Sprachliche Höflichkeit als wesentlicher Bestandteil der sozialen Etikette in Japan

Eine Zusammenstellung von Beispielen im Vergleich zur sprachlichen Höflichkeit in Deutschland


Hausarbeit, 2015
14 Seiten, Note: 14,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Penelope Brown und Stephen C. Levinson: Politeness. Some universals in language usage - Eine Auswahl wichtiger Aspekte von Höflichkeit im Sprachgebrauch

3. Sprachliche Höflichkeit in Japan
3.1. Formen der Anrede und der Selbstreferenz - teineigo, sonkeigo und kenjougo
3.2. Positive und negative Höflichkeitsstrategien
3.3. Unterschiede zwischen der sprachlichen Höflichkeit in Japan und in Deutschland

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Die „Sprache der Höflichkeit“[1] ist ein vermeintliches Phänomen der japanischen Kultur und bildet das Fundament einer sozialen Etikette, die vor allem innerhalb westlicher Kulturen oftmals als außerordentlich höflich, wenngleich zuweilen als undurchschaubar und überzogen wahrgenommen wird,[2] da sie einen hohen Grad an Förmlichkeit des zwischenmenschlichen Umgangs im Alltagsleben beinhaltet.[3] Diese soziale Etikette, der im Alltagsleben der Japaner eine essentielle Rolle zugesprochen wird,[4] legt fest, welche Regeln des Umgangs in der Gemeinschaft für konkrete Situationen gelten sollen.[5] Zu diesem Zweck existieren zahlreiche verbale und nonverbale Mittel, die nicht nur die Höhe des Förmlichkeitsgrades in zwischenmenschlichen Beziehungen bestimmen, sondern auch die zwischenmenschliche Beziehung selbst charakterisieren.[6]

Die vorliegende Hausarbeit eröffnet zunächst mit einer Zusammenstellung grundlegender und für diese Hausarbeit relevanter Aspekte des Aufsatzes Politeness. Some universals in language usage von Penelope Brown und Stephen C. Levinson. Die in diesem Text getroffenen Aussagen und aufgestellten Behauptungen dienen zum einen der theoretischen Orientierung der vorliegenden Hausarbeit und definieren zum anderen grundsätzliche Termini, die im Verlauf dieser Hausarbeit verwendet werden sollen.

Das sich daran anschließende Kapitel wird sich primär damit befassen, die sprachliche Höflichkeit in Japan anhand konkreter Beispiele darzulegen. Ein komprimierter Vergleich hinsichtlich der sprachlichen Höflichkeit in Deutschland wird den Abschluss dieses Kapitels bilden, damit ermittelt werden kann, inwiefern sich die japanische Höflichkeit auf Ebene der Sprache von einer konkretisierten sprachlichen Höflichkeit einer westlichen Kultur unterscheidet.

In einem abschließenden Resümee wird dann schließlich eine Auswahl verschiedentlich gearteter Beweggründe für den vermeintlich hohen Grad an Förmlichkeit der japanischen Sprache evaluiert werden, um somit zumindest partiell im Rahmen dieser Hausarbeit das Phänomen der sprachlichen Höflichkeit in Japan zu entmystifizieren.

2. Penelope Brown und Stephen C. Levinson: Politeness. Some universals in language usage - Eine Auswahl wichtiger Aspekte von Höflichkeit im Sprachgebrauch

Der Aufsatz von Penelope Brown und Stephen C. Levinson über Höflichkeit im Sprachgebrauch gründet auf dem allgemeinen Phänomen, dass sich eine Vielzahl von sprachlich getätigten Äußerungen unabhängig sprachlicher und kultureller Hintergründe in vielerlei Hinsicht ähneln können: „This is the extraordinary parallelism in the linguistic minutiae of the utterances with which persons choose to express themselves in quite unrelated languages and cultures.“[7] Ein fundamentaler Bestandteil des Sprachgebrauchs, der sich mittels Höflichkeit manifestiert, liegt dabei insbesondere im Fokus des Aufsatzes.[8]

Brown und Levinson postulieren, dass die Strukturen des Sprachgebrauchs auf Schemata basieren, die ein wesentliches Element zwischenmenschlicher Beziehungen auf sprachlicher Ebene konstituieren: „We believe that patterns of messsage construction [...] or simply language usage are part of the very stuff that social relationships are made of.“[9] Weiterhin wird konstatiert: „Discovering the principles of language usage may be largely coincident with discovering the principles out of which social relationships, in their interactional aspect, are constructed [,..].“[10] Es besteht laut Brown und Levinson demzufolge die Möglichkeit, dass die Grundlagen des Gebrauchs sprachlicher Äußerungen und die Grundlagen der Strukturen zwischenmenschlicher Beziehungen Ähnlichkeiten aufweisen können im Hinblick darauf, wie Menschen untereinander interagieren und folglich Beziehungen zueinander herstellen und etablieren - auf diesen Sachverhalt wird an späterer Stelle der vorliegenden Hausarbeit zurückgegriffen werden, da das oben genannte Verhältnis zwischen dem Gebrauch sprachlicher Äußerungen und den Strukturen zwischenmenschlicher Beziehungen in Bezugnahme auf sprachliche Höflichkeit in Japan aufgezeigt werden kann.

Um des weiteren die Grundfeste des Sprachgebrauchs insbesondere bezüglich sprachlicher Höflichkeit systematisch darzulegen, konstruieren Brown und Levinson eine Model Person, im Folgenden mit MP abgekürzt.[11] MP bezeichnet einen Muttersprachler einer natürlichen Sprache und weist zwei grundlegende Eigenschaften auf: MP verfügt über die Fähigkeit, mittels Urteilsvermögen - rationality - Möglichkeiten zu bestimmen, um Ziele zu erreichen und Absichten nachzugehen: „ [...] the availability to our MP of a precisely definable mode of reasoning from ends to the means that will achieve those ends.“[12] Weiterhin besitzt MP das sogenannte positive und negative face, das zwei spezielle Bedürfnisse von MP umfasst: Einerseits das Bedürfnis, unbeeinträchtigt zu sein und andererseits das Bedürfnis nach Anerkennung in vielerlei Hinsicht.[13] Das bedeutet, dass zum einen angestrebt wird, dass sowohl das positive als auch das negative face gewahrt und somit eine gewisse Souveränität seitens des speaker und des addressee etabliert wird, und zum anderen Äußerungen, die MP macht, anerkannt werden in dem Sinne, dass beispielsweise von MP artikulierte Wünsche bewilligt werden.

Die Bedürfnisse, die face einschließt, können nur dann befriedigt werden, wenn diese Bedürfnisse gegenüber einer anderen Person artikuliert werden und demnach gehandelt wird, sie zu stillen - es liegt demgemäß sowohl im Interesse des speaker als auch in dem des addressee, dass deren face gewahrt wird - insbesondere bei Handlungen, die deren positives oder negatives face wesentlich bedrohen. Vor allem dem Konzept des face wird eine gewichtige Rolle in der sprachlichen Höflichkeit Japans zugewiesen, die ebenfalls an späterer Stelle eingehender erläutert werden wird. Brown und Levinson gehen indes nicht davon aus, dass sich ihre Ideen problemlos zu jeder Zeit auf den Menschen übertragen lassen.[14] Allerdings umschließen die oben genannten Eigenschaften von MP an rationality und face orientierte Voraussetzungen, die bei zwischenmenschlichen Interaktionen im Regelfall erfüllt sind, sodass beispielsweise aus einer sprachlichen Äußerung, vor allem dann, wenn sie eine indirekte Formulierung einer Bitte, Aufforderung, Wunsch und dergleichen beinhaltet, geschlossen werden kann, was mit der sprachlichen Äußerung gemeint ist: „ [...] it can be demonstrated that in order to derive the kind of inferences from what is said that speakers can be shown to draw, such assumptions simply have to be made.“[15] Dieser Sachverhalt besitzt vor allem in Bezug auf sprachliche Höflichkeit Relevanz, da zum Beispiel Bitten, Aufforderungen oder Wünsche indirekt geäußert werden können, sodass ein höherer Grad an Höflichkeit erreicht wird, aber dennoch verstanden wird, dass es sich bei der Äußerung um eine Bitte et cetera handelt - auch wenn zweifelsohne eine direkt formulierte Äußerung einer Bitte, einer Aufforderung oder eines Wunsches nicht immer zwangsläufig mit Unhöflichkeit gleichgesetzt werden kann.[16] Das Formulieren indirekter Bitten, Aufforderungen, Wünsche und dergleichen ist indessen beispielsweise in der sprachlichen Höflichkeit der japanischen Sprache essentiell, da zum Beispiel eine indirekt formulierte Aufforderung Solidarität und Einbindung demonstriert.[17]

Das an dieser Stelle dargelegte Gedankengut von Brown und Levinson bezüglich der Höflichkeit im Sprachgebrauch wird, wie an den jeweiligen Stellen angemerkt, im Verlauf dieser Hausarbeit in Bezug auf die sprachliche Höflichkeit in Japan konkretisiert werden.

Im nachfolgenden Kapitel wird nun eine Selektion von Beispielen sprachlicher Höflichkeit in Japan vorgestellt werden. Darüber hinaus soll in diesem Kapitel ein verkürzter Vergleich japanischer und deutscher sprachlicher Höflichkeit erfolgen.

3. Sprachliche Höflichkeit in Japan

Wie bereits im Vorwort erwähnt wurde, wird die soziale Etikette Japans vor allem durch die ausgereifte Sprache der Höflichkeit charakterisiert. Sie bestimmt den Grad der Förmlichkeit innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen und definiert diese demzufolge zum Großteil.

Man unterscheidet gemeinhin in der sprachlichen Höflichkeit Japans zwischen einer informellen beziehungsweise familiären, höflichen und sehr höflichen Redeweise.[18] Verschiedene Faktoren legen weitläufig die Auswahl der jeweiligen Redeweise fest: Berücksichtigt werden muss unter anderem der situationale Rahmen, also der Kontext, in der ein Gespräch erfolgt.[19] Die jeweiligen Rollen, die die Gesprächsteilnehmer in der vorherrschenden Situation einnehmen, geben die interpersonale Konstellation vor, in der sich die Gesprächsteilnehmer befinden[20] - diese interpersonale Konstellation wird unter anderem durch das Geschlecht der jeweiligen Gesprächsteilnehmer beeinflusst,[21] und dies beeinflusst wiederum den Grad der Förmlichkeit und die zu wählende Redeweise: Es ist beispielsweise nicht unüblich, dass sich weibliche Gesprächsteilnehmer häufiger der höflichen oder sehr höflichen Redeweise bedienen als es ihre männlichen Gesprächspartner tun.[22] Weiterhin, um ein weiteres Beispiel zu nennen, gestattet die Zugehörigkeit zu einer Gruppe den Gebrauch der informellen beziehungsweise familiären Sprechweise, es sei denn, dass man sich in einer geschäftlichen Situation befindet, die den Gebrauch der höflichen oder sehr höflichen Redeweise fordert.[23] In einer solchen Situation ist es dann beispielsweise unerheblich, ob sich die Gesprächsteilnehmer der Gruppe untereinander vertraut sind - die höfliche oder sehr höfliche Redeweise ist dann definitiv der informellen beziehungsweise familiären Redeweise vorzuziehen.[24]

[...]


[1] Coulmas, Florian: Das Land der rituellen Harmonie. Japan: Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Frankfurt am Main/New York: Campus Verlag 1993. S. 238.

[2] Vgl. Haase, Martin: Respekt. Die Grammatikalisierung von Höflichkeit. Zweite Auflage von 1998. München [i.e.] Unterschleissheim/Newcastle: LINCOM Europa 1994. S. 17. Vgl. auch: Fritzsche, Yvonne: Wie höflich sind Japaner wirklich? Höflichkeitserwartungen in der japanischen Alltagskommunikation. München: Iudicium Verlag 1998. S. 12f.

[3] Vgl. Coulmas, Florian: Das Land der rituellen Harmonie. S. 166.

[4] Vgl. ebd., S. 236f.

[5] Vgl. ebd., S. 237.

[6] Vgl. Haase, Martin: Respekt. S. 25f.

[7] Brown, Penelope/Levinson, Stephen C.: Politeness. Some universals in language usage. Cambridge University Press 1987. S. 55.

[8] Vgl. ebd.

[9] Ebd.

[10] Ebd.

[11] Vgl. ebd., S. 58.

[12] Ebd.

[13] Vgl. ebd.: „By 'face' we mean something quite specific again: our MP is endowed with two particular wants - roughly, the want to be unimpeded and the want to be approved of in certain respects.“

[14] Vgl. ebd.

[15] Ebd.

[16] Vgl. Grein, Marion: Kommunikative Grammatik im Sprachvergleich. Die Sprechaktsequenz Direktiv und Ablehnung im Deutschen und Japanischen. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 2007. S. 74.

[17] Vgl. ebd., S. 75f.

[18] Vgl. Haase, Martin: Respekt. S. 24.

[19] Vgl. Grein, Marion: Kommunikative Grammatik im Sprachvergleich. S. 59.

[20] Vgl. ebd.

[21] Vgl. Haase, Martin: Respekt. S. 25.

[22] Vgl. ebd.

[23] Vgl. ebd., S. 25f.

[24] Vgl. ebd., S. 26.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Sprachliche Höflichkeit als wesentlicher Bestandteil der sozialen Etikette in Japan
Untertitel
Eine Zusammenstellung von Beispielen im Vergleich zur sprachlichen Höflichkeit in Deutschland
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Sprachtheorie und Sprachphilosophie – Lektürekurs
Note
14,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V373337
ISBN (eBook)
9783668506558
ISBN (Buch)
9783668506565
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachliche Höflichkeit, Japan, Deutschland, Etikette, Floskeln, Verhalten, Benehmen, Höflichkeit, Unterschied, Benimmregeln, Beispiele, Vergleich
Arbeit zitieren
B.A. Sarah Insacco (Autor), 2015, Sprachliche Höflichkeit als wesentlicher Bestandteil der sozialen Etikette in Japan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373337

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