Abenteuer Berlin. Die Stadt der Moderne um 1929 im kindlichen Erleben.

Am Beispiel von Erich Kästners „Emil und die Detektive“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
23 Seiten, Note: 2+

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Allgemeines
1. Kurze Biografie Erich Kästners
2. Überblick: Emil und die Detektive

III Analyse
1. Emil und seine ambivalente Einstellung zur Metropole
1.1 Emils Berlin-Bild vor seiner Ankunft
1.2 Das reale Erlebnis der fremden Großstadt
1.3 Berliner Bekanntschaften
1.4 Fortgang der Handlung:
Das neue Verhältnis zur Stadt
2. Neustadt und Berlin:
Zwei gegensätzliche Städte

IV Schlussbewertung

Quellenverzeichnis

I Einleitung

In der Zeit der Weimarer Republik entwickelte sich Berlin zu einer der modernsten Metropolen Europas. Durch den Anschluss zahlreicher umliegender Städte und Ge-meinden, die Erneuerungen im Städtebau und den – schon mit der Industrialisierung eingeleiteten – Fortschritt der Technik wandelte sich das Stadtbild Berlins wie in keiner anderen deutschen Stadt.

Die Großstadt stellte einen neuen Lebensraum für den Menschen dar, in dem er nicht länger als Individuum in der traditionellen kleinen Gemeinschaft, wie z.B. im Dorf, sondern in der modernen Massengesellschaft integriert war.

Diese äußere Urbanisierung stellte die Bedingung einer inneren Urbanisierung, die sich in der Anpassung des Bewohners an das Tempo seiner Stadt ausdrückte. Um mit der vom Menschen entwickelten, fortschreitenden Technik, z.B. Telefon, Radio, elektrisches Licht, mithalten zu können, musste er sich selbst ständig auf das neueste technische Niveau begeben.

Die Veränderungen waren mit einer Schnelllebigkeit verbunden, die gerade für das Berlin der zwanziger Jahre kennzeichnend war.

Viele zeitgenössische Berliner Schriftsteller versuchten, die neue Stadt und das durch sie verursachte Lebensgefühl festzuhalten und machten sie zum Thema unzähliger Romane, Gedichte, Feuilletons und Bilder.

Einer der bedeutenden Literaten dieser Epoche war der Wahl-Berliner Erich Kästner. Er schrieb anfangs vorwiegend für Erwachsene, bis er im Jahr 1929 mit ‚Emil und die Detektive’ seinen ersten Kinderroman publizierte.

Diese Kriminalgeschichte stellte eine Neuerung im Bereich der Kinderliteratur dar, da der Schauplatz der Handlung nicht – wie typischerweise in den bis dahin erschie- nenen Kinderbüchern – die Natur oder das Dorf war, sondern auf die Straßen der modernen Großstadt verlegt wurde. Die Idylle trat zugunsten der Alltagsrealität in den Hintergrund. Der Roman wird daher auch zur ‚Asphaltliteratur’ gezählt.

Kästner lässt Berlin aber nicht lediglich als austauschbare Stadtkulisse fungieren, sondern bindet es realistisch in das Geschehen ein und macht die Stadt selbst zum Thema, so dass das völlig neue Bild der Metropole unmittelbar erlebbar wird.

Die vorliegende Arbeit soll aufzeigen, auf welche Weise sich das Erlebnis Berlins am Ende der zwanziger Jahre in der Kinderliteratur darstellt. Allerdings können die Ergebnisse des Beispiels ‚Emil und die Detektive’ nicht verallgemeinernd für die Kinderliteratur der Weimarer Republik betrachtet werden.

II Allgemeines

1. Kurze Biografie Erich Kästners

Am 23. Februar 1899 wird Erich Kästner (eigentlich Emil Erich Kästner) offiziell als Sohn der später als Friseuse arbeitenden Ida Kästner und dem Sattlermeister Emil Kästner in Dresden-Neustadt geboren. Sein leiblicher Vater stellt sich später als der Hausarzt der Familie, Sanitätsrat Dr. Zimmermann, heraus. Kästner hat von Anfang an ein sehr enges Verhältnis zu seiner Mutter, was durch seinen späteren Auszug mit täglichen Briefen aufrechterhalten wird. Im Jahr 1906 wird er in die Volksschule in Dresden eingeschult und tritt anschließend 1913 ins Freiherrlich-von-Fletscher’sche- Lehrerseminar ein.

Zwischen 1917 und 1918 leistet er seinen Militärdienst und kehrt herzkrank aus dem Krieg zurück. Daraufhin schließt er die Lehrerausbildung ab, hospitiert am König-Georg-Gymnasium, dessen Schulzeitung von 1919 Kästners erste Veröffentlichung enthält, und absolviert im gleichen Jahr das Kriegsabitur, für welches er mit dem ‚Goldenen Stipendium der Stadt Dresden’ ausgezeichnet wird. Im Wintersemester 1919/20 nimmt er sein Studium in Leipzig auf und belegt Germanistik und Theater- geschichte, sowie Philosophie, Geschichte und Zeitungskunde. Zwei Semester studiert Kästner in Rostock und Berlin, um dann nach Leipzig zurückzukehren und 1925 zum Doktor der Philosophie zu promovieren. 1927 siedelt er nach Berlin über, um dort als Theaterkritiker, freier Mitarbeiter verschiedener Zeitungen und Buchautor (z.B. des Romans ‚Fabian’) zu arbeiten. Seinen ersten Kinderroman ‚Emil und die Detektive’ veröffentlicht er im Oktober 1929.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten erhält Kästner ein Publikations- verbot; sämtliche Arbeiten mit Ausnahme des ‚Emil’-Romans werden verboten und am 10. Mai 1933 auf öffentlichen Plätzen verbrannt. Er bleibt während des Krieges bis auf einige kurze Reisen in Berlin und wird zweimal kurzfristig verhaftet. Nach Kriegsende 1945 zieht Kästner nach München, gründet das erste Kabarett der Nachkriegszeit (‚Die Schaubude’) und wird Feuilletonredakteur der ‚Neuen Zeitung’.

In den darauffolgenden Jahren erhält er zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. das Große Bundesverdienstkreuz im Jahr 1959.

Am 29. Juli 1974 stirbt Erich Kästner in München an Speiseröhrenkrebs.

2. Überblick: Emil und die Detektive

Bei ‚Emil und die Detektive’ handelt es sich um einen Kriminalroman für Kinder, der in 18 Kapitel gegliedert ist und einen auktorialen Erzähler aufweist, der das Geschehen kommentiert und unterschiedliche Perspektiven einnimmt.

Der Protagonist des Kinderromans ist der etwa zwölfjährige Emil, der mit seiner Mutter in Neustadt wohnt und ihr zuliebe ein vorbildlicher Mustersohn ist. Allerdings war er an einem harmlosen Jungenstreich beteiligt und hat seither Angst vor der Poli- zei. Seine Mutter schickt ihn in den Ferien zum ersten Mal zur Großmutter nach Berlin und gibt ihm 140 Mark für sie mit. Im Zug sichert er das Geld in seiner An- zugjacke mit einer Stecknadel und sitzt später allein mit einem Mann mit Melone im Abteil, der sich als Herr Grundeis vorstellt. Emil schläft ein und hat einen aufwüh- lenden Traum. Als er aufwacht und feststellt, dass der Mann und die 140 Mark ver-schwunden sind, informiert er aus Angst nicht die Polizei, sondern steigt sofort hinter dem Dieb in dem ihm völlig fremden Berlin aus, um diesen zu verfolgen. In seiner Verzweiflung trifft er auf den Berliner Jungen Gustav, der seine Freunde mobilisiert und zusammen mit dem Professor die Verfolgung durch die Strassen Berlins organisiert. Herr Grundeis übernachtet in einem Hotel, in das sich Gustav zur Spionage als Bediensteter einschleicht. Am nächsten Tag umzingelt Emil mit hundert anderen Kindern des Stadtviertels den Dieb, der sich auf dem Weg durch Berlin zur Bank befindet. Dort entlarvt Emil ihn anhand der Löcher in den Geldscheinen und fährt mit mulmigem Gefühl mit auf das Polizeirevier. Der Dieb stellt sich als gesuchter Bankräuber heraus, woraufhin Emil eine Belohnung von 1000 Mark erhält und von dem Journalisten Kästner für eine Zeitung interviewt wird. Daraufhin reist Emils Mutter nach Berlin, um mit ihrem Sohn, ihrer Familie und den Detektiven den Erfolg zu feiern.

III Analyse

1. Emil und seine ambivalente Einstellung zur Metropole

Das moderne Berlin wird Emil schon vor seiner Reise als eine Stadt mit mehreren Gesichtern präsentiert; zum einen zeigt es sich positiv und beeindruckend, zum anderen negativ und beängstigend.

Um welche Bilder es sich im Einzelnen handelt und wie sich die jeweiligen Betrach- tungsweisen in Berlin selbst bestätigen bzw. fallengelassen werden, zeigt die folgende Analyse.

1.1 Emils Berlin-Bild vor seiner Ankunft

Noch bevor Emil aus seiner gewohnten, kleinstädtischen Umgebung nach Berlin fährt, bekommt er einen ersten Eindruck der Metropole. Im Dialog zwischen Frau Tischbein – Emils Mutter – und ihrer Kundin, die sich von ihr die Haare frisieren lässt, wird Emil und auch dem Leser die Stadt Berlin zum ersten Mal vorgestellt. Seine Mutter erzählt von Emils bevorstehender Reise, woraufhin der Erzähler die Kundin in direkter Rede von ihrem Erlebnis dieser Stadt, das sie anderthalb Jahre zuvor hatte, berichten lässt: „‚Berlin wird ihm sicher gefallen. Das ist was für Kinder. Wir waren vor anderthalb Jahren mit dem Kegelklub drüben. So ein Rummel! Da gibt es doch wirklich Straßen, die nachts genauso hell sind wie am Tage. Und die Autos!’“[1]

Berlin wird schon zu Beginn im positiven Sinn eingeführt. Die aufregende, vor allem für Kinder erlebnisreiche Metropole hat ihr ganz eigenes Leben, das durch die vielen Menschen als „Rummel“[2] erscheint, in diesem Sinne also an ein überdimensionales und fortwährendes Vergnügungsfest erinnert. Was vor allem hervorgehoben wird, ist der für den Kleinstädter unglaubliche Fortschritt der Technik, insbesondere der Elektrizität, der sogar, wie es den Anschein hat, die Tageszeiten außer Kraft setzen kann, so dass die Straßen auch in der Nacht, wie im Tageslicht, erhellt sind. Der Rummelplatz Berlin ist demnach ständig geöffnet; durch das künstlich erzeugte Licht gibt es keine nächtliche Ruhe- bzw. Erholungsphase mehr. Sehr beeindruckt ist die Kundin von den Autos, die sie zwar erwähnt, jedoch, immer noch überwältigt, nicht konkreter beschreibt; sie ist sprachlos. Die Autos stellen einen weiteren technischen Fortschritt dar und deuten schon im ersten Kapitel ein verändertes Tempo der Groß- stadt an. Dieses Bild des modernen Berlin, das Emil völlig fremd ist, weckt sein Interesse. Er will mehr erfahren, doch seine Mutter unterbricht besorgt sein Gespräch mit der Kundin und ermahnt ihn ungeduldig, sich für die Reise fertig zu machen.

Berlin wird aus der Sicht des Kleinstädters als eine andere, neue Welt dargestellt, demnach handelt es sich zunächst um ein einseitiges, subjektives Bild, das sich Emil und dem Leser offenbart.

Nachdem die Kundin gegangen ist und Emil mit seiner Mutter beim Essen sitzt, warnt sie ihn: „‚[...]. Und paß gut auf. In Berlin geht es anders zu als bei uns in Neustadt. [...].’“[3] Frau Tischbein fügt damit einen Kontrast zu dem bisher positiven Stadtbild hinzu, denn sie spricht eine mögliche Gefährdung des Jungen durch die Stadt aus, indem sie ihren Sohn dazu ermahnt, in der ihm unbekannten Stadt vorsichtig zu sein. Der pflichtbewusste Emil gibt ihr daraufhin sein Ehrenwort.

Die besorgte Mutter bringt Emil zum Bahnhof und erinnert ihn aus Angst, ihm könnte etwas passieren, zweimal daran, in Berlin am Bahnhof Friedrichstraße, an dem ihn seine Großmutter abholen soll, auszusteigen und „‚[...]ja nicht vorher [...], etwa am Bahnhof Zoo oder auf einer anderen Station!’“[4]

Des weiteren ermahnt sie ihn eindringlich, auf die 140 Mark für die Großmutter gut aufzupassen und sie nicht zu verlieren. Sie entwirft, im Gegensatz zu ihrer Kundin, ein Angstbild von Berlin.

[...]


[1] Erich Kästner: Emil und die Detektive. In: Ders.: Emil und die Detektive. Emil und die drei Zwillinge. Zwei Romane für Kinder, S. 29.

[2] Ebd.

[3] Ebd., S. 31.

[4] Ebd., S. 39.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Abenteuer Berlin. Die Stadt der Moderne um 1929 im kindlichen Erleben.
Untertitel
Am Beispiel von Erich Kästners „Emil und die Detektive“
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur)
Note
2+
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V37414
ISBN (eBook)
9783638367622
ISBN (Buch)
9783638654043
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit behandelt die Stadt Berlin in den 1920er Jahren aus kindlicher Perspektive am Beispiel von Erich Kästners 'Emil und die Detektive".
Schlagworte
Abenteuer, Berlin, Stadt, Moderne, Erleben
Arbeit zitieren
Lena Langensiepen (Autor), 2004, Abenteuer Berlin. Die Stadt der Moderne um 1929 im kindlichen Erleben., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37414

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