Inwiefern lässt sich das Phänomen Transsexualität mit Hilfe von Meads Identitätstheorie erklären?

Gefangen im falschen Körper


Hausarbeit, 2017

16 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Begriffserklärungen
1. Transsexualität
2. Transvestitismus und Cross-Dresser
3. Homosexualität und effeminierte Männer

C. George Herbart Mead
1. Einflüsse auf Mead
2. Geist
3. Identität
4. Gesellschaft

D. Mead’s Theorie und Transsexualität

E. Fazit

F. Literaturverzeichnis

A. Einleitung

„Gefangen im falschen Körper", das sagen viele über Personen mit einer Transidentität. Wenn ein biologischer Mann von sich sagt, er sei eine Frau und eine biologische Frau sagt, sie sei ein Mann, löst das bei Vielen eine große Irritation aus. Um sich das Ganze dann zu erklären, greifen sie zu dem Argument, eine solche Person müsse krank sein. Auch einige Vertreterinnen der Geschlechterforschung bezeichnen Transsexuelle als Personen mit einer Geschlechtsidentitätssförang. Dies zeigt, dass Transmenschen in unserer Gesellschaft oft wenig soziale Anerkennung finden. Niemand kann sich aussuchen, ob er oder sie als Junge oder als Mädchen geboren wird. Man ist eben entweder männlich oder weiblich.

Oft hängt unser Verhalten gegenüber anderen Personen vom Geschlecht ab. Wir registrieren automatisch, ob wir es mit einer Frau oder einem Mann zu tun haben. Die äußeren Erscheinungsmerkmale sind das wichtigste Kriterium, nach dem wir unterscheiden. Wenn dann die Stimme nicht zu dem Erscheinungsbild passt, macht dies die Verunsicherung deutlich. Man fragt sich, wie es dazu kommen kann, dass Frauen auf einmal Männer sein wollen und Männer Frauen.

George Herbart Mead setzt sich in seinem Hauptwerk „Geist, Identität und Gesellschaft“ mit eben diesen drei Begriffen auseinander und versucht sie zu verstehen und zu erklären.

In dieser Arbeit soll Transsexualität mit Hilfe von Meads Identitätstheorie erklärt werden.

Vorerst wird geklärt, was Transsexualität eigentlich ist. Hier ist es wichtig, die Begriffe Transvestitismus und Homosexualität zu trennen. Im Folgenden wird Meads Theorie aufgegriffen. Begonnen wird mit den Theorien, die ihn beeinflusst haben. Es folgt eine Abarbeitung der drei Begriffe aus dem Titel seines Hauptwerkes. Als erstes das Thema Geist, in dem es um Symbole, Gesten und die Sprache geht. Danach Identität, welches das Thema des Bewusstseins und der Identitätsbildung aufgreift und zum Schluss Gesellschaft, in dem dann nicht mehr der menschliche, sondern der gesellschaftliche Organismus untersucht wird. Im letzten Kapitel wird versucht, mit dem erarbeiteten Wissen über seine Theorie das Verhalten und die Entstehung von Transsexualität zu erklären.

B. Begriffserklärungen

1. Transsexualität

In unserer Gesellschaft gehen wir wie selbstverständlich davon aus, dass die Geschlechterkategorien Mann und Frau sich eindeutig voneinander trennen lassen und unveränderbar sind. Doch es gibt tatsächlich Menschen, deren Körper nicht zu ihrer Identität passt, sondern dem anderen Geschlecht angehört. Transidentität ist keine häufige Form der Identität, kommt aber auch gar nicht so selten vor. Olyslager und Conway kommen bei ihrer Berechnung auf Werte von 1 : 1.000 bei den Transfrauen und auf 1 : 2.000 bei den Transmännern.[1] Transidentität ist keineswegs nur ein Phänomen unserer Gesellschaft und Kultur. Sehr bekannt sind die Ladyboys aus Thailand, auch Kathoey genannt. Sie sind in Thailand viel akzeptierter als Transsexuelle in der westlichen Welt. Auf der anderen Seite aber haben sie juristisch keine Möglichkeit auf die Änderung ihres Personenstandes und auch in der beruflichen Welt kaum Möglichkeiten, sodass viele von ihnen im Rotlichtmilieu leben.[2]

Ein anderes Beispiel wären die Bedarchen bei den Indianern Nordamerikas. Heute spricht man von dem weniger diskriminierenden Begriff two-spirited-people. Das sind laut den Indianern Menschen, die zwei Seelen in sich tragen, was hoch verehrt wird, da es höheren Mächten zugeschrieben wird.[3] Doch ist hier fraglich, ob diese Kulturen mit den Transmenschen verglichen werden können, die wir kennen. Die two-spirited-people fühlen sich sowohl als Mann, als auch als Frau.

Laut Rauchfleisch hat „Transidentität nichts mit psychischer Gesundheit oder Krankheit zu tun, sondern umfasst, wie bei allen anderen Menschen, das ganze Spektrum von Gesundheit bis Krankheit.“[4] Ein Vorurteil gegenüber Transmenschen ist dadurch entstanden, dass früher auch in Fachkreisen von einer Krankheit gesprochen wurde, wenn ein Mensch sich dem anderen Geschlecht zugehörig gefühlt hat. Dadurch kam es zu einer geringen Akzeptanz in unserer Gesellschaft.

Wenn ein Mann oder eine Frau das jeweilige Geschlecht ändern will und behauptet, er/sie sei transsexuell, kommt es vorerst zu einem Begutachtungsverfahren. Um das Geschlecht zu wechseln, benötigt man mehrere ärztliche Gutachten. Diese Gutachten sollen Transsexualität diagnostizieren. In dem Moment, in dem der Gutachter eine Verdachtsdiagnose erstellt, setzt er etwas in Gang, was letztendlich zu schwerwiegenden und folgenträchtigen Veränderungen des menschlichen Körpers führen kann. Sie müssen ausschließen, dass die vermeintliche Transsexualität nicht durch eine psychische Krankheit ausgelöst wurde. Die Operation und die Hormonbehandlung sind der zweite Schritt auf dem Weg zum neuen Geschlecht, hierfür kommen weitere Gutachter ins Spiel. Wenn eine Transsexualität „diagnostiziert“ wurde, kann es zu einem chirurgischen Eingriff kommen.[5] Laut Rauchfleisch haben Transmenschen folgende Merkmale:

- „ die Überzeugung, nicht dem biologischen, sondern dem anderen Geschlecht anzugehören (>>Tmm<< - Identität),
- Der Wunsch, in der Rolle des anderen Geschlechts zu leben und unter Umständen den Körper so weit wie möglich dem anderen Geschlecht anzugleichen,
- Der Wunsch nach Personenstandsänderung, d.h. die >>offizielle<< Anerkennung der Transfrau als Frau und des Transmannes als Mann“[6]

2. Transvestitismus

Transvestiten sind nicht gleich transsexuelle Menschen. Der Transvestit trägt lediglich die Kleidung des anderen Geschlechts, was für ihn eine große Attraktivität besitzt. Ein transvestitischer Mann oder eine transvestitische Frau zweifelt jedoch nicht an dem jeweiligen biologischen Geschlecht und fühlt sich auch nicht als das andere Geschlecht. Das Anziehen von Klamotten des anderen Geschlechts stellt für Transvestiten eine spielerische Situation dar. Es könnte auch auf einen gewissen Fetisch deuten. Das Wechseln zurück in ihre biologische Rolle fällt ihnen nicht schwer, da es zu ihrer Identität gehört und das Tragen der Kleidung des anderen Geschlechts für sie lediglich eine attraktive Abwechslung darstellt. Transmenschen hingegen können sich nur schwer davon lösen, da sie ein tiefes Bedürfnis verspüren, auch ihr Geschlecht angleichen zu lassen.[7]

3. Homosexualität

Homosexuelle Menschen wollen nicht mit Transsexuellen oder Transvestiten verglichen werden. Bei Homosexuellen geht es lediglich um die sexuelle Neigung. Sie fühlen sich nicht wie das andere Geschlecht, sondern zu dem gleichen Geschlecht sexuell hingezogen. Sie wollen auch nicht wie das andere Geschlecht aussehen. Homosexuellen Menschen sieht man es oft nicht an, dass sie sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen.

Bei transsexuellen Menschen stellt sich oft die Frage, ob sie gleichzeitig homosexuell sind, wenn sie sich zu dem Geschlecht hingezogen fühlen, welches sie vor ihrer Geschlechtsumwandlung selbst hatten. Wenn sich jedoch z.B. eine Frau zu einem Mann umwandeln lässt, und alle Operationen und Hormonbehandlungen abgeschlossen sind, ist dies nicht der Fall. Die betreffende Person ist jetzt auch äußerlich, wie immer schon innerlich, ein Mann. Wenn er also Frauen begehrt, ist er heterosexuell, homosexuell wäre er nur, wenn er sich zu Männern hingezogen fühlte.

C. George Herbart Mead

George Herbart Mead wurde am 27. Februar 1863 in South Hadley, Massachusetts, USA geboren und starb am 21. April 1931 in Chicago, USA. Er war ein Philosoph, Soziologe und Psychologe und gilt als ein (Mit-)Begründer der symbolisch vermittelten Interaktion, aus der er auch die Entstehung von Bewusstsein, Identität und Gesellschaft erklärt.[8] Er studierte u.a. in Leipzig und Berlin und war von 1894 bis zu seinem Tode Professor für Philosophie und Sozialpsychologie an der University of Chicago.[9] Sein Hauptwerk heißt Mind, Self and Society, auf Deutsch: Geist, Identität und Gesellschaft mit dem Untertitel - aus der Sicht des Sozialbehaviorismus[10].

1. Einflüsse auf Mead

Vier wissenschaftliche Strömungen hatten Einfluss auf Meads Sozialtheorie. Inspiriert von Darwins Evolutionstheorie versteht Mead das Bewusstsein des Menschen als evolutionäres Produkt. Der Organismus setzt sich mit seiner Umwelt auseinander, es ist keine angeborene Gabe des Menschen. So setzt man, laut Mead, das zu Erklärende voraus.[11] Von der behavioristischen Theorie übernimmt er das Reiz-Reaktionsmodell, grenzt sich aber davon ab. Laut Mead ist es aussichtslos, menschliches Verhalten nur durch Instrumente wie Reiz, Reaktion, Reflex und Konditionierung erklären zu wollen.[12] Der deutsche Idealismus brachte ihn auf die Idee, dass der Mensch die Fähigkeit zur Selbstreflexivität und zum selbstbewussten Erkennen und Handeln besitzt.[13] Der amerikanische Pragmatismus ist eine Denkrichtung, die von Charles Sanders Peirce und William James begründet und von John Dewey und Mead fortgeführt wurde. Die Idee des Pragmatismus ist, dass bewusstes Denken und Handeln aufeinander bezogen ist. Nicht die Umweltreize oder biologisch vererbte Anlagen bestimmen das menschliche Handeln, sondern das problemlösende Denken.[14]

2. Geist

Für den Begriff ,Geist‘ existiert keine systematische Begriffsverwendung. Der Geist ist ein zentrales Prinzip menschlicher Kulturalität und Sozialität. Sprache, Kunst, Philosophie, Moral, Religion etc. sind alles Resultate des menschlichen Geistes. „Geist entsteht aus der Kommunikation durch Übermittlungen von Gesten innerhalb eines gesellschaftlichen Prozesses oder Erfahrungszusammenhanges - nicht die Kommunikation durch den Geist “[15] Mead arbeitet, wie die Behavioristen, mit dem Vergleich zwischen tierischem und menschlichem Verhalten. Menschen sind, laut Mead, im Gegensatz zu Tieren „instinktarm“ aber „weltoffen“. Der Mensch ist in seinem Verhalten nicht durch Triebe und Instinkte festgelegt und deshalb nicht auf einen bestimmten Umweltausschnitt angewiesen.[16] Tiere interagieren mit bestimmten Gesten, z.B. Laute oder Gebärden, wie Knurren oder Unterwerfungsgesten. Die Geste ist „jenes Phänomen, das später zu einem Symbol wird, in seinen Anfangsstadien aber als Teil einer gesellschaftlichen Handlung angesehen werden kann. Es ist jener Teil der gesellschaftlichen Handlung, der als Reiz auf andere, in die gleiche gesellschaftliche Handlung eingeschalteten Wesen wirkt“[17] Eine Geste ist also ein Reiz für eine Reaktion. Diese Reaktion wiederum ruft neue Reize hervor, bis die „endgültige gesellschaftliche Handlung“[18] zustande kommt. Die Gebärden- oder gestenvermittelte Interaktion kennzeichnet sich also dadurch, dass bestimmte Gesten bestimmte Instinktreaktionen bei anderen Lebewesen auslösen.

Menschen verständigen sich im Gegensatz zum Tier zusätzlich über die Sprache. „Die Sprache scheint aus einer Reihe von Symbolen zu bestehen, die einem bestimmten Inhalt entsprechen, der in der Erfahrung verschiedener Personen bis zu einem gewissen Grad identisch ist. Soll Kommunikation möglich sein, so muß das Symbol für alle betroffenen das gleiche bedeuten.“[19] Bei der Sprachverwendung kommen weitere Interaktionsformen hinzu. So nimmt der Mensch für Mead eine Sonderstellung ein: er ist das symbolverwendete Tier. Die Gesten des Menschen haben im Gegensatz zum Tier einen Sinn. Wenn eine Geste eine Idee ausdrückt und die gleiche Idee in einem anderen Menschen ausgelöst wird, haben wir ein signifikantes Symbol. Die bewusste Kommunikation durch Gesten ist für die gegenseitige Anpassung innerhalb einer Gesellschaft ein sehr effektiver Mechanismus.[20] Bestimmte Gerüche, Geräusche und Bilder sind mit bestimmten Ideen assoziiert. Wenn diese Ideen für alle Mitglieder einer Gruppe den gleichen Sinn besitzen, wäre das eine Basis für die Kommunikation durch signifikante Symbole.[21] Laut Mead sind die vokalen Gesten wichtiger als alle anderen, da sie besonders geeignet sind die Funktion signifikanter Symbole zu übernehmen, weil sie am ehesten von beiden Interaktionspartnern genau gleich wahrgenommen werden können.[22] Sprache ist die Voraussetzung für das Denken.

Denken bedeutet, dass man mittels Sprachsymbolen über Eindrücke und Erwartungen verfügt. Da wir die gleichen Symbole verwenden, können wir uns in den Anderen hineinversetzen. Das Verhalten wird antizipiert. Die Fähigkeit sich in die Position des Anderen zu versetzen nennt Mead „Rollenübemahme“ (role-taking). Dadurch, dass man das Verhalten des Anderen vorausahnen kann, kann man auch sein eigenes Verhalten ändern, um bestimmte Reaktionen und Situationen zu provozieren (role-making).[23]

3. Identität

Der Sprachprozess ist für die Entwicklung der Identität maßgebend. Identität entwickelt sich erst. Sie ist nicht schon bei der Geburt vorhanden, entsteht aber durch den gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses.[24] Identität ist individuell und entsteht durch die individuelle Auseinandersetzung mit der Umwelt und der Gesellschaft. Der Begriff kommt aus dem Lateinischen identitas und bedeutet Wesenseinheit. Laut Mead besitzt ein Mensch Identität, weil er über die Fähigkeit verfügt sich selbst zum Objekt zu machen und ein Bewusstsein über die eigene Bedeutung zu entwickeln.[25]

Menschen zeichnen sich u.a. dadurch aus, dass sie Bewusstsein besitzen, also mit ihrem Verstand und ihren Sinnen die Umwelt erkennen und verarbeiten. Auch Bewusstsein ist in Form signifikanter Symbole, der Sprache, organisiert, diese werden im sozialen Interaktionsprozess erworben. Mead spricht hier von der „Hereinnahme der sozialen Organisation der Außenwelt"[26]

Der Mensch reagiert nicht nur auf Andere oder auf Objekte, sondern auch auf sich selbst.

Er macht sich selbst zum Objekt. Daraus resultiert das Selbstbewusstsein, nicht die positive Eigenschaft eines Menschen, sondern das Bewusstsein von sich selbst. Durch dieses Selbstbewusstsein ist es dem Individuum möglich, in einer Interaktion sein Verhalten auf das des Anderen abzustimmen und so „vernünftig“ zu handeln.[27] Bewusstsein ist laut Mead das Wissen um die Bedeutung von Objekten. Dieses Wissen wiederum entsteht in der Interaktion mit anderen aus einem „Prozeß der Analyse unserer eigenen Reaktionen auf ihre Reize“.[28] Wir machen uns anhand unserer eigenen Reaktionen das Handeln der anderen erklärbar.

Bewusstsein ist laut Mead demnach „Bewußtsein der Einstellungen auf Seiten eines Individuums gegenüber dem Objekt, auf das es sich zu reagieren anschickt" [29] Wenn wir zum Beispiel eine Säge sehen, wird uns aufgrund ihrer Beschaffenheit bewusst, welche Bedeutung bzw. welchen Sinn diese Säge praktisch für uns hat, beispielweise ein Brett zurecht zu sägen oder einen Ast absägen. Übertragen wir das auf soziale Objekte gilt das Gleiche, die Bedeutung eines Arztes ist uns bewusst, sofern wir wissen, wie wir uns gegenüber der sozialen Rolle, die er innehat, zu verhalten haben: Ihm aufgrund seiner Schweigepflicht und seiner medizinischen Kenntnisse zu vertrauen.[30] Identität besitzt eine gesellschaftlich geprägte Struktur, die aus dem Prozess der symbolisch vermittelten Interaktion hervorgeht. Wie oben erwähnt machen wir uns selbst zum Objekt. Wir machen uns zu: „Vater/Mutter“, zum „Arzt“ oder „Manager“, wir beschreiben uns selbst als „schön“, „nett“, „klein“ oder „groß“. Wir bedienen uns offensichtlich an einem von uns unabhängig existierenden Inventar von Rollen- und Wertbegriffen. Wir besitzen die Fähigkeit, diese Rollen zu übernehmen und unser Verhalten danach zu richten. Mead spricht in diesem Zusammenhang von der „Übernahme der Rolle anderer“.[31] [32] Mead unterscheidet beim Aufbau der Identität zwei Stufen: „Play“, Spiel und „Game“, organisiertes Spiel. „Das Wettspiel repräsentiert im Leben des Kindes den Übergang von der spielerischen Übernahme der Rolle anderer zur organisierten Rolle, die für das Identitätsbewußtsein im vollen Wortsinn entscheidend ist.“[33] Play ist die spielerische Interaktion des Kindes mit einem imaginären Partner. Es spielt Mutter, Vater oder Arzt etc. Das Kind lernt die Perspektivübernahme eines konkreten bzw. signifikanten Anderen. Das Kind wechselt im Spiel ständig zwischen der eigenen Rolle und der des signifikanten Anderen. So entwickelt das Kind ein Gefühl dafür, sich in Andere hineinzuversetzen. Das Game ist ein organisiertes Gruppenspiel. Das Verhalten aller anderen Partner wird zur Richtschnur des eigenen Verhaltens, das Kind orientiert sich am generalisierten Anderen. Der Teilnehmer muss bereit sein „die Haltungen aller in das Spiel eingeschalteten Personen zu übernehmen“, wobei diese verschiedenen Rollen „... eine definitive Beziehung zueinander haben“.[34] [35] Das Kind übernimmt im Game nicht nur eine Rolle, es muss die ganze organisierte Tätigkeit der Gruppe begreifen. Die Identität, die es dann übernimmt, ist auf die gesamte Tätigkeit der Gruppe ausgerichtet. [36] „Die organisierte Gemeinschaft oder gesellschaftliche Gruppe, die dem Einzelnen seine einheitliche Identität gibt, kann >>der (das) verallgemeinerte Andere<< genannt werden. Die Haltung dieses verallgemeinerten Anderen ist die der ganzen Gemeinschaft“[37] Der Begriff des verallgemeinerten Anderen ist zu unterscheiden mit dem des signifikanten Anderen. In der Sozialisation ist es wichtig, dass das Kind lernt, diese Begriffe zu unterscheiden und zu lernen, dass hinter den Verhaltenserwartungen, z.B. der Mutter (= signifikante Andere) allgemeine Normen der sozialen Gemeinschaft (verallgemeinerter Anderer) stehen.[38] Jetzt fehlt aber noch das Individuelle an der Identität. Mead bezeichnet es als „ME“ und „I“. Das ME ist ein durch Rollenübernahme erworbenes Element. Es ist die Vorstellung von dem Bild eines Menschen, das andere von ihm haben. Es ist die verinnerlichte Erwartung anderer. Das I ist die Triebausstattung des Menschen, z.B. Kreativität, Spontanität, Phantasien, etc. Es ist das individuelle am Individuum. Das ME hat die soziale Kontrolle über das I und das I die Möglichkeit, die Gruppe zu beeinflussen. Es kann spontane, impulsive Reaktionen auf die Gruppe, die das ME bestimmt, ausüben.[39] Wenn man sich zum Beispiel gekränkt fühlt oder sich aufgrund eines unangebrachten Witzes benachteiligt fühlt, drängt das I zum Widerspruch.

Die Identität ist also ein permanentes Wechselspiel von ME und I. Das ME liefert den Anlass für die Reaktion des I und umgekehrt das ME durch die Anderen ein Feedback auf das I. Die Verteilung der beiden Teile der Identität ist selbstverständlich nicht bei jedem gleich. Bei dem einen überwiegt das I und bei dem anderen das ME. Durch das Wechselspiel von ME und I vollzieht sich die Vermittlung zwischen Individuum und Gemeinschaft.[40]

4. Gesellschaft

Bisher wurde von der Bildung der Identität im menschlichen Organismus gesprochen. In diesem Abschnitt wird der gesellschaftliche Organismus untersucht, in dem sich die Identität entwickelt. Wie oben erwähnt stellt die soziale Gemeinschaft den generalisierten bzw. verallgemeinerten Anderen dar. Mead versteht unter Gesellschaft die Summe dieser verallgemeinerten Anderen. In dieser Gemeinschaft mit anderen Personen unterhält das Individuum Interaktionsbeziehungen und übernimmt deren Haltungen, welche die Grundlage seiner Selbstauffassung und Handlung bilden.[41] Laut Mead könnte die menschliche Gesellschaft ohne Geist und Identität nicht bestehen, „da alle ihre typischen Merkmale voraussetzen, daß ihre einzelnen Mitglieder über Geist und Identität verfügen “[42]

[...]


[1] Vgl. Rauchfleisch, S. 25

[2] Vgl. Rauchfleisch, S. 25

[3] Vgl. Rauchfleisch, S. 25

[4] Vgl. Rauchfleisch, S. 28

[5] Quarks und Co

[6] Rauchfleisch, S. 29

[7] Vgl. Rauchfleisch, S. 26

[8] Vgl. Morel, S. 52

[9] S. 110 Anette Treibel

[10] Behaviorismus ist „einfach eine Methode, die Erfahrungen des Individuums vom Standpunkt seines Verhaltens aus zu untersuchen, insbesondere, jedoch nicht ausschließlich jenes Verhaltens, das von anderen beobachtet werden kann."Mead, S. 40

[11] Vgl. Morel, S. 52

[12] Vgl. Morel, S.52

[13] Vgl. More, S. 53

[14] Vgl, Morel, S. 52

[15] Mead, S. 89

[16] Vgl. Morel, S. 54

[17] Mead, S. 81

[18] Mead, S. 83

[19] Mead, S. 94

[20] Vgl. Mead, S. 85

[21] Vgl. Mead, S. 96

[22] Vgl. Mead, S.293

[23] Vgl. Mead, S. 157ff

[24] Vgl. Mead, S. 177

[25] Vgl. Mead, S. 178

[26] Mead, S. 240

[27] Vgl. Morel, S, 58

[28] Mead, S. 219

[29] Mead, S. 212

[30] Vgl. Morel, S. 58

[31] Mead, S. 300

[32] Vgl. Morel, S. 58f

[33] Mead, S. 194

[34] Mead, S. 193

[35] Vgl. Morel. S. 59

[36] Vgl. Morel, S.60

[37] Mead, S. 196

[38] Vgl. Morel. S.60

[39] Vgl. Mead, S. 216ff

[40] Vgl. Morel, S. 61

[41] Vgl. Morel, S. 61

[42] Mead, S. 273

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Inwiefern lässt sich das Phänomen Transsexualität mit Hilfe von Meads Identitätstheorie erklären?
Untertitel
Gefangen im falschen Körper
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Soziologie)
Veranstaltung
Transsexualität
Note
2,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V375007
ISBN (eBook)
9783668522305
ISBN (Buch)
9783668522312
Dateigröße
1228 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Transsexualität, Mead, Homosexualität, Transvestitismus, Identität, Geist, Gesellschaft
Arbeit zitieren
Isabella Schmid (Autor), 2017, Inwiefern lässt sich das Phänomen Transsexualität mit Hilfe von Meads Identitätstheorie erklären?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375007

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