Diese Arbeit beleuchtet unter Zuhilfenahme des Diathese-Stress-Modells den Zusammenhang zwischen Stress und Krankheit anhand von Traumatisierungen in der Kindheit. So wie es Straßenkarten, Wetterkarten, geografische Karten gibt, sind auch bei dem Phänomen „Krankheit“ diverse Betrachtungsweisen möglich. Alle heute bekannten Annahmen, die das Phänomen „Krankheit“ betreffen, lassen sich auf sogenannte Paradigmen, das heißt Modellvorstellungen, mit denen ein Teil der Realität beschrieben und erklärt werden kann, zurückführen.
Medizin, Biologie, Physik und andere wissenschaftliche Disziplinen nähern sich ihren Untersuchungsgegenständen mithilfe von Modellen, die so lange eine Daseinsberechtigung haben, wie sie nützlich sind. Da sie keine Glaubenssysteme sind, beziehen sie ihren Wert nicht aus sich selbst, sondern aus ihrer Erklärungskraft. Sie sind Hilfsmittel, die nur einen bestimmten Ausschnitt der Wirklichkeit mit nur bestimmten Aspekten erfassen. Manche Paradigmen verlieren ihre Gültigkeit und es gibt Paradigmenwechsel. Beispiele sind das Ptolemäische Weltbild, die Theorie von der Entstehung der Arten oder die berühmten Urey-Miller-Versuche von 1953.
Die Realität sorgt dafür, dass uns vertraut gewordene Erklärungsmodelle obsolet werden und ihre Tauglichkeit immer wieder aufs Neue beweisen müssen. Es ist wichtig, nicht nur ein bzw. nicht zu viele Modelle in der Arbeit zu benutzten. Ein Modell reduziert die Anzahl der Fälle, mit denen man arbeiten kann. Zu viele Modelle zu kennen, birgt die Gefahr, Beliebigkeit zu schaffen, und schadet damit auch der Professionalität. Man sollte sich bewusst sein, mit welchem Modell man vertraut ist und in welcher Weise man es im konkreten Fall anwendet.
Inhaltsverzeichnis
1 EINFÜHRUNG: ERKLÄRUNGSMODELLE UND IHRE FUNKTION
2 DEFINITION DER KRANKHEIT
3 STRESS UND KRANKHEIT
3.1 Stress und Angstreaktionen
3.2 Hinweise aus der Psychoneuroimmunologie
4 DIATHESE-STRESS-MODELLE
4.1 Stress als Bewertungsprozess
4.2 Diathese-Stress-Modelle (Vulnerabilitäts-Stress-Modelle)
4.3 Zusammenfassung Diathese-Stress-Modell
5 VOM MISSBRAUCH ZUR KRANKHEIT
5.1 Die Spätfolgen einer Schweren Kindheit
5.2 Eine Fall-Vignette
5.3 Die Zusammenhänge zwischen den körperlichen und seelischen Leiden
5.3.1 ACE-Studie (Adverse Childhood Experiences)
5.3.2 Risikogene für erhöhte Stressanfälligkeit
5.3.3 Botenstoffe hinterlassen bleibende Spuren
6 FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das komplexe Zusammenspiel zwischen psychischen Belastungen durch frühkindliche Traumatisierungen und deren langfristige Auswirkungen auf die körperliche und seelische Gesundheit im Erwachsenenalter, unter Anwendung des Diathese-Stress-Modells.
- Konzepte der Gesundheits- und Krankheitsdefinition
- Physiologische Grundlagen von Stress und Immunsystem
- Das Diathese-Stress-Modell als integratives Erklärungsmodell
- Langzeitfolgen von Kindesmisshandlung (ACE-Studie)
- Epigenetische und neurobiologische Mechanismen
Auszug aus dem Buch
5.3.1 ACE-Studie (Adverse Childhood Experiences)
Diesbezüglich existieren deutliche Antworten in der Studienlage, insbesondere die 1995–1997 in San Diego begonnene ACE-Studie (Adverse Childhood Experiences) ist zu beachten. Die Erhebung erfasste mehr als 17 000 Mitglieder einer amerikanischen Krankenversicherung, die regelmäßig eine ärztliche Routineuntersuchung in Anspruch genommen hatten. In der Studie haben die TeilnehmerInnen detaillierte Angaben über traumatisierende Erfahrungen während ihrer Kindheit gemacht (Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch). Bereits die erste Datenanalyse 1998 ergab, dass die Personen, die im Fragebogen mehr als drei Fragen zu Missbrauch und Vernachlässigung in der Kindheit bejaht hatten, gegenüber unbelasteten Personen ein bis zu zwölffach höheres Risiko, psychisch bzw. somatisch zu erkranken, aufwiesen. Die Gefahr, eine Nikotin- oder Alkoholsucht zu entwickeln, war ebenso erhöht wie der Hang zu wechselnden Sexualkontakten. Eine weitere Auswertung der Studie im Jahr 2004 ergab, dass Misshandlungen in Kindheit und Jugend vermehrt mit koronaren Herzerkrankungen einhergehen: Je stärker das Kindheitstrauma war, desto höher fiel auch das Risiko aus, an Herzkrankheiten zu erkranken. Ähnliches galt für Lungenkrankheiten, Krebs, Leberschäden und Autoimmunerkrankungen (Spektrum der Wissenschaft, Dossier 2/2017, S. 8).
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINFÜHRUNG: ERKLÄRUNGSMODELLE UND IHRE FUNKTION: Erläutert die wissenschaftliche Notwendigkeit von Modellen und Paradigmen zur Beschreibung komplexer Realitäten wie dem Phänomen Krankheit.
2 DEFINITION DER KRANKHEIT: Untersucht den historischen Wandel des Krankheitsbegriffs und stellt verschiedene aktuelle medizinische sowie rechtliche Definitionen gegenüber.
3 STRESS UND KRANKHEIT: Beleuchtet das Zusammenspiel von Psyche und Körper sowie die physiologischen Mechanismen, durch die Stress das Immunsystem beeinflussen kann.
4 DIATHESE-STRESS-MODELLE: Führt das Diathese-Stress-Modell als integratives Konzept ein, das die Anfälligkeit einer Person durch subjektive Bewertung und Stressoren erklärt.
5 VOM MISSBRAUCH ZUR KRANKHEIT: Analysiert den direkten Zusammenhang zwischen frühkindlichen Traumatisierungen und somatischen sowie psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter anhand empirischer Studien.
6 FAZIT: Fasst die Bedeutung des Vulnerabilitäts-Konzepts zusammen und betont die multifaktorielle Genese von Krankheiten durch das Zusammenspiel von Genetik und Umwelt.
Schlüsselwörter
Diathese-Stress-Modell, Gesundheit, Krankheit, Psychoneuroimmunologie, Trauma, Kindheitsmissbrauch, ACE-Studie, Stressregulation, Allostase, Vulnerabilität, Kortisol, Epigenetik, Homöostase, psychische Gesundheit, somatische Erkrankungen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen und empirischen Verknüpfung von Stress, psychischen Belastungen in der Kindheit und der Entstehung von körperlichen sowie seelischen Krankheiten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Krankheitsdefinitionen, moderne Stressforschung, die Auswirkungen von Traumata auf das Immunsystem und die epigenetischen Folgen frühkindlicher Belastungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Diathese-Stress-Modell dazu beitragen kann, die komplexe Entstehung von Krankheiten durch das Zusammenspiel von individueller Vulnerabilität und Stressoren zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die primär auf der Auswertung aktueller wissenschaftlicher Literatur, klinischer Studien und Konzepte der Psychoneuroimmunologie basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert Stress als physiologischen Prozess, erläutert das Diathese-Stress-Modell detailliert und belegt anhand der ACE-Studie die langfristigen gesundheitlichen Folgen von Kindesmissbrauch.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Diathese-Stress-Modell, Vulnerabilität, Trauma, Stressregulation, Psychoneuroimmunologie und ACE-Studie.
Welche Rolle spielt die Amygdala bei Stressreaktionen?
Die Amygdala fungiert als Angstzentrum des Gehirns und löst bei Überforderung eine Blockade der Informationsverarbeitung sowie Stressreaktionen aus, die den Zugriff auf Ressourcen erschweren.
Wie erklärt das Diathese-Stress-Modell die Entstehung von Krankheiten?
Das Modell postuliert, dass eine Krankheit erst dann ausbricht, wenn eine individuelle Anfälligkeit (Diathese) auf einen entsprechenden äußeren Stressor trifft, der die persönlichen Bewältigungsmechanismen übersteigt.
Was ist die Bedeutung der ACE-Studie für die vorliegende Arbeit?
Die ACE-Studie liefert den empirischen Nachweis dafür, dass traumatische Erfahrungen in der Kindheit das Risiko für diverse somatische Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Probleme oder Diabetes im Erwachsenenalter signifikant erhöhen.
Warum wird der Begriff „Methylierung“ in diesem Kontext erwähnt?
Die Methylierung beschreibt einen epigenetischen Prozess, bei dem Traumata in der Kindheit das Erbgut chemisch verändern und Gene ausschalten können, was die biologische Stressanfälligkeit langfristig prägt.
- Arbeit zitieren
- Ewa Budna (Autor:in), 2017, Stress als Krankheitsauslöser. Das Diathese-Stress-Modell bei Traumatisierungen in der Kindheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374709