Die Lohndiskriminierung der Frau in Deutschland von 1850 bis heute

Eine kritische Betrachtung der Arbeitgeberseite, der Gewerkschaften und der Frauenbewegungen


Bachelorarbeit, 2015
37 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Lohndiskriminierung
2.2 Arbeitgeber und Gewerkschaften
2.3 Frauenbewegungen
3. Historische Entwicklung der Lohndiskriminierung der Frau
3.1 Industrielle Entwicklung in Deutschland von 1850 bis 1914
3.2 Weltkriege und Nachkriegszeit 1914 bis 1949
3.3 BRD und DDR 1949 bis 1990
3.4 Wiedervereinigung 1990 bis heute

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Meine Bachelorarbeit beschäftigt sich mit dem Thema „Lohndiskriminierung der Frau“. Frauen waren schon immer in vielerlei Hinsicht von dem Thema Diskriminierung betroffen. Noch vor hundert Jahren durften sie kaum eigene Entscheidungen treffen, da sie durch die Gesellschaft als nicht gleichberechtigt zum Mann angesehen wurden. Gerade die Diskriminierung im Bereich der Arbeit zieht sich noch bis in die heutige Zeit. Frauen- und Männerarbeit wurde grundsätzlich schon immer ungleich entlohnt, selbst wenn sie über die gleichen Qualifikationen verfügen und den gleichen Beruf ausüben. Im Jahr 1879 hielt August Bebel in seinem Werk „Die Frau und der Sozialismus“ schon fest, dass die Frauen, die zu dieser Zeit überhaupt arbeiteten, in seltenen Fällen zwei Drittel, meistens jedoch nur die Hälfte des Verdienstes der Männer erhielten und die Frauenfrage somit wirtschaftlichen Ursprunges war (vgl. Bebel 1994, S. 222). Auch wenn es im Vergleich zum 19. und 20. Jahrhundert schon einige Verbesserungen gibt, sehen sich Frauen auch heute noch der Lohndiskriminierung ausgesetzt, da viele Männer in gleichen Positionen mehr verdienen als sie. Dies wird unter anderem durch Angaben des Statistischen Bundesamtes belegt: Der Verdienstunterschied zwischen Männern und Frauen in Deutschland lag im Jahr 2014 sogar noch bei 22% (vgl. Statistisches Bundesamt 2015). Obwohl eine Lohnungleichheit auch dadurch entsteht, dass Frauen und Männer sich hinsichtlich ihrer individuellen Eigenschaften unterscheiden, eine Frau z.B. für die Kindererziehung ihre Tätigkeit über einen längeren Zeitraum unterbricht, besteht trotz der Berücksichtigung dieser Unterschiede eine Lohndifferenz, die auf Diskriminierung zurückzuführen ist. Diese Diskriminierung war im 19. Jahrhundert auf ihrem Höhepunkt, als Frauen ausschließlich mit der Erlaubnis ihrer Männer, sowie zu absoluten Hungerlöhnen etwas dazu verdienen mussten, um ihre Familie ernähren zu können und somit zusätzlich einer enormen Doppelbelastung von Haushalt und Arbeit ausgesetzt waren. Durch die Gründung von Gewerkschaften und Frauenbewegungen, die sich für die Rechte der Frauen einsetzten, sollte von nun an über Jahrzehnte hinweg ihre Situation verbessert und eine Gleichstellung zum Mann erzielt werden. Die Arbeitgeber, die Gewerkschaften und die Frauenbewegungen haben viel zur geschichtlichen Entwicklung der Lohndiskriminierung beigetragen. Während die Arbeitgeber die Zwangslage der Arbeiterinnen ausnutzten und ihr stets einen diskriminierenden Lohn zahlten, um möglichst viel Gewinn für sich zu erzielen, kämpften die Gewerkschaften und die Frauenbewegungen unterschiedlich stark für die Rechte der Frauen. Um die Thematik besser verständlich zu machen, beginne ich meine Bachelorarbeit damit, zu erklären, was Lohndiskriminierung im Allgemeinen bedeutet, wie die Arbeitgeber und Gewerkschaften kooperieren und was Frauenbewegungen erreichen wollen. Nach einer Beschreibung der einzelnen Begriffe, werde ich im Hauptteil der Arbeit die historische Entwicklung der Lohndiskriminierung der Frau von 1850 bis heute darstellen. Dabei beziehe ich mich ausschließlich auf die Situation in Deutschland, da eine internationale Betrachtung die Bachelorarbeit zu umfangreich gestalten würde. Die Argumente und Tätigkeiten von Arbeitgebern, Gewerkschaften und Frauenbewegungen werden dargestellt, um zu veranschaulichen, wer Fortschritte in die Beseitigung der Lohndiskriminierung gebracht hat und wer sich eher dafür ausgesprochen hat, dass Frauen in der Gesellschaft weiterhin nicht gleichberechtigt sein sollten. Dazu werde ich in jedem meiner unterteilten Zeitabschnitte systematisch erst das Handeln der Arbeitgeberseite, anschließend der Gewerkschaften und abschließend der Frauenbewegungen darstellen, um zu veranschaulichen, wie diskriminierend sich der Kapitalist verhalten hat und wie die jeweilige Reaktion der Gewerkschaften und Frauenbewegungen darauf war. Um eine Übersichtlichkeit zu schaffen, unterteile ich meine Arbeit in vier Zeitabschnitte, beginnend mit der Lohndiskriminierung der Frau zu Zeiten der industriellen Entwicklung in Deutschland (1850-1914), in welcher der Anteil erwerbstätiger Frauen deutlich stieg. Ich werde die extreme Ausbeutung der Frau durch die Bourgeoisie erläutern und anschließend aufzeigen, wie die sich bildenden Gewerkschaften und Frauenbewegungen dagegen vorgegangen sind. Der zweite Zeitabschnitt beschäftigt sich mit den starken Schwankungen der Erwerbstätigkeit von Frauen während der Weltkriege und in den Nachkriegszeiten (1914-1949). Gerade in dieser Zeitspanne wird die Minderbewertung der Frauenarbeit deutlich, was vor allem dadurch bedingt war, dass Frauen zwar die Arbeit der eingezogenen Soldaten übernehmen mussten, jedoch trotzdem nicht als gleichberechtigt angesehen wurden, da man sie nur als Reservearmee betrachtete, die nur wenn sie benötigt wurde arbeiten sollte, um sonst ihrer Rolle als Hausfrau nachzugehen. Gewerkschaften und Frauenbewegungen kämpften auch in jener Zeit ungleichmäßig intensiv um die Gleichberechtigung der Frau. Im dritten Abschnitt betrachte ich die Zeitspanne von 1949 bis 1990 und beschäftige mich mit der Lohndiskriminierung von Frauen in der DDR und der BRD, um darzustellen, wie unterschiedlich die Situation der Arbeiterinnen in beiden Staaten war und doch identisch, wenn man die Lohndiskriminierung betrachtet, die nach wie vor bestand. Im vierten Zeitabschnitt schließe ich meine Betrachtung der historischen Entwicklung ab, indem ich die Situation der Lohndiskriminierung der Frau von der Wiedervereinigung bis heute darstelle. Ich gehe darauf ein, inwiefern und in welchem Ausmaß Frauen noch immer diskriminiert werden und wie sie mit der Doppelbelastung von Beruf und Haushalt umgehen. Des Weiteren stelle ich das Verhalten von Feministinnen, Gewerkschaften und Arbeitgebern in der heutigen Zeit dar, um Rückschlüsse ziehen zu können, ob Frauen Unterstützung erhalten oder ob die Gesellschaft noch weit davon entfernt ist, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Abschließend werde ich in einem Fazit die Ergebnisse meiner Arbeit zusammengefasst betrachten.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Lohndiskriminierung

Eine Lohndiskriminierung und somit Ungleichstellung von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt liegt vor, wenn eine Frau beim gleichen Arbeitgeber, sowie gleichwertiger Arbeit, einen geringeren Lohn erhält als ein Mann in identischer Position. International wird hier auch der Begriff „Gender Pay Gap“ benutzt. Bei der Lohndiskriminierung „auf dem Markt“ wird schon bei der Bestimmung der Lohnhöhe direkt auf das Geschlecht Bezug genommen und ein geschlechtsspezifischer Lohnunterschied gemacht. Verschiedene Löhne werden für eine gleichwertige Arbeit festgelegt. Bei der Lohndiskriminierung „vor dem Markt“ werden die Löhne zwar vermeintlich geschlechtsneutral festgesetzt, jedoch ergibt sich auch hier ein Nachteil für Frauen, da frauentypische Berufe grundsätzlich schlechter entlohnt werden als männertypische Arbeitsbereiche. Abgesehen davon müssen sie vor allem aufgrund ihrer Rolle als Mutter wesentlich mehr in Teilzeit arbeiten als Männer, was begrenzte Berufserfahrungen sowie verminderte Arbeitsstunden zur Folge hat und einen geringeren Lohn impliziert (vgl. Schär Moser und Baillod 2006, S. 22-23).

2.2 Arbeitgeber und Gewerkschaften

Eine Vereinigung von Arbeitnehmern, die dauerhaft die sozialen und wirtschaftlichen Interessen ihrer Mitglieder gegenüber dem Arbeitgeber vertritt, wird als Gewerkschaft bezeichnet. Gewerkschaften haben das Recht für ihre Mitglieder Tarifverträge auszuhandeln, wodurch die Arbeitnehmer vor betrieblichen Risiken, wie zum Beispiel Lohnsenkungen, abgesichert werden und sich ihre Arbeitsbedingungen verbessern. Unterschieden wird hier zwischen Berufsgewerkschaften und Industriegewerkschaften. In Berufsgewerkschaften, in denen sich Arbeitnehmer eines bestimmten Tätigkeitsbereiches zusammenschließen, kann es dazu kommen, dass Beschäftigte eines großen Betriebes in mehreren Gewerkschaften organisiert sind, wodurch für jede der Berufsgruppen Tarifverträge mit dem Arbeitgeber ausgehandelt werden müssen. Diese Umstände führen zu vermehrten Streiks für bessere Arbeitsumstände seitens der Arbeitnehmer, welche erhebliche Störungen im Betriebsablauf für den Arbeitgeber bewirken, sowie zu einer größeren Ungewissheit in der Kostenentwicklung für die Unternehmen, wodurch sich ein Nachteil für die Arbeitgeberseite ergibt. In Industriegewerkschaften, welche Firmen- oder Branchentarifverträge abschließen, sind diese Nachteile geringer, da sich hier alle Arbeitnehmer eines Betriebes, völlig unabhängig von ihren Berufen, zu einer einzigen Gewerkschaft zusammenschließen (vgl. Franz 2006, S. 246-247).

2.3 Frauenbewegungen

Mit der industriellen Entwicklung im 19. Jahrhundert entstand auch eine modernere Gesellschaft, die Männern wie Frauen neue Möglichkeiten in ihrem Lebensstil aufzeigte, unter anderem durch neue Arbeitsplätze und Bildungswege. Frauen wurde es jedoch von vornherein untersagt, diese Chancen wahrzunehmen, da sie in der Gesellschaft einzig und allein die Rolle der Haus- und Ehefrau einnahmen und nicht als gleichberechtigt zum Mann angesehen wurden, wodurch ihnen der Zutritt zu Bildung, Arbeit und Selbstständigkeit verwehrt blieb und noch bis heute mit Einschränkungen verbunden ist. Um eine gleichberechtigte Position der Frau zu erreichen, die eine Chancengleichheit erhält statt von vornherein als Hausfrau und Mutter aus einer individuellen Entwicklung ausgeschlossen zu werden, gründeten sich die ersten Frauenbewegungen in Deutschland, welche für gleiche Rechte sowie die Gleichstellung von Frauen in Gesellschaft und Staat kämpften. Dabei unterteilten sich die Frauenbewegungen in zwei verschiedene Gruppen: Die sozialdemokratische, proletarische Frauenbewegung der Arbeiterklasse und die bürgerliche, liberale Frauenbewegung der Mittelschicht. Mitte des 20. Jahrhunderts gründete sich dann die „neue Frauenbewegung“, um, basierend auf der bis dahin geschaffenen gesetzlichen Gleichberechtigung, weiterhin für die Selbstverwirklichung der Frau zu kämpfen. Auch heutzutage setzen sich mittlerweile als Feministinnen bezeichnete Frauenrechtlerinnen für die gesellschaftliche Gleichberechtigung von Frauen ein, da diese noch immer nicht erreicht wurde (vgl. Kolinsky 1995, S. 9-11).

3. Historische Entwicklung der Lohndiskriminierung der Frau

3.1 Industrielle Entwicklung in Deutschland von 1850 bis 1914

Im Jahr 1850 entwickelte sich in Deutschland aus der Frühindustrialisierung die Industrielle Revolution, die zu einem gravierenden Anstieg der Produktion und somit auch der Arbeitsplätze führte. Erste Arbeiterbewegungen, deren Interessen aus gewerkschaftlichen, berufsständischen und politischen Anliegen bestanden, wurden gegründet. Neben den sozialistischen Bewegungen erhoben sich nun auch die Arbeiterbewegungen des fortschrittlichen liberalen Bürgertums. Während das liberale Bürgertum vorrangig auf die Interessendurchsetzung der Arbeiter aus war, hatten Karl Marx und Friedrich Engels, welche die marxistisch orientierten Arbeiterbewegungen durch das „Manifest der Kommunistischen Partei“ stark prägten, als Ziel der Arbeiterpolitik die Zerschlagung des kapitalistischen Bürgertums, der Bourgeoisie, die sämtliche Arbeiter der Industrie, das Proletariat, ausbeuteten (vgl. Boeckh, Huster und Benz 2011, S.50-51). Gemäß Angaben der preußischen Statistik hatte die Industrialisierung vorerst negative Auswirkungen auf die Arbeitnehmerinnen, die im Bereich der Handarbeiten zu Tageslöhnen arbeiteten. Frauen wurden aus den sich bildenden industriellen Arbeitsformen ausgeschlossen und ihr schon geringer Anteil an Lehrlingen und Gewerbemitarbeiterinnen bildete sich noch weiter zurück, während auch der Anteil an Berg- und Fabrikarbeiterinnen zwischen 1849 und 1861 sank, um anschließend bis in die 80er Jahre zu stagnieren. Frauen sollten nicht im modernen industriellen Sektor arbeiten, sondern eine typische Frauenarbeit ausüben und sich wie zu Zeiten vor der Industrialisierung um ihre Familie und den Haushalt kümmern. So arbeiteten zum Beispiel 75% aller Frauen innerhalb der Familie, während es bei den Männern nur 6% waren (vgl. Knapp 1984, S. 3-4). Seit den 80er Jahren wurde das Streben von Frauen nach selbstständiger Arbeit jedoch von der Bourgeoisie geduldet, da diese die höchst mögliche Anzahl an Arbeitern brauchte, um ihre Produktion weiter auszudehnen, und somit auf die Arbeitskraft der Frauen angewiesen war. Dass Frauen von nun an vermehrt in verschiedenen Arbeitsbereichen eingesetzt wurden, war auch dadurch bedingt, dass die Lohnzahlungen, die sie erhielten, sehr viel geringer waren als die des Mannes. Sie sahen sich gezwungen, eine niedrigere Lohnsumme zu fordern, da die Arbeitgeber eine Entschädigung für die Nachteile verlangten, welche ihnen durch geschlechtsspezifische Arbeitsunterbrechungen und Einschränkungen entstanden, wie Schwangerschaften oder Ortsgebundenheit. Gerade verheiratete Frauen galten als sehr begehrte Arbeitskräfte, da sie auf einen Zusatzverdienst angewiesen waren, um die Existenz ihrer Familie zu sichern, wodurch sie sich wesentlich mehr bieten lassen mussten und leichter ausgebeutet werden konnten als Männer oder unverheiratete Frauen (vgl. Bebel 1994, S.212). Durch den gestiegenen Einsatz von Frauen in verschiedenen Berufszweigen arbeiteten sie nun auch vermehrt in Fabriken, was eine Trennung von ihrem Wohnsitz und ihrem Arbeitsplatz bedeutete. Da das Einkommen der Männer für die Familie oft nicht ausreichte und einige Frauen verwitwet oder unverheiratet waren, sahen sie sich gezwungen, ihre Familien vor Not und Elend zu bewahren, indem sie täglich 12 bis 14 Stunden unter schlechten Bedingungen arbeiteten. Unabhängig von der Leistung, die von den Arbeiterinnen erbracht wurde, mussten sie sich mit einem Verdienst von nur

40 bis 50% der Löhne der Männer zufriedengeben. Noch immer war es die Hauptaufgabe der Frau, sich um die Familie und den Haushalt zu kümmern, sodass sie weiterhin in Abhängigkeit von ihrem Mann und seinen Bedürfnissen lebte, der auch über das gesamte Vermögen der Familie alleine verfügte. Die Rolle der Ehefrau als Hausfrau und Mutter, die in erster Linie ihrem Ehemann dienen sollte, sah des Weiteren auch keine Berufsausbildungen oder andere Qualifikationen vor, da sich Frauen durch bessere Arbeitsplätze aus der Abhängigkeit ihrer Ehemänner hätten befreien können (vgl. Franzke, Ludwig und Notz 1997, S. 128-130). Genau diese Umstände, dass Frauen in Abhängigkeit lebten und sich dazu gezwungen sahen, durch einen ausbeutenden Nebenverdienst ihre Familie zu ernähren, waren von den Kapitalisten gerne gesehen, sodass sie mit zunehmender industrieller Entwicklung als Arbeiterinnen immer größere Verwendung fanden, ihre gesellschaftliche Situation jedoch weiterhin prekär blieb (vgl. Bebel 1994, S. 212).

Tabelle 1: Erwerbstätige Personen in Deutschland von 1882 bis 1907

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bebel 1994, S. 216

Tabelle 1 stellt die Arbeitsmarktsituation in den Jahren 1882 bis 1907 dar. Abgesehen vom Arbeitsbereich Heer und Marine, welcher nur für die männliche Arbeitskraft vorgesehen war, nahm die Anzahl weiblicher Erwerbstätiger in jedem Berufzweig stetig zu. Männliche Arbeitnehmer wurden somit in den Bereichen Land- und Forstwirtschaft, sowie Lohnarbeit wechselnder Art durch die Arbeitnehmerinnen verdrängt. August Bebel beschrieb in seinem Werk „Die Frau und der Sozialismus“, dass der vermehrte Einsatz von weiblichen Arbeitskräften über die Zeit zu einer Herabdrückung des Lohnes führte. Frauen arbeiteten nun zu einem niedrigeren Lohn in Positionen, die zuvor hauptsächlich an Arbeitnehmer vergeben wurden, wodurch männliche Arbeitskraft freigesetzt wurde. Da diese männliche Arbeitskraft jedoch ihre Existenz sichern musste, bot sie sich auf dem Arbeitsmarkt zu einem geringeren Lohn als vorher an, um Arbeit zu erhalten. Der gesunkene Verdienst der Arbeiter führte wiederum dazu, dass auch die Bezahlung der Frauen erneut vermindert werden konnte. Dieser Umstand entwickelte sich zu einer Schraube, die immer weiter heruntergedreht wurde, wodurch die Löhne sowohl für Frauen als auch für Männer stetig sanken. Auch die Arbeitslosigkeit stieg weiter an, da die Kapitalisten ab einer überschrittenen Lohnhöhe mehr Geld in Maschinen investierten, welche die menschliche Arbeitskraft ersetzten. Zwar gab es durch die Industrialisierung stets neue Arbeitsbereiche, doch auch diese waren nur bedingt in der Lage der steigenden Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken, wodurch die Arbeitsbedingungen nicht verbessert werden konnten. Durch den fehlenden Widerstand der Arbeiterinnen konnten die Kapitalisten die Arbeitsstunden verlängern, um ihren Mehrwert1 zu vergrößern, was unter anderem in der Textilindustrie umgesetzt wurde, da dort Frauen den Großteil aller Arbeiter darstellten. In anderen Berufszweigen, wie zum Beispiel der Blumenfabrikation, nahmen Frauen nach Feierabend Arbeit mit nach Hause, die sie dort unbezahlt verrichteten. Um diesen unzumutbaren Zuständen entgegenzuwirken und gegen den ausbeutenden Kapitalisten vorzugehen, organisierten sich Arbeitnehmer wie auch Arbeitnehmerinnen in Gewerkschaften (vgl. Bebel 1994, S. 212-213).

Die Gewerkschaften realisierten ihren Durchbruch als Massenorganisationen in der historischen Phase der industriellen Entwicklung. Ihre Mitglieder setzten sich hauptsächlich aus Industrie- und Facharbeitern zusammen, deren Anzahl in den sozialdemokratischen, freien Gewerkschaften von 300.000 im Jahr 1890 auf 2.5 Millionen im Jahr 1913 stieg (vgl. Lösche 2007, S. 28). Sie hatten es sich zur Aufgabe gemacht, den starken Ungleichheiten der Gesellschaft und der Geschlechter sowie der Ausbeutung der Arbeiter durch den Kapitalisten entgegenzuwirken, indem sie die wirtschaftlichen Interessen der Arbeitnehmer, wie Arbeitszeitkürzung und Lohnsicherung, gegenüber den Unternehmen vertraten. Auch Frauen organisierten sich in den Gewerkschaften, den Interessenvertretungen des Proletariats, um sich gegen ihren Ausbeuter, den übermächtigen Kapitalisten sowie ihre im Vergleich zu den Männern noch wesentlich schlechtere Lage und die Lohndiskriminierung zu wehren. Dass sie damit Erfolge erzielten, zeigt eine Lohnstatistik vom September 1912 der Ortskrankenkasse für Leipzig und Umgebung: Obwohl Arbeiterinnen immer noch weniger als die Hälfte des Lohnes der Arbeiter erhielten, konnte sich im Jahr 1912 im Vergleich zu 1911 eine Erhöhung ihrer Löhne aufzeigen, was zum einen durch die steigende Zahl weiblicher Gewerkschaftsmitglieder und zum anderen durch die erzielten Ergebnisse der Arbeit in den Gewerkschaften, wie Tarifverträge, ermöglicht werden konnte. Ohne Widerstand gegen den Kapitalisten zu leisten und sich zu organisieren, war kein Arbeiter im Stande, seine prekäre wirtschaftliche Lage zu verbessern. Da es den weiblichen Arbeitskräften wirtschaftlich am schlechtesten ging, war es für sie am wichtigsten, sich einer Gewerkschaft anzuschließen, um dort ihre Interessen zu vertreten (vgl. Braun 1923, S. 16-21). Neben der Lohnerhöhung war die Einführung des 10 Stunden Tages für Arbeiterinnen am 1. Januar 1910 ein weiterer Erfolg der Gewerkschaften, wodurch Frauen im Vergleich zu vorher einige Stunden weniger arbeiten mussten und somit die Doppelbelastung von Beruf und Haushalt etwas erleichtert wurde (vgl. Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands 1929, S.42). Da Frauen sich nicht mit ihrer Rolle als Fabrikarbeiterinnen abfinden wollten und davon ausgingen, dass sie auf Dauer wieder nur den Platz der Hausfrau und Mutter einnehmen würden, war es bei ihnen wesentlich schwieriger, sie als Mitglied einer Gewerkschaft zu gewinnen, als bei den Männern. Jedoch mussten sie sich mit der Zeit eingestehen, dass sie trotz ihrer Ehe weiterhin eine Industriearbeiterin bleiben würden. Viele Arbeiterinnen, die irrtümlicherweise davon ausgingen, dass sie die miserablen Bedingungen, wie die Lohndiskriminierung durch den viel zu geringen Akkordlohn, den Druck der Kapitalisten sowie die abschätzige Behandlung im Betrieb nicht beeinflussen können, zogen es vor, zu resignieren, als sich dagegen aufzulehnen. Bekräftigt wurde diese Situation durch einige Männer, welche die Organisierung der Frau nicht unterstützten, sondern die Meinung vertraten, dass Frauen nicht arbeiten sollten, sondern allein zur Hausarbeit geschaffen sind. Die Arbeiterinnen nahmen ihre Ausbeutung jedoch über die Jahre nicht widerstandslos hin und begannen für ihre Rechte einzustehen, sodass die Anzahl weiblicher Mitglieder in den Gewerkschaften mit der Zeit immer weiter anstieg. Während im Jahr 1892 nur 4355 Arbeiterinnen in Gewerkschaften organisiert waren, was 1,8% von den gesamten Mitgliedern ausmachte, waren im Jahr 1914 schon 210.314 Frauen vertreten, wodurch also 10,6% der in Gewerkschaften organisierten Arbeitnehmer weiblich waren. Auch wenn eine Verbesserung der Lohndiskriminierung für Frauen in Tarifverträgen erzielt werden konnte, setzten die Gewerkschaften keine geschlechtliche Lohngleichheit durch (vgl. Braun 1923, S. 26-36).

Neben den Gewerkschaften, deren Aufgabe es war für die betrieblichen Bedingungen von weiblichen und männlichen Arbeitern gegen die Unterdrückung der Kapitalisten einzustehen, wurden Frauenbewegungen gegründet, die sich für gesellschaftliche wie auch staatliche Rechte von Frauen einsetzten und somit die Voraussetzungen und Grundlagen im Kampf gegen die Lohndiskriminierung schufen. Mit der Revolution im Jahr 1848 setzte die erste Welle der als Frauenrechtsbewegung bekannten sozialen Frauenbewegung ein, die bis zum Anfang des 20. Jahrhundert andauerte. Im Fokus dieser Frauenbewegung, die sich in die proletarische und die bürgerliche Bewegung unterteilte, stand die Verbesserung der Rechte von Frauen in Beruf, Politik und Gesellschaft, denn Frauen waren rechtlich nicht gleichwertig zum Mann, unabhängig davon, welcher Klasse sie angehörten (vgl. Pittius, Kollewe, Fuchslocher und Bargfrede 2013, S. 46-47). Die proletarische Frauenbewegung war eine sozialistische Arbeiterinnenbewegung, welche aus dem Klassenkampf des Proletariats gegen den Kapitalisten hervorgegangen ist und sich somit unter anderem auch für höhere wie auch gleiche Löhne von Frauen und Männern einsetzte. Vor allem die Frauenrechtlerin Clara Zetkin bekämpfte als Autorin, Rhetorikerin und Organisatorin die Ausbeutung des Proletariats und schaffte es, riesige Menschenmassen mitzuziehen und zu begeistern. So konnte sie, als ihre wohl wichtigste Aufgabe, die Arbeiterinnen dazu bewegen, sich gegen den Kapitalismus aufzulehnen, um die Bourgeoise zu bezwingen und somit den Sozialismus sowie die damit einhergehende Gleichberechtigung durchzusetzen, um als Resultat höhere Löhne für Frauen zu erzielen und der Diskriminierung durch die Herrschaft der Bourgeoisie ein Ende zu setzen. Da Frauen in Deutschland weder das Wahlrecht besaßen, noch sich politisch organisieren und versammeln durften, versuchten die Sozialdemokratinnen diese Situation zu überwinden. Ein durch die Überzeugung Clara Zetkins 1896 beschlossenes System, in denen Vertrauenspersonen einzelner Orte Frauenorganisationen leiten sollten, bewährte sich, sodass im Jahr 1908 ein Reichsvereinsgesetz verabschiedet wurde, welches Frauen das Versammlungs- und Vereinigungsrecht zusprach (vgl. Bojarskaja 1927, S. 17-19). Im Gegensatz zur proletarischen Frauenbewegung verfolgte die politisch liberale, bürgerliche Frauenbewegung statt eines Klassenkampfes zur Gleichstellung im Arbeitsleben das Ziel der allgemeinen Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern, da Frauen des Bürgertums sich für Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung einsetzten, um frei entscheiden zu können, ob sie sich weiterbilden oder arbeiten möchten. Bisher durften bürgerliche Frauen, wenn überhaupt, unter schlechten Bedingungen und geringem Verdienst nur als Lehrerin, Gouvernante, Heimarbeiterin oder Gesellschafterin arbeiten. Sie setzten sich für die Verwirklichung der Emanzipation ein, für das Recht auf Arbeit sowie höhere Löhne und somit für den weiteren Zutritt in Systeme, die bisher nur dem Mann erlaubt waren (vgl. Bussemer 1988, S. 190-191).

[...]


1 Differenz zwischen dem Wert der geleisteten Arbeit und dem tatsächlich gezahlten Lohn (vgl. Marx und Engels 2008, S. 223)

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Die Lohndiskriminierung der Frau in Deutschland von 1850 bis heute
Untertitel
Eine kritische Betrachtung der Arbeitgeberseite, der Gewerkschaften und der Frauenbewegungen
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
37
Katalognummer
V374398
ISBN (eBook)
9783668517837
ISBN (Buch)
9783668517844
Dateigröße
970 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lohndiskriminierung, Gewerkschaft, Frau, Frauenbewegung, Arbeitgeber
Arbeit zitieren
Juliane Buchholz (Autor), 2015, Die Lohndiskriminierung der Frau in Deutschland von 1850 bis heute, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374398

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