Der Hofmeister - Das Original von Jacob Michael Reinhold Lenz und die Bearbeitung von Bertolt Brecht

Ein exemplarischer Vergleich


Seminararbeit, 1998

18 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Lenz: „Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung“
2.1 Wenzeslaus – Läuffer Szenen

3 Brecht: „Der Hofmeister“ – Änderungen
3.1 Erziehungstheoretische Diskussion
3.2 Wenzeslaus-Figur
3.3 Literarische Anspielungen
3.4 Epische Elemente

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis
5.1 Primärtexte
5.2 Sekundärtexte
5.3 Anhang

1 Einleitung

„‘Der Hofmeister’ von Lenz ist ohne Brecht bereits heute undenkbar“[1], schreibt Hans Eisler 1958. Diese Aussage impliziert, daß Lenz und Brecht ähnliche Intentionen verfolgten, als sie sich der „Hofmeister“-Thematik zuwandten. In der vorliegenden Arbeit soll Bertolt Brechts Bearbeitung des 1774 anonym[2] erschienenen Dramas „Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung“ von Lenz mit dem Original verglichen und auf Unterschiede untersucht werden. Besonderes Augenmerk wird auf die Szene, die die erziehungstheoretische Diskussion zwischen Pastor Läuffer und dem Geheimen Rat beinhaltet, und auf die beiden Figuren Läuffer und Wenzeslaus gerichtet.

Zu Beginn wird das Werk von Lenz vorgestellt. Im zweiten Teil dieser Arbeit werden unter Bezugnahme auf diverse Brecht-Zitate die Änderungen, die Brecht bei seiner Bearbeitung des Lenz’schen Dramas vorgenommen hat, herausgearbeitet. Es stellt sich die Frage, ob Brecht und Lenz tatsächlich eine ähnliche Intention hatten oder ob Brechts Stück einen anderen Schwerpunkt setzt. War Brecht tatsächlich nötig, damit Lenz nicht in Vergessenheit gerät? Ist Lenz tatsächlich ‘undenkbar’ ohne Brecht? Oder sind es doch eher zwei Dramen mit zwei autonomen, voneinander differierenden Aussagen? Diese sollen im folgenden exemplarisch nachgeprüft und beantwortet werden.

2 Lenz: „Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung“

Der Theologiestudent Läuffer ist als Hauslehrer bei der Familie des Majors von Berg angestellt, um dessen Kinder Leopold und Gustchen „in allen Wissenschaften und Artigkeiten und Weltmanieren“[3] zu unterrichten. Der Majorin, die gern vornehm parliert: „Und ich bin doch enrhumiert dazu; […] Vous parlez fran¸ois, sans doute?“[4], ist Läuffer noch nicht weltgewandt genug: „Es ist was unerträgliches, daß man für sein Geld keinen rechtschaffenden Menschen mehr antreffen kann. […] [D]ies soll doch noch der galanteste Mensch auf der ganzen Akademie gewesen sein […]“.

Der Beginn des zweiten Aktes beinhaltet eine lange erziehungstheoretische Diskussion zwischen dem Geheimen Rat, einem Bruder des Majors, und Pastor Läuffer, dem Vater des Hofmeisters. Der Geheime Rat von Berg vertritt hier liberale, zukunftsweisende Ideen, wenn er dem Pastor Läuffer vorwirft, seinen Sohn als Hofmeister arbeiten zu lassen: „Ihr beklagt euch so viel übern Adel und seinen Stolz, die Leute säh’n Hofmeister wie Domestiken an. […] Wer ist Schuld daran, als ihr Schurken von Hauslehrern?“[5] Der Pastor, in seinem untertänigen Denken fest, sieht jedoch keine Möglichkeit, seine Situation oder die seines Sohnes zu verändern: „Aber was ist zu machen in der Welt?“[6] Der Geheime Rat reagiert darauf mit kraftvollen Ausdrücken („Potzhundert […] Sklav ist er, über den die Menschheit unumschränkte Gewalt hat […]“) und der Forderung, er solle seinen Sohn etwas tun lassen, was „dem Staat nützen kann.“ Der Pastor will die Zustände jedoch nicht selbst ändern, sondern erst „den göttlichen Ruf abwarten.“

Der Geheime Rat vertritt die Meinung, die Hofmeister sollen in staatlichen Schulen unterrichten. „Der Staat wird euch nicht lange am Markt stehen lassen. Brave Leut sind allenthalben zu brauchen […].“ Jedoch werden die Reden des Geheimen Rates dadurch als leere entlarvt, daß Lenz den Hofmeister Läuffer in der ersten Szene im Monolog sagen läßt: „[B]ei der Stadtschule hat mich der Geheime Rat nicht annehmen wollen.“ Der Disput zwischen dem Geheimen Rat und dem Pastor Läuffer bricht ab, ohne ein Diskussionsergebnis zu erzielen. Die Szene ist so angelegt, daß sie den Widerspruch zwischen dem theoretisch idealen Menschheitsentwurf („Freiheit ist das Element des Menschen wie das Wasser des Fisches“[7] ) und der individuellen Unfähigkeit zu seiner Realisierung in der Praxis hervorhebt, da der Geheime Rat auch das Produkt der von ihm verurteilten gesellschaftlichen Erziehung ist, so ist diese Figur ebenso widersprüchlich gezeichnet wie die der anderen, (z. B. von Läuffer und Wenzeslaus. Auf diese beiden Figuren wird später nochmals genauer eingegangen.)

Fritz von Berg, der Sohn des Geheimen Rats, und Gustchen geloben sich in Romeo-und-Julia-Pose ewige Treue, bevor Fritz für mehrere Jahre die Universität besucht. Doch bald fühlt sich Gustchen von Fritz verlassen, und so ist es für Läuffer nicht schwierig, sie zu erobern. Als es zum Skandal kommt, fliehen beide. Läuffer findet Unterschlupf bei dem Dorfschulmeister Wenzeslaus, und Gustchen bringt bei der alten, blinden Marthe in einer armseligen Waldhütte ihr Kind zur Welt. Verzweifelt stürzt sie sich in einen Teich, wird aber von ihrem Vater in letzter Minute gerettet. Als Marthe mit Gustchens Kind ins Schulhaus kommt, und Läuffer es als das seine erkennt, entmannt er sich in Reue und Verzweiflung.

In einer Parallelhandlung, die das Schicksal des Fritz von Berg und seiner Kommilitonen ( u. a. die Pätus-Handlung: Pätus verführt Jungfer Rehaar, verschuldet sich. und ist, wie mehrfach im Stück von ihm gesagt wird, ein „lausichter Kerl.“[8] ), beschreibt Lenz das Studentenmilieu der Stadt Halle.

Alle Verwicklungen entwirren sich schließlich zu einem ’Happy End’: Fritz verzeiht seinem Gustchen, und Läuffer bekommt die „göttliche Lise“[9], ein Mädchen aus dem Dorf, dem es nichts ausmacht, daß er zum Eunuchen geworden ist. Und der Schlußsatz, ausgesprochen von Fritz, der das Kind Gustchens als das seinige annimmt – „Wenigstens mein süßer Junge! werd’ ich dich nie durch Hofmeister erziehen lassen.“, „diese triumphale Pointe mutet beinahe an wie das Finale eines Thesenstücks.“[10]

Lenz führt mehrere Handlungen nebeneinander her, deren wichtigste die Läuffer-Handlung, die Fritz-Handlung (mit den Kommilitonen) und die Familien-Handlung (Familie von Berg) sind. Die Vernachlässigung einer Zentralfigur, die Läuffer (u. a. wegen der Wahl des Titels) nur zu sein scheint, zugunsten mehrerer Figuren, ist entscheidend im Hinblick auf Brechts Neubearbeitung des Stückes, da es eine Verlagerung des Geschehens vom ‘Charakter’ zur Gesellschaft bedeutet. Das wird besonders im Finale des Dramas deutlich: die Läuffer-Handlung, nach der Flucht Läuffers mit der Wenzeslaus-Handlung verknüpft, wird bei Lenz vor dem großen ‘Happy-End’ in der Adelsfamilie zu Ende geführt. So wird nicht explizit ein Einzelschicksal hervorgehoben, sondern der Fokus liegt bei der Darstellung eines aktuellen Gesellschaftszustandes. Obwohl das glückliche Ende Hoffnung aufkeimen lassen könnte, daß sich die Gesellschaft doch ändern läßt, fordert die Anhäufung von Glücksfällen „das ungläubige Kopfschütteln des Zuschauers geradezu heraus: ‘Das ist doch nicht möglich!’ ruft er, während ihm dämmert, daß es für den deformierten Menschen keine Erfüllung mehr gibt.“[11] „Ihr wilden Burschen denkt besser als Eure Väter“, das könnte doch noch die Hoffnung durchschimmern lassen, daß die neue Generation besser handeln wird als die alte. Doch die Tatsache, daß gerade der Geheime Rat diesen Satz ausspricht, dessen Worte schon vorher als leeres Phrasendreschen entlarvt wurden[12], nimmt dem Satz letztlich die Ernsthaftigkeit.

2.1 Wenzeslaus – Läuffer Szenen

Im Drama von Lenz sind Wenzeslaus und Läuffer in den folgenden Szenen gemeinsam auf der Bühne:

III, 2 (Erste Begegnung, Flucht Läuffers)

III, 4 (gemeinsames Essen)

IV, 3 (Läuffer wird vom Major angeschossen)

V, 3 (Läuffer hat sich kastriert und Wenzeslaus beglückwünscht ihn zu der Tat)

V, 9 (Wenzeslaus wirft Läuffer Unkonzentriertheit beim Hören seiner Predigt vor)

V, 10 (Läuffer bekommt Lise)

Die Häufung der Präsenz der beiden Figuren begründet, daß im folgenden exemplarisch diese Szenen genauer untersucht werden sollen. Im nächsten Kapitel, in dem die Änderungen beleuchtet werden, die Brecht in seiner Bearbeitung vorgenommen hat, wird ebenfalls versucht, insbesondere an diesen Szenen die Unterschiede von Original und Bearbeitung aufzuzeigen.

Wenzeslaus hält die Verstümmelung des Menschen grundsätzlich nicht für ein Sakrileg, sondern ausdrücklich nur das Ausbrechen der Zähne. „Das Zähnestochern ist ein Selbstmord […].“[13] Dagegen feiert er das Abschneiden der Genitalien: „Ich glückwünsche Euch, ich ruf’ Euch ein Jubilate […] zu.“[14] Das ist eine Allegorie für seine innere Widersprüchlichkeit: der Mund, das Werkzeug der privaten Emanzipation, „die Worte, die nicht ungeboren aus dem Mund herausfallen sollen“[15], als Mittel Freiräume zu erkämpfen, gilt es nach Wenzeslaus unbedingt zu erhalten; zugleich propagiert er aber die Kastration an dem Organ, ohne das kein neues Leben gezeugt werden kann.

[...]


[1] Fragen Sie mehr über Brecht, in: Müller, Peter: S. 96

[2] Es wurde zuerst Goethe als Verfasser angenommen.

[3] Lenz, Jacob Michael Reinhold: Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung, Stuttgart 1984, 1. Akt, 2. Szene, S. 6. Wird in dem weiteren Fußnotentext bezeichnet als: Lenz: Der Hofmeister, ax. Akt, by. Szene, S. cz.

[4] In der Bearbeitung von Brecht kommt diese Formulierung genauso vor.

[5] Lenz: Der Hofmeister, 2. Akt, 1. Szene, S. 20

[6] Lenz: Der Hofmeister, 2. Akt, 1. Szene, S. 18

[7] Lenz: Der Hofmeister, 2. Akt, 1. Szene, S.18

[8] Lenz: Der Hofmeister, 2. Akt, 2. Szene, S. 25

[9] Lenz: Der Hofmeister, 5. Akt, 10. Szene, S. 76

[10] Guthke, Karl im Nachwort von „Der Hofmeister“ von Lenz, S. 90

[11] Preuss, Werner Hermann: S. 53

[12] „Und dennoch denke ich, daß der Geheime Rat auch der ‘Schwätzer’ mit dem ‘Klassenblick’ ist […]“ (Preuss, Werner Hermann: S. 40)

[13] Lenz: Der Hofmeister, 3. Akt, 4. Szene, S. 46

[14] Lenz: Der Hofmeister, 5. Akt, 3. Szene, S. 63

[15] Lenz: Der Hofmeister, 3. Akt, 4. Szene, S. 46

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Hofmeister - Das Original von Jacob Michael Reinhold Lenz und die Bearbeitung von Bertolt Brecht
Untertitel
Ein exemplarischer Vergleich
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Proseminar: J.M.R. Lenz
Note
2,3
Autor
Jahr
1998
Seiten
18
Katalognummer
V3749
ISBN (eBook)
9783638123211
ISBN (Buch)
9783638801614
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hofmeister, Original, Jacob, Michael, Reinhold, Lenz, Bearbeitung, Bertolt, Brecht, Proseminar
Arbeit zitieren
Anja Balzer (Autor), 1998, Der Hofmeister - Das Original von Jacob Michael Reinhold Lenz und die Bearbeitung von Bertolt Brecht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3749

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