Distinktionspraktiken in social media. Analysen ausgehend von der Habitustheorie Pierre Bourdieus


Hausarbeit, 2017

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Habitustheorie nach Pierre Bourdieu

3. Lebensstil und Distinktion

4. Distinktionspraktiken in sozialen Medien des Internets
4.1 Habitus als Erzeugungsprinzip von Distinktionspraktiken
4.2 Soziale Medien als Reproduktionsplattform des Habitus

5. Mögliche Auswirkungen und Gefahren

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

„Geleitet von Sympathien und Antipathien, Zuneigung und Abneigung, Gefallen und Mißfallen, schafft man sich eine Umgebung, in der man sich 'zu Hause' fühlt und jene volle Erfüllung seines Wunsches zu sein erfährt, die man mit Glück gleichsetzt.“ (Bourdieu 2001: 192).

Wir umgeben uns gerne mit Dingen, die wir mögen. Auch in den sozialen Medien des Internets (social media) diskutieren wir lieber mit Menschen, deren Meinungen und Interessen unseren ähneln und wir „befreunden uns“ mit denjenigen, die dieselben Vorlieben haben und somit einen ähnlichen Lebensstil pflegen. Wir „folgen“ denjenigen, deren Geschmack wir teilen oder deren Leistungen wir bewundern, weil sie in unsere Vorstellungswelt passen. Wir gründen Gruppen und grenzen uns damit von anderen Gruppierungen ab. Die Technik des Internets unterstützt solche Bestrebungen.

In der Hausarbeit soll gezeigt werden, dass der Habitus nach der Definition von Bourdieu als Erzeugungsprinzip die Distinktionspraktiken in social media fördert. Dazu müssen diese Praktiken identifiziert werden. Daher lautet die zentrale Frage der Hausarbeit: Wie grenzen sich Akteure und Nutzergruppen in sozialen Netzwerken voneinander ab bzw. wie werden sie abgegrenzt und welche Erklärungen liefert die Habitustheorie Bourdieus dazu?

Unter „Habitus“ versteht man in der Soziologie allgemein „die Gesamtheit der relativ festliegenden Einstellungen und Gewohnheiten einer Person“. (Fuchs-Heinritz 2007: 259). Bourdieu beschäftigte sich mit den Gewohnheiten der kabylischen Bauern in Algerien im Rahmen einer Untersuchung zur Zeit des Befreiungskriegs von der französischen Kolonisation, in der er zeigen konnte, dass der Habitus nicht angeboren ist, sondern von der Gesellschaft geprägt wird, in der wir aufwachsen und die uns umgibt. In seinem Werk „Entwurf einer Theorie der Praxis“ (2012) beschreibt er in einem ersten Teil seine Studien über die kabylische Gesellschaft. Diese bilden die Grundlage für den zweiten, theoretischen Teil, der unter anderen die Habitustheorie beinhaltet, welche in der Hausarbeit im ersten Kapitel näher erläutert wird.

Danach werden, bei Bourdieu bleibend und ausgehend von der Erkenntnis des Habitus als Erzeugungsprinzip diverser Praktiken, aus Bourdieus Werk „Die feinen Unterschiede“ (1987) seine Theorien zum Thema Lebensstil und Distinktion dargelegt. Bourdieu unterscheidet zwischen drei, von verfügbarem Kapital unterschiedlicher Kapitalsorten abhängigen sozialen Klassen mit einem ihnen jeweils entsprechenden Geschmack, wobei sich vor allem die herrschen-de Klasse von den anderen Klassen abgrenzt. Ergänzend wird in diesem Kapi-tel der Gedanke einer Vereinbarkeit der Habitustheorie mit demKonzept des „Impression Managements“ (vgl. Scherer 2013) diskutiert.

Nach den beiden Kapiteln zu den Theorien Bourdieus werden in Beantwortung der zentralen Frage und in Anwendung der Habitustheorie Distinktionsprakti-ken in social media beschrieben. Dabei wird zwischen Praktiken unterschie-den, in denen der Habitus als Erzeugungsprinzip strukturierend wirkt, die also von den Akteuren selbst ausgehen und solchen Praktiken, in denen Software-Progamme Strukturen erzeugen, die auf den Habitus der NutzerInnen von so-cial-media-Plattformen wirken. In diesem Zusammenhang stehen Phänomene wie Filter Bubbles und Echokammern im Vordergrund (vgl. Pariser 2012), die durch die Personalisierung von Nutzerdaten gebildet werden.

Die Ausführungen zu den Distinktionspraktiken in social media dienen hier nur als Beispiel einer Anwendung von Bourdieus Habituskonzept. Es handelt sich also weder um empirische Untersuchungen, noch kann ein Anspruch auf Voll-ständigkeit der angeführten Praktiken erfüllt werden. Das wäre auch deshalb kaum möglich, da diese wegen neuer Technologien ständigen Änderungen un-terzogen sind. Es soll aber gerade mit diesem Beispiel gezeigt werden, dass sich das Habitus-Konzept als Basis für Untersuchungen jeglicher Art von Prak-tiken eignet, auch solchen, die zur Zeit seiner Entstehung in dieser Form noch gar nicht vorhanden waren.

Zuletzt wird auf mögliche Auswirkungen und Gefahren der Distinktions-praktiken hingewiesen, die vor allem – wie von Sunstein in „Infotopia“ (2009) beschrieben - dadurch entstehen, dass durch die Personalisierung der Daten Informationen nur eingeschränkt zur Verfügung stehen. Hieraus ergeben sich Anschlussmöglichkeiten für weitere Analysen und Untersuchungen über den Einfluss von Abgrenzungspraktiken in social-media auf die Gesellschaft, welche aber den Rahmen der vorliegenden Hausarbeit sprengen würden.

2. Habitustheorie nach Pierre Bourdieu

„Habitus kann als ein subjektives, aber nicht individuelles System verinnerlichter Strukturen angesehen werden; Strukturen des Denkens und der Wahrnehmung, die allen Mitgliedern derselben Gruppe oder Klasse gemein sind“. (Bourdieu 2012: 188).

Aus dieser Definition Bourdieus (sowie weiteren Aussagen, die diese noch präzisieren), lassen sich mehrere Thesen über den Habitus ableiten, welche im Anschluss näher erläutert werden:

a. Der Habitus ist keine individuelle Erscheinung, er ist dem Individuum nicht unbedingt bewusst oder von ihm gewollt.
b. Der Habitus ist ein System, es liegt ihm also eine Logik zu Grunde, nach der er gebildet wird und er folgt bestimmten Schemata.
c. Der Habitus ist verinnerlicht, er ist im Laufe der Zeit entstanden und wurde inkorporiert.
d. Der Habitus ist eine Struktur des Denkens und der Wahrnehmung, er beruht auf Strukturen und ist strukturbildend.
e. Der Habitus ist ein Gruppen- oder Klassenhabitus - diese Aussage wird im nächsten Kapitel dargelegt.

Zuletzt werden in diesem Kapitel einige kritische Einwände angeführt.

ad a: Habitus-Konzept versus Konzept des rationalen Handelns

Die These besagt, dass der Habitus keine individuelle Erscheinung sei, er sei dem Individuum nicht unbedingt bewusst oder von ihm gewollt. Bei der rational-choice-Theorie wird hingegen davon ausgegangen, dass Individuen intentional handeln und sich in ihren Handlungsmöglichkeiten frei entscheiden können. Es ist eine Handlungstheorie, die bewusstes und vom Individuum gewolltes agieren und interagieren voraussetzt. Bourdieu setzt mit seinem Habitus-Konzept einen Paradigmenwechsel in diese bis dahin nicht hinter-fragten Annahmen der rational-choice-Theorie. (vgl. u.a. Krais 2002: 5) Dies zeigt sich bereits in der von ihm meist verwendeten Bezeichnung „Praktiken“ statt „Handlungen“[1] ; Praktiken im Sinne Bourdieus sind dem Menschen kei-neswegs immer bewusst; rationales oder strategisches Handeln kann daher nur als möglicher Teil des Habitus angesehen werden (vgl. Fuchs-Heinritz 2014: 139).

Im Rahmen seiner Forschungsarbeiten bei den kabylischen Bauern bemerkte Bourdieu, dass der in Europa gängige Kapitalismus in deren Praktiken keine Rolle spielte. Das Streben nach Anhäufung materieller Güter war für sie kein relevanter Faktor, dafür aber andere Sitten und Gebräuche, die aus europäischer Sicht seltsam anmuten, wie z.B. die Abhaltung bestimmter Zeremonien. Da-raus konnte Bourdieu erkennen, dass es keineswegs einheitliche und schon gar nicht ökonomisch motivierte Handlungsziele für alle Menschen gibt, sondern dass diese erst im Laufe der Zeit durch die Gesellschaft gebildet werden , in die man hineingeboren wurde und in der man sich bewegt (vgl. u.a. Krais 2002: 21f).

Der Habitus ist also nicht als individuelles, aber als dem Subjekt anhaftendes bzw. einverleibtes System zu betrachten, das ähnliche Denk- und Verhaltens-muster bei Menschen auslöst, die ähnlichen sozialen Bedingungen unterliegen.

ad b: Logik und Schemata des Habitus

Die zweite These charakterisiert den Habitus als System. Nach Bourdieu folgt der Habitus einer inneren Logik, der Logik seiner Genesis: Demnach finde im Laufe des Lebens immer wieder eine Restrukturierung des Habitus statt, beginnend mit dem im familiären Umfeld erworbenen Habitus, dessen Struktur die Grundlage biete für den durch die Erfahrungen des jungen Menschen in den Bildungsinstitutionen veränderten Habitus. Diese Restrukturierung des Habitus bilde wiederum die Basis für weitere, durch Erfahrungen im Erwachsenenalter erzeugte Strukturen. (vgl. Bourdieu 2012: 188f).

Dennoch bleibe der Habitus meist stabil. Gerät man in Situationen, in der ein Verhalten gefordert wird, das den Habitus widerspricht, so sei eine Anpassung nur zögerlich möglich. Die Trägheit des Habitus für Veränderungen bezeichnet Bourdieu als „Hysteresis -Effekt“ und er sei für „verpaßte Gelegenheiten“ ver-antwortlich. (ebd: 183).

Der Habitus beinhalte nicht nur eine eigenen Logik, er setze sich auch analytisch aus drei Schemata zusammen, die in der Praxis kooperieren; dies seien die Schemata der Wahrnehmung, des Denkens und des Handelns. (vgl. Schwingel 1995: 56) So werden selektiv nur Dinge und Praktiken wahrge-nommen und bewertet, die dem Denkschemata des Habitus entsprechen, was schließlich zu dementsprechenden Handlungen führe. Diese Schemata weisen eine Kohärenz auf wie Bourdieu am Beispiel des Kunsttischlers zeigt, dessen Leben von Ordnung und Präzession bestimmt wird[2]:

„In der Arbeitsmoral des alten Kunsttischlers […] steckt alles: sein Weltbild wie seine Art und Weise, mit seinen Finanzen, seiner Zeit und seinem Körper zu wirtschaften, seine Verwendung der Sprache wie seine Kleidervorliebe“ (Bourdieu 1987: 283).

ad c: Geschichte und Inkorporierung

In der dritten These wird die Verinnerlichung und Einverleibung des Habitus betont. Der Habitus „ist verinnerlichte, inkorporierte Geschichte, in ihm wirkt die ganze Vergangenheit, die ihn hervorgebracht hat, in der Gegenwart fort“ (Krais 2002: 6). Dies treffe sowohl auf das Individuum als auch auf die Geschichte der Menschheit zu. Jede Generation, jede Epoche setze auf der vorangegangen auf. So betrachtet Bourdieu den Habitus als Produkt der Ge-schichte, der durch „die Schemata der Geschichte individuelle und kollektive Praxisformen – also Geschichte“ erzeuge (Bourdieu 2012: 182).

Auf individueller Ebene wirke die Vergangenheit im Habitus fort „weil der Habitus nichts anderes ist als dieses durch die primäre Sozialisation jedem Individuum eingegebene immanente Gesetz“ (ebd.: 178). Bourdieus Theorie geht aber über die Sozialisationstheorie hinaus: Während dort vom mehr oder weniger bewussten Einfluss durch Familie oder die Umwelt die Rede ist, meint Bourdieu, dass der Habitus einverleibt sei. Das bedeutet, dass sich die Erfahrungen von der Geburt an im Körper einprägen und Gewohnheiten erzeugen, die sich sowohl auf Benehmen, Ausdrucksweise, damit verbundene Wertmaßstäbe sowie auf die hier zu beschreibenden Distinktionspraktiken auswirken.

ad d: Strukturierende und strukturierte Praktiken

Die vierte These behandelt die Strukturen des Habitus. In seinem „Entwurf einer Theorie der Praxis“ (2012: 139ff) versucht Bourdieu die Theorie mit der Praxis zu vereinen, Objekt und Subjekt, d.h. die objektive Theorie, die die Erklärungen zu gesellschaftlichen Strukturen beinhaltet mit den subjektiven Erfahrungen und Praktiken der Individuen zu verbinden. Vermittlerrolle spiele hierbei der Habitus. Er wird durch die vorhandenen strukturierten Praktiken verinnerlicht, er ermöglicht die Teilnahme am sozialen Leben vor allem in der Gruppe und Klasse, die man gewohnt ist und bringt dadurch wiederum struktu-rierte Praktiken hervor, wirke also strukturierend (vgl. u.a. Fuchs-Heinritz 2014: 189).

Die Entwicklung bzw. die Existenz des Habitus durch die vorhandenen Struk-turen wurde bereits dadurch erörtert, dass die Vergangenheit in der Gegenwart fortwirkt, dass der Habitus durch Sozialisation einverleibt wird.

Wegen der durch soziale Praktiken strukturierenden Wirkung bezeichnet Bourdieu den Habitus auch als Erzeugungsprinzip von Praktiken, d.h. sie reproduzieren sich regelmäßig, passen sich aber auch gegebenen Situationen an:

„Die objektive Struktur, die die sozialen Bedingungen der Produktion des Habitus, der sie erzeugt hat, definiert [wird in Beziehung gesetzt zu; AD] […] der jeweiligen Konjunktur[3], die […] einen partikularen Zustand dieser Struktur repräsentiert“ (Bourdieu 2012: 170f).

Der Habitus wird also demnach durch vorhandene Strukturen erzeugt und reagiert in jeder Situation in Form von Praktiken, die Teilstrukturen seiner objektiven Gesamtstruktur betreffen. Durch diese Praktiken wird die Gesamt-struktur immer wieder portionsweise reproduziert.

Kritik am Habitus-Konzept

Bourdieus Theorie stieß auf einigen Widerstand, vor allem von Seiten der Anhänger der rational-choice-Theorie, aber auch von denjenigen, die Handeln generell als freie, bewusst getroffene und individuelle Entscheidungen betrachten. Im Hauptkritikpunkt wird Bourdieu daher vorgeworfen, dass nach seiner Theorie soziales Handeln determiniert und somit kein Wandel möglich sei, da das Ergebnis jeglicher Reproduktion nur wieder dieselben Strukturen hervorbringe (vgl. u.a. Fuchs-Heinritz 2014: 102; Schwingel 1995: 63). Bourdieu beschreibt den Habitus selbst als ein „System von Grenzen […] Aber innerhalb dieser Grenzen ist er durchaus erfinderisch, sind seine Reaktionen keineswegs immer schon im voraus bekannt“ (Bourdieu 1987: 33). Auch zeigt Bourdieu die Veränderung der Gesellschaft am Beispiel der Kolonialisierung in Algerien, die durch den Hysteresis-Effekt zwar zögerlich, aber dennoch statt-finden kann, wenn die äußeren Umstände dies erfordern.

Ein ähnlich gelagerter Kritikpunkt besagt, dass Bourdieu wohl Subjektivismus und Objektivismus vereinen will, dennoch aber die objektive Seite, d.h. die vorhandenen Strukturen und Praktiken bevorzugt beschreibe und weniger auf die möglichen Prozesse der Veränderung dieser Strukturen eingehe. (vgl. u.a. Fuchs-Heinritz 2014: 190). Auch seine Zuordnung von Gruppen oder Klassen zu bestimmten Lebensstilen (siehe nächstes Kapitel) erscheine oft zu starr, würde es doch bedeuten, dass das Individuum keine Chance auf Veränderung, auf einen Aufstieg in eine andere „Klasse“ habe und somit seinen sozialen Status nicht verbessern könne. Dagegen räumt Bourdieu ein, dass Wandel und Variationen im Lebenslauf vor allem in Krisensituationen sowohl auf indi-vidueller als auch auf kollektiver Ebene möglich seien (Bourdieu 1987: 188).

Aus all diesen Kritikpunkten ist zu erkennen, dass das Habitus-Konzept von einem eher starren System ausgeht, das die Vergangenheit miteinbezieht und die Gegenwart und Zukunft nur als eine fast unveränderte Reproduktion der Vergangenheit betrachtet. Diese doch als idealtypisch zu bezeichnende An-schauung ist aber gerade deshalb besonders gut dazu geeignet, gesamtgesell-schaftliche Phänomene wie Distinktionspraktiken und die daraus resultierende soziale Ungleichheit zu erklären und zu verstehen.

Ähnlich wie sein Konzept des Habitus bildet Bourdieus Einteilung der Ge-sellschaft in Klassenzugehörigkeiten und ihnen zugewiesenen distinktiven Lebensstilen ein System, das eher unflexibel erscheint, jedoch der Analyse von Distinktionspraktiken dient. Eine Erklärung dieser Zusammenhänge erfolgt im nächsten Kapitel.

3. Lebensstil und Distinktion

„Der Geschmack bewirkt, daß man hat, was man mag, weil man mag, was man hat, nämlich die Eigenschaften und Merkmale, die einem de facto zugeteilt und durch Klassifikation de jure zugewiesen werden“ (Bourdieu 1987: 286).

Bourdieu erläutert in seinem Werk „Die feinen Unterschiede“ (1987) sein Konzept über Klassenunterschiede und ordnet den Klassen auf Grundlage empirischer Forschungsarbeiten in Form von Korrespondenzanalysen charak-teristische Geschmäcker zu, die den Lebensstil einer Gruppe bzw. Klasse repräsentieren. Die Klasse, der dazugehörige Geschmack und der Lebensstil bilden ein System, das vom verfügbaren Kapital abhängig sei. Die Unterschie-de im Lebensstil dienen vor allem der herrschenden Klasse zurDistinktion gegenüber den anderen, hierarchisch darunter liegenden Klassen (vgl. ebd.: 442ff). Zur Verdeutlichung dieses Konzepts werden nun folgende Aussagen näher erläutert:

a. Der Habitus ist ein Gruppen- oder Klassenhabitus.
b. Der Geschmack bezieht sich auf die Klassenzugehörigkeit und erzeugt einen bestimmten Lebensstil.
c. Der Geschmack steht in Beziehung zum verfügbaren Kapital.
d. Der Lebensstil wandelt die Dinge in distinkte und distinktive Zeichen um.

Danach wird als Alternative bzw. als Erweiterung zum Konzept der aus einem bestimmten Lebensstil hervorgehenden Distinktion das Konzept der „Manage-ment-Expression“ (Scherer 2013) vorgestellt, welches ausschließlich von einer durch den Akteur beabsichtigten Distinktionspraktik ausgeht.

ad a: Gruppen- und Klassenhabitus

Der Habitus als Erzeugungsprinzip von Praktiken bezieht sich nach Bourdieu immer auf eine Gruppe bzw. Klasse, der Habitus habe eine Vermittlerfunktion:

„Der Habitus bewirkt, daß die Gesamtheit der Praxisformen eines Akteurs (oder einer Gruppe von ähnlichen Soziallagen hervorgegangenen Akteuren) […] systematisch unterschieden sind von den konstitutiven Praxisformen eines anderen Lebensstils.“ (ebd.: 278)

Die Homogenität der Praxisformen einer Klasse oder Gruppe zeige sich vor allem dadurch, dass Menschen ihren Lebensstil als selbstverständlich oder natürlich ansehen und die Konfrontation mit dem Lebensstil einer anderen Klasse oder Gruppe ein befremdliches Gefühl auslöse. Dies bedeute auch, dass ein sozialer Aufstieg eine Unsicherheit hervorrufe, die von Unternehmen ausgenutzt werden (Krais 2002: 47f)[4] Das Phänomen des selbstverständlichen Einfügens und Handelns innerhalb einer Klasse bezeichnet Bourdieu als „senspractique“ (praktischen Sinn)[5]: „Der praktische Sinn ermöglicht zu handeln comme il faut […] ohne […] eine Verhaltensregel aufzustellen oder anzuwenden“ (Bourdieu 2001: 178). Innerhalb der Homogenität gebe es aber eine „Verschiedenheit in der Gleichartigkeit“, also individuelle Praktiken, die dennoch das „Produkt der Verinnerlichung derselben grundlegenden Strukturen sind“ (Bourdieu 2012: 188).

Bourdieu unterscheidet drei soziale Klassen, die je nach verfügbarem Kapital (Details siehe unten) auch in Unterklassen unterteilt sind. Die drei Haupt-klassen sind die herrschende Klasse, das Kleinbürgertum und die beherrschte Klasse. Angehörige dieser Klassen haben einen jeweils eigenen Geschmack und daraus resultierenden Lebensstil (vgl. u.a. Fuchs-Heinritz 2014: 45, 48).

ad b: Geschmack und Lebensstil

Mit Hilfe der Korrespondenzanalyse erforschte Bourdieu die Geschmäcker der Klassenangehörigen indem er verschiedene Kriterien wie Beruf, Vermögens-verhältnisse, Bildungsstand in Beziehung zu Präferenzen wie Ernährungs-gewohnheiten, Einrichtungsgegenstände, Kulturgüter usw. setzte und ordnet als Ergebnis den jeweiligen Klassen einen bestimmten Geschmack zu: Der herrschenden Klasse den legitimen, dem Kleinbürgertum den mittleren bzw. prätentiösen und der beherrschten Klasse den populären Geschmack. (vgl. ebd. 48). Bei näherer Betrachtung unterscheidet Bourdieu jedoch nur noch zwei einander entgegengesetzte Arten von Geschmack: der legitime oder „Luxus-geschmack“ der herrschenden Klasse und der „Notwendigkeitsgeschmack“ der beherrschten Klasse (Bourdieu 1987: 291) - (Details siehe nächster Punkt). Dem Kleinbürgertum gesteht er keinen eigenen Geschmack zu, deren Angehörige würden nur dem Geschmack der herrschenden Klasse nacheifern, ohne diesen wirklich zu teilen; er bezeichnet sie daher abschätzig „frei nach Kant als 'Affen des Genies'“ (ebd.: 510). Sie seien auch diejenigen, die am ehesten von einem Auf- oder Abstieg in ihrer sozialen Laufbahn betroffen sind, vor allem wenn siez.B. durch Heirat in einer Umgebung leben, die nicht ihrer bisherigen Biografie entspricht (ebd.: 191f).

ad c: Geschmack und Kapitalsorten

Bourdieu versteht unter dem Kapitalbegriff mehr als nur die in den Wirtschafts-wissenschaften meist übliche Definition des ökonomischen Kapitals in Form von Vermögenswerten. Zusätzlich beschreibt er noch das kulturelle Kapital, das sich auf die Bildung bezieht, das soziale Kapital welches die Beziehungenzwischen Individuen, Gruppen oder Organisationen darstellt sowie das symbolische Kapital, das dem Prestige gleichkommt. Für die Analyse der den Klassen zugehörigen Geschmäcker wurde von Bourdieu vorrangig das ökono-mische und das kulturelle Kapital herangezogen. Unter kulturellem Kapital meint er konkret die Fähigkeiten und Kenntnisse einer Person, aber auch die durch Zeugnisse erlangten Bildungsabschlüsse in Form von Titeln. (vgl. Fuchs-Heinritz 2014: 125ff).

Angehörige der herrschenden Klasse verfügen demnach entweder über hohes ökonomisches Kapital (z.B. UnternehmerInnen) oder kulturelles Kapital (z.B. UniversitätsprofessorInnen) oder beides. Die Kapitalsorten seien dabei auch ineinander konvertierbar, so können z.B. mit finanziellen Mitteln Schulungen finanziert werden, oder umgekehrt ermöglicht eine entsprechenden Ausbildung einen gut dotierter Job. Im Gegensatz dazu verfügen die Angehörigen der beherrschten Klasse über wenig ökonomisches und kulturelles Kapital.

Daraus ergebe sich auch der Unterschied im Geschmack: „Die wirkliche Ursache der […] Unterschiede beruht im Gegensatz zwischen dem aus Luxus (und Freizügigkeit) und dem aus Not(-wendigkeit) geborenen Geschmack“ (Bourdieu 1987: 289). Während die Angehörigen der herrschenden Klasse Kulturgüter, gesunde Ernährung, modernen Kleidungsstil usw. zu schätzen wüssten, präferieren Menschen der unteren Klassen Quantität vor Qualität, „in der Sorge, die günstigen Augenblicke auszunutzen“ (ebd.: 297).

ad d: Lebensstil und Distinktion

„Der Geschmack bildet mithin den praktischen Operator für die Umwandlung der Dinge in distinkte und distinktive Zeichen“ (ebd.: 184). Das bedeutet durch den Geschmack, der sich in Besitztümern, aber auch in Wertvorstellungen, Parteipräferenzen, Glaubensgehalten usw. manifestiert, unterscheiden sich die Angehörigen verschiedener Gruppen oder Klassen voneinander und - mehr noch - sie grenzen sich voneinander ab.

Das treffe vor allem auf die herrschende Klasse zu, sie habe einen „Sinn fürDistinktion“ (ebd.: 405), womit Bourdieu das Erkennen und Praktizieren des ästhetisch und ideologisch Richtigen meint (vgl. Fuchs-Heinritz 2014: 146).Vorrangig attestiert er dies Jenen mit hohem kulturellen Kapital. Mitglieder diese Klasse besäßen das notwendige „Distinktionsvermögen“, da die Qualität der Aneignung Rückschlüsse auf die Qualität des Besitzers zulasse und diese nur durch entsprechende Vorbildung vorhandensei. (vgl. Bourdieu 1987: 440).

Dennoch bestätigt Bourdieu eine objektive Systematik, auch wenn die Ge-schmäcker je nachdem ob mehr ökonomisches oder kulturelles Kapital vorhanden ist auf den ersten Blick sehr unterschiedlich sein können. Es sei so,

„ daß sie allesamt Varianten ein und derselben fundamentalen Beziehung zur Sphä- re des Notwendigen und zu den ihr Unterworfenen darstellen, und ihr gemein- samer Nenner im Streben nach exklusiver Aneignung der legitimen Kulturgüter und des durch sie verschafften Gewinns an Distinktion beruht“(ebd.: 287).

Der im obigen Zitat verwendete Ausdruck:„ Streben nach“ drückt durchaus auch beabsichtigtes Handeln aus, um sich von anderen Gruppen abzugrenzen.

„Impression Management“ als Distinktionspraktik

Wie bereits bei der Kritik am Habitus-Konzept könnte man aber auch hier anführen, dass Bourdieu eher von einer Handlungsunfähigkeit des Individuums ausgeht, dass also auch die Distinktionspraktiken nicht intentional gesteuert werden und Abgrenzung gar nicht im Interesse des Akteurs liegt, sondern lediglich durch den Habitus vermittelt sei.

Scherer greift in seinem Aufsatz „Mediennutzung und soziale Distinktion“ (2013) diesen Gedanken auf undstellt die aus der Sozialpsychologie bekannte These des „Impression-Management“ dagegen, wonach von einem „stategi-schen Einsatz der Mittel“, also von intentionalen Distinktionspraktiken (hier vor allem im Mediengebrauch) ausgegangen wird.

Dies widerspricht auf den ersten Blick der Theorie Bourdieus, derDistinktionspraktiken eher als Begleiterscheinungen des Lebensstils betrachtet. Ziel des „Impression-Managements“ sei soziale Anerkennung, worin Scherer doch einen Zusammenhang zu Bourdieus Habituskonzept erkennt, welches die Homogenität der Gruppe, also ähnliche und somit angepasste Praktiken betont (ebd.: 103f). Außerdem hat das Motiv der sozialen Anerkennung immer eine Ursache, die wiederum durch das Habituskonzept erklärt werden könne, denn „wir wollen was wir sollen“ (ebd.: 105).

Wie Distinktion im Internet praktiziert wird, ob beabsichtigt oder als Beiwerk des Lebensstils und welche Interessen dahinter stecken wird im nächsten Kapitel erörtert.

4. Distinktionspraktiken in sozialen Medien des Internets

Es wird einerseits gezeigt, wie der Habitus als Erzeugungsprinzip in den sozialen Medien des Internets strukturierend wirkt, und zwar konkret indem durch die UserInnen eine Personalisierung der Daten vorgenommen wird. Andererseits schafft diese Personalisierung wiederum die Möglichkeit durch Software-Programme Filterblasen zu erzeugen, Strukturen die eine Abgrenzung fördern und auf den Habitus strukturierend wirken.

4.1 Habitus als Erzeugungsprinzip von Distinktionspraktiken

Die derzeit am häufigsten benutzten social-media Plattformen sind Facebook, Twitter und Instagram. Twitter dient in erster Linie der schnellen Verbreitung kurzer Nachrichten, Instagram der Verbreitung von Bildern und Videos und Facebook dem Interessenaustausch. Demnach arbeiten Twitter und Instagram mit „followern“, man kann nach Belieben Individuen oder Organisationen auswählen deren Daten man einsehen möchte, hat aber keinen Einfluss darauf, wer auf die von einem selbst verfassten Einträge zugreift, während man diesen Zugang auf Facebook einschränken kann. Informationen von anderen Personen erhält man z.B, indem man sich mit ihnen „befreundet“ oder deren Nach-richten „abonniert“. Eine weitere Möglichkeit an Informationen zu gelangen ist das „liken“ bestimmter Internet-Seiten von z.B. Vereinen, Parteien, Unter-nehmen, Lokalen oder online-Zeitungen. Schließlich kann man noch in seinen Profildaten angeben, welche Musikrichtungen, Filme, Bücher usw. man bevorzugt. Zusätzlich zu den mehrheitlich benutzten Plattformen, gibt es noch virtuelle Räume wie Foren, moodle und andere geschlossene Gruppen für den Austausch mit Gleichgesinnten. Mit all diesen Aktionen erzeugt man ein im Internet gespeichertes, individuelles Datenprofil, eine Personalisierung der Da-ten, auf die man zugreifen möchte. Dies dient dem User, der Userin um sich in der Vielzahl der Informationen zu orientieren und womöglich nur jene Nachrichten zu erhalten, die von Interesse sind.

Analysiert man nun nach der Habitustheorie was es bedeuten könnte, dass man sich für bestimmte Daten interessiert, dann kann behauptet werden, dass diese Präferenzen durch die durch den Habitus vermittelten Denk- und Wahrneh-mungsschemata gesteuert sind, dass der Habitus als Erzeugungsprinzip Struk-turen bildet, die, ähnlich wie mittels Bourdieus Korrespondenzanalyse durch Software-Programmen überprüft werden können.

Somit kann festgestellt werden, welche Präferenzen miteinander korres-pondieren, z.B. ob Menschen, die an Informationen über bestimmte Parteien interessiert sind, auch dieselben Zeitungen, Musikrichtungen, Restaurants usw. bevorzugen, woraus sich das Bild eines spezifischen Lebensstils ergibt, das einer Gruppe zugeordnet werden kann. Diese Übereinstimmungen zeigen, dass es sich nicht mehr um individuelle Personalisierungen handelt, sondern um den Habitus als Erzeugungsprinzip der Personalisierung der Daten bestimmter Gruppen oder Klassen.

[...]


[1] obwohl Bourdieu weiterhin die „Akteure“ als die Ausführenden der Praktiken benennt.

[2] Siehe auch nächstes Kapitel über die Systematik der Lebensstile.

[3] Hier gemeint im Sinne von „ursprünglich: sich aus der Verbindung verschiedener Erscheinungen ergebende Lage“ (Duden)

[4] z.B. durch den Verkauf von Markenlabeln, die eine Zugehörigkeit zur nächsthöheren Klasse symbolisieren sollen.

[5] In manchen Übersetzungen auch als „sozialer Sinn“ bezeichnet (vgl. Krais 2002: 84).

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Distinktionspraktiken in social media. Analysen ausgehend von der Habitustheorie Pierre Bourdieus
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
22
Katalognummer
V374971
ISBN (eBook)
9783668522015
ISBN (Buch)
9783668522022
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bourdieu, Habitustheorie, Distinktion, Gruppen, social media, facebook
Arbeit zitieren
Andrea Dellitsch (Autor), 2017, Distinktionspraktiken in social media. Analysen ausgehend von der Habitustheorie Pierre Bourdieus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374971

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