Das Münchhausen-by-proxy-Syndrom. Familiendynamik, Warnsignale und Diagnostik


Bachelorarbeit, 2016

50 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

2 BEGRIFF UND ERKLÄRUNG DES MÜNCHHAUSEN-BY-PROXY-SYNDROMS

3 MANIPULATIONSTECHNIKEN

4 DIE BETEILIGTEN FAMILIENMITGLIEDER
4.1 Verursachende Personen
4.1.1 Psychische Störungen
4.1.2 Traumatische Kindheitserfahrungen
4.2 Opfer
4.2.1 Folgen
4.3 Geschwisterkinder
4.4 Väter

5 WARNSIGNALE
5.1 Charakteristische Merkmale der verursachenden Person
5.2 Charakteristische Merkmale des Opfers
5.3 Charakteristische Merkmale der Familie

6 INTERAKTION ZWISCHEN ARZT UND VERURSACHENDER PERSON

7 DIAGNOSTIK
7.1 Abgrenzung des MbpS
7.2 Vorgehensweise bei Verdacht auf MbpS
7.2.1 Stationäres Setting
7.2.1.1 Diagnostische Trennung von Mutter und Kind
7.2.1.2 Verdeckte Videoüberwachung
7.2.2 Konfrontation der verursachenden Person

8 FOLGEN UND HILFEN NACH DIAGNOSESTELLUNG
8.1 Herausnahme des Opfers aus der Familie
8.2 Hilfen für die Opfer
8.3 Hilfen für die verursachenden Personen
8.4 Rückführung des Opfers in die Familie

9 SCHLUSSBETRACHTUNG

10 LITERATURVERZEICHNIS

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Manipulationstechniken (mod. n. Rosenberg, 1987, S. 554)

Tabelle 2: Abgrenzung des MbpS (mod. n. Noeker & Keller, 2002, S. 1361)

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Münchhausen-by-proxy-Syndrom (MbpS), welches eine Form der Kindesmisshandlung darstellt. Bei dieser Form der Kindesmisshandlung fabriziert ein Elternteil bei seinem Kind Krankheiten oder täuscht diese vor, um so Aufnahmen und medizinische Behandlungen in Kranken- häusern zu erreichen.

Gerade im Bereich der Pädagogik der frühen Kindheit können Berührungspunkte mit dieser Störung und deren Folgen entstehen, die oftmals nicht wahrgenommen wer- den, da sie zum einen eher unbekannt und zum anderen schwer erkennbar ist. Ein Grund hierfür sind die oberflächlich liebevollen, fürsorglichen Mütter, die einem Au- ßenstehenden nicht als der Auslöser der scheinbaren Krankheit des Kindes erschei - nen. Die Diagnosestellung ist äußerst schwierig, da diese Mütter die behandelnden Ärzte lange Zeit als Mittäter missbrauchen, indem sie ein eigentlich gesundes Kind einer Reihe von Behandlungen und oftmals auch invasiven Eingriffen aussetzen.

In Kapitel zwei folgt eine (Begriffs)Erklärung des MbpS mit den dazugehörigen exis- tierenden Definitionen. Im dritten Kapitel werden die vielfältigen bekannten Manipula - tionstechniken, die die Mütter anwenden, beschrieben. Mit den beteiligten Familien- mitgliedern befasst sich das vierte Kapitel. Hierbei liegt der Fokus auf den verursa - chenden Personen und deren Psychodynamik sowie auf den von ihnen erlebten trau- matischen Kindheitserfahrungen, die einen großen Teil zum MbpS beitragen können. Außerdem werden statistische Daten zu den Opfern und die physischen sowie psy- chischen Folgen, welche durch ein MbpS für die Kinder entstehen können, themati- siert. Die Warnsignale in Form von charakteristischen Merkmalen aller Familienmit- glieder werden in Kapitel fünf aufzeigt. Das sechste Kapitel erläutert die spezifische pathologische Interaktion zwischen Arzt und verursachender Person, welche einen Grund für die enorm schwere Diagnosestellung darstellt.

Die Diagnostik wird in Kapitel sieben thematisiert. Hierzu gehören die Abgrenzung des MbpS von anderen Störungsbildern und die Vorgehensweise bei einem Verdacht auf MbpS im ambulanten und stationären Setting. Unter das stationäre Setting fallen die diagnostische Trennung von Mutter und Kind, die verdeckte Videoüberwachung und die Konfrontation der verursachenden Person. Die Folgen und Hilfen nach Dia- gnosestellung werden in Kapitel acht erläutert. Hierbei geht es um die Herausnahme des Opfers aus der Familie, die Hilfen in Form von Behandlungsmöglichkeiten für die Opfer und verursachenden Personen und eine mögliche Rückführung des Opfers in die Familie.

Da es sich bei den verursachenden Personen größtenteils um weibliche Personen - insbesondere die leiblichen Mütter der Opfer - handelt, wird in dieser Arbeit hauptsächlich von der Mutter als misshandelndem Elternteil gesprochen.

2 Begriff und Erklärung des Münchhausen-by-proxy-Syndroms

Im Jahr 1977 hat der englische Kinderarzt Roy Meadow erstmals zwei Fälle publi- ziert, in denen Mütter ihre Kinder heimlich krank gemacht haben. Im ersten Fall hat eine Mutter dem Urin eines ihrer beiden Kinder, Kay, von Geburt an bis zum sechsten Lebensjahr Blut und Eiter beigemischt, was zur Folge hatte, dass dieses Kind unzäh- ligen medizinischen Untersuchungen und Behandlungen unterzogen wurde. Erst im Alter von sechs Jahren wurde die richtige Diagnose gestellt, nämlich dass das Kind kerngesund war und Opfer einer bislang unbekannten Form der Kindesmisshandlung wurde. Während sich die Mutter in psychiatrischer Behandlung befand, erholte sich ihre Tochter. Sie gestand die Taten jedoch nicht ein, sondern behauptete, es ginge ih - rem Kind viel besser, seitdem es sich in klinischer Behandlung befände und die Ge- bete der Eltern endlich erhört worden seien. Meadow beschrieb die Mutter als für- sorglich und liebevoll. Kay sei ein Wunschkind gewesen, jedoch habe die Mutter das Gefühl gehabt, ihr Ehemann würde sich mehr für das Kind als für sie interessieren (vgl. Meadow, 1977, S. 343 f.). Bei diesem Fall handelte es sich um ein Vortäuschen der Krankheitssymptome, sodass keine körperlichen oder organischen Schäden bei dem Kind zurückblieben, jedoch psychische.

Der zweite Fall handelt von dem Säugling Charles, der erstmals im Alter von sechs Wochen wegen Erbrechen und Bewusstseinstrübung stationär aufgenommen wurde. Diese Symptome und die stationäre Aufnahme wiederholten sich unzählige Male. Es wurden immer wieder extrem erhöhte Salzwerte (Hypernatriämie) festgestellt. Wäh- rend der Krankenhausaufenthalte erholte sich das Kind immer sehr schnell und wirk- te gesund, es traten keine neuen Symptome auf. Als Charles 14 Monate alt war, fiel den Ärzten auf, dass die Zustände immer nur zu Hause und niemals in der Klinik auftraten. Aufgrund dessen trennte man die Mutter einige Zeit von ihrem Kind, was zur Folge hatte, dass es sich vollständig erholte. Als die Mutter ihr Kind dann besuch - te, traten die Symptome erneut auf. Nachdem die Diagnose MbpS gestellt wurde, ga- ben die Ärzte ihr Charles wieder mit nach Hause und begannen über sozialtherapeu- tische und psychologische Maßnahmen für die Mutter zum Schutz des Kindes nach- zudenken. Während dieser Phase brachte die Mutter Charles erneut mit starken Symptomen ins Krankenhaus, wo er nach einigen Stunden verstarb. Die Mutter be - ging einen Selbstmordversuch. Bei der Autopsie von Charles wurde eine extreme Salzvergiftung festgestellt und rekonstruiert, dass die Mutter, welche von Beruf Kran- kenschwester war, ihrem Sohn das Salz wahrscheinlich durch eine Magensonde zu- gefügt hatte (vgl. ebd., S. 344). In diesem Fall wurden von der Verursacherin die Symptome aktiv herbeigeführt, welche letztendlich zum Tod geführt haben.

Meadow verglich diese Art der „fabricated stories“ damals mit dem Münchhausen- Syndrom und bezeichnete es erstmals als das Münchhausen-by-proxy-Syndrom (vgl. ebd., S. 345). Diese Publikation hatte zur Folge, dass zahlreiche Berichte über ähnli - che Fälle auftauchten. Bis heute steigt die Zahl der als MbpS-diagnostizierten Fälle rasant an. Im Jahr 1993 wurde von Libow und Schreier eine Umfrage mit 1.450 engli - schen Kinderärzten durchgeführt, in der von 570 gesicherten oder hoch verdächtigen Fällen berichtet wurde. Es sind international zahlreiche Aufsätze, Artikel und Bücher erschienen, später folgten erste Studien (vgl. Plassmann, 2004, S. 5 f.).

Das M ü nchhausen-Syndrom, dessen Name sich vom „Lügenbaron“ Karl Friedrich Hieronymus Freiherr von und zu Münchhausen ableitet, ist eine Sonderform der so- genannten artifiziellen Störungen (vgl. Faust, o.J. S. 4). Diese bezeichnen eine Krankheitsgruppe, deren Leitsymptom darin besteht, körperliche und/oder (deutlich seltener) psychische Krankheitssymptome zu aggravieren, vorzutäuschen oder künstlich zu erzeugen, um auf diese Weise Aufnahmen in Krankenhäusern, medizini - sche Behandlungen und insbesondere invasive Maßnahmen, wie Operationen und aufwendige diagnostische Eingriffe, zu erreichen, indem der Arzt über den artifiziellen Charakter im Unklaren gelassen wird (vgl. Noeker, 2004, S. 450). Es handelt sich um ein zwanghaftes Verhalten, denn die Betroffenen können in 80% der Fälle das Verhalten nicht beenden. Bei Patienten, die unter dem Münchhausen-Syndrom leiden, liegt eine Pseudologia Phantastica sowie eine ausgeprägte Beziehungsstörung vor, die sich in ständigen Beziehungsabbrüchen zu den behandelnden Ärzten und in häufigen Krankenhauswechseln äußert (vgl. Deegener, 2005, S. 128).

Wiederum eine Sonderform der artifiziellen Störungen stellt das M ü nchhausen-by- proxy-Syndrom dar. Hierbei fügen die Personen nicht sich selbst Schaden zu, son - dern gleichsam in Vertretung - by proxy - ihren Kindern oder Personen, die unter ih - rem Schutz stehen (vgl. Deegener, 2005, S. 128).

In dem D iagnostic and S tatistical Manual of M ental Disorders (DSM-5), welches im Mai 2013 von der American Psychiatric Association veröffentlicht wurde, wird das Münchhausen-by-proxy-Syndrom unter dem Namen „Factitious Disorder Imposed on Another“ (vorher Factitious Disorder By Proxy) geführt und wie folgt definiert:

1. Falsification of physical or psychological signs or symptoms, or induction of in- jury or disease, in another, associated with identified deception.
2. The individual presents another individual (victim) to others as ill, impaired or injured.
3. The deceptive behavior is evident even in the absence of obvious external re- wards.
4. The behavior is not better explained by another mental disorder, such as delu- sional disorder or another psychotic disorder.

Note: The perpetrator, not the victim, receives this diagnosis (vgl. DSM-5, 2013, S. 325).

Eine Übersetzung ins Deutsche könnte wie folgt lauten:

1. Fälschung von physischen oder psychologischen Anzeichen oder Sympto- men, oder Herbeiführung von Verletzungen oder Krankheiten bei einer ande- ren Person, in Verbindung mit nachgewiesener Vortäuschung.
2. Die Person stellt eine andere Person (Opfer) als krank, beeinträchtigt oder verletzt gegenüber Dritten dar.
3. Das täuschende Verhalten tritt trotz fehlender externer Anreize auf.
4. Das Verhalten ist nicht in anderen psychischen Störungen, wie einer wahnhaf- ten Störung oder einer anderen psychischen Erkrankung, begründet.

Hervorzuheben ist, dass die Diagnose dem Verursacher, nicht dem Opfer, gestellt wird (Übersetzung S. F.).

Die Definition wurde im Vergleich zu der aus dem DSM-IV abgeändert, da einige der vorher enthaltenden Punkte von zahlreichen Autoren infrage gestellt wurden. Schrei - er (2004, S. 141) kritisierte beispielsweise den ehemaligen Punkt 3 (externe Anreize für das Verhalten, z.B. finanzieller Gewinn, sind nicht vorhanden) der Definition. Laut dem Autor können durchaus externe Anreize neben der Einnahme der Krankenrolle vorliegen und ihrerseits das Vorliegen des MbpS nicht ausschließen. Auch Meadow (2002, S. 504) beschrieb, dass Eltern erhebliche finanzielle Unterstützung durch die künstlichen Erkrankungen ihrer Kinder erzielen, wodurch es für die verursachende Person umso schwerer wird, ihr Verhalten zu ändern. Er schlug daher vor, den Punkt dahingehend abzuändern, dass externe Anreize nicht das Hauptmotiv für dieses Ver- halten sind.

Die pädiatrische Definition des MbpS nach Rosenberg, welche 1987 eine Literaturanalyse von 117 Fällen des MpbS veröffentlichte, lautet wie folgt:

- Vorliegen eines Beschwerdebildes bei einem Kind, das durch einen Elternteil oder einen Erziehungsberechtigten vorgetäuscht und/oder aktiv herbeigeführt wurde.
- Vorstellung des Kindes zur medizinischen Untersuchung und länger andau- ernden Versorgung, häufig einhergehend mit multiplen medizinischen Proze- duren.
- Verleugnung des Wissens um die Ursachen des Beschwerdebildes durch die Täterin.
- Akute Beschwerden und Symptome bilden sich zurück, wenn das Kind von der Täterin getrennt wird (zit. n. Noeker, 2004, S. 451).

Rosenberg fügt hinzu, dass diese Definition die alleinige körperliche Misshandlung, den alleinigen sexuellen Missbrauch und die alleinige nichtorganisch-bedingte Gedeihstörung ausschließt (vgl. ebd., 1987, S. 549). Dieser Zusatz war wichtig, da der Begriff „MbpS“ im Zusammenhang mit verschiedensten Formen des Missbrauchs, für die über einen langen Zeitraum keine Diagnose gestellt wurde, verwendet wurde (vgl. Meadow, 2002, S. 502).

Libow und Schreier beschrieben 1986 drei Typen von MbpS-Müttern, bei denen es allerdings fließende Übergänge gibt. Bei den „ active inducers “ (aktiv Induzierenden) kommt es wiederholt zu Symptominszenierungen. Fast alle der oft ängstlichen und depressiven Mütter werden als besorgt, liebevoll, kooperativ und vertrauenswürdig beschrieben. Sie sind meist resistent gegen therapeutische Interventionen, da sie selbst bei Androhung von Strafe die Manipulationen nicht einräumen. Die „ help see- ker “ (Hilfesuchenden) stellen ihre Kinder seltener vor und lenken nach der Konfronta- tion mit dem Verdacht meist in Form von Dankbarkeit und kooperativem Verhalten ein. Die „ doctor addicts “ (Artzsüchtigen) sind meist misstrauische und paranoide Müt- ter, welche sich weniger kooperativ verhalten. Die betroffenen Kinder sind meist älter. Die Symptome werden nicht aktiv produziert, jedoch dramatisiert dieser Typ der Mb - pS-Mütter geringfügige Auffälligkeiten der Kinder und besteht nachdrücklich auf die Behandlung der nicht existierenden Krankheiten. Außerdem „schonen“ sie ihre Kin- der in dem Ausmaß, dass Isolation von Gleichaltrigen, eine Außenseiterposition und erhebliche Verhaltensauffälligkeiten die Folge sein können (vgl. Deegener, 2005, S. 130; Lorenc, 2011, S. 4 f.).

3 Manipulationstechniken

Die Tricks und Techniken zur Vortäuschung und Erzeugung der Erkrankungen sind vielfältig. Oft werden die (nicht vorhandenen) Symptome von den Täterinnen medizi- nisch kompetent vorgetragen oder dramatisch geschildert. Ein nicht seltenes Täu- schungskonzept ist dabei die Verfälschung der Krankenunterlagen oder Körperaus- scheidungen des Kindes, indem dem Urin, Kot oder Erbrochenen der Kinder Fremdsubstanzen oder eigenes (Menstruations)Blut beigemischt wird. Typische Beispiele für ein direktes Erzeugen von Symptomen sind die Verabreichung von Medikamenten, Manipulation von Atemstillständen oder das Malträtieren der kindlichen Haut mit Fingernägeln oder spitzen Gegenständen. Die Liste der manipulierten Symptome ist jedoch weitreichend und erweitert sich ständig. Oftmals treten Kombinationen von verschiedenen Symptomen oder Symptomwechsel auf. Wenn Kinder mit real existierenden Erkrankungen Opfer eines MbpS werden, wird die Aufdeckung zusätzlich erschwert (vgl. Krupinski, 2013, S. 285).

Nach Noeker et al. (2011, S. 267) kann sich die Vortäuschung bzw. aktive Fabrikation der Symptome über 4 Stufen mit zunehmendem Schweregrad vollziehen:

1. übertriebene Schilderung von Schmerzen und Beschwerden des Kindes,
2. falsche Angaben zu vermeintlichen Krankheitsanzeichen außerhalb ärztlicher Beobachtung (z. B. angeblicher epileptischer Anfall im häuslichen Milieu, in der Regel ohne weitere Zeugen),
3. aktive Verfälschung von Untersuchungsmaterial (Beifügen von eigenem oder fremdem Blut, Stuhl, Urin in Untersuchungsproben) sowie
4. aktive Manipulation und Verletzung des Kindes (z. B. Injektion bakteriell konta- minierter Substanzen, Verletzung, Vergiftung).

Rosenberg fasste die in ihrer Literaturanalyse bekanntgewordenen Manipulationstechniken in einer Tabelle zusammen (vgl. ebd., 1987, S. 554), welche hier gemeinsam mit den Häufigkeitsangaben in Prozent, ebenfalls nach Rosenberg, dargestellt werden. Hierbei manipulierten 25% der Mütter Messwerte oder erfanden Symptome, die anderen 75% manipulierten direkt den Körper ihres Kindes. Sie fügten ihnen meist Schäden in Bereichen der lebenswichtigen Körperfunktionen zu. Es scheint, als würden sie die Normalheit, Gesundheit und Vitalität ihres Kindes nicht ertragen können (vgl. Plassmann, 2004, S. 8 f.).

Tab. 1: Manipulationstechniken

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Weiterhin konnte von Baskin et al. (2003) die Diagnose einer immer wiederkehrenden Bindehautentzündung des Kindes mit einem MbpS in Verbindung gebracht wer - den (zit. n. Deegener, 2005, S. 131).

Neben der direkten Schädigung durch die Mütter kommt es durch eine Vielzahl unnö- tiger diagnostischer Eingriffe und stationärer Aufenthalte, welche teilweise mit schmerzhaften Maßnahmen, operativen Eingriffen, Narkoserisiken sowie Therapien und deren Nebenwirkungen verbunden sind, zwangsläufig auch immer zu einer psy- chischen und physischen Schädigung der Kinder von medizinischer Seite (vgl. Kru- pinski, 2013, S. 285).

4 Die Beteiligten Familienmitglieder

4.1 Verursachende Personen

Die verursachenden Personen sind in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle die Mütter der Kinder (vgl. Krupinski, 2013, S. 286). Diese Annahme wird von Ergebnis - sen zahlreicher Studien gestützt. So waren in Rosenbergs Literaturanalyse 98% der Verursacher die biologischen Mütter und 2% Adoptivmütter der Kinder (vgl. ebd., 1987, S. 55). Laut Thomas sind 90% der verursachenden Personen die biologischen Mütter, 5% die Väter und weitere 5% andere weibliche Bezugspersonen (vgl. ebd., 2003, S. 175). Sheridan ermittelte in ihrer Literaturanalyse aus dem Jahr 2003 76% biologische Mütter als Täterinnen (vgl. ebd., 2003, S. 436). In Lorencs Studie war in 48 der 50 Fälle die Mutter die Täterin, bei denen das Durchschnittsalter bei 30,7 Jah- ren lag (vgl. ebd., 2011, S. 40). Thomas berichtet von einer Altersspanne von 20 bis 30 Jahren (vgl. ebd., 2003, S. 175). Die Mütter sind in den meisten Fällen verheiratet, wobei viele der Ehen allerdings nicht glücklich sind (vgl. Sheridan, 2003, S. 438). Die Täterinnen können häufig eine medizinische Ausbildung vorweisen (Krankenschwes- ter, Altenpflegerin, etc.) (vgl. Keller, 1997, S. 1158) oder geben oftmals an, eine zu haben, obwohl dies nicht stimmt (vgl. Plassmann, 2004, S. 11). Ihr Wissen im medizi - nischen Bereich ist häufig komplex (vgl. Schreier & Libow, 1993, S. 17). Die verursa- chenden Personen stammen aus allen sozialökonomischen Schichten (vgl. Rosen- berg, 1987, S. 557).

Noeker schreibt den Müttern mindestens drei verschiedene Rollen zu, zwischen de- nen sie blitzartig wechseln können, um so unterschiedliche Aspekte der Berufsrolle des Arztes herauszufordern; die Rolle der Täterin, die der Erziehungs- und Sorgebe- rechtigten und die der vordergründig liebevollen, pflegerisch engagierten und durch die „Erkrankungssituation“ des Kindes hoch belasteten, bedürftigen Mutter (vgl. ebd., 2004, S. 456). Die Mütter erscheinen auf den ersten Blick als unauffällig und ihrem Kind gegenüber meist besonders fürsorglich und liebevoll zugewandt. Sie entspre- chen häufig dem „Mutter-Ideal“ (vgl. Krupinski, 2013, S. 286), weichen ihrem Kind nicht von der Seite und weisen eine enge, fast symbiotische Bindung auf (vgl. Plass- mann, 2004, S. 11; Lorenc, 2011, S. 24; Keller, 1997, S. 1158). Bei genauerer Be - trachtung der Täterinnen stellt sich häufig heraus, dass diese unter Gefühlen der Iso - lation und Einsamkeit leiden (vgl. Krupinski, 2013, S. 286). Sie weisen kaum soziale Kontakte auf und scheinen sich in Krankenhäusern äußerst wohl zu fühlen, wobei sie sich regelrecht mit dem Klinikpersonal anfreunden (vgl. Thomas, 2003, S. 176). Ro- senberg vermutet, dass das Leben außerhalb der Krankenhäuser für diese Mütter einsam und trist ist (vgl. ebd.,1987, S. 557).

4.1.1 Psychische Störungen

Die Mütter weisen eine extrem hohe psychopathologische Vorbelastung auf, wobei 10 sich die Symptome nicht eindeutig bestimmten Störungskategorien zuordnen lassen, sondern häufig mit anderen Störungsbildern überlappen (vgl. Noeker, 2004, S. 461). Keller beschreibt, dass viele von ihnen an tiefgreifenden Persönlichkeitsstörungen leiden. Am häufigsten fanden sich depressive Syndrome, hysterische- und Borderli- ne-Konstellationen. In bis zu 70% der Fälle kam es zu autoaggressiven Manipulatio- nen (Suizidversuche, episodische Essstörungen und andere Suchterscheinungen). Eine größere Anzahl der Mütter litt selbst an dem Münchhausen-Syndrom (vgl. ebd., 1997, S. 1158). In Sheridans Analyse lag bei knapp 23% der verursachenden Perso- nen ein psychiatrischer Befund vor, wobei Depressionen und Persönlichkeitsstörun- gen am häufigsten diagnostiziert wurden. Sie ermittelte bei knapp 30% der Mütter Anzeichen, die auf das Vorliegen eines Münchhausen-Syndroms schließen lassen (vgl. ebd, 2003, S. 438). Auch in Rosenbergs Analyse fanden sich am häufigsten De- pressionen bei den Müttern. Neben den bereits erwähnten hysterischen- und Border- line-Persönlichkeitsstörungen wurde außerdem die narzisstische Persönlichkeitsstö- rung diagnostiziert, 10% der Täterinnen litten am Münchhausen-Syndrom und weite- re 14% zeigten Anzeichen dessen (vgl. ebd., 1987, S. 555 f.). Bei 17 der 19 befrag - ten Mütter in Bools' Studie lag eine Persönlichkeitsstörung vor, 15 der Mütter litten unter Somatisierungsstörungen, wobei es sich bei zehn Fällen wahrscheinlich um ar- tifizielle Störungen handelte. Bei zwölf der Mütter trat in der Vergangenheit Selbstver - letzendes Verhalten auf und sieben gingen missbräuchlich mit Drogen und Alkohol um (vgl. ebd., 1994, S. 777).

Die eigene Identitätsfindung der Mütter ist schwer gestört. Sie können zwischen ihren eigenen Bedürfnissen und Nöten und denen ihrer Kinder nicht unterscheiden. Teil- weise erleben sie ihr Kind wie ein zu ihnen gehöriger Körperteil, der manchmal für - sorglich gepflegt und manchmal verletzend behandelt wird. Die Misshandlungen füh- ren bei den Müttern zumindest vorübergehend zu einer Entlastung von schwer er- träglichen Spannungszuständen (vgl. Krupinski, 2013, S. 288 f.). Wenn es ihnen nicht möglich ist, die schwere seelische Krise durch die Manipulationen am Kind abzuwehren, ist es möglich, dass sie psychotisch kompensieren oder sogar Hand an sich legen (vgl. Faust, o.J. a, S. 7).

Die Realitätswahrnehmung und -verarbeitung der Mütter kann beeinträchtigt sein und wahnhafte Züge tragen. Sie sind sich jedoch in den meisten Fällen der Missbrauchs - handlungen sehr wohl bewusst, wobei sie ihre eigenen Motivationen aber kaum ver- stehen. Sie fühlen sich häufig in einer für sie selbst unverständlichen Weise zu den Manipulationen getrieben. Der Autor vergleicht das MbpS mit der Störung der Impulskontrolle, wie dem pathologischen Stehlen oder der pathologischen Brandstiftung (vgl. Krupinski, 2013, S. 286 f.). Laut Sheridan können die Mütter ihre Impulse trotz des zwanghaften Charakters kontrollieren und die Manipulationen unterbrechen, wenn sie es schaffen, ihre Bedürfnisse durch andere Handlungen zu befriedigen. Die Autorin mutmaßt, dass die Sorge der Mütter um das erkrankte Kind nicht echt ist und ihnen ihre Kinder wenig bedeuten (vgl. ebd., 2004, S. 132).

4.1.2 Traumatische Kindheitserfahrungen

Die Vorgeschichte der Täterinnen ist häufig von einer unglücklichen Kindheit gezeich- net. So waren laut Keller 25% Opfer psychischen oder sexuellen Missbrauchs (vgl. ebd., 1997, S. 1158). In Sheridans Analyse gaben knapp 22% an, in ihrer Kindheit oder Paarbeziehung Missbrauch erlebt zu haben (vgl. ebd., 2003, S.438). In Bools' Studie ergab sich, dass 15 der 19 Mütter in ihrer Kindheit unter emotionaler Vernach- lässigung oder psychischer Misshandlung litten. Zwei von ihnen wurden zusätzlich Opfer körperlicher Misshandlung und weitere drei zusätzlich Opfer sexuellen Miss- brauchs. Zwei der Mütter erlebten alle der genannten Misshandlungsformen (vgl. ebd., 1994, S. 778).

Auch Adshead und Blugass fanden heraus, dass 50% Opfer physischen und/oder sexuellen Missbrauchs in ihrer Kindheit waren. Die Autoren vermuten, dass solche traumatischen Kindheitserfahrungen und unverarbeitete Traumata der Grund für des- organisierte elterliche Fähigkeiten und Bindungsprobleme sein könnten. Bei 88% der untersuchten Täterinnen wurde ein unsicherer Bindungstyp festgestellt - dieser Pro- zentsatz ist doppelt so hoch wie normal. Der unsicher-vermeidende Bindungstyp kam hierbei am häufigsten vor (vgl. ebd., 2001, S. 405). Rosenberg vermutet, dass die Täterinnen unter mangelnder Empathiefähigkeit für ihre Kinder leiden, welche durch eigene traumatische Kindheitserfahrungen ausgelöst wurde (vgl. ebd., 1987, S. 557 f.). Die Bedürfnisse ihrer Kinder und das ungleiche Machtverhältnis zwischen Mutter und Kind lösen Gefühle der Angst, Hilflosigkeit und Feindseligkeit bei ihnen aus.

[...]

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Das Münchhausen-by-proxy-Syndrom. Familiendynamik, Warnsignale und Diagnostik
Hochschule
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
50
Katalognummer
V374545
ISBN (eBook)
9783668519145
ISBN (Buch)
9783668519152
Dateigröße
623 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Münchhausen-by-proxy-Syndrom, Münchhausen, Familienberatung, Bildung und Erziehung, Familiendynamik, Diagnostik, artifizielle Störung, psychische Störung, Kindeswohlgefärdung, Kindesmisshandlung, Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom
Arbeit zitieren
Sandra Fischer (Autor), 2016, Das Münchhausen-by-proxy-Syndrom. Familiendynamik, Warnsignale und Diagnostik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374545

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