„Was genutzt wird, entwickelt sich, was ungenutzt bleibt, verkümmert!“ (Hippokrates, um 460 v. Chr.)
Sinngemäß kann dieses Zitat Hippokrates‘ übertragend für den Prozess der Neuerkenntnis und praktischen Annäherung in Bezug auf Rückenschmerzen angesehen werden. Die vorliegende schriftliche Abhandlung beschäftigt sich mit der Thematik des Rückenschmerzes. Insbesondere mit dem Prozess seiner Behandlung unter Berücksichtigung der Ursachenforschung, verschiedener Diagnoseverfahren und der empfohlenen Therapiemaßnahmen. Die Literatur diskutiert dieses Thema durchaus kontrovers, wobei sich ein abzeichnender Paradigmenwechsel in der Praxis bisher weniger etablieren konnte, als es so manchem Autor lieb sein dürfte. Grund dazu gäbe es allemal, denn fehlende oder nicht begründbare praktische Erfolge bzw. Fortschritte in der Rückenschmerzthematik zeigen auf, dass ein Umdenken nötig ist, um verantwortungsvoll mit der Gesundheit der Bevölkerung umgehen zu können.
Warum trotz erkennbarer Fortschritte in Erkenntnis trotzdem der Rückenschmerz zum aktuell zweithäufigsten Grund aufgekommen ist, aus welchem Patienten Hausarztpraxen aufsuchen, wirft Fragen auf, die im Rahmen dieser Arbeit untersucht werden sollen. Die Tendenz, den Rückenschmerz als Aufforderung zu Aktivität zu interpretieren, ist bis vor kurzer Zeit nicht als allgegenwärtig anzusehen gewesen. Abwartendes und schonendes Verhalten, welches teils in älterer Literatur als der Goldstandard verkauft wird, und zudem noch teilweise heute von sogenannten Experten, Ärzten und Gesundheitsinstitutionen angepriesen wird, setzt einen Teufelskreis in Gang, aus welchem es ungleich schwerer ist, wieder zu entfliehen, sobald er jemanden verschlungen hat. Glücklicherweise hat ein nationales Umdenken, welches sich mit Beginn der 1990er Jahre in der Fachliteratur erstmals erkennen lässt, eingesetzt, das den Rückenschmerz als multimodales Phänomen auffasst, wie es beispielsweise Basler feststellt. Chronische Beschwerden werden dabei als Interaktion zwischen körperlichen und psychologischen Bedingungen interpretiert und deren Zusammenhänge untersucht. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Problemstellung
1.1 Einleitung
1.2 Relevanz des Themas
1.3 Aufbau der Arbeit
1.4 Theorien und zentrale Fragestellung der Arbeit
1.5 Aktueller Forschungsstand
2. Methode
3. Ergebnisse
3.1 Der Rückenschmerz – frühere Betrachtungsweisen
3.1.1 Ursachenforschung von Rückenschmerzen
3.1.2 Diagnoseverfahren
3.1.3 Empfohlene Interventionsmaßnahmen
3.2 Die Vermeidung der Chronifizierung an erster Stelle – Neue Erkenntnisse
3.2.1 Ursachenforschung chronischer Rückenschmerzen
3.2.2 Diagnoseverfahren
3.2.3 Therapiemaßnahmen
3.3 Vergleichende Betrachtung unterschiedlicher Herangehensweisen
3.4 Theoretische Erkenntnisse in praktischer Umsetzung
3.4.1 Kosten, Epidemiologie und Zusammenhänge von Rückenschmerzen
3.4.2 Anwendungen in der Praxis
4. Diskussion
4.1 Faktoren für ausbleibende Besserung
4.1.1 Der Beitrag des Patienten
4.1.2 Die Lehre des Arztes
4.1.3 Die Vergütungssysteme der Ärzte
4.2 Gesundheitsförderung im Beruf
4.3 Finanzierung von Prävention und Gesundheitsförderung
4.3.1 Das Prinzip der Krankenkassen und Krankenhäuser
4.3.2 Das Gesundheitssystem und die alternde Bevölkerung
4.4 Selbsthilfe des Patienten
4.5 Zukünftige Aktionsfelder und Forschungsaufgaben
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Entwicklung und Veränderung hin zu modernen Präventions- und Therapieempfehlungen bei chronischen Rückenschmerzen sowie die Diskrepanz zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und deren praktischer Umsetzung im deutschen Gesundheitssystem.
- Paradigmenwechsel in der Rückenschmerztherapie von physischen zu biopsychosozialen Ansätzen
- Analyse der Rolle des Patienten und des Gesundheitssystems bei der Chronifizierung
- Untersuchung von ökonomischen Faktoren und Anreizstrukturen in Arztpraxen
- Bedeutung der betrieblichen Gesundheitsförderung für die Rückengesundheit
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Ursachenforschung von Rückenschmerzen
Die Ursachen für Rückenbeschwerden, die in der Literatur am häufigsten angeführt werden, sind zumeist physischer Natur. Howard & Burn (2004, S. 40ff) thematisieren den Ursprung von Rückenbeschwerden beispielsweise aus muskulären, skelettalen und nervalen Perspektiven. Der Aspekt der Schmerzentstehung wird von einigen Werken eingangs thematisiert, wobei teils auch zwischen akutem und chronischem Schmerz unterschieden wird (Castro & Schilgen, 1995, S. 3ff), allerdings werden in der Erarbeitung der Ursachen meist nur physiologische Aspekte mit einbezogen, was sich auch in den empfohlenen Therapiemaßnahmen widerspiegelt.
Sehr häufig werden als Ursprung der Rückenbeschwerden Überlastung, falsche Körperhaltung oder sitzende Tätigkeiten identifiziert, also hauptsächlich Aspekte der körperlichen Fehlbelastung. Diese Form von Ursache wird bereits von Kraus (1977) literarisch angeführt und ist bis in aktuellere Schriften von Howard & Burn (2004) übernommen worden. Thematisiert werden hierbei die Bereiche des Gehens oder Sitzens, Alltagsbelastungen wie Hebe- oder Tragetechniken (Howard & Burn, 2004, S. 22ff).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Problemstellung: Einführung in die Thematik der Rückenschmerzprophylaxe und Aufzeigen der Diskrepanz zwischen aktuellem Wissen und praktischer Umsetzung.
2. Methode: Erläuterung der literarischen Recherche als primäre Untersuchungsmethode für die vorliegende Arbeit.
3. Ergebnisse: Darstellung des Paradigmenwechsels von rein physischen zu multimodalen Therapieansätzen bei chronischen Rückenschmerzen.
4. Diskussion: Kritische Auseinandersetzung mit den strukturellen Defiziten im Gesundheitssystem, dem Einfluss des Patienten und den ökonomischen Rahmenbedingungen.
5. Zusammenfassung: Resümee der wichtigsten Erkenntnisse über die Notwendigkeit ganzheitlicher Therapieansätze und systemischer Veränderungen.
Schlüsselwörter
Rückenschmerz, Rückenschmerzprophylaxe, Chronifizierung, Biopsychosozialer Ansatz, Prävention, Gesundheitssystem, Rückenschule, Schmerztherapie, Patientenrolle, Betriebliche Gesundheitsförderung, Psychologie, Muskel-Skelett-Erkrankungen, Arzt-Patient-Interaktion, Schmerzbewältigung, Gesundheitspolitik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Wandel der Sichtweise auf Rückenschmerzen und die Herausforderungen bei der Implementierung moderner, multimodaler Präventions- und Behandlungsstrategien in der Praxis.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Übergang von rein physischen zu biopsychosozialen Erklärungsmodellen, die Rolle von Stress und psychischen Faktoren sowie die strukturellen Defizite im deutschen Gesundheitssystem.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, warum wissenschaftlich fundierte Neuerkenntnisse bei der Rückenschmerzbehandlung in der ärztlichen Praxis nur zögerlich Anwendung finden und welche Folgen diese Nichtberücksichtigung hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer umfassenden theoretischen Aufarbeitung und literarischen Recherche aktueller Studien und Fachwerke der letzten Dekade.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Darstellung der Ergebnisse zum Paradigmenwechsel und eine anschließende Diskussion über Faktoren wie Überdiagnostik, Vergütungssysteme der Ärzte und die Rolle der betrieblichen Prävention.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Chronifizierung, biopsychosozialer Ansatz, Prävention, Schmerzbewältigung und interdisziplinäre Versorgung charakterisiert.
Warum spielt die Psyche eine so wichtige Rolle bei Rückenschmerzen?
Da bei ca. 85-90% der Rückenschmerzen kein eindeutiger körperlicher Schadensbefund vorliegt, gewinnen psychologische Stressoren und deren Einfluss auf muskuläre Spannungen als Ursachen für chronische Verläufe massiv an Bedeutung.
Welchen Einfluss haben Vergütungssysteme auf die Therapiequalität?
Die Arbeit legt nahe, dass ärztliche Vergütungssysteme Anreize für apparative Diagnostik setzen, statt Zeit in ausführliche Anamnesegespräche und die Vermittlung psychosozialer Zusammenhänge zu investieren, was die Behandlungseffektivität mindern kann.
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- Anonym (Author), 2014, Zeitgemäße Tendenzen in der Rückenschmerzprophylaxe und die Folgen ihrer praktischen Nichtberücksichtigung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373671