Max Aubs Kampf gegen das Vergessen. Erfahrungen im Konzentrationslager und deren Darstellung im "Manuscrito Cuervo"


Hausarbeit, 2017

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Max Aub Mohrenwitz
2.1. Biographischer Hintergrund
2.2. Aubs Schreiben: Merkmale und Prägungen.

3. Das Manuscrito cuervo. Ein Rabe erzählt den Schrecken.
3.1. Aufbau, Inhalt und Charakteristika
3.2. Das Lager aus Rabenperspektive. Zwischen Fiktion und Wirklichkeit.
3.3. Manuscrito cuervo. Historia y fracaso de Jacobo.

4. Aubs Kampf gegen das Vergessen

5. Fazit

6. Bibliographie

Max Aubs Kampf gegen das Vergessen:

Erfahrung im Konzentrationslager und deren Darstellung im

Manuscrito cuervo

1. Einleitung

Le Vernet d'Ariège 1940. Max Aub Mohrenwitz ist einer von über 12.000 Insassen des Gefangenenlagers. Als Kommunist denunziert, lebt er in einer Baracke und ist den Demütigungen und der Gewalt der Aufseher, sowie den schrecklichen Lebensbedingungen ausgeliefert. Hier beginnt er sein Werk „MANUSCRITO CUERVO Historia de Jacobo“ „auf allen möglichen Zetteln, Blättern und Heftchen“ (Siguan 2014:288) zu schreiben. Sein Ziel ist dabei, dem Vergessen entgegen zu wirken und die Erlebnisse festzuhalten, damit sie ihm und allen andern Menschen in Erinnerung bleiben. Doch als er dreißig Jahre später aus dem mexikanischen Exil für drei Monate nach Spanien zurückkehrt, ist er erschüttert darüber, was aus den Erinnerungen an den „Guerra Civil“ und dessen schrecklichen Konsequenzen für die „vencidos“ geworden ist. Er schreibt in seinem Tagebuch „la gallina ciega“: „Estuve el mayor tiempo posible con gente joven o que lo fue hasta hace poco; extraños y familiares: ninguno me preguntó nunca nada acerca de la guerra civil.“ ( Aub 1995:15). Dass die Erinnerung an den Krieg, welcher sein Leben und auch die Geschichte Spaniens so entscheidend geprägt hat, 1971 nicht mehr völlständig ist, macht die Realität des Vergessens deutlich.

In meiner Hausarbeit möchte ich zunächst untersuchen, wie Aub seine Lager-Erfahrungen im „Rabenmanuskript“ darstellt und ob sie so für das Publikum glaubwürdig sind. Danach soll das Werk in den Kontext der Erinnerungsdebatte in Spanien gesetzt werden. Hierbei will ich die Debatte und ihre Wichtigkeit erklären und die Frage stellen, wie Aubs Manuscrito cuervo als Waffe gegen das Vergessen eingesetzt wird. Zuletzt möchte ich das Wirken Aubs in einem Fazit beurteilen. Grundlage für die eben genannten Punkte ist allerdings ein grober Abriss über Aubs Leben und Schreiben, den ich an den Anfang stellen möchte.

2. Max Aub Mohrenwitz

2.1. Biographischer Hintergrund

Max Aub Mohrenwitz wird am 2. Juni 1903 als Sohn eines deutschstämmigen Kaufmanns und einer französischen Intellektuellen in Paris geboren. Beide Eltern sind nicht praktizierende Juden. Bis zu seinem elften Lebensjahr lebt er in Frankreich.

Als seinem Vater zu Beginn des ersten Weltkrieges die Rückreise nach Frankreich verweigert wird, emmigriert die Familie nach Valencia, wo Aub aufwächst und später auch die spanische Staatsbürgerschaft annimmt. Nach dem Abitur tritt er in die Fußstapfen seines Vaters und wird Handelsvertreter. Gleichzeitig versucht er sich als Autor und publiziert Erzählungen, Theaterstücke und Gedichte.

So schreibt er

„mit Leidenschaft und lernt in den verschiedenen Städten, die er bereist, sehr bald die literarischen Kreise kennen. Er kommt in das Umfeld der spanischen Avantgarde, die dabei ist, neue Wege für die Kunst zu bahnen.“ (Siguan 2014: 297)

1926 heiratet er und 1929 tritt er in die Sozialistische Arbeiterpartei ein.Während des Bürgerkrieges engagiert er sich für die Kulturprogramme der Republik, welche er gemeinsam mit anderen Intellektuellen, wie beispielsweise Gustav Regler, Ernest Hemingway und vielen anderen Schriftstellern, verteidigt. So leitet er die Theatergruppe „El Búho“, wird 1936 Kulturataché der spanischen Botschaft und ist gemeinsam mit Antonio Machado Leiter des Nationalen Theaterrat (vgl. Buschmann 2012: 8). Unter anderem erteilt er in diesem Amt Pablo Picasso den Auftrag für sein Gemälde Guernica.

Nach dem Sieg der Faschisten über die Republikaner 1939 muss Aub zum zweiten Mal in seinem Leben fliehen. Er lebt zunächst ein Jahr in Paris, bis er im April 1940, als Kommunist denunziert wird.

Wenig später wird Aub verhaftet und zunächst im Stadion Roland Garros, danach in das Lager Le Vernet inhaftiert, wo auch sein Manuscrito Cuervo spielt. Im südfranzösischen Département Ariège gelegen, „se considera el campo más duro de Francia, al ser considerado un campo disciplinario“ (Nos Aldás 2001: 96).

1941 wird Aub mit weiteren, als besonders gefährlich eingestuften Lagerinsassen, in das Arbeitslager Djielfa, nach Algerien depotiert, wo er an der Saharabahn arbeiten soll (vgl. Buschmann 2012:.9). Es gelingt ihm jedoch, von Djielfa nach Mexico zu fliehen, wo er bis zu seinem Lebensende im Exil lebt. Erst drei Jahre vor seinem Tod wird ihm ein Touristenvisum

für einen dreimonatigen Aufenthalt in Spanien genehmigt, von welchem er in seinem Tagebuch „La gallina ciega“ berrichtet. Er stirbt am 22. Juli 1972 in Mexiko-Stadt.

2.2. Aubs Schreiben: Merkmale und Prägungen.

Sowohl Aubs Leben als auch sein Schreiben sind geprägt von der Erfahrung der Nichtzugehörigkeit. Zunächst ist er in Spanien immer der Deutsche mit dem französischen Akzent und mit seinen jüdischen Wurzeln kann er ebensowenig anfangen, wie mit dem in Spanien populären katholischen Glauben.

„¡Qué daño no me ha hecho, en nuestro mundo cerrado, el ser de ninguna parte! […] el haber nacido en Paris, y ser también alemán, […] El agnosticismo de mis padres -librepensadores- en un país católico como España, o su prosapia judía, en un país antisemita como Francia, ¡qué disgustos, qué humillaciones no me ha acarreado!“[1]

Seine Erfahrungen in den Konzentrationslagern und sein Leben im Exil müssen dieses Gefühl des Ausschlusses verstärkt haben. So ist es nicht verwunderlich, dass Buschmann fragt, ob Aub tatsächlich als spanischer Autor zu lesen sei (vgl. Buschmann 2012: 256) . Trotz der Genialität seines auf Spanisch zwischen 1923 und 1972 verfassten Werkes, welches alle literarischen Genres umfasst, wurde dieses teilweise erst viele Jahre nach seinem Tod in Spanien publiziert. Verständlich insofern, da Aub kein Blatt vor den Mund nahm, über die Schattenseite der spanischen Geschichte schrieb und immer wieder den Schrecken des Bürgerkrieges und der Diktatur thematisierte. In seinem Tagebuch „La gallina ciega“ schreibt er: „ Podría vivir callado en una agradable casa española, comer y beber según los permisos de los facultativos. ¿Para qué entonces?“[2]. Er wusste um seine Verantwortung „das im Krieg Geschehene zu erzählen, die Erinnerung an die Verlierer wachzuhalten.“ (Siguan 2014: 297) und immer wieder kreisten seine Texte um die eigene Biographie und deren gesellschaftliches Umfeld, also den Zusammenhang von Erinnerung und Realität (vgl.Siguan 2014 : 299).

Ein Großteil seines Werkes, unter anderem auch das in dieser Hausarbeit thematisierte Manuscrito Cuervo, ist der „literatura testimonial“ zuzuordenen. „Podemos decir, por tanto, que la literatura testimonial trata de acercarse a la memoria histórica pero basándose en la memoria de la experiencia personal.“ (Nos Aldás 2001:31f). Anders als viele Autoren beschränkte Aub sich hier jedoch nicht auf einfache, herkömmliche Erzählungen oder

Biographien, sondern begann schon früh mit dem formalen Experimentieren. Ganz besonders interessierten ihn Intermedialität und Techniken von Collage und Montage. Auch später setzte er sich inhaltlich mit der Avantgarde auseinander, die den thematischen Hintergrund vieler seiner Werke bildet.

„Das ganze Spiel steht aber nicht nur im Kontext des Experimentierens der avantgardistischen Aktionen, sondern auch in dem der Diskussion über das Verhältnis zwischen Fiktion und Wirklichkeit, zwischen Fiktion und Wahrheit. Diese Problematik wird angesichts der über den Bürgerkrieg zu schildernden Ereignisse zu einem bitterernsten Thema und führt zur Frage, wie die Wirklichkeit fiktional zu gestalten sei, um die Wahrheit zu zeigen.“ (Siguan 2014: 305)

Wie der Schrecken des Bürgerkriegs im Manuscrito Cuervo erzählt wird, wie Fiktion und Wirklichkeit zusammenspielen und genutzt werden und wie die thematischen und literarischen Besonderheiten des Rabenmanuskripts zu deuten sind, soll in Abschnitt drei erläutert werden.

3. Das Manuscrito cuervo. Ein Rabe erzählt den Schrecken.

Beim Untersuchen des Manuscrito Cuervo sollen zuerst die Makrostruktur und die charakteristischen Elemente der Erzählung herausgearbeitet werden. Somit soll der Unterpunkt eins Grundlage für die Frage nach der Authentizität der Erzählung legen, welche der Punkt 3.2. behandelt. Hier soll auch analysiert werden, wie sich die Rabenperspektive und die Verknüpfung von Wirklichkeit und Fiktion auf die Glaubwürdigkeit der im Manuscript erzählten Erlebnisse auswirken. Anknüpfend an diese Frage soll im dritten Unterpunkt auf das Scheitern des Rabens und die Schwierigkeit eingegangen werden, überhaupt Worte für den Schrecken zu finden.

3.1. Aufbau, Inhalt und Charakteristika

Das Manuscrito cuervo wurde während und nach Aubs Aufenthalt in dem Konzentrationslager „Le Vernet d'Ariège“ verfasst und thematisiert eben diese Lagererfahrung.

Das 1952 in der Zeitschrift „Sala de espera“ veröffentlichte Werk bezeichnet Siguan eine „längere und metaphorische Erzählung“ (Siguan 2014:314), jedoch fehlt dieser Erzählung der herkömmliche Aufbau und Spannungsverlauf. Insgesamt 59 unterschiedlich lange Texte mit Binnenstruktur und Essay-Charakter sind fragmentartig aneinandergereit. Es ergibt sich eine Art Montage, die durch Brüche und Diskontinuität gekennzeichnet ist und sich in zwei Teile einteilen lässt.

Allwissender, intradiegetischer Erzähler ist dabei Jacobo, der im Begriff ist eine wissenschaftliche Arbeit über das Verhalten und die Eigenschaften der Gattung Mensch zu verfassen, um die Rabenwelt zu verbessern. So finden sich hier die typischen Elemente wissenschaftlicher Studien, wie beispielsweise

„ein Inhaltsverzeichnis (vgl. MC: 181 f.), Überlegungen zu methodologischen Grundlagen (vgl. MC: 182-187), Querverweise auf andere Arbeiten (z. B. „[…] la teoría de mi ilustre colega 86H6K referente a que los hombres […]“, MC: 186), Fußnoten, Danksagungen (vgl. MC: 187), Hypothesen, genrespezifische Argumentationsmuster und Beweisführungsmethoden.“ ( Bauerkämper 2011:24)

Die Wissenschaftlichkeit der Erzählung wird jedoch immer wieder durch satirische Elemente, Logikbrüche und fehlende Eindeutigkeit unterbrochen, zumal Jacobo annimmt, das Lager sei die Welt.

Der Erzählung vorangestellt wird der Titel „MANUSCRITO CUERVO Historia de Jacobo“, ein Prolog, sowie eine Widmung. Der Untertitel „Historia de Jacobo“ ist durch seine syntaktische Struktur zunächst ebenfalls mehrdeutig. So könnte Jacobo hier Objekt und Subjekt sein und beim Manuscrito cuervo könnte es sich um eine Geschichte über oder eine Geschichte von Jacobo handeln. Der Prolog stammt von dem ehemals in Le Vernet Inhaftierten Herausgeber J.R. Bululú, der darin angibt, dass er das Manuskript zufällig gefunden und dieses dann herausgegeben und bekannt gemacht zu haben. Er widmet es „a los que conocieron al mismísimo Jacobo, en el campo de Vernete, que no son pocos.“ (MC:49) und deutet hier bereits das Zusammenspiel zwischen Fiktion und Wirklichkeit, vom Rabe verkörpert, an, welches im nächsten Abschnitt aufgezeitg wird. So hat der Rabe, wie man verschiedenen Quellen entnehmen kann, wirklich exisitiert und die Gefangenen, denen die Erzählung gewidmet ist, im KZ begleitet.

Ottmar Ette bezeichnet das „Rabenmanuskript“ als einen „aparato paratextual“ (Ette 2005: 180) und spielt damit auf die neben dem Erzähler Jacobo existierenden Instanzen an. Neben dem bereits erwähnten Herausgeber gibt es nämlich noch Aben Máximo Albarrón, dessen Name an Max Aub erinnert, den Übersetzer des in Rabensprache verfassten Manuscripts.

Der arabische Name des Übersetzers spielt zugleich auch auf den ebenfalls arabischen Übersetzer des Meisterwerks Quijote (Cervantes) an. Diese Tatsache stellt das Manuscript in eine langjährige literarische Tradition.

Perez Bowie bemerkt auch die narrative Dynamik der Erzählung, die Ette aufgreift und aufzeigt (Ette 2005:183). Una „narrativa de gran complejidad“ mit „cinco niveles diferentes“ (vgl. ebd ) : Jacobo, Abén Máximo Albarron, Bululú, der implizite und der reale Autor. Somit ergibt sich eine „ intercalacion de los diversos circulos comunicativos“ (ebd.), eine komplexe Struktur mit fünf Kommunikationsebenen.

Dabei verwendet Aub verschiedene Perspektiven auf das Geschehen, die er in die Rabenerzählung integriert. So finden sich häufig Dialoge (vgl. unter anderem MC:84,98,147) und wissenschaftliche Definitionen (vgl. MC:82), aber auch ein Gedicht (MC:143-145). Allerdings überwiegt die kommentierte Dialogform als Darstellungsweise.

Thematisch lässt sich Aubs Erzählung zunächst in zwei Teile unterteilen, wobei in beiden der Schrecken des Lagers erzählt wird. Die Gefangenen sind ihrer Grundrechte komplett beraubt und müssen Kälte, Hitze, Hunger, Krankheit und Schikane erleiden.

Im ersten Teil, der aus vielen kurzen, oft nur einseitigen, Kapiteln besteht , werden verschieden e alltägliche Tätigkeiten, sowohl gesellschaftliche und politische, als auch philosophische Themen anhand des Lebens im Lager betrachtet . So schreibt Jacobo über die Arbeit, das Essen der Gefangenen, über den Tod und über die Grenzen, die er als Rabe so leicht überfliegt, aber auch „ Del fascismo“ (Aub 1952:154) und „De los comunistas“ (Aub 1952:156). Ohne es zu wollen spiegelt seine Analyse den Lageralltag wieder. Dabei kann der gebildete Augenzeuge zwischen Innen- und Außenperspektive des Lagers wechseln, jedoch nicht in die Menschen sehen. Seine Erzählung ist geprägt vom Unverständnis diesen gegenüber und so nimmt er sich immer mehr aus der Erzählung raus und verfolgt letztenendes auch nicht mehr sein Ziel, die Gattung zu erforschen.

Im zweiten Teil beschreibt er hintereinander viele verschiedene Insassen des Lagers. Er nennt hier meist Name, Alter und Nationalität der „ALGUNOS HOMBRES“ (MC: 230) und erzählt kurze Anekdoten. Diese zeigen die Willkür, die Folter, die Diskriminierungen und Demütigungen, von denen der Lageralltag gefüllt ist, auf.

Juvenal García. Viejo. Anarquista. Extremeño. Le contó a un guardia que la noche anterior había soñado que se escapaba. Lo tundieron a golpes. -De aquí no se escapa nadie, ni en sueños.“ (MC:164).

Über Teodoro Meautis „el de las bofetadas“, einen Zeugen Jehovas, heißt es, er würde sich jeden Freitag weigern zu arbeiten, da das sein Gesetz so vorschreibe. So erhalte er immer Prügel und werde bis zum Montag in den „calabozo“ gesteckt (vgl. MC:165).

Solche Schilderungen deuten den Wahnsinn nur an, den die Lagerinsassen von Vernete erleiden mussten. Der Wunsch, der möglicherweise im Leser aufkommt, diese Erlebnisse seien fiktiv, wird enttäuscht. Zwar verknüpft Aub Fiktion und Realität, jedoch erzählt er den realen Wahnsinn.

3.2. Das Lager aus Rabenperspektive. Zwischen Fiktion und Wirklichkeit.

Cómo se puede comprender y transmitir lo fáctivo de la amenaza real cuando resulta „imposible creer en la realidad de los hechos incluso ante las cámaras de gas y la presencia inminente de la muerte“[3]

Das Manuscrito cuervo hebt sich deutlich von anderen Erzählungen und Kurzgeschichten über die Lagerthematik ab. Ein wesentlicher Unterschied ist die Erzählperspektive. Jacobo erzählt den Schrecken aus „rabischer“ Sicht, als handele es sich um alltägliche Normalitäten. Hier kommt die Frage auf, ob nicht diese fiktive Perspektive die Authentizität und Glaubwürdigkeit der Erzählung zerstört? Oder, um an Ottmar Ette anzuknüpfen: „Cómo se debería construir y entender la relación entre realidad y verosimilidad, entre verdad y credibilidad, entre sentido e interpretación, descubrimiento e invencion?“ (Ette 2005:177)

Aubs Entscheidung, ein Tier zum Erzähler der Lagererfahrungen zu machen, verknüpft Fiktion mit Realität. Ob die Wiedergabe von realistischen Geschehnissen im Konzentrationslager so gelingt, oder an Authentizität einbüßt, soll im Folgenden reflektiert werden.

Der Rabe Jacobo stammt aus „Le Vernet“ und ist ein sehr intelligentes Tier, mit umfangreichem Allgemeinwissen (vgl. MC:58). Außerdem ist er intradiegetischer Erzähler, Protagonist und Autor des Manuskripts. Er ist allezeit anwesend und kann seine Distanz zum Geschehen verändern. Die Einsicht in die Gedanken der Menschen bleibt ihm jedoch verwährt. So beschreibt er vor allem ihr Äußeres und ihre Gewohnheiten, „ las extrañas costumbres“ (MC:52), „su falta de plumaje, la carencia de alas y pico, el extraño crecimiento de esos órganos atrofiados que llaman brazos..“ (MC:59). Seine Beschreibungen prägt bis zum Schluss sein Unverständnis, das aus seiner rabischen Perspektive und dem forwährenden Vergleich zwischen der Gattungen Mensch und Rabe resultiert.

Seine „Fehlinterpretationen“ bergen jedoch stets einen wahren Kern (vgl. Buschkämper 2011:27). Wesentliche menschliche Konstrukte wie Gesetze, Normen, Grenzen und Gewohnheiten werden hinterfragt. Hierbei sind satirischer Unterton und versteckte, für den Leser jedoch offensichtliche Kritik charakteristisch für das „Rabenmanuskript“. Die rabische Perspektive ist so eindeutig, dass der Leser ohne Probleme zwischen ihr und den realen Ereignissen unterscheiden kann.

Es ist offensichtlich, dass die Sicht des Raben das Geschehen verfremdet. Jedoch liegt genau in dieser Einfärbung der Geschichte das Erstaunliche. Während Hanna Arendt[4] auf das Problem hinweist, dass realen Zeugen ihre Erlebnisse in den Lagern oft nicht geglaubt würden, oder diese Zeugen oft mit dem Misstrauen ihres Publikums zu kämpfen haben, umgeht Max Aub dieses Problem, indem er einen fiktiven Zeugen wählt, um von seinen Erfahrungen zu berichten (vgl. Ette 2005: 177).

Jedoch beginnt er mit dem Verknüpfen von Realität und Fiktion schon bei Jacobo selbst. So existierte dieser wirklich und ist auch in anderen, von Aub unabhängigen literarischen Werken wie beispielsweise bei Gustav Regler zu finden.

Mit seinem Raben knüpft Aub zudem an die Tradition der Tierfabel an. Insbesondere wird auf die Fabel von Jean de La Fontaine verwiesen, indem Jacobo auf S.71 fragt„ ¿Qué nos puede enseñar una zorra?“. Das für die Fabel typisch Moralisierende findet sich auch im Manuscrito

[...]


[1] Aub, Max(1998): Selcción de sus Diarios (1932-1972). Barcelona: Alba Editorial. S. 128 f.

[2] Aub, Max (1971): La gallina ciega. Diario español. Mexico: Joaquín Mortiz. S.13.

[3] Hanna Arendt 2001: Elemente und Urspünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus. München-Zürich: Piper. S.909.

[4] Arendt war Zeitgenössin Aubs und Lagerexpertin.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Max Aubs Kampf gegen das Vergessen. Erfahrungen im Konzentrationslager und deren Darstellung im "Manuscrito Cuervo"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V374793
ISBN (eBook)
9783668549258
ISBN (Buch)
9783668549265
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
aubs, kampf, vergessen, erfahrungen, konzentrationslager, darstellung, manuscrito, cuervo
Arbeit zitieren
Deborah Winkler (Autor), 2017, Max Aubs Kampf gegen das Vergessen. Erfahrungen im Konzentrationslager und deren Darstellung im "Manuscrito Cuervo", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374793

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