Die Machtkonzeption im Werk des Thukydides


Hausarbeit, 2014

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Formen der Macht
2.1 Mytilene
2.2 Melos

3. Moralisches Element der Macht

4. Dynamisches Element der Macht

5. Fazit

1. Einleitung

Mit seinem Werk über den Peloponnesischen Krieg hat der griechische Historiker Thukydides eine der bedeutendsten Schriften der Antike verfasst. Darin beschreibt Thukydides die Ereig­nisse, die zum Ausbruch des Peloponnesischen Krieges führten und versucht danach eine möglichst genaue Schilderung eben jenes Kriegsverlaufes. Dabei lässt sich erkennen, dass Thukydides Athen und deren Machtpolitik stark fokussiert. „Thucydides, in his approach to the problem of political power and its effect on history in general, through the mirror of his History in particular, thus stands at the beginning of a long development of historico- philosophic thought.”[1] Diese Machtkonzeption und deren Auswirkungen, wie der Althistori­ker Arthur Geoffrey Woodhead sie hier nennt, sollen in dieser Arbeit einer genauen Betrach­tung unterzogen werden. Dabei sollen im ersten Schritt an zwei Beispielen die unterschiedli­chen Formen der Macht, die Thukydides in seinem Werk skizziert, aufgezeigt werden. Im nächsten Schritt soll zu dieser Darstellung der einzelnen Machtformen noch ein moralisches Element herausgearbeitet werden. Schließlich soll im dritten Schritt dieser Betrachtung der thukydideischen Machtkonzeption mit einer näheren Beleuchtung eines dynamischen Ele­ments zum Abschluss gebracht werden.

2. Formen der Macht

2.1 Mytilene

Als 428 v. Chr. die Insel Lesbos mitsamt Mytilene beschloss, aus dem Bündnis mit Athen abzufallen und das Volk in Mytilene zu sammeln und zu bewaffnen, forderten die Athener von den Mytilenern, dieses Vorhaben zu unterbinden.[2] Als die Mytilener sich dieser Forde- rung widersetzten, erklärten die Athener ihnen den Krieg.[3] Im Zuge dieses Krieges blockier­ten die Athener die beiden Häfen von Mytilene.[4] Durch diese Blockade der Häfen sahen sich die Mytilener gezwungen, Sparta und dessen Verbündete um Hilfe zu bitten.[5] Nachdem die Spartaner Mytilene mitsamt Lesbos in ihren Bund aufgenommen hatten, kam es für eine kurze Zeit zu einem militärischen Wiedererstarken der mytilenischen Bevölkerung. Jedoch wurde dies von den Athenern durch die Belagerung von Mytilene zunichte gemacht.[6] Aufgrund die­ser misslichen Lage entschlossen sich die Mytilener dazu, die Verteidigung ihrer Stadt aufzu­geben und die athenischen Truppen einzulassen. Die Mytilener verständigten sich mit den Athenern, dass sie eine Gesandtschaft nach Athen ausschicken würden, damit dort bezüglich ihrer Angelegenheit beraten würde.[7] Kurz nach der Ankunft der mytilenischen Gesandtschaft, beschlossen die Athener, dass alle männlichen Bewohner von Mytilene getötet und Frauen und Kinder versklavt werden sollten. Am Tag nach dieser Urteilsverkündung hegten die Athener doch einige Zweifel an ihrer früheren Entscheidung und beriefen daher eine weitere Versammlung ein, um sich erneut über die Stadt Mytilene zu beraten.[8] Einer der Wortführer in dieser Debatte war der Athener Kleon, welcher an der ursprünglichen Entscheidung fest­hielt und sich somit für eine Hinrichtung der gesamten mytilenischen Bevölkerung aus­sprach.[9] Der Athener Diodotos hingegen versuchte die athenische Bevölkerung zu einer mil­deren Bestrafung zu bewegen, indem nur die Hauptschuldigen für den Abfall aus dem de- lisch-attischen Seebund bestraft werden sollten.[10] Letzten Endes konnte sich der Vorschlag von Diodotos durchsetzen. Somit wurden nur die für den Abfall verantwortlichen Mytilener bestraft.[11] Des Weiteren schliffen die Athener die Mauern von Mytilene und nahmen die mytilenische Flotte an sich.[12]

Betrachtet man die Schilderung des Thukydides in Bezug auf diese Debatte, so lässt sich hier­bei eine Form der Macht herausarbeiten, die sich als „institutional power“[13] bezeichnen lässt. Thukydides präsentiert hierbei somit eine Machtform, die auf der Grundlage einer sozialen oder politischen Einrichtung beruht. Im Verlauf der Reden von Kleon und Diodotos (Thuk.III, 37-49) wird deutlich, dass die Volksversammlung, welche aus athenischen Bürgern bestand (δήμος), diese politische Einrichtung darstellte. Dadurch, dass die athenische Volksversamm­lung sich nicht nur mit ihren eigenen Angelegenheiten, sondern sich auch mit anderen Poleis auseinandersetzt, fasst Thukydides demzufolge die athenische Demokratie als Machtform auf.[14] Das Schicksal der gesamten mytilenischen Bevölkerung hängt von der Entscheidung eines athenischen Gremiums ab. Dieser Gesichtspunkt zeigt und betont nochmals die Gewich­tigkeit der athenischen Volksversammlung. Diese entscheidende Rolle der Athener in der Mytilene-Debatte wird von Thukydides nicht explizit genannt, erscheint jedoch in Bezug auf die Auswirkungen ihrer Entscheidung offensichtlich. Dabei ist zu erwähnen, dass Thukydides den δήμος mitsamt der Volksversammlung nicht als einziges Element dieser Machtform skiz­ziert, sondern auch noch mit Einzelpersonen (Kleon und Diodotos) versieht, die, wie Bertrand Russell es formuliert, imstande sind „das Vertrauen der Maschinerie [dem Volk] zu gewin­nen“[15].

In seinem Geschichtswerk unterlässt es Thukydides, explizit Stellung zu den dargestellten Formen der Macht zu beziehen. Dies geschieht auch im Falle der athenischen Volksversamm­lung. Jedoch soll hierbei auf die Revidierung der ersten Entscheidung über Mytilene hinge­wiesen werden: „Schon manches Mal ist mir klargeworden, auch früher schon, daß die De­mokratie unfähig ist zur Herrschaft über andere Völker, vor allem aber jetzt bei eurer Reue wegen Mytilene“ (Thuk.III, 37). Der Athener Kleon äußert hier sehr explizit seine Skepsis und Abneigung gegenüber der athenischen Demokratie. Nach seiner Auffassung ist diese Reue der Athener bezüglich ihrer vorherigen Entscheidung, alle Mytilener hinzurichten, ein klares Anzeichen von Schwäche.[16] Im weiteren Verlauf seiner Rede attackiert Kleon die athe­nische Demokratie. So kritisiert er deren Wankelmütigkeit und Beeinflussbarkeit durch gut gehaltene Reden: „Was geschehen soll, beurteilt ihr nach einer guten Rede als möglich, was schon vollbracht ist, nicht nach dem sichtbaren Tatbestand, sondern verlaßt euch auf eure Oh­ren, wenn ihr eine schöne Scheltrede dagegen hört“ (Thuk.III, 38). In dieser Rede des Kleon könnte man ebenso die Sicht des Thukydides sehen, welcher hierbei seine Skepsis über die Macht des δήμος Kleon in den Mund gelegt hat.[17] Es ist sicherlich nicht gänzlich nachzuwei­sen, ob Thukydides tatsächlich hier seine eigene Kritik an der Demokratie formuliert oder ob er Kleon dem Diodotos, welcher die Demokratie verteidigt,[18] gegenüberstellt.

2.2 Melos

Im Jahre 415 v.Chr. fuhren athenische Flotten gegen die Insel Melos, eine Siedlung Spartas, um diese zu einem Bündnis mit ihnen zu zwingen.[19] Da die Melier sich gegen diese Aufforde­rung der Athener widersetzten, wurde eine Versammlung auf Melos einberufen, in der sich die Melier mit den Forderungen der Athener auseinandersetzen konnten.[20] Dabei äußerten die Athener den Vorschlag die Versammlung in Form eines Dialogs abzuhalten, in dem sich Me­lier und Athener in kurzen Gesprächspassagen gegenseitig abwechseln sollten.[21] Die Melier stimmten diesem Vorschlag zu.[22] In diesem abwechselnden Redemuster brachten die Athener ihre Argumente vor, die sie zur Übernahme von Melos berechtigen. So stellten die Athener die Melier vor die Wahl, sich entweder von ihnen unterwerfen zu lassen oder von den atheni­schen Truppen hingerichtet zu werden.[23] Trotz dieser Androhung beabsichtigten die Melier ihre Neutralität gegenüber den Athenern zu bewahren.[24] Im weiteren Verlauf dieses Dialogs argumentieren die Athener, dass sie aufgrund der Wahrung ihrer Herrschaft es nicht zulassen könnten, dass Melos und andere Inseln unabhängig seien.[25] Die Melier zeigten sich, da sie in jedem Falle versklavt werden würden, jedoch bereit, es auf eine Konfrontation ankommen zulassen.[26] So beriefen sich die Melier auf ihre Mutterstadt Sparta und hofften, dass diese ihnen bei der kommenden Auseinandersetzung mit den Athenern beistehen würde.[27] Schließ­lich zogen sich die Melier zur Beratung zurück und verkündeten den Athenern, dass sie nicht den Forderungen der Athener nachgeben wollen, sondern stattdessen auf die Hilfe Spartas hoffen. Daraufhin begannen die Athener die Stadt Melos zu belagern.[28] Als die Spartaner nicht mehr zu deren Rettung kamen, ergaben sich die Melier und wurden entweder hingerich- tet oder in die Sklaverei verkauft.[29]

Bevor man versucht die Schilderungen des Thukydides in seine Beschreibungen von Macht­verhältnissen und Machtformen einzuordnen, soll zuerst einmal auf die Form des Melierdialogs kurz eingegangen werden. Thukydides präsentiert die Lösung bzw. die Folgen der Situation auf Melos mit einem Dialog. Diese Gestaltung der Rede ist bei Thukydides nur an dieser Stelle zu finden.[30] Diese Sonderstellung wird nochmals betont durch die Anonymi­sierung der athenischen Gesandten und der Einwohner von Melos. Dadurch versucht Thukydides die Verantwortung in Bezug auf Melos nicht eindeutig nachzuweisen, sondern im Unklaren zu lassen.[31] Durch diese Form der sich abwechselnden Redepassagen gestatten es die Athener den Meliern, sofort Bezug zu nehmen auf deren Aussagen.[32] Demzufolge veranschaulicht der Melierdialog „the practicality of the public speech with the precision of dialectic.”[33] Diese Präzision machen bereits die Melier mehr als deutlich, als sie vor dem Ein­setzten des eigentlichen Dialogs bereits klarstellen, dass dieser entweder auf deren Verskla­vung oder Vernichtung hinführen wird.[34] Mit dieser Aussage werden sämtliche „diplomati­schen Gepflogenheiten“[35] unnötig und somit wird eine direkte und explizite Formulierung der athenischen Forderungen ermöglicht. Dadurch, dass die Athener es ablehnen eine lange Rede zu halten und bereits zu Beginn die Melier rhetorisch mit einbinden, wird für eine kurze Zeit der Eindruck erweckt, die Melier stünden den Athenern gleichwertig gegenüber, was aber in Anbetracht des athenischen Militäraufgebots und ihrer Forderungen nicht der Wirklichkeit entspricht.[36]

Wie bereits im Vorfeld des Melierdialogs deutlich wird, kommen die Athener mit der festen Absicht, die Insel Melos und deren Bewohner zu unterwerfen und das mit jedem möglichen Mittel. Dass dies auch Gewalt miteinschließt, wird in Thuk.V, 84 deutlich: „ ehe sie aber irgendwo Gewalt übten, schickten sie, um zuerst zu verhandeln, Gesandte.“ Den Einsatz von Gewalt bezeichnet Russell als „Macht, die sich nicht auf Tradition [Gewohnheit und Akzep­tanz] oder Zustimmung stützt.“[37]

[...]


[1] Woodhead (1970) 5.

[2] Vgl. Thuk. III, 2-3.

[3] Vgl. Thuk. III, 4.

[4] Vgl. Thuk. III, 5.

[5] Vgl. Thuk. III, 8-15.

[6] Vgl. Thuk. III, 18.

[7] Vgl. Thuk. III, 27-28.

[8] Vgl. Thuk. III, 36.

[9] Vgl. Thuk. III, 40.

[10] Vgl. Thuk. III, 48.

[11] Vgl. Thuk. III, 49.

[12] Vgl. Thuk. III, 50.

[13] Tritle (2006) 482.

[14] Vgl. hierzu: Tritle (2006) 483.

[15] Russell (2010) 43; Diesner erkennt diesen Aspekt des politischen Einflusses auch.

[16] Vgl. hierzu: Diesner (1980)

[17] Vgl. Thuk.III, 37.

[18] Vgl. hierzu: Woodhead (1970) 33.

[19] Vgl. Thuk.III, 42: „Die Beamten, die den Meinungsstreit über Mytilene abermals eröffnet haben, kann ich nicht rügen und das Eifern gegen die mehrmalige Beratung wichtiger Fragen nicht gutheißen.“

[20] Vgl. Thuk.V, 84.

[21] Vgl. Thuk.V, 84.

[22] Vgl. Thuk.V, 85.

[23] Vgl. Thuk.V, 88.

[24] Vgl. Thuk.V, 93.

[25] Vgl. Thuk.V, 94.

[26] Vgl. Thuk.V, 95.

[27] Vgl. Thuk.V, 96.

[28] Vgl. Thuk.V, 104.

[29] Vgl. Thuk.V, 112.

[30] Vgl. Thuk.V. 116.

[31] Vgl. hierzu: Macleod (1974) 387.

[32] Vgl. hierzu: Wille (2006) 28.

[33] Vgl. Thuk.V, 85.

[34] Macleod (1974) 389.

[35] Vgl. Thuk. V, 86; Macleod erkennt diesen wahren Zweck des Dialogs.

[36] Vgl. hierzu: Macleod (1974) 389. Will (2006) 101.

[37] Vgl. Thuk. V, 86; zur militärischen Stärke vgl. Thuk.V, 84 Russell (2010) 35.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Machtkonzeption im Werk des Thukydides
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V374156
ISBN (eBook)
9783668521292
ISBN (Buch)
9783668521308
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
machtkonzeption, werk, thukydides
Arbeit zitieren
Robin Beck (Autor:in), 2014, Die Machtkonzeption im Werk des Thukydides, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374156

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