„Das an der Südwestküste Afrikas gelegene Namibia ist wahrhaftig ein Land merkwürdiger Kontraste. Trotz seiner Größe ist das Land eins der am dünnsten besiedelten Länder Afrikas mit einer geschätzten Einwohnerzahl von 1,83 Millionen Menschen. Die Bevölkerung Namibias ist vielfältig und variiert vom Hirtenvolk der Himba im Nordosten und San im Osten zu Weißen europäischer Herkunft“, kann der interessierte Leser auf der Website der nambischen Botschaft in Deutschland erfahren.
Innerhalb dieser weißen Bevölkerungsgruppe stellt die deutschstämmige Minderheit mit ihren rund 20.000 Mitgliedern nach den Buren den zweitgrößten Exponenten. Trotz ihrer vergleichsweise geringen Zahl besitzen sie aufgrund ihrer ökonomischen Potenz eine große Bedeutung für das erst seit 21.03.1990 unabhängige Land. Ihre Existenz kann aber nur verstanden werden, wenn ihre Entstehungsgeschichte im Kontext des Kolonialismus des späten 19. Jahrhunderts betrachtet wird. Daher wird ein Schwerpunkt dieser Arbeit auf der Beleuchtung der historischen Zusammenhänge liegen. Dies unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Kolonialzeit, welche zwar nur rund 30 Jahre von 1884 bis 1915 umfaßte, aber aufgrund ihrer Prägekraft noch heute massive Spuren im psychischer und physischer Form hinterlassen hat. Weiterhin soll ein zweiter Schwerpunkt auf der heutigen Situation der Deutsch-Namibier liegen. Dabei werden folgende Fragen im Mittelpunkt stehen: Existiert eine spezifisch deutsche Identität im Land?
Falls ja, wie manifestiert sich diese und welche Ursachen hat sie?
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Historische Entwicklung
1. Früh- und Missionszeit
2. Exkurs: Kolonialismus
3. Deutsche Kolonialzeit
a) Herero-Krieg
b) Erster Weltkrieg
c) Resümee Kolonialzeit
4. Zwischenkriegszeit
5. NS-Zeit
6. Nachkriegszeit
7. Unabhängigkeit
a) Landreform
III. Identität
1. Entwicklungslinien
IV. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entstehungsgeschichte und die heutige Situation der deutschstämmigen Minderheit in Namibia, um zu analysieren, ob eine spezifische deutsche Identität existiert und wie sich diese manifestiert.
- Die historische Genese der deutschen Kolonialzeit in Südwestafrika (1884–1915).
- Die Auswirkungen der kolonialen Herrschaft und des Aufstandes von 1904 auf die Bevölkerung.
- Die politische und soziale Entwicklung der Deutsch-Namibier im 20. Jahrhundert unter südafrikanischer Verwaltung.
- Die Rolle der Landreform und aktuelle Herausforderungen in der post-unabhängigen Gesellschaft.
- Die Konstruktion und Wahrnehmung der Identität der Deutsch-Namibier im heutigen Kontext.
Auszug aus dem Buch
a) Herero-Krieg:
Am 12.01.1904 erhoben sich die Herero und töteten 120 weiße Siedler, wobei sie bewußt Frauen, Kinder und Missionare verschonten und diese z.T. sogar bis zu deutschen Siedlungen eskortierten. Nach der umgehenden Meldung dieser Vorfälle in das Deutsche Reich erfolgte innerhalb kurzer die Entsendung von Tausenden Soldaten (letztlich waren es 14.000) und einiger Geschütze. Am 11.06.1904 übernahm Generalleutnant Lothar von Trotha, welcher bereits Erfahrung und zweifelhaften Ruhm bei der Niederschlagung von Aufständen in Deutsch-Ostafrika und China erworben hatte, den Oberbefehl über die Truppen. Obwohl die Herero einige Tausend zum Großteil auch mit Gewehren bewaffnete Kämpfer aufbieten konnten, war ihr Schicksal gegen die waffen- und ausbildungstechnisch weit überlegenen Deutschen schon relativ früh besiegelt.
Den Kolonialtruppen gelang es, einen Großteil des Herero-Stammes am Waterberg einzukreisen. Nach der Schlacht am 11.08.1904, welche die Schutztruppe für sich entscheiden konnte, brach der Großteil des Volkes an der schwächsten Stelle des Umschließungsringes durch, und floh in die Omaheke-Wüste. Daraufhin ließ von Trotha die Fliehenden verfolgen, und die lebensnotwendigen Wasserstellen besetzen. Als Folge dieses Vernichtungsfeldzuges kamen Tausende Herero in der Wüste um. Eindrucksvoll wird dies durch die Worte des Herero-Historikers Alex Kapatu deutlich, welcher die mündlichen Überlieferungen seines Volkes niederschrieb:
„Wenn sie an einen Sandbrunnen kamen, und es gab Wasser, dann tranken die Krieger. Die Frauen tranken nicht, damit die Krieger Kraft hätten zu kämpfen. [...] Viele von ihnen, wenn sie zu einer großen Pfanne kamen , in der vielleicht Wasser stand, tranken nur und fielen dann tot um. Wenn sie vielleicht an einen Sandbrunnen kamen, und der hatte kein Wasser mehr, und es lag ein Toter dort, dann schnitten sie ihrem Freunde den Magen auf, um das Wasser zu trinken. Sie konnten nicht anders.“
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die kontrastreiche Situation Namibias und formuliert die Forschungsfrage zur Existenz und Ursache einer spezifisch deutschen Identität im Land.
II. Historische Entwicklung: Dieses Kapitel zeichnet den Weg von der Früh- und Missionszeit über die Kolonialherrschaft, die Kriege und die Apartheidsära bis zur Unabhängigkeit Namibias nach.
III. Identität: Der Autor untersucht hier die Entwicklungslinien des Selbstverständnisses der deutschstämmigen Minderheit und analysiert die Konstruktion ihrer Identität als Produkt historischer Umstände.
IV. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel rekapituliert die zentralen historischen Zäsuren und die daraus resultierende heutige gesellschaftliche Positionierung der deutschen Bevölkerungsgruppe.
Schlüsselwörter
Namibia, Deutsch-Namibier, Kolonialismus, Deutsch-Südwestafrika, Herero-Krieg, Genozid, Identität, Landreform, Apartheid, SWAPO, deutsche Minderheit, Kolonialgeschichte, Siedler, Unabhängigkeit, deutsche Kultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Geschichte und Identität der deutschstämmigen Minderheit in Namibia vor dem Hintergrund ihrer kolonialen Vergangenheit und der heutigen gesellschaftlichen Situation.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Kolonialismus, der Genozid an den Herero, die Zeit unter südafrikanischer Verwaltung sowie die heutige politische und soziale Rolle der Deutsch-Namibier.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es zu ergründen, ob eine spezifische deutsche Identität in Namibia existiert, wie sie sich manifestiert und welche historischen Ursachen ihr zugrunde liegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historischen Analyse unter Einbeziehung relevanter wissenschaftlicher Monographien und Quellen zur deutschen Kolonialgeschichte sowie soziologischer Identitätsstudien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte chronologische Aufarbeitung der Geschichte von der Missionszeit bis zur Unabhängigkeit sowie eine Analyse des Identitätsbegriffs der deutschstämmigen Minderheit.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Deutsch-Namibier, koloniale Prägung, Identitätskonstruktion, Landreform und das Verhältnis zur heutigen Bundesrepublik Deutschland.
Welche Rolle spielt der Herero-Krieg für das Selbstverständnis?
Der Krieg gilt als ein Schlüsselereignis der namibischen Geschichte, das sowohl das traumatische Gedächtnis der Herero als auch die Identitätsbildung der schwarzen Befreiungsbewegung maßgeblich geprägt hat.
Wie bewertet der Autor das Verhältnis zur BRD?
Das Verhältnis wird als ambivalent beschrieben, geprägt durch einen ständigen Rekurs auf Deutschland als historischen Herkunftsort bei gleichzeitiger bewusster Abgrenzung von der als "dekadent" wahrgenommenen deutschen Gesellschaft.
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- Patrick Schweitzer (Author), 2005, Deutsche in Namibia, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37433