Die Weimarer Reichsverfassung von 1919 diente als Vorbild für die Schaffung des Bonner Grundgesetzes, der neuen Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. Bei beiden politischen Systemen handelt es sich um eine parlamentarische Demokratie. Das Grundgesetz versucht allerdings die Fehler der Reichsverfassung, die zum Scheitern der Weimarer Republik beigetragen haben, zu vermeiden. Aufgrund verschiedener Veränderungen konnte das Grundgesetz bis heute bestehen und bot Verfassungsfeinden keine Möglichkeit das Regierungssystem zu stürzen. Jedoch darf man nicht vergessen, dass die Weimarer Reichsverfassung zu ihrer Zeit sehr fortschrittlich war. Ihr Konstruktionsfehler lag in dem Optimismus ihrer Entwickler. Auf diese Einstellung wird nachfolgend auch verwiesen.
Das Ziel dieser Hausarbeit ist es, die Unterschiede bzw. die eventuellen Gemeinsamkeiten zwischen der Weimarer Reichsverfassung (WRV) und dem Bonner Grundgesetz (GG) aufzuzeigen. In diesem Rahmen werden die Hauptbestandteile beider Verfassungen gegenübergestellt, um einen Einblick in die Vergleichsmöglichkeiten oder Vergleichsansätze dieses Themas zu geben. Aufgrund dessen wird ein Vergleich zwischen den Entstehungsgeschichten der beiden Verfassungen gezogen, sowie zwischen der Verwendung von Elementen der direkten Demokratie durch die Erschaffer der beiden Verfassungen. Des weiteren erfolgt ein Vergleich der Aufgabenbereiche bzw. Zuständigkeiten von Reichspräsident und Bundespräsident, von Reichskanzler/Reichsregierung und Bundeskanzler/Bundesregierung, von Reichstag und Bundestag sowie von Reichsrat und Bundesrat, um die unterschiedliche Stellung der Verfassungsorgane zu erkennen. Außerdem wurden sowohl die Parteiensysteme, die Wahlsysteme als auch der Verfassungsschutz in den beiden Verfassungen untersucht. Zuletzt werden die Grund- und Menschenrechte in der Weimarer Reichsverfassung und im Bonner Grundgesetz gegenübergestellt. Da das Thema sehr umfangreich ist, beschränkt sich diese Darstellung auf einen Überblick. Es soll auch nicht Aufgabe dieser Hausarbeit sein, die vielfältigen Ursachen des Scheiterns der Weimarer Republik aufzuzeigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entstehungsgeschichte der Weimarer Reichsverfassung und des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland
3. Elemente direkter Demokratie
4. Zu vergleichende Elemente der Weimarer Reichsverfassung und des Bonner Grundgesetzes
4.1. Reichspräsident und Bundespräsident
4.2 Reichskanzler/Reichsregierung und Bundeskanzler/Bundesregierung
4.3 Reichsrat und Bundesrat
4.4 Reichstag und Bundestag
4.5 Parteienspektrum
4.6 Wahlsysteme in der Weimarer Republik und in der BRD
4.7 Verfassungsschutz
4.8 Grund- und Menschenrechte
5. Schlussfolgerung
6. Schaubild / schematischer Vergleich
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die verfassungsrechtlichen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen der Weimarer Reichsverfassung und dem Bonner Grundgesetz, um die aus dem Scheitern der Weimarer Republik gezogenen Lehren für die Stabilität der heutigen parlamentarischen Demokratie in Deutschland zu analysieren.
- Vergleich der Entstehungsgeschichten beider Verfassungen
- Gegenüberstellung der Kompetenzen von Staatsoberhäuptern und Regierungsorganen
- Analyse der Rolle direktdemokratischer Elemente und des Verfassungsschutzes
- Untersuchung der Parteien- und Wahlsysteme
- Gegenüberstellung der Grund- und Menschenrechtskataloge
Auszug aus dem Buch
4.1. Reichspräsident und Bundespräsident
In der Weimarer Republik war das Staatsoberhaupt der Reichspräsident, dem eine sehr starke Position in der neuen Verfassung zuteilt wurde. Er wurde vom Volk direkt gewählt. Seine Amtszeit von sieben Jahren sollte ihm eine Position der Stabilität gegenüber den Unwägbarkeiten des Verhältniswahlrechts geben, wobei er aber beliebig oft wiedergewählt werden konnte. Das Staatsoberhaupt sollte überparteilich sein. Man bezeichnete ihn sogar als „Ersatzkaiser“, da der langjährige Reichspräsident Hindenburg9 diese Art der Machtstellung für die Bevölkerung verkörperte (Jesse 1993, S.17).
Der Reichspräsident ernannte und entließ den Reichskanzler und die Minister, (die Reichsregierung) (Art.53 WRV). So war es ihm möglich, „erheblichen Einfluss auf die Regierungsbildung zu nehmen“ (Sturm 1998, S.18). Aber das wohl wichtigste Recht, das der Reichspräsident durch zuerkannt bekam, war das Recht, den Reichstag aufzulösen, allerdings nicht zweimal aus demselben Grund. Das Auflösungsrecht war im Art. 25 WRV näher bestimmt. Die Reichsverfassung sollte mit diesem Recht sicherstellen, dass das Parlament durch ein zweites volksvertretenes Organ kontrolliert wird. Wenn der Reichspräsident mit bestimmten Gesetzen, die das Parlament verabschiedet hatte, nicht einverstanden war, konnte er diese durch einen Volksentscheid zunichte machen (Art.73 WRV) - eine nie praktizierte Regelung, die gleichwohl den Parlamentarismus ständig bedrohte. Somit konnte das parlamentarische System untergraben werden. Eine Kanzlerwahl durch den Reichstag, die das Parlament gegenüber der Regierung und beide zusammen gegenüber dem Reichspräsidenten gestärkt hätte, wurde nicht vorgesehen10.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung erläutert den Fokus auf den vergleichenden Blick zwischen Weimarer Reichsverfassung und Bonner Grundgesetz zur Vermeidung historischer Konstruktionsfehler.
2. Entstehungsgeschichte der Weimarer Reichsverfassung und des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland: Das Kapitel kontrastiert die revolutionäre Entstehung der Weimarer Ordnung mit der bewussten, defensiven Reaktion durch den Parlamentarischen Rat nach 1945.
3. Elemente direkter Demokratie: Hier wird untersucht, wie das Weimarer Experiment plebiszitärer Elemente aufgrund systemischer Überforderung und Instabilität im Grundgesetz zugunsten einer repräsentativen Demokratie verworfen wurde.
4. Zu vergleichende Elemente der Weimarer Reichsverfassung und des Bonner Grundgesetzes: Dieser Hauptteil analysiert detailliert die Machtbefugnisse von Exekutive, Legislative und Judikative sowie das Parteien- und Wahlsystem im historischen Vergleich.
5. Schlussfolgerung: Das Fazit fasst zusammen, dass die Stabilität der Bundesrepublik maßgeblich auf der bewussten Einschränkung des Staatsoberhauptes und der institutionellen Sicherung gegenüber Verfassungsfeinden basiert.
6. Schaubild / schematischer Vergleich: Eine grafische Gegenüberstellung der Verfassungsstrukturen beider Republiken zur Verdeutlichung der Machtverhältnisse.
Schlüsselwörter
Weimarer Reichsverfassung, Grundgesetz, Parlamentarische Demokratie, Reichspräsident, Bundespräsident, Verfassungsschutz, Gewaltenteilung, Artikel 48, Misstrauensvotum, Wahlsystem, Parteienspektrum, Volkssouveränität, Rechtsstaat, Bundesstaat, Notverordnungen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit primär?
Die Arbeit vergleicht die Regierungsstrukturen der Weimarer Republik mit denen der Bundesrepublik Deutschland, um die konzeptionellen Unterschiede und die daraus resultierende Stabilität des modernen deutschen Systems aufzuzeigen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Felder sind die Ausgestaltung der Verfassungsorgane (Präsident, Kanzler, Parlament), das Parteienwesen, Wahlsysteme und der Schutz der demokratischen Grundordnung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Unterschiede in den Verfassungsentwürfen herauszuarbeiten, die explizit dazu dienten, ein erneutes Scheitern der parlamentarischen Demokratie nach dem Vorbild Weimars zu verhindern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um einen komparativen politischen Systemvergleich, bei dem die verfassungsrechtlichen Bestimmungen beider Zeiträume strukturell einander gegenübergestellt werden.
Was ist der inhaltliche Schwerpunkt im Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Sektionen, die spezifische Institutionen wie das Staatsoberhaupt, die Regierung, das Parlament sowie die Grundrechte vergleichend analysieren.
Wie lässt sich die Arbeit anhand von Schlagworten charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Verfassungsvergleich, Demokratiegeschichte, Notverordnungskompetenz und Institutionensicherung beschreiben.
Warum war der Reichspräsident in der Weimarer Republik ein "Ersatzkaiser"?
Aufgrund seiner starken direkten Legitimation durch das Volk und seiner umfangreichen Notverordnungskompetenzen nach Artikel 48 WRV besaß er eine dominierende Machtstellung, die das parlamentarische System faktisch aushebeln konnte.
Inwiefern unterscheidet sich das heutige Misstrauensvotum vom Weimarer Modell?
Während das Weimarer Modell ein "einfaches" Misstrauensvotum war, das Regierungen ohne Alternative stürzen konnte, führt das Grundgesetz das "konstruktive" Misstrauensvotum ein, welches den Kanzlersturz nur ermöglicht, wenn gleichzeitig ein Nachfolger gewählt wird.
Was unterscheidet das Wahlsystem der Weimarer Republik von dem der BRD?
Die Weimarer Zeit nutzte ein reines Verhältniswahlrecht ohne Sperrklausel, was die Parteienzersplitterung förderte, während die BRD auf eine personalisierte Verhältniswahl mit einer 5%-Hürde setzt, um stabile Mehrheiten zu garantieren.
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- Margarita Russeva (Author), 2003, Vergleich des Regierungssystems der Weimarer Republik mit dem der Bundesrepublik Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37457