Was sind ontologische Verpflichtungen und wie kann man sie sich zu Nutze machen?

Über Quines Analysemethode von ontologischen Theorien


Studienarbeit, 2015

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Problem: Platons Bart
2.1 Widerlegung des Platonischen und Meinongschen Ansatzes
2.2 Quines Lösung

3. Die ontologische Verpflichtung

4. Anwendungsbeispiel: Universalienstreit

5. Bewertung der Quineschen Methode

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stürzte die Ontologie durch die Schriften der Logischen Empiristen in eine schwere Krise. Ihnen zufolge seien ontologische Fragen empirisch un­lösbar und damit belanglos (siehe Neurath 1979, S.87). Dieser vernichtenden Behauptung zum Trotz entwickelte der amerikanische Philosoph Willard Van Orman Quine in seinem Aufsatz On What There Is von 1948 ein neues Verständnis von Ontologie. Diese soll nun nicht mehr die Welt, sondern vielmehr unsere Theorien über die Welt zum Gegenstand haben.

Als Ausgangspunkt für seine Argumentation dient Quine die vermeintlich einfache Fra­ge: Was gibt es? (Quine 2011, S.7). Die zunächst naheliegende Antwort sei sogar noch kürzer als die Frage selbst: Es gibt Alles. Wer dies sagt, äußert im Grunde nur eine Tauto­logie. Er sagt nichts anderes, als dass es die Dinge gibt, die es gibt (vgl. Quine 2011, S.7). Deshalb ist eine genauere Untersuchung des Problems dringend erforderlich. Zahlreiche Einzelfälle, bei denen man sich auch nach Jahrhunderten des philosophischen Disputes nicht einig wird, behindern eine zufriedenstellende Beantwortung der Ausgangsfrage. Einer dieser Einzelfälle ist das Problem der negativen Existenzaussagen. Durch eine aus­führliche Erörterung dieses Problems leistet Quine die Vorarbeit, um auf den für sein On­tologieverständnis entscheidenden Begriff der ontologischen Verpflichtung zu stoßen. Als zweiten Schritt entwirft er eine Methode zur logischen Analyse jener Verpflichtungen, die ein probates Mittel sei, um zwischen Theorien über die Welt abwägen zu können.

Diese Arbeit soll zum Einen aufzeigen, wie Quine den Begriff der ontologischen Ver­pflichtung erklärt. Um diesen Zusammenhang verständlich zu machen, werde ich im fol­genden Kapitel den Argumentationsgang im Bezug auf die negativen Existenzaussagen rekonstruieren. Danach werde ich mich dem zweiten Teil meiner Fragestellung zuwen­den. Anhand eines Beispiels aus der sogenannten Universaliendebatte werde ich zeigen, wie sich die logische Analyse der ontologischen Verpflichtungen als philosophisches Entscheidungswerkzeug nutzen lässt. Abschließend werde ich mich mit einigen Schwie­rigkeiten befassen und bewerten, inwieweit sich Quines Methode als Entscheidungshilfe eignet.

2. Das Problem: Platons Bart

Wie bereits erwähnt, setzt sich Quine zu Beginn seines Aufsatzes mit dem alten Problem des Nicht-Seienden auseinander, welchem er aufgrund seiner Verworrenheit den Namen „Platons Bart“ (Quine 2011, S.9) gibt. Er widerspricht der Auffassung Platons, dass auch das Nicht-Seiende als Gegenteil des Seienden in irgendeiner Weise existieren müsse (vgl. Platon: Sophistes, 233). Die Begründung seines Standpunktes entwickelt Quine in einem Disput mit zwei imaginären Widersachern.

McX - sein erster Gegner - vertritt den platonischen Standpunkt. Sein Vorwurf an Quine lautet: wenn man die Existenz von etwas, wie z.B. dem fliegenden Pferd Pegasus, ver­neine, dann wäre der Name „Pegasus“ leer und es gäbe nichts, worüber die beiden durch die Verwendung des Begriffes reden würden (vgl. Quine 2011, S.9). Erschwerend kom­me hinzu, dass Quine ihre Meinungsverschiedenheit über die Existenz von Pegasus nicht widerspruchsfrei äußern könne. Denn wenn Quine sagen würde, dass es einige Dinge ge­be, die McX zulasse, aber er wiederum nicht, dann würde er diesen Dingen ein Sein ein­räumen und sich dadurch selbst widersprechen (vgl. Quine 2011, S.7).

Quines zweiter Widersacher heißt Wyman. Angelehnt an die Meinongsche Gegenstands- theorie[1], argumentiert er, dass es Pegasus nur aktuell nicht gebe, es aber durchaus mög­lich sei, dass es ihn gebe könnte. Wyman differenziert dafür zwei Formen des Seins, auf die ich im weiteren Verlauf noch näher eingehen werde.

2.1 Widerlegung des Platonischen und Meinongschen Ansatzes

Schauen wir nun genauer auf McXs These. Um die problematischen leeren Namen zu vermeiden, muss McX für die Existenz von Pegasus argumentieren. Er glaubt zwar nicht, dass Pegasus in Wirklichkeit existiert, aber ihm müsse zumindest ein Sein als „Idee in den Köpfen der Menschen“ (Quine 2011, S.9) zukommen. Quine sieht in dieser Behaup­tung eine Verwechslung der Idee des Gegenstandes mit dem Gegenstand selbst. Ein kon­kreter Gegenstand wie der Parthenon existiere ganz offensichtlich - als physischer, raum­zeitlicher Gegenstand auf der Athener Akropolis. Es sei „nicht leicht, sich zwei Dinge vorzustellen, die [...] schwerer miteinander zu verwechseln sind als der Parthenon und die Parthenon-Idee“ (Quine 2011, S.9). McX habe sich durch seine Behauptung in die fol­genschwere Verwechslung von Benennung und Bedeutung drängen lassen, die schon Gottlob Frege in seiner Schrift Über Sinn und Bedeutung aufdeckte. Zwei Begriffe wie etwa „Morgenstern“ und „Abendstern“ können durchaus denselben Gegenstand benennen (und zwar die Venus), doch haben beide Begriffe unterschiedliche Bedeutungen (Frege 1892, S.26ff.). Insofern hat auch der Begriff „Pegasus“ eine Bedeutung, die sich funda­mental von der Referenz auf ein bestimmtes Objekt unterscheidet.

Wyman entgeht dem Problem der Nicht-Existenz durch eine Unterscheidung zweier Formen des Seins: der Existenz und der Subsistenz. Pegasus sei ein sogenanntes nicht- aktuales Possibile (Quine 2011, S.11). Ihm komme zwar kein tatsächliches Sein (Exis­tenz) zu, aber immerhin die Möglichkeit zu sein (Subsistenz) (vgl. Quine 2011, S.13). Den daraus resultierenden „Possibila-Slum“ (Quine 2011, S.13) will Quine unter keinen Umständen zu tolerieren. Möglich sei nämlich so einiges. Möglicherweise steht ein di­cker Mann in unserer Tür, möglicherweise auch kahlköpfiger. Vielleicht ist es derselbe Mann, aber genauso gut wäre es möglich, dass sich noch unzählige andere Männer - oder andere Entitäten - in unserer Tür aufhalten könnten (siehe Quine 2011, S.13). Die unbe­grenzte Anzahl an Möglichkeiten mache es unmöglich, noch klare Unterscheidungskrite­rien zwischen den Entitäten definieren zu können. In einem anderen Aufsatz konzentriert Quine diese Feststellung in dem berühmten Slogan: „no entity without identity“ (Quine 1958, S.20).

Im Zusammenhang mit Ontologie spricht Quine auch gerne von „Wüstenlandschaften“ (Quine 2011, S.13). So wenig wie möglich soll als existierend vorausgesetzt werden. Wenn aber doch Existenzannahmen getroffen werden, dann nur, wenn dies mit einem entscheidenden Nutzen einhergeht, der diese Annahmen rechtfertigen kann. Wymans These ist zwar nützlich, weil sich mit ihr für die Nicht-Existenz von Pegasus argumentie­ren lässt. Aber das sei teuer durch ein „übervölkertes Universum“ (Quine 2011, S.13) er­kauft und stoße bei unmöglichen Entitäten wie „runde quadratische Kuppel des Berkeley College“ (Quine 2011, S.15ff.) schnell an Grenzen. Was bleibt, das sind zwei sehr unbe­friedigende Optionen: entweder Wyman flutet seine Ontologie mit einer weiteren Klasse, den „nicht-aktualisierbaren Impossibila“ (Quine 2011, S.17), oder er deklariert Wider­sprüche schlicht als sinnlos, was wiederum äußert unbefriedigend im Hinblick auf das Verfahren der reductio ad absurdum und den damit zusammenhängenden Widerspruchs­beweis wäre (vgl. Quine 2011, S. 17). Dieses Verfahren deckt die Widersprüchlichkeit einer Aussage auf und beweist damit indirekt die Negation dieser Aussage. Untersucht man beispielsweise den Satz: „Alles, was Flügel hat, kann fliegen“, so stößt man auf ei­nen Widerspruch, wenn sich mindestens eine Entität mit Flügeln finden lässt, die nicht fliegen kann. Pinguine haben zwar Flügel, können aber nicht fliegen. Damit ist indirekt bewiesen worden, dass nicht alles, was Flügel hat, fliegen kann. Die Befürworter der Meinongschen Theorie geraten hier in ein Dilemma, weil sie die Aussage „es gibt keine fliegenden Pinguine“ aus den gleichen Gründen wie im Pegasus-Beispiel ablehnen wür­den. Die Existenz von fliegenden Pinguinen wurde bisher nur noch nicht realisiert, aber es könnte sie geben. Dieses Argument raubt der viel genutzten reductio ihre Wirkungs­kraft. Noch schwerwiegender ist aber, dass der sichere Weg über der indirekten Beweis­führung verschlossen wird.

2.2 Quines Lösung

Wie gedenkt Quine Platons Bart zu entwirren? Als Rasiermesser dient ihm die Kenn­zeichnungstheorie Bertrand Russells, die dieser in dem Aufsatz On Denoting formulierte. Durch eine logische Analyse vermeintlicher Eigennamen wie „der gegenwärtige König von Frankreich“, zeigte Russell, dass es sich hierbei um sogenannte Kennzeichnungs­phrasen (siehe Russel 2005, S. 873) handelt.

Für das Verständnis von Russells Analysetechnik, sind einige Grundkenntnisse in der Prädikatenlogik vonnöten. Die einfachste Satzstruktur in der Prädikatenlogik ist die so­genannte Subjekt-Prädikat-Struktur. Hierbei kommt einem Subjekt - wie einem Eigen­namen - ein bestimmtes Prädikat zu (Siehe Strobach 2013, S.80). Zusammen formen sie einen Aussagesatz. Den vermeintlichen Eigenamen spricht Russell diesen Subjektstatus ab. Ein Aussagesatz wie: „Der gegenwärtige König von Frankreich ist kahlköpfig.“, lasse sich wie folgt in eine prädikatenlogische Notation umwandeln: „Es gibt etwas, das König von Frankreich ist und kahl[köpfig] ist und alles, was König von Frankreich ist, ist damit identisch“[2]. Dies zeige, dass es sich bei dem Ausdruck „der gegenwärtige König von Frankreich“ nicht um einen Eigenamen mit eigener Bedeutung handle (siehe Russell 2005, S.882). Er sei vielmehr eine kennzeichnende Phrase für denjenigen Namen, auf den die Phrase zutreffend ist.

Quine geht noch einen Schritt weiter als Russell. Seiner Meinung nach lasse sich prinzi­piell jeder Eigenname durch die Umwandlung in eine Kennzeichnungsphrase eliminieren (vgl. Quine 2011, S.25). „Pegasus“ lasse sich problemlos in das „irreduzible Attribut Pe­gasus zu sein“ (Quine 2011, S. 25) umwandeln. Anstatt „Pegasus“ könne man demnach auch „das Ding, das Pegasus ist“ oder „das Ding, das pegasiert“ sagen (Quine 2011, S. 25).

Der Vorteil der Kombination des Russellschen mit dem Quineschen Verfahren lässt sich auch erst wieder durch die Prädikatenlogik erkennen. Russels Umformung wandelt die irrtümlich als Eigenname klassifizierte Kennzeichnungsphrase „der gegenwärtige König von Frankreich“ in „es gibt ein x, dass gegenwärtig König von Frankreich ist“. Jenes „es gibt ein x, dass (...)“ drückt man in der Prädikatenlogik mit dem sogenannten Exis­tenzquantor „ [3] “ aus. Für die Variable „x“ lassen sich Namen aus einem vorher definier­ten Redebereich einsetzeU. Quine versteht „existieren“ nicht als Prädikat, sondern als Quantor, der mit der ihm „eigentümlichen Art absichtlicher Vieldeutigkeit“ auf Entitäten Bezug nimmt (Quine 2011, S.21). Dem entsprechend lautet seine Forderung:

„Als Entität angenommen zu werden, ist schlicht und allein, als Wert einer Vari­ablen betrachtet zu werden“ (Quine 2011, S.37).

[...]


[1] „Wer die paradoxe Ausdrucksweise liebt, könnte also ganz wohl sagen: es gibt Gegenstände, von denen gilt, dass es dergleichen

[2] [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]. Abkürzungsverzeichnis: Fx : x ist gegenwärtig König von Frankreich; Gx : x ist kahlköpfig. Siehe Strobach, Nikolaus: Einführung in die Logik. S. 106.

[3] Nehmen wir zum Beispiel eine Aussage wie: „Es gibt faule Studenten: In unserem Redebereich befindet sich die Menge aller Namen der Studenten der Uni Münster. Wenn sich in unserem Redebereich mindestens ein Student - sagen wir „Max Mustermann“ - befin­det, der faul und Student ist, dann ergibt sich durch die Einsetzung seines Namens für das durch den Existenzquantor gebundene „x“ eine wahre Aussage (3x(FxaGx). Abkürzungsverzeichnis: Fx : x ist faul; Gx : x ist Student. Redebereich: {Max Mustermann, Anja Müller, ...}).

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Was sind ontologische Verpflichtungen und wie kann man sie sich zu Nutze machen?
Untertitel
Über Quines Analysemethode von ontologischen Theorien
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Philosophisches Seminar)
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
19
Katalognummer
V374078
ISBN (eBook)
9783668518193
ISBN (Buch)
9783668518209
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verpflichtungen, nutze, über, quines, analysemethode, theorien
Arbeit zitieren
Jeremias Düring (Autor), 2015, Was sind ontologische Verpflichtungen und wie kann man sie sich zu Nutze machen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374078

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