Frauenerwerbstätigkeit in der ehemaligen DDR zwischen Ideologie und Begebenheit


Seminararbeit, 2004

18 Seiten, Note: 2,4


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Ideologische Grundlagen der Familienpolitik in der DDR
2.1 Die marxistisch-leninistische Theorie als Ausgangsbasis
2.2 Das sozialistische Emanzipations- und Familienverständnis

3. Sozialpolitik und institutionelle Grundlagen der Familienpolitik
3.1 Die Familienpolitik im Rahmen der Sozialpolitik
3.2 Institutionelle Grundlagen der Familienpolitik

4. Entwicklung und Rückläufigkeit der Frauenerwerbstätigkeit
4.1 Entstehung und staatliche Maßnahmen der Frauenerwerbstätigkeit
4.2 Erste Probleme bei der Verwirklichung der „neuen Frauenrolle“
4.3 Abhilfe und Problemlösung durch gezielte Subventionen

5. Praktische Umsetzung der Frauenförderung
5.1 Hürden und Konflikte im Alltag der DDR
5.2. Familienpolitik zum Zeitpunkt der Vereinigung

6. Zusammenfassung und persönliche Stellungnahme
6.1 Thematisches Resümé
6.2 Persönliches Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges und der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 war Deutschland von einer großen Lücke zwischen den Geschlechtern gekennzeichnet. Ostdeutschland war im Gegensatz zu Westdeutschland hierbei besonders betroffen, was den Frauenüberschuss von hundertsechsundvierzig Prozent in der Sowjetischen Besatzungszone anlässlich der Volkszählung am ersten Dezember 1945 erklärte. Da Millionen Männer im Krieg gefallen oder als Invaliden zurückgekehrt waren, übernahmen Frauen maßgeblich die Produktion und die Organisation des Nachkriegsalltags. Im Dezember 1945 betrug der Anteil der Frauenerwerbstätigkeit in der Sowjetischen Besatzungszone bereits vierundvierzig Prozent.[1]

Die scheinbare soziale und wirtschaftliche Bedeutung, die den Frauen im Bezug auf ihre Erwerbstätigkeit und ihrem Schaffen in den Produktionen zugemessen wurde, erhielt jedoch keine kollektive Unterstützung des Staates. Alleine kommunistische Organisationen und deren Anhänger bekannten sich ihrer marxistisch-leninistischen Theorie anlehnend, öffentlich zu einem emanzipatorischen Konzept angesichts frauenpolitischer Fragen.[2] So deklarierte auch August Bebels 1879 in seinem wichtigsten Werk Die Frau und der Sozialismus, „Dem Sozialismus gehört die Zukunft, das heißt in erster Linie dem Arbeiter und der Frau“.[3]

Eine zunehmende Steigerung der Frauenerwerbstätigkeit, insbesondere die junger Mütter rückte dementsprechend Anfang der siebziger Jahre in den Mittelpunkt sozialpolitischer Aufgaben. Eine mit der Steigerung der Frauenerwerbstätigkeit zeitgleich verfolgte Anpassung der Geburtenhäufigkeit auf das Niveau des Bestandshaushalts der Deutschen Demokratischen Republik, war als weiteres Leitziel des sozialistischen Zentralstaates vorgesehen.[4] Die beiden ambivalenten Ziele der Sozialpolitik erforderten von der zentralistischen Staatsführung der Deutschen Demokratischen Republik zahlreiche Maßnahmen. So wurde einerseits ein Ausbau der Betreuungs- und Versorgungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche und andererseits eine Erweiterung der staatlichen Subventionen für Frauen, insbesondere für Mütter favorisiert.[5]

Die Umsetzung dieser Ideologie und der hierzu vorgesehenen unterstützenden Maßnahmen konnte jedoch in der Praxis nicht hinreichend und im Verhältnis eins zu eins verwirklicht werden, so dass es hierbei zu komplexen Problemen kam. Diese trugen letztendlich auch wesentlich zum wirtschaftlichen Zerfall des sozialistischen Systems bei.[6]

Zur Erläuterung der einleitenden Thesen werden im Zweiten Kapitel die Grundlagen der ideologischen Denkweise nachgezeichnet und auf das sozialistische Familien- und Emanzipationsverständnis eingegangen.

Das Dritte Kapitel der folgenden Arbeit wird die Verbindung der Familienpolitik mit der Sozialpolitik aufzeigen und die institutionellen Grundlagen der Familienpolitik darstellen.

Die Entwicklung der Frauenerwerbstätigkeit wird Basis des Vierten Kapitels sein, das unter anderem explizit auf das 1950 eingeführte Mütter- und Kinderschutzgesetz eingehen wird. Dieses Gesetz wird auch als Grundstein für die steigende Frauenerwerbstätigkeit angesehen.

Hindernisse bei der Verwirklichung der ideologischen Ziele der Familienpolitik, sowie deren Umsetzung in die Praxis werden Inhalt des fünften Kapitels sein.

Abschließend soll im Sechsten Kapitel die Parallele zwischen der Frauen- und Familienpolitik in der Deutschen Demokratischen Republik und der heutigen Situation in der Bundesrepublik Deutschland gezogen werden und der Frage zwischen Ideologie und Begebenheit der Familienpolitik in der Deutschen Demokratischen Republik nachgegangen werden.

2. Ideologische Grundlagen der Familienpolitik in der DDR

2.1 Die marxistisch-leninistische Theorie als Ausgangsbasis

Die Grundlage aller frauenemanzipatorischen Fragen in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik bilden neben den Schriften von August Bebels und Clara Zetkin, die Ausführungen von Friedrich Engels. Die praktische Politik lässt keinen Zweifel daran zu, dass in der gesellschaftlichen Praxis des Sozialismus alles unternommen wurde, die marxistisch-leninistische Theorie als gesellschaftliches Leitbild einzusetzen.[7]

Die Grundlage dieser Theorie gründete sich hauptsächlich auf dem Dualismus zwischen der Frauenfrage und der sozialen Frage. Dieser Dualismus bestimmte allerdings nicht nur die marxistisch-leninistische Theorie, sondern auch die Praxis der sozialistischen Familienpolitik. Die Gleichberechtigung der Frauen sollte vor allem durch das universal gültige Recht auf Arbeit erfolgen. Hiermit wollte man der Ungerechtigkeit, die sich durch den Ausschluss der Frauen aus dem gesellschaftlichen Produktionsprozess bemerkbar machte, entgegenwirken. Entgültiges Ziel der Theorie von Engels und auch Zetkins war die Schaffung der Gleichberechtigung für Frauen in staatlichen Einrichtungen und Institutionen, vor allem der Bildungseinrichtungen.[8]

Bezeichnend für die marxistisch-leninistische Sichtweise der Frauen- und Familienpolitik war zudem der „doppelte Produktionsbegriff“.[9] Der Begriff erhielt durch seinen materialistischen auf der einen und seinen familiären Aspekt auf der anderen Seite einen ambivalenten Charakter. So galt die Frau zugleich für die „Produktion“ als auch für die „Reproduktion“ als besonders hilfreich. Die Gleichstellung der Frau erfolgte demzufolge erstens durch ihre Eingliederung in den Produktionsprozess und zweitens durch ihre gesellschaftliche familiäre Tätigkeit.[10]

2.2 Das sozialistische Emanzipations- und Familienverständnis

Die marxistisch-leninistische Theorie betrachtet, wie bereits geschildert, die Familie aus zwei verschiedenen Sichtweisen. Neben der unumgänglichen Differenzierung des Geschlechterverhältnisses ist einerseits die Bindung der Familie an das Klassensystem und andererseits die Bedeutung der Arbeit für die Entwicklung und Entfaltung der Persönlichkeit des Menschen zu beachten. Friedrich Engels formulierte diese These folgendermaßen: „Der erste Klassengegensatz, der in der Geschichte auftritt, fällt zusammen mit der Entwicklung des Antagonismus von Mann und Weib in der Einzelehe, und die erste Klassenunterdrückung mit der des weiblichen Geschlechtes durch das männliche“.[11] Engels ging weiter davon aus, dass durch die „gesellschaftliche Entmachtung der Frau und der Entstehung des Privateigentums der außerhäuslichen, also der männlichen Erwerbstätigkeit“ mehr Bedeutung zugemessen wird. Die Haushaltsführung verlor demzufolge an „öffentlichem Charakter“ und wurde zu einer Privatdienstleistung der Frauen deklariert. Als Folge resultierte die Verdrängung der Frauen aus der „Teilhabe an der gesellschaftlichen Produktion“.[12]

Der Frauenerwerbstätigkeit wurde dementsprechend eine herausragende Rolle zugeschrieben. Die Erwerbstätigkeit war für die Entwicklung und Entfaltung der Persönlichkeit, sowie für die Schaffung einer universell gültigen Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen ein wichtiger und unumgänglicher Aspekt. Die Erziehungs- und Hausarbeit sollte kollektiviert und die Frauen von der Reproduktionsarbeit entlastet werden. Man favorisierte im Allgemeinen die Schaffung einer Dienstleistungsindustrie.[13]

Die Haltung des Staates gegenüber der Familie lässt sich im Allgemeinen jedoch als ambivalent einordnen. Einerseits wurde die Familie anlehnend an Engels als „Urzelle und Ursprung der Gesellschaft“ gesehen und andererseits „ [... ]der Untergang der Familie prophezeit [... ]“.[14] Hierbei war allerdings die Art Familie gemeint, die sich dem Kapitalismus angeglichen und unterworfen hat.

Als gesellschaftliches Grundkollektiv war die Familie zusätzlich dem Arbeitskollektiv untergeordnet und in Relation gestellt.[15]

[...]


[1] Winkler, Carolina (1997): „Frauenpolitik“, in: Herbst, Andreas, Stephan, Gerd-Rüdiger und Winkler Jürgen (hrsg.): Die SED. Geschichte-Organisation-Politik. Ein Handbuch, Berlin: Dietz Verlag, S. 444

[2] ebenda, S. 444f.

[3] ebenda, S. 442

[4] Hockerts, Hans Günther (1997): „Grundlinien und soziale Folgen der Sozialpolitik in der DDR“, in: Kaelble, Hartmut, Kockja, Jürgen und Zwahr, Hartmut (hrsg.): Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart: Klett-Cotta, S. 532

[5] Hockerts, Hans Günther (1997): „Grundlinien und soziale Folgen der Sozialpolitik in der DDR“, in: Kaelble, Hartmut, Kockja, Jürgen und Zwahr, Hartmut (hrsg.): Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart: Klett-Cotta, S. 533

[6] ebenda, S. 536f.

[7] Laatz, Horst (1985): „Wege und Wirkungen gesellschaftswissenschaftlicher Forschung in der DDR“, in: Spittmann-Rühle, Ilse und Helwig, Gisela (hrsg.): Ideologie und gesellschaftliche Entwicklung in der DDR. AchtzehnteTagung zum Stand der DDR-Forschung in der Bundesrepublik Deutschland 28. bis 31. Mai 1985, Köln, Edition Deutschland Archiv, S.66

[8] Winkler, Carolina (1997): „Frauenpolitik“, in: Herbst, Andreas, Stephan, Gerd-Rüdiger und Winkler Jürgen (hrsg.): Die SED. Geschichte-Organisation-Politik. Ein Handbuch, Berlin: Dietz Verlag, S. 443

[9] Gerlach, Irene (1996): Familie und staatliches Handeln. Ideologie und politische Praxis in Deutschland, Opladen, Leske + Budrich, S. 166

[10] Koch, Petra, Knöbel, Hans Günther (1986): Familienpolitik der DDR im Spannungsfeld zwischen Familie und Berufstätigkeit von Frauen, Pfaffenweiler, Centaurus-Verlagsgesellschaft, S. 5

[11] Engels, Friedrich (1975): Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates. Marx Engels Werke, Berlin, (O.), S. 77

[12] Gerlach, Irene (1996): Familie und staatliches Handeln. Ideologie und politische Praxis in Deutschland, Opladen, Leske + Budrich, S. 167

[13] ebenda, S. 169

[14] ebenda, S. 166

[15] Gerlach, Irene (1996): Familie und staatliches Handeln. Ideologie und politische Praxis in Deutschland, Opladen, Leske+Budrich , S. 169

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Frauenerwerbstätigkeit in der ehemaligen DDR zwischen Ideologie und Begebenheit
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar
Note
2,4
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V37365
ISBN (eBook)
9783638367363
ISBN (Buch)
9783656519720
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die folgende Arbeit diskutiert Vor-und Nachteile der Frauenerwerbstätigkeit in der ehemaligen DDR. Schwerpunktmäßig wird hierbei auf die Familienpolitik vor und nach der Wende verwiesen.
Schlagworte
Frauenerwerbstätigkeit, Ideologie, Begebenheit, Proseminar
Arbeit zitieren
M.A. Claudia Haslauer (Autor), 2004, Frauenerwerbstätigkeit in der ehemaligen DDR zwischen Ideologie und Begebenheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37365

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