Der Mensch lacht schon seit vielen Tausenden von Jahren und unterscheidet sich unter anderem deswegen von der animalischen Spezies. Doch wodurch ist unsere heutige Lachkultur geprägt? Ein kurze Zusammenfassung aller angeschnittenen Themenbereiche soll an dieser Stelle einen Überblick über den Aufbau der Arbeit verschaffen. Im Folgenden werde ich mich primär mit dem Phänomen der körperlichen Komik, ihren Motiven und dem daraus resultierenden Lachen beschäftigen.
Um einen ersten Einblick in den Themenbereich der Komik zu erlangen, werde ich mich dem Komischen zunächst aus philosophischer Perspektive anhand von Henri Bergsons und Sigmund Freuds Theorien nähern.
Bergsons Idee nach, geht mit dem Phänomen der Komik immer etwas Mechanisches einher. Die soziale Funktion des Komischen spielt ebenfalls eine große Rolle in seinen Abhandlungen (Bergson 1921: 10). Diese Auffassungen werde ich im Laufe meiner Arbeit vor allem hinsichtlich des filmischen Mediums untersuchen. Dabei fokussiere ich mich vor allem auf die Epoche des Frühen Stummfilms, welche eine Vielzahl von Stummfilmkomikern hervorbrachte. Prägend für das 20. Jahrhundert waren insbesondere Charlie Chaplin und Buster Keaton, deren Komik ich genauer hinterfragen werde.
Was war das besondere an den Künstlern? Wie war es ihnen möglich, solche Massen in Kinosäle zu locken? Ist Bergsons Idee des Mechanischen auch auf den Film übertragbar? Primär werde ich die Körperlichkeit von Chaplins Tramp und Keatons Stone Face daher durchleuchten.
Ebenfalls soll dem Medium Film und seinem Potential des Komischen genauere Betrachtung geschenkt werden. Wie wird Komik im Film generiert und wieso ist dieses Medium dazu geeignet? In diesem Zusammenhang soll die Bedeutung der Nahaufnahme und dem Motiv der Wiederholung besonders hervorgehoben werden.
Der letzte Teil der Arbeit widmet sich dem lachenden Menschen, ergo dem filmischen Zuschauer. So stellt sich zunächst die Frage, ob es Differenzen zwischen real und fiktional generierten Emotionen gibt und was Lachen voraussetzt. Grundlage für die Betrachtung bildet das Phänomen der Empathie. In wieweit ist Empathie notwendig, um als Zuschauer über einen Film zu lachen? Imitiert der Zuschauer die Gefühle der Charaktere oder leidet er mit, wenn Buster Keaton von einem Hochhaus stürzt?
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Lachkultur
3. Definition des Komischen
3.1 Der komische Parasit: Das Mechanische
3.1.2 Konsequenzen
3.1.3 Ursachen des Komischen
3.1.4 Bedingungen und Folgen des Komischen
3.1.5 Der Ursprung des Komischen
4. Die frühe Stummfilmkomik
4.1 Elemente der Stummfilmkomik
4.1.1 Motiv der Wiederholung
4.1.2 Die Mechanisierung
4.1.3 Hinter der Kamera
4.2 Der frühe Komiker
4.2.1 Das Extreme
4.2.2 Linder, Keaton und die Macht des Körpers
4.3. Die Komikerkörper
4.3.1 Im filmischen Kontext
4.3.2 Das Karnevalistische
4.3.3 Die Rolle des Gesichts
4.3.4 Der doppelte Leib
4.4 Chaplins Sprache.
5.1 Das Medium Film
5.1. Die Möglichkeit der Wiederkehr
5.2 Potential der filmischen Distanz
6. Der Zuschauer
6.1 Das Leihkörper-Modell
6.2 Reale und fiktionale Emotionen
6.3 Filmische Empathie
6.3.1 Azentrale Identifikation
6.3.2 Gesellschaftliche Normen
6.3.3 Rolle der Narration
6.3.4 Groteske Formen der Komik
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der körperlichen Komik im Kontext des frühen Stummfilms und analysiert dessen Wirkung auf den menschlichen Zuschauerkörper sowie die zugrunde liegenden Mechanismen der menschlichen Lachreaktion.
- Die philosophische Analyse des Komischen nach Henri Bergson und Sigmund Freud.
- Die körperbetonte Ausdrucksweise und Motorik von Stummfilmikonen wie Charlie Chaplin und Buster Keaton.
- Die Rolle des Mediums Film als "parasitärer" Mechanismus zur Erzeugung komischer Effekte.
- Die Analyse von Zuschauerreaktionen und Empathieprozessen durch das Leihkörper-Modell.
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Motiv der Wiederholung
Die Leistung der Wiederholung, besteht, laut Deleuze, in seiner Zweiseitigkeit, bzw. in der Möglichkeit zwei Modi des Wirklichen denkbar werden zu lassen. Der virtuelle und der aktuelle Modus unterscheiden sich nicht hinsichtlich ihres Wirklichkeitsgehalts, wohl aber im Status „der Latenz oder Aktualität des Wirklichen“ (Loreck 2014: 78). Betrachtet man nun Chaplin in seinem Sketch LIMELIGHT (1952), in dem er mit Buster Keaton ein Violinen-Piano Duett zu spielen versucht, wird gut sichtbar, dass sich durch permanentes Wiederholen der Gestik des einknickenden Beins eine große Komik entwickelt (https://www.youtube.com/watch?v=0jJtSv-o-m4). Beim ersten Hinschauen wird der Witz eingeleitet, doch durch die affirmierende und immer intensiver werdende Wiederholungsgestik, des erst links, dann rechts immer wieder einfahrenden Beines, werden dem Betrachter vorher nicht-gesehene Momente offenbart. Durch eine Wiederholungspotenzierung hofft Deleuze auf ästhetische Entnormierung und auf Sichtbarmachung von Differentialität im Inneren der Norm (Loreck 2014: 78).
Besonders gut sichtbar wird dies im Werk PASSAGE À L’ACTE (https://www.youtube.-com/watch?v=UCnph6CIz3A ) des Videokünstlers Martin Arnold, der durch Video-Scratching eine Szene aus HOW TO KILL A MOCKINGBIRD (1960) verfremdet. Mittels zeitlicher Dehnung und radikaler, loop-artiger Wiederholung tritt ein zuvor nicht offengelegtes Szenario hervor. Man erlebt den Loop, wenn in der Wiederholung etwas Gleiches anders wird, etwas Anderes aber gleich bleibt und nimmt als Betrachter somit eine ganz neue Perspektive ein. Loreck stellt darüber hinaus die These auf, dass die Wiederholung notwendig sei, um das in ihr „Drängende und Differenzmächtige“ (Loreck 2014: 78) freizulegen. Denn nur die Repetition sei in der Lage Verschiebungen zu generieren, die Unvorhergesehenes hervorbringen (ebd.). Gerade der Aspekt der Latenz ist wichtig für die Komik, da besonders das Überraschende Grundlage für das Komische ist. Verglichen mit vorkinematographischen Medien, wie der Commedia dell’Arte, wurde gerade deswegen die Wiederholung zu einem prägnanten Muster der filmischen Komik.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema der körperlichen Komik und deren Wirkung im frühen Stummfilm unter Berücksichtigung philosophischer Theorien.
2. Lachkultur: Betrachtung der historischen Hintergründe des Lachens, insbesondere unter Einbeziehung der Commedia dell’Arte und karnevalistischer Motive.
3. Definition des Komischen: Philosophische Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Komik, primär basierend auf den Theorien von Henri Bergson.
4. Die frühe Stummfilmkomik: Untersuchung der spezifischen Elemente wie Wiederholung und Mechanisierung anhand von Werken von Charlie Chaplin und Buster Keaton.
5.1 Das Medium Film: Analyse der technischen Voraussetzungen und der Bedeutung der Nahaufnahme für die Generierung komischer Effekte im Film.
6. Der Zuschauer: Diskussion der Zuschauerreaktionen unter Anwendung des Leihkörper-Modells und der Frage nach Empathie und Identifikation.
7. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Erkenntnisse über die parasitäre Natur des Films und die Rolle des Körpers in der filmischen Komik.
Schlüsselwörter
Stummfilmkomik, Charlie Chaplin, Buster Keaton, Henri Bergson, Komik, Wiederholung, Mechanisierung, Zuschauerkörper, Leihkörper-Modell, Empathie, Filmästhetik, Karnevalismus, Körperlichkeit, Filmanalyse, Groteske.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie sich die physische Darstellung von Komik im frühen Stummfilm auf die Zuschauer auswirkt und welche theoretischen Konzepte dies erklären können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der philosophischen Definition des Komischen, der Analyse der Körperkomik, der Medientheorie des Films und der psychologischen Dimension der Zuschauerempathie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Verbindung zwischen der "mechanischen" Komik des frühen Films und der körperlichen Resonanz beim Zuschauer zu ergründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine medienwissenschaftliche und philosophische Analyse, gestützt auf Theorien von Bergson, Freud, Deleuze und dem Leihkörper-Modell von Christiane Voss.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Analyse von Körperbewegungen im Stummfilm, der Bedeutung von Wiederholungen und Nahaufnahmen sowie der Rolle des Zuschauers in der cineastischen Erfahrung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Stummfilmkomik, Körperlichkeit, Wiederholung, Mechanisierung, Bergson, Empathie, Zuschauer-Film-Interaktion und das Leihkörper-Modell.
Warum ist Buster Keatons Mimik für die Analyse so bedeutsam?
Die "Stone-Face"-Mimik von Buster Keaton wird als ein zentraler mechanischer Effekt analysiert, der trotz oder gerade wegen seiner Ausdruckslosigkeit eine starke, unbewusste Reaktion beim Zuschauer hervorruft.
Wie unterscheidet sich die Wirkung moderner Filme von der des frühen Stummfilms?
Während früher die Körperkomik durch visuelle Exzesse und Mechanisierungen dominierte, spielt in heutigen Produktionen der Wortwitz und die technische Virtuosität eine stärkere Rolle bei der Komik-Erzeugung.
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- Ines Kasner (Author), 2017, Der Körper des frühen Stummfilmkomikers und seine Auswirkung auf den Zuschauerkörper, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373700