Nach klassischem Verständnis ist der Staat ein politisches System, welches das Zusammenleben einer Gemeinschaft von Menschen dauerhaft regelt und ermöglicht. Dies ist im Allgemeinen nur denkbar, wenn Personen für diese Wirkung in der einen oder anderen Form Staatsgewalt ausüben. Zwang, der zur Durchsetzung staatlicher Regeln eingesetzt wird, ist eine Form der Staatsgewalt und soll im Mittelpunkt dieser Seminararbeit stehen. Hierfür wird die Frage nach der Rechtfertigung von Zwangsanwendungen durch den Staat bzw. eines Gewaltmonopols untersucht. Im Vordergrund steht der Zusammenhang zwischen Zwangsanwendungen und sozialer Kooperation. Zu diesem Zweck werden die Positionen von Ludwig von Mises und Mancur Olson betrachtet und ihre Argumente gegenübergestellt.
Inhaltsverzeichnis
1. DIE POSITION VON MANCUR OLSON
1.1 DIE VERBRECHERMETAPHER
1.2 THEORIE DES STATIONÄREN BANDITEN
2. DIE POSITION VON LUDWIG VON MISES
2.1 ARGUMENTE FÜR DIE LEGITIMATION VON GEWALT
2.2 ARGUMENT ZUR BEGRENZUNG STAATLICHER ZWANGSANWENDUNGEN
3. VERGLEICH DER POSITIONEN
3.1 GEMEINSAMKEITEN
3.2 UNTERSCHIEDE
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Legitimation staatlicher Zwangsanwendungen und deren Zusammenhang mit sozialer Kooperation im Vergleich der theoretischen Positionen von Ludwig von Mises und Mancur Olson.
- Analyse der Entstehung eines Gewaltmonopols durch die Theorie des stationären Banditen (Mancur Olson).
- Untersuchung der liberalen Rechtfertigung staatlicher Gewalt als Schutzinstrument sozialer Kooperation (Ludwig von Mises).
- Vergleichende Gegenüberstellung der Argumentationsansätze und methodischen Herangehensweisen beider Theoretiker.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Notwendigkeit staatlicher Strukturen gegenüber anarchistischen Theorien.
Auszug aus dem Buch
1.1 Die Verbrechermetapher
Mancur Olson untersucht die Anreize eines Kriminellen und einer Mafiafamilie, die Gesellschaft zu bestehlen. Grundsätzlich gilt, dass es einem einzelnen Kriminellen in einer wohlhabenderen Gesellschaft besser geht als in einer ärmeren. Wobei jeder ausgeübte Raub eines Kriminellen den Wohlstand der Gesellschaft schmälert. Dieser Umstand ruft jedoch keinesfalls eine Veränderung im Verhalten des Kriminellen hervor, da jeder einzelne Dieb nur einen geringen Bruchteil des gesellschaftlichen Verlustes trägt, welcher durch seinen Raub herbeigeführt wird. Demgegenüber trägt allerdings der einzelne Kriminelle den gesamten Verlust einer entgangenen Raubgelegenheit. Dieser Zusammenhang führt dazu, dass sich für den Räuber trotz des gesellschaftlichen Verlustes seine Verbrechen lohnen.2 Gewöhnlich raubt der Kriminelle alles, was er vorfindet. Wegen seines geringen Anteils am sozialen Verlust ignoriert er den Schaden, den er durch seinen Diebstahl der Gesellschaft zufügt. Olson bezeichnet dies als enges Interesse an einer Gesellschaft. Demgegenüber stellt er eine Mafiafamilie, die es schafft, Verbrechen in einem Gebiet zu monopolisieren. Das Gewaltmonopol bewirkt, dass die Mafiafamilie auch im Stande ist anderer Kriminelle von der Ausübung eines Verbrechens abzuhalten. Das Erlangen eines dauerhaft gefestigten Gewaltmonopols durch die Mafiafamilie verändert deren Anreizstruktur dahingehend, dass sie ein mäßig umfassendes Interesse an der Gesellschaft hat. Dies begründet Olson mit der Tatsache, dass die Verbrecherbande im Gegensatz zu einem einzelnen Kriminellen einen viel höheren Anteil am sozialen Verlust der Gesellschaft trägt bzw. einen bedeutenden Anteil an der Erhöhung des Gesamteinkommens der Bevölkerung. Dies impliziert, dass es für die Mafiabande lohnenswert ist, wenn sie zur Förderung höherer Gewinne von Geschäften und zu einem sicheren Leben der Bevölkerung in ihrem Gebiet beiträgt. Aus diesem Grund wird die Mafiafamilie ihre Ausbeute maximieren, indem sie Schutz an die Bevölkerung verkauft, anstatt Verbrechen zu begehen. Einerseits verkauft sie Schutz gegen selbstverübte Verbrechen, andererseits auch Schutz gegen potentielle Verbrechen durch andere Verbrecherbanden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. DIE POSITION VON MANCUR OLSON: Dieses Kapitel erläutert Olsons Theorie des stationären Banditen, in der ein Gewaltmonopol Anreize für Produktion und soziale Kooperation schafft.
1.1 DIE VERBRECHERMETAPHER: Hier wird anhand der Mafiafamilie erklärt, wie die Monopolisierung von Verbrechen das Interesse des Machthabers an der Wohlfahrt der Gesellschaft erhöht.
1.2 THEORIE DES STATIONÄREN BANDITEN: Der Übergang von der Anarchie zum Autokraten wird als Mechanismus beschrieben, der durch ein "umfassendes Interesse" Anreize für öffentliche Güter und stabile Rahmenbedingungen setzt.
2. DIE POSITION VON LUDWIG VON MISES: Mises betrachtet die soziale Kooperation als essenziell und sieht im Schutz dieser Kooperation die primäre Legitimationsgrundlage für den Staat.
2.1 ARGUMENTE FÜR DIE LEGITIMATION VON GEWALT: Der Staat ist laut Mises legitimiert, Zwang gegenüber Personen anzuwenden, die durch ihr Handeln die soziale Kooperation schädigen.
2.2 ARGUMENT ZUR BEGRENZUNG STAATLICHER ZWANGSANWENDUNGEN: Mises warnt vor einer ausufernden staatlichen Bevormundung, da diese die individuelle Freiheit als Basis für Fortschritt zerstört.
3. VERGLEICH DER POSITIONEN: Dieser Teil führt die Ansätze von Mises und Olson zusammen und arbeitet Gemeinsamkeiten sowie methodische Unterschiede heraus.
3.1 GEMEINSAMKEITEN: Beide Autoren lehnen den Anarchismus ab und sehen in der sozialen Kooperation das fundamentale Element für gesellschaftlichen Wohlstand.
3.2 UNTERSCHIEDE: Während Olson ein Phasenmodell der Entwicklung entwirft, konzentriert sich Mises auf die Funktionsbedingungen der Demokratie und die Grenzen staatlicher Eingriffe.
Schlüsselwörter
Legitimation von Gewalt, soziale Kooperation, Mancur Olson, Ludwig von Mises, stationärer Bandit, Staatsgewalt, Arbeitsteilung, Anarchie, Autokratie, Liberalismus, Anreizstrukturen, öffentliches Gut, Gewaltmonopol, Gesellschaft, Gemeinwohl.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die unterschiedlichen theoretischen Ansätze von Ludwig von Mises und Mancur Olson zur Frage, wie staatliche Zwangsanwendungen legitimiert werden können und welche Rolle diese im Kontext sozialer Kooperation spielen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Legitimation von Staatsgewalt, die Theorie des stationären Banditen, das Konzept der sozialen Kooperation sowie die Grenze zwischen notwendigem Schutz und staatlicher Übergriffigkeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Positionen der beiden Theoretiker gegenüberzustellen, ihre Gemeinsamkeiten in der Ablehnung anarchischer Zustände aufzuzeigen und ihre unterschiedlichen Auffassungen über die Rolle staatlicher Gewalt zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Literaturanalyse, bei der zentrale Werke von Olson und Mises herangezogen werden, um deren Argumentationslogik zu rekonstruieren und in einen wissenschaftlichen Kontext zu setzen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert Olsons Modell der Gewaltmonopolisierung und Mises' liberale Theorie, in der Gewalt ein Mittel zur Absicherung von Arbeitsteilung und Kooperation darstellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Gewaltmonopol, soziale Kooperation, Liberalismus, Anreizstruktur, Autokratie und staatliche Legitimation beschreiben.
Warum unterscheidet Mises zwischen "schädlichem" Verhalten und privatem Konsum?
Mises unterscheidet hier, weil für ihn staatliche Zwangsanwendung nur dort legitim ist, wo das Handeln eines Einzelnen die soziale Kooperation für die Allgemeinheit zerstört, nicht aber, um den Einzelnen vor sich selbst zu schützen.
Was bedeutet die "andere unsichtbare Hand" bei Olson?
Die "andere unsichtbare Hand" beschreibt bei Olson den Prozess, bei dem Autokraten ihre Macht teilweise im Interesse der Gesellschaft einsetzen – nicht aus moralischer Güte, sondern weil es ihren eigenen langfristigen Steuerertrag durch eine produktivere Bevölkerung maximiert.
- Arbeit zitieren
- Laura Ortloff (Autor:in), 2016, Legitimation von Gewalt. Zwangsanwendungen durch den Staat. Ludwig von Mises und Mancur Olson im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373951