Interkulturelle systemische Beratung im Kontext reflexiver Verflüssigung kultureller Stereotype


Masterarbeit, 2017
68 Seiten, Note: 1,3

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Inhaltsverzeichnis

I. Abbildungsverzeichnis

II. Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Zielsetzung und zentrale Forschungsfrage
1.2 Aufbau der Masterthesis

2 Kulturdeutungen und -perspektiven
2.1 Kulturdefinitionen und -begriffe in einem zeitlichen Kontext
2.2 Kultur in einem interkulturellen Kontext
2.3 Kultur in einem veränderbaren Kontext
2.4 Kultur in einem sprachlichen Kontext
2.5 Kultur in einem radikal konstruktivistischen und sozial konstruktionistischen
Kontext
2.6 Zwischenfazit

3 Die Wirkung der systemischen Theorie und Praxis auf interkulturelle Kontexte
3.1 Grundlegende Annahmen der systemischen Theorie
3.1.1 Systeme aus einer systemtheoretischen Perspektive
3.1.2 Die Autopoiesis
3.1.3 Systeme und Autopoiesis im Kontext der interkulturellen Beratung
3.1.4 Sinn und Komplexitätsreduzierung
3.1.5 Kommunikation und doppelte Kontingenz
3.1.6 Komplexitätsreduzierung und doppelte Kontingenz im Kontext der interkulturellen Beratung
3.1.7 Die Beobachtung der Beobachtung
3.1.8 Beobachtung in einem interkulturellen Kontext
3.2 Haltungen und Ablauf von Beratung in einem interkulturellen Kontext
3.2.1 Haltung als interkulturelle Kompetenz
3.2.2 Wie kommt ein gutes „Joining“ zustande?
3.2.3 Anliegen und doppelte Auftragsklärung
3.2.4 Einführung erster Methoden in den Beratungsprozess

4 Praxisbeispiele
4.1 Methodisches Vorgehen
4.2 Vorbereitung und Settings der Beratungsgespräche
4.3 Auswertung der beiden Beratungsgespräche
4.3.1 Abschlussgespräch mit Frau „Taylor“
4.3.2 Abschlussgespräch mit Herrn „Benami“
4.3.3 Thematischer Vergleich und Reflektion beider Beratungsgespräche

5 Fazit

Literaturverzeichnis

I. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Biologische, psychische und soziale Systeme

Abbildung 2: Kommunikationsmodell mit individueller Bedeutungsgebung

II. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Im Jahr 2015 lebten 244 Millionen Menschen weltweit nicht mehr in ihrem Herkunfts­land. Die Anzahl dieser Menschen ist in den vergangenen 25 Jahren um 60 % ange­stiegen. 71 Millionen internationale Migranten[1] fanden nach dieser Erhebung allein in Europa eine zumindest temporäre neue Heimat (vgl. Menozzi 2016: 1 f.). Seit über 60 Jahren ist das Phänomen der Ein- und Abwanderungen verstärkt in Deutschland zu beobachten. Anwerbeabkommen, deutschstämmige Aussiedler, Kriegsflüchtlinge und nicht zuletzt das Freizügigkeitsrecht der Europäischen Union führten dazu, dass zwi­schen 1955 und 2014 bereits 44 Millionen Menschen nach Deutschland eingewandert waren. Diese Zahl relativiert sich angesichts der Tatsache, dass 33 Millionen Personen das Land verließen (vgl. Özoğuz 2016: 14). Dennoch ist es diesem Umstand zu ver­danken, dass 2015 bereits jede dritte Person unter 18 Jahren in Deutschland einen Migrationshintergrund[2] aufwies (vgl. StBa 2016a). Die Nettozuwanderung im Jahr 2015 allein lag bei über 1,1 Millionen Menschen (vgl. StBa 2016b).

Es sind diese Zahlen, Statistiken, Sprache und der öffentliche Diskurs, die eine speziel­le Kategorisierung, Einordnung und Perspektive gegenüber zugewanderten Menschen ermöglichen (vgl. Wippermann/Flaig 2009: 3 f.). Die Einführung einer homogenen Gruppe erlaubt es, sie aus einer Außenperspektive zu betrachten. Diese Sicht der Din­ge ist nicht neu und konstituiert sich auch aus unserer Geschichte, wie der Autor im ersten Teil dieser Masterthesis darstellen wird. Geschichtliche Aspekte und Kulturkon­zepte sind es ferner, die bis heute für eine (inter-)kulturelle Betrachtung und sich da­raus ergebenden Analysen bedeutsam sind (vgl. Levold 2013: 9). Ein besonderes An­liegen des Verfassers besteht darin, in dieser wissenschaftlichen Arbeit besonders reflexiv mit dem Kulturbegriff und der Einbeziehung nationaler und ethnischer Unter­schiede in zwischenmenschlichen Begegnungen umzugehen. Diesen Fokus bezieht er sowohl auf die Begegnung an sich als auch auf die Besonderheit einer Beratungssitua­tion. Es ist eine These des Autors, dass eine reduzierende Darstellung der unverwech­selbaren Bezugsrahmen der Klienten[3] nicht zielführend sein kann, da es eine essen­zielle Aufgabe von Therapie und Beratung ist, einen möglichst unvoreingenommenen, neutralen und umfassenden Zugang zu der komplexen Einzigartigkeit des zu Beraten­den und seiner Kontexte zu erhalten. Eine Fokussierung auf einheitliche essentialisti­sche kulturelle Faktoren könnte wie bei einem Blick durch die Lupe zu einer ver­schwommenen Sicht gegenüber dem Reichtum individueller Merkmale und komplexer zirkulärer Zusammenhänge führen, die man nicht auf die Herkunftsfamilie oder natio­nale Traditionen beschränken sollte (vgl. ebd.: 19). Aus der Beleuchtung der Kulturge­schichte und den Beschreibungen interkultureller Perspektiven konstituieren sich die ersten Fragen dieser Masterthesis: Welche Begründung existiert neben historischen Kontexten für die Verwendung kollektiver Kulturfaktoren, um sich Denk- und Verhal­tensmuster anderer Personen zu erklären? Ergibt sich aus der Anwendung eines sol­chen primordialen[4] Kulturverständnisses ein Mehrwert für (interkulturelle) Kommunika­tion und Beratung? Die Einführung der systemischen Theorie in dieser Thesis verhilft anfangs lediglich zu einer teilweisen Beantwortung dieser Fragen und wirft parallel da­zu neue Fragen auf. Wenn eine Vereinfachung der uns umgebenden hochkomplexen Umwelten notwendig ist, um handlungsfähig zu sein, und diese Komplexität nur redu­ziert werden kann, indem eine selektive Auswahl passgenauer Sinndeutungen die in uns bereits angelegten Erwartungen bedient und reproduziert (vgl. Luhmann 2015: 140), erscheinen auch kulturelle Stereotypisierungen[5] in einem anderen Licht.

1.1 Zielsetzung und zentrale Forschungsfrage

Bedingt durch diese Ergebnisse stellt sich der Autor die Frage, ob der systemische Ansatz mit seiner Theorie und seiner professionellen Praxis in Verbindung mit hoher Selbstreflexivität einen anderen Umgang mit den eigenen Stereotypen ermöglicht, um einen wirksameren Zugang zu den individuellen Denk- und Verhaltensmustern seiner Klienten zu erhalten. Dies hat der Verfasser unter Verwendung und Zusammenführung aktueller Literatur zu seiner primären Forschungsfrage erhoben. Seine These lautet, dass die Verinnerlichung des systemischen Ansatzes eine besondere Form der Selbst­reflexion ermöglicht, die im Ergebnis zu einer Verflüssigung kultureller Stereotype füh­ren kann. Dies hält der Autor für eine notwendige Praxis, da die systemische Denkwei­se vom Berater die Anerkennung multipler Unterscheidungskriterien des Klienten ein­fordert. Ein nationaler oder ethnisch kultureller Faktor sollte demnach nur eine Facette unter vielen sein. Diese Hypothese des Autors wirft die Frage auf, ob dieser kulturelle Einfluss in Beratungen vor anderen Faktoren zu priorisieren ist. Der Verfasser dieser Masterthesis ist seit 17 Jahren als Personalberater und Coach in unterschiedlichen Kontexten tätig und hat dadurch einen persönlichen Bezug zu dem Thema der Thesis. Ein Teil seiner Beratungstätigkeit beinhaltet die Unterstützung Arbeits- und Ausbil­dungssuchender, die entweder arbeitsuchend gemeldet sind oder sich nach ihrer Ent­lassung in Transfergesellschaften befinden. Neben der Unterstützung bei der Suche nach einer Anstellung gehören Karriereberatung, Fort- und Weiterbildungsberatung sowie auch psychosoziale Beratung, die der aktiven Stellensuche häufig vorausgeht, zu seinem Aufgabengebiet. Etwa die Hälfte seiner Klienten in diesen Bereichen hat einen Migrationshintergrund. Im Expatriate-Consulting arbeitet der Autor seit mehreren Jahren mit Klienten aus dem Ausland zusammen und unterstützt sie bei ihrer berufli­chen und privaten Integration in Deutschland. Nationale und ethnische Faktoren des Migrationshintergrundes sind für den Autor allerdings nicht der Ausgangspunkt und der Fokus seiner Arbeit. Es sind die unterschiedlichsten kulturellen Dynamiken und einzig­artige Kontexte, die generell den Bezugsrahmen seiner Klienten konstituieren und sich in jedem einzelnen Lebenslauf seiner Klienten offenbaren. Diese Dynamiken und Kon­texte lassen keine exklusive nationale oder ethnische Zuordnung zu, da sie zu einem einzigartigen Bezugsrahmen der zu Beratenden führen. Demnach ist jede Beratung eine interkulturelle Beratung.

1.2 Aufbau der Masterthesis

Da die These ihren Ursprung in der Theorie hat und daran anschließend in der Praxis ihren Nutzen findet, wurde eine deduktive Gliederung gewählt. Nach der Einleitung befasst sich diese Abhandlung im zweiten Kapitel mit dem Kulturbegriff in unterschied­lichen Kontexten. Einführend setzt sich der Autor geschichtlich mit dem Kulturbegriff auseinander und geht dann auf die Beschreibung und Analyse interkultureller Perspek­tiven ein. Darauf folgen die Darstellung dynamischer und kontextabhängiger Einflüsse auf kulturelle Muster, die Beleuchtung des sprachlichen Kontextes und zuletzt eine radikal konstruktivistische sowie sozial konstruktionistische Sicht auf den Kulturbegriff. Nach einem kurzen Zwischenfazit widmet sich das vierte Kapitel zunächst den für die Thesis relevanten systemtheoretischen Aspekten, deren interkulturelle Bedeutung durchgängig dargelegt wird. Ferner werden in Kapitel 4 Haltung und selbstreflexive Verhaltensweisen behandelt, die eine Verflüssigung der verinnerlichten Stereotype bedingen können. Die erläuterte Haltung ermöglicht einen fließenden Übergang zu den Beschreibungen praxisrelevanter Aspekte dieses Themas. Beginnend mit dem Joining, geht dieser Teil der Arbeit auch auf die Auftragsklärung ein und veranschaulicht das Einbringen erster wichtiger Methoden in den Beratungsprozess. Das vierte Kapitel be­fasst sich dann mit Praxisbeispielen in Form zweier Beratungsgespräche. Hier werden vorab Informationen über das Setting und die Methode gegeben, um dann reflexiv auf das Geschehen und alle Beteiligten einzugehen. Das fünfte Kapitel rundet die Studie mit einem Fazit ab.

2 Kulturdeutungen und -perspektiven

Der Kulturbegriff wird sowohl im Alltag als auch in der Wissenschaft häufig genutzt und differierend gedeutet. Der Schweizer Psychologe und systemische Familientherapeut Duss-von Werdt geht so weit, Kultur als „zerschundenen Begriff“ zu beschreiben, da er im heutigen Sprachgebrauch fast inflationär verwendet wird. Täglich ziehen wir Begriffe heran wie Subkultur, Alltagskultur, Protestkultur, Streitkultur oder Willkommenskultur. In der Biologie sprechen wir von der Bakterienkultur, in der Landwirtschaft von der Gemüse- oder Monokultur (vgl. Duss-von Werdt 2004: 58). Die Sozialwissenschaft beschäftigt sich mit dem Thema so ausführlich wie die Ethnologie oder auch die Psy­chologie.

Einen interdisziplinär akzeptierten Kulturbegriff kann es aufgrund seiner vielfachen Auslegung und Theorien nicht geben. Bereits 1998 spricht Slembek von über 300 Kul­turdefinitionen (vgl. Slembek 1998: 27). Der deutsche Soziologe Dirk Baecker unter­streicht diesen Umstand originell mit folgendem Zitat: „Wenn es ein bestimmendes Merkmal des Begriffs der Kultur gibt, dann die verbreitete Auffassung, dass dieser Be­griff nicht zu definieren ist. Wer es trotzdem versucht, zeigt damit nur, dass er dem Begriff nicht gewachsen ist“ (Baecker 2003: 33). Aus einer systemischen Perspektive ist festzustellen, dass die hohe Anzahl unterschiedlicher Deutungen des Kulturbegriffs mehr über die Autoren und deren Weltanschauungen als über den Kulturbegriff per se aussagt[6] (vgl. Oestereich/Hegemann 2016: 474).

2.1 Kulturdefinitionen und -begriffe in einem zeitlichen Kontext

Das Wort „Kultur“ leitet sich vom lateinischen „colere“ ab und hat zwei Bedeutungen. Zum einen wird damit pflegen, bebauen, bestallen und zum anderen anbeten und ver­ehren zum Ausdruck gebracht. In der Antike waren es sowohl die Griechen als auch die Römer, die mit dem Begriff menschliche Entwicklung in Zusammenhang brachten. Für die Römer waren es die Landwirtschaft und die Gottesanbetung, die den Men­schen vom Tier unterschieden. Im antiken Griechenland ist die Entwicklung als Auf­stieg zu einer Hochkultur zu verstehen, die sich von der rohen, vulgären Kultur diffe­renzieren konnte. Daher ist das westliche Kulturverständnis stark mit der Entwicklungs­fähigkeit eines Individuums oder eines Kollektivs assoziiert. Auch umgangssprachlich ist folglich derjenige kultiviert, welcher sich vom wilden, unmanierlichen, mithin dem inhumanen Verhalten zum humanen Verhalten einer zivilisierten Person weiterentwi­ckeln konnte. Die Nutzung kultureller Errungenschaften der Kultur wie Bildung, Kunst und Literatur wird für den Wandel des zuvor ungehobelten in den nunmehr kultivierten Menschen verantwortlich gemacht (vgl. Treichel 2011: 18 f.).

Erst im 17. und 18. Jahrhundert, als es nicht mehr ausschließlich den Eliten der Ge­sellschaft vorbehalten war, Reisen zu unternehmen, entstanden erste Gedankenaus­tausche über fremde Kulturen. Durch Reiseberichte in Zeitungen und wissenschaftli­chen Magazinen wurde einer breiten Öffentlichkeit Zugang zu anderen Kulturen ermög­licht. Der Soziologe und Kulturwissenschaftler Andreas Reckwitz unterscheidet in sei­nem Werk „Die Transformation der Kulturtheorien“ (2000) vier Kulturkonzepte, welche die Entwicklung des Kulturbegriffs seit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts beschrei­ben.[7] Hierbei handelt es sich um den normativen, den totalitätsorientierten, den diffe­renzierungstheoretischen und den bedeutungsorientierten Kulturbegriff (vgl. Reckwitz 2000: 64 ff.). Der normative Kulturbegriff ist vergleichend und zugleich ausgrenzend zu verstehen. Während der in der Antike benutzte Kulturbegriff sich noch auf das Indivi­duum und sein Potenzial zur individuellen Entwicklung bezog, ist der moderne normati­ve Kulturbegriff bereits ein erstrebenswerter Zustand einer Gemeinschaft. Er stellt die eigene kollektive Kultur, die hierbei immer als die dominierende Kultur angesehen wird, fremden, vermeintlich unterlegenen Kulturen gegenüber. Diese postulierte Überlegen­heit besitzt zudem insbesondere in der eigenen Kultur sozial- und gesellschaftskritisch eine besondere Bedeutung. Hier vergleicht sich die aufgeklärte, städtische Gesell­schaft mit dem Landvolk, die zivilisierte Bildungselite mit den ungebildeten sozialen Schichten. Bedingt durch die eigene kulturelle Entwicklung, die zu einer Kontextualisie­rung der Gesellschaft führte, war es durch die modern-normative Betrachtungsweise des 18. Jahrhunderts möglich geworden, eine kritische Selbst- und Fremdbeobachtung vorzunehmen (vgl. Riegler 2003: 4 f.). Das neue kollektive Kulturverständnis bewirkte eine neue Interpretierung, den totalitätsorientierten Kulturbegriff. Sie verlor ihre werten­de Haltung und verglich sich in der Folge nicht mehr mit „minderwertigen“ sozialen Schichten oder Kulturen. Johann Gottfried Herder greift die kollektive Assoziierung des Kulturbegriffs auf und setzt sie in einen historischen Kontext (vgl. Reckwitz 2000: 72 f.). Kultur wird von ihm holistisch, als Lebensart individueller und in sich abgeschlossener Nationen verortet. Seine kugelförmige Beschreibung einer Nation zeigt das auf. In sei­nem Buch „Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit“ schreibt er dazu: „Im Lorbeerkranze oder am Anblicke der gesegneten Herde, am Warenschiffe und erbeuteten Feldzeichen liegt nichts – aber an der Seele, die das brauchte, darnach [sic!] strebte, das nun erreicht hat, und nichts anders als das erreichen wollte – jede Nation hat ihren Mittelpunkt der Glückseligkeit in sich, wie jede Kugel ihren Schwer­punkt!“ (Herder 2013 [1774]: 35). Herders geschichtlich-holistischer Kulturbegriff ist in der Folge maßgeblich für die Entstehung der Ethnologie Ende des 19. Jahrhunderts mitverantwortlich (vgl. Reckwitz 2000: 72 ff.). Franz Boas, der Begründer der „Cultural Anthropology“, ein entschiedener Gegner der Eugenetik, war davon überzeugt, dass historische Einflüsse eine Kultur prägen und die Lebensweisen der unterschiedlichen Kulturen dementsprechend vielfältig ausfallen. Seine Doktorandinnen Ruth Benedict und Margaret Mead entwickelten daraus den Kulturrelativismus, der anders als bei Boas eine mögliche Vermischung und gegenseitige Beeinflussung der unterschiedli­chen Kulturen nicht mehr beinhaltete. Die Basis ihrer Theorie setze vielmehr eine grundlegende regionale Verankerung der Kulturen voraus (vgl. Lentz 2011: 41 f.). Die Differenzierung zwischen den Kulturen wird hier damit erneut in den Vordergrund ge­stellt. Anders als bei der totalitätsorientierten Festlegung des Kulturbegriffs verortet das differenzierungstheoretische Kulturkonzept Kultur nur noch in Teilsystemen der Gesell­schaft. Sie wird nicht mehr als Teil der allgemeinen Lebensführung angesehen, son­dern findet nur noch in gesellschaftlichen Teilbereichen wie der Bildung, Religion oder Kunst statt. Ein bedeutender Theoretiker dieser These war Talcott Parsons. Seine Theorie beruht auf Handlungen sozialer Systeme, welche durch ausdifferenzierte Sub­systeme gesellschaftliche Ordnung initiieren und etablieren. Soziales Handeln folgt demnach den festgelegten Normen dieser Subsysteme. Das kulturelle Subsystem Parsons unterscheidet sich dabei deutlich vom sozialen Handlungssystem und ist für die Erhaltung dieser Ordnung sowie die Konservierung von Strukturen und einem ge­meinsamen Wertesystem verantwortlich (vgl. Levold 2013: 10). Auch Habermas argu­mentiert ähnlich. Er beschreibt die moderne stratifizierte Gesellschaft mit voneinander unabhängig arbeitenden Wertsphären, die dann mit ihren individuellen Experten Ange­bote unterschiedlicher Standpunkte, Ideologien und Denkweisen in den Alltag transpor­tieren (vgl. Riegler 2001: 6 f.). Reckwitz erörtert abschließend das bedeutungsorientier­te Kulturkonzept (vgl. Reckwitz 2000: 84). Dieses Konzept beinhaltet hauptsächlich se­miotische und konstruktivistische Ansätze (vgl. Nünning 2009: 3). So konstatiert der deutsche Philosoph Ernst Cassirer beispielsweise, dass für den Menschen nur eine Welt voller bedeutungsvoller Symbole[8] und sinnhafter Sinnlichkeit vorhanden sein kann. Anders als bei Tieren wird der Mensch als Wesen veranschaulicht, das Symbo­len in seiner Umwelt Bedeutung und Sinn zuschreibt (vgl. Reckwitz 2000: 86). Es sind solche bedeutungsvollen Symbole und die sinnvolle Strukturierung der individuellen Wirklichkeit, die jetzt im Mittelpunkt der Kulturforschung stehen (vgl. Riegler 2001: 10). Den Kulturbegriff versteht man nunmehr auch als eine Verbindung von individuell un­terschiedlichen Perspektiven, Denkweisen, Gefühlen, Werten und Bedeutung, die von Menschen konstruiert werden[9] (vgl. Nünning 2009: 3). Die konstruktivistische Theorie spielt in der Systemtheorie eine besondere Rolle. Die Welt des Rationalismus, in der Philosophen und Naturwissenschaftler wie René Descartes eine einzige klare Realität voraussetzten, veränderte sich (vgl. Simon 2013: 10). Es war nun eine konstruktivisti­sche Sicht auf die Welt und damit auch auf ihre Kultur, die nun von radikalen Konstruk­tivsten wie Ernst von Glaserfeld, Humberto Maturana und Heinz von Foerster vertreten wurde (vgl. Levold, T. 2016a: 58). Dieses Verständnis von konstruierten Realitäten ist nicht zuletzt auch ein wichtiger Bestandteil der Systemtheorie des Soziologen und Sys­temtheoretikers Niklas Luhmann (Berghaus 2011: 26 f.). Luhmann hatte eine eher kriti­sche Beziehung zum Kulturbegriff. Anders als bei Parsons strukturfunktionalistischer Systemtheorie stellt Kultur für Niklas Luhmann kein System dar, da es nicht eigenstän­dig operieren kann (vgl. Levold 2013: 13 f.). Die Operationsweisen psychischer, biolo­gischer und sozialer Systeme sind für ihn klar definiert. So operieren psychische Sys­teme durch ihre Kognition oder soziale Systeme durch Kommunikation. Kultur besitzt keine eigene Autopoiesis und müsste zudem als eigenes System eine Differenz zur Umwelt besitzen. Diese Differenz zur Umwelt müsste Kultur als System durch ihre ei­gene operationale Geschlossenheit herstellen (vgl. Berghaus 2011: 38). Die Entste­hung des nationenvergleichenden und wertenden Kulturbegriffs im 18. Jahrhundert beschreibt Luhmann in seinem Buch „Gesellschaftsstruktur und Semantik“ als ein Re­sultat der anhaltenden Diskussion über neue wissenschaftliche Errungenschaften, wel­ches eine andauernde kulturelle Diskussion wieder ermöglichte (vgl. Luhmann 1995a: 35 f.). Es ist hier allerdings eine andere von ihm artikulierte Aussage zur Kultur, die in dieser Masterthesis eine besondere Relevanz haben wird, denn er schildert resümie­rend Kultur als „[…] eine Perspektive für die Beobachtung von Beobachtern“ (ebd.: 54). Er postuliert damit eine Beobachtung 2. Ordnung,[10] die allerdings aus einer westlichen bzw. europäischen Perspektive zu einer Beobachtung 1. Ordnung gemacht wird (vgl. Luhmann 2011: 154). Jede Beobachtung 2. Ordnung ist auch gleichzeitig eine Beobachtung 1. Ordnung. Die vom Verfasser dieser Arbeit veranschaulichten Kultur­konzepte hegen nicht den Anspruch, eine vollständige Darstellung des Begriffs der Kultur abzuhandeln. Wie bereits erwähnt, verdeutlichen sie die hohe Komplexität des Themas. Diese in einem historischen Kontext entstandenen unterschiedlichen Kultur­theorien lassen sich vereinfacht in zwei miteinander konkurrierenden wissenschaftli­chen Lagern verorten: das der primordialen und das der konstruktivistischen Befürwor­ter (vgl. Mayer/Vanderheiden 2014: 30). Das primordiale Kulturverständnis basiert auf der These, dass Menschen oder soziale Systeme auf äußere kulturelle Beeinflus­sungen deterministisch reagieren. Alle Kulturen kommunizieren demnach auch ent­sprechend ihrer einzigartigen Kultur auf eine andere Art innerhalb ihrer Kultur. Ein primordialer wissenschaftlicher Diskurs, der sich auf interkulturelle Praxis bezieht, sucht und untersucht kulturelle Unterschieden wie voneinander abweichende kommu­nikative Regeln. Daraus ergeben sich schlussfolgernd Möglichkeiten, die „fremde Kul­tur“ besser zu verstehen (vgl. Busch 2011: 10). Die konstruktivistische und sozial kon­struktionistische Interpretation der Kultur hat ein anderes Fundament. Kultur entsteht erst in der Interaktion miteinander. Die individuell unterschiedliche Wahrnehmung des anderen Individuums konstruiert eine Kultur in und mit dem Interaktionspartner. Dieser entstandene kulturelle Entwurf einer Kultur ist das Resultat bewusster und unbewuss­ter Wirklichkeitskonstruktionen[11] (vgl. Mayer/Vanderheiden 2014: 30).

2.2 Kultur in einem interkulturellen Kontext

Im Fremdwörterlexikon hat der Begriff „interkulturell“ die Bedeutungen „mehrere Kultu­ren betreffend, ihnen gemeinsam, sie verbindend; ein ~er Austausch “ (Wahrig-Burfeind 2007: 439). Ähnlich wie bei dem Kulturbegriff ist auch der Begriff „Interkulturalität“ im Sprachgebrauch ein vielfach interpretierter und genutzter Ausdruck, der insbesondere in Verbindung mit den Substantiven „Beratung“ und „Kommunikation“ seine Anwen­dung findet. Anfänglich war es in Deutschland die Sozialpädagogik, welche mit der Forderung nach interkulturellen Handlungskompetenzen von sich reden machte. Wolf­gang Hinz-Rommel wird diesbezüglich häufig als ein Protagonist in Deutschland ge­nannt. Er bezeichnete bereits in den 1990er-Jahren interkulturelle Handlungskompe­tenzen als eine neue Anforderung, welche die soziale Arbeit erlernen müsse (vgl. Hinz-Rommel 1994: 56 ff.). Seine thematische Auseinandersetzung mit interkultureller Kom­petenz entstand durch die Zuwanderung von Menschen aus anderen Ländern. Die Begründung seiner Forderung nach diesen neuen Kompetenzen sieht er in der konti­nuierlichen Zuwanderung, die 1991 einen Ausländeranteil von 8 % an der Gesamtbe­völkerung zur Folge hatte (vgl. ebd.: 13). Die fortdauernde Zuwanderung und die Ent­scheidung der Menschen, in Deutschland zu bleiben, sind damit letztendlich die Initial­zündung der interkulturellen Debatte. Parallel dazu ist es neben dem ansteigenden Tourismus die zunehmende Anzahl berufsbedingter Auslandsaufenthalte, welche ihre Begründung primär in der Globalisierung finden, die für die interkulturelle Diskussion verantwortlich gemacht werden kann (vgl. Broszinsky-Schwabe 2015: 24 ff.). Die zahl­reiche und interdisziplinäre Nutzung des Wortes führt immer wieder auch zu kritischen Betrachtungen dieser Thematik. Csaba Földes hält nicht nur die Definition des Begriffs „Interkulturalität“ für diffus, sondern schreibt, „dass ‚Kommunikation‘, ‚Kultur‘ und ‚Inter­kulturalität‘ zu Mode- und Schlagworten geworden sind, sowohl in der Alltags- als auch in der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fachwelt“ (Földes 2007: 8). Weiter bilan­ziert er, dass interkulturelle Studien auf nationalstaatlichen Ebenen beruhen und ande­re gewichtigere kulturelle Einflüsse[12] nicht beinhalten. Er kritisiert ferner, dass sie pri­mär für die Wirtschaft erstellt werden und dadurch nicht den Kontakt zu allen Kulturen behandeln[13] (vgl. ebd.: 13 f.). Empirische interkulturelle Sozialforschung muss man bereits aufgrund der Kultur des Forschers sehr kritisch betrachten. Ist nicht jede kultu­relle Perspektive letztendlich mit ausschlaggebend für die entdeckten Auffälligkeiten der erforschten Kultur (vgl. ebd.: 47 f., vgl. Busch 2011: 14)? Es ist nach Ansicht des Verfassers oftmals genau diese „kulturelle Brille“ des Beobachters, welche für die beo­bachteten Andersartigkeiten der fremden Kulturen verantwortlich zeichnet. Dieser Blick auf andere Kulturen aus der eigenen Kultur heraus kann eine Verhärtung von Stereo­typen bewirken. Beobachtungen kultureller Unterschiedlichkeiten sind häufig stigmati­sierend. So werden in der Literatur, die sich auf interkulturelle Kontexte bezieht, Situa­tionen erläutert, wie die eines ausländischen Studenten, der sich in Frankreich mit der für ihn sehr peinlichen Situation konfrontiert sieht, dass sich seine Mitstudenten bei der Begrüßung küssen (vgl. Hofstede et al. 2002: 21). Der „ausländischen“ Reinigungskraft wird eine berufliche Verbesserung in Aussicht gestellt, doch sie lehnt diese „Chance“ ab (vgl. ebd.: 26). Es stellt sich die Frage, ob es nur Franzosen sind, die sich bei der Begrüßung küssen und nicht auch andere Gruppen oder Individuen, völlig unabhängig von ihrem natio-ethno-kulturellen Hintergrund. Auch sollte man die Möglichkeit in Be­tracht ziehen, dass die beschriebene Reinigungskraft kein Interesse an einer kom­plexeren Tätigkeit hat und dass diese persönliche Entscheidung nichts mit ihrem ethni­schen Hintergrund zu tun haben muss, sondern vielmehr mit ihrer Individualität. Auch ungewohnte Situationen werden gerne beispielhaft herangezogen, um den Leser auf die Lektüre einzustimmen. Hier wird beispielswiese an den ersten Besuch in einem Sushi-Restaurant erinnert, um darzustellen, wie fremd einem die Gerichte waren (vgl. Samovar et al. 2006: 10). Auch hier ist die hervorgehobene essentialistisch-kulturelle Betrachtung für die präsentierte Perspektive ausschlaggebend. Man wird täglich mit mannigfaltigen neuen Situationen konfrontiert. Welche neue Situation als herausra­gend und damit erwähnenswert veranschaulicht wird, ist von der Subjektivität des Be­obachters abhängig (vgl. Simon 2012: 52). Die Resultate interkultureller Forschung sind oftmals uns bekannte Kulturmodelle, wie das 5D-Modell Hofstedes oder die sie­ben deutschen Kulturstandards von Alexander Thomas. Ohne die Zugrundelegung klar definierter und nicht austauschbarer nationaler Kulturen wären diese Modelle nicht denkbar (vgl. Alexopoulou 2014: 10). Hofstedes besondere Leistung war es zweifellos, als einer der ersten Forscher kulturelle Unterschiede wissenschaftlich nachgewiesen zu haben, die kulturelle Vergleiche ermöglichten (vgl. Schlippe et al. 2013: 31). Neben der nationalen Ebene beschreibt er die kulturellen Ebenen, regionaler und/oder ethni­scher und/oder religiös und/oder sprachlicher Zugehörigkeit, die Ebene Geschlecht, Generation (Großeltern/Eltern/Kind), die Ebene soziale Klasse und im Falle der Berufs­tätigkeit die Ebene der Organisation/Firma (vgl. Hofstede 2011: 13). Er selber verdeut­licht allerdings direkt nach diesen Ausdifferenzierungen anschließend, dass es „auf­grund widersprüchlicher mentaler Programme im Inneren eines Menschen […] schwie­rig [ist], dessen Verhalten in einer neuen Situation vorherzusehen“ (ebd.). Auch seine von ihm verwendeten kulturvergleichenden Dimensionen Individualismus-Kollektivismus[14], Machtdistanz[15], Femininität-Maskulinität[16] und die Unsicherheitsver­meidung[17] werden in der beruflichen Praxis häufig herangezogen (vgl. Helfrich 2006: 432). Ob sie tatsächlich zielführend sind, wird immer wieder angezweifelt. Ein natio-ethno-kultureller Lupenblick mündet zwangsläufig in eine Aufmerksamkeitsfokussie­rung. Sie kann zu Überbewertung und bzw. oder zu einer Abwertung des zu Beraten­den führen, womit „der Zugang zu einer individuell kontrastierenden sozialen Praxis der Klienten verstellt wird“ (Levold 2013: 19). Systemische Beratung wäre dadurch kaum denkbar. In ihrer Wirkung sind derartige kulturvergleichende Betrachtungen system­theoretisch jedoch gut erklärbar. Sie können schnell einer bereits vorhandenen inneren Logik zugeordnet werden und sind damit komplexitätsreduzierend (vgl. Kriz 2016: 88). Dies ist ein Thema, auf das in Abschnitt 3.1.4 nochmals konkret eingegangen wird. Die erörterten natio-ethno-kulturellen Ebenen und Dimensionen sind immer auch determi­nistische und statische Beschreibungen von unterschiedlichen kulturellen Beeinflus­sungen. Dass sie auf Menschen potenziell Einfluss nehmen, bezweifelt der Autor nicht. Gleichwohl sind der Grad und die Art des Kultureinflusses abhängig von der kulturellen Dynamik und den einzigartigen Kontexten, in den wir leben. Diese Kontexte sind nicht festgeschrieben. Kultur kann somit nicht statisch sein, sie ist vielmehr ein sich lebens­lang verändernder Prozess, der keine Wahl hat, als ständig fortgeschrieben zu werden.

2.3 Kultur in einem veränderbaren Kontext

Ethnologen haben die Dynamik der Kultur in drei Dimensionen unterteilt: die generati­ve, die interaktive und eine konstitutive Dimension. Die generative Dimension findet primär während der Sozialisation statt. Hier erlernt man das im Umfeld anerkannte Handeln. Dabei geht es um ganz konkrete Handlungen, wie beispielsweise die „richti­ge“ Zubereitung und das „anständige“ Verzehren einer Mahlzeit. Auch die im Kollektiv übliche Begrüßung und insbesondere die Sprache gehören zu dieser Dimension (vgl. Kiepke 2010: 30). Festzustellen ist hierbei, dass wir in diese Dimension hineinsoziali­siert werden und die Aneignung dieser Abläufe sowohl bewusst als auch unbewusst stattfindet. Bourdieus bekannte Bezeichnung „Habitus“ bezeichnet dieses weitergege­bene praktische Handeln.[18] Die interaktive Dimension gibt Raum für Veränderung. Durch die soziale Interaktion mit Menschen und anderen Umweltfaktoren wie medialen Informationen ist eine Modifizierung der vorab erlernten Muster möglich. Auch wenn viele der erlernten Handlungsmuster unterbewusst ablaufen, ist man dazu in der Lage, einige dieser habituellen Muster kritisch zu hinterfragen. Das eigene Verhalten in der Interaktion kann teilweise reflexiv betrachtet und dann verändert werden. Hinzu kommt, dass eine sich kontinuierlich verändernde Umwelt häufig zu einer erzwungenen Ände­rung der kulturellen Handlungen führt. Diese sich ständig im Wandel befindliche Um­welt macht inhaltlich den Kern der konstitutiven Dimension aus. Diese Dimension der Kultur ist wie die interaktive Dimension als kontinuierlicher Prozess der Veränderung zu verstehen. In der konstitutiven Dimension werden die in einem Kollektiv entstande­nen Muster durch ihre Mitglieder teilweise transformiert. Die uns umgebende Umwelt verändert sich also durch das eigene Handeln. Um neue Muster entstehen zu lassen, müssen sie nur reproduziert werden. Beispiele dafür gibt es viele. Körperliche Züchti­gung war vor 50 Jahren in deutschen Schulen Gang und Gebe. Heute wird gewaltfreie Erziehung in Deutschland und zahlreichen anderen Ländern als Normalität angesehen. Durch das akzeptierte Zusammenleben gleichgeschlechtlicher Partner sind sie heute auch immer häufiger dazu in der Lage, zu heiraten. Auch in Deutschland ist mit der eingetragenen Lebenspartnerschaft ein erster Schritt zur Veränderung gesetzlich ver­ankert worden (vgl. hierzu auch Hegemann/Oestereich 2009: 14 f.). Durch diese Di­mension wird nach Ansicht des Verfassers deutlich, dass Kultur kein homogener Sta­tus sein kann, der stereotype Zuschreibungen ermöglicht. Ein Deutscher ist mit dem nächsten Deutschen nicht vergleichbar, auch mit türkischem Migrationshintergrund ist man deutscher Politiker. Frauen in Cabriolets, Bäuerinnen, Nonnen und auch Frauen anderer Glaubensrichtungen können gleichermaßen Kopftücher tragen. Kultur ist nicht festgeschrieben, sie ist wandelbar und instabil (vgl. hierzu auch Oestereich/Hegemann 2016: 475). So sollten wir uns gut überlegen, ob eine Beobachtung aus einer kulturel­len Brille heraus in der professionellen Praxis hilfreich ist oder eher zu deterministi­schen Einschätzungen führt, die einen Kommunikationsverlauf fundamental beeinflus­sen können. Als Mensch sammeln wir fortwährend einzigartige individuelle Erfah­rungen. Aus diesen kulturellen Erfahrungen resultiert, dass wir uns entsprechend unse­rer gelebten Situation kulturelle Muster so zusammenstellen, wie wir sie benötigen. Wir konstruieren somit sehr individuelle Sinnbezüge. Die Globalisierung hat diese Möglich­keiten erweitert. In der Geschichte der Menschheit ist sie aber nur ein weiterer Be­zugspunkt, der dem Einzelnen noch mehr Individualität ermöglicht (vgl. Levold 2013: 12). Der in der Soziologie genutzte Begriff „Diversity“ unterstreicht die Vielfalt eines jeden Individuums nochmals. Es kann einen profunden Unterschied machen, ob man auf dem Land oder in einer Stadt aufwuchs, ob die Eltern bildungsnah oder bildungs­fern sind oder ob Religion bzw. die individuelle Weltanschauung eine dominante oder eher untergeordnete Rolle spielt. Weitere Faktoren wie der Intellekt, Geschlecht, sexu­elle Orientierung, Hautfarbe oder politische Ansichten belegen die enorme Dimension der kulturellen Vielfalt (vgl. Mayer/Vanderheiden 2014: 38 ff.), die unabhängig von ei­ner zu belegenden natio-ethno-kulturellen Diversität existiert. Nicht umsonst muss der Sozialwissenschaftler und systemische Therapeut Tom Levold nüchtern feststellen, dass „bei all diesen kulturellen oder milieuspezifischen Kontexten […] nicht mehr so etwas wie kulturelle Einheitlichkeit innerhalb bestimmter Gruppen zu erwarten“ (Levold 2013: 17) ist. Es sind vielmehr die aufgezeigten kulturellen Dynamiken und die sozio­ökonomischen individuellen, familiären und gesellschaftlichen Kontexte, die aufgrund der hohen Komplexität der Thematik beachtet werden müssen (vgl. Oes­tereich/Hegemann 2016: 476, vgl. Mayer/Vanderheiden 2014: 38 ff.). Aus Sicht des Autors erhält die enorme Diversität des Individuums bei einem primordialen Kulturver­ständnis nicht die notwendige Aufmerksamkeit. Die nationale oder ethnische Kultur des anderen ist ein Wert unter vielen, dem in einem beruflichen Kontext Beachtung ge­schenkt werden muss. Es sind die generativen, die interaktiven und die konstitutiven Dimensionen, die uns die Spannweite der Bezeichnung „interkulturelle Beratung“ ver­deutlichen, was eine falsche Einschätzung des Gegenübers bedingen kann. Ist ein Flüchtling, der 2015 aus Syrien kam, mit einer anderen in Deutschland lebenden Per­son mit syrischem Migrationshintergrund vergleichbar, die in zweiter oder dritter Gene­ration in Deutschland lebt? Kann der syrische Flüchtling in der Beratung nicht sogar weniger fremd wirken als die Person, die in dritter Generation in Deutschland lebt? Grundsätzlich widerspricht der interkulturelle Gedanke nach Ansicht des Verfassers dem systemischen Denken. Subjektive Beobachtungen sollen „ausländischen“ Habitus darstellen und berechenbar machen. Linear-kausale Erklärungen und damit eine Vor­hersehbarkeit menschlichen Verhaltens ist indes nicht möglich (vgl. Simon 2013: 39). Beziehungskontexte und die Umwelten des zu Beratenden sind in der systemischen Beratung von primärer Bedeutung. Auch ein möglicher Migrationskontext kann in der Beratung nicht verleugnet werden (vgl. Hegemann/Oestereich 2009: 26). Er muss da­her wie alle anderen Umwelten und Voraussetzungen des Klienten beachtet werden, sollte deswegen aber keine herausragende Rolle spielen.

2.4 Kultur in einem sprachlichen Kontext

Auch wenn Sprache im Alltag oft mit Kultur gleichgesetzt wird, ist sie nur ein Element von Kultur. Eine Sprache ist nicht an Nationen gebunden, sie kann vielmehr Grenzen übertreten oder in weit voneinander entfernten Ländern gleichzeitig die Landessprache sein. Als Beispiel hierfür können die U.S.A und Großbritannien dienen. Fremdsprachen können so gut erlernt werden, dass ein Muttersprachler keinen Unterschied bemerkt. Gleichzeitig sind in den Vereinigten Staaten Minoritätsgruppen ansässig, die nationale Gepflogenheiten praktizieren, der Sprache des Ursprungslandes aber nicht mehr mächtig sind (vgl. Hegemann/Oestereich 2009: 18 f.). Weltweit geht man von etwa 3.000 Sprachen aus, wobei 95 % aller Menschen nur ca. 100 unterschiedliche Spra­chen sprechen. Dazu kommen noch Dialekte (regionale Sprachen) und Soziolekte, die Jugendsprache und Sprachen von Subkulturen beinhalten (vgl. Broszinsky-Schwabe 2015: 60). Sprache ist im Fluss, sie stagniert nie. Durch zeitliche und kulturelle Einflüs­se unterliegt sie einem kontinuierlichen Wandel. Ein Wort kann also auch innerhalb einer Kultur unterschiedliche Bedeutung aufweisen. Wörter haben demnach keine sin­guläre Bedeutung, sondern entstehen erst durch ihre soziale Verwendung. Folgt man diesbezüglich Ludwig Wittgensteins Gedanke, so werden Wörter sogar häufiger miss­verständlich als klar und einheitlich interpretiert und genutzt (vgl. Schlippe et al. 2013: 53 f.). Sprache ist ein bedeutsames, nicht zu unterschätzendes Element. Insbesondere Betrachtungen einer Fremdsprache und ihrer Implikationen erweisen sich als hoch­komplex. Fremdsprachen sind nicht immer wörtlich übersetzbar. Ausgedrückte Höflich­keit kann in einer Sprache eine Floskel und in einer anderen bedeutsam sein. Worte können sogar in der gleichen Sprache unterschiedliche Bedeutungen besitzen. Sprechpausen, Sprechanteile, Lebhaftigkeit und Lautstärke des Sprechens werden ungleich interpretiert (vgl. Broszinsky-Schwabe 2015: 62 ff.). Welche Aussage vom Gegenüber positiv aufgenommen wird und welche nicht, kann sehr unterschiedlich ausfallen, denn auch der soziale Kontext einer Kommunikation ist für die Bedeutungs­zuschreibung von Wörtern verantwortlich. Die Bedeutung eines Wortes kann in ver­schiedenen Situationen eine völlig neue Definition und Funktion erhalten (Hege­mann/Oestereich 2009: 19). Die Komplexität von Sprache macht sie zu einem Faktor, der speziell in einem Beratungskontext einen hohen Stellenwert aufweist. Dies ist so­wohl bei Fremdsprachen als auch in der eigenen Muttersprache der Fall. Für die Arbeit mit Migranten, deren Sprachkenntnisse gering sind, ist es wichtig, deutlich und lang­sam zu sprechen. Man sollte dem Klienten am Anfang der Beratung mitteilen, dass er gerne nachfragen darf, wenn etwas nicht verstanden wurde (vgl. Schlippe et al. 2013: 67). Gleichzeitig ist es häufig möglich, ein Missverstehen in der Mimik des zu Beraten­den zu erkennen. Dann ist es sinnvoll, ein Wort oder den gesamten Satz nochmals anders zu formulieren. Kann kein Dialog geführt werden, sollte das Hinzuziehen eines Dolmetschers in Betracht gezogen werden.

2.5 Kultur in einem radikal konstruktivistischen und sozial konstruktio­nistischen Kontext

In der Systemtheorie werden Individuen als psychische Systeme begriffen (vgl. Simon 2014: 15). Die Operationen psychischer Systeme sind Gedanken, deren Entstehung sich systemtheoretisch mit dem radikalen Konstruktivismus sowie dem sozialen Kon­struk­tionismus erklären lässt. Beide Theorien begründen die Entstehung von Weltan­schauungen als ein individuelles Konstrukt, das durch die lebenslange Abfolge von Interaktionen entsteht (vgl. Simon 2013: 68). Wie alle Ansätze des Konstruktivismus ist auch für den radikalen Konstruktivismus Kultur ein Produkt von Beobachtern, das sich für jeden Beobachter anders darstellt (vgl. Rademacher/Wiechens 2001: 7). Erklä­rungen und Beschreibungen sind dabei rein subjektbezogen zu verstehen (vgl. Levold 2016a: 58). Wirklichkeit ist gemäß diesem Ansatz ein Konstrukt, da die körpereigenen Möglichkeiten keine objektive Wahrheit empfinden können. Es sind physische und psy­chische Faktoren, die aus einer radikal konstruktivistischen Perspektive heraus für in­dividuelle Wirklichkeitskonstruktionen verantwortlich gemacht werden. So werden äu­ßere Reize sensorisch gespürt. Rezeptoren des menschlichen Körpers empfinden, ob ein von außen kommender Druck stark oder schwach ist, ob Wärme gering oder ex­trem ist bzw. ob sich die uns umgebenden Moleküle schnell oder langsam bewegen. Unsere Nervenzellen erfassen nur den quantitativen Grad einer Erregung. Die Qualität bzw. die selbst erschaffene Realität wird erst im Anschluss aus diesen Reizen in unse­rem Gehirn konstruiert. Da somit unendlich viele Wahrheiten existieren, muss die vom Beobachter gemachte Realität aus Sicht des radikal konstruktivistischen Ansatzes ständig wiederholt und bestätigt werden, um zu zuverlässigem Wissen zu werden. Ob etwas richtig oder falsch ist, ist daher keine mögliche Unterscheidung. Vielmehr wird im radikalen Konstruktivismus von „Viabilität“ oder einer „Passung“ ausgegangen. Viabili­tät beschreibt das Potenzial eines Menschen, durch seine Beobachtung eine für ihn mögliche Entscheidung zu treffen und danach zu handeln. Eine „Passung“ bedeutet dementsprechend, die für das Subjekt und seine Lebenspraxis passende Beobachtung gemacht zu haben. Sie entsteht daher aus einer äußerst subjektiven Beobachtung, die bei jedem psychischen System anders ausfällt. Eine besondere Relevanz hat diese konstruktivistische Sicht in zwischenmenschlicher Kommunikation. Da wir als Subjekt nicht objektiv sind, können wir nie sicher sein, was unser Gesprächspartner in einer Konversation wirklich meint. Wir legen den vernommenen Satz nur entsprechend unse­rer uns innewohnenden Logik aus (vgl. Schlippe/Schweitzer 2012: 120 ff.).

Anders als der radikale Konstruktivismus benennt der soziale Konstruktionismus sozia­le Beziehungen als auschlaggebenden Faktor für unsere Wirklichkeitskonstruktionen (vgl. Gergen/Gergen 2009: 10). Er kritisiert die konstruktivistische Sicht, die als Basis ihrer Wirklichkeitskonstruktion die menschliche Psyche heranzieht (vgl. Schlip­pe/Schweitzer 2012: 122). Menschliche Wirklichkeiten werden im sozialen Konstruktio­nismus durch die zwischenmenschliche und gesellschaftliche Kommunikation konstitu­iert. Die Bedeutung dessen, was uns umgibt, wird demnach durch Kommunikation er­zeugt (vgl. Deissler 2016: 68). Als einer der wichtigsten Vordenker beschreibt Kenneth Gergen den sozialen Konstruktionismus dementsprechend wie folgt: „Wir können den Sozialen Konstruktionismus als einen kontinuierlichen Dialog über den Ursprung des­sen sehen, was wir als Wissen über das Reale, das Rationale, das Wahre und das Gute ausmachen – letztendlich über alles, was uns im Leben wichtig ist“ (Ger­gen/Gergen 2009: 25). Unsere Realitäten entstehen schlussfolgernd im gemeinsamen Dialog mit anderen Personen (vgl. ebd.: 48). Es sind diese Erzählungen und Geschich­ten, die dann auch Kultur entstehen lassen können (vgl. ebd.: 56).

2.6 Zwischenfazit

Die Auseinandersetzung mit dem Kulturbegriff und den bisher beleuchteten Theorien ist nach Ansicht des Verfassers essenziell. Als Mensch, der sich mit der systemischen Sichtweise in den vergangenen Jahren stark auseinandersetzte, beschreibt sie auch seinen eigenen Werdegang und sein eigenes Denken. Es ist ihm bewusst, dass auch er mit seinen dargelegten Ansichten Komplexität reduziert. Seine Sicht der Dinge be­dient seine in ihm „angelegten Ordner“ mit passgenauer Logik. Sie bildet aber auch die profunde Grundlage seiner beraterischen Tätigkeiten. Nach Meinung des Verfassers sind einzigartige Handlungsmuster, eine sich schnell und ständig verändernde Umwelt, Intellekt, Gender, sozialer Status oder Bildung, um nur einige zu nennen, weitaus machtvollere Faktoren individueller Kulturen als die Fokussierung auf essentialistische Kultureinflüsse. Mit der Verinnerlichung der Systemtheorie und des Konstruktivismus ist eine weitestgehend neutrale und wertfreie Haltung gegenüber dem Herkunftsland des zu Beratenden möglich. Das Wissen um die Entstehung des eigenen Wertesys­tems und unserer Handlungsmuster kann als Spiegel dienen, um eine besondere Art des reflexiven Umgangs mit Stereotypen zuzulassen. Um diese Möglichkeiten zu ver­deutlichen, erfolgt nun ein Übergang zu den beratungsrelevanten Theorien und Prakti­ken, welche die Perspektive des Verfassers hinsichtlich der Beratung unter dem Ein­fluss kultureller Stereotypen beschreiben.

3 Die Wirkung der systemischen Theorie und Praxis auf inter­kulturelle Kontexte

Was macht die systemische Beratung zu einer Beratungsform, die in interkulturellen Kontexten besonders gut anwendbar ist? Nichts, könnte eine Antwort auf diese Frage lauten. Eine Begründung dafür ist, dass die Systemik in der Beratung von Menschen mit Migrationshintergrund nichts Besonderes leistet, sondern „nur“ das, was sie immer leistet. Der Unterschied bzw. die Unterscheidung sind in der systemischen Theorie und Beratung stets von außerordentlicher Bedeutung. In der Beratung einer Person mit Migrationshintergrund erwarten wir Unterschiede in der Wahrnehmung des zu Bera­tenden und geben dieser Begegnung damit eine besondere Bedeutung. Die einzigarti­gen Wahrnehmungsselektionen und Bedeutungsgebungen aller zu Beratenden sind aber immer ein Novum für den Berater (vgl. Hegemann/Oestereich 2009: 23). Die Na­tionalität oder Ethnie sollte mithin keinen Unterschied für den Berater machen. Die Sys­temik arbeitet grundsätzlich mit Unterschieden, die einen Unterschied machen.[19] Die Unterscheidungen, die wir treffen, sind die Phänomene, die wir wahrnehmen. Sie wer­den durch die von uns getroffenen Unterscheidungen zu Informationen. Betrachtet man auf einem Tisch einen Kerzenständer, macht man sich in diesem Moment über ihn Gedanken, weil man ihn vom Rest seines Umfeldes ‒ dem Tisch, der Tischdecke etc. ‒ unterschieden hat. Man hätte auch eine andere Unterscheidung treffen können (vgl. Simon 2013: 58 f.). Es sind allerdings nicht Individuen, die sich der systemische Bera­ter betrachtet, sondern das Verhältnis unterschiedlicher Systeme zu ihren Umwelten (vgl. Hegemann/Oestereich 2009: 24). Der Mensch wird nach systemischem Denken nicht als Individuum gesehen, er konstituiert sich aus einem biologischen, psychischen und sozialen System. Diese Art der Darstellung erlaubt es, die am Aufbau des Men­schen beteiligten Systeme einzeln oder ihre Wechselwirkungen untereinander zu be­trachten (vgl. Ludewig 2013: 38 f.). Diese Beziehungen bestehen untereinander, es werden indessen besonders die Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen sozia­len Systemen[20] betrachtet. Diese Betrachtungsweise hat Konsequenzen für die Hal­tung und die praktisch angewandten Methoden in der systemischen Beratung. Die Sys­temtheorie, deren Denken der Berater auch immer auf sich selbst bezieht, kann ihm zu einer Haltung, Beziehungsgestaltung und Kommunikation verhelfen, die auch in der Beratung zu Beratender mit Migrationshintergrund einen großen Wert repräsentiert. Um diese Bewertung zu veranschaulichen, wird mit einer kurzen Erläuterung der Sys­temtheorie begonnen, die in besonderem Maße mit dem Kontext dieser Masterthesis in Zusammenhang steht.

3.1 Grundlegende Annahmen der systemischen Theorie

Die im Anschluss vorgestellten Elemente der Systemtheorie haben nicht den An­spruch, sie in ihrer Vollständigkeit darzulegen. Dies wäre aus Sicht des Autors nicht sinnvoll. Er versucht sich daher auf die Teile der systemischen Theorie zu beschrän­ken, die er insbesondere für die Beratung mit Menschen mit Migrationshintergrund für relevant hält, ohne dabei zu reduzierend zu verfahren, damit wichtige Zusammenhänge der Theorie nicht verloren gehen.

3.1.1 Systeme aus einer systemtheoretischen Perspektive

Im Mittelpunkt der systemischen Beratung steht das soziale System. Wie in dieser Masterthesis bereits erwähnt, konstituiert sich der Mensch neben dem sozialen System aus dem biologischen und dem psychischen System. Gleichwohl ist er keine Einheit, die analysierbar ist. Der Mensch ist kein eigenes System, auch wenn seine Existenz in der Systemtheorie nicht bestritten wird (vgl. Berghaus 2011: 32 f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Biologische, psychische und soziale Systeme (eigene Abbildung, in Anlehnung an Berghaus, 2011: 32).

Um als System definiert zu werden, muss es in irgendeiner Form operieren. Dabei ist das Operieren eines Systems gleichbedeutend mit seiner Existenz. Soziale Systeme operieren und existieren ausschließlich durch ihre Operationsweise ‒ die Kommunika­tion. Die Operationsweise biologischer Systeme verkörpern die ihr innewohnenden biologischen Abläufe ‒ sie leben. Psychische Systeme operieren durch ihre Kognition, also ihr Denken (vgl. ebd.: 38). Ein System entsteht lediglich durch die eigenen Opera­tionen und endet da, wo es aufhört zu operieren. So endet eine Zelle beispielsweise an ihrer Zellmembran, ihrer Hülle. Es besteht sonach eine operationale Geschlossenheit, die wiederum eine Differenz zur Umwelt erzeugt (vgl. ebd.: 41). Sie sind dadurch nur dazu in der Lage, sich an Operationen des eigenen Systems anzuschließen. Man spricht hierbei auch von einem selbstreferentiellen Prozess (vgl. ebd.: 51). Die Opera­tionsweise sozialer Systeme ist die Kommunikation. Demnach kann Kommunikation lediglich an die Kommunikation eines anderen sozialen Systems anschließen. Diese singuläre Operation, die Kommunikation und ihre ständige Reproduktion führen zu der erwähnten Differenz zur Umwelt (vgl. Luhmann 2011: 76 f.). Ihre Anschlussfähigkeit ist dabei eine äußert wichtige Voraussetzung. Die im System gegebenen Strukturen müs­sen eine Anschlussfähigkeit ermöglichen, um wie bei dem Beispiel der Kommunikation ihre Existenz zu ermöglichen (vgl. Luhmann 2015: 62). Diese spezielle Organisations­form von inneren Prozessen, letztendlich die Autonomie des Systems, nennt sich Au­topoiese.

3.1.2 Die Autopoiesis

Der Begriff „Autopoiesis“ stammt ursprünglich von den beiden Neurophysiologen Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela (vgl. Baecker 2012: 46). Die Bedeu­tung von „autopoietisch“ wird im Fremdwörterlexikon als „das eigene Schaffen, Wirken betreffend“ (Wahrig-Burfeind 2007: 102) beschrieben. Zusammengefasst sind Systeme dann autopoietisch, wenn sie selbstreferentiell sind, sich aufgrund der ihnen inne­wohnenden miteinander vernetzten Prozesse als eine entstandene Einheit konstituie­ren und sich damit von ihrer Umwelt abgrenzen. Man kann sie daher als operational geschlossen ansehen (vgl. Simon 2014: 11; vgl. Ludewig 2013: 32). Autopoiese lässt keine linear-kausale Veränderung zu. So kann man ein soziales System nicht instruktiv verändern.[21] Ähnlich erläuterte Maturana selbst diese unmögliche äußere Einwirkung auf ein autopoietisches System.[22] Sehr wohl können Systeme aber von außen durch Kontakt zu ihren Umwelten irritiert werden, was möglicherweise innere Veränderungen im System hervorrufen kann. Zu unterstreichen ist hierbei, dass es nicht zu einer Ver­änderung kommen muss und die Umwelten nur Auslöser für eine mögliche Neustruktu­rierung innerer autopoietischer Abläufe sind (vgl. Simon 2013: 53). Auch psychische Systeme determinieren das soziale System demnach nicht, auch wenn sie füreinander relevante Umwelten darstellen und das eine System ohne das andere nicht existent sein kann (vgl. Simon/Gebauer 2011: 88).

3.1.3 Systeme und Autopoiesis im Kontext der interkulturellen Beratung

Wie in einem Theaterstück gibt es auch bei Interaktion mit anderen sozialen Systemen Kommunikationsmuster, die sich des psychischen Systems nicht bedienen müssen. In einem Theaterstück gibt es festgelegte Rollen, die es ermöglichen, die Aufführung mit unterschiedlichen Schauspielern zu wiederholen. Die Kommunikation der sozialen Sys­teme bleibt in dem Stück immer gleich. Dabei könnte das psychische System (die Schauspieler, deren Gedanken) störend einwirken,[23] würde aber das Theaterstück (das soziale System, die Kommunikation) verändern. Als Operationsweise eines psy­chischen Systems wird der Gedanke also nur ein Element des sozialen Systems, wenn er ausgesprochen wird (vgl. Simon/Gebauer 2011: 88 f.). Gedanken sind indes nicht dazu in der Lage, miteinander zu kommunizieren (vgl. Berghaus 2011: 68 f.). Diese beiden autopoietischen Systeme werden in der Systemtheorie als füreinander relevan­te Umwelten betrachtet, die sich irritieren, aber keinen direkten Einfluss aufeinander haben. Als Umwelt des sozialen Systems kann sich das psychische System an der Kommunikation durch diese Irritation beteiligen (vgl. Simon 2014: 18). Doch wie in dem beschriebenen Theaterstück wird die Kommunikation dadurch verändert.

Für die interkulturelle Beratung bedeutet das, das das Kommunikationsmuster des Be­ratungssystems ausschlaggebend für die Beratung ist, und nicht das Denken, die Ope­ration des psychischen Systems. Kultur muss demnach als Element von dem psychi­schen System in die Kommunikation des sozialen Systems einfließen, um überhaupt eine Relevanz im sozialen System zu erhalten. Im Umkehrschluss ist sie nicht relevant, wenn sie nicht Teil des Beratungssystems[24] ist. Auch der soziale Konstruktionismus baut auf diesem Verständnis auf. Es gibt auch in dieser Theorie keine endgültigen Wahrheiten, die Religionen, Traditionen oder auch kulturelles Denken betreffen. Wahr­heiten sind pluralistisch und entstehen im Dialog einer bestimmten Gruppe. Vielmehr eröffnet die Kommunikation neue Horizonte. Im Dialog können neue Wahrheiten und Werte entstehen, in der die Ethnie oder Nationalkultur eine nur untergeordnete Rolle spielen muss (vgl. Gergen/Gergen 2009: 20 ff.).

3.1.4 Sinn und Komplexitätsreduzierung

Im Alltag begreifen wir Sinn als etwas, das verloren gehen kann (vgl. Luhmann 2011: 214). Aus systemtheoretischer Sicht ist dies nicht möglich. Beide strukturell aneinander gekoppelten autopoietischen Systeme, sowohl das soziale als auch das psychische System, haben eine essenzielle gemeinsame Eigenschaft. Sie schreiben Phänomenen und der Kommunikation Bedeutung zu (vgl. Simon 2014: 16). Die Bedeutungszu­schreibung ist selektiv. Subjektiv greift sich ein sinnverarbeitendes[25] psychisches Sys­tem eine Möglichkeit aus dem Verweisungshorizont heraus, trifft damit eine Unter­scheidung und ignoriert im Zuge dessen alle anderen Möglichkeiten der Bedeutungs­gebung. Durch diese Selektion ist es für das System möglich, komplexitätsreduzierend zu operieren. Die gewählte Sinnzuschreibung durch das sinnverarbeitende System aus der unendlichen Auswahl potenzieller Bedeutungszuschreibungen bedingt einen Kom­plexitätsabbau der beobachteten Welt, die in ihrer Gesamtheit vom psychischen Sys­tem nicht be- und verarbeitet werden kann. Diese von einem psychischen System ge­troffene Wahl der Bedeutungsgebung ist aus einer Beobachtung 2. Ordnung[26] deutlich, jedoch meist nicht aus der eigenen Beobachtung[27] heraus (vgl. Simon/Gebauer 2011: 95).

Die Kommunikation als Operation sozialer Systeme agiert ähnlich. Auch sie muss Sinn zuschreiben und macht das auf verschiedenen Sinndimensionen.[28] Eine aktuell statt­findende Kommunikation behandelt ein Thema und alle anderen potenziellen Themen damit nicht. Gegenwärtig spricht man so beispielsweise über den letzten Urlaub und nicht über die Arbeit oder ein anderes Thema. Durch das Anknüpfen von Kommunika­tion an Kommunikation bildet sich eine neue komplexitätsreduzierte und stabile Realität in dem aktuellen sozialen System (vgl. ebd.: 96). Die Wahl eines Themas aus dem Verweisungshorizont führt also wie bei dem operierenden psychischen System zu ei­ner Komplexitätsreduzierung. Durch die Wahl der Kommunikation wird eine eigene Komplexität im System geschaffen, die geringer ist als die ihrer Umwelt (vgl. Ludewig 2009: 38; vgl. Luhmann 2015: 94). Beide sinnverarbeitenden Systeme, das psychische und das soziale System, prozessieren Sinn mit ihren Operationsweisen, der Kommuni­kation und den Gedanken. Dabei geht es stets um die potenzielle Auswahl aus dem Verweisungshorizont und die aktuelle sinnstiftende Selektion (vgl. Simon/Gebauer 2011: 94 f.). Das Operieren eines Systems gestaltet die Welt nicht weniger komplex, vielmehr ermöglichen die sinnprozessierenden Operationen dem System, sich mit ihrer vorhandenen autopoietischen Organisation in der Welt einzurichten und ständig zu erneuern (vgl. Luhmann 2015: 94 f.). Die Voraussetzung dieser Erwartung einer sinn­vollen Welt lässt Kommunikation und damit soziale Systeme entstehen (vgl. Si­mon/Gebauer 2011: 94).

3.1.5 Kommunikation und doppelte Kontingenz

Kommunikation wurde lange durch ein einfaches lineares Sender-Empfänger-Modell erklärt. Demnach artikulierte der Sender seine Information, die bei dem Empfänger als unmissverständliche Nachricht ankommt. „Mach bitte den Fernseher aus“, als Nach­richt für den Empfänger artikuliert, würde nach diesem Prinzip immer zu dem gleichen Ergebnis führen. Der Empfänger dieser Nachricht würde dieser Aufforderung nach­kommen. Eltern wissen, dass diese artikulierte Information an ihr Kind viele Ergebnisse zur Folge haben kann. Der vom Sender intendierte Sinn der Nachricht kann von dem Empfänger der Information völlig anders verstanden werden (vgl. Simon 2013: 56 f.). Weiterhin muss man die Wechselbeziehungen verstehen, die Kommunikation auslöst. Paul Watzlawick beschreibt dies bereits 1967, Bezug nehmend auf wissenschaftliche Studien: „Damit soll gesagt sein, dass die meisten der vorhandenen Studien sich mit den Wirkungen befassen, die Person A auf Person B ausübt, ohne aber in Betracht zu ziehen, dass, was immer B tut, auf A zurückwirkt und dessen nächsten «Zug» beein­flusst und dass beide dabei weitgehend von dem Kontext, in dem ihre Wechselbezie­hung abläuft, beeinflusst sind und ihn ihrerseits beeinflussen“ (Watzlawick et al. 2011: 42). Es bietet sich daher ein Kommunikationsmodell an, welches über das einfache Sender-Empfänger-Modell hinausgeht.

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Abbildung 2: Kommunikationsmodell mit individueller Bedeutungsgebung (eigene Abbildung, in Anlehnung an Simon, 2013: 57).

Dieses Modell verdeutlicht die dreifache Selektion einer Information. Der Sender sucht sich aus dem Verweisungshorizont eine Information aus und schreibt damit Sinn und Bedeutung zu. Er entschließt sich dann dazu, diese Information als Mitteilung zu kom­munizieren, und der Empfänger schreibt der Mitteilung des Senders erneut Sinn zu (vgl. Simon/Gebauer 2011: 92). Dadurch ist es der Empfänger der Mitteilung, der die Nachricht des Senders erzeugt, und nicht, wie zuvor beschrieben, der Sender (vgl. Simon 2013: 57 f.). Gelingende Kommunikation erscheint durch die erläuterte dreifache Selektion fast unmöglich. Der Mitteilung des Senders kann nach diesem Schema ein völlig anderer Sinn zugeschrieben werden. Die Information des Senders kann für den Empfänger sogar keinen Sinn ergeben (vgl. Simon/Gebauer 2011: 93). Kommunikation ist damit Kontingent. Luhmann beschreibt Kontingenz als „etwas, was weder notwendig ist, noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist“ (Luhmann 2015: 152). Wie also kann Kommunikation funktionie­ren? Es ist genau diese Kontingenz, aus der Kommunikation resultiert. Da die Kommu­nikation[29] aller sozialen Systeme[30] Kontingent sind, spricht man von einer doppelten Kontingenz. Die Kontingenz der anderen, also die Unmöglichkeit, die Inhalte einer Kommunikation oder die Handlung der Mitglieder eines Systems vorherzusehen, sowie die unüberschaubare Auswahl möglichen Agierens des anderen Systems führen zu der Notwendigkeit, eigene Unterschiede zu machen, zu selegieren (vgl. Simon/Gebauer 2011: 93). Damit ist doppelte Kontingenz auch zirkulär. Man lässt sich auf etwas ein, weil der andere sich ebenfalls auf etwas einlässt (vgl. Luhmann 2011: 308). Begegnen sich psychische oder soziale Systeme, müssen sie der Begegnung automatisch Sinn zuschreiben (vgl. Simon 2013: 95). Zwei sich begegnende Menschen müssen in dem Moment, in dem sie sich gegenseitig wahrnehmen, ihr Verhalten aufeinander abstim­men. Wenn wir auf jemanden zugehen und an ihm vorbeigehen wollen, beobachten wir uns während der Interaktion und stimmen unsere Handlungen aufeinander ab, um an­einander vorbeizukommen. Handelt der Erste in der Interaktion, muss der Interaktions­partner dem Verhalten des Handelnden Sinn zuschreiben. In dem genannten Beispiel geht der Passant nach rechts, und wir müssen uns nun darüber Gedanken machen, weshalb er das tut. Unser psychisches System reagiert also mit einer Sinnzuschrei­bung. Wir reagieren möglicherweise damit, in die andere Richtung auszuweichen, um an dem Passanten vorbeizukommen. Natürlich könnten wir auch über die Straße lau­fen oder stehen bleiben (vgl. Simon 2014: 2 f.). Grundsätzlich erklärt das Beispiel, dass ich meine eigene Handlung und mein Erwarten auf die Handlung und das Erwarten des anderen abstimme. Wir sprechen in diesem Kontext auch von Erwartungs-Erwartungen (vgl. Schlippe/Schweitzer 2012: 116). Bereits Gregory Bateson konstatierte, „dass sich jeder der Teilnehmer der Wahrnehmungen der anderen bewusst ist. Wenn ich weiß, dass mich die andere Person wahrnimmt, und sie weiß, dass ich sie wahrnehme, wird dieses wechselseitige Bewusstsein zum Teil all unsere Handlung und Interaktion de­terminieren“ (Ruesch/Bateson 2012: 236). Niklas Luhmann erklärte, dass das „Ich“ eine Erwartung von dem „anderen“ erwarten können muss, die sich auf das „Ich“ be­zieht, um das eigene Verhalten mit den Erwartungen des anderen abstimmen zu kön­nen (vgl. Luhmann 2015: 412). Man erwartet somit, dass ein anderer ein gewisses handelndes Verhalten voraussetzt. Somit verhält man sich also entsprechend der Er­wartung des anderen, die erwartet wird (vgl. ebd.: 416 f.). Luhmann bezieht sich hierbei auch auf Max Weber, der mit dem Begriff des „Einverständnisses“ diese Bedeutung definiert (vgl. Luhmann 2015: 416, vgl. Weber 1999: 456).

3.1.6 Komplexitätsreduzierung und doppelte Kontingenz im Kontext der inter­kulturellen Beratung

Als systemischer Berater ist es nach Ansicht des Verfassers elementar, die zuvor be­schriebenen Theorien zu verinnerlichen. Die Ergebnisse einer Beratung sind stets auch die Ergebnisse der eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen[31] und der des Klienten (vgl. Schwing 2016: 156). Bedeutungszuschreibungen auf eine bewährte Generalisie­rung von nationalkulturellen Verhaltens- und Denkmustern verhilft der eigenen Logik zu passenden Sinndeutungen (vgl. Luhmann 2015: 140). Für die Beratung können sie aufgrund ihrer Negierung anderer Erklärungen für das Verhalten des Klienten proble­matisch sein. Im Kontext der Beratung haben unterschiedliche Denkweisen und Welt­anschauungen Wechselwirkungen im Beratungssystem. Jede in der Beratung bewusst angewendete Intervention ist wirkungslos, wenn die Interaktionen zwischen Klient und Berater nicht stimmig sind (vgl. Schmidt 2014: 80 f.). Bedingt durch das Phänomen der doppelten Kontingenz, stimmen Berater und zu Beratender ihr Verhalten aufeinander ab. Die beschriebene Erwartungserwartung macht dies möglich. In einem interkulturel­len Kontext kann diese Erwartung einer Erwartung negative Folgen in der Beratung nach sich ziehen. Erwartet der Klient, dass man ihn als differente Kultur wahrnimmt, dann wird er sich entsprechend verhalten. Erwartet ein Berater, dass man ihn durch seine nationale Kultur definiert, kann auch das Auswirkungen auf die Beziehung mit dem Klienten haben. Soziale Systeme verarbeiten alles, was geschieht, als Kommuni­kation (vgl. Krizanits 2013: 45). Das Verhalten des Beraters hat also direkte Auswir­kungen auf das Beratungssystem und damit auf das Ergebnis der Beratung. Maßgeb­lich für die systemische Beratung ist die Beobachtung 2. Ordnung, die mit dem Berater stattfindet. Der Berater muss sich bei seinen Beobachtungen immer auch selbstreflexiv in die Beobachtung miteinschließen. Er ist dadurch in der Lage, das eigene Wertesys­tem, das aus der einzigartigen Historie entstanden ist, kritisch zu betrachten und dadurch flexibler und offener mit ihm umzugehen (vgl. Arnold 2015: 15). Dazu gehören in einem interkulturellen Kontext auch die eigenen Stereotype. Dies führt zum nächsten wichtigen Punkt dieser Masterthesis, der Beobachtung.

3.1.7 Die Beobachtung der Beobachtung

Der Mensch ist als einziges Lebewesen dazu in der Lage, seine Welt durch Sprache zu beschreiben. Die Welt existiert somit nicht nur physisch, sondern auch durch Beschrei­bungen, die viel umfassender sind als das, was uns tatsächlich umgibt. Da unsere sprachlichen Beschreibungen der Welt aufeinander aufbauen, ist es die Kommunika­tion, die letztendlich für unser Weltbild verantwortlich ist. Ein beschriebenes Weltbild ist damit auch immer unterschiedlich zu dem nächsten. Beschreibungen, die aus Be­obachtungen entstehen, resultieren aus den Unterscheidungen, die wir treffen (vgl. Ludewig 2016: 62). Diese Schlussfolgerung Maturanas ist mit derjenigen des britischen Mathematikers George Spencer Browns vergleichbar. Logische Strukturen konnte er als Resultat von getroffenen Unterscheidungen errechnen. Somit sind auch die Kon­struktionen unserer individuellen Wirklichkeiten das Ergebnis von Unterscheidungen. Durch das Aneinanderfügen von einer Unterscheidung an die andere entsteht eine einzigartige Struktur, es entsteht eine Wirklichkeitskonstruktion (vgl. Simon 2013: 59).

Heinz von Foerster war es, der den Beobachter der Beobachtung in seiner „Kyberne­tik[32] der Kybernetik“ miteinschloss. Hieraus entstanden die Kybernetik 1. Ordnung und die Kybernetik 2. Ordnung.[33] Übertragen auf systemtheoretische Erklärungen von Be­obachtungsformen, sprechen wir von Beobachtungen 1. Ordnung und Beobachtungen 2. Ordnungen (vgl. Simon/Gebauer 2011: 37). Beobachtungen 1. Ordnung sind dem­nach Beobachtungen, die aus den von uns getroffenen Unterscheidungen hervorge­hen. Sie sind vom System konstruierte Bedeutungszuschreibungen (vgl. Krizanits 2012: 22). Der Vorgang des Unterscheidens, also das Bezeichnen und Beobachten eines Phänomens, wird vom Beobachter 1. Ordnung meist nicht aktiv wahrgenommen. Der beobachtete Gegenstand wird vom Beobachter 1. Ordnung als reales Objekt in der Welt betrachtet (vgl. Simon 2013: 44). Da die Welt nach dieser Theorie konstruiert ist ‒ sie ist, was jeder Einzelne von uns unterschiedlich beobachtet ‒, bleibt laut Luhmann neben der eigenen konstruierten Welt nur noch, „Beobachter zu beobachten, wie sie die Welt konstruieren“ (Luhmann 1995b: 9). Die Beobachtung 2. Ordnung ermöglicht es dem Berater, die Unterscheidung des Beobachters 1. Ordnung zu beobachten. Er erkennt den „blinden Fleck“[34] des Klienten, den dieser bei seiner Wirklichkeitskonstruk­tion selber nicht sehen kann[35] (vgl. Berghaus 2011: 49). Beobachtungen 2. Ordnung können Erkenntnisse über Handlungs- und Interaktionsmuster von personenorientier­ten Systemen wie Familien oder anderen Gruppen liefern. Die Außenperspektive des Beraters macht diesen besonderen Blick dann letztendlich möglich. Wird diese Außen­perspektive durch Kommunikation in das System gebracht, kann dies das System ver­stören, was eine Veränderung in den Mustern des Systems zulassen kann (vgl. Krizanits 2012: 22 f.).

3.1.8 Beobachtung in einem interkulturellen Kontext

Für die Beratung und insbesondere die interkulturelle Beratung ist es wichtig, festzu­halten, dass Sprache Wirklichkeiten konstruiert. Die Wirklichkeit des einen ist nie iden­tisch mit der Wirklichkeitskonstruktion des anderen (vgl. Ludewig 2016: 62). Es sind jedoch Beobachtungen 2. Ordnung, die ‒ als aktive Intervention genutzt ‒ durch Kom­munikation das Klientensystem irritieren können und damit eine Veränderung im Sys­tem ermöglichen, insofern das System dies zulässt (vgl. Krizanits 2012: 23). Somit können bestehende kulturelle Selbstbeschreibungen des Klientensystems im Bera­tungssystem potenziell verändert werden. Als Berater ist man sowohl Beobachter 1. Ordnung als auch Beobachter 2. Ordnung. Seine Beobachtungen 1. Ordnung sind immer auch von kulturellen Stereotypen geprägt. Dieses Prozessieren von Informatio­nen wird meist nicht aktiv wahrgenommen (vgl. Simon 2013: 44). Selbstreflektion kann hier als Schlüssel genutzt werden, um diese Vorurteile zu erkennen. Ich beschreibe damit eine Beobachtung 3. Ordnung, in welcher der Berater während der Beratung neben seiner Beobachtung 2. Ordnung auch noch seine eigenen Beobachtungsmuster kritisch betrachtet (vgl. Krizanits 2012: 29).

3.2 Haltungen und Ablauf von Beratung in einem interkulturellen Kontext

Neben der Verinnerlichung der soeben erörterten systemischen Theorie finden sich weitere Voraussetzungen, die für eine erfolgreiche systemische Beratung essenziell sind. So erfordert es vom Berater die richtige Haltung gegenüber dem Klienten und die Kenntnis über Inhalte und Struktur eines Beratungsablaufs, um in der Praxis syste­misch arbeiten zu können. Die systemische Theorie ist allerdings auch in der prakti­schen Beratung von profunder Bedeutung. Sie verhilft dem Berater dazu, systemisch zu denken und dieses Denken auf die Beratung zu übertragen. So wird der Klient als Teil seiner Umwelten gesehen und nicht als Einheit, der das Problem zugeordnet wird. Beschreibungen des Klienten werden als individuelle Beobachtungen und als dessen Realität definiert. Diese Erkenntnis kann man als die Arbeitsgrundlage des Beratungs­systems betrachten. Weiterhin besteht für den Berater auf diese Weise nicht die Ge­fahr, die Wirklichkeitskonstruktionen des zu Beratenden zu übernehmen. Das Ziel der systemischen Beratung, die Unterscheidungen, die vom Klienten gemacht wurden, im Beratungssystem zu erkennen, um andere Perspektiven anbieten zu können, wäre so nicht zu verwirklichen (vgl. Ludewig 2013: 54). Es sind Kommunikationssysteme, die man unter Berücksichtigung ihrer Selbstorganisation und Autonomie in der praktischen Beratung betrachtet. Eine Störung wird auf falsche Kommunikation in einem System zurückgeführt und nicht auf eine einzelne Person. So ist innerhalb eines personen­orientierten Systems die Veränderung eines Zustandes[36] nur dann erreichbar, wenn sich im System etwas verändert (vgl. Simon 2013: 113 f.). Dies sind nur einige system­theoretische Erkenntnisse, die man in der Praxis anwenden kann. Als Basis der Bera­tung im Allgemeinen und der Beratung in einem interkulturellen Kontext bestimmt die Theorie aber auch andere Faktoren des Beratungsprozesses, auf die nachstehend eingegangen wird.

3.2.1 Haltung als interkulturelle Kompetenz

Theorie, Techniken und Methoden sind wichtige Faktoren in der Beratung, deren do­minante Rolle indes auch immer wieder angezweifelt wird (vgl. Levold 2016b: 220 f.). Insbesondere im direkten Vergleich einer beziehungsaufbauenden Haltung und ange­wandten Techniken ist es häufig die Haltung,[37] der man mehr Bedeutung für eine er­folgreiche Beratung zuschreibt als den methodischen Techniken (vgl. Rieford/Graf 2014: 141; vgl. Schwing 2016: 156; vgl. Lipchik 2011: 44 f.). Andererseits ist ohne die Systemtheorie keine systemische Haltung möglich, da die Theorie ausschlaggebend für die Rolle des Beraters ist, die sich von anderen Beratungsansätzen deutlich unter­scheidet[38] (vgl. Griese/Pataki 2012: 71). Bevor nun Aspekte der beraterischen Haltung angesprochen werden, die der Systemik vorbehalten sind, sei mit einer Haltung be­gonnen, die auch in anderen Beratungsformen ihre Anwendung findet und nicht um­sonst als elementare Voraussetzung einer Beratung Beachtung findet. Auf die beson­dere Bedeutung der systemischen Haltungen im Kontext der interkulturellen Beratung wird am Ende dieses Kapitels eingegangen.

Die wohl am häufigsten erwähnte Haltung in professionellen Beratungsformen ist eine wertschätzende Haltung[39] gegenüber dem zu Beratenden. Sie ist für den Beziehungs­aufbau unabdingbar und meint anfänglich eine positive Bewertung der bisherigen Le­bensleistung und Problemlösungskompetenzen des Klienten. Sie drückt dem Klienten somit Empathie für ihn und seine Situation aus und macht ihn dadurch unmittelbar auf für ihn wichtige Ressourcen aufmerksam. Dem Berater ermöglicht Wertschätzung der Situation eine offenere Einstellung, die speziell im Erstgespräch aufgrund der neuen Situation und der ihm noch fremden Person sehr nützlich ist (vgl. Krizanits 2013: 66). Diese Haltung äußert sich aber nicht nur in der expliziten Anerkennung dessen, was der zu Beratende bisher geleistet hat. Es ist auch während des Beratungsprozesses wichtig, diese Wertschätzung kontinuierlich beizubehalten. Die Sprache des Beraters sollte dementsprechend niemals wertend oder kritisch gegenüber der Meinung des Klienten sein. So kann eine Beziehung auf Augenhöhe zustande kommen, die Vertrau­en schafft (vgl. Palmowki 2011: 120). In einer Beratungssituation wird dem Berater durch den zu Beratenden häufig formale Autorität zugeschrieben (vgl. Conen/Cecchin 2013: 34). Der Berater kann diese Zuschreibung auf der Handlungsebene nutzen, um auf der Beziehungsebene einen wichtigen Unterschied anzustoßen. Auch in der inter­kulturellen Beratung ist dies von besonderer Bedeutung, da es für den Abbau mögli­cher Stereotype förderlich ist. Vertrauensschaffende Maßnahmen wie diese können aus einer vorab eher distanzierten Haltung des Klienten Nähe schaffen, die für pro­fessionelle Beratungen wichtig ist. Gleichzeitig ist es für den Berater essenziell, eine gute Balance zwischen Nähe und Distanz zu finden.

Auch diese Haltung der Nähe und Distanz wird in den unterschiedlichsten Beratungs­formen angewendet. Insbesondere in einer Beratungssituation, die auf eine besonders schwierige Historie[40] des Klienten hinweist, ist es schwierig, die richtige Balance auf­rechtzuerhalten (vgl. Schlippe et al. 2013: 92). In der systemischen Beratung wird Nä­he als notwendig betrachtet, um an das andere System anzukoppeln. Andererseits ist Distanz notwendig, um das Klientensystem aus einer Metaebene beobachten zu kön­nen (vgl. Krizanits 2013: 69). Zu viel Nähe kann auch zu wenig Abstand zur Perspekti­ve des Klienten bedeuten. Wie bereits erwähnt, wäre das in der systemischen Bera­tung fatal, da mit dem Verlust der Außenperspektive keine Beobachtungen 2. Ordnung mehr möglich sind und dem Berater die Kreativität für Vorschläge neuer Perspektiven genommen werden könnte (vgl. Ludewig 2013: 54). Nähe und Distanz bedeutet aus Sicht des Verfassers daher auch, zwischen einer Beobachtung 1. Ordnung des Klien­ten und der Außenperspektive während der Beratung oszillieren[41] zu können. Neue Perspektiven werden in der systemischen Beratung allerdings immer nur als eine Hy­pothese des Beraters betrachtet.

Der Klient gilt in der Beratungssituation als der Experte, nicht der Berater. Diese Hal­tung bildet die Grundlage systemischer Techniken während der Beratung. Es ist die Selbstorganisationsfähigkeit des Systems, basierend auf der Autopoiese, die für diese Einstellung verantwortlich ist. Die Ressourcen des Klienten, die aus seinen bisherigen Erfahrungen und den daraus entwickelten Problemlösungsstrategien resultieren, sind maßgeblich für das neue, momentan noch nicht lösbare Problem (vgl. Krizanits 2013: 67). Die Aufgabe des Beraters besteht darin, diese Ressourcen neu zu entdecken und für den Klienten nutzbar zu machen. Er unterbreitet dem Klienten hierzu Vorschläge, die für seine innere Logik und seine derzeitige Lebenssituation passend und an­schlussfähig sind. Dem Klienten wird dadurch dazu verholfen, für sein Leben verant­wortlich zu bleiben. Der Berater verantwortet seine beraterische Tätigkeit, die er best­möglich praktiziert (vgl. Rotthaus 2016: 501). Aus dieser Haltung ergibt sich, dass man sich grundsätzlich von dem Gedanken trennen muss, durch ein „besseres Verständnis“ oder eine „bessere Logik“ direkt auf eine Person einwirken zu können. Die Autopoiese lässt eine instruktive Veränderung schlussfolgernd auch in der professionellen Bera­tung nicht zu (vgl. Simon et al. 2004: 40).

Die Haltung der Neutralität schließt an diesen Gedanken an, da sie sich bspw. nicht nur auf die Allparteilichkeit gegenüber einem Familiensystem beziehen muss, das sich in einer Beratung befindet, sondern auch auf die Neutralität gegenüber der Wirklich­keitskonstruktion einer einzelnen Person (vgl. Krizanits 2013: 71). Wie oben bereits erwähnt, wird der Klient nicht als eine Person gesehen, die man belehrt, vielmehr ist er ein Experte „seiner selbst“. Da der Autor in seinen Beratungen, bedingt durch formale Voraussetzungen, stets mit Einzelpersonen zu tun hat, ist diese Form der Neutralität für ihn maßgeblich. Neutralität bedeutet zusätzlich immer, dass man als Berater nicht einfach die formalen Vorgaben der überweisenden Institution übernimmt, sondern sich durch eine positive neugierige Haltung einen eigenen Überblick über die Situation des zu Beratenden verschafft (vgl. Conen/Cecchin 2013: 142). Neugierde ist ein wichtiges Handwerkszeug der systemischen Beratung. Die Neugierde des systemischen Bera­ters beruht auf dem Wunsch, so viele Informationen über den Klienten zu erhalten wie nur möglich (vgl. Krizanits 2013: 67). Hierbei ist zu beachten, dass Neugier zur Ergrün­dung des autopoietischen Systems genutzt wird, also um die Dynamiken der selbstre­ferentiellen Prozesse zu verstehen. Es ist die Eigenlogik des Systems, die im Mittel­punkt der Neugierde steht, und nicht eine Neugier, die zu einer Bewertung führt. Es geht im Dialog mit dem zu Beratenden nicht darum, eine „echte Wahrheit“ oder eine perfekte Intervention zu finden. Vielmehr versucht man, gemeinsam eine Lösung des Problems zu entdecken, die vom Klienten als passend empfunden werden kann (vgl. Welter-Enderlin 2006: 70). Die Logik des Systems ist nicht gut oder schlecht, sie ist einfach so, wie sie ist (vgl. Schlippe/Schweitzer 2012: 207). Hier ist die neutrale Hal­tung des Beraters wieder immanent.

Die beschriebene systemische Neugierde setzt eine Haltung des Nichtwissens voraus. Jedes System, das sich in einer Beratung befindet, ist ein Novum für den Berater. Man ist neugierig, weil man über das System nichts wissen kann. Dieses auch als Letholo­gie[42] bezeichnete Nichtwissen führt dazu, dem zu Beratenden Fragen zu stellen, statt Antworten zu geben. Der Berater ist dadurch in der Lage, sich auf den Bezugsrahmen des Klienten einzulassen und von ihm zu lernen in welchen Kontexten er sein Problem erlebt (vgl. Gaiswinkler/Roessler 2012: 291). Berater sind im „Normalfall“ wissende Ansprechpartner. Sie werden aus der Hoffnung heraus konsultiert, um Antworten auf Fragen zu erhalten, die man selber nicht beantworten kann. Wie bei einer Krankheit soll der Berater ein Mittel verabreichen, das dem erkrankten Patienten seine Gesund­heit wiedergibt. Welches „Wissen“ dabei zur Anwendung kommt, ist in den unterschied­lichen Disziplinen nur selten kongruent.[43] Was alle gemein haben ist die vermeintliche Gewissheit, die Ursache des Problems zu kennen, die dann als Antwort dem Klienten präsentiert werden kann (vgl. Gergen/Gergen 2009: 53 f.). Anders wird in der systemi­schen Beratung Nichtwissen und nicht das Wissen als besondere Qualität des Beraters verortet. Wiederholtes Fragen und die wiederholte Rückmeldung, dass man etwas nicht versteht, ist eine Interviewtechnik, die den Berater zu „echtem“ systemrelevanten Wissen verhilft (vgl. Simon/Rech-Simon 2015: 52, 122). Dem Klienten kann dadurch zumindest kurzfristig zu einer Außenperspektive verholfen werden. Diese Selbstbe­trachtung der eigenen psychischen Muster führt dann möglicherweise zu einer er­wünschten Perspektivverschiebung. Der zu Beratende kann sich anders als der Bera­ter als Experte betrachten, der dazu in der Lage ist, seine eigenen Mechanismen zu beobachten (vgl. ebd.: 54). Diese Haltung, die gleichzeitig eine systemische Technik beschreibt, ist nicht einfach zu praktizieren. Sie ist konträr dem menschlichen Reflex, seine Meinung zu äußern und potenziell nützliches Wissen zurückzuhalten. Der Bera­ter benötigt daher Geduld, um nicht dazu verführt zu werden, zu schnell Rückschlüsse aus den Erzählungen und Erklärungen des Klienten zu ziehen (vgl. Levold/Osthoff 2016: 516). In diesem Zusammenhang sind eine hohe Sensibilität und gute Beobach­tungsgabe des Beraters notwendig, um in der Kommunikation mit dem Klienten die Struktur seines Problems zu erkennen, es zu verändern und zu dekonstruieren (vgl. ebd.: 516; vgl. Deissler 2016: 70 f.). Weiterhin muss der Berater in diesem Kontext dazu in der Lage sein, die erlernte Theorie mit der Praxis zu verbinden. Das beinhaltet, sich seines Wissens und seines daraus entstandenen Standpunktes gewahr zu sein, keine Angst vor gelegentlicher Disharmonie oder Gesprächspausen zu haben und sich unvoreingenommen auf den Klienten einzulassen (vgl. Levold/Osthoff 2016: 516). Hierzu muss man sich mit dem systemischen Denken auseinandersetzen und die In­halte dieser Erkenntnisse zum eigenen Wissen werden lassen. Um diese Verinnerli­chung vollziehen zu können, muss man altes Denken ablegen. Ohne diese (systemi­sche) Selbstreflexion ist es nach Ansicht des Verfassers nicht möglich, sich und seine Umwelt(en) neu zu betrachten.

Selbstreflexion ist nach Meinung des Autors daher eine besonders wichtige Haltung für die systemische Beratung, insbesondere in einem interkulturellen Kontext. Die für die Beratung benötigte Systemkompetenz kann sich ein Berater durch eine Mischung aus Praxiserfahrung und Weiterbildungen oder einem Studium aneignen. Dadurch ist es möglich, die mit den Klienten gesammelten praktischen Erfahrungen zu besprechen bzw. zuvor aufgenommenes Material in der Gruppe zu reflektieren. Berufsbegleitende Rollenspiele zum Einüben von Techniken und Feedbackgespräche haben sich eben­falls als besonders hilfreiche systemische Lehr- und Lernformen herausgestellt. Dabei fördern das gemeinsame Erleben und Lernen der Methoden und Techniken die Bereit­schaft, systemisches Denken anzunehmen und zu verinnerlichen (vgl. ebd.: 517). Al­lerdings sollte es deutlich sein, dass man als Berater niemals auslernt. Der kontinuierli­che Kontakt mit Klienten ist stets eine Möglichkeit, die Anwendung systemischer Tech­niken zu verbessern und die mannigfaltigen Bedeutungszuschreibungen der zu Bera­tenden als Inspiration für weitere Selbstreflexion zu nutzen (vgl. Radatz 2010: 33). Be­sonders im Kontext interkultureller Beratung ist Selbstreflexion eine Haltung, die durch ihre Wirkung auf das Beratungssystem auch eine intervenierende Technik darstellt, da sie kulturelle Erwartungen und Annahmen verflüssigen kann. Eine reflexive Haltung gegenüber der eigenen kulturellen Werte bewirkt ein besseres Verständnis gegenüber den Bedeutungszuschreibungen des zu Beratenden (vgl. (vgl. Levold/Osthoff 2016: 516). Konstruktivismus, sozialer Konstruktionismus und die Systemtheorie ermöglichen es dem Berater, die Entstehung seines eigenen Wertesystems, seine Denk- und Ver­haltensmuster reflexiv zu betrachten. Diese Möglichkeit ist unter Zuhilfenahme einer soziologischen Analyse auch in der Soziologie nicht unbekannt. Eine solche selbstre­flexive Analyse setzt ein sich bewusstes Abkoppeln von der eigenen Biografie voraus, um eine „zielgerichtete, intentionale Habitustransformation“ (Seel 2014: 199) durchzu­führen. Diese bewusst initiierte Transformation kann nach dieser Darstellung nur durch eine mühevolle Veränderung der vorab verinnerlichten Muster abgeschlossen werden (vgl. ebd.: 199). Die beschriebene Verinnerlichung systemischen Denkens kann nach Ansicht des Autors zumindest zu einer Verflüssigung störender Muster führen. Sowohl Konstruktivismus als auch der soziale Konstruktionismus erklären uns unsere Weltbil­der als ein individuelles Konstrukt (vgl. Simon 2013: 68). Die einzigartigen Strukturen unserer konstruierten Wirklichkeiten entstehen durch gemachte Unterscheidungen, die auf den zuvor gemachten Unterscheidungen basieren (vgl. ebd.: 60). Ein systemischer Berater kann sich durch eine selbstreflexive Haltung deutlich machen, dass auch seine Werte ein Konstrukt sind. Damit ist nicht gemeint, dass er diese Werte aufgeben soll ‒ vielmehr kann er durch dieses Wissen andere Wertesysteme besser annehmen und sie sich weniger kritisch erklären (vgl. Oestereich/Hegemann 2016: 483). Das Ver­ständnis für unterschiedlich wahrgenommene Realitäten und insbesondere der Entste­hung dieser Wirklichkeitskonstruktionen vereinfacht es aus Sicht des Verfassers sehr, die eigenen Denkmuster und das eigene Wertesystem mit „wohlwollender Kritik“ zu betrachten. Dies kann als Prozess positiver Entwertungen vormals unumstößlicher Wahrheiten beschrieben werden. Die Entwertung ist reziprok, denn sie lässt damit gleichzeitig eine Anreicherung mit multiplen Realitäten zu. Dieser Vorgang setzt viel Verständnis für die eigene Selbstreferentialität und eine geringere Ernsthaftigkeit bei der Bewertung eigener Perspektiven und Ansichten voraus. Durch wohlwollende und kritische Beobachtung der eigenen Muster und Strukturen ist es uns möglich, in uns manifestierte Stereotype bewusst zu verflüssigen. Dennoch muss dieser Transforma­tion Raum für Veränderung gegeben werden, zumal wir durch diese selbstreflexive Haltung Teile des eigenen Selbstbildes und der bisher gut funktionierenden Denkmus­ter ändern. Es ist jedoch genau diese Selbstveränderung, die uns gegenüber den kon­trastvollen Identitäten unserer Gesprächspartner öffnet und uns ermöglicht, Verständ­nis für andere Bedeutungszuschreibungen zu entwickeln (vgl. Arnold 2015: 15). Die im Titel dieser Masterthesis beschriebene reflexive Verflüssigung von Stereotypen geht gleichwohl über eine im Vorfeld der Beratung stattfindende reflexive Haltung gegen­über den eigenen Stereotypen hinaus. Der Autor bezieht sich damit auch auf einen reflexiven Vorgang, der insbesondere unmittelbar vor und am Anfang des Erstge­sprächs stattfinden sollte.

Es wird deutlich, weshalb neben der soeben beschriebenen selbstreflexiven Haltung auch andere Elemente systemischer Haltung einen besonderen Wert im Kontext inter­kultureller Beratung darstellen. Die erläuterte wertschätzende Haltung ist im Zu­sammenhang mit der Verflüssigung der eigenen Stereotype von unschätzbarem Wert. Beide Haltungen stehen in einer Wechselbeziehung und ergänzen sich ausgesprochen gut. Selbstreflexion und Wertschätzung sorgen gemeinsam für eine besondere Offen­heit gegenüber dem Klienten (vgl. Krizanits 2013: 66, 73). Entsteht in der Beratung eine gute Balance von Nähe und Distanz, so ist kontinuierliche reflexive Haltung auf­grund stereotyper Vorurteile oft nicht mehr nötig. Den Klienten als Experten seiner ei­genen Belange zu identifizieren und gleichzeitig mit einer Haltung der Neugier und des Nichtwissens auf den zu Beratenden einzugehen, sind weitere Haltungen, die für ein Klima sorgen, das auf Augenhöhe stattfindet (vgl. Oestereich/Hegemann 2016: 479). Passivität gegenüber den eigenen Stereotypen führt zu einer Beschneidung der bera­terischen Neugier, da man den Klienten mit seinen Werten, Wirklichkeitskonstruktionen und Unterscheidungskriterien bereits zu kennen glaubt (vgl. Schlippe et al. 2013: 89). Eine wirksame systemische Beratung muss sich aber immer für die Beobachtungen der Klienten interessieren, die aus diesen Konstruktionen und Kriterien entstehen (vgl. Hegemann/Oestereich 2009: 23). Diese einzigartigen Merkmale darf man nicht verall­gemeinern.

Die vom Autor beschriebenen Haltungen sind nicht ausschließlich für die Arbeit in ei­nem interkulturellen Kontext zu verorten, sondern entfalten ihre Wirksamkeit bei allen Klienten. Es wird dennoch deutlich, wie gut sie in diesem Zusammenhang ihre Anwen­dung finden. Festzustellen ist weiterhin, dass Berater genauso in ihren unterschiedli­chen, selbstreferentiellen Weltverständnissen verankert sind wie ihre Klienten. So sind auch die Bedeutungen, denen wir Kultur zumessen, sehr unterschiedlich. Nach Ansicht des Verfassers ist die Nutzung der eigenen Stereotype und anderer Generalisierungen zur Selbstreflexion eine profunde Voraussetzung für die Beratung im Allgemeinen. Dies kann aber nicht die Erwartungshaltung gegenüber dem Klienten sein. So kann ein Be­rater in einer interkulturellen Situation damit rechnen, dass sein Klient Kultur einen hö­heren Stellenwert zumisst als er selbst. Speziell hier sind die beschriebenen Haltungen von großem Wert, da sie ein Klima der Gleichberechtigung und des Respekts schaffen (vgl. Krizanits 2013: 65 ff.). Systemische Haltungen können nur dann eingenommen werden, wenn man sich mit der systemischen Lehre auseinandergesetzt hat und ihre Prinzipien annehmen konnte. Dadurch wird die Aussage dieser Haltungen für den Kli­enten authentisch. Ohne diese Authentizität des Beraters werden sie als Schauspiel wahrgenommen. Vertrauensvolle Beziehungen können sich so nicht entwickeln (vgl. Palmowski 2011: 119). Häufig kann Humor ein wichtiges Element der Beratung wer­den. Eine konstruktivistische Grundhaltung gegenüber den eigenen Wirklichkeitskon­struktionen erlaubt es sowohl, den eigenen Wahrheiten als auch denjenigen der Klien­ten mit einem positiven Humor zu begegnen (vgl. Bauer 2010: 160). In der Beratung ist darauf zu achten, wann man Humor anwendet, damit sich der zu Beratende ernst ge­nommen fühlt (vgl. Simon/Rech-Simon 2015: 284). Ist das gewährleistet, kann Humor zu einer neuen Einschätzung einer Situation führen und dem zu Beratenden neue Handlungsoptionen an die Hand geben (vgl. ebd.: 34). Humor kann Nähe schaffen und Blockaden lösen (vgl. Bauer 2010: 161) und damit auch in der interkulturellen Beratung von unschätzbarem Wert sein. Die dargestellten Haltungen stellen für den Autor durch ihre Neutralität geprägte interkultureller Kompetenzen dar, weil sie mit ihrer Verinnerli­chung und Anwendung allumfassend anwendbar sind. Sie ermöglichen damit eine in­terkulturelle Achtsamkeit gegenüber Klienten mit oder ohne einen Migrationshinter­grund, weil sie auf die einzigartige Kultur des Einzelnen eingehen und nicht nur auf generalisierende Wissensordnungen über nationale bzw. ethnische Werte und Tradi­tionen.

3.2.2 Wie kommt ein gutes „Joining“ zustande?

Beratungsabläufe werden in der Literatur immer wieder in unterschiedlichen Reihenfol­gen veranschaulicht. Dies hat zum einen mit den Definitionen der verwendeten Begriff­lichkeiten zu tun und zum anderen damit, dass es keine festgeschriebene Reihenfolge geben kann. So wird eine Auftragsklärung durchaus am Anfang einer neuen Beratung stattfinden, sie kann sich aber während des Beratungsprozesses mehrfach ändern (vgl. Schmidt 2015: 123). Auch Joining kann in unterschiedlichen Momenten der Beratung eine Rolle spielen. Es beschreibt zuerst die Aufgabe, mit dem zu Beratenden eine an­genehme und sichere Atmosphäre zu gestalten, welche die Möglichkeit bietet, sich kennenzulernen und Vertrauen aufzubauen (vgl. Schwing 2016: 160 f.). In einem inter­kulturellen Kontext kann Interesse an dem Heimatland des Klienten für eine positive Stimmung sorgen.[44] Aussagen des zu Beratenden können in diesem Fall auch der Ein­schätzung der Sprachbeherrschung dienlich sein (Schlippe et al. 2013: 103). Syste­misch betrachtet soll durch diese Aufwärmphase ein Beratungssystem entstehen. Um diesen Vorgang zu ermöglichen, ist es wichtig, auf sein Gegenüber zu achten und spe­ziell in der Anfangsphase sehr sensibel gegenüber Mimik und Verhaltens zu sein. So kann es wichtig sein, ob eine Person Augenkontakt sucht oder nicht, ob sie aktiv auf den Berater zugeht oder Körperkontakt eher meidet (vgl. ebd.: 75 f.). Dies kann man auch auf kulturelle Unterschiede beziehen. Es ist aber grundsätzlich von Bedeutung, auf die Körpersprache des Klienten einzugehen, um keine Missverständnisse oder Fehlinterpretationen hervorzurufen. Generalisierungen von kulturell bedingten Hand­lungen oder Missbilligungen können sehr peinlich und unpassend werden, wenn der Klient diesen Stereotypen nicht entspricht.

Für einen guten Start und den weiteren vertrauensvollen Aufbau eines Beratungssys­tems ist die Technik des Pacings, die in der hypnosystemischen Therapie und Bera­tung angewendet wird, sehr nützlich. Durch eine Wiedergabe des Gesagten in ähnli­chem Wortlaut und einer ähnlichen Körpersprache und Haltung bis zu einem dem Kli­enten angepassten Sprachrhythmus kann man dem zu Beratenden in seiner Welt be­gegnen und ihn abholen (vgl. Schmidt 2014: 85 f.; vgl. Schmidt 2015: 126). Bei dieser Anpassung an den Klienten muss jedoch immer darauf geachtet werden, dass der Be­rater seine Beobachterrolle nicht aufgibt (vgl. Schmidt 2014: 86 f.). Die Wiedergabe dessen, was der Klient berichtet, findet sich auch in der Reziprozitäts-Technik Carl Rodgers. Nach anfänglichem aktivem, empathischem Zuhören spiegelt der Berater die Aussagen an den Klienten zurück, die seiner Lebenswelt Sinn zuschreiben. Wie in der systemischen Therapie und Beratung soll diese Aussage aber nur als Hypothese ver­standen werden. Die Technik zielt darauf ab, dem Klienten einen genaueren Blick für die eigenen Wahrnehmungen zu ermöglichen, um eine Entwicklung der Selbstverände­rung zu initiieren (vgl. Krizanits 2012: 81 f.). Diese Selbstveränderung hat auch die systemische Beratung und Therapie im Sinn, wenn sie sich auf die im Klienten ange­legten Ressourcen bezieht, die zu einer Dekonstruktion des Problems genutzt werden sollen. Die Ressourcenausrichtung sollte bereits am Anfang der Beratung bzw. im Erstgespräch deutlich gemacht werden, um die Problemfokussierung des Klienten zu reduzieren (vgl. Schwing 2016: 161). Dies ist durch die Differenzierung von Anliegen und Auftrag gut möglich.

3.2.3 Anliegen und doppelte Auftragsklärung

Die Klärung eines Auftrags scheint auf den ersten Blick eine einfache Aufgabe zu sein. Oft ist es jedoch eine ungenaue Auftragsklärung, die zu einer erfolglosen Beratung führen wird (vgl. Schlippe/Schweitzer 2012: 238). Unser Verständnis von Aufträgen ist meist linear und kausal. Wir rufen bei einer Werkstatt an, um ihr den Auftrag zu geben, die Bremsen unseres Autos zu kontrollieren, und erwarten, dass genau das geschieht. Auch Klienten haben oft genau diese Erwartungshaltung. Sie beauftragen den Berater damit, ihr Anliegen zu erkennen, es zu bearbeiten und zu beseitigen. Diese Einstellung ist verständlich, kann so von dem Berater aber nicht als Auftrag übernommen werden. Nach systemischem Denken kann eine gemeinsame Arbeitsgrundlage erst in der ge­meinsamen Kommunikation zwischen beiden Parteien geschaffen werden. Der Auftrag des Klienten muss vom Berater als Anliegen definiert werden, um so zu einem neuen gemeinsam erarbeiteten und formulierten Auftrag zu gelangen, der das Anliegen des Beraters in den Auftrag einschließt. Das Anliegen des Beraters ist es, dem Klienten über die Art und den Umfang der Hilfeleistung zu informieren und ihm entsprechend zu helfen (vgl. Ludewig 2009: 78 ff.). Das Anliegen des Kunden wird zu einem neuen Auf­trag, indem sich beide Parteien über die vorhandenen Ressourcen des Beratungssys­tems verständigt haben. Dies schließt die Ressourcen des zu Beratenden mit ein, die zur zukünftigen Bewältigung des Problems benötigt werden. Die beschriebene wert­schätzende Würdigung der bisherigen Lebensleistung und Problemlösungskompeten­zen soll dabei den nötigen Rahmen bilden, um Vertrauen zu schaffen und sich auf Neues einzulassen (vgl. Ludewig 2013: 146 f.). Die Fähigkeit des Beraters sollte es sein, die Ressourcen des Klienten durch sinnstiftende Kommunikation neu zu ent­decken und anders als bisher einzusetzen. So sprechen wir eigentlich von einem Bera­tungssystem, das mindestens zwei Experten beinhaltet: den zu Beratenden mit seinen vorhandenen Kompetenzen zur Problemlösung und den Berater, der mit seinem sys­temischen Wissen, seiner Haltung und seinen Gesprächstechniken seine Expertise einbringt (vgl. ebd.: 149 f.). Die Formulierung macht bereits deutlich, dass es sich bei den Mitgliedern des Beratungssystems um mehr als zwei Personen handeln kann. Auch wenn der Autor in seinem beruflichen Kontext fast ausnahmslos mit Einzelperso­nen zu tun hat, sollte deutlich sein, dass dies in anderen helfenden Berufen häufig an­ders ist. Das systemische Denken setzt voraus, das vollständige Erleben der Klienten zu kontextualisieren. Bestenfalls sollte der Berater, wie dies beispielsweise in der Fa­milientherapie meist der Fall ist, das gesamte Klientensystem kennenlernen. Ist das nicht der Fall, ist es wichtig, das Umfeld zu erfragen und miteinzubeziehen. Die Erwar­tungen der Anwesenden, aber auch der nicht anwesenden Personen müssen daher geklärt und erfragt werden. Sinnvoll ist es dabei, herauszufinden, ob die Wünsche der betroffenen Personen[45] ähnlich sind oder voneinander abweichen. Hierbei wird auch deutlich, ob der zu Beratende aus Eigenmotivation in die Beratung gekommen ist oder teilweise oder gar komplett fremdmotiviert ist. Dies ist insbesondere dann von Bedeu­tung, wenn der Klient von einer Institution an den Berater bzw. das Unternehmen, für das der Berater tätig ist, überwiesen worden ist (vgl. Schlippe/Schweitzer 2012: 236 f.). Wessen Idee war es also, bei dem Berater Unterstützung zu suchen? Der Autor ist häufig in einem solchen Überweisungskontext tätig. Teilweise kann dieser Kontext auch mit einer zwangsweisen Zuweisung des Klienten zu tun haben. In diesem Fall ist es besonders relevant, herauszufinden, was alle Parteien wünschen, um gemeinsam zu einem guten Ergebnis der Beratung zu gelangen. Gibt es keine formalen Vorgaben, müssen darüber hinaus Beratungskontexte geklärt werden. Welche Leistung soll er­bracht werden? Wie oft soll die Beratung stattfinden? Wann kann sie stattfinden? Wes­halb genau ist die Person bei dem Berater (vgl. ebd.: 238)? Auch wenn viele formale Vorgaben für die Beratung existieren, müssen die meisten dieser Themen angespro­chen werden. Dies ist anhand des vom Autor genannten Arbeitskontextes gut zu ver­deutlichen. Als Personalberater hat er die Aufgabe, seine Klienten dabei zu unter­stützen, einen neuen Ausbildungs- und Arbeitsplatz zu finden. Dies beinhaltet meist, die Lebenssituation des Klienten zu kennen und möglicherweise dabei behilflich zu sein, diese zu verändern, um eine Annäherung an den Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Darauf Bezug nehmend ist die Frage nach dem Grund der Beratung offen, obwohl die Arbeitsaufnahme das definierte Ziel des Helfersystems ist. Auch der zeitliche Rahmen und die Termindichte sind formal vorgegeben. Dennoch können zeitliche Aspekte eine Rolle spielen. Eine Alleinerziehende kann beispielsweise häufig eher am Vormittag Termine wahrnehmen. Krankheiten können dazu führen, verstärkt darauf Rücksicht zu nehmen, zu welcher Tageszeit oder an welchem Tag ein Termin stattfinden sollte. Auf diese Thematik wird in Kapitel Vier näher Bezug genommen. Im Speziellen können bei entsprechend stereotyper Einordnung die Erwartungen eines Klientensystems als kul­turelle Besonderheiten identifiziert werden. So kann es durchaus möglich sein, dass es die Erwartung eines oder mehrerer Familienmitglieder ist, an Entscheidungen teilzuha­ben, die während der Beratung getroffen werden sollen. Der Autor kennt auch aus sei­ner Berufspraxis den Einfluss eines oder mehrerer „Familienoberhäupter“, wenn es um Entscheidungen geht, welche die Zukunft von Familienmitgliedern betreffen (vgl. Oes­tereich/Hegemann 2016: 491 ff.). Diese Konstellation kann es in Großfamilien geben, die einen Migrationshintergrund haben. Es gibt sie aber auch in jeder anderen Familie, deren Mitglieder einen intensiven Kontakt untereinander pflegen und nicht dem Stan­dard einer Kleinfamilie entsprechen (vgl. Schlippe et al. 2013: 78), wobei hervorgeho­ben werden muss, dass jedes Familiensystem beeinflussend auf den Klienten wirkt. Was uns diese Beispiele verdeutlichen, ist, dass es grundsätzlich wichtig ist, auch mögliche Erwartungshaltungen nicht anwesender Personen während der Beratung im Auge zu behalten, da sie voneinander abweichen können und auf die Beratungssitua­tion Einfluss haben (vgl. Schlippe/Schweitzer 2012: 236). Erst nach der Klärung aller Fragen und der Darstellung der möglichen Hilfestellung des Beraters kann aus dem Anliegen ein Auftrag werden. Es ist dann ein gemeinsamer Auftrag entstanden, der auch durch einen Vertrag festgelegt werden kann (vgl. Ludewig 2009: 81 f.). Allerdings ist es wichtig, zu wissen, dass sich der Auftrag während der Beratung noch mehrmals ändern kann (vgl. Schmidt 2015: 123). Er ist damit nur ein erstes Ergebnis und eine Basis für den folgenden Beratungsprozess.

3.2.4 Einführung erster Methoden in den Beratungsprozess

Wenn wir Menschen zum ersten Mal begegnen, stellen wir allein aufgrund äußerer Merkmale und ihres Auftretens erste Vermutungen über die Person auf. Dem bekann­ten „ersten Eindruck“ kann sich niemand entziehen (vgl. Schlippe/Schweitzer 2012: 226 f.). In der systemischen Beratung werden Hypothesen, die wir bilden, als Vermu­tungen erkannt und haben daher nicht den Wert einer Erkenntnis oder sogar einer the­rapeutischen Diagnose. Sie können zur Verflüssigung der eigenen Stereotype dienen, sind aber gleichzeitig als Technik zu betrachten, die es dem Berater durch ihre Wider­legung oder Verifizierung ermöglichen, mit der Erklärung des Problems zu experimen­tieren (vgl. Hegemann/Oestereich 2009: 70). Die als Fragen formulierten Hypothesen sind somit immer nur so lange aktuell, bis sie überzeugenderen Hypothesen Platz ma­chen (vgl. Schlippe/Schweitzer 2012: 227 f.). Dieser zirkuläre Prozess, der aus den eingebrachten Hypothesen des Beraters und der Körpersprache, Mimik und den Ant­worten des Klienten besteht, ermöglicht es, nützliche Interventionen zu finden (vgl. Schwing 2016: 157). Das Hypothetisieren entsteht aus der Notwendigkeit heraus, et­was über Bedeutungszuschreibungen und Verhaltensmotivationen des „fremden“ Kli­enten zu erfahren. Sie ist daher auch in der Beratung eines Klienten mit Migrationshin­tergrund von Bedeutung. Da die Hypothesen des Beraters keine Wahrheiten darstellen und sie dem Beratungssystem sowie dem Klientensystem zu einem Perspektivwechsel verhelfen können, nutzt man in der Beratung systemische Fragen. Diese Fragen, die auch als zirkuläre Fragen bekannt sind, ermöglichen es dem Berater, gleichzeitig Aus­künfte zu erhalten und Informationen über seine Hypothesen mitzuteilen (vgl. Hege­mann/Oestereich 2009: 72). Zirkuläre Fragen haben aber noch viele weitere Potenzia­le. Sie können Beziehungen und Interessenlagen im Klientensystem beleuchten (vgl. Krizanits 2013: 95). Wie bereits erwähnt, kann das bei Klienten mit Migrationshinter­grund einen besonderen Wert repräsentieren. Für die Entstehung eines Problems sind immer die individuellen Interpretationen und Beurteilungen verantwortlich. Sie geben dem Phänomen eine problematische Bedeutung. Kulturell beleuchtet, kann eine dem Berater fremde Tradition oder Religion der Auslöser für ein Problem sein. Mithilfe sys­temischer Fragen ist der Berater dazu in der Lage, sich bei dem Klienten über diese Unterschiede zu informieren und sie besser einordnen zu können. Fragen, die Interes­senlagen und Unterschiede ergründen, können sich zum Beispiel auf die Struktur der Familie beziehen: „Wer hilft Ihnen aktiv oder auch passiv bei Ihrer Arbeitsplatzsuche, bzw. wer unterstützt Sie bei Ihren Plänen, wer nicht und warum nicht?“ oder: „Wem vertrauen Sie sich an, wenn Sie sich mal schlecht fühlen?“ Weiterhin können sie bei­spielsweise hypothetischer Natur sein: „Werden Ihre Eltern in Deutschland bleiben, wenn sie Rentner sind und Sie eine Ausbildung abgeschlossen haben?“ ‒ „Was würde solch ein Umzug für den Familienzusammenhalt bedeuten?“ (vgl. Oes­tereich/Hegemann 2016: 479 ff.). Verbindet man eine Hypothese mit einer Frage, die in eine positive konnotierte Zukunft gerichtet ist, hat sie eine weitere Dimension. „Wenn ich Sie in fünf Jahren aus Zufall vor dem Supermarkt treffe, wie werden Sie die Pflege Ihres Vaters und die Übernahme seines Ladens bewältigt haben?“ Diese Frage signa­lisiert, dass die Zukunft nicht negativ sein muss und ermöglicht dem Klienten, sich eine gute Lösung des Problems vorstellen zu können (vgl. Hegemann/Oestereich 2009: 73). Zirkuläre Fragen dienen grundsätzlich dazu, Zusammenhänge im System besser zu verstehen (vgl. Simon/Rech-Simon 2015: 8). Sie sind daher prädestiniert für das Auslo­ten wahrgenommener kultureller Unterschiede. Weiterhin ermöglichen es systemische Fragen, den Klienten über den eigenen Tellerrand schauen zu lassen und viele andere Perspektiven zu erforschen (vgl. Krizanits 2013: 98). Die Darstellung systemischer Fragen kann immer nur als Inspiration dienen. Der Berater kann und soll so kreativ wie möglich sein (vgl. Kindl-Beilfuß 2015: 204 f.). Dennoch ist es wichtig, die Wirkung eini­ger zirkulärer Fragen kurz zu beschreiben. Mit der Bezeichnung „zirkuläre Fragen“ werden häufig die Möglichkeiten veranschaulicht, dem Klienten im Gespräch die Mög­lichkeit zu eröffnen, eine fremde Perspektive einzunehmen und aus dieser Position neue Einsichten über sich zu gewinnen (vgl. Radatz 2010: 35, Krizanits 2013: 98). „Fragte ich Ihre Mutter, wie Sie früher mit einem ähnlichen Problem umgegangen sind, was würde sie mir antworten?“ Diese Frage ermöglicht es dem Klienten, die Fremd­perspektive der Mutter einzunehmen und gleichzeitig über Ressourcen nachzudenken, die durch die belastende Situation bisher nicht aktiviert werden konnten. Ist die Mutter anwesend, kann man sie direkt ansprechen, um dem Klienten Auskunft über ihre Ein­schätzung zu vermitteln, die dann auch etwas über die Beziehungsebene der beiden preisgibt, da es sich dabei unter anderem um Beschreibungen von Emotionen gegen­über dem anderen handelt (vgl. Schlippe/Schweitzer 2014: 42 f.). Klassifikationsfragen versetzen den Berater in die Lage, die unterschiedlichen Sichtweisen und Beziehungen in einem System zu beleuchten (vgl. Simon/Rech-Simon 2015: 70). „Wer aus Ihrer Familie und aus Ihrem engen Freundeskreis glaubt am ehesten, dass Sie schnell wie­der Arbeit finden, wer glaubt, es dauert noch lange und warum?“, sagt etwas über die Perspektiven eines Systems aus, während die Klassifikationsfrage „Wer würde sich darüber am meisten freuen, wenn Sie einen Arbeitslatz gefunden haben, wer am we­nigsten?“ etwas über eine ungleiche Intensität der Beziehungen in einem System auf­zeigt. Skalierungsfragen verhelfen dem zu Beratenden, Abstand zu den eigenen emo­tionsgeladenen und vermeintlich eindeutigen Einschätzungen zu bekommen (vgl. Krizanits 2013: 102). Eine Frage wie „Auf einer Skala von null bis zehn, zehn be­schreibt dabei die stärkste Belastung, wie unwohl fühlen Sie sich in der momentanen Situation?“ kann bei Einführung eines zeitlichen Kontextes ‒ „Gibt es Momente oder gab es Situationen, in denen Sie sich besser fühlten als in diesem Moment?“ ‒ eine Skalierungsfrage gleichzeitig zu einer Verbesserungsfrage machen (vgl. Griese/Pataki 2012: 78). Das Ziel dieser Frage ist es, dem Klienten zu ermöglichen, Ausnahmen von der vermeintlichen Regel zu erkennen und damit die Empfindung einer dauerhaft be­lastenden Situation zu verflüssigen. Auch die Wunderfrage ist lösungsorientiert. Die Fragen „Stellen Sie sich vor, Sie werden morgen wach und Ihr Problem ist verschwun­den, woran würden Sie das bemerken?“ ‒ „Was wäre anders als heute?“ ‒ „Woran würde Ihr Partner das zuerst bemerken?“ zielen darauf ab, sich eine alternative Zukunft mit neuen Handlungsspielräumen vorzustellen (vgl. ebd.: 74 f.). In Verbindung mit einer zuvor gestellten Frage nach Ausnahmen wird es dem Klienten ermöglicht, das, was in der Vergangenheit bereits funktionierte, als Ressource zu erkennen. Die positiv be­schriebene Zukunft beinhaltet meist die bereits zuvor erlebten Ausnahmen und kann sie zur Regel zu machen. Das vermeintliche Wunder kann vom Klienten selbst ange­stoßen werden (vgl. Schlippe/Schweitzer 2012: 267 f.). Auch das Reframing versucht, rekursive Prozesse zu unterbrechen, indem es die für den Klienten sich manifestierten negativen Wahrheiten umdeutet. Es gibt einer negativen Situation eine neue positive Beschreibung (vgl. ebd.: 312 f.). Systemisch Fragen versuchen immer auch, zu ver­deutlichen, dass die momentane Wirklichkeit des zu Beratenden von ihm beeinflussbar ist. Die Frage „Wie müssten Sie sich verhalten, damit Sie am Ende des Monats Ihre Kinder wieder nicht gesehen haben?“ gehört zu den paradoxen Fragen und verdeut­licht dem Klienten, dass er eine Wahl hat (vgl. Simon/Rech-Simon 2015: 55). In diesem Fall wäre es möglich, weiterhin untätig zu sein oder den Gang zum Jugendamt zu wa­gen. Die vorgestellten systemischen Fragen beleuchten lediglich einen kleinen Teil der Auswahl an Fragetechniken, die in der Beratung zur Verfügung stehen. Letztendlich ist das Spektrum der Fragen so groß wie die Fantasie eines jeden Beraters. Die zirkulären Fragen gelten als die wichtigste Technik aus dem Methodenpool der systemischen Beratung (vgl. Krizanits 2013: 83). Die systemische Arbeit bedient sich noch vieler wei­terer Methoden und Techniken, auf die hier im Einzelnen nicht konkret eingegangen werden kann. Neben den Fragetechniken nutzt man im „Reflecting Team“ die Perspek­tiven mehrerer Kollegen, um zusätzliche Beobachtungen 2. Ordnung entstehen zu las­sen (vgl. Schlippe/Schweitzer 2014: 85 ff.). Skulpturarbeit oder Familienaufstellungen sind weitere bekannte Methoden, die in der systemischen Praxis bekannt sind (vgl. ebd.: 63 ff.). Durch ein Genogramm oder auch ein Soziogramm lassen sich soziale Beziehungen visuell darstellen. Das Genogramm im Speziellen ermöglicht es, aus ei­ner Metaebene vielschichtige Familienstrukturen genau mit Genogrammsymbolen zu fixieren und zu visualisieren (vgl. Erler 2003: 35 ff.). In Literatur, die sich auf interkultu­relle Kontexte bezieht, wird das Genogramm neben den systemischen Fragen und der Skulpturarbeit als eine weitere wertvolle Beratungsmethodik betrachtet (vgl. Schlippe et al. 2013: 105 ff.; Hegemann/Oestereich 2009: 74 ff.). Es wird in dieser Literatur auch darauf hingewiesen, dass sich der Einsatz eines Genogramms insbesondere bei Na­tionalitäten gut eignet, welche die direkte Erwähnung eines Problems als unangenehm verorten. Das Relativieren dieser Aussage in einer Fußnote macht einen Konflikt der Autoren deutlich, der sehr plausibel erscheint. Die Autoren vermerken, keine Zuschrei­bung sei sicher, es könne immer auch anders sein (vgl. Schlippe et al. 2013: 105). Es ist die von den Autoren gemachte Unterscheidung, die bei diesem Beispiel zu einer bestimmten Beobachtung führt.[46] Reduziert betrachtet wird zwischen Nationalitäten unterschieden. In diesem Kapitel wurde der Versuch unternommen, Methoden zu be­schreiben, die dem Autor dieser Masterthesis als besonders relevant erscheinen. Zu­sätzlich wurden Methoden präsentiert, die in systemischer Fachliteratur als wirksame Techniken für die interkulturelle Beratung beschrieben werden. Es wurde hier also nur eine Auswahl der anwendbaren systemischen Methoden und Techniken veranschau­licht.

4 Praxisbeispiele

4.1 Methodisches Vorgehen

Es ist das Hauptziel der vorliegenden Arbeit, wichtige Elemente und Thesen des Kon­struktivismus, des sozialen Konstruktionismus und im Allgemeinen des systemischen Ansatzes hervorzuheben, die in einem selbstreflexiven Prozess ihren besonderen Nut­zen in der Verflüssigung von Stereotypen in einem interkulturellen Kontext finden. Da ein positiver Kontakt zum Klienten zu einem verstärkten Abbau kultureller Vorurteile führen kann (vgl. Engelbert 2008: 63 f.), kommt diese besondere Form der selbstre­flexiven Haltung oftmals gerade in der Anfangsphase des Beratungsprozesses zum Tragen. Die systemtheoretische Autopoiese steht allerdings einer schnellen und voll­ständigen Dekonstruktion von Stereotypen durch äußere Beeinflussung im Weg (vgl. Schlippe/Schweitzer 2012: 94). Die vom Autor geführten Interviews in Form eines Be­ratungsgesprächs können daher einen weiteren Einblick über die Verflüssigung von Stereotypen in einem interkulturellen Kontext geben. Zur Erschließung der Beratungs­gespräche wird der qualitative Forschungsansatz herangezogen. Mithilfe der qualitati­ven Forschung wird ein sozialer Sachverhalt geprüft, um eine bessere Kenntnis von sozialer Wirklichkeit, Deutungsmuster und Strukturmerkmalen zu erhalten (vgl. Flick et al. 2012: 14). Die qualitative Sozialforschung beschreibt die soziale Konstruktion einer bestimmten Perspektive und wertet verbales Material durch Interpretationen aus (vgl. ebd.: 17). Da beide Beratungen in einem Kontext stattfinden, der die kurz- oder lang­fristige Wiederarbeits- oder Ausbildungsaufnahme zum Thema hat, bot sich die qualita­tive Forschungsmethode des problemzentrierten Interviews (PZI) in diesen Fällen an. Das PZI hat ein Problem oder Thema im Fokus und stellt zu dieser Thematik Fragen, um ausreichende Daten hierzu zu erhalten. Das Ziel des PZI ist es, die subjektiven Bedeutungsrahmen und die daraus resultierenden Probleme darzustellen. Neutralität gegenüber den Realitäten der Befragten ist hierbei eine grundlegende Haltung des Forschers. Ein Leitfaden mit einer vorab formulierten Einleitungsfrage dient einer po­tenziellen Vergleichbarkeit der Gespräche ‒ eine flexible Gesprächstechnik ist indes­sen bei dem PZI eine wichtige Voraussetzung (vgl. Witzel 2000: o. S.). Das Leitfadenin­terview soll im Interview mit einer offenen Frageliste als Gesprächsgrundlage dienen, um eine gewisse Vergleichbarkeit der Antwortreaktionen verschiedener Befragten zu ermöglichen. Gleichwohl dienen die Fragen nur als Orientierungshilfe. Die Gespräche wurden mit Einwilligung der Befragten auf Tonband aufgenommen und anschließend wörtlich transkribiert (siehe Anhang). Der Berater wurde vom Autor im Text mit „B“ und die befragte Person mit „K“ (Klient) gekennzeichnet. Außerdem wurden längere Pau­sen durch Auslassungspunkte (...) markiert. Die Kommasetzung folgt weitestgehend nach rhetorischen und nicht nach grammatischen Gesichtspunkten zur Markierung entstehender Pausen. Besonders betonte Wörter sind im Text unterstrichen worden. Alle Angaben zu den Personen wurden anonymisiert. Hinsichtlich der Auswertungs­methode fiel die Wahl auf die qualitative Inhaltsanalyse. Hierbei werden relevante Da­ten aus dem erhobenen Material gezogen und anschließend mithilfe zusätzlichen Ma­terials ausgewertet (vgl. Mayring/Gahleitner 2010: 296 f.). Hierfür werden Grundprinzi­pien der systemischen Theorie und Beratung genutzt. Außerdem wird der Autor am Ende dieses Kapitels einen kurzen thematischen Vergleich ziehen.

4.2 Vorbereitung und Settings der Beratungsgespräche

Wie bereits in Unterkapitel 1.1 erläutert, arbeitet der Verfasser dieser Masterthesis als Personalberater in verschiedenen Kontexten. Die teilweise unregelmäßigen und weit auseinanderliegenden Beratungstermine in Transfergesellschaft und im Expatriate-Consulting führten dazu, dass es sich bei beiden Coachees um Personen handelt, die der Autor bei einem privaten Träger in Frankfurt betreut. Diese Auswahl hat den Vor­teil, eine bessere Vergleichbarkeit der Gespräche zu gewährleisten, da der Beratungs­kontext für beide Klienten eine höhere Ähnlichkeit aufweist. Der Auftragsfokus der Be­ratungen bei dem privaten Träger liegt neben der Karriere-, Fort- und Weiterbildungs­beratung in der Unterstützung bei der Suche nach neuen Ausbildungs- und Angestell­tenverhältnissen. Hierfür stehen dem Berater bis zu sechs Monate zur Verfügung. Psy­chosoziale Beratung ist oftmals ein Teil der Beratungsleistung, da die Klienten häufig aus einem für sie problematischen privaten Umfeld heraus agieren. Diese Hilfestellung ist bei Bedarf und Wunsch des Klienten stets vorrangig. Mehr als die Hälfte der Klien­ten haben einen Migrationshintergrund. Sie leben seit einigen Jahren oder bereits seit mehreren Generationen in Deutschland. Für die Erhebung hat sich der Verfasser auf­grund der geringen zeitlichen Ressourcen auf zwei Interviews konzentriert. Bei der Auswahl der Interviewten war das Vertrauensverhältnis zwischen dem zu Beratenden und dem Berater ausschlaggebend. Vertrauen vertieft sich während des Beratungsver­laufs, sodass es am Ende dazu kam, dass zwei Abschlussgespräche geführt wurden. Es handelte sich daher in beiden Beratungsgesprächen um Abschlussgespräche. Ziel der Abschlussgespräche war es, die Ergebnisse der vergangenen Monate nochmals gemeinsam zu reflektieren. Sowohl Frau Taylor als auch Herr Benami wurden Ende November 2016 während des Beratungsprozesses gefragt, ob sie an den vom Verfas­ser geführten Interviews teilnehmen möchten. Der Grund und der Ablauf der Bera­tungen wurde ihnen bestmöglich erklärt. Weiterhin wurde beiden Personen verdeut­licht, dass die Gespräche in einem vertraulichen Rahmen unter Zuhilfenahme eines Diktaphons geführt werden und das Material anonymisiert ausschließlich für die Masterthesis genutzt wird. Beteiligt an den Gesprächen waren die jeweils zu Beraten­den und der Verfasser in seiner Funktion als Berater. Während der Interviews wurde beiden Personen eine Einverständniserklärung und Datenschutzreglung vom Autor und Berater unterschrieben vorgelegt. Die Erklärungen beider Klienten liegen dem Berater vor. Beide Gespräche wurden im Büro des Autors in den Räumlichkeiten des privaten Trägers in Frankfurt am Main am 19.01.2017 sowie am 23.01.2017 durchgeführt.

4.3 Auswertung der beiden Beratungsgespräche

Die Auswertung der beiden Beratungsgespräche kann sich aufgrund des Themas und des gegebenen formalen Rahmens dieser Masterthesis ausschließlich auf eine scharf umrissene Analyse konzentrieren. Neben den beleuchten von potenziellen stereotypen und kulturellen Einflüssen soll die besonders konstruktive Anwendbarkeit systemischer Fragen in der Beratung einen Fokus bilden. Systemisches Nichtwissen ermöglicht dem Berater, sich auf den komplexen Bezugsrahmen eines Klienten einzulassen, der auch nationale und ethnische Faktoren umfasst. Wie bereits unter Abschnitt 4.2.1 beschrie­ben, ist es eine Grundvoraussetzung der systemischen Beratung, keine Antworten zu geben, sondern sie mit dem Wissen des Klienten zu erfragen, um zu verstehen, in wel­chen Kontexten der zu Beratende sein Problem erlebt (vgl. Gaiswinkler/Roessler 2012: 291). Weiterhin werden Aspekte ausgewertet, die sich auf den Beratungskontext be­ziehen. Das geschieht im Speziellen durch die Auswertung der Einstiegsfrage und ei­ner Skalierungsfrage, die beiden zu Beratenden gestellt wurden.

4.3.1 Abschlussgespräch mit Frau „Taylor“

Die Beratung mit Frau Taylor fand in einer freundlichen und vertrauten Atmosphäre statt. Zeitlich wurde zwischen 45 Minuten und einer Stunde für die Dauer des Ab­schlussgesprächs eingeplant. Die Beratung beanspruchte letztendlich 1:00.1 Stunden. Frau Taylor ist 23 Jahre alt. Sie hat durch ihre Mutter einen US-amerikanischen Migra­tionshintergrund und lebt mit ihr in einem Haushalt. Die Mutter sei laut Frau Taylor ab­wechselnd und gleichzeitig drogen- sowie alkoholsüchtig, die Kundin erlebt ihre Mutter als depressiv. Die Klientin ist in Deutschland geboren, ihre Eltern leben getrennt von­einander. Als Ziele wurden neben der Arbeitsaufnahme in ihrer Wunschposition Bo­denstewardess der Auszug aus der Wohnung der Mutter und eine Ausbildungsauf­nahme im Sommer definiert.

Bedingt dadurch, dass die Klientin fast 30 Minuten zu spät erschien und die zeitliche Planung trotz einer eingeplanten möglichen Verschiebung durch den folgenden Termin beeinflusst werden konnte, empfand ich insbesondere die Anfangsphase des Ge­sprächs als etwas hektisch. Eine Neuterminierung der Beratung wäre aufgrund der geringen zeitlichen Ressourcen für diese Masterthesis kaum möglich gewesen. Dazu kam die Situation der Tonbandaufnahme, die für die Klientin und mich gleichermaßen ungewohnt war. Nach etwa zehn Minuten konnte ich mit meiner Verunsicherung bes­ser umgehen und die Beratung meines Erachtens besser durchführen. Die Beratung wurde insgesamt entspannter. Da es sich wie erwähnt um ein Abschlussgespräch handelt, wurde daher folgende Einleitungsfrage gestellt:

„Was mich interessieren würde, wäre, welche Ziele sind für Sie erreicht worden, wel­che nicht, ähm , hat Ihnen irgendwas gefehlt, während des Coachings?“ (Zeile 21–23).

Hier stelle ich mehrere Fragen nacheinander, damit die Klientin gut in die Thematik einsteigen kann und, statt nur eine Frage zu beantworten, in einem Erzählstil antwortet, welches Beobachtungen 2. Ordnung ermöglicht (vgl. hierzu auch Krizanits 2013: 89). Es war ein vorrangiger Wunsch der Klientin, eine Anstellung als Bodenstewardess zu finden. Dieses Ziel konnte erreicht werden. Sie geht auch darauf ein, dass sie noch keine Ausbildungsstelle gefunden hat. Auch am Ende der mehrmonatigen Beratung war mir noch nicht klar, ob die zu Beratende sich tatsächlich eine Ausbildung wünscht. Als ich sie frage, ob ihr die berufliche Tätigkeit oder eine Ausbildung wichtiger sei, ant­wortet sie:

K: […] Nicht so wichtig, ne. [ B: Okay.] Weil ich find, keine Ahnung, im Job lernt man eigent­lich auch sehr viel. Und es ist halt einfach nur auf drei Jahre langgezogen, irgendwie. Klar lernt man zwar intensiver, aber ich denk mir, ich lern da jetzt auch einiges“ (Zeile 147–150).

Die in beiden Beratungen gestellte Skalierungsfrage, die hier (vgl. Zeile 93–95) nach der empfundenen Intensität des Ausbildungswunsches fragt, wird ambivalent beant­wortet:

K: Das Problem ist [ B: Ja?] Also ich weiß wie wichtig es ist, aber, ja, ich weiß, wie wichtig es ist, aber ich ähm … (atmet tief). Wie soll man das erklären. Man weiß, dass es wichtig ist, aber man will es irgendwie nicht machen (lacht) so in die Richtung unge­fähr“ (Zeile 100–103).

Weil ich eine Hypothese bezüglich des Grundes dieser Aussage habe, frage ich sie nach dem Ergebnis des letzten Einstellungstests (vgl. Zeile 104–105) und erhalte eine Bestätigung meiner Annahme.

K: Ja. Ich habe eine Absage bekommen“ (Zeile 106). „ B: Haben Sie seitdem was ge­macht oder seit dem nichts mehr? K: Ne, gar nichts mehr.“ (Zeile 116‒117).

Es ist davon auszugehen, dass die Klientin aufgrund ihrer multiplen Problematiken Prioritäten gesetzt hat. Es ist aber auch möglich, dass ihr fehlendes Selbstvertrauen und ihre damit verbundene Kontingenzbewältigung für ihren eingeschränkten Hand­lungsspielraum verantwortlich sind:

K: Doch schon, aber (lacht). [ B: Aber?] Das ist halt wieder so ne Sache mit diesem Selbstwertgefühl, oder wie das heißt, weil...“ (Zeile 281–282).

Frau Taylor versucht möglicherweise, ihre Welt berechenbarer zu machen, indem sie durch das Beenden der Bewerbungsaktivitäten nicht mehr enttäuscht werden kann.

Es ist mir daher wichtig, ihr Selbstvertrauen im Verlauf des Gesprächs immer wieder zu stärken. Das versuche ich unter anderem mit ressourcenorientierten Fragen und Aus­sagen (vgl. hierzu auch: Radatz: 2010: 40):

B: Okay, das war bei Ihrem ersten Auszug? [ K: Ja]. Wie haben Sie denn das eigent­lich geschafft, damals. Ich mein, Sie waren ja schon mal, Sie waren ja schon mal drau­ßen, Sie sind ja schon mal bei Ihrer Mutter ausgezogen?“ (Zeile 425–428).

B: Schreiben Sie Bewerbungen! [ K: Ja.] Schauen Sie mal, Sie haben einen Freund, der Sie da unterstützt. Sie unterstützen sich gegenseitig [ K: Ja]… Sie bekommen einen Ausbildungsplatz.“ (Zeile 813‒815).

Weiterhin nutze ich in diesem Zusammenhang eine Geschichte (vgl. Zeile 845–858), um eine in der Zukunft liegende erfolgreiche Ausbildungssuche für Frau Taylor erleb­barer zu machen (vgl. hierzu Schlippe/Schweitzer 2012: 319). Die Erzählung kann als eine Art des Reframings gesehen werden, die leichter annehmbar ist, da sie sich weni­ger abstrakt als eine theoretische Umdeutungsaussage im klassischen Sinn darstellt (vgl. Simon/Rech-Simon 2015: 90).

Um die in der Beratung definierten Ziele zu erreichen, ist es wichtig, den Bezugsrah­men der Klienten besser zu verstehen. Systemische Fragen können hierbei zu einem besseren Verständnis der Beziehungen führen, die für den zu Beratenden relevant sind (vgl. Hegemann/Oestereich 2009: 72). Gleichzeitig ermöglichen Fragen dem Berater die Aufmerksamkeitslenkung des Klienten und sind damit immer auch als Interventio­nen zu verstehen (vgl. Schlippe/Schweitzer 2014: 39). Im gegebenen Beratungskontext erscheint die Beziehung zur Mutter und zum Freund während des gesamten Bera­tungszeitraums für die Klientin maßgeblich. Sie werden von ihr im Zusammenhang mit den definierten Zielen auch in den vorangegangenen Monaten immer wieder erwähnt. Auch in dem vorliegenden Gespräch sind sie für die Klientin bedeutsam. Frau Taylor wird von mir an ihren ersten Auszug aus der Wohnung der Mutter mit 18 Jahren erin­nert, um sie auf ihre bereits vorhandenen Ressourcen aufmerksam zu machen (vgl. hierzu Radatz 2010: 40) und ihr Unterschiede in ihrem Verhalten[47] zu verdeutlichen. Meine Frage zielt auf die Ausnahme des „Regelverhaltens“, das bisher in einer rekursi­ven Sackgasse endete. Diese Ausnahme bewirkt eine positivere Einschätzung der Lage und fördert den Verbindungsaufbau zu den verfügbaren Ressourcen des Klienten (vgl. Schmidt 2015: 125):

B. leise: Was war anders? [ K: Ahhh (atmet schwer)]… Wie haben Sie das hinbekom­men? K: Ich weiß es nicht (lacht). Ich komm nicht drauf. Ähm … (fünf Sekunden Pau­se) keine Ahnung. Das Problem war halt, ich bin letztendlich zurückgegangen, weil meine Mutter dann so krank wurde und alles. Also, war sie ja eh schon, aber dann wurde es halt so extrem und irgendwie, ich glaub, es stoppt mich so ein bisschen, ich weiß auch nicht“ (Zeile 473–478).

Die Beziehung zur Mutter der Klientin hat bei ihren neuerlichen Auszugsplänen starke Auswirkungen auf die Handlungsfähigkeit der Klientin:

B: Ähm, Sie sind damals zurückgegangen, wegen der, der Gesundheitszustand Ihrer Mutter sich verschlechtert hat? K: Und sie ständig angerufen hat und komm doch vor­bei und lala, und dann war ich tagelang bei ihr und dann hab ich irgendwann gesagt, okay hier es lohnt sich nicht mehr, ich geh einfach wieder nach Hause (lacht). Ja, und dann hab ich das gemacht und hab es am ersten Tag schon bereut (lacht)“ (Zeile 488‒493).

Obwohl Frau Taylor „es am ersten Tag schon bereut“ hat wieder zu ihrer Mutter gezo­gen zu sein, sagt sie zuvor bezogen auf den geplanten Umzug:

K: Ja, die muss ja jetzt diese Dialyse machen und alles. Die hat ja so Nierenprobleme und ich hab halt irgendwie ein bisschen Angst sie da allein zu lassen [ B: Ahh]. Ja, ich weiß auch nicht, weil die, ja keine Ahnung“ (Zeile 480–482).

Frau Taylor leidet offensichtlich unter den gegebenen Umständen:

K: (…) aber, ähm, ja nicht mehr diesen Druck irgendwie, dieses, Ahhh, ja, man kann es gar nicht beschreiben, es ist einfach wie so ein Psychoterror irgendwie zu Hause [ B: Hmm]. Deswegen. Und ich merk das immer, wenn ich z. B. ahh, wie soll ich sagen, z. B. wenn ich zu Hause bin mit meiner Mutter oder generell mit meiner Mutter oder mit meinem Freund, das ist wie eine andere Welt“ (Zeile 718–722).

Auch hier ist sie wie bei der Ausbildungsfrage ambivalent in ihrem Verhalten. Ich ver­suche daher die Muster, welche für diese Unsicherheit verantwortlich sind mit einer Prozentfrage zu verflüssigen um Frau Taylor einer Entscheidung näherzubringen (vgl. Schlippe/Schweitzer 2014: 46):

B: Ja. [K: Ähm!] Nehmen wir es mal, nehmen wir es mal in Prozentzahlen. Also Ihre Mutter auf der einen Seite, Ihre Unabhängigkeit auf der anderen Seite, Ihre eigene Wohnung. Wie viel Prozent würden Sie Beidem geben?“ (Zeile 529–531).

Die Reaktion der Klientin könnte auf eine potenzielle Verstörung der hemmenden Mus­ter hindeuten, da sie einen typischen Marker für solche Irritationen beinhalten (vgl. hierzu Krizanits 2013: 87).

K: Boah, das ist eine schwierige Frage (lacht)… Ja, schon die Wohnung mehr, auf jeden Fall irgendwie, also, was heißt die Wohnung“ (Zeile 532–533).

Auch in Bezug auf die Ausbildungssuche werden die Beziehungen zur Mutter und zum Freund relevant:

B: Wie schätzt es Ihre Mutter ein, wenn ich Ihre Mutter fragen würde, ob Sie das schaffen, eine Ausbildungsstelle zu finden. „ K: Die wird direkt sagen, dass ziehst du eh nicht durch (lacht)“ (Zeile 187–189).

Im selben Kontext beschreibt die Antwort Frau Taylors eine vertrauensvolle und stabili­sierende Beziehung zu ihrem Freund:

K: Ja, der redet halt schon an mir rum, dass ich das machen soll und der sucht auch, guckt auch und alles. B: Ahh, er unterstützt Sie tatsächlich auch. K: Sehr, ja (lacht) (Zeile 194–197).

Im veranschaulichten Beratungskontext zeigen sich systemische Fragen als ein be­sonders wirksames Werkzeug. Sie ermöglichen es, Beziehungsmuster und ‑intensitäten zu erkunden. Durch die Wirkung zirkulärer Fragen ist es möglich, der Klientin und dem Berater die Rekursivität belastender Muster aufzuzeigen, die dann durch diesen Prozess verflüssigt werden können. Nicht zuletzt ist die Interaktion durch das Frage-und-Antwort-Szenario maßgeblich für Sinngebungsprozesse verantwortlich, die zu neuen Perspektiven führen können (vgl. ebd.: 86 ff.).

Dieses Gespräch zeigt einige Möglichkeiten auf, welche die systemische Beratung bereitstellt. Mit diesem Fall wird auch die unterschiedliche Bedeutung von nationaler und ethnischer Kultur deutlich. Sie ist in diesem Beratungsgespräch kaum bemerkbar. Vielmehr sind es sozioökonomische, familiäre und gesellschaftliche Kontexte, die in dieser Beratung ausschlaggebend waren (vgl. hierzu Oestereich/Hegemann 2016: 476; vgl. auch Mayer/Vanderheiden 2014: 38 ff.). Eine „andere“ nationale Kultur der Klientin ist nicht bemerkbar. Das ist durch die Dynamiken und die Kontextabhängigkeit der Kul­tur allerdings nie der Fall. Bevor ich zur Analysierung des nächsten Gesprächs über­gehe, das mit einem größeren Anteil kultureller Faktoren beschrieben werden kann, möchte ich abschließend auf den Teil dieser Auswertung zu sprechen kommen, der die kulturelle Stereotypisierung zumindest kurz veranschaulicht. Er verdeutlicht, dass auch natio-ethno-kulturelle Faktoren in Beratungskontexten bzw. in jeder Interaktion zwi­schen zwei oder mehreren Personen wirksam sind. Kulturelle Stereotype können so­wohl negativ als auch positiv sein. Dennoch muss klar sein, dass sie niemals zielfüh­rend sind, da sie in beiden Fällen eine Verallgemeinerung darstellen (vgl.: Schlippe et al. 2013: 85).

Frau Taylor hatte mir in der Vergangenheit häufiger davon erzählt, dass sie bereits mehrfach in den USA war, um ihre Verwandten zu besuchen. Nachdem ich sie fragte, bei welchen Fluggesellschaften sie in Zukunft eingesetzt werde, antwortet sie:

K: Bei denen sind einige, ich glaube, Delta, und dann die Tunis Air und ganz viele ver­schiedenen, TUI Fly und sowas. Ja, ich hoff, dass ich bei Delta reinkomme (lacht).

B : Ja, das kann ich mir vorstellen (lacht). Das wär auch sinnvoll, bei Ihnen, glaub ich, ne. K: Jaa, sehr“ (Zeile 60–64)“

Und etwas weiter unten:

K: Ne, noch gar nicht. Bis jetzt noch keins. Also Dienstag geht es dann weiter. Ja, das reizt mich irgendwie, ich will schon zu so ner Airline (lacht). Also mit Delta halt, weil ich damit schon geflogen bin. Sonst würd ich halt auch gerne, ja, hauptsächlich so ameri­kanische Airlines, ja. B: Ja, das macht ja Sinn bei Ihnen, definitiv [ K. lacht: Jaa!]

Das kann ich verstehen, ja. Bekomme Sie auch Vergünstigungen, wenn Sie für die Delta arbeiten würden? K: Ne! Also, für Delta selbst, ja, aber halt dadurch, dass es durch diese Firma ist, überhaupt nichts, nirgendswo. [ B: Okay, schade.] Gar keine. Ja, sehr schade (lacht)! (Zeile 75–82).

Frau Taylor möchte sehr gerne bei Delta oder einer anderen „amerikanischen Airline“ arbeiten. Ich steige schnell in diese Thematik ein, indem ich in Zeile 61 bestätige: „ja, das kann ich mir vorstellen.“ Im Gespräch dachte ich dabei auch daran, dass sie dann unter „ihresgleichen“ ist und sich wohler fühlen würde. Ich hielt das für eine bessere Voraussetzung, um zu gewährleisten, dass sie in ihrer neuen Position erfolgreich ist. Ein weiterer Gedanke, den ich in diesem Zusammenhang hatte, war es, das sie dann vergünstigt in die USA fliegen könnte. Das bestätigte sich nicht (vgl. Zeile 81). Es ist für die zu Beratende also wichtig, für ein amerikanisches Unternehmen zu arbeiten. Ich bin hier leider nicht flexibel genug auf diesen Umstand eingegangen, da ich bereits den nächsten Punkt, die Ausbildungssuche, besprechen wollte (vgl. Zeile 86–87). Grund­sätzlich zeigt meine schnelle Zustimmung bezüglich ihrer nationalen Präferenzen auf, dass man in der Beratung versuchen muss, sich den eigenen Komplexitätsreduzie­rungen gewahr zu sein, um so die Position des Nichtwissens möglichst selten zu ver­lassen.

Mir ist es am Ende der Beratung wichtig, der Klientin eine letzte lösungsorientierte Fra­ge zu stellen, die in die Zukunft geht. Sie soll es Frau Taylor ermöglichen, Distanz zu ihrem Problem zu bekommen und gleichzeitig ihre Aufmerksamkeit auf ein Erleben der Lösung zu lenken (vgl. hierzu Radatz 2010: 71; vgl. auch Schmidt 2014: 103).

B: […] Wenn ich Sie in fünf Jahren an der, weiß nicht, auf der Straße treffe, irgendwo an der, an der, am Flughafen, sagen wir mal am Flughafen. Ich treffe Sie am Flughafen in fünf Jahren, Sie checken mich ein (lacht). K: Hoffentlich bei American Airlines oder so (lacht). B: Bei American Airlines! Was erzählen Sie mir, was da passiert ist in den fünf Jahren?“ (Zeile 876–880).

Die Klientin geht darauf ein und stellt sich vor, bei einer amerikanischen Fluggesell­schaft tätig zu werden. Hier gehe ich in Zeile 880 gerne auf diesen Wunsch ein, um es ihr zu ermöglichen, ein positives Zukunftsbild zu verfestigen.

Abschließend ist zu sagen, dass ihre Antwort auf meine nächste Frage weiterhin offen­lässt, ob die Kundin momentan eine Ausbildung beginnen möchte:

B: Wie haben Sie das gemacht? Erzählen Sie mal? K: Ja, ich hab mich beworben (lacht). Und ja, hab dann die Ausbildung gemacht, ne. Ja, hoffentlich (lacht)…. Jaa.. In fünf Jahren, wenn man sich das so überlegt, das ist so lange hin. B: Die Zeit vergeht so (schnippst mit den Fingern). K: Ja, das stimmt, das hab ich mir bei der Schule gedacht, dass ging auch ruck zuck vorbei“ (Zeile 883–889).

Frau Taylor hat mit der Arbeitsaufnahme ein für sie wichtiges Ziel erreicht. Bedingt durch die insgesamt kurze Beratungsphase war es nicht möglich, herauszufinden, wel­ches weitere Ziel zum jetzigen Zeitpunkt tatsächlich in Angriff genommen werden kann und soll. Es ist weiterhin nicht deutlich, ob Frau Taylor an ihrem Selbstwertgefühl arbei­ten muss, um sich eine Ausbildung zuzutrauen, oder ob ihr Interesse daran zu gering ist. Sie hatte sich bereits vor meiner Beratung zaghaft auf Ausbildungsstellen bewor­ben. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass das entstandene Beratungssystem, in dem die Ausbildungsaufnahme einen zentralen Stellenwert besaß, zumindest eine Mitver­antwortung für viele Aussagen der Kundin hatte. Es fiel mir dennoch leicht, die Kundin nach diesem letzten Termin zu verabschieden, da ich bei ihr immer das Gefühl hatte, dass sie ein hohes Potenzial an Resilienz und Optimismus in sich trägt und bei Bedarf dazu in der Lage ist, Hilfe einzufordern und zu erhalten.

4.3.2 Abschlussgespräch mit Herrn „Benami“

Auch das zweite Abschlussgespräch mit Herrn Benami fand in einem vertrauensvollen und angenehmen Rahmen statt. Wie bei Frau Taylor waren für dieses Gespräch 45 Minuten eingeplant. Es dauerte letztlich 45:15 Minuten. Herr Benami ist 39 Jahre alt. Er ist Deutscher mit marokkanischem Migrationshintergrund und ledig. Der Klient hat zwei Kinder, die bei der Mutter leben. Derzeit hat er kaum Kontakt zu ihnen. Herr Benami lebt bei seinen Eltern und ist seit etwa einem Jahr arbeitsuchend. Zuletzt war er als Gepäckabfertiger bei einem Unternehmen am Flughafen tätig. Zuvor war er als Helfer in den unterschiedlichsten Positionen angestellt. Eine Berufsausbildung oder ein Studi­um hat er nicht absolviert. Wie Frau Taylor stellte ich Herrn Benami dieselbe Einlei­tungsfrage:

B: […] Also das Erste, was mich interessieren würde wäre auf jeden Fall, ähm, welche Ziele sind für Sie erreicht worden und welche nicht? Ja, und hat Ihnen irgendwas gefehlt an dem Coaching oder in dem Coaching?“ (Zeile 17–19).

Der Kunde hatte am Anfang der Beratung den Wunsch, erneut als Gepäckabfertiger tätig zu werden. Nach ca. zwei Monaten konnten wir ihm diese Position vermitteln. Durch eine Folge von Missverständnissen kam es dann doch nicht zu einer Vertrags­unterschrift. Im weiteren Verlauf der Beratung wurde dann aber deutlich, dass Herr Benami nicht mehr in diesem Bereich arbeiten möchte. Feedbackgespräche mit Ar­beitgebern, die nach Vorstellungsrunden mit Herrn Benami mit mir geführt wurden, verdeutlichten, dass es häufig die Gesprächsführung des Klienten war, aus der resul­tierte, dass er nicht eingestellt wurde. Der Kunde wurde von diesen Arbeitgebern als potenzieller Querulant identifiziert. Ich nahm ihn als sympathischen Klienten wahr, der vielleicht etwas einsam war und seine Unsicherheiten durch das viele Reden zu kom­pensieren versuchte. Seine Antwort auf diese Frage verdeutlicht diese Unsicherheit:

K: Einfach den Ruck. Das ist jetzt normalerweise ist das, ne, das ist einfach nur schwierig, weil ich meine ganzen, meine ganzen, meine ganzen Monate, Jahre nur getragen habe, weißt du. Und mein Lebenslauf sieht halt so aus, dass ich nichts ande­res gemacht habe. Und. B: Was meinen Sie, mit nichts anderes gemacht?

K : Nichts anderes versucht habe wie z. B. sagen wir mal Küchenhilfe oder was weiß ich jenes. B: Für wen sieht das so aus? K: Für mich ist das sehr schlecht [ B: Für Sie]. Ja. Weil ich selber nicht weiß, was ich will [ B: Das ist aber]. Ich weiß nicht was ich will, ich weiß nicht, was ich arbeite, ich wollt eigentlich immer zur Post(Zeile 22–32).

Meine Hypothese und die Einschätzungen einiger Arbeitgeber bezüglich seiner für ihn negativen Gesprächsführung versuche ich direkt anzusprechen, um ihm verschiedene Fremdperspektiven darzustellen (vgl. Krizanits 2013: X).

B: […] Mein Gedanke war anfangs, ich hab Ihren Lebenslauf gesehen [ K: Ähm]. Ja, und der sah gut aus, der sah nicht schlecht aus. Also im Vergleich zu vielen anderen K. unter­bricht: Ohh, ich kenn schlimmeres, ich kenn schlimmere Lebensläufe. B: Das mein ich [ K: Boah. Ich versuch zu]. Mein erster Eindruck war tatsächlich, der sieht eigentlich ganz gut aus“ (Zeile 43–47).

Herr Benami nimmt diese Einschätzung zum Anlass, seine multiplen Probleme zu ver­anschaulichen. Er erzählt von Schulden (vgl. Zeile 66–69), von einem Verkehrsunfall, unter dem er noch leidet, und seinen Kindern, die ihm fehlen (vgl. Zeile 93–103). Um wieder mehr Struktur in das Gespräch zu bekommen und nicht bei den Erklärungen des Klienten zu bleiben (vgl. hierzu auch Simon/Rech-Simon 2015: 47), stellte ich ihm eine ähnliche Skalierungsfrage wie Frau Taylor:

B: […] Lassen Sie mich Ihnen mal eine Frage stellen. Auf einer Skala von null bis zehn, ja. Wenn null überhaupt nicht wichtig wäre, fünf ist durchschnittlich wichtig und zehn ist sehr wichtig. Wie wichtig ist Ihnen Arbeit, jetzt zu diesem Zeitpunkt? K:100%, also 10 ja“ (Zeile 105–108).

Ich gehe hier speziell auf den „richtigen Zeitpunkt“ einer Arbeitsaufnahme ein, weil ich mir nie sicher bin, ob dieses Problem für Herrn Benami momentan vorrangig ist. Das Beratungssystem und der Kontext, in dem wir arbeiten, sind mir bei meiner Arbeit im­mer bewusst. Der Klient äußert sich aber auch häufig selbstständig positiv gegenüber der Aufnahme einer Tätigkeit. Sie erscheint ihm wichtig:

K: Das eine hat ja mit dem anderen nichts zu tun. Man arbeitet, damit man bisschen freier im Kopf ist. Das man sich bewegt, das ist normal. Aber das ist eine Frage der Zeit, dann hat man Arbeit, ich mein“ (Zeile 152–154).

Der zu Beratende kommt dann letztendlich fast selbstständig darauf zu sprechen, dass sein hohes Mitteilungsbedürfnis nicht immer gut ankommt:

K: […] Ich bin halt so, man kann mich nicht ändern ja. Ich denk mir, das ist wegen des Re­den, weil ich so viel, ich lass die nicht ausreden. Und dann denk ich manchmal, ich bin der Chef (lacht)“ (Zeile 158–160).

Da er „halt so ist“ und er sein Verhalten als unabänderlich beschreibt und ich das Ge­fühl habe, nicht weiterzukommen, versuche ich, ihn mit dieser Frage zu irritieren:

B: […] Welche Frage sollte ich Ihnen stellen. Wenn Sie in meiner Situation wären und Sie würden vor sich sitzen. Welche Frage würden Sie sich stellen, um sich selbst zu hel­fen?“ (Zeile 226–228).

Das Ziel dieser Fragestellung besteht darin, die bereits vorhandenen problemlösenden Ressourcen des Klienten zu aktivieren (vgl. Radatz 2010: 101 f.). Die Frage irritiert ihn, führt aber nicht zu einer umsetzbaren Lösung:

K: Ich muss kämpfen, Mann, kämpfen. Das ist, ich muss kämpfen. Wenn ich einmal liegen bleibe dann ist Tod. Ist vorbei. Ich muss kämpfen, damit ich auch weiterkomme, ist normal“ (Zeile 244–245).

Als er auf sein Alter zu sprechen kommt, versuche ich mit einer weiteren systemischen Frage dem Klienten zu ermöglichen, eine andere Perspektive einzunehmen, nämlich seine eigene in 40 Jahren:

B: […] Stellen Sie sich mal vor, Sie sind, Sie werden 80, und Sie würden mit sich selbst re­den, als 40-Jähriger. Jetzt. Was würden Sie sich sagen, was Sie machen sollten?“ (Zeile 251–253).

Meine Intention zielt hier darauf ab, ihn zeitlich in die Zukunft zu versetzen und ihn dadurch eine neue Perspektive einnehmen zu lassen (vgl. Krizanits: 2013: 97).

Auch diese Frage irritiert den Kunden sehr, allerdings auch deswegen, weil sie mög­licherweise etwas zu abstrakt für ihn ist. In Ansätzen beginnt er darauf einzugehen:

K: […] Dann würde er sagen, mach das bitte richtig, nicht so, wie ich es damals gemacht habe. B: Und was, genau, was würde er Ihnen raten, wie er es machen soll?

K : Einfach das zu nutzen, was ich nicht genutzt habe. Also wenn er, dass Problem, wenn er alleine ist, mit 80 Jahre und keiner ist bei dem oder so“ (Zeile 290–294).

Kurz darauf ist er aber wieder auf einer sehr allgemeinen Ebene und scheint auszu­weichen:

K: Lebe dein Leben, Mann, würde ich sagen… Das war´s! B: Was heißt das? [ K: Leb dein Leben!]. Und wie sollen Sie das machen? K: Einfach nicht viel Denken, immer lachen.., weil wenn du so überlegst, geht es den Leuten woanders dreckiger als du. So was... Ja, sowas würde ich sagen [ B: Das stimmt]“ (Zeile 304 – 308).

Im Anschluss reden wir über eine Vorstellungsrunde, die für den Kunden schlecht ver­lief (vgl. Zeile 363–435). Das war bedauerlich, da es sich aus meiner Sicht um eine Position mit guter Bezahlung und Zukunftsperspektive handelte ‒ Voraussetzungen, die der Kunde zuvor als wichtige Aspekte artikuliert hatte. Verschiedene Versuche, Herrn Benami zu einem Perspektivwechsel zu verhelfen, scheitern auch hier (vgl. Zeile 388–389, 393–403). Nach mehrfach missglückten Versuchen, dem Klienten eine andere Perspektive bezüglich seines Handelns in Interviewsituationen zu ermöglichen, versu­che ich, ihm nochmals seine vorhandenen Ressourcen zu vergegenwärtigen. Mit mei­ner Frage möchte ich ihm veranschaulichen, dass sein Verhalten nicht immer zu einem Problem führte (vgl. Schmidt 2015: 125). Er soll sich die damals gemachte positive Erfahrung nochmals vergegenwärtigen, um sich eine Veränderung seines Verhaltens zu ermöglichen (vgl. Kindl-Beilfuß 2015: 55). In der Vergangenheit hat er bereits ande­re Vorstellungsgespräche erfolgreich geführt:

B: Ich will Ihnen mal eine andere Frage stellen [ K. leise: Boaaah], als Sie damals den Job bei APS bekommen haben [ K: Ja], wie haben Sie das gemacht?“ (Zeile 436–437)

Seine Reaktion beinhaltet eine Lösung zu seinem Problem:

K: […] Ich habe nicht viel geredet, nicht blabla nicht das. Das, die Antworten kamen rüber, die er mir gestellt hat [ B. gleichzeitig: Sie haben nicht viel geredet]“ (Zeile 468–470).

Der Kunde hat sich zuletzt bei einem mir bekannten Callcenter beworben. Er hat In­teresse an dieser Arbeit, und sie könnte zu ihm passen:

K: […] Und diese Arbeit passt zu diese blabla. B. lacht: Ja, das hab ich auch gedacht, um ehrlich zu sein (lacht). K: Aber ich habe viel geredet, ehrlich. B. sagt gleichzeitig: Das hab ich auch gedacht (lacht). Genau das passt zu Ihnen“ (Zeile 634–638).

Ich gehe am Ende der Beratung explizit auf diesen neuen Wunsch ein, einer Anstel­lung im Callcenter, und stelle dem Kunden eine dem Kontext entsprechende Wunder­frage:

B: Stellen Sie sich mal vor […] die ruft Sie, und die ruft Sie dann morgen an und sagt Ihnen Herr Benami, Sie haben den Job, ja. Ähm, wer bemerkt es als Erster?“ (Zeile 647–651).

Die Wunderfrage stelle ich, um Herrn Benami ein positives Erleben der Zukunft zu er­möglichen (vgl. Griese/Pataki 2012: 75).

B: Und wer merkt es noch? … Woran merkt man das? K: Das ist einfach, wenn du strahlst“ (Zeile 658–659).

Der zu Beratende lächelte dabei tatsächlich, was ein Zeichen für eine Veränderung seiner negativen rekursiven Problemmuster sein könnte (vgl. Krizanits: 2013). Eine weitere Antwort auf diese Frage möchte ich zum Anlass nehmen, um zu der Analyse kultureller Aspekte und potenzieller Stereotype überzugehen. In Zeile 656 verdeutlicht der Klient bezogen auf die Wunderfrage immer noch, weshalb er niemandem sagen würde, warum es ihm gut gehe:

K: […] Das Problem, wenn du sagst, du arbeitest, sind alle Leute mit Auge, und diese Neid und so“ (Zeile 664–665).

Herr Benami spricht vom Neid derer, die nun über seine neue Tätigkeit etwas wissen. Er spricht aber auch einen Aberglauben an, den man nur verstehen kann, wenn man den Wert dieser Aussage erkennt. Herr Benami ist Moslem. Er spricht vom „Auge“ und meint damit wohl den bösen Blick, der unter anderem im Islam eine Rolle spielt. Selbst wenn eine Person sich über das Glück des Freundes freut, muss sie „Maschalla“ (Gott schütze dich) aussprechen, um den potenziellen Fluch abzuwenden. Ich kenne diesen Umstand, da meine Frau einen marokkanischen Migrationshintergrund hat. Es ist aller­dings zu bezweifeln, dass solches Wissen Teil eines interkulturellen Trainings wäre. Für die Beratung macht es in diesem Fall keinen Unterschied, da Herr Benami auch mit anderen Aussagen (dem Neid) sein Misstrauen gegenüber seinen Bekannten aus­drückt. Herr Benami bezieht sich mehrfach auf nationalen Zuschreibungen und Stereo­type, die sowohl ihn als auch andere betreffen. In Zeile 469 sagt er beispielsweise:

K : Ja… Aber der kam mir nicht so dumm, so, der kam nicht wie der Türke ehhh. Nein, der kam ganz locker und ich habe zugehört“ (Zeile 475–476).

Er spricht über das positive Einstellungsgespräch bei APS und vergleicht es mit der Bewerberrunde, bei welcher „der Türke“ ihn abgelehnt hat, weil er zu viel redete. Herr Benami sieht sich in Deutschland als marokkanischer Ausländer, obwohl er als Kind nach Deutschland emigrierte und deutscher Staatsbürger ist (vgl. Zeile 329–332).

Seine Nationalkultur hat für den Klienten eine Bedeutung. In der Beratung drehen sich die Themen allerdings vielmehr um Gefühle der Ausgrenzung und Verunsicherung, die auch Mobbing-Opfer in völlig anderen Kontexten erleiden. Meine Frage, die sich auf seine Aussage bezieht, zeigt, was Herrn Benami tatsächlich belastet:

B: Es gibt in, wenn Sie Interesse haben, ähm, glauben Sie es liegt daran, dass, glau­ben Sie es liegt an der, an Ihrer Nationalität? K. leise: Nein, nein. Es liegt nicht an uns. [ B: Also zum einen] (Wieder lauter) Es liegt an [ B: Ja] wissen Sie, was mir fehlt! [ B: Ja]… Mir fehlt einfach eine eine eine Person, die mich unterstützt, Alter, die mir einen Halt gibt. Wie jetzt zum Beispiel Ihre Frau“ (Zeile 333–337).

Er wünscht sich Liebe und Halt von einer Frau. Besonders interessant empfinde ich eine Aussage, die meine These gut wiederzugeben scheint:

K : Würden Sie mich besser kennen würden Sie mich vielleicht mögen, aber voll krass.

B : Meinen Sie mich? [ K: Ja, ja]. Herr Benami, ich mag Sie! K: Nein, ich mein ehrlich jetzt so privat. B: Ich meine das auch ehrlich. K: So als Marokkaner (lacht). Weißt du, was ich meine [ B: Herr Benami, ich mag Sie tatsächlich]. Ehrlich jetzt, mein Ernst (lacht).“ (Zeile 540–545).

Herr Benami sagt „so als Marokkaner“ würde ich ihn mögen, „privat“. Es ist hier in der Beratung anscheinend anders als privat als „Marokkaner“. Kultur ist hier klar kontext­bezogen (vgl. Oestereich/Hegemann 2016: 476; vgl. Mayer/Vanderheiden 2014: 38 ff.). Der Kontext ist die Beratungssituation, in der meine Kultur oder die meines Klienten in unserer Kommunikation keine Bedeutung hatte und damit nicht zu einer gemeinsamen Realität werden konnte (vgl. Gergen/Gergen 2009: 48). Auch die genannten Stereoty­pe des Klienten führten zu keiner „kulturellen Kluft“, da ich nicht auf sie einging und sie damit in diesem Kontext bedeutsam machte. Auch in diesem Gespräch sehe ich als Berater keinen Bedarf, möglichen kulturellen Unterschieden einen besonderen Stel­lenwert einzuräumen. Die Inhalte dieser mehrmonatigen Beratung waren meines Er­achtens die rekursiven Handlungsmuster des Klienten, die zu belastenden Problemen in Interviewsituationen führte. Des Weiteren waren es primär psychosoziale Aspekte, wie die Trennung von seinen Kindern, Einsamkeit, Schulden, Verunsicherung und die für ihn als erfolglos empfundene Suche nach einem Platz in der Gesellschaft, die die­sen Klienten belasteten.

4.3.3 Thematischer Vergleich und Reflektion beider Beratungsgespräche

Vergleicht man beide Beratungsgespräche, wird meines Erachtens besonders deutlich, dass die freiwillige Teilnahme an einer Beratung sehr wichtig ist (vgl. Radatz 2010: 31). Auch wenn Freiwilligkeit nicht für jeden Klienten die gleiche Bedeutung hat, erschwert der von mir beschriebene Kontext die systemische Arbeit zeitweise (vgl. hierzu auch (vgl. Conen/Cecchin 2013: 61). Meist erkennt man, ob ein Klient offen ist und Vertrau­en gewonnen hat. Manchmal ist das allerdings zumindest teilweise bis zum Ende der Beratung nicht deutlich. Frau Taylor hatte während der ersten Beratungen klare Ziele definiert. Die an sie gestellte Einstiegsfrage konnte von ihr deutlich beantwortet wer­den. Herr Benami geht überhaupt nicht auf erreichte Ziele ein, er erkennt auch keine, sondern artikuliert ausschließlich, was ihm fehle. Im sechsmonatigen Beratungsverlauf änderte der Klient seine Ziele teilweise. Das kann damit zusammenhängen, dass er im Verlauf der Monate mehr Vertrauen fasste, es kann aber auch an tiefer liegenden Problemen liegen, die er mit mir nicht teilen wollte. Mir ist es gerade bei solchen un­deutlichen Konstellationen wichtig, bei dem Klienten zu bleiben, meine eigenen Ziele neu anzupassen und optimistisch zu sein. Nur so ist es möglich, den Glauben an Ver­änderung im Klienten zu stärken und damit systemisch zu arbeiten (vgl. ebd.: 69 f.). Auch die kulturellen Faktoren sind bei beiden zu Beratenden sehr unterschiedlich. Während man bei Frau Taylor nur eine schwache Ausprägung eines national-kulturellen Zugehörigkeitsgefühls erkennt, ist diese Ausprägung bei Herrn Benami stär­ker. Meines Erachtens waren kulturelle Faktoren in diesen Beratungen nicht von Be­deutung. Das ist aber nicht immer der Fall. So können unterschiedliche kulturelle Werte den Fokus in einer Paarberatung verkörpern (vgl. Levold 2013: 19). Aber selbst diese Werte müssen nicht dringend auf Nationalkulturen bezogen werden. In der Beratung ist nationale oder ethnische Kultur dann von Bedeutung, wenn sie möglicherweise für kol­lektive Handlungsmuster verantwortlich gemacht werden kann, die bei dem Klienten zu beobachten sind (vgl. ebd.: 15). Dies darf aber nicht dazu führen, dass diese Art der Beobachtungen des Beraters zu einer zu eingeschränkten Sicht führt, die andere kultu­relle Faktoren nicht mehr erkennt (vgl. ebd.: 19). Meine Stereotype-Einstellungen wa­ren meines Erachtens in den beiden geführten Beratungen gering. Das ist nicht immer so. Der vorgegebene zeitliche und quantitative Rahmen dieser Masterthesis ermöglich­te keine umfassendere Forschung. Bei weiteren Beratungen wären auch bei mir stär­kere Stereotype-Bilder zum Vorschein gekommen, die dazu beigetragen hätten, mei­nen Umgang mit ihnen besser darzustellen. Auch wäre es mit einem anderen zeitlichen Rahmen sinnvoll gewesen, systemische Berater bezüglich ihrer Beratungen in einem interkulturellen Kontext zu befragen, um aussagekräftigere Forschungsergebnisse zu erhalten.

5 Fazit

Die vorliegende Masterthesis verleugnet die Bedeutung von Kultur in der Beratung nicht, sondern unterstreicht sie vielmehr, indem sie die außerordentliche Vielfalt menschlicher Individualität darstellt. Diese kulturelle Diversität macht jede Beratung zu einer interkulturellen Begegnung, die von einem systemischen Berater keine vorweg­genommene Analyse, sondern eine Praxis des Nichtwissens und einer positiven Neu­gierde erfordert, um sich mit ihrer Hilfe authentisches systemrelevantes Wissen anzu­eignen. Hebt man nationale oder ethnische kulturelle Einflüsse der Denk- und Hand­lungsmuster im Beratungssetting hervor, entsteht ein Fokus, welcher mit der Sys­temtheorie und der systemischen Praxis nicht kompatibel ist, da somit die Kontextuali­sierung des kompletten Erlebens des Klienten für den Berater nicht mehr möglich ist. Es sind immer auch subjektive Beobachtungen 1. Ordnung, die für nationale oder eth­nische Unterscheidungskriterien verantwortlich sind. Werden sie nicht als solche er­kannt, führen sie den Berater zwangsläufig zu linear-kausalen Erklärungen der Denk- und Handlungsmuster seiner Klienten. Er wähnt sich in dem Glauben, wichtiges Vor­wissen zu besitzen, das bewusst und unterbewusst Einfluss auf die Beratung haben wird. Die vom Verfasser dieser Thesis dargestellten Theorien verdeutlichen allerdings, dass Vorhersehbarkeit menschlichen Denkens und Verhaltens nicht möglich ist. Die Systemtheorie, der radikale Konstruktivismus und der soziale Konstruktionismus bieten dem systemischen Berater die Möglichkeit, zu erkennen, wie und wodurch sich unsere Wirklichkeiten konstituieren und auf welcher Basis wir Unterschiede machen. Sie ver­deutlicht gleichzeitig, weshalb wir kollektive Kulturfaktoren nutzen, um uns Sinnge­bungsprozesse anderer Menschen zu erklären. Auch wenn es eine essenzielle Aufga­be der Beratungstätigkeit ist, einen möglichst umfassenden und neutralen Einblick in den einzigartigen Bezugsrahmen des Klienten zu erhalten, zeigt uns die Systemtheo­rie, dass wir uns komplexitätsreduzierenden Bedeutungszuschreibungen nicht entzie­hen können, die auch für kulturelle Stereotype verantwortlich gemacht werden müssen. Neben der hieraus resultierenden Erschwernis, Beobachtungen 2. Ordnung durchzu­führen, bewirken kulturelle Stereotypisierungen negative Wechselwirkungen in Bera­tungssituationen, die ein notwendiges Ankoppeln an das Klientensystem unmöglich machen. Die grundlegend schwierige Aufgabe für den Berater, passende und damit wirkungsvolle Interventionen anzuwenden, ist ohne eine unbelastete und stimmige Interaktion im Beratungssystem zum Scheitern verurteilt. Die in dieser Thesis erläuter­ten Theorien zeigen aber auch einen Weg aus dieser vermeintlichen Sackgasse. Die Verinnerlichung des systemischen Ansatzes mit seinen genutzten Theorien und seiner Praxis sind unter der Anwendung hoher Selbstreflexivität dazu in der Lage, die für eine Beratung schädlichen Vorurteile und eine nationale oder ethnische Stereotypisierung zu verflüssigen, um die Beobachtungen und Unterscheidungskriterien des Klienten besser einordnen zu können. Systemtheorie, radikaler Konstruktivismus und sozialer Konstruktionismus und andere sich daraus entwickelnde Theorien wie die hypnosys­temische Therapie und Beratung wirken einer Stereotypisierung in mehrfacher Hinsicht entgegen. Sie erklären den komplexitätsreduzierenden Mechanismus und die Konstitu­ierung eigener Weltbilder sowie Werte und ermöglichen damit gleichzeitig, fremden Wertesystemen offener und weniger kritisch zu begegnen. Parallel stellen sie für die beraterische Praxis eine Basis dar, die durch eine Beobachtung 3. Ordnung eine Inter­aktion mit dem Klienten ermöglicht, in der Kultur keine herausragende Rolle spielt. Selbstreflexion wirkt gegenüber den eigenen Stereotypen vor und während interkultu­reller Kontakte und wird in der Beratung zu einer intervenierenden Technik, da sie kul­turelle Annahmen und Erwartungen verflüssigt. Der systemische Ansatz ermöglicht es mir als Berater, jedem Klienten mit dem nötigen Maß an Neutralität, Nichtwissen und Neugier zu begegnen, die eine systemische Beratung voraussetzt. Er hat mein Leben und meine beraterische Tätigkeit in den vergangenen Jahren immer stärker beeinflusst und wird das in Zukunft weiterhin tun.

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[1] Als internationale Migranten gelten laut den UN nur jene „Personen […], die ihren Wohnsitz für eine bestimmte Mindestdauer oder für unbestimmte Zeit – eventuell für immer – ins Ausland verlegen“ (Münz 2009: 1).

[2] Diese Bezeichnung beschreibt Menschen bzw. deren Nachkommen, die nach 1949 aus einem anderen Staat zugewandert sind (vgl. BAMF 2017).

[3] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit lediglich der männliche Terminus verwendet.

[4] „Das Primordiale Kulturverständnis verweist darauf, dass das Handeln von Personen eine Reaktion auf kulturelle Einflüsse ist“ (Mayer/Vanderheiden 2014: 30).

[5] Stereotyp (n.: -s, -e): eingewurzeltes Vorurteil (Wahrig-Burfeind 2007: 952).

[6] Systemisch betrachtet sind es die getroffenen Unterscheidungen der psychischen und sozialen Systeme, die für Weltanschauungen verantwortlich sind und nicht eine „objektive Realität“, ergo keine objektive Kulturdefinition. Dazu mehr unter Abschnitt 4.1.1.

[7] Diese Kulturkonzepte wurden dann in der Folge häufig, unter anderem auch von Tom Levold (2013), aufgegriffen.

[8] Ein Beispiel für Semiotik.

[9] Eine für jeden einzigartige Wirklichkeit beschreibt der Konstruktivismus ‒ eine im Dialog entstehende Wirklichkeit der soziale Konstruktionismus.

[10] Auf Beobachtungen 1. und 2. Ordnung wird in Abschnitt 3.1.7 nochmals gesondert eingegangen.

[11] Diese Thematik wird in Unterkapitel 2.5 nochmals vertieft.

[12] Földes geht hier nicht explizit auf die anderen kulturellen Einflüsse ein.

[13] Nach Auffassung des Autors sind es der angelsächsische Raum sowie China und Japan, die primär analysiert werden (vgl. Földes 2007: 14).

[14] Individualismus beschreibt hier Eigenständigkeit, Unabhängigkeit, Kollektivismus Eingebundenheit in u. Loyalität gegenüber der Gruppe (vgl. Schlippe et al. 2013: 33).

[15] Welche Akzeptanz besteht in einer Kultur gegenüber einem Machtgefälle (vgl. Schlippe et al. 2013 33).

[16] Sind es eher maskuline oder feminine Werte, die in einer Kultur einen höheren Stellenwert besitzen (vgl. Schlippe et al. 2013: 33 f.).

[17] Ist die betroffene Kultur sicherheitsorientiert, ist sie tolerant gegenüber Neuem (vgl. Schlippe et al. 2013: 33). Hofstede ermittelte diese Dimensionen durch eine Faktorenanalyse in über 50 Ländern. Kultur wird hier als Voraussetzung und Ursache für die Merkmalausprägungen untersucht (vgl. Helfrich 2006: 431 f.).

[18] Bourdieu bezieht seine Thesen primär auf die soziale Schicht innerhalb eines sozialen Gefüges (vgl. Lenger et al. 2013: 19).

[19] Eine Aussage, die Gregory Bateson ursprünglich in seinem Buch „Die Ökologie des Geistes“ getroffen hat.

[20] Laut Luhmann gehört hierzu bereits eine kurze Interaktion mit einem anderen sozialen System, auch wenn ein Teilsystem (z. B. Familie oder intime Beziehung) durch die Kürze der Interaktion nicht dauerhaft ist (vgl. Luhmann 2015: 263 f.).

[21] Instruktive Interaktion (eine direkte Einflussnahme) ist in Therapie und Beratung nicht möglich (vgl. Simon et al. 2004:40).

[22] Er sprach von der Unmöglichkeit einer instruktiven Interaktion (vgl. Simon 2013: 53).

[23] Es besteht eine strukturelle Kopplung. Die Systeme können sich demnach nur irritieren, es gibt keine direkte Beeinflussung (vgl. Simon 2014: 20 f.).

[24] Das Beratungssystem besteht aus der Interaktion des Beratersystems und dem Klientensystem (vgl. Krizanits 2012: 67).

[25] Das psychische und das soziale System werden als sinnverarbeitende Systeme bezeichnet (vgl. Schlippe/Schweitzer 2012: 129).

[26] Der Beobachtung einer Beobachtung (vgl. Schippers 2012: 150).

[27] Beobachtung 1. Ordnung (vgl. Schippers 2012: 150).

[28] Luhmann spricht von drei Sinndimensionen ‒ der Sach-, Sinn- und Zeitdimension (vgl. Luhmann 2011: 229).

[29] Die gesendeten Informationen während der Kommunikation.

[30] Alle Mitglieder des sozialen Systems, also dieser Interaktion.

[31] Komplexitätsreduzierende Bedeutungszuschreibungen.

[32] Kybernetik beschreibt die Erforschung zirkulärer, dynamischer Rückkopplungssysteme, die Informationen verarbeiten und der Steuerung von Prozessen dienen (vgl. Simon/Gebauer 2011: 12 ff.).

[33] Kybernetik der Kybernetik beschreibt die Beobachtung des Erforschens isolierter Rückkopplungssysteme (vgl. Simon 2013: 41).

[34] Das, was er selber nicht sieht, weil er sich seiner Unterscheidungsstrukturen nicht immer bewusst ist.

[35] Dabei darf allerdings nie vergessen werden, dass auch das durch die Beratung entstandene Beratungssystem seinen eigenen blinden Fleck erzeugt.

[36] Beispielsweise eine Veränderung des vom Klienten definierten Problems.

[37] Haltung ist maßgeblich verantwortlich für den Beziehungsaufbau zum Klienten.

[38] Grundsätzlich wird Haltung in der systemischen Beratung auch als Methode angesehen. Haltungen sind Interventionen (vgl. Krizanits 2013: 74).

[39] Eine Haltung, die ursprünglich von Carl Rogers genutzt wurde (vgl. Griese/Pataki 2012: 13 f.).

[40] Bei Menschen mit Migrationshintergrund kann das beispielsweise eine Traumatisierung sein, die durch ein Ereignis wie einen Krieg entstanden ist (vgl. Schlippe et al. 2013: 92).

[41] Oszillation beschreibt hier ein Hin- und Herschwingen zwischen den Beobachtungen. Es ist in der Gegenwart unmöglich, zwei Perspektiven gleichzeitig einzunehmen (vgl. Kleve 2012: 25).

[42] In diesem Zusammenhang stammt dieser Begriff von Heinz von Foerster (vgl. Foerster/Bröcker 2014: 305 ff.).

[43] Die Ursachen sind dabei scheinbar eher in der wissenschaftlichen Disziplin bzw. der therapeutischen Schule zu finden als in dem „Träger des Problems“.

[44] Diese Aussage bezieht sich auf Klienten, die ihr Herkunftsland noch als Heimat definieren. Die zeitliche Dimension der Auswanderung ist hier der ausschlaggebende Faktor in der Bewertung.

[45] Personen aus dem Klientensystem ‒ das kann der Partner oder eine Familie oder andere Gruppe sein.

[46] Natürlich sind es die Unterscheidungen des Autors dieser Masterthesis, die zu der kritischen Betrachtung dieser Beobachtungen führen.

[47] Es soll hierbei eine zufällige Handlung in der Zukunft bewusst angewendet werden, um negative Muster zu unterbrechen (vgl. hierzu Simon/Rech-Simon 2015: 281).

68 von 68 Seiten

Details

Titel
Interkulturelle systemische Beratung im Kontext reflexiver Verflüssigung kultureller Stereotype
Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern  (DISC)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
68
Katalognummer
V374388
ISBN (Buch)
9783668518612
Dateigröße
1117 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Systemische Beratung, Kultur, Stereotype
Arbeit zitieren
Kay Lange (Autor), 2017, Interkulturelle systemische Beratung im Kontext reflexiver Verflüssigung kultureller Stereotype, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374388

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