und Zeit, die Konzeption der Figuren als auch die sprachliche Ausgestaltung der Dramen des Expressionismus sowie eventuelle Sprachexperimente. Anschließend wende ich mich der Umsetzung auf der Bühne zu. Ich gehe hierbei auf die Gestaltung des Bühnenraums, auf den Einsatz von Licht bzw. Beleuchtungsmitteln, als auch auf die Rolle des Schauspielers und sein Kostüm im Rahmen einer expressionistischen Inszenierung ein.

2. Die Krise der Gesellschaft als Ursprung des Expressionismus und die Hinwendung zum Drama

Um die Jahrhundertwende stand der Mensch enormen gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Umwälzungen gegenüber: die Industrialisierung und mit ihr der Kapitalismus schritten unaufhaltsam voran, die Urbanisierung brachte für das damalige Empfinden riesige, molochartige Großstädte hervor, die Bürokratisierung der Lebenswelt griff um sich. Mit der Auflösung früherer, feudalistischer Ständestrukturen war der Mensch gezwungen sich in einer immer schneller werdenden Welt zu behaupten und scheiterte nur allzu oft an dieser Aufgabe. Naturwissenschaftliche Entdeckungen bzw. Entwicklungen wie z.B. die Relativitätstheorie oder die Psychoanalyse brachten über Jahrhunderte hinweg bestehende Grundsätze ins Wanken. Während einerseits alte Erkenntnisse überholt und verworfen wurden, schien die Gesellschaft andererseits in tradierten Lebensweisen des wilhelminischen Kaiserreichs zu erstarren. Der Wunsch nach Veränderung erfasste v.a. die jungen Menschen, die bürgerliche Intelligenz, die Bohème. Der Erste Weltkrieg ist der traurige Höhepunkt dieser bereits vor der Wende zum 20. Jahrhundert eingesetzten Kulturrevolution. Erst als langersehnter Umbruch freudig Willkommen geheißen, wich die anfängliche Euphorie für den Krieg schnell dem Schrecken und den Gräueldieser ersten Menschheitskatastrophe.

Die kulturell-geistigen Umwälzungen Anfang des 20. Jahrhunderts forderten selbstverständlich auch ihre Entsprechung in der Kunst. Auf dem Gipfel dieser Entwicklung steht – in der Literatur – der Expressionismus, welcher „eine Reaktion gegen die materielle Wirklichkeitsnachbildung im Naturalismus und die Wiedergabe subjektiv-sinnlicher Eindrücke im Impressionismus darstellt“[5]. Die Expressionisten bezogen mit der „Behauptung der Autonomie des Individuums und der Bestimmung des Kunstwerks als subjektiven Gefühlsausdruck“[6] eine radikale Gegenposition zur bisherigen, konventionellen Auffassung von Kunst und ihrer positivistischen Grundhaltung. Sie empfanden es als paradox, eine so verkommene und krisenhafte Wirklichkeit wie die ihre mit maximaler Detailtreue nachzubilden ohne sie verändern oder verbessern zu wollen. So manifestierte sich der Grundsatz, dass „[i]n der Kunst [] das ‚Schattendasein des Alltags‘ vernichtet und das Bild einer ‚höheren Wirklichkeit‘ entworfen werden [soll]“[7]. Ihrer subjektivistischen Auffassung zu Folge ist die Wirklichkeit Ausdruck eines schöpferisch tätigen Ichs, welches „noch im Banne eines entseelten Naturalismus und Materialismus, nach einer Verbindung mit dem Immateriellen und Ewigen sucht“[8]. Die Utopie von Aufbruch, Wandlung und „neuem Mensch“, der Appell an die Menschheit ist der zentrale Punkt des Programms der expressionistischen Bewegung.

Zunächst war die Lyrik, die Dichtung das Leitmedium zur Vermittlung der Ideen der Expressionisten. Dies wandelte sich zusehends als der expressionistische Künstler in seinem Bestreben die „Verantwortlichkeit des Menschen für den Menschen neu [zu] etablieren“[9] zum Dramatiker wurde und so eine „‚öffentliche‘ Kunstform“[10] wählte. Die breite Masse war aufgrund des Umbruchs durch den Ersten Weltkrieg sensibilisiert, sie war „empfänglich für die Aufnahme des neuen Dramas und der von ihm suggerierten neuen Moral und Politik“[11]. Annalisa Viviani fasst diese Entwicklung in ihrer Abhandlung zum Drama des Expressionismus wie folgt zusammen:

- Der auf der Bühne isolierte […] Mensch, der Ausdruck der sich aus dem Gesellschaftszerfall ergebenden Menschheitskrise war […], beeinflusste die Hörer und Zuschauer unmittelbarer als die Lyrik und konnte auch jenen Menschen, die ansonsten der Kunst fernstanden, am ehesten das expressionistische Programm zugänglich machen. Das Drama diente also als Kanzel zur Verkündigung der Menschheitsrevolution und als Projektionsmedium der Utopie von der neuen Welt“[12].

Zudem sei bei der Klärung der Frage, warum gerade das Drama zu dem Medium der Vermittlung des expressionistischen Gedankenguts emporstieg, erwähnt, dass die expressionistische Dramatik unter Zeitgenossen eine weitergreifendere politische Dimension inne hatte, als das aus unserer heutigen Sicht vielleicht nachzuvollziehen wäre. Im Umfeld der Weimarer Republik wurde z.B. der immer wiederkehrende Vater-Sohn-Konflikt „als Bestandteil des Demokratisierungsprozesses verstanden“[13], jene Vater-Figuren als „Verkörperung des Wilhelminismus“[14] aufgefasst.

3. Das ästhetische Prinzip der Abstraktion

Beruhend auf der subjektivistischen Haltung der Expressionisten wandten sie sich von der v.a. im Naturalismus vertretenen Auffassung eines von seiner sozio-kulturellen Umwelt, von seinem Milieu bestimmten Menschen ab, hin zu einem aus sich selbst heraus die Umwelt konstituierenden Menschenbild. Dieser Mensch befreit in einem zwar geistigen, aber nicht rationalen, sondern eher instinktiven Akt die Welt von ihren zufälligen, vergänglichen Merkmalen um die dieser Welt zugrunde liegende, unveränderliche Gestalt zu Tage zu bringen.[15]

„Das Wesen der Dinge offenbart sich dem von der konventionellen Rationalität befreiten, nach innen gerichteten Auge im Bild, in der Vision, die unabhängig von der Außenwelt existiert, deren Wirklichkeitsgrad aber den der empirischen Welt übersteigt“[16].

Um also die Welt aus ihrem gesellschaftlichen oder historischen Kontext zu lösen, um von den Dingen in der Welt ausschließlich ihren reinen, unverfälschten Gehalt zu erkennen, wird „die bestehende Ordnung der realen Welt in einem Akt der ästhetischen Abstraktion aufgehoben, […] in der Programmsprache der Expressionisten: ‚zerschlagen‘,‚überwunden‘“[17].

Die theoretische Grundlage für die Entwicklung des Abstrahierens der Wirklichkeit zur ästhetischen Maxime im deutschen Expressionismus lieferte 1908 Wilhelm Worringer mit seiner Dissertation Abstraktion und Einfühlung [18] .

[...]


[1] Steffens, Wilhelm: Expressionistische Dramatik. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1977, S. 23.

[2] Viviani, Annalisa: Das Drama des Expressionismus. Kommentar zu einer Epoche. München: Winkler 1970, S. 7.

[3] Ebd.

[4] Ebd., S.21.

[5] Ebd., S. 5.

[6] Simhandl, Peter: Theatergeschichte in einem Band. Leipzig: Henschel 32007, S. 224.

[7] Ebd.

[8] Viviani 1970, S. 27.

[9] Steffens 1977, S. 53.

[10] Ebd.

[11] Viviani 1970, S.20.

[12] Ebd.

[13] Steffens 1977, S. 134.

[14] Ebd.

[15] Vgl. Viviani 1970, S.13.

[16] Viviani 1970, S. 15.

[17] Brauneck, Manfred: Theater im 20. Jahrhundert. Programmschriften, Stilperioden, Reformmodelle. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt 1986, S. 210.

[18] Ebd., S. 209.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Zertrümmerung der Wirklichkeit. Abstraktion in der Dramatik und im Theater des Expressionismus
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für deutsche Philologie)
Veranstaltung
Proseminar Dramatik des Expressionismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
17
Katalognummer
V373169
ISBN (eBook)
9783668506060
ISBN (Buch)
9783668506077
Dateigröße
669 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Expressionismus, Dramatik, Drama, Text, Dramentext, Theater, Bühne, Schauspiel, Abstraktion, Stationendrama, Germanistik, Literaturwissenschaft, Theatertext, Theaterbühne
Arbeit zitieren
Robert Müller (Autor), 2013, Die Zertrümmerung der Wirklichkeit. Abstraktion in der Dramatik und im Theater des Expressionismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373169

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