The Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde


Hausarbeit (Hauptseminar), 1996
17 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Die Entstehung von Hyde
a) Hydes Einfluß auf Jekylls Umfeld
b) Hyde als ausgelebter Charakterzug

II. Tabus und Normen: Jekyll als Opfer und Täter

Schlußbemerkung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Ich habe mich in der vorliegenden Arbeit mit dem Doppelgängermotiv beschäftigt, und dabei primär den gesellschaftlichen Kontext der damaligen Zeit berücksichtigt. Die Epoche des Viktorianismus ist nicht nur eine Zeit rigider Moralvorstellungen, sondern auch besonders gegen Ende eine Zeit des Umbruchs gewesen; vorher scheinbar ewig gültige Werte und religiöse Wertvorstellungen verloren ihre Unantastbarkeit.

„The particular difficulties encountered by the English imperialism in its decline were conditioned by the nature of the supremacy which had been asserted: not a simple racial supremacy, but one constantly seen as founded on moral superiority.“ (Punter 241)

Die Theorien Darwins waren dafür zu einem großem Teil verantwortlich, und wurden besonders nach Stevenson von vielen Schriftstellern verarbeitet. Daß es dabei, wie später bei Jack London, zu einer Überbetonung des „survival of the fittest“ (was den jeweiligen Autor natürlich immer einschloß) kam, wird heute wohl zu Recht eher belächelt. Auch Stevenson war vor dieser Versuchung nicht gefeit; seine oft markigen Sprüche wirken vor dem Hintergrund seiner körperlichen Konstitution wenig überzeugend, und sind Teil dieser damals weitverbreiteten Modeerscheinung unter Intellektuellen.

„He went where he did partly because he was an adventurer and partly because he was an invalid.“ [...] „He was couragous; and yet he had to be shielded against two things at once, his weakness and his courage. But his picture of himself as a vagabond with blue fingers on the winter road is avowedly an ideal picture; it was exactly that sort of freedom that he could never have.“ (Chesterton 13)

Stevenson war getrieben von seinen Träumen, den „Brownies“, denen er praktisch ein Eigenleben zuge-stand. „Born with a weakness of chest inherited from his mother, he would often as a small boy spend long nights awake, wracked by painful bouts of coughing. Bad as these nights were, the alternative of drifting off to sleep offered terrors far more formidable.“ (Hennessy 19) Auch „Jekyll and Hyde“ soll seine Entstehung einem dieser Träume verdanken, und im Falle Stevensons erscheint dieses mystische Argument sogar glaub-würdig. Er wurde von einem starken Freiheitsdrang beseelt, und besaß wohl deshalb eine besondere Sensi-bilität für unsinnige Moralvorstellungen. Vor der völligen Freiheit bar jeder moralischen Kontrolle schreckte er zurück; aber diese wäre ja auch keine wirkliche Freiheit, da sie die anderer Menschen nicht zuließ. „Die unheimlichste und [...] klassische Darstellung jener Sehnsucht, das einem starken Lebensdrang im Wege stehende Gewissen loszuwerden, und gleichzeitig des Entsetzen vor dem Ergebnis einer solchen schranken-losen moralischen Freiheit liegt in der Erzählung „The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ (1886) vor.“ (Michel 100)

Daß „Jekyll and Hyde“ ein moralisches Buch ist, darauf ist häufig hingewiesen worden. Aber zu oft wurde nur dieser Umstand betont, und die zwischen den Zeilen liegende Kritik an dem viktorianischem Gesell-schaftsmodell übergangen; auf diesen Aspekt kam es mir besonders an.

Natürlich ist „Jekyll and Hyde“ ein moralisches Buch, aber die Moral ist gegen den Zwang zur Konformität gerichtet, und wenig geeignet um die von einer bigotten Gesellschaft vorgegebenen Normen zu verteidigen.

„But if Jekyll and Hyde could provide a text to illustrate the self-destruction of evil it could just as easily show how difficult it was for good to resist it. The respectable Dr Jekyll cannot resist the temptation to become the abonimable Mr Hyde, not because he is himself ‘bad’, but because the chains of respectability weigh so heavily on him.“ (Calder 222)

An der Entstehung des Charakters Hyde sind am meisten die Faktoren beteiligt, die genau diesen dunklen Wesenszug unterdrücken wollen.

Hyde verändert die „heile Welt“ von Jekylls Freundeskreis in einem Ausmaß, daß auch ihre Welt aus den Fugen gerät. Viktorianische Tabus und Normen schaffen erst den paranoiden, von Schuldgefühlen geplagten Menschen Jekyll, der zu seinem verhängnisvollen Schritt getrieben wird, weil er sich ein Leben ohne Schuldgefühle durch das Ausleben seiner geheimen Wünsche, oder deren ständige Unterdrückung nicht vorstellen kann. Ein Umstand, der ihn zu Opfer und Täter in einer (gespaltenen) Person macht.

I. Die Entstehung von Hyde

Jekyll bedient sich einer nicht näher definierten Droge, um die Kreatur Hyde aus Jekyll zu extrahieren; daß er sie als „tincture“ und „potion“ bezeichnet, erinnert eher an einen faustischen Zaubertrank als eine nach wissenschaftlichen Regeln synthetisierte Chemikalie. Auch die Szenerie, als er die Droge zusammenstellt, erinnert stark an eine Hexenküche: „late one accursed night, I compounded the elements, watched them boil and smoke together in the glass“, „the ebullition ceased, and the compound changed to a dark purple, which faded again more slowly to a watery green.“ (Stevenson 83,79). Doch dies wirkt nicht vor dem Hintergrund der Erzählung unglaubwürdig, „even though belief in the powers of ‘the powders’ is likely always to have been in short supply.“ (Cornwell 96)

Realistisch wirkt die Geschichte vor allem durch die Zusammenstellung von „journals, letters and first-person narratives [...] combined with legal documents, distinguishing a world dominated by professional men - lawyers, doctors and scientists. [...] Jekyll’s experiments, while possessing a diabolical, Faustian or alchemical suggestiveness, are performed with scientific instruments and chemical compounds; their results, moreover, are described in contemporary secular and scientific terms“(Botting 139-40).

Wie sich ein ansonsten respektabler Mensch durch die Einnahme einer Droge verändern kann, dafür gibt es auch in Stevensons Jugend ein Beispiel: In einem Brief an seine Mutter beklagt er sich über einen Betrunkenen, der in seinem Hotel nachts herumlärmt:

There ist a drunken brute in the house who disturbed my rest last night. He’s a very respectable man in general, but when on the ‘spree’ a most consummate fool. When he came in he stood on the top of the stairs and preached in the dark with great solemnity and no audience from 12 P.M. to half-past one. At last I opened my door. ‘Are we to have no sleep at all for that drunken brute?’ I said. As I hoped, it had the desired effect. Drunken brute!’[sic!] he howled, in much indignation; then after a pause, in a voice of some contrition, ‘Well, if I am a drunken brute, it’s only once in the twelvemonth!’ (Colvin 18-19)

Wenn dieses Ereignis auch nicht unbedingt eine die Realisierung von Hyde inspirierende Anekdote gewesen sein muß, so zeigt es doch charakteristisch die im Viktorianismus herrschende Doppelmoral. Es war durch-aus in Ordnung, einmal alle Zügel fahren zu lassen und sich als respektabler Mann zu betrinken; als „drun-ken brute“ wird man erst dann tituliert, wenn man andere Menschen mit seinem Verhalten belästigt. Auch Jekyll sagt von sich selbst „I concealed my pleasures“ (Stevenson 81), und beschreibt damit sozial tolerier-tes Verhalten der damaligen Zeit. Hyde ist das personifizierte Ausleben unterdrückter Triebe, das Ventil für einen durch rigide Moralvorstellungen eingezwängten Charakter.

Der Jekyll verwandelnden Droge selbst sind keine schlechten Eigenschaften zugeschrieben; sie ist nur Mittel zum Zweck. Es ging Stevenson kaum darum, vor den schädlichen Folgen eines Drogenkonsums zu warnen. „The potion itself, it should be noted, is neutral. Had he taken it when his good nature was uppermost he would have been an angel, for it would have freed the good part of him from the animal part.“ (MacAndrew 223-24) Auch Jekyll betont diese Tatsache: „The drug had no discriminating action; it was neither diaboli-cal nor divine“ (Stevenson 85). Aber das Verhalten Hydes, als Lanyon ihm die Droge bringt, erinnert stark an einen Drogenabhängigen: „’Have you got it?’ he cried. ’Have you got it?’ And so lively was his impa-tience that he even laid his hand upon my arm and sought to shake me.“ (Stevenson 78)

Exemplarisch zeigt Stevenson, daß sowohl eine totale Unterdrückung der geheimen Wünsche als auch ein ständiges Nachgeben der falsche Weg ist. „If the libidinous, passionate part of man’s nature is indulged, it will grow stronger and become increasingly difficult to hold down. At the same time, however, the attempt to suppress totally this libidinous nature leads it to break out into monstrous crimes and eventually to over-whelm the good and civilized side.“ (MacAndrew 225)

Der Neurologe Oliver Sacks gibt eine Erklärung für das Vorbild für Mr Hyde: den Fall Gage, der laut Sacks seit den frühen achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zum Allgemeinwissen gehörte. „Mit Sicher-heit aber wurde Stevenson von John Hughlings Jacksons Unterscheidung zwischen höheren und niederen Hirnebenen inspiriert, der Auffassung, daß die animalischen Triebkräfte der „niederen“ Ebenen nur durch die „höheren“ (und eher anfälligen) intellektuellen Zentren im Zaum gehalten werden.“ (Sacks 120)

Stevensons Idee ist also so unrealistisch nicht; wenn es natürlich auch unwahrscheinlich ist, daß eine be-stimmte Droge oder Medikament tatsächlich die reale Körpergröße und das Aussehen eines Menschen ver-ändert (obwohl es dem Betreffenden so erscheinen mochte), ist der zitierte Fall Gage eine sicher stichhaltige Parallele.

Gage, Vorarbeiter eines Trupps von Gleisbauern, erlitt 1848 in Burlington, Vermont, einen schrecklichen Unfall. Als er mit einem Stampfbarren (einem ca. einem Meter langem brecheisenähnlichem Werkzeug) eine Sprengung vorbereitete, explodierte die Ladung vorzeitig und trieb ihm das Eisen durch den Kopf. Er fuhr nach kurzer Benommenheit selbst zu einem Arzt in die Stadt, und daß er den Unfall geistig scheinbar ohne größere Schäden überlebt hatte, galt als medizinisches Wunder. Die Stirnlappen seines Gehirns waren massiv geschädigt worden, dennoch wurde er Anfang 1849 als „völlig geheilt“ entlassen.

Wenige Wochen nach seiner Entlassung stellte man eine deutliche Veränderung seines Charakters fest, und zwanzig Jahre später beschrieb ihn ein anderer Arzt im Gegensatz zu vorher als

vorwitzig, respektlos, verfällt von Zeit zu Zeit in gröbste Profanität (was zuvor nicht seine Art gewesen war), begegnet seinen Mitmenschen nur mit geringer Achtung, ist ungehalten gegenüber Beschränkungen und Ermahnungen, wenn sie sich seinen Wünschen in den Weg stellen, und dies zuweilen mit hartnäcki-ger Sturheit, ist aber auch launisch und unstet [] In seinen geistigen Fähigkeiten und Äußerungen ist er ein Kind, in seinen animalischen Leidenschaften dagegen ein kraftvoller Mann. [...] In dieser Hinsicht hat sich sein Geist derart tiefgreifend gewandelt, daß seine Freunde und Bekannten meinen, er sei „nicht mehr Gage.“ (zit. in Sacks 86)

Bei Hyde ist der Unterschied zu seinem früheren Ich noch offensichtlicher; nicht zu Unrecht wird er mit einem neuen Namen ausgestattet. „Thus, of course, the name of his alter ego: it is the degree to which the doctor takes seriously his public responsibilities which determines the ‘hidden-ness’ of his desire for pleas-ure. Since the public man must be seen to be blameless, he must ‘hide’ his private nature“ (Punter 241). Hyde ist die personifizierte animalische Triebkraft, entkommen aus dem „fortress of identity“ (Stevenson 83). Seine Entstehung ist Geburt und Tod gleichzeitig, „a horror of the spirit that cannot be exceeded at the hour of birth or death.“ (Stevenson 83)

Jekyll glaubte in der Freisetzung von Hyde eine Lösung für seine Probleme gefunden zu haben; aber damit fangen sie erst wirklich an. „If it is indeed repression which has produced the Hyde personality, further denial of Hyde’s claims can only result in an ascending scale of violence. And this, of course, is exactly what happens“ (Punter 243).

Hydes Einfluß auf Jekylls Umfeld

Utterson ist als Charakter Jekyll vor seiner Metamorphose am ähnlichsten, auch wenn Punter ihn als „old-fashioned moralist“ (Punter 245) bezeichnet. Jedenfalls wird er von der menschlichen Schwäche Neugier getrieben, und das er sich selbst als „Mr Seek“ (Stevenson 38) bezeichnet, ist nicht nur ein Wortspiel. Auch er trägt nach außen die Fassade des anständigen Bürgers, aber gesteht seinen geheimen Wünschen nicht die Herrschaft über sein Leben zu. Es gibt jedoch einen entscheidenden Unterschied: „Bei Jekyll ist die nach außen hin sichtbare, dominierende Seite der Persönlichkeit attraktiv, freundlich und wohltätig, bei Utterson steif, verschlossen und kalt; der in Jekyll verborgene Hyde ist ein Mörder, der „Hyde“ in Utterson dagegen ein liebenswürdiger, toleranter und hilfsbereiter Mensch.“ (Niederhoff 43) Auch Utterson verändert sich durch die Einnahme einer (wenn auch wesentlich harmloseren) Droge: „Uttersons Vorliebe für Wein gehört zu dem Teil seiner selbst, den er unterdrückt, und wenn er dieser Vorliebe nachgibt, verändert sich seine Persönlichkeit.“ (Niederhoff 44)

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
The Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
Das Doppelgängermotiv im englischem Roman
Note
2
Autor
Jahr
1996
Seiten
17
Katalognummer
V37487
ISBN (eBook)
9783638368155
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Strange, Case, Jekyll, Hyde, Doppelgängermotiv, Roman
Arbeit zitieren
Marcus Knoche (Autor), 1996, The Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37487

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