Darstellung von Grammatikalisierungsprozessen in der kolumbianischen Kreolsprache Palenquero


Hausarbeit, 2014

20 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grammatikalisierungsprozesse
2.1 Modelle und Prinzipien der Grammatikalisierung
2.2 Charakteristika von Pidgin- und Kreolsprachen
2.3 Grammatikalisierung in Pidgin- und Kreolsprachen

3. Habitual marker im Palenquero
3.1 Ergebnisse der Studie von Smith (2013)

5. Zusammenfassung und Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 : ‘Distribution of aspectual distinctions by their forms (N = 1197)’

1. Einleitung

Spricht man von „Grammatikalisierung", dann werden mit diesem Begriff Wandlungsprozesse in der Sprache assoziiert. Dabei resultieren die verschiedenen Prozesse in einer oder mehreren Veränderungen in der Artikulation. Zu den Ergebnissen dieser Modifikationsprozesse gehören auch Pidgins und Kreolen. Wann diese entstehen, in welchen Zusammenhängen sie auftreten oder welche Formen sie annehmen, hängt von den individuellen Umständen ab. Dennoch haben alle Pidgins und Kreolen bestimmte Gemeinsamkeiten, die sich über ihr individuelles Zustandekommen hinaus erstrecken.

Das Palenquero ist eine im kolumbianischen San Basilio de Palenque gesprochene Kreolsprache, die auf dem Spanischen basiert. Das nahe dem Cartagena de Indias gelegene Dorf, in welchem es gesprochen wird, wurde im 16. bis 17. Jahrhundert von afrikanischen Sklaven gegründet (Arrázola, 1970, S.177ff) und in der Folge von Einflüssen verschiedener Sprachen, wie Beispielsweise dem Portugiesischen oder Spanischen, ergab sich somit eine Mischform, das Palenquero. Die Ihnen vorliegende schriftliche Abhandlung beschäftigt sich mit den Grammatikalisierungsprozessen im Palenquero. Der Hauptblickpunkt dieser Arbeit gilt der Realisierung und Verwendung habitueller Markierer. Die Motivation dieser Hausarbeit ergibt aus dem bevorzugten Schwerpunkt einer spanischsprachigen Untersuchung und dem Interesse für die kontrovers diskutierten Entstehungsmöglichkeiten von Pidgins und Kreolsprachen. Durch die Fokussierung auf diese Aspekte werden die verfügbaren Quellen für die Erstellung dieser Arbeit erheblich eingegrenzt. Dementsprechend wird sich bei der Erarbeitung dieser Schrift hauptsächlich an einer Studie von Smith (2013) orientiert, welche das Palenquero in einen grammatikalischen Bezug analysiert und sich auf habituelle Aspekte in der Artikulation bezieht. Ziel soll es sein, die Ergebnisse von Smith (2013) aufzugreifen und anhand verwendeter habitueller Markierer den Ablauf von Grammatikalisierungsprozessen beispielhaft zu illustrieren. Zunächst soll es jedoch, um den Umriss dieser Arbeit nachvollziehen zu können, zu einer Darstellung verschiedener Grammatikalisierungsprozesse kommen (2.). Dabei werden zunächst anerkannte Prinzipien der Grammatikalisierung beleuchtet (2.1). In diesem Zuge werden die Charakteristika von Pidgins bzw. Kreolen näher erläutert (2.2) und ihre Verbindung zur Grammatikalisierung dargestellt (2.3). Nachdem das grundlegende Verständnis für die Betrachtung von Grammatikalisierungsvorgängen vermittelt worden ist, wird sich dem Palenquero gewidmet (3.). Dabei werden zunächst die Modalitäten der betreffenden Studie von Smith (2013) erläutert und schließlich die Ergebnisse zur Verwendung von habituellen Markierern dargestellt (3.1). Der folgende Diskussionsteil (4.) analysiert die betreffenden Resultate, versucht die zentrale Fragestellung zu beantworten und setzt die Ergebnisse in eine größere Relation. In dem abschließenden Fazit (5.) werden die Kerninhalte der einzelnen Kapitel zusammengefasst. Dabei sollen auch mögliche Forschungsdefizite angeführt werden und Empfehlungen für zukünftige Forschungsfelder benannt.

2. Grammatikalisierungsprozesse

Grammatikalisierung beschreibt einen diachron verlaufenden Prozess, bei welchem sprachliche Komponenten ihre lexikalische Bedeutung verlieren, und dabei neues grammatisches Material generieren oder bestehende funktionale Bedeutungen abändern (Roussou, 2003, S. 2). Dabei gilt es vier Hauptmechanismen und auch -phasen, durch die Grammatikalisierung von statten geht, zu unterscheiden: Desemantisierung, Extension, Dekategorialisierung und Erosion (Heine, 2003, S. 579ff).

Desemantisierung meint den Verlust des lexikalischen Inhalts, wobei die konkrete lexikalische Bedeutung durch eine grammatische Bedeutung ersetzt und erstere aufgegeben wird. Dabei können die grammatischen Funktionen verloren gehen. Der semantische Inhalt wird abstrakter, weshalb man auch vom semantic bleaching (z. Dt. semantische Ausbleichung) spricht (Hopper & Traugott, 2003, S. 100). Im folgenden Schritt der Extension kommt es zur Verwendung der sprachlichen Einheit in einem neuen Kontext, welcher nur durch Verlust der lexikalischen Eigenbedeutung möglich ist. Das Stattfinden einer Desemantisierung ist nur dann bemerkbar, wenn eine Extension bereits erfolgt ist, weshalb diese beiden Schritte auch nicht voneinander trennbar sind (Nübling, 2010, S. 227). Das bedeutet, dass ein Prozess der Grammatikalisierung nicht im Stadium der Desemantisierung aufhören kann, sondern alle Phasen als zusammenhängende Strukturen zu sehen sind. Eine neu gegebene Bedeutung eines Lexems muss allerdings nicht notwendigerweise in allen Kontexten vorkommen. Die alte und neue Bedeutung können durchaus ambig genutzt werden und es wird keine Substituierung vorausgesetzt. Ein Beispiel dafür ist die Verwendung von ‘haben‘. Das Verb kann als Synonym des Verbes besitzen benutzt werden, allerdings genauso bei der Verwendung des deutschen Perfekts als Vergangenheitsform.

Bei der Dekategorialisierung vollzieht sich der Wandel auf morphosyntaktischer Ebene (Nübling, 2010, S. 228f). Dabei verlieren die grammatikalisierten Einheiten zunehmend ihre ursprünglichen Eigenschaften mit der Festigung in ihrer neuen Funktion. Die Veränderung der morphosyntaktischen Eigenschaften kann in eine Syntaktisierung und eine Reanalyse münden. Mit Syntaktisierung ist die Festigung der ursprünglich freien Fügung in der Wortstellung gemeint. Das bedeutet, dass die Einheit zunehmend von anderen Formen abhängig ist und somit ihre Unabhängigkeit gegenüber anderen Formen verliert. Die syntaktische Reanalyse nimmt eine bestehende Diskrepanz bei der Interpretation einer Äußerung an, und stellt streng genommen einen von der Grammatikalisierung getrennten Prozess dar. Ein Beispiel liefern dafür Hopper & Traugott (2003, S. 50) anhand des Wortes hamburger, welches sich durch {hamburg} und {er} als ein ‘Bewohner der Stadt Hamburg‘ versteht. Für einen englischsprachigen Hörer allerdings ergibt sich aus {ham} (z.Dt. ‘Schinken‘) und {burger} eine andere segmentale Bedeutung. Die letzte Grammatikalisierungsphase stellt die Erosion dar, welche auch oft als ‘Schwund‘ bezeichnet wird. Hierbei kommt es durch den V erlust des lexikalischen Inhalts auch zu einer phonetischen Reduktion, welche bis zum völligen Schwund des Lautes führen kann.

2.1 Modelle und Prinzipien der Grammatikalisierung

Wie es jedoch zum beginnenden Prozess der Desemantisierung kommen kann wird von Autoren unterschiedlich interpretiert. Nübling (2010, S. 227) oder auch Heine (2003, S. 586ff) gehen von einer vorausgehenden Metaphorisierung aus. Dabei kommt es zu einer Übertragung von Situationen menschlicher Erfahrung in abstrakte Bereiche, weshalb man auch von dem Transfermodell spricht. Andererseits wird von kontextabhängigen Situationen für den Beginn von Grammatikalisierung ausgegangen, wobei eine Ausbreitung in unterschiedliche Kontexte angenommen wird. Traugott und König (1991, S. 189ff) beispielsweise verstehen in ihrem Werk die Grammatikalisierung als einen Verlauf in einem Kontextmodell.

Grammatikalisierte Formen unterliegen gemeinsamen Eigenschaften, welche Implikationen für linguistische Strukturen darstellen (Heine, 2003, S. 588). Zum Ersten eine Paradigmenbildung innerhalb der grammatikalisierten Einheiten. Zweitens die Verschiebung von optionaler Verwendung zu zunehmend obligatorischer Verwendung dieser Einheiten. Drittens die sogenannte Kondensation, also Verkürzung von langen Formen. Viertens die Verschmelzung von aneinander angrenzenden Formen und fünftens die Fixierung der morphologisch-syntaktischen Reihenfolge. Die genannten Eigenschaften beinhalten eine Anzahl von generelleren Effekten, von denen die Prozesse der Grammatikalisierung abhängig sind. Diese werden in folgende Prinzipien unterteilt (Heine, 1991, zitiert nach Hopper, 2003, S. 589).

I. Layering: Die Koexistenz von sowohl grammatikalisierten, als auch ursprünglichen Einheiten
II. Divergence: Die Abweichung zwischen der Verwendung dieser beiden Einheiten
III. Specialization: Bei fortlaufender Grammatikalisierung verringert sich die Anzahl der Formen, welche die zugehörige grammatische Funktion ausdrücken
IV. Persistence: Spuren der ursprünglichen Bedeutung können in Form grammatikalischer Distribution erhalten bleiben

Über diese Prinzipien und Eigenschaften hinaus werden verschiedene Hintergrundannahmen vorausgesetzt, die einen Sprachwandel begünstigen. Zum einen ist Sprache niemals als Eigenleben anzusehen, sondern untrennbar an den Sprecher gebunden und dementsprechend auch veränderbar und neu erlernbar. Das Erlernen einer Sprache kann dabei auf verschiedene Weisen erfolgen. Das deduktive Lernen geht von einer logischen Regel aus, wie z.B.: Sprachen können eine OV- oder VO- Stellung haben. Die dazugehörige Bedingung wäre in diesem Fallbeispiel, dass in romanischen Sprachen das Objekt dem Verb folgt. Die logische Konsequenz ergibt sich dann im sprachlichen Ausdruck: llamar a Rodrigo (Sp.). Beim induktiven und abduktiven Lernen wird die Abfolge der einzelnen Schritte vom deduktiven Lernen lediglich verändert. Beispielsweise beginnt der Lernprozess beim induktiven Lernen mit der Bedingung, dass in romanische Sprachen das Objekt dem Verb folgt, wodurch die logische Konsequenz folgt und eine logische Regel abgeleitet wird. Im abduktiven Lernen wird vom Sprachprodukt (llamar a Rodrigo) ausgegangen, daraus die allgemeine Regel geschlussfolgert und schließlich resultiert daraus eine bindende Bedingung. Die Erwerbsmöglichkeiten und -situationen der Sprache durch die verschiedenen Lernformen variieren individuell und sind situationsgebunden.

Dennoch gilt es laut Hopper & Traugott (2003) zu unterscheiden zwischen sprachinduziertem und sprachexternem Wandel. Dies bedeutet, dass davon ausgegangen werden muss, dass der Erwerb entweder natürlich und evolutionär bedingt ist, oder kontaktinduziert hergestellt wird. Dieser Sprachwandel erfolgt überwiegend im Kindesalter und kaum noch im Erwachsenenalter. Von der ausgehenden Universalgrammatik, die dem Menschen angeboren zugeschrieben wird, kann sich ein Sprachwandel nur mit erfolgender Ausbreitung der Sprachgemeinschaft ergeben. Dehnt sich die Gemeinschaft nicht aus, bleibt auch der Wandel aus. Erst durch diesen Schritt kann es zur Übertragung eines Wandels in andere Kontexte kommen, welcher in die Phase der Koexistenz beider Formen (Extersior; vgl. Abschnitt 2, S. 4f) fällt. Die Abänderung einer grammatischen Form in eine andere Struktur erfolgt dann in der Reanalyse, wenn es dann zu einer Diskrepanz zwischen Äußerung und Interpretation kommt. Ein Beispiel für die Abfolge dieser Prozesse liefern Hopper & Traugott (2003, S. 9):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieser kindliche Erwerb der Sprache und die Sprachveränderungen, die er durch Grammatikalisierung erfahren kann, wird auch von Pidgin- und Kreolsprachen repräsentiert, die eine Art Mischsprachen darstellen, bei denen prinzipiell ähnliche Mechanismen, die im oberen Abschnitt erklärt wurden, prozesshaft ablaufen.

2.2 Charakteristika von Pidgin- und Kreolsprachen

Um sich der Studie von Smith (2013) anzunähern, werden an dieser Stelle die wichtigsten Kriterien der Pidgin- und Kreolsprachen erläutert und im Kontext der Prozesse der Grammatikalisierung betrachtet.

Pidginsprachen sind Sprachen, die sich unter anderem in der Kolonialzeit Afrikas durch sprachliche Notsituationen heraus entwickelt haben. Wegen Verständigungsproblemen zwischen Superstrat- und Substratsprachen der Kolonialherren und Sklaven ergaben sich meist zwei gegenüberstehende linguistische Systeme (Frowein, 2005, S. 3). Um sich gegenseitig verständigen zu können, war es notwendig Simplifikationen in der eigenen Sprache herzustellen. Dabei sind Pidginsprachen, sofern sie sich denn in einer Population etabliert haben, in der Lage sich stets weiter zu entwickeln und den Bedürfnissen morphosyntaktisch anzupassen. Die grammatische Basis bilden dabei meist die Einflüsse der Substratsprache und der Großteil des morphologischen und phonologischen Vokabulars wird hauptsächlich durch das Superstrat widergespiegelt (Frowein, 2005, S. 3). Zu den Charakteristika der Simplifizierung zur Herstellung einer Kommunikationsmöglichkeit gehören untergegliederte Eigenschaften, die eine Pidginsprache ausmachen (Hopper & Traugott, 2003, S. 214f) :

I. Der Wortschatz wird erheblich eingeschränkt
II. Fehlende Regeln für die Wortreihenfolge im Sprachgebrauch
III. Bildung von Periphrasen
IV. Keine konsequente Verwendung bzw. Bedeutung von Tempus, Exposition oder Ausführungsart
V. Keine Inflektion oder Allomorphie
VI. Keine Bildung von Spaltungssätzen oder Topikalisierung
VII. Kein Einbetten
VIII. Keine stilistischen Variationen

Darüber hinaus kommt es oftmals zur Abwesenheit von Artikeln oder anderen Determinierern, von Bindegliedern oder der Unterscheidung im Genus. Die Sprecher von Pidginsprachen entwickeln sich mittlerweile immer mehr in die kindliche Richtung. Kinder werden geboren und erlernen ein simplifiziertes und unvollkommenes Sprachsystem, wobei mittlweile überwiegend davon ausgegangen wird, dass Kinder in der Lage sind diese lückenhaften Sprachsysteme selbstständig zu füllen bzw. zu ergänzen. Mittlerweile scheint man sich einig, dass der Löwenanteil dieses Entwicklungsprozesses innerhalb einer Pidginsprache in der Kindheit entsteht und im Erwachsenenalter nur noch begrenzt eine Sprache selbstständig weiterentwickelt werden kann. Somit entwickelt sich die Sprache, die vom Kind ab der Geburt als Erstsprache erlernt wird, zu einer Kreolsprache weiter. Die Weiterentwicklung zu einer Kreolsprache erfolgt allerdings laut Hopper & Traugott (2003, S. 224) auch noch bis ins junge Erwachsenenalter. Verdeutlicht bedeutet dies, dass Kreolsprachen auch als Weiterentwicklung von Pidginsprachen anzusehen sein können. Dieser Schritt zu einer Kreolsprache kann nur dann eintreten, wenn sich die Pidginsprache innerhalb der Gesellschaft gefestigt hat und lange genug existiert. Daraus ist abzuleiten, dass Pidgins und Kreolen zu den kontaktabhängigen Sprachwandelprozessen zählen. Diese Kontaktbindung ist elementar, sodass davon ausgegangen werden kann, dass Pidginsprachen entweder aussterben, sofern der Sprachzweck verloren geht, oder sich gegebenenfalls in Kreolsprachen weiterentwickeln.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Darstellung von Grammatikalisierungsprozessen in der kolumbianischen Kreolsprache Palenquero
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2,0
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V373669
ISBN (eBook)
9783668510623
ISBN (Buch)
9783668510630
Dateigröße
658 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, grammatikalisierungsprozessen, kreolsprache, palenquero
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Darstellung von Grammatikalisierungsprozessen in der kolumbianischen Kreolsprache Palenquero, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373669

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