Die geistige Selbsterkenntnis in Augustinus' zehntem Buch der "De Trinitate"

Eine Analyse des Denkens der Trinität


Seminararbeit, 2007
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Beginn von De Trinitate X - Sucht sich der Geist?

3. Augustins Begriff des Geistes

4. Die Unterscheidung zwischen „se nosse“ und „se cogitare“

5. memoria, intellegentia, voluntas

6. Schlussfolgerungen

Bibliographie

1. Einleitung

Wie erkennt sich der menschliche Geist selbst? Dies ist die Frage, mit der ich diese Arbeit überschreiben möchte. Eine Antwort suche ich bei Augustin. Er hat in den Büchern VTTT-XV von De Trinitate, in welchem er die Trinität aus Vater, Sohn und heiligem Geist überhaupt analysierte, versucht, Spuren der Trinität zu finden, indem er verschiedene Analogien der Trinität untersuchte. Dabei beschäftigte er sich in Buch X hauptsächlich mit dem menschlichen Geist und dessen Selbsterkenntnis zum Zweck „einer Analyse des Denkens der Trinität.“[1]

Der menschliche Geist ist ein Abbild der Trinität, ein Bild der Trinität im Menschen. Ein Verständnis dieses Abbildes kann zu einem besseren Verständnis des Originals führen. Tch sage „besseres Verständnis“, weil es weder Augustins, noch meine Absicht ist, oder besser gesagt, sein kann, die Trinität vollkommen zu verstehen. Mein Ziel ist es, wie schon erwähnt, die Selbsterkenntnis des Geistes, wie Augustin sie hauptsächlich in Buch X beschreibt, zu beleuchten.

Dabei möchte ich mich zu Beginn kurz mit dem Anfang von De Trinitate X beschäftigen, um zu zeigen, wie sich Augustin der Frage nach der geistigen Selbsterkenntnis nähert. Tn einem zweiten Schritt werde ich in Form eines Überblicks erläutern, wie Augustin den menschlichen Geist und das Denken überhaupt auffasst. Da der Geist schließlich Abbild der Trinität ist, wird es, um die Selbsterkenntnis des Geistes zu verstehen, nötig sein, die einzelnen Elemente der geistigen Erkenntnis zu besprechen. Aus diesem Grund wende ich mich der von Augustin beschriebenen Unterscheidung zwischen se nosse und se cogitare zu, was schließlich dazu führen soll, den Ternar aus memoria, intellegentia und voluntas, welchen Augustin am Ende von Buch X als Abbild der Trinität bearbeitet, zu verstehen.

2. Der Beginn von De Trinitate X - Sucht sich der Geist?

Augustin beginnt Buch X von De Trinitate nach einigen einleitenden Bemerkungen über die Art und das Ziel wissenschaftlicher Erkenntnis mit einer Abhandlung über die Liebe. Ziemlich schnell wird deutlich, dass Liebe in diesem Zusammenhang in keiner Beziehung zu dem steht, was man normalerweise unter „Liebe“ versteht. Vielmehr scheint Augustin „Liebe“ mit „Willen“ gleichzusetzen. „Aus diesem Grund ist alle Liebe einer sich bemühenden Seele, also jemand, der wissen will, was er nicht weiß, nicht Liebe zu einer Sache, die er nicht weiß, sondern zu einer Sache, die er weiß, weswegen er wissen will, was er nicht weiß.“ (1.3)[2] Die Liebe (oder der Wille) bezieht sich nicht auf etwas vollkommen Unbekanntes. Es muss schon eine gewisse „allgemeine Kenntnis“ (2.4)[3] der geliebten, und daher erstrebten Sache geben.

„Was aber liebt der Geist, da er sich selbst leidenschaftlich sucht, um (sich) kennen zu lernen, solange er sich unbekannt ist?“ (3.5)[4] Sich selbst kann er nicht lieben, da er sich nicht kennt. Aber kennt er sich wirklich nicht? Zumindest, so Augustin, „ [...] kennt er sich doch schon als Suchenden.“ (Ebd.)[5] Er weiß also von sich, dass er sich selbst sucht, um sich zu kennen. Es wäre irrsinnig, zu behaupten, der Geist würde sich teilweise kennen und teilweise nicht kennen. Er weiß zwar nicht das Ganze, aber „was er weiß, weiß er als ganzer.“ (3.6)[6] Aus diesem Grund weiß er das, was er von sich weiß, ebenfalls als ganzer. „Und somit weiß er sich ganz.“ (Ebd.)[7] Und da er sich ganz weiß, ist er sich auch „als ganzer gegenwärtig“ (4.6)[8] Es gibt demzufolge nichts, was der Geist noch zu suchen hätte. Also, so schließt Augustin, „[...] sucht sich der Geist überhaupt nicht.“ (Ebd.)[9]

3. Augustins Begriff des Geistes

Augustin setzte den Begriff „Mensch“ zum größten Teil mit „Geist“ gleich. Es gibt nichts, so Augustin, dass dem Geist besser bekannt oder näher wäre, als er selbst. Die Wirklichkeit konstituiert sich vom Denken her, denn nichts ist uns so vertraut im Inneren wie der Geist, welcher uns alles erfahren lässt. Dies ist nicht in dem Sinne zu verstehen, dass durch das Denken die Welt beherrscht wird, doch wohl aber so, dass die Wahrheit sich zuerst im Denken zeigt. Das, was wir sinnlich wahrnehmen und erfahren, ist lediglich eine Kopie, oder, besser gesagt, ein unvollständiges Abbild, eine Spur der Wahrheit. Das Denken allerdings ist sich dieser Tatsache bewusst. Es ist demzufolge keinesfalls ausreichend, einen bestimmten Gegenstand in der Welt einfach sinnlich wahrzunehmen, um erkennen und schließlich wissen zu können, was das Entscheidende an diesem Gegenstand, also seine Wahrheit ist. Dies, so gibt Augustin zu verstehen, ist erst möglich, wenn man sich in sein eigenes Inneres, sein Denken, zurückwendet, denn, wie schon gesagt, einzig das Denken vermag, die Wahrheit zu erkennen.[10]

Der Akt des Denkens ist Ergebnis einer Art Synthese. Diese besteht in einer Zusammenführung aller in unserem Bewusstsein enthaltenen Momente eines Gegenstandes und ist Voraussetzung dafür, dass wir den betreffenden Gegenstand überhaupt als Gegenstand erkennen, das heißt, denken können. Dies jedoch ist nicht das einzige Kriterium, welches das Denken erst möglich macht oder bestimmt. Denn ehe der Geist einen bestimmten Inhalt erfassen oder denken kann, muss sich das Denken zu sich selbst in Beziehung setzen, also gewissermaßen sich selbst denken. Diese Selbsterkenntnis umschließt sowohl die äußere als auch die innere Welt, wodurch ein rechtes Handeln des Menschen überhaupt erst möglich wird, da es ihm schließlich seine eigene Position deutlich macht. Der Mensch weiß nun, was sich über ihm und was sich unter ihm befindet. Somit erklärt sich, weshalb der Mensch als Geist definiert werden kann.[11]

Bewusstsein ist demnach zuerst ein Bewusstsein des Bewusstseins, ein Selbstbewusstsein. Bezüglich der Erkenntnis ist natürlich der Geist das entscheidende Merkmal. Er ist es, der die einzelnen Inhalte der Erkenntnis ordnet, sie in ihrer Vielheit als Einheit begreift und damit Schritt für Schritt das ganzheitliche Erkennen eines Gegenstandes, das heißt also das Wissen um denselben, ermöglicht. Wo von Wissen die Rede ist, muss natürlich auch das Nichtwissen Beachtung finden. Augustin erörtert in De. Trin. X, 10.14 das Nichtwissen am Akt des Zweifelns.[12] „Wer jedoch würde daran zweifeln, dass er lebt, sich erinnert, Einsicht hat, will, denkt, weiß und urteilt? Selbst wenn man zweifelt, lebt man; wenn man zweifelt, erinnert man sich, woran man zweifelt; wenn man zweifelt, sieht man ein, dass man zweifelt; wenn man zweifelt, will man sicher sein; wenn man zweifelt, denkt man; wenn man zweifelt, weiß man, dass man (etwas) nicht weiß; [...] Wer also an allem zweifelt, darf an all diesen (Eigenschaften) nicht zweifeln, (denn) wenn es sie nicht gäbe, könnte er an keiner Sache zweifeln.“[13] Es ist also völlig unerheblich, was der Geist alles nicht weiß, denn eines ist in jedem Fall sicher oder gewiss, nämlich dass er etwas nicht weiß. Er weiß daher im Grunde das Nichtwissen. Dies ist ebenfalls eine Art Selbstbewusstsein, oder, wie Flasch es nennt, „Selbstgewissheit“[14]. Denn woran der Geist auch zweifelt, es gibt eine ganze Reihe Merkmale, die er, wie man eben gesehen hat, nicht anzweifeln kann. Alle Verirrungen der Außenwelt, die dem Geist durch die Sinne entgegentreten, können dementsprechend die eine konstante und sichere Erkenntnis des Geistes nicht erschüttern, seine Selbsterkenntnis. Diese Erkenntnis nämlich nimmt der Geist nicht durch die Sinne, sondern durch sich selbst auf. Es ist wieder das schon erwähnte Bild der Wendung oder Rückkehr in sich selbst, das hier durchscheint. Diese Sicht nach innen - es sei hier deutlich gesagt - ist natürlich nicht der Versuch des menschlichen Geistes, oder des Menschen überhaupt, sich selbst, also das eigene Ich zu erkennen.

[...]


[1] Kreuzer (2001), S. XXIV

[2] quamobrem omnis amor studentis animi, hoc est volentis scire quod nescit, non est amor eius rei quam nescit sed eius quam seit propter quam vult scire quod nescit.

[3] [.] genere notum [.]

[4] quid ergo amat mens cum ardenter se ipsam quaerit ut noverit dum incognita sibi est?

[5] [...] quaerentem se iam novit.

[6] quod scit tota scit.

[7] sat se igitur totam.

[8] tota ergo sibipraesto est [.]

[9] [...] se mens omnino non quaerit.

[10] Flasch (2003), S. 336-337

[11] Ebd., S. 337-338

[12] Auf den offensichtlichen Zusammenhang, der zwischen dieser Erörterung und der Descartes‘ besteht, möchte ich an dieser Stelle nicht näher eingehen.

[13] Vivere se tamen et meminisse et intellegere et velie et cogitare et scire et iudicare quis dubitet? Quandoquidem etiam si dubitat, vivit; si dubitat, unde dubitet meminit; si dubitat, dubitare se intellegit; si dubitat, certus esse vult; si dubitat, cogitat; si dubitat, scit se nescire; [...] quisquís igitur alicunde dubitat de his omnibus dubitare non debet quae si non essent, de ulla re dubitare non posset.

[14] Flasch (2003), S. 338

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die geistige Selbsterkenntnis in Augustinus' zehntem Buch der "De Trinitate"
Untertitel
Eine Analyse des Denkens der Trinität
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
14
Katalognummer
V373477
ISBN (eBook)
9783668511415
ISBN (Buch)
9783668511422
Dateigröße
391 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Augustinus, menschlich, Geist, De Trinitate, Selbsterkenntnis, Trinität, Liebe, Mensch, Religion
Arbeit zitieren
Alexander Brembach (Autor), 2007, Die geistige Selbsterkenntnis in Augustinus' zehntem Buch der "De Trinitate", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373477

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