Der Putto als "Komparse der Trauer" am Beispiel von Francois Duquesnoys "Grabmal des Ferdinand van den Eynde" (1633/1640)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

22 Seiten, Note: 1,7

Svenja H. (Autor)


Leseprobe

2
Inhaltsverzeichnis
1.
ZIELSETZUNG DER ARBEIT
3
2.
WIE WIRD DER PUTTO ZUM ,KOMPARSEN DER TRAUER`?
5
2.1
D
IE
B
EDEUTUNG DES
S
CHLEIERS UND
V
ORHANGS IN DER
S
PÄTANTIKE
6
2.2
D
IE
V
IELFALT DER
P
UTTEN
­
VON DER
A
NTIKE BIS ZUM
B
AROCK
8
2.2.1
D
AS
W
ESEN DER
P
UTTEN
10
2.2.2
D
IE
F
UNKTIONEN DER
P
UTTEN
11
3.
DER PUTTO ALS ,KOMPARSE DER TRAUER'
12
4.
WARUM UND WODURCH WURDE DER ,FRÖHLICHE' PUTTO ZU EINEM
,KOMPARSEN DER TRAUER`?
17
LITERATURVERZEICHNIS
19
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
21

3
1. Zielsetzung der Arbeit
Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit bildet das Lektüreseminar im Rahmen
des Masterstudiengangs, welches
sich vorwiegend mit der Thematik des Öffentlichen und Privaten bzw. des Schlei-
ers und Vorhangs, beschäftigt hat.
Zusätzlich liegt dieser Arbeit die Auseinandersetzung mit einem Aufsatz
1
des
Kunsthistorikers Moshe Barasch (1920 - 2004) zu Grunde. Hier wird u.a. der
Frage nachgegangen, wie die bildende Kunst der Spätantike das Motiv des
Schleiers bzw. Vorhangs anwandte. Barasch erläutert im Kontext antiker Grab-
stelen die Verwendung des Vorhangs. Dort symbolisiert dieser ,,das Zeichen der
Scheidung von öffentlicher [,Welt der Lebenden'] und geheimer Welt [,Welt der
Toten`]"
2
und wurde, wie Barasch an dem Beispiel eines Kindersarkophags de-
monstriert, hinter eine Figur eines verstorbenen Kindes gespannt, um dieses von
den Musen, rechts und links daneben, hervorzuheben
3
.
Eine weitere Funktion des Vorhangs bzw. Schleiers findet sich in der genaueren
Betrachtung kleiner, rundlicher Kindergestalten ­ den Putten
4
. Ein Putto ist in
der sakralen und profanen Kunst eine meist nackte, kleine knabenhafte Figur
mit oder ohne Flügel
5
. Er wird im Wesen mit Adjektiven, wie schön, fröhlich, rein
und demütig, beschrieben und befindet sich häufig neben der Darstellung von
Heiligen und Gestalten der Mythologie
6
. Er ist deren Diener oder weist auf die
1
Vgl. Barasch, Moshe: Der Schleier. Das Geheimnis in den Bildvorstellungen der Spätantike. in:
Assmann, Jan und Aleida (Hrsg.): Geheimnis und Offenbarung. Schleier und Schwelle. Bd. 2. Mün-
chen 1998, S. 181-204.
2
Ebd. S. 187f.
3
Vgl. ebd.
4
Vgl. Deckers, Regina. Die Testa Velata in Der Barockplastik: Zur Bedeutung von Schleier und
Verhüllung zwischen Trauer, Allegorie Und Sinnlichkeit. München 2010, S. 188-212.
5
Vgl. Putto, in: Hartmann, Peter Wulf (Hrsg.): Das große Kunstlexikon von P. W. Hartmann, Online-
Ausgabe 2005, http://www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_7315.html; (05.04.2017).
6
Vgl. Hansmann, Wilfried: Putten. Worms: Wernersche Verlagsgesellschaft 2000, S. 5f.

4
Hauptfiguren oder besondere Ereignisse hin ­ dennoch ist er auch an Grabma-
len und Epitaphen
7
zu finden und drückt Trauer aus
8
. Hier tritt wieder das Motiv
des Vorhangs bzw. Schleiers in einer anderen Bedeutungsweise in den Vorder-
grund. Denn der Putto als ,Komparse
9
der Trauer' verbirgt bspw. mit Hilfe eben
dieses Stoffes des Schleiers oder Vorhangs sein Gesicht, um der Trauer über
den Verstorbenen besonderen Ausdruck zu verleihen
10
.
Die vorliegende Arbeit stellt diesen Gegensatz der Putten, die entweder einen
,fröhlichen' oder einen ,traurigen' Inhalt vortragen
11
, heraus. Das Hauptaugen-
merk wird dabei auf der Betrachtung des Puttos als ,Komparse der Trauer' lie-
gen.
Um in diesem Zusammenhang die Funktion des Vorhangs bzw. Schleiers ge-
nauer zu untersuchen, soll exemplarisch das Grabmal des Ferdinand van den
Eynde in die nähere Untersuchung dieser Thematik einbezogen werden. Diese
Sakralskulptur, geschaffen von François Duquesnoy
12
, ist zwischen 1633 und
1640 entstanden und befindet sich nun in Rom, in der Santa Maria dell'Anima.
Duquesnoy wies den Kindergestalten grundlegend eine ,,intensive Teilnahme an
der Totenklage"
13
zu.
Im Folgenden wird der Aufbau der wissenschaftlichen Arbeit dargelegt. Der
Hauptteil (2. Wie wird der Putto zum ,Komparsen der Trauer`?) umfasst alle Ka-
pitel und Unterkapitel, die sich unmittelbar auf das Thema des Puttos als ,Kom-
7
Epitaph - das, griechisch epitaphion, lateinisch epitaphium, "zum Grab gehörig", von griechisch
taphos, "Grab"; ursprünglich Bezeichnung für die Grabinschrift. Seit dem 16. Jh. werden getrennt
vom Bestattungsort aufgestellte, im Allgemeinen aus Stein oder Bronze bestehende Tafeln mit einer
an den Verstorbenen erinnernden Inschrift Epitaph genannt. [...] Epitaphen sind gewöhnlich an Kir-
chenwänden angebracht, häufig auch an Pfeilern. Bisweilen werden Epitaphen von einem vollplas-
tisch ausgeführten Figurenschmuck (in Form von Engeln oder einer trauernden Frau mit Kindern)
flankiert. Im Barock waren auch spezielle Epitaphaltäre üblich, d. h. ein Epitaph diente als Altarauf-
satz, in: Hartmann, Peter Wulf (Hrsg.): Das große Kunstlexikon von P. W. Hartmann, Online-Aus-
gabe 2005, http://www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_2583.html; (05.04.2017).
8
Hansmann 2000, S. 5.
9
Dudenredaktion (o.J.): Komparse ,,italienisch comparsa, zu: comparire < lateinisch comparere =
erscheinen, also eigentlich = Darsteller, der nur stumm auf der Bühne ,in Erscheinung' tritt", in: Du-
den online, http://www.duden.de/node/763304/revisions/1136370/view (02.04.2017).
10
Vgl. Hansmann 2000, S. 5.
11
Wilhelm Messerer betont, dass ,,Putten einen Inhalt nur ,vortragen, bezeichnen' [und sie dies] [...]
wesentlich von den eigentlichen Allegorien, die einen Inhalt personifizieren [unterscheidet].". Vgl.
Messerer, Wilhelm: Kinder ohne Alter. Putten in der Kunst der Barockzeit. Regensburg 1962, S. 30f.
12
François Duquesnoy (1597 Brüssel ­ 1643 Livorno): Römischer Bildhauer des 17. Jahrhunderts
(Boudon, Marion: François Duquesnoy, in: Saur (Hrsg.): Allgemeines Künstlerlexikon. Bd. 31. Mün-
chen, Leipzig 2002S.105-109).
13
Vgl. Deckers 2010, S. 188.

5
parse der Trauer' beziehen. Dem Lesenden wird zu Beginn die Struktur des Ka-
pitels dargelegt. Im Anschluss werden die Begriffe, Schleier und Vorhang in der
Spätantike (2.1), die sich thematisch durch alle Bereiche der Arbeit ziehen,
kunsthistorisch betrachtet. Anschließend werden Die Vielfalt der Putten ­ von
der Antike bis zum Barock (2.2), ihr Wesen (2.2.1) und deren Funktionen (2.2.2)
erläutert. Daran schließt die nähere Auseinandersetzung mit dem Putto als
,Komparsen der Trauer' (3.) an. Dieses wird mit dem Grabmal des Ferdinand
van den Eynde aus dem 17. Jahrhundert exemplifiziert.
Der Beantwortung der Frage, warum und wodurch der ,fröhliche' Putto im Zeit-
alter des Barocks auch zu einem Ausdruck von Trauer werden konnte, soll im
Ergebnis mit dieser kunstwissenschaftlichen Arbeit nachgegangen werden,
indem die Erkenntnisse aus dem Hauptteil der Arbeit konkludiert werden
(4. Warum und wodurch wurde der ,fröhliche' Putto zu einem ,Komparsen der
Trauer`?).
Ein Ausblick auf mögliche anschließende, sich aus dieser wissenschaftlichen
Arbeit ergebenden Fragen, schließt die Arbeit ab.
2. Wie wird der Putto zum ,Komparsen der Trauer`?
In diesem Kapitel sollen die Begriffe Schleier und Vorhang der Spätantike sowie
Putten, und deren Wesen und Funktionen, kunsthistorisch erläutert werden.
Diese thematische Übersicht soll eine Grundlage bieten, um die weitere Verwen-
dung der Verschleierung bzw. Verhüllung am Beispiel des Puttos als ,Komparse
der Trauer' nachzuvollziehen, auf die in den nächsten Kapiteln eingegangen
wird. Zuvor sei betont, dass die Themen hier zwar einzeln betrachtet werden,
die Grenzen aber in der religiösen und sozialen Wirklichkeit nicht klar voneinan-
der zu trennen sind.

6
2.1 Die Bedeutung des Schleiers und Vorhangs in der Spätantike
Der Duden definiert den Schleier u.a. als ein "Gesicht oder Kopf verhüllendes,
dichtes oder durchsichtiges Gewebe"
14
­ ein ,,Instrument der Verhüllung"
15
. Et-
was befindet sich hinter dem Stoff und deutet somit auf ein Geheimnis hin, das
im Verborgenen liegt - die alleinige, gegenwärtige Präsenz des Schleiers, als ein
tatsächlich sichtbarer Gegenstand, weist bereits auf ein Geheimnis hin
16
.
In der Antike ist der Schleier häufig eingesetzt worden, um schwer darzustel-
lende Inhalte künstlerisch zum Ausdruck zu bringen
17
. Bspw. wurde in einigen
Mysterienkulten ein ,,Geheimnis bzw. [eine] Ungewißheit [sic] "
18
durch die Ver-
hüllung eines Kopfes (capite velato) mit einem Schleier angedeutet. ,,Als [ein]
Zeichen der Offenbarung (revelatio) und der Erkenntnis"
19
wurde die Enthüllung
verstanden. Dabei weist zum einen der Akt des Schleier-Senkens (Verhüllung),
durch die Präsenz des Schleiers, auf das Geheimnis hin und zum anderen macht
der Akt des Hebens (Offenbarung) auf das Geheimnis aufmerksam
20
- der
Schleier hat also einen doppeldeutigen, symbolischen Sinn
21
.
Der Schleier in der Kunst der Spätantike wurde nicht nur als ein Symbol, welches
ein Geheimnis oder eine Erkenntnis ausdrückt, sondern auch als eines, dass
den Tod symbolisiert, verwendet
22
. Bspw. wird aus einigen ,,Wandbildern in et-
ruskischen Gräbern"
23
­ auf ihnen sind Menschen mit verhüllten Köpfen, die ge-
tötet werden sollten, in ,Leichenspielen'
24
abgebildet worden ­ deutlich, dass die
Opfer nicht sahen, was ihnen bevorstand. Den Betrachtenden wird dies durch
die Verhüllung der Häupter jedoch vor Augen geführt
25
­ die ,,Scheidung von
14
Schleier, in: Dr. Kunkel-Razum, Kathrin; Dr. Scholze-Stubenrecht, Werner; Dr. Wermke, Matthias
(Hrsg.): Duden Deutsches Universalwörterbuch, 6. Auflage Mannheim 2007, S. 1468.
15
Barasch 1998, S. 179.
16
Vgl. Assmann, Aleida und Jan: Geheimnis und Neugierde, in: Assmann, Aleida (Hrsg.): Archäolo-
gie der literarischen Kommunikation. Schleier und Schwelle. Bd. 3. München 1999, S. 196.
17
Vgl. ebd., S. 180.
18
Ebd., S. 184.
19
Ebd.
20
Ebd., S. 190.
21
Vgl. ebd., S. 179f.
22
Vgl. Deckers 2010, S. 29.
23
Barasch 1998, S. 185.
24
Ebd.
25
Ebd., S. 185-188: Die Menschen ,,in der ganzen antiken Welt" sind mit dem Verhüllen des Hauptes
,,bei gewissen Gelegenheiten von zentraler religiöser Bedeutung (Einweihung, Opfer, Tod)" vertraut
gewesen.

7
öffentlicher und geheimer Welt"
26
steht bevor. Damit ist die ihnen ,,bekannte [öf-
fentliche] Welt der Lebenden [und] [...] [die] geheime Welt der Toten"
27
verstan-
den worden. Die Verhüllung, das Abschirmen von der Außenwelt, stand hier für
ein Zeichen der Demut, womit ,,der Opfernde sich ganz der entsprechenden
Gottheit weihte"
28
.
Mit der Ausbreitung des Christentums haben sich neue Bedeutungsebenen des
Schleiers ergeben. Es soll erwähnt sein, dass der Schleier dabei seine Funktion
des Verbergens weitgehend behielt
29
. Ein Unterschied zur frühen antiken Kunst
bestand jedoch darin, dass in alten Mysterienkulten ,,die Verschleierung des
Hauptes [häufig] ein Mittel der Auszeichnung [...] [und] in der ,neuen` christlichen
Kirche [...] ein Bekenntnis der Schuld"
30
gewesen ist.
Der Vorhang in der sozialen Welt des frühen Christentums hatte die Funktion
des Dekorierens bzw. Schmückens von Kirchen, ferner der Ausstattung von Ge-
betsräumen
31
. In Privathäusern wohlhabender Bürger und Adeliger dienten sie
aber auch dem Sonnenschutz im Atrium, oder um Räume zu vergrößern bzw.
zu verkleinern
32
.
Diese ,,Umformung des Schleiers"
33
in die Verwendung als Vorhang, stellt Ba-
rasch in der Kunst im Zeitalter des frühen Christentums als interessanteste Neu-
erung heraus. Denn der Vorhang verhüllt nunmehr ebenfalls Objekte und steht
für die faktische Scheidung der weltlichen von der göttlichen Umgebung
34
. Das
Wegziehen des Vorhangs demonstriert dabei den Akt der Offenbarung und das
Zuziehen den Akt der Verhüllung. Auch umrahmt er gewisse Objekte und drückt
damit ebenfalls eine gewisse Trennung und damit diese Scheidung der Welten
aus. Bspw. wurde er an Sarkophagen eingesetzt, indem er hinter einer verstor-
benen Person aufgespannt wurde
35
. Der Tote sollte dadurch von weiteren, sym-
boltragenden Figuren auf dem Sarkophag, als Verstorbener erkannt werden
36
.
26
Ebd., S.186.
27
Ebd.
28
Deckers 2010, S. 15.
29
Barasch 1998, S. 193f.
30
Ebd., S. 194.
31
Vgl. ebd., S. 196.
32
Vgl. ebd., S. 195.
33
Ebd., S. 195.
34
Ebd., S. 195f.
35
Deckers 2010, S. 30.
36
Vgl. Barasch 1998, S. 187.
Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Putto als "Komparse der Trauer" am Beispiel von Francois Duquesnoys "Grabmal des Ferdinand van den Eynde" (1633/1640)
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Fakultät für Kunst- und Kunstwissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
22
Katalognummer
V373638
ISBN (eBook)
9783668530034
ISBN (Buch)
9783668530041
Dateigröße
1489 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Putten Duquesnoy Komparse Trauer, Grabmal, Putto Putti, Kunst
Arbeit zitieren
Svenja H. (Autor), 2017, Der Putto als "Komparse der Trauer" am Beispiel von Francois Duquesnoys "Grabmal des Ferdinand van den Eynde" (1633/1640), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373638

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