Das Interkulturelle Gedächtnis und der Begriff der Erinnerungskultur nach Jan und Aleida Assmann


Essay, 2017

6 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Das Interkulturelle Gedächtnis

Der Begriff „Erinnerungskultur“ nimmt seit einigen Jahren eine stetig größer werdende Rolle innerhalb politischer, historischer und auch gesellschaftlicher Diskurse sein. Im Grunde beschreibt dieser Terminus lediglich die Auseinandersetzung eines Individuums oder eines Kollektivs, z.B. einer ganzen Gesellschaft, mit ihrer Vergangenheit und ihrer Geschichte. Besonderen Gebrauch erfährt in den Diskursen der Erinnerungskultur der Begriff des kulturellen Gedächtnisses.

Die Definition des „kulturellen Gedächtnisses“, so wie es heute oftmals seine Verwendung findet, geht zurück auf die Kulturwissenschaftler Jan und Aleida Assmann, die sich in den letzten 25 Jahren intensiv mit den Themen des kulturellen Gedächtnisses, der Erinnerung und des Vergessens beschäftigt haben.

Nach einer kurzen Thematisierung des kulturellen Gedächtnisses im Assmann’schen Sinne soll eine Weiterführung des kulturellen Gedächtnisses auf ein interkulturelles Gedächtnis stattfinden. Hierzu wird ein praktisches und aktuelles Beispiel der deutsch-französischen Beziehungen, die seit Jahrhunderten immer wieder durch Konflikte geprägt ist, hinzugezogen werden.

Aleida Assmann nimmt in ihrer „Einführung in die Kulturwissenschaft“ (2011) eine wichtige terminologische Unterscheidung zwischen den Ausdrücken „Erinnerung“ und „Gedächtnis“ vor. Die semantischen Differenzen zeigen sich schon in den dazugehörigen Verben. Das Erinnern beschreibe somit die Tätigkeit, also die aktuelle Handlung des Zurückblickens auf Vergangenes, während das Gedächtnis hingegen, neben der Voraussetzung zum Erinnern, ein Sammelbegriff für Erinnerungen sei (2011: 182). Es handelt sich somit um einen biologischen Speicher, der zeitinvariant ist (Gedächtnis) und um den eigentlichen Zugriff auf diesen Speicher, der momentgebunden ist (Erinnerung).

Ein wichtiges Merkmal, dass Erinnerungen besitzen, ist ihre Instabilität: „[…] sie verändern sich im Laufe der Zeit durch immer neue Rekonstruktionen, die die Erinnerungen an das Selbstbild der jeweiligen Gegenwart anpassen.“ (2011: 183). Diese immer wieder durchlaufende Rekonstruktion von Erinnerungen ist in einigen Zusammenhängen besonders problematisch. Hierzu zählt besonders die Geschichtswissenschaft, die in vielerlei Hinsicht ihre Erkenntnisse aus den Erinnerungen von Zeitzeugen entnimmt. Verändert sich die Erinnerung des Zeitzeugen, ändert sich auch die Quellenlage für den/die Historikerin. Denn die Erinnerung ist keine exakte Abbildung des Vergangenen. Daher ist es in derartigen Kontexten absolut notwendig, dass sich diese Instabilität von Erinnerungen stets bewusstgemacht wird. Eine der vielen Unterscheidungen von Gedächtnissen, zeigt sich laut Assmann bereits an dieser Stelle. Sie unterscheidet zwischen dem „Ich-Gedächtnis“ und dem „Mich-Gedächtnis“ (2011: 184).

Ersteres zeichnet sich durch seine Bewusstheit, Intentionalität und Zugriff auf die Vergangenheit aus, während hingegen das „Mich-Gedächtnis“ nicht bewusst steuerbar und voll zugänglich ist. Es wird durch äußere Reize aktiviert. Eine weitere Unterscheidung von Gedächtnisformen, hat Assmann aus der Psychologie entnommen. Die Psychologie differenziert das Gedächtnis in episodisches, semantisches und prozedurales Gedächtnis.

Im episodischen Gedächtnis sind all die Erinnerungen gespeichert, die ein Mensch während seines Lebens erfährt. Es ist damit hochgradig individuell und macht die Identität des Menschen aus. Es ist daher, ebenso wie das Ich- und Mich-Gedächtnis autobiographisch (2011: 185). Das semantische Gedächtnis hingegen beinhaltet Wissen und Erinnerungen, die gezielt erlernt wurden, zum Beispiels mathematische Fähigkeiten. Im Gegensatz zum episodischem Gedächtnis ist es stets erweiterbar und kulturell geprägt. In schriftlosen Kulturen, die ihr Wissen mündlich tradieren, ist es der Aufbewahrungsort des kulturellen Gedächtnisses für eben jene Kulturen (2011: 186). Im prozeduralen Gedächtnis speichern wir Fertigkeiten ab, die in relativer Abhängigkeit vom Unterbewusstsein ablaufen (z.B. Auto fahren oder ein Instrument spielen). Auch habitualisierte Handlungen sind Teil des prozeduralen Gedächtnisses. Anders wie das semantische oder episodische Gedächtnis, lässt sich das prozedurale Gedächtnis weder in Wort noch Bild auslagern. Es ist fest im Menschen verankert.

Vor diesem Hintergrund ergibt sich eine erneute Differenzierung, wie Assmann aufzeigt: „[…] das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft [gliedert sich] in zwei Bereiche, die sich wie Hinter- und Vordergrund zueinander verhalten: ein Speichergedächtnis und ein Funktionsgedächtnis.“ (2011: 188). Das Speichergedächtnis, das auch als passives Gedächtnis bezeichnet werden kann, enthält eine Sammlung von (historischen) Quellen, Daten und Objekten, die zeitinvariant sind. Hingegen ist das Funktionsgedächtnis, das aktive Gedächtnis, identitätsbildend für ein Kollektiv. In ihm sind die Bestände an Überlieferungen (bspw. Feiertage, Bräuche, etc.), die für das Kollektiv relevant sind, gespeichert.

Im Diskurs, ob es überhaupt ein kollektives Gedächtnis geben kann positioniert sich Assmann tendenziell eher auf die Seite des Soziologen Maurice Halbwachs, der die Ansicht verfolgte, dass Menschen kein individuelles Gedächtnis entwickeln, sondern immer Teil eines kollektiven Gedächtnisses sind. Ein solch kollektives Gedächtnis sei aber nicht allein auf Klein- sondern auch auf Großgruppen anzuwenden. Hier betont Assmann jedoch, „[…], dass solche Einheiten kein kollektives Gedächtnis haben, sondern sich eines machen mithilfe unterschiedlicher symbolischer Medien […].“ (Hervorhebungen im Original; 2011: 189). Es bilde sich somit eine Wir-Identität, die unabhängig von der individuellen Herkunft ist, sondern vielmehr in Form von Teilhabe am und Lernen vom Kollektiv erworben wird.

Nach diesen Erklärungen wird bereits ansatzweise deutlich, worauf der Begriff des „kulturellen Gedächtnisses“ hinausläuft. Eine eindeutige Definition fehlt an dieser Stelle dennoch. Jan Assmann beschrieb 2006 das kulturelle Gedächtnis als „die Tradition in uns, die über Generationen, in jahrhunderte-, ja teilweise jahrtausendelanger Wiederholung gehärteten Texte, Bilder und Riten, die unser Zeit- und Geschichtsbewusstsein, unser Selbst- und Weltbild prägen.“ (Assmann 2006: 70). Nach Harald Welzer weist das kulturelle Gedächtnis somit zwei prägnante Merkmale auf:

1. die Identitätskonkretheit, also das gesammelte Wissen einer Wir-Gruppe und die Bedeutung dieses Wissens für die Gruppe und 2. die Rekonstruktivität, d.h. das Wissen der Wir-Gruppe bezieht sich auf die Gegenwart (Welzer 2004: 168).

Nachdem zumindest der Terminus des kulturellen Gedächtnisses geklärt zur sein scheint, soll nun näher auf die Thematik des interkulturellen Gedächtnisses eingegangen werden. Dies erscheint jedoch auf den ersten Blick schwierig, da es keine allgemeingültige Definition zum interkulturellen Gedächtnis gibt. Ähnlich wie bei der Deutung der „Interkulturellen Kommunikation“ lässt der Begriff „Interkultur“ bzw. „Interkulturalität“ großen Spielraum für Interpretationen.

Viele Deutungsversuche wie die von Ten Thije, Müller-Jacquier und Bolten bewerten die Interkultur aus linguistischer bzw. interaktionistischer Sicht. Gemeint ist eine Zwischenkultur, die sich aus dem Kontakt verschiedener Kulturen herausbildet und auch aus kulturwissenschaftlicher Sicht interessant ist (Lüsebrink 2016: 51). Nach Bolten fokussiere die Interkulturalität auch Interaktionsprozesse, die sich nicht nimmer kulturvergleichend oder kulturkontrastiv anwenden ließen (Bolten 1995: 29). Dieser Erklärungsansatz erscheint für die Definition des interkulturellen Gedächtnisses am sinnvollsten. Somit könnte das interkulturelle Gedächtnis definiert werden als: das Gedächtnis einer Wir-Gruppe, mit Angehörigen verschiedener Kulturen, die über einen gemeinsamen Fundus an Wissen und Geschichtsbewusstsein verfügen, das über Generationen hinweg prägend sind.

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Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Das Interkulturelle Gedächtnis und der Begriff der Erinnerungskultur nach Jan und Aleida Assmann
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
6
Katalognummer
V374254
ISBN (eBook)
9783668515932
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kulturelles Gedächtnis, Erinnerung, Interkulturelles Gedächtnis, Assmann, Kulturwissenschaft
Arbeit zitieren
Ivonne Wüsthof (Autor), 2017, Das Interkulturelle Gedächtnis und der Begriff der Erinnerungskultur nach Jan und Aleida Assmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374254

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