Achtsamkeit als Interventionsmöglichkeit für Führungskräfte

Der Zusammenhang zwischen Achtsamkeitstraining und den positiven Effekten auf die Gesundheit


Bachelorarbeit, 2017

77 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Abstract

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1. Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung der Arbeit
1.3 Übersicht der Arbeit

2.Theoretische Grundlagen
2.1 Achtsamkeit: verschiedene Definitionen
2.2 Achtsamkeit als Interventionsprogramm
2.2.1 Achtsamkeitsmethoden und die Effekte
2.3 Aktueller Forschungsstand Achtsamkeit
2.3.1 Das Gehirn im Mittelpunkt der Achtsamkeitsforschung
2.4 Aktuelle Herausforderungen von Führungskräften
2.4.1 Führung - Gesunde Führung - Stress
2.4.2 Folgen von Stress
2.5 Führungskräfte als Vorbildfunktion
2.5.1 Gesundheit von Führungskräften in Gefahr
2.5.2 Achtsame Führungskräfte als Lösungsansatz

3. Anwendungsteil
3.2 Durchführen der Literaturrecherche
3.3 Datenextraktionen
3.4 Kritische Prüfung und Beurteilung der Qualität

4. Ergebnissteil
4.1 Darstellung der ausgewählten Studien
4.2 Synthese der ausgewählten Studien
4.3 Zusammenfassung der ausgewählten Studien

5. Diskussion
5.1 Interpretationen der Ergebnisse
5.2 Empfehlungen für die Forschung
5.3 Qualität der eigenen Vorgehensweise
5.4 Empfehlungen für die Praxis
5.5 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Zusammenfassung

Die vorliegende systematische Literaturrecherche hat das Ziel, anhand von zehn ausgewählten Primärstudien die positiven Effekte von Achtsamkeitsinterventionen auf die Gesundheit zu belegen.

Hierfür wird zunächst der Begriff „Achtsamkeit“ definiert und in den Arbeitskontext eingeordnet. In Anbetracht steigender Zahlen von psychi- schen Erkrankungen am Arbeitsplatz wird die Relevanz der Achtsamkeit im Bezug auf das Arbeitsumfeld ersichtlich. Mit den Erkenntnissen aus der Führungsforschung wird die Bedeutung der Führungskraft aufgegrif- fen, um den Fokus auf die gesunde Selbstführung der Führungskraft zu lenken. Diese beeinflusst mit ihrem Verhalten die Gesundheit ihrer Mit- arbeiter und dadurch schlussendlich auch die Unternehmenseffektivität. Anhand der zehn vorliegenden Primärstudien wurden wissenschaftlich anerkannte Interventionsprogramme in der Achtsamkeitsforschung mit Hilfe von ausgewählten Kriterien gefiltert, analysiert und auf ihre Reprä- sentativität geprüft.

Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse, dass durch gezieltes Achtsamkeitstraining Stress- und Angstempfinden reduziert werden können, wodurch sich die psychische Gesundheit verbessert. Auf neuronaler Ebene stellte sich zudem heraus, dass sich durch Achtsamkeitsmeditation bestimmte Hirnareale verändern, die primär mit Selbst- und Emotionsregulation in Verbindung gebracht werden.

In der Diskussion sollen zentrale Erkenntnisse der Studien das Potenzial der Achtsamkeitsforschung aufzeigen und relevante Defizite werden dis- kutiert, um zukünftige Forschungen auf diesem Gebiet voranzubringen.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet.

Stichwörter: Achtsamkeit*, MBSR, Führungskraft, Gesundheit, Stress*, Neurowissenschaft

Abstract

The aim of the present systematic literature research is to demonstrate the positive effects of mindfulness interventions on health based on ten selected primary studies.

For this purpose, the term "mindfulness" is initially defined and classified into the working context. Taking into account the constantly increasing number of mental illnesses in the workplace, a relationship to the work environment is established. The insights gained from Leadership- Research are used to point out the relevance of leadership in order to fo- cus on the healthy management of leadership, which has an impact on health, employees and ultimately on the company's effectiveness.

Based on the ten selected primary studies, scientifically recognized inter- vention programs were filtered, analyzed and tested for their representa- tiveness.

The results show that well-directed stressful training can reduce stress and anxiety, which improves mental health. By means of analyses of studies based on neuroscience, it could also be proven that brain areas, which are primarily related to self-regulation and emotion regulation, are affected by mindfulness meditation.

During the final discussion, central findings of the studies will not only shed light on the potential of mindfulness research but also on relevant deficits in order to encourage future research in this field.

Female and male language forms are used equally due to better readabil- ity.

Keywords: Mindfulness*, MBSR, Leadership, Health, Stress *, Neuro- science

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Relevante Gehirnareale

Abbildung 2: Anteil der Arbeitsunfähigkeitstage durch psychische Erkrankungen

Abbildung 3: Aussonderungsprozess gefilterter Studien

Abbildung 4: Bedingungskreislauf von Achtsamkeitsintervention und gesunden Führungskräften

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Verschiedene Definitionen von Achtsamkeit

Tabelle 2: Funktionen relevanter Gehirnareale

Tabelle 3:Abgrenzung des Studiendesigns

Tabelle 4: Übersicht verwendeter Schlagwörter

Tabelle 5:Verwendete Datenbanken

Tabelle 6:Verwendete Operanten bei der Suche

Tabelle 7: Übersicht relevanter Parameter der Primärstudien

Tabelle 8: Implikationen für die Achtsamkeits-Praxis in Unternehmen

Vorwort

Die nachfolgenden Seiten habe ich im Zuge meines dualen Studiums bei Mrs.Sporty geschrieben. Das Thema der „Achtsamkeit“ war schon vor meiner Themenauswahl ein persönliches Anliegen, da ich selbst in mei- nem oft hektischen Arbeitsalltag Schwierigkeiten hatte im „Hier-und- Jetzt“ zu verweilen, sodass ich Anfang des Jahres unter starken Stress- symptomen litt. Somit entwickelte sich im Laufe meiner Recherchen eine Leidenschaft für die tägliche Achtsamkeit, die ich seit Beginn der Ba- chelorarbeit immer öfter versuche zu integrieren. Von einer täglichen Yogaeinheit, das Innehalten im Arbeitstag, bis zu den ersten Meditati- onsversuchen, habe ich begonnen, die Achtsamkeit zu leben und merke selbst seitdem eine Verbesserung meiner mentalen Gesundheit. Mir ge- lingt es zunehmend, die Dinge gelassener zu sehen und im Moment zu verweilen. Somit ist die nachfolgende Arbeit der Beginn für eine weitere private und berufliche Zukunft, in der ich die Achtsamkeit nicht mehr missen möchte.

Ferner möchte ich mich ausdrücklich auch bei Herrn Professor Dr. Reinhardt für die Betreuung der Arbeit bedanken und auch meinen Eltern möchte ich auf diesem Wege für die bisherige Unterstützung während meiner Ausbildungszeit danken.

Einleitung

Atmung - Ist es nur ein physiologischer Prozess oder steckt hinter dem vermeintlich simplen vegetativen Ablauf des Nervensystems die Er- kenntnis zur ganzheitlichen Gesundheit? Und kann die Atmung vor allem für Führungskräfte ein Werkzeug sein, um gelassener mit sich selbst und dem Führungsalltag umzugehen?

Führung impliziert heutzutage mehr als nur das Anleiten von „Unterge- benen“. Die Rolle der Führungskraft mit ihren wachsenden Herausforde- rungen gewinnt in der Gesellschaft zunehmend an Bedeutung (Felfe, 2014, S.455 ff.).

Es zeigt sich ein Zusammenhang zwischen gesundheitsförderlichem Ver- halten der Führungskräfte und einer dadurch positiven Einflussnahme auf die Gesundheit der eigenen Mitarbeiter (Bandura, Ducki und Schröder, 2011, S.4), wodurch der Umgang der eigenen Gesundheit der Führungs- kraft in den Fokus rückt.

Da die Kosten psychischer Erkrankungen und die dadurch bedingte Ar- beitsunfähigkeit in den letzten Jahren massiv angestiegen sind (Mar- schall, Nolting, Hildebrandt, 2013, S. 16 ff.), wird die Angelegenheit des einzelnen Erkrankten bei stetiger negativer Weiterentwicklung zum Prob- lem der Gesellschaft und der Unternehmenseffektivität. Kosten belasten die Krankenkassen und langfristige Fehlzeiten aufgrund von psychischen Erkrankungen schaden dem Unternehmen, sodass Präventivarbeit ein immer wichtigeres Thema bei den Krankenkassen und Unternehmen wird.

Im „Mindful-Leadership“ liegt nach neusten Forschungsergebnissen ein beachtliches Potenzial, um emotionale Erschöpfung und die psychische Gesundheit positiv zu beeinflussen, wodurch die Bedeutung im Kontext der Arbeitswelt steigt.

Es bleibt die Frage zu beantworten, ob das „Phänomen“ der Achtsamkeit als eine Lösung zu verstehen ist oder lediglich einen Ansatz darstellt, der in zukünftigen Forschungen weiterentwickelt werden muss.

So stellen sich auch Sauer, Andert, Kohls und Müller (2011) die Frage, ob achtsame Führungskräfte die leistungsfähigeren sind. Aufgrund dieser aktuellen Entwicklung soll folgende systematische Literaturrecherche den Zusammenhang von Achtsamkeit und Gesundheit, insbesondere im Hinblick für Führungskräfte, untersuchen.

1. Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit

In diesem Kapitel werden die Problemstellung, der aktuelle Stand der Forschung, das Forschungsthema und die Zielsetzung dieser Arbeit erläu- tert.

1.1 Problemstellung

Aufgrund empirisch belegter positiver gesundheitlicher Auswirkungen von Achtsamkeitstraining gerät das Thema „Mindful Leadership“ immer mehr in den Forschungsfokus und gilt nicht mehr nur als esoterisches Phänomen. Sauer et al. (2011, S.340 ff.) betonen jedoch, dass es noch kaum empirischen Daten gibt, die einen Effekt von Achtsamkeit auf Füh- rungskräfte belegen. Sauer verweist in dieser Beziehung jedoch auf exis- tierende und signifikante Ergebnisse, die Achtsamkeitstraining mit einem positiven Effekt auf die Stressreduktion, die mentale und die körperliche Gesundheit untersucht haben.

Ein weiteres Problem in der Achtsamkeitsforschung ist das bislang an- gewandte methodische Vorgehen innerhalb der Studien, wodurch die Aussagekraft und Repräsentativität der Ergebnisse bislang geschwächt wurden. Erst seit dem Einsetzten neurowissenschaftlicher Methoden ge- winnen die Erkenntnisse der Achtsamkeitsforschung in der Wissenschaft immer mehr an Bedeutung und werden als Lösungsansatz in Betracht gezogen (Ott, 2010, S. 64 ff.).

1.2 Zielsetzung der Arbeit

Aufgrund der belegten Zusammenhänge zwischen Achtsamkeitstraining und den positiven Effekten auf die Gesundheit, soll in der vorliegenden Arbeit durch den Einsatz einer systematischen Literaturrecherche die vorhandene Primärliteratur analysiert und auf den Arbeitskontext transfe- riert werden.

Aus den gegenwärtigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema Achtsamkeit, Führung und Gesundheit, sollen zehn Literaturquel- len herausgefiltert werden, die folgendes Untersuchungsthema unterstüt- zen:

„ Der Zusammenhang zwischen Achtsamkeitstraining und den positiven Effekten auf die Gesundheit - insbesondere als Interventionsm ö glichkeit für Führungskr ä fte. “

Weiter soll die vorgenommene systematische Erfassung der Primärstu- dien einen Überblick über die in der Praxis wirksamen Achtsamkeitsme- thoden geben, welche eine Führungskraft als Interventionsmöglichkeit nutzen kann, um ihre eigene Gesundheit positiv zu beeinflussen.

Schlussfolgernd und für die wissenschaftliche Forschung bedeutend wird aus der vorliegenden Arbeit ersichtlich, welche Achtsamkeitsmethoden wissenschaftlich fundiert sind und in welchen Bereichen der Achtsamkeitsforschung noch Defizite existieren.

Am Ende der Arbeit soll die Frage beantwortet werden können, ob „Mindfulness“ die Gesundheit der Führungskräfte fördert und somit als Lösung der erwähnten Problematik gesehen werden kann.

1.3 Übersicht der Arbeit

Im nächsten Kapitel erfolgt eine Einführung in die theoretischen Grundlagen, die für die Fragestellung der Arbeit relevant sind. Um Achtsamkeit als Lösungsansatz und Interventionsmöglichkeit für Führungskräfte zu verstehen, sollen eine Definition des Begriffs und eine Einordnung in den Arbeitskontext erfolgen. Zusätzlich wird auf die aktuellen Herausforderungen der Führungskräfte und die daraus resultierenden steigenden Zahlen psychischer Erkrankungen eingegangen.

Der Anwendungsteil beschreibt das methodische Vorgehen vorliegender Arbeit, wobei sich an dem Rahmen einer „Systematic Review“ (SR) ori- entiert wird. Anschließend erfolgt die Nennung der zentralen Primärlite- ratur und Schlagwörter, die zur Filterung der zehn ausgewählten Studien geführt haben und Auswahl- und Ausschlusskriterien bei der Recherche werden definiert.

Im vierten Kapitel wird eine ausführliche Beschreibung ausgewählter Studien angeschlossen. Durch die anschließende Synthese werden rele- vante Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Besonderheiten präsentiert. Unter Kapitel 4.3 sollen die wichtigsten Erkenntnisse für die Fragestel- lung tabellarisch dargestellt werden (ergänzende Darstellung vgl. Anlage 1).

Der Diskussionsteil beinhaltet eine Interpretation und kritische Auseinandersetzung mit den gewonnenen Ergebnissen. Des Weiteren werden Grenzen der Arbeit aufgezeigt sowie die Qualität der eigenen Vorgehensweise geprüft. Daraus ableitend folgen Empfehlungen für zukünftige Forschungen und Praxisanwendungen.

Abschließend verfasst die Autorin ein Fazit, wodurch die Fragen der Einleitung und aufgestellte Leitfrage beantwortet werden, wodurch die Relevanz vorliegender Arbeit unterstrichen wird.

2.Theoretische Grundlagen

Das Wissen über die Wirkfaktoren von Achtsamkeit und Meditation auf das Individuum ist der Schlüssel zum Verständnis des „AchtsamkeitPhänomens“ und ebnet somit die Grundlage, um Interventionsprogramme weiterzuentwickeln. Im Folgenden sollen zentrale Begrifflichkeiten definiert und in den Arbeitskontext eingeordnet werden.

2.1 Achtsamkeit: verschiedene Definitionen

Für das Wort „Achtsamkeit“ oder „Mindfulness“ existieren zahlreiche Definitionen. Um für die folgende Arbeit Klarheit zu schaffen, sollen die wichtigsten Definitionen bekannter Autoren auf diesem Gebiet dargestellt werden (vgl. Tab.1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Verschiedene Definitionen von Achtsamkeit

Die Ausführung dieser Definitionen zeigt, dass Achtsamkeit bis heute ein komplexes Konstrukt ist, sodass keine eindeutige Begrifflichkeit existiert. Vielmehr setzt sich Achtsamkeit aus mehreren Komponenten zusammen, die wiederum in Wechselwirkung zueinanderstehen.

Einigkeit besteht jedoch in der Definition, dass Achtsamkeit als psycho- logischer Prozess verstanden wird. Zudem sind sich die Autoren einig, dass Achtsamkeit immer aus einem „Präsenzfaktor” besteht, der eine Aufmerksamkeitsfokussierung auf den gegenwärtigen Augenblick bein- haltet. Zudem ist der Präsenz immer ein reines „Beobachten“ ohne Ver- änderung zugrunde gelegt. Dieser „Akzeptanzfaktor” ist das zweite Merkmal, der in der Literatur vielfach erwähnt wird und eine Haltung der Gleichmut beschreibt (Sauer, 2007, S.27 f.). Gleichmut meint ein nicht klassifizieren einer Erfahrung von positiv oder negativ (Reinhardt, 2014, S.357).

Zusätzlich soll die Achtsamkeitsmeditation erwähnt werden. Sie be- schreibt eine Untergruppe von Meditationstechniken, die in den buddhistischen Traditionen ihren Ursprung haben. Zu den Meditationstechniken, die unter dem Begriff der Achtsamkeitsmeditation genannt werden zählen: Vipassana, Samatha und säkulare Programme (vgl. Kapitel 2.2). Durch die Achtsamkeitsmeditation kann eine außergewöhnliche psychische Qualität erlangt werden (Eberth, 2016, S. 13 ff.).

Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf die Auswirkungen dieser „präsenten Haltung“ auf die Gesundheit, sodass eine einheitliche Definition der Begrifflichkeiten nicht das Ziel ist.

Die historischen Wurzeln der Achtsamkeit liegen im Buddhismus. Mitte des 20. Jahrhunderts wurden erste achtsamkeitsbasierte Interventionen in die Öffentlichkeit gebracht. Der Trend der „dritten Welle der Verhaltenstherapie“ durch Achtsamkeitsinterventionen brach Ende des letzten Jahrhunderts aus, wodurch vermehrte Grundlagenforschungen in diese Richtung begannen (Sauer, 2007, S.57).

2.2 Achtsamkeit als Interventionsprogramm

Einer der bekanntesten Forscher auf dem Gebiet der Achtsamkeit ist Jon Kabat-Zinn. Er entwickelte ab 1970 an der „University of Massachus- etts“ die sog. achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (Mindfulness Based Stress Reduction; MBSR) (Kabat-Zinn 1982; 1990, 2006), die zur Be- handlung von chronischem Schmerz und Stress entwickelt wurde. Die positive Wirkung durch gezieltes MBSR-Training auf die mentale und körperliche Gesundheit konnte in zahlreichen empirischen Untersuchun- gen bewiesen werden (vgl. Brown und Ryan, 2003; Grossman, Niemann, Schmidt und Walach, 2004) und soll in folgender Arbeit fester Bestand- teil für fundierte Ergebnisse sein.

Das MBSR-Programm ist eine Mischung aus Sitz-und Gehmeditation, Body-Scan und Yoga-Übungen. Die Teilnehmer erlernen in acht wöchentlichen Gruppensitzungen (inkl. eines Seminartages), in einem Zeitraum von zwei bis drei Stunden, die Techniken des MBSR und werden dazu angehalten, mithilfe einer CD, täglich 45 Minuten Achtsamkeitstraining zu üben (Kabat-Zinn, 2006, S. 19 ff.).

Neben MBSR und der abgekürzten Version (MM) des MBSR- Programms von Wallache (2006), existieren weitere achtsamkeitsbasierte Interventionsprogramme, die ebenfalls die geschilderten Techniken beinhalten. An dem Untersuchungsthema orientierend wird sich primär auf das MBSR-Programm und davon abgeleitete Formen konzentriert, da anderen Interventionsprogramm den Fokus verstärkt im klinischen Kontext behandeln (Sauer, 2007, S. 78 f.).

2.2.1 Achtsamkeitsmethoden und die Effekte

Bislang wurden mehr als zehn qualitative und quantitative Überblicksar- beiten veröffentlicht, die über Effekte von Achtsamkeitsmeditation auf bestimmte Variablen und Populationen berichten (Eberth, 2016, S.26). Zu der Wirksamkeit von MBSR wurden zahlreiche Studienergebnisse signifikant getestet (Baer, 2003; Bishop, 2002), wodurch die primäre Fokussierung des Interventionsprogramms bei vorliegender Arbeit begründet ist.

So berechnete Baer (2003, S.135 ff.) den mittleren Effekt (0,59) von achtsamkeitsbasierten Interventionen in 21 Studien auf verschiedene Populationen. Es konnten mittlere bis große Effektstärken für die Reduktion von Depression, Angst und Stress sowie eine Verbesserung psychologischer und physiologischer Maße gefunden werden.

Grossman et al. (2004) konnten in ihrer Meta-Analyse mit über 20 Stu- dien an unterschiedlichen Populationen zeigen, dass MBSR mit einer mittleren Effektstärke positiv auf die geistige und körperliche Gesundheit wirkt. Nach einer Analyse von randomisierter kontrollierten Studien über Stressmanagement bei gesunden Personen konnten Chiesa und Serretti (2009) belegen, dass MBSR im Vergleich zu einer Wartelistenkontroll- gruppe einen positiven Effekt auf den Stresslevel hat. Die Meta-Analyse von Eberth (2016, S.38 ff.) zeigt Differenzen in den Effektstärken der Wirkung von MBSR auf eine nicht-klinische Population, wodurch erste kritische Anhaltspunkte bezüglich des „Achtsamkeit-Phänomens“ entste- hen.

2.3 Aktueller Forschungsstand Achtsamkeit

Vor allem in den letzten Jahren geriet das „Achtsamkeits-Phänomen“ in den konzeptionellen Fokus der Gesundheitswissenschaften. Durch die belegten positiven Effekte auf die gesundheitliche Verfassung sind acht- samkeitsbasierte Verfahren in der Stressprävention, Suchtbehandlung und Partnerschaftsberatung mittlerweile fest etabliert. Der Zusammen- hang zwischen achtsamkeitsbasierten Verfahren im Arbeitskontext wurde bis heute weniger beachtet (Sauer et al., 2011, S.339 f.). Weiter betonen die Autoren, dass die Erkenntnisse aus der Gesundheitswissenschaft auch für die Führungskräfte nutzbar gemacht werden sollten. Zusätzlich lassen sich implizite und explizite Annahmen der aktuellen psychologischen Führungsforschung aus dem Konzept der Achtsamkeit ableiten, wodurch die Diskussion im Arbeitskontext zunehmend interessanter erscheint. So konnten erste Studien belegen, dass achtsame Führungskräfte die gesün- deren und leistungsfähigeren Führungskräfte sind (Roche, Haar und Lu- thans, 2014). Auf der Grundlage erster Erkenntnisse folgt, dass „Mind- fulness“ eine wichtige Ressource im Führungskontext sein kann.

2.3.1 Das Gehirn im Mittelpunkt der Achtsamkeitsforschung

Da die Neurowissenschaft durch Messungen von Hirnaktivitäten Rück- schlüsse auf das Wahrnehmen, Denken und Fühlen von Menschen er- laubt, bietet diese Methode valide, objektive und reliable Voraussetzun- gen, um zu forschen. Durch die heute eingesetzten Methoden (fMRT1, EEG2 ) lassen sich neuronale Prozesse räumlich und zeitlich exakt orten und geben einen tiefen Einblick in die Gehirnfunktion des Menschen (Felfe, 2014, S.544 ff.). Nach Reinhardt (2014, S.3) ist der Ansatz des „Neuroleaderships“ eine Möglichkeit für Führungskräfte aus den neuro- wissenschaftlichen Erkenntnissen zu profitieren und Schlüsse für die eigene Gesundheit und auch für die Gesundheit der Mitarbeiter zu zie- hen.

In einer umfassenden Literaturrecherche (Esch, 2014, S.21 ff.) konnte gezeigt werden, dass neurobiologische Effekte von Meditation und Acht- samkeit sich in funktionellen und strukturellen Veränderungen von grau- er und weißer Substanz im Gehirn nachweisen lassen. Vor allem in Area- len, die mit Aufmerksamkeit, Gedächtnisfunktion, Selbst- und Autoregu- lation (hier Stress-und Emotionskontrolle) in Zusammenhang stehen, ließen sich Veränderungen in der Hirnsubstanzkonzentration feststellen.

Zudem konnte Esch (2014, S.22 ff.) aufzeigen, dass sich die neuronalen Wirkmechanismen der Achtsamkeit in vier zentrale Bereiche einteilen lassen, die durch achtsamkeitsbasierte Anwendungen beeinflusst werden können. Die zentralen Funktionen sind:

- Aufmerksamkeitsregulation
- Körperwahrnehmung
- Emotionsregulation
- Selbstwahrnehmung

Des Weiteren bestehen Hinweise, dass sich der Grad der Verschiebung der linken Gehirnhälfte positiv auf die Immunfunktion auswirken kann, sodass sich die psychische und physische Gesundheit durch Achtsam- keitstraining verbessert (Siegel, 2007, S. 55 ff.). Aktivitäten des Prä- frontalkortex stehen mit Angst-, Emotions- und Körperregulation sowie Einsicht und Empathie in Verbindung, wodurch der Zusammenhang zwi- schen neuronaler Integration, Achtsamkeit und Selbstregulation deutlich wird (Siegel, 2007, S. 67 f.).

Aufgrund der aussagekräftigeren Hirnforschung wird sich in vorliegender Arbeit vermehrt auf neurobiologischen Befunde konzentriert. Um einen besseren Bezug zu den Gehirnarealen und deren Funktion zu erhalten, soll in nachfolgender Tabelle (vgl. Tab.2) die für diese Arbeit wichtigs- ten Zusammenhänge dargestellt und mit einer Abbildung (vgl. Abb.1) visualisiert werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Funktionen relevanter Gehirnareale

Quelle: Esch (2012, S. 39-43)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbild

Quelle: Tang, Hölzel und Posner (2015, S.5)

2.4 Aktuelle Herausforderungen von Führungskräften

Seit den 1990er- Jahren werden Unternehmen vermehrt gezwungen, sich den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte anzupassen. Diese Verände- rungsdynamiken sind vor allem mit der Globalisierung, der zunehmend digitalisierten Lebenswelt und den ansteigenden Ökonomisierungsten- denzen zu begründen (Iwers, 2017, S.79). Nach Amberg (2016, S. 1) sind Krisen, demografischer Wandel und internationale Vernetzung weitere Beispiele für zentrale neue Rahmenbedingungen von Führungshandeln.

Amberg betont, dass eine neue Generation der Führungskräfte gefordert wird. Bei diesem Paradigma geht es um mitfühlende Führungspersön-lichkeiten, wobei der (Führungs-)Charakter der Person als Ganzes gese- hen wird.

Durch die genannten Veränderungen resultiert ein beständiger Wandel von Arbeitsumgebung, Arbeitsanforderung sowie der Organisations- und Teamstruktur, wodurch das Belastungserleben und die Stresswahrneh- mung am Arbeitsplatz in den Fokus rücken. Aktuelle Untersuchungen bestätigen einen Anstieg im Empfinden von starkem Termin- und Leis- tungsdruck, Arbeitsunterbrechungen und Störungen, sowie Multitasking (Iwers, 2017, S.79). Der Schwerpunkt der Gesundheit als Führungsauf- gabewird somit zu einer ernstzunehmenden Herausforderung.

2.4.1 Führung - Gesunde Führung - Stress

Führung

Nach Amberg (2016, S. 4 ff.) unterteilt sich das Führen in zwei zentrale Dimensionen. Auf der Leadership-Ebene soll das strategische Führen das Unternehmen zukunftsfähig gestalten, während auf der Management- Ebene im „Hier-und-Jetzt“ gehandelt werden muss, um das operative Geschäft sicherzustellen. Darüber hinaus geht Führen auch mit „Resili- enz“ einher, womit die Fähigkeit beschrieben wird, mit Belastungen und potenziellen Stressfaktoren umgehen zu können, ohne die eigene psychi- sche oder physische Gesundheit zu gefährden (Amberg, 2016, S. 7). Es geht primär um das Auswählen eines angemessenen Verhaltens in den jeweiligen Führungssituationen, sodass bis heute keine einheitliche Defi- nition von „Führung“ existiert (Furtner, 2017, S. 27).

Gesunde Führung

Nach der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird Gesundheit mit der Abwesenheit von körperlichen, psychischen und sozialen Krankheitssymptomen definiert (WHO, 1946).

Daraus lässt sich ableiten, dass der Definition einer gesunden Führung zugrunde liegt, Mitarbeiter zu fördern und zu fordern, ohne sie dabei zu überfordern, wodurch mittel- oder langfristige Erkrankungen und ein Leistungsabfall verhindert werden können (Hänsel und Kaz, 2016, S. 155 ff.). Allgemein zeigt die Forschung, dass mitarbeiterorientiertes Führen mit besseren Gesundheitsindikatoren der Mitarbeiter einhergeht, sodass ein freundschaftlicher, fürsorglicher und offener Umgang mit dem Perso- nal zu einer gesunden Führung gehört (Felfe, 2014, S. 254).

Stress

Stress beschreibt die Auswirkungen von psychosozialen und umweltbe- dingten Faktoren auf das physische oder geistige Wohlbefinden und tritt auf, wenn aufgrund einer zu großen Herausforderung der Zwang auftritt handeln zu müssen (Esch und Stefano, 2010, S.20). Zudem beschreibt Stress einen unangenehmen subjektiven und intensiven Spannungszu- stand des Individuums (Bamberg, Mohr und Busch, 2011, S. 119).

Problematisch wird es, wenn dieser Zustand zu lange andauert oder keine Zeit für Erholung erlaubt ist (Esch und Stefano, 2010, S.20 f.). Stress hat Einfluss auf das Immun-, Kreislauf- und Nervensystem und kann auf diese Weise das physische und psychische Wohlergehen negativ beeinflussen, wodurch psychische Krankheiten entstehen können.

Das Gehirn ist das zentrale Organ von Stress und Anpassung. Wenn das Gehirn ein Ereignis als stressig bemerkt oder wahrnimmt, werden phy- siologisch und verhaltensbezogen Reaktionen (Stressreaktionen) initiiert, was zu Allostase3 oder Anpassung führt (Esch und Stefano, 2010, S.22 ff.).

[...]


1 Definition= funktionelle Magnetresonanztomographie, um Stoffwechselveränderungen im Hirn festzustellen. (Felfe, 2014, 544)

2 Definition= Elektroenzephalographie, um elektrische oder magnetische Ströme im Hirn zu messen. (Felfe, 2014, S. 544)

3 Definition= langfristige Anpassungsleistungen, die ein Organismus leisten muss, um seine Lebensfunktionen aufrechtzuerhalten. (Schulz, Heesen und Gold, 2005, S. 453)

Ende der Leseprobe aus 77 Seiten

Details

Titel
Achtsamkeit als Interventionsmöglichkeit für Führungskräfte
Untertitel
Der Zusammenhang zwischen Achtsamkeitstraining und den positiven Effekten auf die Gesundheit
Hochschule
Europäische Fernhochschule Hamburg
Note
1,5
Autor
Jahr
2017
Seiten
77
Katalognummer
V374936
ISBN (eBook)
9783668544352
ISBN (Buch)
9783668544369
Dateigröße
1044 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
MBSR, Stressprävention, Führung, Meditation, psychologische Gesundheit, Achtsamkeitstraining, Neuroleadership, fMRT, Gehirn, positiver Effekt, Burn-Out, Führungskraft, systematische Literaturrecherche
Arbeit zitieren
Sabrina Dankert (Autor), 2017, Achtsamkeit als Interventionsmöglichkeit für Führungskräfte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374936

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