Der illegale Drogenmarkt und die Rolle der organisierten Kriminalität


Masterarbeit, 2017

85 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

A.
Einleitung ... 1
B.
Der illegale Drogenmarkt und die Rolle der Organisierten Kriminalität ... 5
I.
Der illegale Drogenmarkt ... 5
1.
KonzeptdesillegalenMarktes...5
2.
TeilnehmeramillegalenDrogenmarkt...7
2.a)Konsumenten...7
2.b)AnbieteramillegalenDrogenmarkt,kriminaltheoretischeErorterung...9
2.ba)DerRationalChoiceAnsatz...10
2.bb)LearningundOpportunitytheorien...11
2.
bc)Anomietheorie...14
3.
GemeinsamkeitenundUnterschiedezwischeneinemlegalenundillegalenMarkt...18
3.a)SuchtpotentialvonillegalenBetaubungsmitteln...19
3.b)StraftatbestandundVerfolgungsdruck...20
3.c)VertrauenundGlaubwurdigkeit...23
3.d)Gewalt(potential)...25
3.e)Angestellte...27
3.f)ProblemeUnternehmenzuvergroßern...29
3.g)NotwendigeKorruption...30
3.h)NiedrigeEinstiegsanforderungen...31
3.i)Verfugbarkeit&RegionalerMarkt...32
3.j)Werbung...33
4.MarktdifferenzierungundDistributionskettenimillegalenDrogenmarkt...34
4.a)Produzenten...35
4.b)HighLevelMarkt...36
4.c)MidLevelMarkt...38
4.d)LowLevelMarkt...39
II.
Organisierte Kriminalität (OK) im Drogenmarkt ... 41
1.
ProblemebeiderDefinitiondesBegriffsOK...41
2.
ArbeitsdefinitionvonOKimMarktfurillegaleDrogen...44
3.
RollederOKimillegalenDrogenmarkt...46
3.a)KeineOKGruppebeherrschtdiegesamteDistributionskette...46
3.b)BetatigungvonOKGruppeninbestimmtenMarktsegmenten...47

3.c),,DisorganizedCrime"imunterenMarktsektorerwunscht...49
4.
GefahrendurchOKimillegalenDrogenmarkt...52
4.a)OKunddasMittelderGewalt...52
4.b)FallbeispielMexiko...53
4.c)EinflussaufPolitik,WirtschaftundGesellschaft...56
III.
Implikationen der Marktanalyse für Politik und Strafverfolgung ... 58
1.
BewertungderProhibition...58
1.a)NachfrageundAngebotstabil...58
1.b)ProblemederrepressivenStrategie...59
1.ba)MoglichkeitgroßerGewinneerstdurchStrafverfolgungmoglich...59
1.bb),,Unerschopflicher"ErsatzimAngebotssektor...60
1.bc)SchwierigkeitendieDistributionskettenachhaltigzubehindern...61
2.
Legalisierung...62
2.a)MoglicheVorundNachteileeinesunsicherenSzenarios...63
2.b)ChancendurchdieMonopolisierungdesAngebotsdurchdenStaat...65
2.c)SteuereinnahmenundSchwachungderOK...67
3.
PraventionsideenunterBeibehaltungderProhibition...68
3.a)Bargeldverbot...68
3.b)AnwerbungvonTeilnehmerndesillegalenMarkts...70
C.
Fazit ... 72
D.
Bibliographie ... 77

1
A. Einleitung
Seit Richard Nixon 1971 den ,,War on Drugs", also den Krieg gegen illegale Drogen, ausrief,
ist das Thema ,,Drogen" im Bewusstsein der Menschen weltweit zu einem der entscheidenden
Probleme unserer Gesellschaften avanciert
1
. Die Probleme, die durch die Verbreitung von
illegalen Rauschmitteln entstehen, sind bis heute aktuell
2
. Kritiker sehen den Krieg gegen
Drogen als gescheitert an
3
und fordern Veränderungen in der globalen Drogenpolitik. Wäh-
rend es leicht ist, die negativen Folgen des ,,War on Drugs" herauszustellen, ergibt sich bisher
noch keine Lösung, die die aktuelle Situation mit Sicherheit verbessern könnte. Das liegt auch
daran, dass bisher kaum bekannt ist, wie die Angebots- und Nachfrageseite im Bereich des
Drogengebrauchs funktioniert und warum es so schwer ist effektiv gegen diesen Markt vor-
zugehen. Denn genau dies ist das Problem in der Beschäftigung mit illegalen Drogen: Es han-
delt sich um einen Markt, der gewisse Ähnlichkeiten mit einem legalen Markt für Waren be-
sitzt und in dem sich die Teilnehmer auf Angebots- und Nachfrageseite nicht von der Illegali-
tät der Produkte abschrecken lassen und freiwillig am Marktgeschehen teilnehmen. Es stellt
sich daher die Frage, wer ist der eigentliche ,,Gegner" im Krieg gegen die Drogen und warum
entsteht ein illegaler Markt? Was sind die Besonderheiten des illegalen Markts für Drogen?
Entscheidend für eine erfolgreiche Bekämpfung einer Gefahr ist es ein Verständnis für die
Ursachen zu gewinnen und die Effekte, die durch die Bekämpfung auftreten, zu analysieren.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich deshalb in Teil I. mit der Marktförmigkeit des Austau-
sches, seinen Strukturen und seiner Funktionsweise, sowie den Teilnehmern des illegalen
Markts. Dies dient als Grundlage für die tiefergehende Beschäftigung mit den Problemen, die
durch Drogen und deren Handel entstehen. Ein besseres Verständnis des Markts für illegale
Betäubungsmittel könnte zu besseren Lösungen führen, sowie dabei helfen zu erklären, wa-
rum die bisherigen Strategien gegen den ,,War on Drugs" scheitern und auch alternative Wege
nicht problemlos umzusetzen sind.
1
Vgl. Vulliamy, Ed: Nixon' s 'war on drugs' began 40 years ago, and the battle is still raging, in: theguardian.com
v. 24.7.2011, online verfügbar unter:
https://www.theguardian.com/society/2011/jul/24/war-on-drugs-40-years
(zuletzt abgerufen am 12.2.2017).
2
Vgl. ebd.
3
Stellvertretend Vgl. z.B. Branson, Richard: We Must End the War on Drugs, in: zeit.de v. 6.7.2016, online ver-
fügbar unter:
http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2016-06/drugs-control-laws-reform-english/komplettansicht
(zuletzt abgerufen am 12.2.2017).

2
Ein Vergleich mit legalen Märkten, soll dazu dienen den illegalen Markt zu entmystifizieren.
Viele der Prinzipien, die im legalen Geschäftsleben gelten, sind auch für Akteure der Ange-
botsseite des illegalen Markts für Drogen handlungsleitend.
Ein Grund warum es so schwer ist, ein tiefgreifendes Verständnis für den illegalen Markt zu
bekommen, ist das Problem auf dem Gebiet des illegalen Drogenmarkts zu forschen, da der
Markt sich durch seine Illegalität vor allem im Verborgenen abspielt. Trotzdem gibt es einige
Studien, die sich explizit mit dem Drogenmarkt auseinandersetzen. Beobachtende oder teil-
nehmende Studien sind kaum zu realisieren und stellen eine absolute Ausnahme dar. Ein wei-
teres Problem ist, dass viele Studien veraltet sind, d.h. sich durch Veränderungen in der Politik
der verschiedenen Länder oder durch Fortschritte in der Technologie sich die Handlungswei-
sen der Akteure im illegalen Markt verändert haben. Nichtsdestotrotz gibt es auch in diesen
Studien Ergebnisse die nach wie vor aktuell sind. Die vorliegende Arbeit versucht die ver-
schiedenen Einzelstudien, die zumeist auf ein bestimmtes Marktsegment spezialisiert sind,
zusammenzufassen und die Erkenntnisse, die zu jeder Stufe des Markts vorhanden sind, ab-
zubilden. Das größte Manko ist, dass in vielen Studien Akteure abgebildet werden, die nicht
erfolgreich in ihrem Vorhaben waren. Das bedeutet, ihre Karriere im Drogenmarkt endete mit
einer Gefängnisstrafe.
Die Erkenntnisse der Studien werden in Teil I. der Arbeit unter der Annahme zusammenge-
fasst und erweitert, dass es Akteure im illegalen Drogenmarkt gibt, die zu keinem Zeitpunkt in
Kontakt mit den Strafverfolgungsbehörden oder der Justiz gekommen sind und sich anders
verhalten, als die Teilnehmer am Markt, die durch die Behörden aus dem Verkehr gezogen
werden konnten. Diese Annahme ist theoretischer Natur, die auf Grund der geheimen Ar-
beitsweise der Akteure nicht belegt werden kann. In der Realität werden viele Akteure im
illegalen Markt nicht nach den ausgeführten Prinzipien handeln. Viele Teilnehmer der Studien
konnten allerdings durchaus auf ihre Fehler hinweisen. Es ist daher nicht abwegig, dass zu-
mindest ein Teil der Beteiligten nach den beschriebenen Prinzipien vorgeht und sich somit
Verhaftungen bzw. Strafen entziehen kann und der Markt deshalb nicht an Funktionsfähigkeit
verliert.
Die Arbeit soll ein ausführliches Beispiel über einen illegalen Markt in seinen verschiedenen
Stufen sein, den man auch zu einem Vergleich mit anderen illegalen Märkten heranziehen

3
kann. Dabei darf man nicht vergessen, dass es sich nur um ein Modell handelt. In der Realität
wird sich der Markt für verschiedene Drogenarten und Regionen unterscheiden. Trotzdem
bestehen so viele Ähnlichkeiten, dass eine Zusammenfassung der verschiedenen Drogenarten
und ihren Teilmärkten zu einem größeren Modell für sinnvoll erachtet wird. Dieses Modell
kann dazu dienen, reale Drogenmärkte zu untersuchen und theoretische Anhaltspunkte bei
einer empirischen Untersuchung zu haben, die man beachten, bestätigen oder falsifizieren
kann.
Der illegale Markt für Drogen wird oftmals stark mit dem Organisierten Verbrechen assozi-
iert, da es sich als Gegner und Feindbild im Krieg gegen die Drogen eignet. Deshalb stellt
sich in Teil II. die Frage, was denn in Wirklichkeit die Rolle der Organisierten Kriminalität
(OK) im illegalen Markt für Drogen und wie groß die Gefahr, die von der OK ausgeht, ist.
Dafür ist es nötig, eine gemeinsame Grundlage davon zu haben, was überhaupt unter OK zu
verstehen ist. Die in Teil I. gewonnenen Erkenntnisse über den illegalen Markt können dann
dabei genutzt werden die Frage nach der Rolle der OK im Drogenmarkt differenziert zu be-
antworten.
Danach wird, auf Grundlage der vorhergegangenen Analyse, in Teil III. dieser Arbeit, eine
Bewertung der aktuellen Politik vorgenommen. Anschließend werden alternative drogenpoli-
tische Möglichkeiten und Strategien gegen den illegalen Markt erörtert. Auch hier ist die in
Teil I. vorgenommene Analyse des Markts die Grundlage, um sich alternativen Problemlö-
sungen anzunähern.
Am Ende der Arbeit soll eine kurze Zusammenfassung und Bewertung der Ergebnisse der
vorliegenden Arbeit vorgenommen werden.
Diese Arbeit befasst sich hauptsächlich mit den Hauptkonsumentenländern Westeuropas, den
USA und Kanada. Dies hat zum einen den Grund, dass die Länder trotz ihrer Unterschiede
relativ gut zu vergleichen sind. Zum anderen liegt es auch daran, dass ein Großteil der For-
schung in diesen Gebieten stattfindet. Deshalb wird eine Einschränkung des Untersuchungs-
gebiets vorgenommen, obwohl es sich bei dem Markt für illegale Drogen um ein globales
Phänomen handelt. Allerdings könnten sich die Strukturen des Markts in anderen Regionen
der Erde stark von den untersuchten Gebieten unterscheiden.

4
Eine Verallgemeinerung der Ergebnisse ohne wissenschaftlichen Hintergrund soll deshalb
vermieden werden.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in der vorliegenden Arbeit die männliche Form bei der
Beschreibung von Personen gewählt. Die Ausführungen zu Personen und ihren Rollen beziehen
sich auf Angehörige beider Geschlechter.

5
B. Der illegale Drogenmarkt und die Rolle der Organisierten
Kriminalität
I.
Der illegale Drogenmarkt
1. Konzept des illegalen Marktes
Der Markt als Konzept für Handel von Dienstleistungen, Produkte und Besitztümer be-
herrscht das Leben eines Großteils der Menschen. Der Markt steht sinnbildlich für das kapita-
listische Lebensmodell der globalisierten Welt. Praktisch jeder Mensch nimmt am legalen
Markt teil, um sich zu versorgen, Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen oder Waren zu
erwerben die Andere herstellen und anbieten. Gleichzeitig setzt man am Markt seine Fähig-
keiten ein, um zu arbeiten bzw. selbst Produkte oder Dienstleistungen anzubieten. Der Markt
ist ein Konzept aus der Volkswirtschaftslehre, mit dem komplexe Sachverhalte vereinfacht
dargestellt werden sollen
4
. Nachfrage und Angebot werden vereinfacht modelliert, um mögli-
che Resultate vorauszusagen
5
. Wenn man beispielsweise eine Wohnung beziehen oder ver-
mieten möchte, nimmt man am Wohnungsmarkt teil
6
. Man sondiert die Angebote und die
Nachfrage und versucht das bestmögliche Resultat für sich selbst zu erzielen. In der Realität
ist das natürlich nicht so einfach: Viele Faktoren spielen bei der Auswahl einer geeigneten
Wohnung/ oder einem geeigneten Mieter eine Rolle. Man kann aber eine Vorauswahl treffen,
auf der sich eine rationale und gute Entscheidung treffen lässt. Dieses Beispiel lässt sich auch
auf andere Sachverhalte übertragen. Am Markt werden Preise durch den Austausch von An-
gebot und Nachfrage festgelegt
7
. Sucht man beispielsweise eine Putzkraft, sieht man sich die
Angebote der verschiedenen Firmen oder Privatleute an und wird feststellen, dass bei gleicher
Qualität die Preise relativ ähnlich sind, um auf diesem Dienstleistungsmarkt konkurrenzfähig
zu sein
8
. Der Markt würde bei guter Information, schlechte oder teurere Anbieter sozusagen
aussieben.
4
Vgl. Varian, Hal R.: Grundzüge der Mikroökonomik, München: Oldenbourg, 2007, S. 1.
5
Vgl. ebd.
6
Vgl. ebd., S. 1-3.
7
Vgl. ebd., S. 8-10.
8
Vgl. ebd., S. 342-343.

6
Dies soll lediglich als kleine Einführung dienen, um sich das Konzept des legalen Marktes in
Erinnerung zu rufen. Eine detaillierte Aufstellung ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich.
Es soll als Anhaltspunkt dafür dienen, was in der Kriminologie als illegaler Markt bezeichnet
wird. Was aber ist ein illegaler Markt? Grundsätzlich unterscheidet sich ein illegaler Markt in
seiner Struktur nicht sehr von einem legalen Markt: Auch hier werden Dienstleistungen und
Produkte angeboten. Der Unterschied liegt darin, dass das Angebot dieser Dienstleistungen
und Produkte vom Gesetzgeber verboten worden ist. Dies kann verschiedene Gründe haben
und heißt nicht zwangsläufig, dass ein Produkt oder eine Dienstleistung an sich illegal ist
9
.
Der Verkauf von geschmuggelten Zigaretten ist nicht verboten, weil Zigaretten illegal wären,
sondern weil man damit die Steuer, die auf den Handel mit Zigaretten besteht zu umgehen
versucht
10
. Das gleiche Prinzip gilt bei der Schwarzarbeit. Nicht die Dienstleistung an sich ist
illegal, sondern dass Umgehen der Steuerabgaben. Es ist aber auch möglich, dass Dienstleis-
tungen und Produkte an sich illegal sind
11
: Ein Auftragsmord ist illegal, das heißt aber nicht,
dass danach keine Nachfrage und kein Angebot existiert
12
. Das Gleiche gilt bspw. für Skla-
venhandel und viele andere Menschenverachtende Phänomene die ganz offensichtlich existie-
ren
13
. Kinderpornografie wird bspw. immer wieder in den Medien thematisiert und ist trotz
seiner Illegalität weit verbreitet. Wehinger unterscheidet bspw. fünf verschiedene Typen ille-
galer Märkte
14
, wobei der illegale Drogenmarkt in Typ 1 fällt, in dem Herstellung, Verkauf,
Kauf und Besitz illegal sind
15
. Die anderen illegalen Märkte müssen in dieser Arbeit vernach-
lässigt werden, da sich jeder illegale Markt in seinen Merkmalen unterscheidet und der Fokus
auf dem Drogenmarkt liegen soll
16
Der große Unterschied zum legalen Markt ist allerdings, dass der Handel nicht in der Öffent-
lichkeit stattfinden kann. Es gibt keine Firmen, die offen ihre Angebote an alle Interessenten
richten können. Das gleiche gilt für jemanden, der illegale Dienstleistungen und Produkte
nachfrägt. Hier besteht das Risiko einer Strafverfolgung. Damit ist der illegale Markt nicht
wie der legale Markt für jeden ohne Probleme zugänglich. Fast alle Angebote und Nachfragen
9
Vgl. Wehinger, Frank: Illegale Märkte: Stand der sozialwissenschaftlichen Forschung, Köln: MPIfG Working
Paper, 2011, online verfügbar unter:
http://www.mpifg.de/pu/workpap/wp11-6.pdf
(zuletzt abgerufen am
21.02.2017), S. 2.
10
Vgl. ebd.
11
Vgl. ebd., S. 2-3.
12
Vgl. ebd., S. 12.
13
Vgl. ebd., S. 6-7.
14
Vgl. ebd., S. 2-3.
15
Vgl. ebd., S. 11.
16
Vgl. ebd., S. 33-93, für Informationen zu anderen illegalen Märkten.

7
nach illegalen Dienstleistungen und Waren werden sich in einem geschützten Raum abspie-
len, zu dem man nur mit einiger Anstrengung Zugang erhält. Die Gemeinsamkeiten und Un-
terschiede zum legalen Markt werden in Punkt I.3. für das zu untersuchende Beispiel genauer
ausgeführt.
Diese Arbeit wird sich nun ausschließlich mit dem Markt für illegale Betäubungsmittel be-
schäftigen, der als einer der umsatzstärksten Bereiche auf dem Weltmarkt überhaupt gilt
1718
.
2. Teilnehmer am illegalen Drogenmarkt
2.a) Konsumenten
Die wichtigste Komponente für einen Markt ist eine Nachfrage nach einem Produkt. Im Fall
des illegalen Marktes für Drogen geschieht dies durch die Konsumenten. Ohne Konsumenten
wäre ein Markt nicht möglich
19
. Nach Schätzungen der UN gibt es weltweit 250 Millionen
Menschen
20
, die sich nicht von der Gefahr oder der Illegalität von Drogen abschrecken lassen
und so eine ständige Nachfrage generieren. Dies liegt zum einen daran, dass illegale Betäu-
bungsmittel eine Suchtgefahr darstellen, die einige Konsumenten dazu bringt immer wieder
und immer mehr des Produkts zu sich zu nehmen. Andererseits konnte gezeigt werden, dass
viele der Millionen Nutzer Drogen nur zeitweise oder gelegentlich benutzen
21
. Ein Beispiel
wäre dabei der Konsument von Ecstasy der die Droge nimmt, um am Wochenende zu feiern
und ansonsten keinerlei Drogen konsumiert. Das Bild, das jeder Drogenkonsument eine Be-
lastung für die Allgemeinheit darstellt, weil er nicht am normalen Leben teilnehmen kann,
muss revidiert werden. Viele Menschen funktionieren trotz gelegentlichen Drogenkonsums
einwandfrei
22
. Die meisten Nutzer gehen einer geregelten Arbeit nach und konsumieren öfter
aus Genuss, als aus einem Drang bzw. einer Sucht heraus
23
. Das soll nicht heißen, dass die
17
Vgl. Besozzi, Claudio: Illegal, legal ­ egal?, Bern: Haupt, 2001, S. 28.
18
Durch die Illegalität ist es schwer festzustellen, wie groß der Markt tatsächlich ist. Hier gibt es verschiedene
Meinungen bzw. Berechnungsarten. Diese Arbeit verzichtet darauf spekulative Daten weiterzuverbreiten, die
nicht belegt werden können.
19
Vgl. ebd., S. 71.
20
Vgl. UNODC: World Drug Report 2016, New York: United Nations, 2016, S. 12.
21
Vgl. Hess, Henner: Repression oder Legalisierung?, in: Werse, Bernd (Hrsg.): Drogenmärkte, Frankfurt a.
Main: Campus, 2008, S. 389.
22
Vgl. ebd., S. 389.
23
Vgl. ebd., S. 389-390.

8
Beschreibungen von oft gezeigten und thematisierten Drogensüchtigen, die sich nur von Trip
zu Trip hangeln oder in Hilfseinrichtungen auflaufen falsch sind. Es ist lediglich nicht die
Mehrheit der Konsumenten von illegalen Drogen, wie durch die Medien und Politik gerne
suggeriert wird, sondern die am meisten thematisierte
24
. Das hat gute Gründe: Damit können
die Gefahren des Drogenkonsums dargestellt werden, da niemand vor dem Erstkonsum von
Drogen wissen kann, ob er einigermaßen ,,verantwortungsvoll" damit umgehen kann und dies
dient damit der Abschreckung von potentiellen Konsumenten. Damit soll aber nicht suggeriert
werden, dass Drogen für die meisten Menschen ungefährlich sind. Ähnlich wie bei legalen
Drogen, wie Zigaretten, ist der Konsum von illegalen Drogen mit Gefahren verbunden, die
jeden Konsumenten betreffen, auch wenn er denkt die Gefahren unter Kontrolle zu haben.
Mögliche Langzeitfolgen werden nur selten bedacht und durch die Illegalität gibt es auch we-
niger wissenschaftliche Studien zu diesem Thema.
Zusammenfassend muss gesagt werden, dass es sich beim Konsumentenmarkt um Millionen
von Menschen handelt die regelmäßig Drogen konsumieren, sowie um weitere Millionen die
trotz der Illegalität ab und zu oder zumindest einmal in ihrem Leben verschiedene illegale
Drogen probieren
25
. Daran hat keine Strategie der Strafverfolgungsbehörden bisher etwas
ändern können. Für viele Nutzer ist der Konsum von Drogen ein Stück Freiheit, die sie sich
nicht vom Gesetzgeber nehmen lassen wollen. Aus diesem Grund entsteht ein illegaler Markt,
der diese Nachfrage befriedigt.
Bevor genauer auf die Angebotsseite eingegangen werden soll, muss noch auf ein Phänomen
hingewiesen werden: Viele Konsumenten sind sowohl auf der Angebotsseite, als auch auf der
Nachfrageseite zu finden
26
. Dies liegt daran, dass der Drogenkonsum mit relativ hohen Kos-
ten verbunden ist und viele ihren eigenen Konsum damit finanzieren, dass sie einen Teil ihrer
Drogen weiterverkaufen oder eine größere Menge kaufen, um Freunde und Bekannte zu ver-
sorgen
27
. Damit soll deutlich gemacht werden, dass eine strenge Trennung in Angebot und
Nachfrage in der Realität sehr viel schwerer ist, als diese Arbeit vielleicht auf den ersten Blick
suggeriert.
24
Vgl. ebd., S. 388.
25
Vgl. van der Veen, Hans T.: The International Drug Complex, in: Schönenberg, Regine (Hrsg.): Internationaler
Drogenhandel und gesellschaftliche Transformation, Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag, 2000, S. 153.
26
Vgl. Desroches, Frederick J.: The Crime That Pays, Toronto: Canadian Scholars' Press, 2005, S. 3.
27
Vgl. ebd.

9
2.b) Anbieter am illegalen Drogenmarkt, kriminaltheoretische Erörterung
Um die Konsumenten zu versorgen, ist es wichtig, dass ein (einigermaßen) gesichertes Ange-
bot vorhanden ist. Da Drogen nicht frei verfügbar sind bspw. in Supermärkten oder anderen
Geschäften, ergibt sich ein spezielles Anbieterfeld. Vom Großhändler bis zum Straßenverkäu-
fer ist alles auf dem illegalen Drogenmarkt zu finden (s. Punkt I.4.). Im gleichen Maße, wie es
Millionen von Konsumenten gibt, besteht auch die Anbieterseite aus Millionen von Men-
schen, die als Anbieter für illegale Drogen fungieren
28
. Die Frage. die sich zwangsläufig stellt,
ist, warum entscheiden sich Menschen gegen die von der Gesellschaft vorgezeigten legalen
Wege ihren Lebensunterhalt zu verdienen
29
? Immerhin nimmt jeder Anbieter auf dem Dro-
genmarkt das Risiko auf sich von den Strafverfolgungsbehörden verfolgt zu werden. Dies
führt im schlimmsten Fall sogar zu Gefängnisstrafen und bedroht somit die Freiheit des Ein-
zelnen. Es muss also ,,gute" Gründe geben, dieses Risiko auf sich zu nehmen. Während es
bestimmt einen kleinen Anteil an Anbieter gibt, die aus Überzeugung Drogen herstellen, kon-
sumieren und verkaufen, ist der Großteil vermutlich frei von solchen Vorstellungen
30
. Die drei
nachfolgenden kriminologischen Theorien sollen erklären, warum viele Menschen das Risiko
des illegalen Verkaufs von Betäubungsmitteln auf sich nehmen. Dabei sollen wirtschaftliche,
aber auch gesellschaftliche Gründe beleuchtet werden. Der Rational Choice Ansatz, Learning-
und Opportunitytheorien und die Anomietheorie können nicht alle, aber eine Vielzahl von
Gründen erklären, warum Menschen, trotz der potentiellen Risiken die damit einhergehen,
einen illegalen Weg der Lebenserhaltung wählen. Grundsätzlich ist es in der Kriminologie
von Vorteil verschiedene Theorien zu Rate zu ziehen, da eine alles erklärende Theorie nicht
vorhanden ist. Keiner der Theorien wurde für das Problem des illegalen Drogenmarkts entwi-
ckelt. Trotzdem ergeben sich bei diesen Ansätzen interessante Erklärungsversuche für diese
Problemstellung.
28
Vgl. van der Veen, Hans T.: The International Drug Complex, S. 153.
29
Vgl. Desroches, Frederick J.: The Crime That Pays, S. 53.
30
Vgl. Hess, Henner: Repression oder Legalisierung?, S. 389-390.

10
2. ba) Der Rational Choice Ansatz
Es ist naheliegend, dass bei einem Verbrechen dem ein illegaler Markt zu Grunde liegt finan-
zielle Aspekte eine wichtige Rolle spielen
31
. Der Rational Choice Ansatz, in seiner Anwen-
dung in der Kriminologie, geht davon aus, dass Menschen sich für Verbrechen entscheiden,
wenn der Nutzen größer ist als die damit verbundenen Kosten
32
. Der homo oeconomicus, also
ein Mensch der seine Entscheidungen rational kalkuliert, wird auf Verbrechen ausgedehnt
33
.
Gerade beim Verkauf von illegalen Drogen sehen viele Anbieter einen großen monetären Er-
folg als gegeben an und sind der Meinung, dass sich der Verkauf von illegalen Betäubungs-
mitteln mehr auszahlt, als bspw. eine legale Arbeit anzunehmen
34
. Das Risiko der Strafverfol-
gung wird, nach einer Analyse der Situation, meist als gering oder zumindest als vertretbar
angesehen
35
. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Nutzen tatsächlich so groß ist wie angenom-
men. Viele Drogenanbieter verdienen bei Weitem nicht so viel, wie sie es sich bei Einstieg in
dieses Geschäftsmodell vorstellen
36
. Das gleiche gilt für das Risiko: Meist wird das Risiko
nur bei dem ersten Einstieg in den Drogenmarkt bewertet, oft mit unzulänglicher Informati-
on
37
. Es wird des Weiteren nicht in Rechnung gestellt, wie sehr sich das Risiko durch ver-
stärkte Verfolgung oder Erfolg der eigenen Geschäftstätigkeit verändern kann
38
. Die wenigs-
ten Drogendealer steigen nach einer erfolgreichen Zeit aus, wenn sich die Vorzeichen ändern
bzw. nehmen keine neuen Kosten/Nutzenrechnung vor
39
.
Die Anbieter, die durch ein Kosten/Nutzenkalkül in den Drogenhandel einsteigen sind zu-
meist in den höheren Stufen des illegalen Markts für Betäubungsmittel anzusiedeln, also im
Drogenschmuggel und als Großhändler (S. Punkt I.4.b))
40
. Hier ist der Ertrag am größten und
das Risiko kann durch kluge Sicherheitsmaßnahmen niedrig gehalten werden, weil man bei-
spielsweise nicht mehr mit den Konsumenten in Kontakt kommt
41
. Der Verkauf von illegalen
31
Vgl. Desroches, Frederick J.: The Crime That Pays, S. 53.
32
Vgl. Kunz, Karl-Ludwig: Kriminologie, Bern: Haupt, 2008, S. 124-125.
33
Vgl. ebd.
34
Vgl. Desroches, Frederick J.: The Crime That Pays, S. 58.
35
Vgl. ebd., S. 67.
36
Vgl. ebd., S. 5.
37
Vgl. Karstedt, Susanne/ Greve, Werner: Die Vernunft des Verbrechens, in: Bussmann, Kai-D./Kreissl, Reinhard
(Hrsg.): Kritische Kriminologie in der Diskussion, Opladen: Westdeutscher Verl., 1996, S. 189.
38
Vgl. Desroches, Frederick J.: The Crime That Pays, S. 109.
39
Vgl. ebd.
40
Vgl. ebd., S. 67-71 bzw. S. 110.
41
Vgl. ebd., S. 71.

11
Drogen ist nach diesem Ansatz für die Anbieter ein normales Geschäftsmodell
42
. Moralische
Bedenken gibt es für diese Anbieter nicht
43
. Dies mag der Grund sein, warum nicht jeder in
den illegalen Markt für Drogen einsteigt: Nicht jeder Mensch berechnet seine Lebensaussich-
ten mit einer Kosten/Nutzenrechnung und lässt moralische Werte außen vor
44
. Anderseits wird
schon hier deutlich, dass es schwer ist Anbieter abzuschrecken, da es Menschen gibt, die ihre
Chancen und Risiken abwägen. Gleichzeitig stellt der Verkauf von illegalen Drogen bei Eini-
gen keine moralische Grenze dar. Für viele sind illegale Drogen einer Prohibition unterzogen,
deren Richtigkeit zumindest zu diskutieren ist
45
. Außerdem handelt es sich um ein ,,opferlo-
ses" Verbrechen, da sowohl Käufer, als auch Verkäufer in die Transaktion einwilligen und
niemand anderes zu Schaden kommt
46
.
Trotz allem hat nicht jeder die Möglichkeit problemlos in diesen illegalen Markt einzusteigen.
Dafür sind Kontakte in die Rauschgiftszene notwendig, bevor man überhaupt eine rationale
Entscheidung zum Verkauf von Drogen treffen kann
47
. Ohne Zugang zu Ware und Kunden
würde dies lediglich ein Gedankenexperiment sein. Deswegen soll im Folgenden auf die
Learning- und Opportunitytheorien verwiesen werden.
2. bb) Learning- und Opportunitytheorien
Die Rauschgiftszene ist stark vereinfacht eine Subkultur zur normalen Gesellschaft
48
. Subkul-
tur bedeutet, dass sich Gruppen bilden, die von den gesellschaftlich anerkannten Werten ab-
weichen und eigene Werte innerhalb ihrer Gruppe schaffen, in diesem Fall den Gebrauch von
illegalen Drogen
49
. Dies soll dabei keineswegs heißen, dass es nur die ,,eine" Subkultur gibt:
Ein Haschisch rauchender Mann mittleren Alters hat vermutlich kaum etwas gemeinsam mit
einem cracksüchtigen Jugendlichen. Der einzige gemeinsame Nenner ist womöglich sogar,
dass beide mit illegalen Drogen in Berührung kommen. Da aber die Gemeinsamkeit ,,Kontakt
42
Vgl. ebd., S. 3.
43
Vgl. ebd., S. 64.
44
Vgl. ebd., S. 53.
45
Vgl. Desroches, Frederick J.: The Crime That Pays, S. 1 bzw. Vgl. Hess, Henner: Rauschgiftbekämpfung und
desorganisiertes Verbrechen, in: Kritische Justiz 25, Heft 3, 1992, S. 316.
46
Vgl. Desroches, Frederick J.: The Crime That Pays, S. 1.
47
Vgl. ebd., S. 67.
48
Vgl. Cohen, Albert K./Short, James F. jr.: Zur Erforschung delinquenter Subkulturen, in: Sack, Fritz/König,
René (Hrsg.): Kriminalsoziologie, Wiesbaden: Akademische Verlagsgesellschaft, 1979, S. 379.
49
Vgl. Kunz, Karl-Ludwig: Kriminologie, S. 102.

12
mit illegalen Drogen" für diese Arbeit entscheidend ist, müssen Unterschiede in den verschie-
denen Drogensubkulturen ausgeblendet werden.
Der Kontakt zu illegalen Drogen liegt oftmals an der Umgebung, in der man aufwächst oder
in der man sich aufhält (vgl. Subkulturen)
50
. Es gibt Teile der Gesellschaft, für die es eine All-
täglichkeit ist, Menschen beim Drogenkonsum und -verkauf zu beobachten, auch wenn dies
unfreiwillig passiert, bspw. bei Jugendlichen deren Eltern Mitglied einer solchen Subkultur
sind
51
. In so einer Umgebung verlieren illegale Drogen, dass Stigma des Verbotenen. Für die
Erwachsenen und Heranwachsenden ist der Konsum und Verkauf von Drogen ein Teil der
Normalität
52
. Drogen stellen in diesem Szenario ein ,,normales" Gut dar. Die Kontaktaufnah-
me zu einem Nutzer, ebenso wie zu einem Verkäufer ist somit sehr viel leichter. Nach Suther-
land spielen die differentiellen Kontakte eine große Rolle, bei dem Weg zum Verbrechen
53
.
Nimmt man bspw. einen Jugendlichen aus oben genanntem Szenario, erlernt er möglicher-
weise durch häufigen Kontakt zu Drogendealern, wie man mit der illegalen Ware Geld ver-
dienen kann
54
. Überwiegen Kontakte zu Verbrechern, die Kontakte zu gesetzestreuen Bür-
gern, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass der Heranwachsende die Normen und Wege
seiner illegal tätigen Kontakte verinnerlicht und selbst auf die schiefe Bahn gerät
55
. Verbre-
chen wird wie normgerechtes Verhalten erlernt
56
. Einige werden bei einer günstigen Gelegen-
heit in den Drogenmarkt einsteigen
57
, während andere, die sich in einem ähnlichen Umfeld
bewegen, der Versuchung wiederstehen werden. Es besteht auch die Möglichkeit, dass Men-
schen von den Kontakten zu Drogenabhängigen in der nahen Umgebung abgeschreckt werden
und versuchen sich von dieser Subkultur zu distanzieren
58
. Das Aufwachsen in einem durch
Drogen geprägten Teil der Gesellschaft führt nicht zwangsläufig dazu selbst aktiv teilzuneh-
men. Es handelt sich lediglich, um begünstigende Faktoren.
Ein wichtiges Stichwort ist dabei auch Opportunity ­ bzw. Gelegenheit. Auch wenn man in
50
Vgl. Desroches, Frederick J.: The Crime That Pays, S. 55.
51
Vgl. Daniels, Tatiana Starr: What Influences Some Black Males to Sell Drugs During Their Adolescence, in:
McNair Scholars Journal (Sacramento State), Volume 13, 2012, S. 27-28.
52
Vgl. ebd.
53
Vgl. Sutherland, Edwin H.: Die Theorie der differentiellen Kontakte, in: Sack, Fritz/König, René (Hrsg.): Kri-
minalsoziologie, Wiesbaden: Akademische Verlagsgesellschaft, 1979, S. 396.
54
Vgl. ebd.
55
Vgl. ebd., S. 397.
56
Vgl. ebd., S. 396.
57
Vgl. Desroches, Frederick J.: The Crime That Pays, S. 54.
58
Vgl. Hess, Henner: Broken Windows: Zur Diskussion um die Strategie des New York Police Department, in:
Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft, Band 116, Nr. 1, Juni 2004, S. 93.

13
seinem Umfeld häufig Kontakt zu Anbietern oder Konsumenten hat, entscheidet oft erst eine
günstige Gelegenheit oder ein Angebot eines befreundeten Kontakts über die Beteiligung am
Drogenmarkt
59
. Dies lässt sich durch einige Beispiele illustrieren: Jugendliche werden rekru-
tiert, um für einen gewissen Lohn Drogen zu transportieren oder zu verkaufen. In Gefängnis-
sen werden Kontakte geknüpft, die nach ihrer Zeit zusammen Geschäfte im Drogenmarkt
abwickeln. Verwandte oder Freunde bieten eine Möglichkeit an um Geld zu verdienen, indem
sie am Transport von Drogen teilnehmen. Drogenkonsumenten wird vorgeschlagen größere
Mengen abzunehmen, um sie an Freunde oder in ihrer Szene zu verkaufen, um den eigenen
Konsum zu finanzieren. Personen, die im Import-Exportgeschäft tätig sind, werden durch
große Summen zum Schmuggel von illegalen Drogen überzeugt. Schmuggler nutzen ihre bis-
herigen Kenntnisse in anderen Bereichen, um die wertvollere Fracht von A nach B zu trans-
portieren
60
.
Bietet sich so eine Gelegenheit an und hat die Person keine moralischen Bedenken am Dro-
genmarkt teilzunehmen, steigt die Wahrscheinlichkeit sich an verschiedenen Stellen des Dro-
genmarkts zu beteiligen
61
. Die vorher genannte Theorie des rationalen Wahlhandelns spielt
erst dann eine Rolle, wenn sich eine Gelegenheit anbietet und man mit der jeweiligen
Rauschgiftsubkultur vertraut ist
62
. Dies stellt sozusagen das Know-how dar, dass man zur
Abwägung der Nutzen und Risiken braucht.
Ein gemeinsamer ethnischer Hintergrund, wird in der Literatur explizit als vorteilhaft heraus-
gestellt, da dadurch Netzwerke entstehen können, die ein höheres Vertrauensverhältnis besit-
zen, als dies bei zufälligen Bekanntschaften ohne gemeinsamen ethnischen Hintergrund der
Fall ist
63
. Daraus können Gelegenheiten entstehen, wenn z.B. nach neuen Partnern im Dro-
genmarkt gesucht wird
64
.
Warum Personen aus benachteiligten Gesellschaftsschichten besonders relevant für die Ange-
botsseite des illegalen Drogenmarkts sind
65
, soll gesondert zu erklären versucht werden. Da-
59
Vgl. Desroches, Frederick J.: The Crime That Pays, S. 54.
60
Vgl. ebd., S. 54-56/ 65-66.
61
Vgl. ebd., S. 62-63.
62
Vgl. ebd., S. 65.
63
Vgl. Desroches, Frederick J.: The Crime That Pays, S. 63.
64
Vgl. Desroches, Frederick J.: The Crime That Pays, S. 63-65.
65
Vgl. Hagedorn, John M.: The Business Of Drug Dealing In Milwaukee, in: Wisconsin Policy Reseach Institute,
Volume 11, Nr. 5, Juni 1998, S. 1/3.

14
bei bietet sich Mertons Theorie zur Anomie an, die im Folgenden ausgeführt werden soll.
Gleichzeitig helfen Mertons Ausführungen auch dabei zu verstehen, warum eigentlich gut
situierte Bürger an verschiedenen Stellen des Drogenmarkts teilnehmen
66
.
2. bc) Anomietheorie
Anomie bedeutet ursprünglich einen Zustand von Normlosigkeit in einer Gesellschaft
67
. Zu-
erst wurde das Konzept von Emile Durkheim in die Soziologie eingeführt, um zu erklären,
warum es zu devianten Verhalten in einer Gesellschaft kommt
68
. Merton entwickelt das Kon-
zept der Anomie dann weiter, indem er anführt, dass kulturelle Ziele und institutionelle Wege
diese Ziele in einer Gesellschaft zu erreichen nicht unbedingt zusammenpassen müssen
69
.
Seine Analyse ist auf die amerikanische Gesellschaft seiner Zeit (erstmalig erscheint sein Ar-
tikel 1938) ausgerichtet
70
: Er behauptet, dass das vorherrschende kulturelle Ziel der größt-
mögliche finanzielle Erfolg ist
71
. Gleichzeitig erkennt er, dass vielen Menschen in den USA
der Zugang zu institutionellen Wegen, die den Erfolg erleichtern können, verwehrt bleibt
72
.
Dies führt zu abweichendem Verhalten
73
. In einer Gesellschaft in der Chancengleichheit be-
stehen und jeder mit harter Arbeit und Einsatz, dem sog. ,,American Dream", erreichen kön-
nen sollte
74
, erkennt Merton, dass vieles das die Menschen als Glück, Zufall oder Schicksal
auf dem Weg zu Erfolg darstellen
75
, mit den ungleichen Möglichkeiten in den verschiedenen
Gesellschaftsschichten zusammenhängt
76
. Der Druck, der durch die Ziele ausgelöst wird, trifft
daher vor allem Menschen der unteren Schichten
77
. Heutzutage, auch dank Merton, ist dieses
Phänomen den meisten Menschen bekannt: Die Herkunft, der Bildungsstand und das Vermö-
gen der Eltern beeinflusst in großem Maße die Chancen auf späteren Erfolg ihrer Kinder und
Kindeskinder etc. Wer die Chance hat zu studieren bzw. eine gute Ausbildung zu genießen
66
Vgl. Desroches, Frederick J.: The Crime That Pays, S. 68.
67
Vgl. Schwind, Hans-Dieter: Kriminologie, Heidelberg: Kriminalistik, 2011, S. 139.
68
Vgl. ebd.
69
Vgl. ebd.
70
Vgl. Kunz, Karl-Ludwig: Kriminologie, S. 89.
71
Vgl. Merton, Robert K.: Sozialstruktur und Anomie, in: Sack, Fritz/König, René (Hrsg.): Kriminalsoziologie,
Wiesbaden: Akademische Verlagsgesellschaft, 1979, S. 295-299.
72
Vgl. ebd., S. 297.
73
Vgl. ebd.
74
Vgl. Messner, Steven F./Rosenfeld, Richard: Crime and the American Dream, Belmont (CA): Wadsworth,
1997, S. 11-12.
75
Vgl. Merton, Robert K.: Sozialstruktur und Anomie, S. 300.
76
Vgl. ebd., S. 298.
77
Vgl. ebd., S. 297.

15
und damit die vorgegebenen Wege zum Erfolg gehen kann, wird diese auch mehrheitlich be-
schreiten
78
. Zurecht wird darauf hingewiesen, dass Merton das kulturelle Ziel, dass für alle
Mitglieder der Gesellschaft gelten soll, auf den Faktor ,,Geld" verkürzt
79
. Nicht für jeden
Menschen ist monetärer Erfolg das ultimative Lebensziel. Es ist nicht zu verleugnen, dass für
viele Menschen Gesundheit, Freunde, Familie, etc. ein wichtigeres Gut darstellen. Auch Mer-
ton verweist darauf, dass es noch andere kulturelle Ziele gibt und seine Verknappung auf den
finanziellen Erfolg zur Vereinfachung geschieht
80
. Nichtsdestotrotz sollte man die Bedeutung
von Geld und monetären Erfolg auch in einer modernen, kapitalistischen Gesellschaft nicht
als zu gering ansehen
81
. Dies trifft nicht nur auf die US-Gesellschaft und Kanada, sondern
auch auf Westeuropa, also das gesamte Untersuchungsgebiets dieser Arbeit zu.
Aber warum kann dieser Zustand zu deviantem Verhalten führen, in unserem Fall zum Ein-
stieg in den illegalen Drogenmarkt? Laut Merton gibt es verschiedene Muster, die ein Mensch
in einer Situation, in der die kulturellen Ziele und die institutionellen Mittel nicht zusammen-
passen, annehmen kann: Innovation, Rückzug, Ritualismus und Revolution
82
. Wenn kulturelle
Ziele und die Mittel, die zur Erreichung dieser Ziele verwendet werden können, zusammen-
passen, spricht Merton von Konformität
83
. Der Punkt ,,Innovation" ist für diese Untersuchung
entscheidend: Hier wird das kulturelle Ziel verinnerlicht, aber es fehlt an der Internalisierung
der Normen, die zur Erreichung des Ziels vorgegeben sind
84
oder dem Zugang zu diesen sozi-
al gebilligten Mitteln
85
. Das bedeutet, dass man Wege sucht, die außerhalb der vorgegebenen
Strukturen liegen, um das kulturelle Ziel zu erreichen
86
. Gerade wenn man von einem Markt
für illegale Drogen spricht, in dem das Hauptziel der monetäre Erfolg ist und zwar für nahezu
alle Teilnehmer, wird klar welche Erklärungskraft in diesem spezifischen Fall Mertons Aus-
führungen innewohnt.
78
Vgl. ebd., S. 293.
79
Vgl. Messner, Steven F./Rosenfeld, Richard: Crime and the American Dream, S. 54.
80
Vgl. Merton, Robert K.: Sozialstruktur und Anomie, S. 308.
81
Gegenteilige Meinung bei Kunz, Karl-Ludwig: Kriminologie, S. 91, der der Anomietheorie Erklärungswert bei
spätmodernen Gesellschaft abspricht.
82
Vgl. Merton, Robert K.: Sozialstruktur und Anomie, S. 293.
83
Vgl. ebd., S. 293-294.
84
Vgl. ebd., S. 294.
85
Vgl. Kunz, Karl-Ludwig: Kriminologie, S. 90.
86
Vgl. Merton, Robert K.: Sozialstruktur und Anomie, S. 295.
Ende der Leseprobe aus 85 Seiten

Details

Titel
Der illegale Drogenmarkt und die Rolle der organisierten Kriminalität
Hochschule
Universität Regensburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
85
Katalognummer
V373964
ISBN (eBook)
9783668536814
ISBN (Buch)
9783668536821
Dateigröße
897 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Illegale Markt, Drogen, Organisierte Kriminalität, Kriminologie
Arbeit zitieren
Walter Rott (Autor), 2017, Der illegale Drogenmarkt und die Rolle der organisierten Kriminalität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373964

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