Wer sich mit Vergil beschäftigt, der hat sich gleichzeitig mit der wohl umfangreichsten Sammlung von Sekundärliteratur zu beschäftigen, die ein Text – ausgenommen Ilias und Odyssee sowie die Bibel – überhaupt haben kann. Der älteste erhaltene Kommentar stammt noch aus der Antike, genauer aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. und wurde von Maurus Servius Honoratus verfasst. Der aktuellste Kommentar von Nicolas Horsfall, datiert auf das Jahr 2008, bemüht sich, alle früheren Arbeiten zu berücksichtigen und einen Überblick zu geben.
Es ist mir nicht möglich gewesen, 1.700 Jahre Auseinandersetzung mit dem Text aufzuarbeiten. Somit habe ich mich damit begnügt, die beiden erwähnten Eckpfeiler der Kommentare zu konsultieren und exemplarisch weitere Werke in Anschlag zu bringen. Dabei ging es mir naturgemäß nicht um eine vollständige Übersicht über Lesarten, oder Klärungen jeder einzelnen Phrase, sondern vielmehr darum, eine eigene Lesart der Textstelle zu entwickeln und sie dem Verständnis der anderen Kommentatoren vor mir anzubinden. Kurz gesagt glaube ich, unter der Stimme der pietas, die an der behandelten Stelle wie überall deutlich aus der Aeneis spricht, eine leisere Stimme ausgemacht zu haben, die vor der religio eher warnt, der die Verpflichtung zum Gehorsam gegen die Götter eher suspekt zu sein scheint und die von der Unmöglichkeit spricht, tatsächlich pius zu sein. Wie schon die Terminologie erkennen lässt, ist natürlich auch die vorliegende Arbeit nicht unberührt geblieben von Adam Parrys sogenannter two-voices-Theorie. Ich maße es mir nicht an, diese be- oder entkräften zu wollen, nutze sie aber als im Raume stehende Theorie.
Nach einer Verortung der Textstelle innerhalb des Epos und im Kontext anderer zeitgenössischer Literatur, die den Fall Troias behandelt, widmet sich die vorliegende Arbeit der Textstelle Vers 228 bis 249. Innerhalb dieser 21 Verse lassen sich drei thematische Schwerpunkte ausmachen – Fehlinterpretation des Laokoontodes, Einzug des Pferdes in Stadt und Bug, Klage über Fehlinterpretation und Einzug – die nacheinander thematisiert werden, bevor im Schluss der Versuch einer Zusammenfassung erfolgt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zur Verortung
2.1 Inner- und außerepischer Kontext der Textstelle
2.2 Textkritik
3. Die Implikationen
3.1 Das Missverstehen des Schlangenwunders
3.2 Der ambivalente Einzug
3.3 Die ekstatische Klage
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Verse 228 bis 249 des zweiten Buches der Aeneis, um eine eigene Lesart der Textstelle zu entwickeln. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, wie die Fehlinterpretation des Laokoontodes durch die Troianer und der darauffolgende Einzug des hölzernen Pferdes bei Vergil als Ausdruck eines problematischen Verständnisses der religio interpretiert werden können, während Aeneas gleichzeitig versucht, seine pietas zu wahren.
- Analyse der Fehlinterpretation des Schlangenwunders
- Untersuchung der Ambivalenz beim Einzug des Pferdes
- Auseinandersetzung mit der ekstatischen Klage über den Untergang
- Beleuchtung des Verhältnisses von pietas und religio bei Vergil
- Perspektivverschiebung auf den Fall Troias aus troianischer Sicht
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Missverstehen des Schlangenwunders
Der erste Teil unserer Textstelle beinhaltet die Missdeutung des Schlangentodes, den Laokoon erduldet. Es ist dabei interessant zu sehen, dass Vergil der vermutlich erste Bearbeiter des Mythos ist, der die Interpretation der Strafe Laokoons zum entscheidenden Moment für die Zerstörung Troias macht. In früheren Versionen starb Laokoon erst, als das Pferd bereits in Troia war (etwa bei Arktinos), sein Tod wurde als entscheidender Hinweis darauf angesehen, dass Troia zerstört würde, woraufhin sich Aeneas mit den seinen auf den Berg Ida zurückzog. Dass Vergil den Auszug des Aeneas vom Schlangenwunder entkoppelt, hat sicherlich damit zu tun, dass er „keinen Aeneas [hat] brauchen können, der auf einen Wink der Götter hin leichthin das unselig verblendete Troja im Stich lässt und sich davonmacht.“ Dies dient aber nicht nur der Vertiefung des Charakters des Helden, sondern die Missdeutung des Prodigium als Auslöser der Vernichtung kompliziert darüber hinaus auch den göttlichen Willen und den Umgang mit dem Fatum. Pius ist somit nicht nur, wer dem göttlichen Willen entsprechend handelt, sondern um pius zu sein bedarf es zunächst der Gabe, den göttlichen Willen überhaupt zu verstehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Auseinandersetzung mit der umfangreichen Sekundärliteratur zu Vergil dar und führt in die zentrale These der Arbeit ein, die Ambivalenz des Handelns der Troianer und Aeneas' Rolle im Kontext der pietas zu beleuchten.
2. Zur Verortung: Dieses Kapitel verortet die Textstelle im Kontext der Aeneis sowie in Bezug auf das griechische Vorbild und diskutiert die textkritische Stabilität der untersuchten Passage.
3. Die Implikationen: Hier werden die zentralen Motive wie das Schlangenwunder, der ambivalente Einzug des Pferdes in die Stadt und die ekstatische Klage detailliert analysiert, um die dramatische Zuspitzung der Ereignisse darzustellen.
4. Schluss: Der Schluss fasst zusammen, dass die Fehlinterpretation des Schlangenwunders durch die religio der Teucrer getrieben ist und sieht darin eine kritische Auseinandersetzung Vergils mit der Unvorhersehbarkeit göttlichen Willens.
Schlüsselwörter
Vergil, Aeneis, Laokoon, Schlangenwunder, Troia, Pferd, Pietas, Religio, Fehlinterpretation, Einzug, Ekstase, Untergang, Prodigium, Schicksal, Mythos
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der Verse 228 bis 249 im zweiten Buch von Vergils Aeneis und untersucht, wie die Troianer das Schlangenwunder missdeuten und welche Konsequenzen dies für den Einzug des hölzernen Pferdes hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Fehlinterpretation von göttlichen Zeichen (Prodigien), die Rolle der pietas bei Aeneas, die ambivalente Darstellung des Pferdes als religiöses Objekt und das Verständnis von religio bei Vergil.
Welches Ziel verfolgt der Autor mit dieser Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, eine eigene Lesart der Textstelle zu entwickeln, die über die bloße Zusammenfassung früherer Kommentare hinausgeht und die Ambivalenz des troianischen Handelns im Angesicht ihres Untergangs aufzeigt.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zum Einsatz?
Die Arbeit verwendet eine philologische Textanalyse, die sprachliche Details, Allusionen, metrische Besonderheiten und den Kontext der antiken Mythenüberlieferung kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Schlangenwunders, die Analyse des ambivalenten Einzugs des Pferdes und die Betrachtung der ekstatischen Klage über das verlorene Vaterland.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie pietas, religio, Prodigium, Schlangenwunder, Ambivalenz und das Konzept des verblendenden Furors charakterisiert.
Wie interpretiert der Autor das Schlangenwunder im Kontext der Zerstörung Troias?
Der Autor argumentiert, dass Vergil das Schlangenwunder als zentralen Moment für die Zerstörung Troias inszeniert, dessen falsche Deutung durch die Troianer ihren Untergang besiegelt, da sie den wahren Willen der Götter nicht erkennen.
Welche Rolle spielt die "Wir-Form" bei der Beschreibung des Einzugs?
Die Verwendung der ersten Person Plural ("Wir-Handlung") durch Aeneas zeigt, dass er sich als Teil der troianischen Schicksalsgemeinschaft begreift und die Verantwortung für die katastrophale Maueröffnung mit den anderen Troianern teilt.
- Arbeit zitieren
- Norbert Krüßmann (Autor:in), 2016, Die Fehlinterpretation des Laokoontodes und ihre Folgen bei Vergil, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374478