Die Adaptionen antiker Literatur am Beispiel der Tragödie "Antigone" von Sophokles und Bertolt Brecht


Hausarbeit, 2013
13 Seiten, Note: 2,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Kurze Einführung in die Thematik
1.1 Einordnung in die Mythologie

2. Analyse der von Brecht vorgenommenen Neuerungen
2.1 Strukturelle Veränderungen
2.2 Inhaltliche Veränderungen
2.3 Sprachliche Veränderungen

3. Zeitgeschichtlicher Hintergrund

4. Resümee
4.1 Brechts Adaption heute

Literaturverzeichnis

1. Kurze Einführung in die Thematik

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Thema der Adaption am Beispiel der antiken Tragödie Antigone. Das Werk wurde ursprünglich von Sophokles verfasst und ungefähr 442/441 vor Christus uraufgeführt.[1] Die von Friedrich Hölderlin vorgenommene Übersetzung erschien im Jahr 1804.[2] Sie war die Grundlage für die in dieser Hausarbeit thematisierte Adaption von Bertolt Brecht aus dem Jahr 1947. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf den von Brecht vorgenommenen strukturellen, inhaltlichen und sprachlichen Veränderungen sowie deren Abhängigkeit zum zeitgeschichtlichen Hintergrund. Außerdem wird ein Ausblick auf die heutige Bedeutung des Werks Antigone gegeben.

Durch Bezugnahme auf eindeutige Zitate aus beiden Fassungen können zentrale Unterschiede festgemacht und mithilfe des zeitgeschichtlichen Hintergrundes die von Bertolt Brecht vorgesehene Funktion und dessen Intension erklärt werden.

1.1 Einordnung in die Mythologie

Bei dem Inhalt des Stücks Antigone handelt es sich vermutlich um eine thebanische Lokalsage, die von Sophokles zusammengetragen wurde.[3] Dieser setzt mit der Tragödie dort ein wo die thebanische Trilogie des Aischylos, welche im Jahr 467 vor Christus uraufgeführt wurde, endet. Somit ist zu sagen, dass Sophokles an diese Trilogie anknüpft.[4] Bevor er aber Antigone niederschrieb verfasste er zwischen 429 und 425 vor Christus die Tragödie König Ödipus, aus welcher der Familienstammbaum von Antigone und die Auslöschung des Geschlechts der Labdakiden hervorgeht.[5]

2. Analyse der von Brecht vorgenommenen Neuerungen

Als Bertolt Brecht seine Antigone Fassung in dem Jahr 1947 niederschrieb schwebte ihm keine Tragödie vor, wie sie einst von Friedrich Hölderlin, Walter Hasenclever und Jean Anouihl verfasst wurde. Er nahm sich die hölderlinsche Übersetzung aus dem Jahr 1804 als Textgrundlage, entschied sich aber für ein Antigonedrama, welches in erster Linie für die Bühne bestimmt ist. Dies begründet er mit der Aktualität und der politischen Parallelität zur Gegenwart.[6] Brecht entschloss sich sein Stück zu einem Modell werden zu lassen. Dazu fertigte er in Zusammenarbeit mit Casper Neher das Antigonenmodell 1948 an. In diesem Aufsatz werden das verpflichtende Bühnenbild, für welches Neher zuständig war, sowie die Kostüme und Requisiten aufgelistet.

2.1 Strukturelle Veränderungen

Friedrich Hölderlin, der die Antigone des Sophokles selbst übersetzte, behielt dessen klassischen Aufbau bei. Die Tragödie umfasst fünf Akte mit jeweils zwei bis drei Szenen. Die brechtsche Fassung ist dagegen nicht in Akte oder Szenen eingeteilt, dennoch hält sich Brecht an den antiken Ablauf der Tragödie.[7] Da Brecht aber im Gegensatz zu Hölderlin ein Bühnenmodell anfertigte, setzt er vor Beginn des eigentlichen Stücks ein einführendes Gedicht, welches einen Bezug zwischen der Antike und der Moderne herstellt.[8] Daraufhin folgt ein Vorspiel, welches die antike Tragödie über Antigone mit der Gegenwart in Verbindung bringt. Diese Einführung findet im April 1945 in Berlin statt. Zwei Schwestern kommen nach einem Bombenalarm aus einem Luftschutzkeller heraus und gehen zurück in ihr Haus. Dort finden sie ein Bündel mit Essen und eine Uniform. Sie vermuten, dass es sich um das Hab und Gut ihres Bruders handelt, welcher als Soldat im Kriegsdienst ist. Voller Freude bedienen sich die Schwestern an dem Essen und fragen sich, wo der Bruder ist. Ihre Überlegungen werden aber von einem lauten Schrei vor dem Haus unterbrochen. Die zweite Schwester möchte nachsehen, doch die erste Schwester hält sie zurück und so beschließen sie, nicht nachzuschauen, wer schrie. Als die beiden Schwestern später zur Arbeit aus dem Haus gehen, stellen sie fest, wer mit dem Schrei ihre Aufmerksamkeit erregt hat. Es war ihr Bruder, welcher vor ihrem Haus erhängt wurde. Die zweite Schwester eilt sofort mit einem Messer zu ihm und möchte ihn von der Schlinge um seinen Hals befreien, doch die erste Schwester hält sie wieder zurück. In diesem Moment kommt ein SS- Mann zu den Schwestern und dem erhängten Bruder. Der Mann fragt ob die Frauen den Deserteur kennen. Die erste Schwester verneint doch die zweite hält noch das Messer in der Hand mit dem sie den Bruder befreien wollte. Somit werden dem SS- Mann die Verhältnisse zwischen den Frauen und dem Deserteur klar.[9]

Die Parallelen zwischen dem Vorspiel und dem Bühnenstück Antigone lassen sich deutlich erkennen. So nimmt die erste Schwester die Rolle von Ismene und die zweite Schwester die Rolle der Antigone ein. Antigone möchte ihren Bruder Polyneikes begraben (im Falle des Vorspiels retten) aber Ismene hält sie davon zurück. Auch der SS- Mann ist im Stück wiederzufinden. Er steht für den König Kreon, welcher die Bestattung des Bruders verbietet. Um zu zeigen, dass solche schrecklichen Morde nicht nur zur Zeit der Antigone an der Tagesordnung stehen, sondern auch in der Gegenwart, wählte Brecht für das Vorspiel ein ironisch wirkendes Reimschema (Mut reimt er auf gut, Not wird auf Brot gereimt), welches einen starken Kontrast zum brutalen Inhalt darstellt.

Nach diesem Vorspiel folgt ein Prolog, bei welchem sich der Darsteller des Seher Tiresias an die Zuschauer wendet, indem er alle Figuren sowie kurz die Handlung der Tragödie einführt. Daraufhin nimmt das Stück seinen, wie schon von Hölderlin und Sophokles bekannten, Ablauf[10].

2.2 Inhaltliche Veränderungen

Um die antike Tragödie zu aktualisieren und ihr einen politischen Charakter zu verleihen hat Bertolt Brecht auch den Inhalt stellenweise verändert.

So setzt der Prolog der hölderlinschen Fassung mit einem verlorenen Krieg ein. Die Handlung in der Antigone von Brecht beginnt dagegen in einem Augenblick, in welchem der Sieg nicht weit entfernt zu sein scheint, aber aufgrund von fehlender moralischer Motivation nicht erreicht wird.[11] Auch die nötigen Vorinformationen werden bei Hölderlin und Brecht auf verschiedene Weisen an den Leser beziehungsweise Zuschauer gebracht. Bei Hölderlin erfährt der Leser in Form eines Dialogs zwischen den zwei Schwestern Antigone und Ismene wie die Situation aussieht[12] und bei Brecht durch einen Monolog von Antigone.[13] Der Inhalt beider Darstellungen ist aber gleich. Der Bruder von Antigone und Ismene, Eteokles, starb bei der Schlacht des Tyrannen König Kreon für die Stadt Theben gegen den verfeindeten Ort Argos. Dabei musste ihr anderer Bruder, Polyneikes, zusehen wie Eteokles von den Pferden der anderen Soldaten zertrampelt wurde. Nach Eteokles Tod wurde Polyneikes zum Deserteur und verließ die Schlacht in Richtung Theben. Dies missfiel dem König Kreon, welcher Polyneikes kaltblütig vor den Toren der Stadt umbrachte. Als weitere Strafe für sein Handeln gegen den Staat und dessen Oberhaupt verbietet Kreon, den Leichnam des Polyneikes, im Gegensatz zu dem des Eteokles, rechtmäßig zu begraben. Jeder der sich diesem Urteilsspruch des Kreon widersetzt hat mit einer Steinigung als Strafe zu rechnen. Antigone ist mit diesem Beschluss nicht einverstanden. Für sie steht fest, dass sie ihren Bruder nach dem göttlichen Recht begraben wird und somit die Anordnung des König Kreons nicht befolgen wird. Ismene, welche von Antigone gedrängt wird, ihr bei der Ausübung des verbotenen Planes zu helfen, ist entschieden gegen das Vorhaben ihrer Schwester, Polyneikes zu begraben. In beiden Fassungen argumentiert Ismene mit der Geschlechterfrage, sie und Antigone dürfen sich als Frauen nicht gegen den Mann (in diesem Fall König Kreon) stellen.[14] Dass Brecht gerade dieses Argument beibehalten hat, zeigt, dass er nicht das gesamte Stück Hölderlins abgeändert hat, um zeitgemäß zu sein. Das Argument weist auf das blinde Vertrauen der Menschen zu ihren Vorgesetzten während des Nationalsozialismus hin.

Das Stück wird in beiden Ausgaben mit dem Auftreten des Chors der thebanischen Alten fortgeführt, welcher in der hölderlinschen Fassung beschreibt, wie Polyneikes zu Tode kam.[15] In der Version von Bertolt Brecht glaubt der Chor an den Sieg und erzählt von der von König Kreon einberufenen Versammlung.[16]

Daraufhin kommt Kreon zu den Alten und eröffnet die Versammlung.[17] An dieser Stelle lässt sich deutlich eine Modernisierung des hölderlinschen Textes durch Brecht erkennen. Der König Kreon hält bei Brecht eine Rede über den Sieg, welcher noch gar nicht eingetroffen ist und erinnert den Zuschauer somit an die unzähligen Reden Adolf Hitlers, in welchen dieser ebenfalls den Sieg vorhergesagt hat, obwohl eine Niederlage vorhersehbar war.

Das Stück wird von beiden Autoren mit dem Auftritt eines Wächters weitergeführt. Dieser bringt Kreon die Nachricht, dass jemand Polyneikes begraben hat, der Täter aber unbekannt ist. Daraufhin stellt in beiden Fassungen der Chor der thebanischen Alten die Vermutung auf, dass es sich um eine von Gott ausgeübte Tat handelt. Die Reaktion Kreons auf diese Aussage ist ebenfalls in beiden Texten gleich. So wehrt Kreon in Brechts Bühnenstück die Alten mit den Worten „mir nehmen Einige einiges übel in der Stadt“[18] zornig ab.

Nach einem weiteren Chorlied der Alten folgt in beiden Stücken die Wiederkehr des Wächters. Dieser führt Antigone Kreon als mutmaßliche Täterin vor und berichtet, ihm wie man Antigone überführen konnte. An dieser Stelle veränderte Brecht die Mitteilung des Boten nicht. Die Wachen befreiten die Leiche des Polyneikes vom Staub und warteten auf einem Hügel bis sie Antigone sahen, die zu ihrem Bruder zurückkehrte und ihn wieder mit Staub begrub.[19] Es folgt die erste Auseinandersetzung zwischen Antigone und König Kreon. Diese beginnt in beiden Texten gleich. Kreon fragt Antigone, ob sie es war, die Polyneikes begraben hat. Antigone bejaht und wird gleich darauf von Kreon gefragt, ob sie von seiner Drohung wusste, alle Bürger zu steinigen, die sich seiner Anordnung widersetzen. Auch dies bejaht Antigone, woraufhin Kreon zornig wird. Ab dieser Stelle verändert Bertolt Brecht das Gespräch zwischen Kreon und Antigone. Während bei dem hölderlinschen Dialog Antigone das Wort ergreift und für ihre Tat argumentiert[20] geht der brechtsche Kreon auf die Beziehung zwischen ihm und Antigone ein. Weil die beiden blutsverwandt sind will er sie nicht gleich ermorden lassen, sondern gibt Antigone eine Chance sich zu entschuldigen. Doch Antigone schweigt dazu, denn ihrer Meinung nach hat sie das Richtige getan.[21] In dem folgenden Dialogabschnitt nimmt Antigone Bezug zum 3. Reich. Dies fällt vor allem durch die von Brecht verwendeten Worte, wie zum Beispiel Blut, Geschlecht, Krieg, Einigkeit oder Heimat auf.[22] Daraufhin sieht Kreon Antigone als Feindin an und schickt sie weg. Bevor Antigone weggebracht wird kündigt der Chor der thebanischen Alten Ismene an. Die Ankunft Ismenes lässt sich zu Beginn der zweiten Szene des zweiten Aktes auch bei der Hölderlin Übersetzung wiederfinden.[23] Brecht übernahm diesen Teil ohne Veränderung für sein Bühnenstück. Kreon fragt Ismene, ob sie ihrer Schwester beim begraben des Polyneikes geholfen hat. Ismene möchte einen Teil der Schuld auf sich nehmen, um ihrer Schwester zu helfen und bejaht deshalb. Daraufhin stellt Antigone aber klar, dass nur sie alleine bei Polyneikes war und weist somit die vermeintliche Schuld von Ismene ab. Im Anschluss verurteilt König Kreon Antigone endgültig zum Tod.

[...]


[1] Thomas Möbius: Sophokles Antigone. Hollfeld: Bange Verlag 2012, vgl. S. 19

[2] Sophokles: Antigone. Griechisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Norbert Zink. Stuttgart: Reclam 1981, vgl. S. 139

[3] Thomas Möbius: Sophokles Antigone vgl. S.18

[4] Helmut Flashar: Sophokles. Dichter im demokratischen Athen. München: Verlag C.H. Beck 2010, vgl. S. 6

[5] Bernd Matzkowski: Sophokles König Ödipus. Hollfeld: Bange Verlag 2013, vgl. S. 7

[6] Brecht, Bertolt: Die Antigone des Sophokles. Materialien zur >Antigone<. Zusammengestellt von Werner Hecht. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1981, vgl. S. 68

[7] Hans Curjel: Die Bühnenbearbeitung Bertolt Brechts, vgl. S. 124

[8] Bertolt Brecht: Die Antigone des Sophokles, vgl. S. 6

[9] Bertolt Brecht: Die Antigone des Sophokles, vgl. S. 9-14

[10] Hans Curjel: Die Bühnenbearbeitung Bertolt Brechts, vgl. S.124

[11] Bertolt Brecht: Die Antigone des Sophokles. Notizen zu Antigone, vgl. S. 112

[12] Friedrich Hölderlin: Die Trauerspiele des Sophokles. Übersetzt von Friedrich Hölderlin. 2Bbe. Frankfurt am Main: 1804, vgl. S. 5-11

[13] Bertolt Brecht: Die Antigone des Sophokles S. 15 V. 1-12

[14] Bertolt Brecht: Die Antigone des Sophokles, vgl. S. 15-18

[15] Friedrich Hölderlin: Die Trauerspiele des Sophokles, vgl. S. 11-14

[16] Bertolt Brecht: Die Antigone des Sophokles, vgl. S. 19

[17] Ebd. vgl. S. 19

[18] Bertolt Brecht: Die Antigone des Sophokles S. 23 V. 230 f.

[19] Ebd. vgl. S. 26f. Vers 327 bis 351

[20] Friedrich Hölderlin: Die Trauerspiele des Sophokles, vgl. S. 31f.

[21] Bertolt Brecht: Die Antigone des Sophokles, vgl. S. 28 V. 384- 388

[22] Ebd. vgl. S. 29-34

[23] Friedrich Hölderlin: Die Trauerspiele des Sophokles S. 36

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Adaptionen antiker Literatur am Beispiel der Tragödie "Antigone" von Sophokles und Bertolt Brecht
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
2,0
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V374164
ISBN (eBook)
9783668757073
ISBN (Buch)
9783668757080
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
adaptionen, literatur, beispiel, tragödie, antigone, sophokles, bertolt, brecht
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Die Adaptionen antiker Literatur am Beispiel der Tragödie "Antigone" von Sophokles und Bertolt Brecht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374164

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