Positivismus in der rechnungsorientierten Betriebswirtschaftslehre


Seminararbeit, 2016

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Positivismus: Fruchtbare Theorie oder Sackgasse

2 Positivismus
2.1 Grundidee und Entwicklungsgeschichte
2.2 Einfluss auf die Betriebswirtschaftslehre

3 Positivismus in der rechnungsorientierten Betriebswirtschaftslehre
3.1 Wertrelevanztests in der Rechnungslegung
3.2 Aktienmarktwirkung von Ad-hoc-Meldungen

4 Kritische Betrachtung
4.1 Allgemeines
4.2 Positivismus und rechnungsorientierte Betriebswirtschaftslehre

5 Fazit

Quellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Positivismus: Fruchtbare Theorie oder Sackgasse

International dominieren derzeit empirische Studien die Forschung der rechnungsorientierten Betriebswirtschaftslehre, was besonders die Ausrichtung der mit A+ bewerteten Zeitschriften verdeutlicht.[1] Diese Methode resultiert aus dem Grundgedanken des Positivismus, Hypothesen an der Realität zu überprüfen.

Hinsichtlich des Einflusses dieser Forschung auf die internationale Rechnungslegung stellt sich die Frage, ob empirische Studien eine sinnvolle Forschungsmethode darstellen. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich deshalb mit der Frage des Einflusses des Positivismus auf die rechnungsorientierte Betriebswirtschaftslehre, wobei die Leitfrage betrachtet wird, ob der Positivismus eine fruchtbare Theorie oder eine Sackgasse darstellt. Mit „Rechnungsorientierter Betriebswirtschaftslehre“ werden im Folgenden zusammenfassend die betriebswirtschaftlichen Disziplinen Steuerlehre, Prüfungslehre, Controlling, Finanz- und Rechnungswesen bezeichnet.

Trotz der hohen Anzahl an empirischen Untersuchungen in den Wirtschaftswissenschaften, besonders im amerikanischen Sprachraum, gibt es wenige empirische Arbeiten, die auf die wissenschaftstheoretischen Grundlagen dieser Methode hinweisen. Im Folgenden soll deshalb in einem ersten Schritt ein Überblick über die Grundidee und Entwicklung des Positivismus gegeben werden. Dabei soll insbesondere die Entwicklung vom klassischen Positivismus zum kritischen Rationalismus und die daraus resultierenden Veränderungen dargestellt werden. Darauf aufbauend wird die Relevanz positivistischer Einflüsse auf die Betriebswirtschaftslehre dargestellt. Im dritten Kapitel werden mit Wertrelevanztests und Studien zur Wirkung von Ad-hoc-Meldungen auf den Kapitalmarkt konkrete Anwendungsbeispiele empirischer Untersuchungen in der rechnungsorientierten Betriebswirtschaftslehre vorgestellt. Abschließend wird das Grundkonzept des Positivismus kritisch hinterfragt und es werden Kritikpunkte zum Einsatz empirischer Verfahren in der rechnungsorientierten Betriebswirtschaftslehre, insbesondere anhand der Kritik an den in dieser Arbeit vorgestellten Verfahren, dargestellt.

2 Positivismus

2.1 Grundidee und Entwicklungsgeschichte

Der Positivismus beruht in der Tradition des klassischen Empirismus John Lockes und David Humes auf der Sichtweise, dass wissenschaftliche Erkenntnis auf Tatsachen basieren müsse, die durch Beobachtungen zu belegen seien.[2] Als Begründer des Begriffs „Positivismus“ gilt Auguste Comte (1798-1857).[3] Die Vertreter des Positivismus sehen nur solche Fragestellungen als wissenschaftliche Erkenntnis an, die sich auf das Positive, d.h. das tatsächlich Wahrnehmbare bzw. erfahrungsmäßig Gegebene, beziehen und sich dadurch verifizieren lassen.[4] Darüber hinausgehende Aussagen werden als metaphysisch abgelehnt. Es wird somit geleugnet, dass Erkenntnis durch „reines Denken“ ohne Rückgriff auf Erfahrung möglich ist.[5] Doch auch Positivisten halten absoluten Empirismus für unmöglich, denn erst Theorie mache Beobachtungen möglich und fruchtbar.[6] Sie unterscheiden zwischen zwei Arten von Sätzen: analytisch-apriorische und synthetisch-empirische.[7] Damit wird versucht, Aussagen auf zu Grunde liegende Beobachtungen bzw. Basisaussagen oder sogenannte Protokollsätze zurückzuführen.[8]

Als Weiterentwicklung des Positivismus gilt der Neopositivismus des Wiener Kreises um Moritz Schlick und Rudolf Carnap, welcher die Denkrichtung Anfang des 20. Jahrhunderts, inspiriert durch den frühen Wittgenstein, um die Notwendigkeit der Logik bei der sprachlichen Formulierung von Aussagen ergänzt, woraus die Bezeichnung als logischer Positivismus oder logischer Empirismus resultiert. Die Vertreter erarbeiteten eine logische Syntax der Wissenschaftssprache, die dazu dienen soll Scheinprobleme zu eliminieren.[9] Daran schließt sich die Forderung nach einer Einheitswissenschaft mit einem gemeinsamen Begriffssystem an.[10]

Der kritische Rationalismus kann als Variation des Positivismus bezeichnet werden, wobei dessen Begründer Karl Popper diese Einordnung ablehnt und den Neopositivismus scharf kritisiert. Aufgrund der gemeinsamen Grundidee der Orientierung am Gegebenen und der empirischen Überprüfung von Theorien verliert die Trennung jedoch an Bedeutung. Popper lehnt jedoch das Verifikationskriterium als undurchführbar ab und ersetzt dieses durch Falsifizierbarkeit, weil eine beschränkte Anzahl an Beobachtungen nicht auf Allaussagen angewendet werden könne.[11] Außerdem sieht er das Induktionsproblem, das aus der Unzulänglichkeit des Induktionsschlusses in Verbindung mit der Grundidee des Positivismus resultiert,[12] durch die Verwendung von deduktiven Prüfverfahren als überwunden an. Die Überprüfung der Theorien erfolgt somit anhand eines Vergleichs von aus der Theorie abgeleiteten Hypothesen mit Beobachtungen. Dadurch können diese zwar nicht verifiziert werden, aber bei fehlender Übereinstimmung widerlegt werden. Dieses Verfahren der Bewährung führt dazu, dass es keine allgemeingültige Wahrheit geben kann und jegliches Wissen kann nur hypothetisch ist, so dass Aussagen sich fortlaufend bewähren müssen. Aus dem Prinzip der kritischen Prüfung resultiert die Approximationstheorie der Wahrheit, die besagt, dass die Wissenschaft voranschreitet, indem falsifizierte Hypothesen durch erklärungskräftigere Theorien ersetzt werden.[13] Dies setzt eine intersubjektive Nachprüfbarkeit voraus. Popper fordert eine strikte Unterscheidung zwischen Sachaussagen und wertenden Aussagen, die nicht falsifizierbar und damit nicht wissenschaftlich seien. Darauf aufbauend begründet Popper in der Tradition Max Webers das Prinzip der Werturteilsfreiheit.

In den 60er Jahren kam es zum berühmten Positivismusstreit in der deutschen Soziologie zwischen den Vertretern der Frankfurter Schule Adorno bzw. Habermas und den Vertretern des kritischen Rationalismus Popper und Albert andererseits.[14] Zwei der Hauptstreitthemen waren „[..] die Frage der adäquaten Methodologie zur Analyse sozialwissenschaftlicher (und im Weiteren allgemein wissenschaftlicher) Probleme und die Frage der Wertbezogenheit sozialwissenschaftlicher Analysen [..]“.[15]

2.2 Einfluss auf die Betriebswirtschaftslehre

Die Grundidee des Positivismus, dass nur empirisch überprüfbare Theorien wissenschaftlich seien, fand in der Betriebswirtschaftslehre erst nach 1960 Anklang, ohne jedoch zwischen Positivismus und kritischem Rationalismus klar zu trennen.[16] Durch die Vielzahl an Elementen des kritischen Rationalismus, die bereits vor dessen Implementierung in der Betriebswirtschaftslehre durch beispielsweise Erich Gutenberg bekannt waren, bot dieser einen konsistenten metatheoretischen Orientierungsrahmen für Vertreter der Erkenntnistheorie.[17]

Hans Albert gilt neben Popper als der bedeutendste Vertreter des kritischen Rationalismus[18] und konnte maßgeblich zur Verbreitung dieser Theorie in der Betriebswirtschaftslehre beitragen[19]. Er veröffentlicht zwar keine Schriften mit betriebswirtschaftlichen Inhalten, konnte aber einen indirekten Einfluss auf die Implementierung ausüben.[20] Die Verbreitung des kritischen Rationalismus kann als derart fortgeschritten bezeichnet werden, dass die „Logik der Forschung“ von Popper als meist zitiertes wissenschaftstheoretisches Werk in der Betriebswirtschaftslehre angesehen wird.[21]

Es ist jedoch eine Beschränkung auf eine Implementierung einiger weniger Elemente des kritischen Rationalismus zu beobachten, dabei ist besonders die Überprüfung von Theorien an der Wirklichkeit zu nennen.[22] Eine zentrale Stellung in dieser Wissenschaftsauffassung hat die empirische Überprüfung von Hypothesen und Theorien, indem diese mit der Realität konfrontiert werden. Daraus resultiert eine Ausweitung der empirischen Forschung mit dem Ziel des Entwurfs bzw. der Weiterentwicklung von Hypothesen.[23] Aktuell kann von einer steigenden Relevanz von empirischen Untersuchungen zur Überprüfung theoretischer Modelle in den Wirtschaftswissenschaften ausgegangen werden, was sich in der steigenden Anzahl an empirischen Beiträgen in Fachzeitschriften niederschlägt.[24] Daraus resultiert eine „zunehmende Ausrichtung zahlreicher Fachvertreter am statistisch-empirischen Forschungsansatz zu Lasten der klassisch normativen Forschung in der Tradition von Günter Wöhe“.[25]

Der kritische Rationalismus kann demnach als kennzeichnend für die empirische Forschung in der Betriebswirtschaftslehre bezeichnet werden.[26] Im Folgenden werden zwei Beispiele dargestellt, welche die Anwendung des Grundgedankens des Positivismus der Hypothesenprüfung in der rechnungsorientierten Betriebswirtschaftslehre repräsentieren.

3 Positivismus in der rechnungsorientierten Betriebswirtschaftslehre

3.1 Wertrelevanztests in der Rechnungslegung

Die Wertrelevanz von Rechnungslegungsinformationen wird intensiv seit den 60er Jahren erforscht.[27] Barth definiert Wertrelevanz folgendermaßen : „an accounting amount is defined as value relevant if it has a predicted association with equity market values“[28]. Bei Wertrelevanztests wird demzufolge die Wertrelevanz einzelner Größen der Rechnungslegung für Investoren untersucht, woraus die Qualität der Rechnungslegung abgeleitet werden soll.[29] Zahlreiche empirische Studien wie z.B. die von Ball/ Brown (1968), Beaver (1968) und Möller (1986) beschäftigten sich mit diesem Zusammenhang.[30]

Die Notwendigkeit von Wertrelevanztests ergibt sich aus der Annahme, dass die Eigenschaften von Größen des Rechnungswesens alleine als wenig aussagekräftig angesehen werden.[31] Der Kerngedanke der Wertrelevanzforschung stellt die Annahme dar, dass „Informationen mittels rekursiven Vorgehens auf ihre Relevanz für den am Kapitalmarkt erzielten Wert untersucht werden können“[32]. Der kapitalmarktorientierte Ansatz zur Untersuchung der Wertrelevanz von Rechnungslegungsdaten ist besonders im angelsächsischen Raum verbreitet.[33] Viele Untersuchungen beschäftigen sich mit der Fragestellung, ob Abschlüsse nach nationalen Normen oder nach IFRS relevantere Informationen liefern.[34] Die Studien können die Entscheidungsrelevanz von IFRS-Daten für Kapitalmarktteilnehmer prüfen, indem sie untersuchen, ob die Rechnungslegungsdaten mit den Ergebnissen der Entscheidungen von Investoren in einem messbaren signifikanten Zusammenhang stehen.[35] Die Erklärung erfolgt nicht mittels einer Theorie, sondern anhand eines statistischen Korrelations- oder Bestimmtheitsmaß.[36] Falls die Daten keine Wertrelevanz aufweisen, „erklären“ sie die Marktentwicklung nicht, was verschiedene Ursachen haben kann, so z.B. Marktineffizienzen oder überlagernde Einflüsse.[37]

Das Forschungsdesign von Wertrelevanztests basiert in einem ersten Schritt auf der Festlegung einer konkreten Forschungshypothese, so dass die Forscher bei ihren Studien unterschiedliche Hypothesen überprüfen, wie beispielsweise die Veränderung im Zeitverlauf oder die Wertrelevanz von verschiedenen Ergebnisgrößen. Als Voraussetzung für die Verwertbarkeit der Daten sollte der Kapitalmarktmarkt ein Mindestmaß an Informationseffizienz aufweisen.[38] Darunter versteht man den Einfluss der Informationen, die am Kapitalmarkt verbreitet sind, auf den am Markt beobachtbaren Preis[39]: „a market in which prices always ‚fully reflect` available information is called ‚efficient`.“[40] Durch den kapitalmarktorientierten Ansatz liegt den Studien „explizit oder implizit ein Modell zur Bewertung von Aktien zugrunde“[41], das die als erklärende Variable herangezogenen Rechnungslegungsdaten festlegt. In Abhängigkeit von der abhängigen Variable wird zwischen dem Preis- und dem Renditemodell unterschieden.[42] Ein beliebtes Modell, das neben Rechnungslegungsdaten auch bewertungsrelevante Daten einbezieht, ist das Ohlson-Modell.[43] „The Ohlson model represents firm value as a linear function of book value of equity and the present value of expected future abnormal earnings.“[44] Diese Hypothese wird mit Hilfe einer zuvor festgelegten Datenbasis getestet. Außerdem müssen ein Prüfverfahren festgelegt werden und die dafür notwendigen Voraussetzungen überprüft werden. Als das am meist verbreitete Prüfverfahren gilt die Regressionsanalyse, bei der die Koeffizienten Aufschluss über die Relevanz der Daten geben, wobei auf Relevanz geschlossen wird, wenn diese größer als null sind.[45]

Die Studien kommen mehrheitlich zu dem Ergebnis, dass zwar eine Relevanz der Rechnungslegungsdaten für den Kapitalmarkt vorliegt, diese jedoch gering ist und im Zeitverlauf abnimmt.[46] Bei den Studien, welche die Unterschiede der Wertrelevanz bei HGB und IFRS Bilanzierung untersuchen, kommen die Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen, so dass keine eindeutige Aussage darüber getroffen werden kann, ob die Wertrelevanz nach HGB oder IFRS höher ist.[47]

3.2 Aktienmarktwirkung von Ad-hoc-Meldungen

Unter den 1995 eingeführten Ad-hoc-Meldungen im Sinne des §15 WpHG versteht man die Veröffentlichungen kursbeeinflussender Tatsachen und Meldungen, zu denen Emittenten, der an allen deutschen Börsen gehandelten Wertpapiere, gegenüber dem Bundesaufsichtsamt unverzüglich verpflichtet sind.[48] Der Inhalt dieser Ad-hoc-Mitteilungen müssen neue Tatsachen sein, bei denen es sich um objektive Tatsachen handelt, die eine überprüfbare Auswirkung auf die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage haben.[49] Damit stehen die Informationen den Marktteilnehmern unverzüglich zur Verfügung und dem Gesetzesinhalt zufolge kann ein signifikanter Einfluss auf die Renditeentwicklung des Wertpapiers erwartet werden.[50]

Ad-hoc-Mitteilungen sind somit ereignisbezogen bzw. nicht periodisch und dienen dazu durch die Schaffung eines einheitlichen Informationsstands Insiderwissen zu begrenzen.[51]

In verschiedenen Studien wurde die tatsächliche Relevanz der Meldungen für Kursreaktionen untersucht. Bei den Studien wird von einer halbstarken Informationseffizienz ausgegangen, welche bei einer Einbeziehung von historischen Marktdaten und allen öffentlich verfügbaren Informationen in den Aktienkurs vorliegt.[52] Im deutschen Sprachraum können hier beispielsweise die Arbeiten von Röder oder Oerke angeführt werden.

Das Forschungsdesign der Studien stellt sich so dar, dass zuerst eine Hypothese aufgestellt wird, die den allgemeinen Zusammenhang von Ad-hoc-Mitteilungen und Aktienkursen oder eine konkretere Fragestellung, wie z.B. das Timing der Veröffentlichung, betrifft. In einem zweiten Schritt muss für die Studien eine Datenbasis festgelegt werden, anhand welcher die Untersuchung durchgeführt wird. Dafür erfolgt eine zeitliche Eingrenzung der Ad-hoc-Mitteilungen bzw. eine Beschränkung auf eine bestimmte Auswahl an Unternehmen.

Im Rahmen der Studien werden außerdem oftmals die Ad-hoc-Meldungen hinsichtlich ihres Inhalts unterteilt (z.B. Umsatz, Dividendenankündigung etc.).[53] Daraufhin wird die Kursrelevanz der Meldungen untersucht, so dass eine Klassifizierung nach kursrelevanten und kursirrelevanten Meldungen vorgenommen werden kann. Außerdem muss die Entwicklung des Aktienkurses um Einflüsse des Kapitalmarkts bereinigt werden, so dass der Kurs um die erwartete Kursschwankung korrigiert wird.[54] Zur Schätzung des erwarteten Wertes kann u.a. das Marktmodell verwendet werden.[55] Die Entscheidung, ob eine Meldung kursrelevant ist, wird dann mit einem t-Test getroffen, wobei ein Prozentsatz als kritischer Wert für die Signifikanz festgelegt wird.

Die Tatsache, dass Ad-hoc-Meldungen teilweise auch für allgemeine Nachrichten oder sogar Werbung genutzt werden und durch positiv verhüllende Versprachlichung ein Lesen zwischen den Zeilen notwendig ist, um dem Kern der Nachricht zu deuten, erschwert die Interpretation der Ergebnisse.[56] Bei der Interpretation der Ergebnisse müssen außerdem die Ergebnisse der Studie von Güttler beachtet werden, der zu dem Ergebnis kommt, dass Ad-hoc-Meldungen mit positivem Inhalt tendenziell schneller veröffentlicht werden als welche mit negativem Inhalt.[57]

4 Kritische Betrachtung

4.1 Allgemeines

Grundlegend stellt sich die Frage zur Legitimation des Positivismus in Anbetracht der Tatsache, dass Positivisten alles Wissen nur als hypothetisch ansehen und Wissen nur aus Beobachtungen resultieren kann.[58] Die Annahme, dass Wissen nur aus Wahrnehmungen resultieren kann, ist einerseits durch Beobachtungen nicht überprüfbar und widerspricht andererseits der Annahme, dass Wissen nur hypothetisch ist, so dass der Positivismus auf einem Grundgedanken basiert, den er selbst nicht begründen kann, was zu einem unlösbaren Widerspruch führt.[59] Ludwig von Mises erkannte diesen Widerspruch schon früh und setzte dem Positivismus die Praxeologie entgegen ohne jedoch den Wert von Beobachtungen für die Entstehung von Wissen in Frage zu stellen.[60] Er begründet seine Theorie auf menschlichem Handeln und bezweifelt deshalb wie Beobachtungen ohne Wissen über menschliches Handeln und dessen Bewertung möglich sind.[61] Außerdem kritisiert er den Rückgriff des Positivismus auf historische Daten, weil diese zahlreiche unterschiedliche Interpretationen zulassen und Erfahrungen damit subjektiv und unvollständig seien.[62] Hans-Hermann Hoppe fasst diesen Zusammenhang zusammen: „[..] Positivism turns out to be an inconsistent, contradictory philosophy“[63]. Kritiker des Positivismus bezweifeln außerdem die Allgemeingültigkeit der Protokollsätze, weil ein Irrtum bei der Beobachtung oder Protokollierung vorliegen könnte.[64]

Da die Anzahl empirischer Überprüfungen begrenzt ist, kann die Richtigkeit einer Theorie niemals vollkommen verifiziert werden, sondern eine Theorie kann nur in Form einer Hypothese formuliert werden.[65] Die Forderung des Positivismus, dass Theorien verifizierbar sein müssen, wird deshalb vielfach als utopisch bezeichnet, weil nach diesem Kriterium auch die bekanntesten wissenschaftlichen Theorien als unwissenschaftlich gelten würden.[66]

4.2 Positivismus und rechnungsorientierte Betriebswirtschaftslehre

Ein erster Kritikpunkt in Bezug auf die Anwendung in der Rechnungsorientierten Betriebswirtschaftslehre betrifft die Zukunftsbezogenheit, denn durch Beobachtungen sind keine Zukunftsprognosen möglich, weil diese auf historischen Daten beruhen.[67] Basieren Theorien auf Beobachtungen sind somit Erklärungen mit Relevanz für die Zukunft nicht möglich.[68] Damit durchbricht das Vorgehen empirischer Untersuchungen das Prinzip der Zukunftsbezogenheit, da diese davon ausgehen, dass beobachtbare Entwicklungen in der Vergangenheit den zukünftigen entsprechen.[69] Die Zukunftsbezogenheit stellt jedoch ein zentraler Grundsatz der Bewertungstheorie dar, so dass die Übertragung von Beobachtungen in der Vergangenheit auf die Zukunft keine adäquate Methode für die rechnungsorientierte Betriebswirtschaftslehre darstellen kann.

Die Anwendung empirischer Verfahren in der rechnungsorientierten Betriebswirtschaftslehre stellt sich außerdem aus Gründen der Replizierbarkeit der Daten als problematisch dar, weil trotz der hohen Anzahl an Artikeln es bisher kaum zu einem Teilen der Daten mit anderen Wissenschaftlern kommt.[70] Dies belegt eine Studie aus dem Jahr 2011, die zu dem Schluss kommt, dass 89% der untersuchten Wissenschaftler ihre Daten nicht mit anderen teilen.[71] Replizierbarkeit stellt jedoch ein wichtiger Grundsatz der empirischen Forschung dar: ”[…] replication ensures that the method used to produce the results is known. Whether the results are correct or not is another matter, but unless everyone knows how the results were produced, their correctness cannot be assessed. Replicable research is subject to the scientific principle of verification; non-replicable research cannot be verified. Second, and more importantly, replicable research speeds scientific progress. […] Third, researchers will have an incentive to avoid sloppiness. […] Fourth, the incidence of fraud will decrease.”[72] Für das Fehlen von Replizierbarkeit lassen sich drei verschiedene Gründe aufzeigen:[73] Ein erster Grund stellen die fehlende Anreize für Forscher zur Bereitstellung der Daten dar, welche, obwohl sie sehr zeitintensiv ist, wissenschaftlich nicht honoriert wird. Außerdem fürchten Wissenschaftler die Nachteile, die mit dem Teilen der Daten verbunden sind, so dass oftmals die Rechtslage zur Weitergabe nicht geklärt ist und die Forscher vermeiden wollen, dass andere sich durch ihren Arbeitsaufwand bereichern und die Daten falsch interpretieren bzw. nicht die richtige Zitation anführen. Ein dritter Grund stellen die fehlenden Infrastrukturkomponenten zur Veröffentlichung der Daten dar. Gerade im Sinne Poppers ist die Replizierbarkeit jedoch unabdingbar, weil nur durch diese der Prozess der Bewährung an der Wirklichkeit und eine mögliche Falsifizierung vorgenommen werden können.

Empirischen Studien liegt ein neoklassischer Ansatz zugrunde. Geht man jedoch von Informationseffizienz aus, stellt sich die Frage der Notwendigkeit der Rechnungslegung, weil die Akteure bereits über alle Informationen verfügen, so dass die Information durch Rechnungslegung überflüssig wäre.[74] Aufgrund der Notwendigkeit der Informationseffizienz kann kritisiert werden, dass die für diese notwendigen Prämissen, wie das Fehlen von Transaktionskosten und die Rationalität der Marktteilnehmer, als realitätsfremd angesehen werden können. Daraus resultiert die Frage, ob die Ergebnisse der Studien verwertbar sind, wenn man von einer Abweichung von den Prämissen in der Realität und damit einer fehlenden Informationseffizienz ausgeht.

Ein weiteres Kernproblem der empirischen Forschung besteht darin, dass die unterstellten Beziehungen zwischen Größen nur anhand von Hypothesen dargestellt werden können, jedoch niemals verifizierbar sind.[75] Durch die unterschiedlichen Forschungsdesigns und Zusammensetzung der Stichproben ist ein Vergleich verschiedener Studien zu einem Gebiet schwierig, so dass diese oftmals zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen in Bezug auf eine Hypothese kommen.[76] Daraus kann gefolgert werden, dass zum jetzigen Zeitpunkt empirische Studien nicht dazu geeignet sind Schlussfolgerungen für die Normengebung bzw. den Standardsetter zu ziehen.[77] Im Gegensatz zu den Naturwissenschaften ist in den Sozialwissenschaften das Forschungsgebiet kein neutrales Feld, so dass sich das Wertfreiheitspostulat als unhaltbar erweist.[78]

Bei Wertrelevanztests wird kritisiert, dass in den Jahren der Finanzkrise Zweifel an der Informationseffizienz des Aktienmarktes bestehen, so dass die Informationen nicht aussagekräftig seien.[79] Außerdem ist kritisch zu beurteilen, dass wegen der reinen Bezugnahme auf Aktienkurse der Adressatenkreis stark eingeschränkt ist und zusätzlich einzelne Investoren durch die Aggregation der Daten nicht berücksichtigt werden können.[80] Ein weiteres Problem stellt die fehlende Nachvollziehbarkeit der Daten dar.[81] Besonders kritisch wird angesehen, dass der Ursache-Wirkungszusammenhang nicht untersucht wird, so dass nicht aufgezeigt werden kann, ob bei einer hohen Korrelation die Rechnungslegungsgrößen auch tatsächlich die Ursache für die Entwicklung darstellen, weil noch andere Informationen über den Markt oder unbekannte Phänomene als Auslöser möglich sind.[82] Ein Vergleich der Ergebnisse der verschiedenen Studien zeigt, dass diese zu uneinheitlichen Ergebnissen führen, was insbesondere mit differierenden Beobachtungszeiträumen, Stichprobenumfängen und der gewählten Methode zu begründen ist.[83]

Bei der Aktienmarktwirkung von Ad-hoc-Meldungen stellt sich die Frage des kausalen Zusammenhangs der Meldungen mit Aktienkursreaktion, weil andere Einflüsse als Auslöser nicht ausgeschlossen werden können.

Aus der Vielzahl an empirischen Untersuchungen und deren Dominanz in den führenden Fachzeitschriften resultiert die Gefahr eines Methoden-Monismus zu Lasten des normativen Forschungsansatzes, der auf einem Gedankenaustausch von Theorie und Praxis und damit der Einheit von Forschung und Lehre beruht.[84] Holthausen weist auf diesen Zusammenhang hin und betont die Notwendigkeit von Theorie, um aus empirischen Untersuchungen einen Nutzen zu ziehen.[85]

[...]


[1] Vgl. BALLWIESER (2008), S. 1.

[2] Vgl. CHALMERS (2001), S. 7.

[3] Vgl. WÖLLENSTEIN (2008), S. 12.

[4] Vgl. REHFUS (2003).

[5] Vgl. REHFUS (2003).

[6] Vgl. KEMPSKI (1992), S. 337.

[7] Vgl. TUSCHLING/ RISCHMUELLER (1983), S. 17.

[8] Vgl. RUFFING (2014), S. 133.

[9] Vgl. KEMPSKI (1983), S. 144.

[10] Vgl. KRAFT (1997), S. 147.

[11] Vgl. TUSCHLING/ RISCHMUELLER, S. 97.

[12] Vgl. KEUTH (2007), S. 3.

[13] Vgl. FISCHER-WINKELMANN (1971), S. 66.

[14] Vgl. DAHMS (1994), S. 13.

[15] NECK (2008), S. 12.

[16] Vgl. SCHNEIDER (2001), S. 382.

[17] Vgl. KRETSCHMANN (1990), S. 42.

[18] Vgl. NECK/ STELZER (2013), S. 13.

[19] Vgl. DLUGOS/ EBERLEIN/ STEINMANN (1972), S. 10.

[20] Vgl. KRETSCHMANN (1990), S. 28.

[21] Vgl. JEHLE (1971), S. 105.

[22] Vgl. KRETSCHMANN (1990), S. 61.

[23] Vgl. KRETSCHMANN (1990), S. 62.

[24] Vgl. VLAEMINCK et al. (2013), S. 1.

[25] KÜTING et al. (2013), S. 2097.

[26] Vgl. BEHRENS (1983), S. 82.

[27] Vgl. FUCHS (2011), S. 19.

[28] BARTH/ BEAVER/ LANDSMAN (2001), S. 79.

[29] Vgl. VORSTIUS (2004), S. 13.

[30] Vgl. VORSTIUS (2004), S. 101.

[31] Vgl. KÜHNBERGER (2014), S. 432.

[32] HAWRANEK/ ÖPPINGER (2014), S. 96.

[33] Vgl. HAWRANEK/ ÖPPINGER (2014), S. 97.

[34] Vgl. HAWRANEK/ ÖPPINGER (2014), S. 99.

[35] Vgl. KÜHNBERGER (2014), S. 432f.

[36] Vgl. HAWRANEK/ ÖPPINGER (2014), S. 99.

[37] Vgl. KÜHNBERGER (2014), S. 433.

[38] Vgl. LINDEMANN (2008), S. 972.

[39] Vgl. FUCHS (2011), S. 23.

[40] FAMA (1970), S. 383.

[41] Vgl. LINDEMANN (2008), S. 972.

[42] Vgl. LINDEMANN (2008), S. 973.

[43] Vgl. LINDEMANN (2008), S. 988.

[44] BARTH/ BEAVER/ LANDSMAN (2001), S. 91.

[45] Vgl. VORSTIUS (2004), S. 101.

[46] Vgl. LINDEMANN (2008), S. 976.

[47] Vgl. LINDEMANN (2008), S. 982.

[48] Vgl. RÖDER (2000), S. 568.

[49] Vgl. OERKE (1999), S. 6.

[50] Vgl. RÖDER (2000), S. 568.

[51] Vgl. BARTH (2009), S. 32.

[52] Vgl. SCHULZ, SPILIOPOULOU, WINKLER (2003), S. 184.

[53] Vgl. SCHULZ, SPILIOPOULOU, WINKLER (2003), S. 187.

[54] Vgl. SCHULZ, SPILIOPOULOU, WINKLER (2003), S. 187.

[55] Vgl. SCHULZ, SPILIOPOULOU, WINKLER (2003), S. 192.

[56] Vgl. SCHULZ, SPILIOPOULOU, WINKLER (2003), S. 198.

[57] Vgl. GÜTTLER (2005), S. 257.

[58] Vgl. POLLEIT (2009), S. 1.

[59] Vgl. POLLEIT (2009), S. 1.

[60] Vgl. POLLEIT (2009), S. 2.

[61] Vgl. POLLEIT (2008), S. 8.

[62] Vgl. MISES (1998), S. 31.

[63] Vgl. HOPPE (2006), S.365.

[64] Vgl. SCHNITZLER (1980), S. 17.

[65] Vgl. BORTZ/ DÖRING (2006), S. 18.

[66] Vgl. CHALMERS (1999), S. 15.

[67] Vgl. STEGMÜLLER (1989), S. 398.

[68] Vgl. HOPPE (2007), S.39.

[69] Vgl. RAPP (2013) S. 361.

[70] Vgl. VLAEMINCK et al. (2013), S. 2.

[71] Vgl. VLAEMINCK et al. (2013), S. 4.

[72] MCCULLOUGH (2009), S. 118.

[73] Vergleiche auch im Folgenden VLAEMINCK et al. (2013), S. 3f.

[74] Vgl. MÖLLS/ STRAUß (2007), S. 957.

[75] Vgl. RAPP (2013) S. 361.

[76] Vgl. MÖLLS/ STRAUß (2007), S. 960.

[77] Vgl. MÖLLS/ STRAUß (2007), S. 980.

[78] Vgl. HUNDT/ LIEBAU (1972), S. 227.

[79] Vgl. HAWRANEK/ ÖPPINGER (2014), S. 102.

[80] Vgl. HAWRANEK/ ÖPPINGER (2014), S. 102.

[81] Vgl. BALLWIESER (2008), S. 6.

[82] Vgl. HAWRANEK/ ÖPPINGER (2014), S. 97.

[83] Vgl. BALLWIESER (2008), S. 15.

[84] Vgl. KÜTING et al. (2013), S. 2097.

[85] Vgl. HOLTHAUSEN/ WATTS (2001), S. 4.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Positivismus in der rechnungsorientierten Betriebswirtschaftslehre
Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
21
Katalognummer
V373275
ISBN (eBook)
9783668508798
ISBN (Buch)
9783668508804
Dateigröße
1014 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Positivismus, Wertrelevanztest
Arbeit zitieren
Jennifer Fey (Autor), 2016, Positivismus in der rechnungsorientierten Betriebswirtschaftslehre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373275

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