Das Modell der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg

Eine kritische Betrachtung der Theorie im besonderen Hinblick auf die praktische Umsetzung


Hausarbeit, 2017
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Modell der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg
2.1. Allgemeines
2.2. Die vier Komponenten der GFK
2.2.1. Beobachtungen
2.2.2. Gefühle
2.2.3. Bedürfnisse
2.2.4. Bitten
2.3. Die Giraffe und der Wolf in der GFK
2.4. Die Konfliktlösung in der GFK
2.5. Das Menschenbild in der GFK

3. Kritik an der praktischen Umsetzung der GFK
3.1. Kritik Komponente 1 – Beobachtungen
3.2. Kritik Komponente 2 – Gefühle
3.3. Kritik Komponente 3 – Bedürfnisse
3.4. Kritik Komponente 4 – Bitten
3.5. Kritik am Menschenbild der GFK
3.6. Kritik an der praktischen Anwendung allgemein

4. Fazit

Literatur

Eigenständigkeitserklärung

1. Einleitung

Kommunikation – ohne sie wäre ein Zusammenleben der Menschen nicht möglich. Dabei tritt sie in den verschiedensten Formen zutage. Nicht immer hörbar ist Kommunikation vor allem auch in non-verbaler Weise das Mittel zwischen Menschen, sich auszutauschen, Gefühle zu zeigen und Nähe aufzubauen. „Man kann nicht nicht kommunizieren“[1] hat der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick bereits Mitte des 20. Jahrhunderts festgestellt. Umso wichtiger ist es zu verstehen, wie der Mensch kommuniziert und vor allem auch, wie Kommunikation besser werden kann.

Ein Modell zur gewaltfreien und damit besseren Kommunikation hat der US-amerikanische Psychologe Marshall B. Rosenberg entworfen. In diesem Modell geht es vor allem darum, wie die eigenen Bedürfnisse und Wünsche besser zum Ausdruck gebracht werden können, um so dem Grund von Gewalt und Wut auf den Grund zu gehen.

Vor allem der Aspekt der praktischen Umsetzung dieser Theorie soll in der vorliegenden Hausarbeit genauer betrachtet und kritisch beleuchtet werden. Dafür werde ich zunächst das Modell von Marshall B. Rosenberg in groben Zügen skizzieren und schließlich genauer auf die vier Komponenten der Theorie und ihre praktische Umsetzung eingehen. Aufgrund der nur begrenzten Möglichkeiten innerhalb dieser Hausarbeit werde ich mich bei der kritischen Auseinandersetzung lediglich auf die negativen Aspekte des Modells beziehen und nicht auf die Chancen und Möglichkeiten, die die Theorie der gewaltfreien Kommunikation ebenso bietet. Daher kann aus dieser Arbeit nicht geschlussfolgert werden, ob die Theorie gänzlich unzulänglich oder in der Praxis pauschal nicht umzusetzen ist. Somit wird sich mein abschließendes Fazit nicht auf die Theorie im Allgemeinen beziehen, sondern nur auf die kritisch zu sehenden Teilaspekte.

2. Das Modell der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg

2.1. Allgemeines

Wie Rosenberg zu Anfang seines Buches über die Gewaltfreie Kommunikation schreibt, war es ein Zwischenfall in seiner Kindheit, der ihn dazu veranlasste, sich mit dieser Thematik näher zu beschäftigen. Als Jude beschimpft und geschlagen wollte er eine Möglichkeit finden, die „Verbindung zu unserer einfühlsamen Natur selbst unter schwierigsten Bedingungen aufrechtzuerhalten“[2]. Schließlich wurde ihm bewusst, dass die Fähigkeit, einfühlsam zu bleiben, stark mit dem Gebrauch von Sprache in Zusammenhang steht.

Diese Erkenntnis hing unter anderem mit seinen späteren Erfahrungen als Therapeut zusammen. Unter Rosenbergs Patienten gab es überdurchschnittlich viele Frauen, die unter Depressionen litten. Dadurch wurde Rosenberg immer deutlicher bewusst, dass die Frauen nicht einfach krank waren und individuell geheilt werden mussten, sondern, dass es die gesellschaftlichen Strukturen waren, die Art, wie kommuniziert wurde, die diese Depressionen auslösten.[3] Aus dieser Erkenntnis entstand schließlich seine Theorie zur Gewaltfreien Kommunikation, im Folgenden auch GFK genannt. Den Begriff der Gewaltfreiheit definiert Rosenberg dabei im Sinne Gandhis: „Er meint damit unser einfühlendes Wesen, das sich wieder entfaltet, wenn die Gewalt in unseren Herzen nachläßt“[4].

Gewalt ist hier vor allem darauf bezogen, dass unsere Worte häufig zu Verletzungen oder Leid führen, bei anderen, aber auch bei uns selbst, und dies durch die Methoden der GFK verhindert werden kann. Ziel der GFK ist es, sich selbst klar und ehrlich auszudrücken und dabei den eigenen, grundlegenden Bedürfnissen auf die Spur zu kommen, ebenso wie anderen Menschen die eigene respektvolle und einfühlsame Aufmerksamkeit zu schenken und somit auch ihre Bedürfnisse anzuerkennen. Statt also zu diagnostizieren und zu beurteilen ist in der GFK die Artikulation der Beobachtung, des Gefühls und des damit verbundenen Bedürfnisses zentral: „Dadurch, daß die GFK die Betonung auf intensives Zuhören nach innen und nach außen legt, fördert sie Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Einfühlung und erzeugt auf beiden Seiten den Wunsch, von Herzen zu geben“[5].

Zentral ist dabei die Erkenntnis, dass nicht andere Menschen für unsere Gefühle verantwortlich sind, sondern wir selbst. Indem wir anderen die Schuld für unsere negativen Gefühle geben, indem wir ihre Handlungen bewerten und beispielsweise sagen „Du verletzt mich“, verändern wir die Situation nicht zu einem Besseren oder geben der anderen Person konkrete Hinweise auf unsere Bedürfnisse.[6] In diesem Punkt soll die GFK mit der Komponente der Beobachtung greifen und diese Schuldzuweisungen unterbinden. Die Theorie ist dabei nicht nur in engen privaten Beziehungen anzuwenden, sondern ebenso in Schulen, Organisationen, Institutionen, geschäftlichen Verhandlungen, aber auch Konflikten aller Art.[7] Rosenbergs Modell soll somit universell für jede Lebenslage einsetzbar sein.

2.2. Die vier Komponenten der GFK

Um dieses Ziel zu erreichen, gibt es vier Komponenten der GFK, die ich im Folgenden näher erläutern werde.[8] Einerseits sollen uns diese vier Komponenten ermöglichen, uns selbst, unsere Gefühle und Bedürfnisse auszudrücken, andererseits ebenso, diese „vier Informationsteile von anderen Menschen einfühlsam aufzunehmen“[9].

2.2.1. Beobachtungen

Die erste Komponente der GFK ist das Beobachten. Dabei ist vor allem von Bedeutung, in Konfliktsituationen so bewertungsfrei wie möglich zu beobachten, da Kritik häufig auf Gegenkritik stößt, das Problem jedoch nicht löst. Dies entsteht durch die Abwehrhaltung, die das Gegenüber meist einnimmt, wenn es sich angegriffen und kritisiert fühlt und somit sofort den Gegenangriff initiiert. Beispielsweise ist eine Aussage wie „Du bist wunderbar“ eine reine Bewertung, da die Person, die diesen Satz formuliert, nichts über ihre eigenen Gefühle preis gibt oder etwas beobachtend beschreibt. Die Grundfähigkeit, die man für eine wertfreie Aussage braucht, ist, die eigenen Empfindungen ausdrücken zu können. Dies ist die zweite Komponente in Rosenbergs Modell.[10]

2.2.2. Gefühle

Während wir unsere Beobachtungen erläutern, sollen wir nach Rosenberg ebenfalls aussprechen, wie wir uns bei dem Beobachten dieser Handlung fühlen.[11] Dabei ist das Gefühl von Wut, welches häufig Nährboden für Konflikte bietet, im Gegenteil zu Gefühlen wie Trauer oder Verzweiflung eines, welches wir nur dann empfinden, wenn wir noch nicht zu unseren dahinter liegenden Bedürfnissen vorgedrungen sind. Wut ist im Gegensatz zu den anderen genannten Emotionen ein Gefühl, welches sich nach außen richtet, auf den Gesprächspartner, und nicht nach innen: „Wut ist eine gegen andere gerichtete, verurteilende Energie, die Sie von einem [...] Zum-Ausdruck-Bringen des eigenen Schmerzes unterscheiden.“[12] Dies ist die Begründung Rosenbergs dafür, warum die GFK Konflikte löst: weil sie die eigentlichen Bedürfnisse hinter der Wut entdeckt und damit auch das Gefühl der Wut auflöst und in die zugrunde liegende Emotion wie Angst oder Hilflosigkeit verwandelt.[13]

2.2.3. Bedürfnisse

Dem Konzept der GFK folgend wird im dritten Schritt ausgesprochen, welches Bedürfnis hinter diesem Gefühl steckt. Dies ist wichtig, um dem Gegenüber deutlich zu machen, warum man sich beispielsweise über etwas ärgert. So soll Verantwortung für die eigenen Gefühle übernommen werden. Beispielsweise ist eine Aussage wie „Ich bin erleichtert, dass du zeitig zurückgekommen bist“ zwar eine Aussage über die eigenen Gefühle, hier die Erleichterung, und eine Beobachtung der gegebenen Situation, sie ist jedoch noch nicht mit den eigenen Bedürfnissen verbunden worden. Daher sollte nach Rosenberg noch ein Nachsatz folgen wie „Weil mir Sicherheit wichtig ist“. Dadurch kann das Gegenüber verstehen, warum der andere so fühlt.[14]

2.2.4. Bitten

Schließlich folgt als letzte Komponente eine spezifische Bitte, die dem Gesprächspartner deutlich macht, was er tun kann, um die eigene Lebensqualität zu verbessern und den Konflikt zu lösen, demnach also eine konkrete Handlung beinhaltet.[15] Eine Aussage wie „Ich möchte, dass du dich respektvoll verhältst“ ist dabei zum Beispiel nicht optimal gewählt, da „respektvoll“ eine Bewertung beinhaltet und je nach Person verschieden ausgelegt werden kann. Konkreter müsste die Bitte nach Rosenberg beispielsweise lauten: „Ich möchte, dass du den Leuten die Hand reichst, wenn du Ihnen zum ersten Mal begegnest und ihnen dabei in die Augen siehst“.

2.3. Die Giraffe und der Wolf in der GFK

Um die GFK sinnbildlich von der anderen, der normalen und laut Rosenberg häufig gewaltvollen Sprachverwendung abzugrenzen, hat Marshall B. Rosenberg zwei Tiere eingeführt, die die GFK veranschaulichen sollen: die Giraffe und der Wolf. Die Giraffe steht in der GFK für die friedvolle Kommunikation, da sie ein großes und leistungsstarkes Herz hat und es in der GFK darum geht, mit dem Herzen zu schauen und so über unsere Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen. Außerdem hat die Giraffe mit ihrem langen Hals den Überblick über die Situation und kann den Konflikt dadurch reflektiert betrachten. Der Wolf hingegen symbolisiert mit seinen spitzen Zähnen die gewaltvolle, trennende und damit häufig verletzende Sprache.[16]

2.4. Die Konfliktlösung in der GFK

Konflikte bestehen für Rosenberg immer auf der Strategieebene. Daher ist es für eine Konfliktlösung nicht wichtig, die Bedürfnisse auf einen Konsens zu bringen, sondern die Bedürfnisse zu klären und einen Konsens auf der Strategieebene zu erreichen. Somit ist die klare Trennung von Bedürfnissen und Strategien in der GFK essentiell.[17]

In den sogenannten Giraffenschulen, den Schulen, die die GFK praktizieren, werden Konflikte nach eben jenem vierschrittigen Muster und damit der gleichen Strategie gelöst. Dabei ist es jedoch nicht zwangsläufig der Lehrer, der den Streitschlichter darstellt, sondern die Schüler selbst. So setzen sich die Schüler zu dritt zusammen, wobei ein außenstehender Schüler als Vermittler agiert. Einer der beiden Streitenden bekommt dann ein paar Giraffenohren, der andere eine Giraffenhandpuppe. Derjenige mit der Puppe muss nun nach dem genannten Schema zunächst die Streitsituation beobachtend beschreiben, seine Gefühle nennen, die dahinter liegenden Bedürfnisse artikulieren und schließlich eine konkrete Bitte äußern. Der andere muss nun alles Gehörte wiederholen und somit zeigen, dass er empathisch zugehört hat. Der Vermittler fragt schließlich den anderen, ob er sich verstanden fühlt, der andere also alles richtig wiedergegeben hat. Wenn dies der Fall ist werden die Gegenstände getauscht, sodass nun der andere seine Beobachtungen, Gefühle, Bedürfnisse und Bitten artikulieren kann. So werden die Konflikte angegangen und gemeinsam eine Lösung gesucht.[18]

[...]


[1] Bender, S.: Die Axiome von Paul Watzlawick. Online unter: http://www.paulwatzlawick.de/axiome.html (15.12.16).

[2] Rosenberg, Marshall B.: Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. Paderborn 2011, S.21.

[3] Vgl. Rosenberg, Marshall B.: Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation. Ein Gespräch mit Gabriele Seils. 6. Auflage. Freiburg 2005, S. 11f.

[4] Rosenberg, Paderborn 2011, S. 22.

[5] Ebd., S. 23.

[6] Vgl. Rosenberg, Freiburg 2005, S. 13.

[7] Vgl. Rosenberg, Paderborn 2011, S. 27.

[8] Vgl. ebd., S. 21ff.

[9] Ebd., S. 26.

[10] Vgl. ebd., S. 25.

[11] Vgl. ebd., S. 25.

[12] Rosenberg, Freiburg 2005, S. 25f.

[13] Vgl. ebd., S. 25.

[14] Vgl. Rosenberg, Paderborn 2011, S. 25.

[15] Vgl. ebd., S. 25.

[16] Vgl. Lorenz, Susanne: Vier-Ohren Modell der gewaltfreien Kommunikation (GFK). In: Sl-Training.info (2015). Online unter: http://sl-training.info/vier-ohren-modell-der-gewaltfreien-kommunikation-gfk/ (07.12.2016).

[17] Vgl. Schneider, Maria T.: Das Modell der „Gewaltfreien Kommunikation“ nach Marshall Rosenberg – Anwendungen in der sozialen Arbeit. Neubrandenburg 2009. Online unter: http://digibib.hs-nb.de/file/dbhsnb_derivate_0000000366/Diplomarbeit-Schneider-2009.pdf (08.12.16), S. 72f.

[18] Vgl. Rosenberg, Freiburg 2005, S. 123.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Modell der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg
Untertitel
Eine kritische Betrachtung der Theorie im besonderen Hinblick auf die praktische Umsetzung
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V374184
ISBN (eBook)
9783668514140
ISBN (Buch)
9783668514157
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gewaltfreie Kommunikation, Kommunikation, Marshall B. Rosenberg, Kommunikationsmodelle
Arbeit zitieren
Nadine Henke (Autor), 2017, Das Modell der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374184

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