Untersuchung von Michel Foucaults Vorlesungen zur Geschichte der Gouvernementalität


Essay, 2012

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. 1. Vorlesung

III. 2. Vorlesung

IV. 3. Vorlesung

V. Fazit

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung:

Michel Foucaults Vorlesungen am Collège de France zur Geschichte der Gouvernementalität stellen in zweifachem Sinne eine Besonderheit dar. So befinden sie sich im Gesamtwerk Foucaults an einer Zäsur zwischen Arbeiten, die der Analyse moderner Gesellschaften gewidmet sind und den anschließenden Untersuchungen, die sich mit antiker Ethik befassen. Auf der inhaltlichen Ebene bietet sie eine verhältnismäßig umfangreiche Analyse der politischen Gegenwart und damit eine weitreichenden Implikation der Foucaultschen Regierungstechniken, wie es sie zuvor in seinem schriftlichen Werk nicht gegeben hat. Seine in dieser Vorlesung weiterentwickelten Analysewerkzeuge einer Typologie der Macht sind weitreichend rezipiert worden und schließlich in den an Foucaults Begriff der Gouvernementalität angelehnten studies of governmentality aufgegangen.[1]

Die Vorlesung Geschichte der Gouvernementalität wurde von Foucault in zwei Teilen gehalten. In der folgenden Arbeit werde ich mich mit den ersten drei Vorlesungen des Bandes Sicherheit, Territorium, Bevölkerung auseinandersetzen und dabei die verschiedenen Machtmechanismen und Regierungstechniken, die von Foucault benannt wurden, herausarbeiten. Dabei geht es mir weder um eine kleinteilige Wiedergabe aller Bestandteile der Vorlesungen noch eine präzise Auflistung aller gewählten Beispiele. Stattdessen werde ich mich bemühen, die zugrundeliegenden Konzepte verständlich und so umfassend, wie es mir möglich ist, zu erläutern. Beispiele werden nach Bedarf herangezogen, um den genauen Umgang mit den Foucaultschen Analysekategorien zu verdeutlichen.

Zu diesem Zweck werde ich zunächst chronologisch vorgehen und die einzelnen Vorlesungen in ihren wichtigsten Bestandteilen präsentieren, um anschließend in meinem Fazit vor allem auf das Zusammenspiel der Machttechniken aber auch die speziellere Umsetzung des Sicherheitsdispositivs einzugehen. In diesem Zusammenhang werde ich meine eigene Interpretation der erarbeiteten Terminologie formulieren.

II. 1. Vorlesung:

In der ersten Sitzung der Vorlesungsreihe Sicherheit, Territorium, Bevölkerung zeigt Michel Foucault den Weg auf, den er gehen möchte, um sein Konzept der Bio-Macht genauer zu untersuchen und zu erläutern. Unter Bio-Macht versteht er jene Mechanismen, die es innerhalb einer politischen Strategie ermöglichen sollen, das menschliche Wesen in seiner Eigenschaft als Teil einer menschlichen Art zu regieren. Mit anderen Worten beschreibt er also solche politischen Instrumente, welche in ihrer Wirkungsweise die machtvolle Beziehung nicht zu einzelnen Untertanen, sondern viel mehr zur Bevölkerung als Ganzes entfaltet. Die Vorlesung widmet sich als Einstieg hauptsächlich den Konzepten, die Foucault braucht, um eine entsprechende Einbettung seiner Überlegungen zu den Sicherheitsdispositiven zu schaffen. Im Folgenden sollen nun deshalb die entscheidenden Modelle vorgestellt werden.

Um ein tiefergehendes Verständnis seiner theoretischen Arbeit zu ermöglichen und vor allem eine Einordnung der Ergebnisse in seinem Sinne zuzulassen, trifft Foucault zunächst fünf Vorannahmen. Erstens stellt er klar, dass eine Analyse von einzelnen Machtmechanismen seiner Ansicht nach keineswegs mit einer umfassenden Theorie der Macht gleichzusetzen sei. Dennoch sei Macht „[...] ein Ensemble von Machtmechanismen und Prozeduren [...], deren Rolle oder Funktion und Thema darin besteht, die Macht zu gewährleisten [...] ,[2] insofern kann seine Arbeit als in Gangsetzen einer solchen verstanden werden. Doch die einzelnen Mechanismen geben noch keinen umfassenden Aufschluss, wie Foucault in seiner zweiten Vorannahme klarstellt. Er meint, dass jenes Ensemble aus Prozeduren weder auf sich selbst gründet noch aus sich selbst hervorgeht und dennoch jeder Beziehung innewohnt. Und auch wenn Zusammenhänge zwischen einzelnen Machtmechanismen hergestellt werden können, stehen diese trotzdem in keinem direkten Verhältnis, es gebe keine eindeutige Hierarchie.

In seiner dritten Vorannahme widmet sich Foucault der Frage, warum die Analyse der Macht, ein erstrebenswertes Projekt sei. Dazu führt er aus, dass sie Aufschlüsse über Gesellschaften ermöglichen würde und dennoch in erster Linie als philosophisches Projekt zu verstehen ist. Insofern hat [...] die Analyse der Machtmechanismen zu zeigen, welches die Wirkungen des Wissens sind, die in unserer Gesellschaft hervorgehen aus den Kämpfen [...], die darin ablaufen, und aus den Taktiken der Macht, die die Elemente dieses Kampfes sind."[3]

Die vierte Vorannahme steht ganz im Zeichen der strukturalistischen Elemente des Foucaultschen Denkens: Die Rede allein schafft bei Weitem keine Veränderung. Alles was er tun kann, ist das Aufzeigen von möglichen Kampffeldern, dies soll den Imperativ sein, der seiner Vorlesung unterlegt ist. Doch auch die Tragweite dessen ist nicht zu überschätzen, so müssen seine Worte lediglich als taktische Hinweise verstanden werden, die nur in entsprechenden Kraftfeldern tatsächliche Wirkkraft entfalten kann.

Abschließend formuliert Foucault in seiner fünften Vorannahme, dass der schlussendliche Imperativ seiner Vorlesung nur derjenige sein kann, keine Politik zu machen. Denn Politik sei das Feld, auf dem sich Wahrheit und Kampf in ihrer immer bestehenden Beziehung in Polemik auszehren.

Nach diesen einleitenden Grundannahmen, wird ein Abschnitt präsentiert, der die Eingliederung in Foucaults Gesamtwerk erleichtert: Er erläutert verschiedene Mechanismen der Macht, die in seiner vorhergehenden Arbeit wichtige Rollen gespielt haben. So unterscheidet er zwischen dem System des rechtlichen Gesetzbuches, welches eine binäre Unterteilung in Verbindung mit einem Strafmaß in „erlaubt" und „nicht erlaubt" ermöglicht, der Einrahmung dieser Gesetzte in Überwachungs- und Korrekturmechanismen und die Eingliederung von Straftaten in eine Wahrscheinlichkeitsreihe, deren Hauptaugenmerk eine Kostenkalkulation bildet. Diese drei Mechanismen, die Foucault juridisches System, Disziplinarmacht und Sicherheitsdispositiv nennt, sind ineinander verzahnt und bilden die Grundlage für seine Herangehensweise an Macht.

Diese Verzahnung wird an der Modulation des Gebotes „Du sollst nicht töten" deutlicher. Das rechtlich-juridische System erlaubt nun das Festsetzen eines Strafmaßes innerhalb der binären Zuordnung, beispielsweise das Hängen. Die Disziplinarmacht begleitet eine zugeordnete Strafe mit Überwachungs- und Transformationsmechanismen, während das Sicherheitsdispositiv die statistische Einbettung gesammelter Erfahrungen vornimmt. Dabei behauptet Foucault, dass sich nicht die Mechanismen im Laufe der Zeit verändert haben, sondern lediglich die Korrelationen zwischen ihnen. Die Entwicklung des Sicherheitsdispositivs sei insofern lediglich die logische Schlussfolgerung der Verbrechensbekämpfung aus ökonomischer Sicht gewesen, insofern die statistische Bearbeitung eine verlässliche Kostenkalkulation gewährleisten kann.

Seine Ausführungen über den Umgang mit Kranken und dem Wandel, der in den Korrelationen der Machtmechanismen zu beobachten sei, legt nahe, dass es sich tatsächlich um verschiedene Stützen des Regierens zu handeln scheint. Die Kernaussage dieser ersten Vorlesung folgt mit der Behauptung, dass das Auftreten der Sicherheitsdispositive eine Transformation in der Gesamtökonomie der Machtmechanismen anzeigen würde und stellt im Anschluss die Frage, ob daher von einem Wandel zu einer Sicherheitsgesellschaft ausgegangen werden könne. Diese Frage soll also Foucaults theoretische Arbeit einrahmen.

Für eine Analyse der Sicherheitsdispositive arbeitet Foucault im Folgenden vier Züge jener heraus. Dabei beschäftigt er sich mit den Sicherheitsräumen, der Behandlung des Aleatorischen, den Normalisierungsformen und der Korrelation zwischen Sicherheit und der Emergenz der Bevölkerung. Dabei betrachtet er das Problem der Sicherheitsräume anhand einer Ausgangsthese, die er am Beispiel der Stadt gleichwohl falsifiziert. Zunächst scheint laut Foucault der Gedanke nahe zu liege, die Souveränität beziehe sich auf die Grenzen eines Territoriums, während die Disziplin die Körper der Individuen zum Ziel hat und die Sicherheit die Bevölkerung in ihrer Gesamtheit betrachtet. Doch dies scheint den Sachverhalt zu simplifizieren, betrachtet nicht in ausreichender Weise die vorliegenden Multiplizitäten: „Alles in allem können folglich die Souveränität, die Disziplin wie gewiss auch die Sicherheit nur mit Mannigfaltigkeiten zu tun haben."[4]

In diesem Sinne kommt Foucault zu dem Schluss, dass die einzelnen Machtmechanismen in Bezug auf die Raumfrage in abweichender Form zueinander stehen beziehungsweise anderweitig verzahnt sind: Während die Souveränität das Gebiet kapitalisiert und die Disziplin den so festgelegten Raum architektonisch gestaltet, möchte die Sicherheit das erschlossene Milieu im Zusammenhang mit Möglichkeiten steuern. Denn das Milieu ist das Element, in dessen Inneren eine zirkuläre Umstellung von Ursache und Wirkung geschieht. Individuen werden weder als Rechtssubjekte noch als zu Leistungen fähige Körper gegriffen, sondern als Bevölkerung. Und damit kehrt Foucault zu dem Ausgangspunkt dieser Vorlesung zurück, denn in diesem Zusammenhang können Menschen nur als menschliche Art regiert werden und sind damit jenem Mechanismus unterworfen, der als Bio-Macht definiert wurde.

III. 2. Vorlesung:

In der ersten Vorlesung wurden vier Züge der Sicherheitsdispositive herausgearbeitet, von denen aber lediglich die Raumfrage näher behandelt wurde. Folgerichtig schließt Foucault mit der zweiten Vorlesung genau da an und beschäftigt sich zunächst mit dem Verhältnis zum Ereignis. Als Beispiel zieht er den Wandel im Umgang mit dem Nahrungsmangel heran. Dieses Phänomen ist offensichtlich ein den Machthabern äußerst unliebes. Die Knappheit kann nicht nur die Grundlage für Revolten bieten, sondern sich selbst verstärken. Ausgehend von den ungenügenden Vorräten steigt der Preis, die Menschen geraten in Panik und kaufen, sofern es ihnen möglich ist, so viel

[...]


[1] Vgl. Susanne Krasmann, Michael Volkmer (Hrsg.): Michel Foucaults „Geschichte der Gouvernementalität", Seiten 8 - 9

[2] Michel Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung - Geschichte der Gouvernementalität I, Seite 14

[3] Michel Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung , Seite 15

[4] Michel Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung , Seite 28

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Untersuchung von Michel Foucaults Vorlesungen zur Geschichte der Gouvernementalität
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Fachgruppe Politikwissenschaft und historisch-politische Bildung)
Veranstaltung
Sicherheit und Versicherung. Machtstudien im Anschluss an Michel Foucault zur Veränderung von Sicherheitsdispositiven
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V374776
ISBN (eBook)
9783668520783
ISBN (Buch)
9783668520790
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sicherheit, Versicherung, Foucault, Politische Theorie, Machtstudien
Arbeit zitieren
Niklas Kuck (Autor:in), 2012, Untersuchung von Michel Foucaults Vorlesungen zur Geschichte der Gouvernementalität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374776

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