Diese Arbeit macht es sich zur Aufgabe den Umgang mit der Vergangenheit des NS-Regimes in der ehemaligen DDR und die öffentliche Gedenk- und Erinnerungskultur in Ostdeutschland am Beispiel der Gedenkstätte Buchenwald nachzuvollziehen.
Zunächst wird hierbei auf die verschiedenen Phasen der Auseinandersetzung mit der national-sozialistischen Vergangenheit in der DDR eingegangen, bevor die Gedenkstättenpolitik des SED-Staates in ihrer Funktion als Mittel zur Rechtfertigung des eigenen Bestehens untersucht wird. Im Folgenden wird konkret die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald, ihre Entstehung, ihre Konzeption und die in ihr vorgefundenen Elemente sowohl unter gestalterischen als auch inhaltlichen Gesichtspunkten betrachtet, analysiert und bewertet. Abschließend soll der Umgang mit der Gedenkstätte, einem Ort mit eben jener bereits angedeuteten mehrfachen Vergangenheit, nach dem Zusammenbruch der DDR und in Zukunft Gegenstand der Auseinandersetzung sein.
Weimar in Thüringen. Der Ettersberg. Ein Ort mit vielfacher Vergangenheit. Nicht nur sollen hier bereits Goethe und vielleicht auch Schiller, die beiden Ikonen der deutschen Klassik, die mit die größten Schätze des deutschen Kulturgutes schufen, bereits unter den dichten Bäumen des Buchenwalds unweit der Ettersburg gewandelt sein. Auch wurde eben jener Buchenwald Schauplatz von Verbrechen gegen alles, was die Menschheit, die vermeintliche Krönung der Schöpfung, glaubte, sich im Laufe ihres Daseins als verbindliche Ideale und Grundwerte errungen zu haben. Verbrechen, denen Worte nicht gerecht werden. Doch zeichnet sich dieser Ort des Grauens durch eine Besonderheit aus: Seine „doppelte Vergangenheit“.
Inhaltsverzeichnis
1. Verurteilt, verklärt und vergessen – der Ettersberg bei Weimar und seine Vergangenheit
2. Nach der „Stunde null“ - Der Umgang mit der NS-Vergangenheit in der SBZ und der DDR
2.1. Die frühe Nachkriegszeit (1945 - 1948/49)
2.2. Nach der Staatsgründung und während des Kalten Krieges
2.3. Das Verhältnis zu den verschiedenen Opfergruppen
3. Die Suche nach Selbstlegitimation – die Mahn- und Gedenkstättenpolitik der DDR
3.1. Nach 1945 bis zum Beginn der 50er Jahre – „Spontaner Antifaschismus“
3.2. Bis zum Ende der 50er Jahre – Zentralisierung und Mythisierung
3.3. Bis 1989 – „Erstarrtes Gedenken“
4. Die Lager im Buchenwald und das Gedenken an sie
4.1. Der lange Weg zur Entstehung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald
4.2. „Durch Sterben und Kämpfen zum Sieg“ - ein Rundgang durch die Anlage des Mahnmals
4.3. Das Umdenken in den 1980er Jahren
4.4. Das böse Erwachen nach dem Ende der DDR – die Umgestaltung und Neukonzeption der Gedenkstätte
5. Der Umgang mit der „doppelten Vergangenheit“ - die Zukunft von Gedenkstätten wie Buchenwald
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Umgang mit der NS-Vergangenheit in der ehemaligen DDR sowie die Entwicklung der staatlichen Gedenkstättenpolitik am Beispiel von Buchenwald, um aufzuzeigen, wie das NS-Erbe zur ideologischen Selbstlegitimation des SED-Regimes instrumentalisiert wurde.
- Die Instrumentalisierung des antifaschistischen Widerstandes als Staatsdoktrin.
- Die bewusste Ausblendung und Umdeutung von NS-Opfergruppen (z.B. Juden).
- Die Architektur und Konzeption der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald.
- Der Wandel der Erinnerungskultur von der Gründung der DDR bis zur Wiedervereinigung.
- Die Herausforderungen einer „doppelten Vergangenheit“ nach 1990.
Auszug aus dem Buch
4.2. „Durch Sterben und Kämpfen zum Sieg“ - ein Rundgang durch die Anlage des Mahnmals
Unter dem Leitmotiv „Durch Sterben und Kämpfen zum Sieg“ führt das Mahnmal den Besucher vom Tod ins Leben, wobei es vorrangiges Ziel der Anlage auf dem Ettersberg war, dass der Besucher „durch die Gesamtarchitektur der Gedenkanlage und ihre landschaftsgestalterische Einbindung in die Umgebungsnatur den Nieder-gang des Faschismus und den Aufstieg der von den Kommunisten erkämpften Freiheit nachleben und diesen Prozeß als geschichtsnotwendig verinnerlichen“ kann.
Der Besucher betritt zunächst durch ein wuchtiges, archaisch anmutendes Tor die Anlage. Nicht nur lässt der Besucher durch diesen Eintrittsmoment die profane Alltagswelt hinter sich und schreitet in „eine besondere Würdezone“, sondern ihm wird unterschwellig sogleich vermittelt, dass die Heilsgeschichte des Kommunismus bereits in frühen Hochkulturen ihren Ursprung hatte und – da sie nun in der Gegenwart verwirklicht wurde – als unausweichlich anzusehen ist.
Daraufhin steigt der Besucher auf sanft geschwungenen, schwarz und rot gefassten Treppenstufen in die „Nacht des Faschismus“ und zu den sich dort befindlichen Massengräbern hinab. Zu seiner Linken erheben sich dabei sieben Reliefstelen aus Kalkstein, welche von Hans Kies (1910-1984), Waldemar Grzimek (1918-1984) und René Graetz (1908-1974) gestaltet wurden, die in eindrucksvollen Bildern von den den Gräueltaten der SS und dem Leiden aber v.a. auch der wachsenden und schließlich zum Sieg führenden Solidarität der Häftlinge künden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Verurteilt, verklärt und vergessen – der Ettersberg bei Weimar und seine Vergangenheit: Einführung in die „doppelte Vergangenheit“ des Standortes Buchenwald als Ort nationalsozialistischer Verbrechen und späteres sowjetisches Speziallager.
2. Nach der „Stunde null“ - Der Umgang mit der NS-Vergangenheit in der SBZ und der DDR: Analyse der Entnazifizierung und der politischen Instrumentalisierung der Vergangenheit zur Etablierung des sozialistischen Staates.
2.1. Die frühe Nachkriegszeit (1945 - 1948/49): Darstellung der Entnazifizierung unter sowjetischer Aufsicht, die vor allem der Ausschaltung der „Ausbeuterklasse“ diente.
2.2. Nach der Staatsgründung und während des Kalten Krieges: Untersuchung der diskontinuierlichen Selbstdarstellung der DDR als antifaschistischer Staat, der sich von der NS-Vergangenheit abgrenzte.
2.3. Das Verhältnis zu den verschiedenen Opfergruppen: Erläuterung der staatlich forcierten Hierarchisierung der Opfer, die „Kämpfer“ bevorzugte und andere Gruppen marginalisierte.
3. Die Suche nach Selbstlegitimation – die Mahn- und Gedenkstättenpolitik der DDR: Untersuchung der Gedenkstätten als innenpolitische Kampfinstrumente der SED zur Festigung des sozialistischen Geschichtsbewusstseins.
3.1. Nach 1945 bis zum Beginn der 50er Jahre – „Spontaner Antifaschismus“: Beschreibung der frühen, noch pluralistischen Phase des Gedenkens und der Entstehung erster provisorischer Stätten.
3.2. Bis zum Ende der 50er Jahre – Zentralisierung und Mythisierung: Analyse des Übergangs zu staatlich gelenkten „Nationalen Mahn- und Gedenkstätten“ unter SED-Kontrolle.
3.3. Bis 1989 – „Erstarrtes Gedenken“: Aufzeigen der Versteinerung der Erinnerungskultur durch ritualisierte Gedenkfeiern und ihre Funktion als Verpflichtungsstätte für die DDR-Jugend.
4. Die Lager im Buchenwald und das Gedenken an sie: Übergang zur detaillierten Untersuchung des Aufbaus und der Konzeption der Gedenkstätte Buchenwald.
4.1. Der lange Weg zur Entstehung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald: Nachzeichnung der langwierigen Planungsprozesse und der ideologischen Vorzeichen des Denkmalbaus.
4.2. „Durch Sterben und Kämpfen zum Sieg“ - ein Rundgang durch die Anlage des Mahnmals: Analyse der architektonischen Gestaltung als Weg vom Tod hin zum sozialistischen Sieg.
4.3. Das Umdenken in den 1980er Jahren: Behandlung der ersten Ansätze dialogischer Vermittlungsformen aufgrund der schwindenden Resonanz in der Bevölkerung.
4.4. Das böse Erwachen nach dem Ende der DDR – die Umgestaltung und Neukonzeption der Gedenkstätte: Dokumentation der Herausforderungen nach 1989 und der Notwendigkeit einer historischen Neubewertung.
5. Der Umgang mit der „doppelten Vergangenheit“ - die Zukunft von Gedenkstätten wie Buchenwald: Reflexion über die zukünftige Herausforderung, beide deutschen Geschichten in einer pluralistischen Gedenklandschaft angemessen zu vermitteln.
Schlüsselwörter
Buchenwald, DDR, Gedenkstättenpolitik, Antifaschismus, SED, NS-Vergangenheit, Erinnerungskultur, sowjetisches Speziallager, Instrumentalisierung, Geschichtsbild, Widerstandskämpfer, Opfergruppen, Gedenkstätte, Transformationsprozess, Vergangenheitsbewältigung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den staatlich gelenkten Umgang mit der NS-Vergangenheit in der ehemaligen DDR, fokussiert auf die Gedenkstätte Buchenwald.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Ideologisierung des Antifaschismus, der Umgestaltung von KZ-Gedenkstätten und der Transformation der Erinnerungskultur nach dem Ende des DDR-Regimes.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, nachzuzeichnen, wie die Gedenkstätte Buchenwald instrumentalisiert wurde, um die Legitimität des sozialistischen Staates zu begründen, und wie dieser Prozess nach 1989 kritisch aufgearbeitet wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert historische Analysen mit einer detaillierten Betrachtung von Gedenkstätten-Konzeptionen und stützt sich dabei auf zeitgenössische Quellen sowie Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die politische Instrumentalisierung der Geschichte, die architektonische Analyse der Mahnmalanlage in Buchenwald und die Bemühungen zur Neukonzeption nach der Wende.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen "doppelte Vergangenheit", "antifaschistischer Widerstand", "Instrumentalisierung" und "Erinnerungskultur".
Welche Rolle spielte die Architektur in der Buchenwald-Gedenkstätte der DDR?
Die Architektur wurde bewusst als "Heilsgeschichte" in Stein gestaltet, die den Besucher symbolisch vom "Dunkel des Todes" zum "Sieg über den Faschismus" führen sollte.
Wie ging man nach der Wiedervereinigung mit der Geschichte der sowjetischen Speziallager um?
Nach 1989 wurde die jahrzehntelang tabuisierte Geschichte des sowjetischen Speziallagers Nr. 2 durch eigene Ausstellungen und Forschungen in die Gedenkstättenkonzeption integriert.
- Arbeit zitieren
- Robert Müller (Autor:in), 2013, Verurteilt, verklärt und vergessen. Der Umgang mit der Vergangenheit des NS-Regimes in der ehemaligen DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373174