Michel Foucaults Vorlesungen am Collège de France zur Geschichte der Gouvernementalität stellen in zweifachem Sinne eine Besonderheit dar. So befinden sie sich im Gesamtwerk Foucaults an einer Zäsur zwischen Arbeiten, die der Analyse moderner Gesellschaften gewidmet sind und den anschließenden Untersuchungen, die sich mit antiker Ethik befassen. Auf der inhaltlichen Ebene bietet sie eine verhältnismäßig umfangreiche Analyse der politischen Gegenwart und damit eine weitreichenden Implikation der Foucaultschen Regierungstechniken, wie es sie zuvor in seinem schriftlichen Werk nicht gegeben hat. Seine in dieser Vorlesung weiterentwickelten Analysewerkzeuge einer Typologie der Macht sind weitreichend rezipiert worden und schließlich in den an Foucaults Begriff der Gouvernementalität angelehnten 'studies of governmentality' aufgegangen.
Die Vorlesung Geschichte der Gouvernementalität wurde von Foucault in zwei Teilen gehalten. In der folgenden Arbeit werde ich mich mit den ersten drei Vorlesungen des Bandes Sicherheit, Territorium, Bevölkerung auseinandersetzen und dabei die verschiedenen Machtmechanismen und Regierungstechniken, die von Foucault benannt wurden, herausarbeiten. Dabei geht es mir weder um eine kleinteilige Wiedergabe aller Bestandteile der Vorlesungen noch eine präzise Auflistung aller gewählten Beispiele.
Stattdessen werde ich mich bemühen, die zugrundeliegenden Konzepte verständlich und so umfassend, wie es mir möglich ist, zu erläutern. Beispiele werden nach Bedarf herangezogen, um den genauen Umgang mit den Foucaultschen Analysekategorien zu verdeutlichen. Zu diesem Zweck werde ich zunächst chronologisch vorgehen und die einzelnen Vorlesungen in ihren wichtigsten Bestandteilen präsentieren, um anschließend in meinem Fazit vor allem auf das Zusammenspiel der Machttechniken aber auch die speziellere Umsetzung des Sicherheitsdispositivs einzugehen. In diesem Zusammenhang werde ich meine eigene Interpretation der erarbeiteten Terminologie formulieren.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. 1. Vorlesung
III. 2. Vorlesung
IV. 3. Vorlesung
V. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich mit den ersten drei Vorlesungen aus Michel Foucaults Band "Sicherheit, Territorium, Bevölkerung" auseinander. Das primäre Ziel ist es, die von Foucault benannten Machtmechanismen und Regierungstechniken zu systematisieren und deren Zusammenspiel im Kontext von Sicherheitsdispositiven verständlich zu erläutern.
- Analyse der theoretischen Grundlagen von Bio-Macht und Gouvernementalität
- Untersuchung der Trias aus rechtlichem System, Disziplinarmacht und Sicherheitsdispositiv
- Erörterung des Wandels im Umgang mit Ereignissen am Beispiel der Nahrungsmittelknappheit
- Darstellung der Rolle der Bevölkerung als zentrales Zielobjekt moderner Regierungstechniken
- Deutung von Liberalismus und Freiheit als Machttechnologien
Auszug aus dem Buch
II. 1. Vorlesung:
In der ersten Sitzung der Vorlesungsreihe Sicherheit, Territorium, Bevölkerung zeigt Michel Foucault den Weg auf, den er gehen möchte, um sein Konzept der Bio-Macht genauer zu untersuchen und zu erläutern. Unter Bio-Macht versteht er jene Mechanismen, die es innerhalb einer politischen Strategie ermöglichen sollen, das menschliche Wesen in seiner Eigenschaft als Teil einer menschlichen Art zu regieren. Mit anderen Worten beschreibt er also solche politischen Instrumente, welche in ihrer Wirkungsweise die machtvolle Beziehung nicht zu einzelnen Untertanen, sondern viel mehr zur Bevölkerung als Ganzes entfaltet. Die Vorlesung widmet sich als Einstieg hauptsächlich den Konzepten, die Foucault braucht, um eine entsprechende Einbettung seiner Überlegungen zu den Sicherheitsdispositiven zu schaffen. Im Folgenden sollen nun deshalb die entscheidenden Modelle vorgestellt werden.
Um ein tiefergehendes Verständnis seiner theoretischen Arbeit zu ermöglichen und vor allem eine Einordnung der Ergebnisse in seinem Sinne zuzulassen, trifft Foucault zunächst fünf Vorannahmen. Erstens stellt er klar, dass eine Analyse von einzelnen Machtmechanismen seiner Ansicht nach keineswegs mit einer umfassenden Theorie der Macht gleichzusetzen sei. Dennoch sei Macht „[...] ein Ensemble von Machtmechanismen und Prozeduren [...], deren Rolle oder Funktion und Thema darin besteht, die Macht zu gewährleisten [...]“2, insofern kann seine Arbeit als in Gangsetzen einer solchen verstanden werden.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung verortet das Werk im Gesamtkontext Foucaults und definiert das Ziel, die ersten drei Vorlesungen von "Sicherheit, Territorium, Bevölkerung" zu analysieren.
II. 1. Vorlesung: Dieses Kapitel erläutert die fünf Vorannahmen Foucaults zur Machtanalyse und führt die drei zentralen Mechanismen (rechtliches System, Disziplinarmacht und Sicherheitsdispositiv) ein.
III. 2. Vorlesung: Hier steht der Umgang mit dem Ereignis im Mittelpunkt, illustriert am Beispiel der Steuerung von Nahrungsmittelknappheit und der Zirkulation des Korns.
IV. 3. Vorlesung: Das Kapitel behandelt die Normalisierungsformen und die statistische Reduktion von Phänomenen wie Epidemien auf Wahrscheinlichkeiten.
V. Fazit: Das Fazit resümiert das Zusammenspiel der Regierungstechniken und interpretiert den Liberalismus als Ausdruck moderner Machttechnologie.
Schlüsselwörter
Michel Foucault, Gouvernementalität, Sicherheitsdispositiv, Bio-Macht, Bevölkerung, Machtmechanismen, Regierungstechniken, Disziplinarmacht, Liberalismus, Zirkulation, Nahrungsmittelknappheit, Normalisierung, Freiheit, Machtanalyse, Wahrscheinlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundlegend?
Die Arbeit bietet eine essayistische Aufarbeitung der ersten drei Vorlesungen aus Foucaults Vorlesungsreihe "Sicherheit, Territorium, Bevölkerung" mit dem Fokus auf Machtstudien.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind die verschiedenen Machttechniken, die Transformation der Machtökonomie und die Steuerung von Bevölkerungskörpern.
Welches Ziel verfolgt der Autor mit dieser Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, die komplexen Konzepte Foucaults verständlich zu machen und die Verschiebung von disziplinären hin zu sicherheitsdispositiven Regierungsweisen aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Der Autor nutzt eine essayistische und chronologische Analyse der Vorlesungsinhalte, ergänzt durch die eigene Interpretation der Foucaultschen Terminologie.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der drei Vorlesungen, wobei die Themen Sicherheitsräume, Umgang mit Ereignissen (z.B. Knappheit) und Normalisierung im Fokus stehen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich durch die Begriffe Gouvernementalität, Sicherheitsdispositiv, Bio-Macht und Zirkulationssteuerung beschreiben.
Wie unterscheidet Foucault laut der Arbeit zwischen Disziplin und Sicherheit?
Die Disziplin wirkt als zentripetaler Mechanismus durch Eingrenzung und Normation, während das Sicherheitsdispositiv als zentrifugaler Mechanismus die Zirkulation innerhalb der Bevölkerung steuert.
Welche Bedeutung hat das Beispiel der Nahrungsmittelknappheit?
Es dient als Fallbeispiel für den Wandel vom Versuch der direkten Verhinderung eines Übels hin zur Steuerung von Marktzirkulationen, um Revolten präventiv zu vermeiden.
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- Niklas Kuck (Author), 2012, Untersuchung von Michel Foucaults Vorlesungen zur Geschichte der Gouvernementalität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374776