Wegen „ihrer unmittelbaren Relevanz für die Lebenspraxis“ ist die Konsolationsliteratur seit dem Mittelalter bis in die heutige Zeit stets vertreten und offenbart damit eine Bedeutung für die Literaturwissenschaft, die häufig unterschätzt wird. Doch welche Arten von Trostargumenten gibt es überhaupt und haben sich diese im Laufe der Zeit verändert oder finden sich gängige Schemata, die sowohl im Mittelalter als auch in unserer heutigen Zeit Verwendung finden?
Die These dieser Arbeit dazu lautet, dass sich trotz der verschiedenen Unterarten der Konsolationsliteratur und des verschiedenen Erlernens literarischen Schreibens die Trostargumente in ihrem Kern nicht verändert haben, da auch der Mensch in seinem Trostbedürfnis und seiner emotionalen Beschaffenheit gleich geblieben ist und daher heute wie auch im Mittelalter die gleichen Argumente eine tröstende Wirkung zeigen.
Um diese These bestätigen oder falsifizieren zu können, wird die Consolatio Philsophiae des Philosophen Boethius in dieser Arbeit analysiert und anschließend mit unserem heutigen Trostverständnis verglichen. Dem Ausmaße dieser Arbeit geschuldet wird lediglich eine Analyse des Ersten der fünf Bücher der Consolatio Philosophiae vorgenommen und am Ende nur kurz auf das heutige Verständnis des Trostes anhand einiger modernerer Gedichte Bezug genommen. Um einen Überblick über diese Literaturform zu geben, wird zunächst die Trostbedürftigkeit des Menschen erläutert, da diese den Ursprung der Konsolationsliteratur darstellt und darauf folgend die Entwicklung der Konsolationsliteratur von der Antike bis zur Gegenwart sowie die verschiedenen Gattungen skizziert. Anschließend wird anhand dieses Überblicks Boethius' Consolatio in den zeitlichen und gattungsspezifischen Kontext eingeordnet, um sein Werk analysieren und schließlich mit dem moderneren Trostverständnis vergleichen zu können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Die Trostbedürftigkeit des Menschen
3. Topik
4. Gattungen der Konsolationsliteratur
4.1. Rede
4.2. Prosa
4.3. Poesie
4.4. Brief
5. Epochen der Konsolationsliteratur
6. Trosttopoi in der Consolatio Philosophiae
7. Vergleich der Trosttopoi in der Consolatio Philosophiae mit dem moderneren Verständnis des Trostes
8. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Beständigkeit von Trostargumenten, sogenannten Trosttopoi, indem sie Boethius' Consolatio Philosophiae analysiert und deren Anwendbarkeit mit modernen Trostkonzepten vergleicht, um die These zu prüfen, dass sich der Kern dieser Argumente trotz zeitlicher Distanz aufgrund der menschlichen Natur kaum verändert hat.
- Grundlagen der menschlichen Trostbedürftigkeit
- Entwicklung und Systematik der Konsolationsliteratur
- Analyse der Trosttopoi in Boethius' Consolatio Philosophiae
- Vergleich zwischen rationaler antiker Trostphilosophie und moderner emotionaler Trostpraxis
Auszug aus dem Buch
6. Trosttopoi in der Consolatio Philosophiae
Dem Philosophen Boethius Anicius Manilus Severinus wird Hochverrat vorgeworfen, weshalb er im Gefängnis auf seine Hinrichtung wartet und in dieser Zeit 534 n. Chr. die Consolatio Philosophiae verfasst. Die Schrift verdankt ihre stete Aktualität ihrem Charakter eines Schwellentextes zwischen Antike und Mittelalter, den sie durch die Verbindung antiker Vorbilder wie der Allegorisierung, der Mythendeutung und den zentralen hermeneutischen und rhetorischen Verfahren des Mittelalters erhält. Die Consolatio ist als Lebensethik und sogar als knappe Metaphysik aufzufassen, da ihre Trosttopoi sich nicht nur auf den Tod beziehen, sondern auf eine allgemeine philosophische Lebensweise, welche zu verfolgen tröstlich sein soll. In dieser Hinsicht knüpft Boethius an die antike Tradition an, da der Trost sich aus der Beschäftigung mit der Philosophie ergibt. Diese philosophischen Topoi können jedoch ebenfalls christlich verstanden werden und zeigen somit bereits, wie verschieden Trostargumente ausgelegt werden können.
Dadurch erhalten Trostschriften ihren für die Antike und das Mittelalter typisch universellen Charakter, da die Topoi mustergültig und auf viele Situation anwendbar waren. Stilistisch ist die Consolatio wie bereits in der Antike üblich prosimetrisch verfasst, d.h. ergänzend zu den Prosapartien ebenso metrisch aufgrund der einzelnen carmina, übersetzt Gedichte, die den Prosatext immer wieder schematisch durchbrechen. Dem Ausmaße dieser Arbeit geschuldet werde ich mich bei der folgenden Betrachtung der einzelnen Trosttopoi lediglich auf das Erste der fünf Bücher der Consolatio Philosophiae beschränken.
Boethius beginnt seinen Bericht mit einer Klage über die traurigen Lieder, die er angesichts seiner Situation nur noch zu verfassen in der Lage ist und die ihn selbst zum Weinen bringen. Die Musen, die ihn bisher inspiriert haben, sind immer noch bei ihm, wobei sich hier gleich zwei Trosttopoi finden lassen. Zum einen die Musen, die als treue Gefährten immer noch zu ihm halten und zum anderen die Fähigkeit, immer noch schreiben zu können und im Schreiben selber Trost zu finden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Definition der Leitfrage und These zur zeitlosen Beständigkeit von Trostargumenten trotz Epochenwandels.
2. Die Trostbedürftigkeit des Menschen: Erläuterung der anthropologischen Wurzeln des Trostbedürfnisses als Reaktion auf Vergänglichkeit und menschliche Interaktion.
3. Topik: Definition des Begriffs der literarischen Topik als Mittel zur Standardisierung von Argumentationsmustern.
4. Gattungen der Konsolationsliteratur: Klassifizierung und Beschreibung von Rede, Prosa, Poesie und Brief als traditionelle Formen der Trostliteratur.
5. Epochen der Konsolationsliteratur: Skizzierung der historischen Entwicklung von der Antike über das Mittelalter bis zur Moderne.
6. Trosttopoi in der Consolatio Philosophiae: Untersuchung der spezifischen Trostargumente im ersten Buch von Boethius' Werk.
7. Vergleich der Trosttopoi in der Consolatio Philosophiae mit dem moderneren Verständnis des Trostes: Gegenüberstellung von Boethius' rationaler Philosophie und heutigen, stärker emotional geprägten Trostformen.
8. Fazit: Zusammenfassende Bestätigung der These zur universellen Anwendbarkeit von Trostmotiven bei gleichzeitiger Transformation der Argumentationsweise.
Schlüsselwörter
Trost, Konsolationsliteratur, Boethius, Consolatio Philosophiae, Trosttopoi, Topik, Literaturwissenschaft, Antike, Mittelalter, Philosophie, Vernunft, Trauer, Rhetorik, Lebensethik, Mitleid
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie sich Trostargumente in der Literatur über Jahrhunderte hinweg verändert haben oder ob sie in ihrem Kern beständig geblieben sind.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die Trostbedürftigkeit des Menschen, die Gattungen der Konsolationsliteratur sowie die Anwendung rhetorischer Topoi.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die These zu bestätigen oder zu falsifizieren, dass Trostargumente trotz unterschiedlicher kultureller und literarischer Hintergründe einen universellen Kern behalten haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse von Boethius' Consolatio Philosophiae in Verbindung mit einem Vergleich zu moderneren lyrischen Werken.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Definition der Topik, die Darstellung der Gattungen und Epochen der Konsolationsliteratur sowie die detaillierte Analyse der Trosttopoi bei Boethius.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Trost, Konsolationsliteratur, Topik, Boethius, Vernunft und Lebensethik charakterisiert.
Warum spielt die Personifizierung der Philosophie eine so große Rolle bei Boethius?
Sie dient als personifizierte Lehrmeisterin, die Boethius durch rationale Argumente von seinen trügerischen Leidenschaften zur Vernunft zurückführen soll.
Inwiefern unterscheidet sich das moderne Trostverständnis von dem des Mittelalters?
Während das Mittelalter auf rationale Kontrolle und rhetorische Schemata setzte, liegt das moderne Verständnis eher im Mitleid und dem emotionalen Ausleben von Trauer.
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- Nadine Henke (Author), 2016, Trost in der Literatur. Analyse der Trosttopoi in der "Consolatio Philosophiae" des Philosophen Boethius, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374720