Die Schotten und die Nation. Projektion und Rezeption von Nation in der schottischen Nationalbewegung

Geschichte und Nation als Argument


Bachelorarbeit, 2015
49 Seiten, Note: 1,7
Magnus Roth (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

II. Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Ansatz und Forschungsperspektive
2.1. Annäherung an Nation, Nationalismus, Nationalbewegung und Nationalstaat
2.2. Forschungsperspektiven und Forschungsdiskurs
2.2.1. Subjektivistische Definition
2.2.2. Objektivistische Definition
2.2.3. Konstruktivistische Definition
2.2.4. Zwischenposition
2.2.5. Die Nation ein volatiles Konstrukt
2.3. Geschichte, Symbole und Nation
2.3.1. Mythen der Nationen
2.3.2. Retrovision - Nationen, Kunst und Medien

3. Annäherungsversuch an die schottischen Nation
3.1. England, Schottland und der Act of Union
3.2. „Erwachen“ der schottischen Nation
3.3. Herausforderungen für das Westminster-Modell
3.4. Akteure in den Referendumskampagne 2014
3.4.1. „Yes Scotland“
3.4.2. „Better together“-Bewegung

4. Analyse der Referendumskampagne
4.1. Symbole
4.2. Mentalitäten
4.2.1. „Schotten sind sozialer“
4.2.2. „Schotten sind europäischer“
4.2.3. „Schotten sind friedlicher“
4.3. Materielle Kultur

5. Fazit

6. Anhang

7. Literatur- und Quellenverzeichnis
7.1. Literaturverzeichnis
7.2. Quellenverzeichnis:

II. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die1 Schottische Volksabstimmung über den Verbleib in Großbritannien im September 2014 bewegte für wenige Tage die Ganze Europäische Union. So kam es u.a. auf den internationalen Finanzmärkten zu Verwerfungen in der Befürchtung des Austritts. Im Deutschen Fernsehen wurde auf Kabel 1 der Hollywood-Film Braveheart, welcher über den Kampf der Schotten gegen England im 17.Jh spielt am Tag der Abstimmung ausge- strahlt. Darüber hinaus wurde eine Reihe von politischen Sondersendungen bzgl. des Referendums ausgestrahlt. Kurz vor dem Referendum gab es weitere Reformzugeständ- nisse vom Premierminister (engl. Prime Minister)2 David Cameron für mehr „Devoluti- on“.3 Bei dem Referendum wurde, wie ausgehandelt zwischen einer Zentralregierung und schottischer Regionalregierung über folgende Frage abgestimmt: „Should Scotland be an independent country?“4. Dabei kam es zu einem Ergebnis von 55,3% gegen eine Unabhängigkeit. Die Wahlbeteiligung mit dem Rekordwert von 84,6% weißt auf den immensen Mobilisierungsgrad der Kampagnen hin.5 Ein Ende des Konflikts ist nicht in Sicht, eine Abstimmung im Jahre 2017, womöglich auch schon 2016 von Großbritanni- en über einen EU Verbleib könnte die Diskussion über die schottische Eigenstaatlich- keit erneut aufflammen lassen.6

Der Wahlkampf für und gegen einen schottischen unabhängigen Nationalstaat wurde in allen Medien geführt. So wurden über Blogs, TV-Duelle, Wahlplakate und diversen Soziale Medien wie Facebook und Twitter ein Wahlkampf von Befürwortern und Geg- nern geführt.

Daraufhin stellen sich mir folgende Fragen:

Wie wurde die Geschichte in der schottischen Nationalbewegung instrumentalisiert? Wie sehen die Differenzen zwischen der „Yes-Scotland“-Bewegung und der „Better together“-Bewegung aus?

Daraus erschließt sich meine Arbeitshypothese, dass bewusst narrative Geschichte zur Argumentation in der Referendumskampagne genutzt wird.

Um die „Nation“ bzw. die „Nationalbewegung Schottlands zu erfassen, ist es notwendig zu Beginn eine theoretische Annäherung an die Terminologie „Nation“, „Nationalis- mus“ und „Nationalstaat“ zu vollziehen. Dafür wird der aktuelle Forschungsstand und somit eine Differenzierung zwischen subjektivistischer, objektivistischer bzw. substan- zialistischer und konstruktivistischer Definition von Nation dargelegt. Im nachfolgen- den Schritt wird die Grundlage für eine Analyse der Instrumentalisierung der Geschich- te mit einem theoretischen Zugang gelegt. Dabei wird die Nutzung von Medien und Geschichte in der Nation konkretisiert. Dieses wird anschließend nach einer kurzen Ein- führung in die Geschehnisse und die Akteure anhand der schottischen Nationalbewe- gung analysiert. Hierbei wird zwischen Befürwortern des Referendums, die sogenannte „Yes Scotland“-Bewegung und den Gegnern, der „Better together“-Bewegung differen- ziert. Als Quelle dient hierfür vor allem ein online-verfügbares Material von offiziellen Mitgliedern der Bewegungen und publizierte Quellen in Facebook und Twitter. Zudem dient das Scottish Political Archive (SPA) als zentrale Quelle, welches eine umfangrei- che Grundlage bildet. Dieses wird von der Universität zu Sterling geführt.

Die vorliegende Arbeit fokussiert sich somit an der Schnittstelle zwischen Nation, Medien und Geschichte. Begonnen wird nachfolgend mit dem aktuellen Forschungsstand zum Nationalismus.

2. Theoretischer Ansatz und Forschungsperspektive

Im nachfolgenden Abschnitt werden zunächst terminologische Abgrenzungen und De- finitionen in Bezug auf Nation, Nationalismus sowie Nationalstaat vollzogen. In diesem Kontext werden zudem die verschiedenen Forschungsperspektiven erläutert und in Ka- tegorien zusammengefasst. Insbesondere die Nation ist in den Sozialwissenschaften ein viel diskutierter Begriff, der seit den 80er Jahren eine neue Dynamik erreicht hat.7

Der Soziologe Norbert Elias bezeichnete das Potenzial des Nationalismus als „eines der mächtigsten, wenn nicht das mächtigste soziale Glaubenssystem des 19. und 20. Jahrhunderts.“8

Doch bevor die Terminologie selbst jedoch hinreichend erfasst wird, verweise ich auf eine vielzitierte Janusköpfigkeit des Nationalismus wie ihn Tom Nairn (1978) beschreibt. Diese Metapher bezieht sich auf die innere Diversität und Ambivalenz des Begriffes. So hat es gleichzeitig eine hohe integrative, aber auch gleichzeitig eine exklusive Wirkung auf die Gesellschaft, somit soll eine Einordnung in „gute“ und „schlechte“ Nationalismen verhindert werden. Dies betont Nairn im Folgenden:

„Der Punkt ist eben der, dass - wie die einfachste vergleichende Analyse erweist - alle Nationalismen zugleich gesund und krank sind“.9

Nachfolgend wird zunächst grundlegende Terminologie definiert und erklärt werden.

2.1. Annäherung an Nation, Nationalismus, Nationalbewegung und Nationalstaat

Im deutschsprachigen Raum befindet sich der Begriff erstmals 1774 in einer Schrift Johann Gottfried Herders. Nation stammt von dem lateinischen Begriff natio, der mit

Geburt, Geschlecht, Art, Stamm, Volk übersetzt werden kann.10 Seitdem hat es in nahe- zu jeder Sprache Einzug gefunden und wurde ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zur wichtigsten politischen Legitimationsinstanz.11 Insbesondere im Kontext des 1. Weltkrieges haben die Nation und der Nationalismus sich in Europa durchgesetzt. Benedict Anderson, einer der wohl derzeit einflussreichsten Nationalismusforscher, bezeichnet die Zugehörigkeit zu einer Nation und den damit verbundenen Nationalstolz als den „am universellsten Wert im politischen Leben unserer Zeit.“12 Die Nation scheint etwas zu vermitteln, welches dem Staat fehlt.

Unter Nationalismus wird im ersten Sinne ein Konglomerat aus politischen Ideen, Gefühlen und Symbolen verstanden und im zweiten Sinne als eine politische Bewegung. Im primären Sinne sind dies Symbole wie Flaggen, Name der Nation, Mythen und vieles mehr. Im sekundären Sinn versteht sich eher als eine Bewegung, welche zu Autonomie und nationalen Einheit strebt.13

Unter Nationalstaat wird die Übereinkunft von einer Nation und einem staatlichen Kon- strukt mit politischer Macht und Autonomie verstanden. Dabei ist offen, ob diese Selbstbestimmung innerhalb eines anderen Staatensystems stattfindet, in das man inte- griert ist, wie die Europäische Union oder als vollständig souveräner Staat außerhalb dieses Systems.14

Diese Abgrenzung zwischen Nation als Gruppe, Nationalismus als Bewegung bzw. als Konglomerat von Symbolen und Gefühlen und dem Nationalstaat als Übereinkunft zwischen der Nation und Staates, kann nicht immer trennscharf betrachtet werden und bilden daher Idealtypen. Nationalismus vermittelt als Ideenkonstrukt zwischen dem Individuum und dem Gemeinschaft, somit zwischen dem Universellen und dem Partikularen.15 Aufgrund dessen wird Nationalismus als eine spezifische Art und Weise der Gemeinschaft verstanden, die zwischen Mikro- und Makroebene agiert.

Im nächsten Schritt werden die unterschiedlichen Forschungsperspektiven bzgl. der Nation betrachtet, um die theoretische Grundlage für eine Kategorisierung zu legen.

2.2. Forschungsperspektiven und Forschungsdiskurs

Bei den Forschungsperspektiven wird in Adaption zu Borggräfe und Jansen (2007) eine Differenzierung zwischen subjektivistischer Definition, objektivistischer Definition und als konstruktivistischer Definition vorgenommen.16 Dieses Konzept wird erweitert, um den aktuellen Forschungsstand darzustellen.17

2.2.1. Subjektivistische Definition

Die ersten Schriften zur Nation begreifen diese als „große Kollektive, die auf einem grundlegenden Konsens ihrer Mitglieder beruhen.“18 Die Grundlage der Nation bildet somit einzig innere und zudem freiwillig geäußerte Überzeugung der Mitglieder.19 Der Franzose Ernest Renan hat in seiner Rede am 11. März 1882 an der Sorbonne die Nati- on als „ein Plebiszit Tag für Tag, wie das Dasein des einzelnen eine dauernde Behaup- tung des Lebens ist“20 bezeichnet. Somit beruht der Zusammenhalt der Mitglieder auf einer frei getroffenen Entscheidung der Bürger.21 Renan hat in seiner Rede auch die oftmals wiederholte These aufgebracht, dass Nationen Provisorien sind, die den Moder- nisierungsprozessen zum Opfer fallen:22 „Die Nationen sind nichts Ewiges. Sie haben einmal angefangen, sie werden einmal enden. Die europäische Konföderation wird sie wahrscheinlich ablösen.“23 Diese These wurde insbesondere durch den Zusammenbruch der Sowjetunion 1991, den aktuellen europäischen Nationalbewegungen und den erstarken nationalen Bewegungen in Südostasien widerlegt. Diese subjektive Art der Definitionen von Nation macht es leicht in die Nation einzutreten. Die Zugehörigkeit dazu wird einzig durch Willensakt und innerer Intention vollzogen.

Gegenüber dieser subjektivistischen Definition gibt es weitere Perspektiven, wie die objektivistische Perspektive.

2.2.2. Objektivistische Definition

Gegenüber der subjektivistischen Definition beruht die Zugehörigkeit zu einer Nation in der objektivistischen Definition nicht auf einem reinen Willensakt. Die Objektivistische Betrachtungsweise beruht auf Kriterien, die außerhalb des Einflusses der Individuen liegen.24 Die objektivistische Definition wird des Öfteren auch als primordiale, soziobi- ologische oder subjektivistische Theorie bezeichnet. Diese Abgrenzung kann auf ver- schiedenen Eigenschaften beruhen: Sprache, Kultur, Tradition, Religion, Abstammung, Geschichte, gemeinsames Tutorium, die Landesnatur, angeblich angeborene geistige oder psychische Eigenschaften (auch Volksgeist oder Volkscharakter bezeichnet).25 Zu diesen objektivistischen Theorien gehört auch die rassische Bestimmung der Nation über gemeinsame Abstammung und Blutsverwandtschaft.26 Abstammung und Bluts- verwandtschaft gehörte zu den exklusivsten und folgenreichsten Formen der Nation. Seinen negativen Höhepunkt hatte dies wohl in den Nürnberger Gesetzen von 1935.

Diese primordialen Einordnungen können noch durch interne Forschungslinien diffe- renziert werden. Wie Lammert darstellt unterscheidet Anthony Smith diese nochmal in drei Versionen:

„(1) Ethnische Identität wird als zentraler Bestandteil der menschlichen Existenz angesehen, (2) aus einer sozialbiologischen Sicht sind Ethnien und Nationen etwas natürliches und (3) ist Ethnizität eine gegebene und mächtige soziale Bindung, die Vor- rang vor allen anderen Bindungen zwischen Individuen besitzt.“27 Dieser Ansatz der Definition von Nation, die auf ethnischen und „natürlichen“ Eigen-schaften basiert, hat zur Folge, dass die Identität von Geburt an festgelegt ist. Damit wird die Zugehörigkeit zur Nation außerhalb der Entscheidungsmöglichkeit des Indivi-duums gesetzt.

Im deutschen Diskurs war vor allem Friedrich Meineckes Begriffsdefinition einfluss- reich und verbreitet. Meinecke Unterschied zwischen „Staatsnation“, in dem ein bereits vorhandener Territorialstaat eine nationalistische Ideologie instrumentalisierte und von „Kulturnation“, in denen die Nationenbildung dem Territorialstaat vorausging.28 Übertragen auf die hier benutze Einordnung gehört die Kulturnation zur objektivisti- schen Betrachtungsweise und die Staatsnation entspricht der subjektivistischen Defini- tion. Im nächsten Punkt wird die konstruktivistische Definition vorgenommen.

2.2.3. Konstruktivistische Definition

In den 90er Jahren wurde der moderate subjektivistische Ansatz wesentlich radikalisiert, indem die Idee der Nation als natürliche Ordnung dekonstruiert wurde und infolgedes- sen den Vorstellungen von nationalen Gemeinsamkeiten die Grundlage entzogen wur- de.29 Zu den bekanntesten Vertretern der konstruktivistischen Definition zählen im an- gelsächsischen Autoren Benedict Anderson, Ernest Gellner, Eric J. Hobsbawn und im deutschsprachigen Diskurs Rainer Lepsius. Das wohl bekannteste und inhaltstärkste Zitat zu dieser Sichtweise stammt von Anderson. Anderson sagt: „Sie (die Nation) ist eine vorgestellte politische Gemeinschaft - vorgestellt als begrenzt und souverän.“30 Begrenzt in dem Sinne, dass sich keine Nation mit der gesamten Menschheit gleichset- zen will und kann. Vorgestellt ist sie in dem Sinne, dass man denkt, dass ein Individu- um mit anderen Individuen, die einem nicht direkt bekannt sind, verbunden ist und so- mit eine vorgestellte Gemeinschaft also Nation bildet. Darauf begründet auch Gellner die Nation:

„Der Nationalismus steht somit für die Errichtung einer anonymen, unpersönli- chen Gesellschaft aus austauschbaren atomisierten Individuen, die vor allem an- deren durch eine solche gemeinsame Kultur zusammengehalten wird.“31 Die Nation wird somit als eine Vorstellung betrachtet. Die Gemeinschaft basiert auf der gleichen Kultur. Die Kultur wird als System verstanden, welches aus Ideen, Zeichen und Wegen, mit denen man in Kommunikation und Verhalten treten kann, verstanden wird.32 Somit ist Kultur die Art und Weise wie sich Gemeinschaften verständigen. Die- se diskursive Art der Nation benötigt ständige Erneuerung und Bestärkung der Nation. Die Integration der Individuen in die Nation erfolgt durch Symbole, Karten, National- hymnen, Flaggen und Flaggenehrungen, welche in Kombination mit informellen Grup- penzwang und Massenkommunikationsmedien und dem Erziehungssystem der Bevöl- kerung auch seinen Kindern beigebracht wird.33 Die Grundlage der Nation bildet, eine Vorstellung, dass die Nation bildende Gruppe auf einer Kommunikationsgemeinschaft basiert, das heißt, dass die Mitglieder auf gleiche Mittel und Normen der Kommunikati- on setzen. Diese Kommunikation wird als modernes Phänomen betrachtet und im Rah- men dessen hat Anderson dies mit der Erfindung des Buchdrucks und den damit einset- zenden Druckkapitalismus in Verbindung gesetzt.34

Ebenso behauptet Gellner, dass Nationen ein modernes Phänomen darstellen.35 Allge- mein wird die Entstehung der Nation mit der Industriellen Revolution verbunden und der damit einhergehenden Mobilisierung der Bevölkerung. Erst durch diese Mobilität wurde die Notwendigkeit geschaffen eine Identifikation zu schaffen. Die Nation bildet demnach ein Ort der Ruhe und der eigenen Verortung. Siegried Weichlein spricht daher von einer „funktional von ihrer vereinheitlichenden und integrierten Wirkung als Aus- druck der Modernität.“36 In immobilen Gemeinschaften wären Nationen nach Gellner, Anderson, Hobsbawn und weiteren nicht entstanden. Hastings (1997) geht bei der Verbindung zwischen Modernität und Nation weiter: „The basic characteristic of the modern nation and everything connected with it is modernity. “37 Hastings legt somit eine Kausalität zwischen Moderne und Nation an. Dabei wird Modernität mit einer Vielzahl von Veränderungen verknüpft. Eine ähnliche Behauptung hat Waldron (1985) aufgestellt und zwar, dass der Nationalismus erst in der Folge von Konflikten konstru- iert wird, ob diese Konflikte zwangsläufig aufgrund von Veränderungen der Moderne basieren bleibt dabei offen.38

Diese Position, der als von außen und innen konstruierten Gemeinschaft, ist aktuell die populärste im wissenschaftlichen Diskurs. Doch es existieren auch Positionen zwischen der radikal konstruktivistischen und der objektivistischen Position.

2.2.4. Zwischenposition

Zwischen den beiden Positionen der Nation als natürliches, der objektivistischen und der konstruktivistischen, der Nation als rein menschlich konstruiertes moderne Phäno- men gibt es eine Zwischenposition, die der Autor Anthony D. Smith einnimmt. Dieser sieht die Ursprünge in objektivistischen bzw. ethnischen Merkmalen, also, dass die ge- meinsame Herkunft mehr als ideologische Fiktion oder eine nachträgliche Konstruktion sei.39 Anthony D. Smith beschreibt dies anhand Polens, welches eine abwechslungsrei- che Staats und Nationbildung in der Geschichte erlebte.40 Zusammenfassend lässt sich hier sagen, dass die Ethnie die Grundlage oder den notwendigen Ursprung darstellt, aus der die Nation infolgedessen resultiert.

2.2.5. Die Nation ein volatiles Konstrukt

Aufgrund der Vielzahl der bereits vollzogenen Definitionsmöglichkeiten wird eine kur- ze Bestandsaufnahme vollzogen und eingeordnet. Je nach theoretischer Betrachtungs- weise werden die Faktoren der Nation unterschiedlich gewichtet. Diese Zusammenfas- sung basiert auf Miroslav Hroch und wird noch erweitert.41

- Nationen haben Rückbindungen zur Vergangenheit, also zur Geschichte.
- Jede Abhandlung kann objektive Faktoren nicht übergehen, bzw. fragt sich jede Abhandlung inwiefern objektive Faktoren eine Rolle spielen. Dabei wird nicht der Anspruch erhoben diese als Ursache zu betrachten, sondern deren Rolle und Instrumentalisierung.
- Der Modernisierungsprozess spielt immer eine Rolle, ob in Form des Buch- drucks oder der Industrialisierung oder auch der Alphabetisierung.
- Interessenkonflikte spielen immer eine Rolle, ob diese von der sozialen Zugehö- rigkeit oder ungleicher Modernisierungsentwicklung stammen. Dabei findet oftmals eine Exklusion von Gruppen statt.
- Es findet eine Verknüpfung von kulturellen und sozialpsychologischen Zusam- menhängen statt, die darin beinhaltete Frage ist, inwiefern Nationen oder Nationalismus Gefühlsmobilisierung oder irrationale Triebe sind.
- Gleichgültig ob Nationen konstruiert sind, können deren Existenz nicht geleug- net werden, weil viele Menschen diese als real betrachten. Jedoch ist es empirisch nicht nachprüfbar, Bielefeld schrieb bezeichnenderweise: „Letztlich erweist sich das Volk nur in seinen Symbolisierungen als real.“42

Diese Vielzahl von Faktoren werden, wie bereits angesprochen je nach Herangehens- weise unterschiedlich gewichtet und oder erweitert. Auf dieser Grundlage soll nachfol- gend eine Konzeptualisierung stattfinden, in denen Kategorien entwickelt werden. Die Kategorien sind fokussiert auf die Schnittstelle zwischen Nation - Geschichte und Ge- sellschaft.

2.3. Geschichte , Symbole und Nation

Aus diesen grundsätzlichen Forschungsperspektiven der Nation, wird im nachfolgenden Schritt dies weiter konkretisiert im Bezug auf Geschichte, Symbole und Mythen. Daraus wird dann eine Perspektive erarbeitet mit der die schottische Nationalbewegung und deren Nutzung der Geschichte untersucht werden kann. Dabei steht der Zusammenhang zwischen Mythen und deren politischen Instrumentalisierung in Kunst und Medien im Fokus.

Zu beachten sind, in Bezug auf historische Ereignisse, einige Einflussfaktoren. So sind geschichtliche Ereignisse wirkungsoffen. Der Einfluss auf die erlebende Generation ist je nach Ereignis immens, aber so kann es schon in den darauffolgenden Generationen nicht mehr relevant sein. Gleichzeitig ist in der erlebenden Generation, die Zeitgenossen das Ereignis selbst differenziert zwischen dem Pol der Sieger und Verlierer.43 So ist festzuhalten: „Der historische Vorfall, wenn er überhaupt wirkt, tut es uneinheitlich und kurzfristig.“44 Somit herrscht eine Bedeutungsdifferenz historischer Ereignisse. Dies ist relevant in Bezug auf die Konstruktion von Nationen, die zumeist auf einheitliche Geschehnisse Bezug nimmt, so sieht Anthony D. Smith das „ethnic communities“ neben anderen Faktoren durch „memories“ konstituiert werden.45

Daraus stellt sich die Frage, ob Geschichte eine nationale Homogenität stiftet? Solange die Zeitgenossen leben, existieren ihre unterschiedlichen Urteile über das Ereignis. Ist dieses Ereignis wichtig genug so wird es in das kulturelle Gedächtnis transferiert. Bis zu diesem Zeitpunkt, bis das Ereignis anhielt und nicht abschließend verarbeitet war, spal- tet es die Nation, doch sobald es im kulturellen Gedächtnis verankert ist herrscht eine einheitliche Sicht.46 So kann daraus festgehalten werden, dass: Gegenwart spaltet, und Vergangenheit homogenisiert. So sind Vergangenheiten weniger umstritten als die Ge- genwart. Dies beruht darauf, dass man im Konsens eine bestimmte Interpretation auf unterschiedliche Weise institutionalisiert hat.47 Dies kann durch den Eingang in Ge- schichtsbücher, Einführung von Feiertagen und anderem erfolgen.

[...]


1 Geschlechtsneutrale Sprachverwendung: In dieser Arbeit wird aus Gründen der Lesbarkeit auf die paral- lele Nennung von Personen männlichen und weiblichen Geschlechts („Migrantinnen und Mig- ranten“) verzichtet, wenn nicht gezielt auf ein Geschlecht Bezug genommen werden soll. Mit „Migranten“ werden sowohl Männer als auch Frauen bezeichnet.

2 Die deutsche Übersetzung der englischsprachigen Ausdrücke und Zitate im weiteren Verlauf der Arbeit gehen auf den Autor zurück.

3 Bei “Devolution” handelt es sich über einen englischen Fachbegriff welchen den Dezentralisierungspro- zess bzw. die Regionalisierung des Vereinigten Königreiches beschreibt. Dezentralisierung, Re- gionalisierung und Devolution werden nachfolgend Synonym benutzt.

4 Scottish Government. Agreement between the United Kingdom Government and the Scottish Govern- ment on a referendum on independence for Scotland. Edinburgh 15.10.2012. www.scotland.gov.uk/About/Government/concordats/Referendum-on-independence. [07.07.2015].

5 Vgl. FAZ_online. Ergebnis des Referendums. No! Schotten stimmen gegen Unabhängigkeit 19.09.2014. http://www.faz.net/aktuell/politik/referendum-in-schottland/ergebnis-des-referendums-no- schotten-stimmen-gegen-unabhaengigkeit-13161748.html. [19.06.2015].

6 Vgl. Tagesschau_online. Großbritannien und die EU. Woher rührt das britische Naserümpfen 24.06.2015. http://www.tagesschau.de/ausland/briten-eu-101.html. [19.06.2015].

7 Vgl. Eser, Patrick. Fragmentierte Nation - globalisierte Region?: Der baskische und katalanische Natio- nalismus im Kontext von Globalisierung und europäischer Integration. Bielefeld: transcript- Verlag, 2013. S.39.

8 Elias, Norbert. Ein Exkurs über Nationalismus. In: Studien über die Deutschen: Machtkämpfe und Habi- tusentwicklung im 19. Und 20. Jahrhundert. Frankfurt/Main. 1989. S.194.

9 Vgl. Nairn, Tom. Der moderne Janus. In: Nairn, Tom / Debray, Regis / Hobsbawn, Eric / Löwy, Micha- el (Hrsg.), Nationalismus und Marxismus. Anstoß zu einer notwendigen Debatte. Berlin: Rot- buch. 1978. S.27.

10 Nationalismus. In: dtv Atlas, 2. Aufl. München: dtv 2009. S.63.

11 Vgl. Borggräfe, Henning / Jansen, Christian. Nation, Nationalität, Nationalismus. Frankfurt/Main: Campus-Verlag. 2007. S.7.

12 Anderson, Benedict. Die Erfindung der Nation: Zur Karriere eines folgenreiches Konzepts. Frank- furt/Main: Campus-Verlag. 1996. S.12f.

13 Vgl. Borggräfe, Henning / Jansen, Christian. Nation, Nationalität, Nationalismus. Frankfurt/Main: Campus-Verlag. 2007. S.18-28.

14 Vgl. Ebd. S.28-32.

15 Vgl. Keating, Michael. Nations against the State. The New Politics of Nationalism. In: Quebec, Catalo- nia and Scotland. Houndmills: Macimillan. 1996. S.10f.

16 Hier ist zu verweisen auf die Vielzahl der Möglichkeiten die Forschungsperspektiven zu kategorisieren. So hat Llobera (1999) in Primordalist, Instrumentalist, Modernization und Evolutionary Theo- ries differenziert. Louis Writh (1936) kategorisiert es wiederum in Hegemony Nationalism, Par- ticularistic Nationalism, Marginal Nationalism und The Nationalism of Minorities. Zu nennen ist auch Guibernau (1996) der es in „natürlichen“ und als „modernes Phänomen“ untergliedert. Das Konzept von Borggräfe und Jansen (2007) wird genutzt, weil es den aktuellen Forschungsstand am besten differenziert und kategorisiert.

17 Eine vollständige Darstellung des Forschungsstands ist nahezu unmöglich, jedoch ist eine der Darstel- lung der dominanten Strömungen des Diskurses über Nationen möglich, welches im Folgenden vollzogen wird.

18 Borggräfe, Henning / Jansen, Christian. Nation, Nationalität, Nationalismus. Frankfurt/Main: Campus- Verlag. 2007. S.11.

19 Vgl. Ebd. S.11.

20 Renan, Ernest. Was ist eine Nation? Rede am 11.März an der Sorbenne. Hamburg: Europäische Ver- lagsanstalt. 1996. S.35.

21 Vgl. Ebd. S.35.

22 Vgl. Borggräfe, Henning / Jansen, Christian. Nation, Nationalität, Nationalismus. Frankfurt/Main: Campus-Verlag. 2007. S.9.

23 Renan, Ernest. Was ist eine Nation? Rede am 11.März an der Sorbenne. Hamburg: Europäische Ver- lagsanstalt. 1996. S.36.

24 Vgl. Borggräfe, Henning / Jansen, Christian. Nation, Nationalität, Nationalismus. Frankfurt/Main: Campus-Verlag. 2007. S.12.

25 Vgl. Llobera, Joseph R. Recent Theories of Nationalism. Barcelona: UAB. 1999. S.4-7.

26 Vgl. Borggräfe, Henning / Jansen, Christian. Nation, Nationalität, Nationalismus. Frankfurt/Main: Campus-Verlag. 2007. S.13.

27 Lammert, Christian. Nationale Bewegungen in Quebec und Korsika 1960-2000. Frankfurt/Main: Cam- pus-Verlag. 2004. S.18.

28 Vgl. Meinecke, Friedrich. Weltbürgertum und Nationalstaat. München: R. Oldenbourg. 1911. S.1-20.

29 Vgl. Borggräfe, Henning / Jansen, Christian. Nation, Nationalität, Nationalismus. Frankfurt/Main: Campus-Verlag. 2007. S.14.

30 Anderson, Benedict. Die Erfindung der Nation: Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Frank- furt/Main: Campus-Verlag. 1996. S.15.

31 Gellner, Ernest. Nations and Nationalism. Oxford: Basil Blackwell. 1995. S.89.

32 Vgl. Gellner, Ernest. Nationalismus und Moderne. Hamburg: Rotbuch Verlag. 1983. S.7.

33 Vgl. Deutsch, Karl W. Nationenbildung. Nationalstaat. Integration. Düsseldorf: Bertelsmann Universi- tätsverlag. 1972. S.44.

34 Vgl. Anderson Benedict. Die Erfindung der Nation: Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Frank- furt/Main: Campus-Verlag. 1996. S.44-46.

35 Vgl. Gellner, Ernest. Nationalismus und Moderne. Hamburg: Rotbuch Verlag. 1983. S.39-52.

36 Weichlein, Siegfried. Nationalbewegungen und Nationalismus in Europa. Darmstadt: WBG-Verlag. 2012. S.27.

37 Hastings, Adrian. The Construction of Nationhood. Ethnicity, Religion and Nationalism. Cambridge: University Press. 1997. S.10.

38 Vgl. Waldron, Arthur N. Theories of Nationalism and Historical Explanation. In: World Politics, Vol.37, No.3, 1985. S.433.

39 Vgl. Borggräfe, Henning / Jansen, Christian. Nation, Nationalität, Nationalismus. Frankfurt/Main: Campus-Verlag. 2007. S.15.

40 Vgl. Smith, Anthony D. The Antiquity of Nations. Oxford: Polity Press. 2004. S.96.

41 Vgl. Hroch, Miroslav. Das Europa der Nationen. Die moderne Nationsbildung im europäischen Ver- gleich. Göttingen: Vadenhoeck & Ruprecht. 2005. S.38.

42 Bielefeld, Ulrich. Die lange Dauer der Nation. In: Bielefeld, Ulrich / Engel, Gisela (Hrsg.). Bilder der Nation. Kulturelle und politische Konstruktion des Nationalen am Beginn der europäischen Mo- derne, Hamburg: HIS Verlagsgesellschaft. 1998. S.425.

43 Vgl. Hansen, Klaus P. Kultur, Kollektiv, Nation. Passau: Verlag Karl Stutz. 2009. S.154.

44 Ebd. S.154.

45 Smith, Anthony D. The Ethnic Origins of Nations. Oxford u.a.: Blackwell. 1988.

46 Vgl. Hansen, Klaus P. Kultur, Kollektiv, Nation. Passau: Verlag Karl Stutz. 2009. S.158.

47 Vgl. Ebd. S.159.

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Die Schotten und die Nation. Projektion und Rezeption von Nation in der schottischen Nationalbewegung
Untertitel
Geschichte und Nation als Argument
Hochschule
Universität Kassel  (Geschichte Großbritanniens und Nordamerikas)
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
49
Katalognummer
V374099
ISBN (eBook)
9783668512856
ISBN (Buch)
9783668512863
Dateigröße
1140 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nation, Geschichte, Rezeption, Nationalbewegung, Seperatismus, Nation-building, Nationalismus, Schottland, Großbritannien, Bettertogether, Yes-Scotland, Nationalstaat, InstrumentalisierungGeschichte, BREXIT, England, Unabhängigkeit, Eigenständigkeit, supranationalismus, Politik, Politikanalyse
Arbeit zitieren
Magnus Roth (Autor), 2015, Die Schotten und die Nation. Projektion und Rezeption von Nation in der schottischen Nationalbewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374099

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