Ein Vergleich der Schlafzimmerszene in Konrad von Würzburgs "Patronopier und Meliur" mit der französichen Vorlage "Partonopeu de Blois"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

12 Seiten, Note: 5.00


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Einen Vergleich der Schlafzimmerszene
2.1 Der Aufbau
2.2 Die Emotionsdarstellung und die Spannungserzeugung

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Partonopier und Meliur ist ein Roman des bekannten, deutschen, mittelalterlichen Schriftstellers Konrad von Würzburg. Obwohl sein „Lebensgang [...] und die Chronologie seiner Werke [...] sich dank mehrerer archivalischer und chronikalischer Zeugnisse sowie seiner in zahlreichen Gedichten genannten, in einigen Fällen erschliessbaren Auftraggeber [...] wenigstens in Umrissen nachzeichnen [lassen]“[1], ist sein Roman in der Mitte des 13. Jahrhunderts in einem Zeitraum vor 1277 in Basel unter dem Auftraggeber Peter Schaler[2] erschienen. Stofflich geht es um eine Vermischung von Strukturen des Feenmärchens, den typischen Elementen der Chanson de Geste sowie des klassischen Artusromans und des antikisierenden Reiserromans[3]. Es existieren „2 Pergamentfragmente mit zusammen weniger als 500 Versen [...] und eine auf 1471 datierte Papierhs “[4]. Dieses letzte höfische Epos enthält 21.784 Verse in „gattungsadäquater Paareimform nach französischer Vorlage aus dem 12. Jahrhundert“[5]. Tatsächlich bediente sich Konrad der anonymen französischen Vorlage Partonopeu de Blois[6]. Diese Version umfasst elftausend Verse, was deutlich weniger als Konrads Version ist.

Dieser höfische Roman erstellt ein Bild einer Liebesbeziehung zwischen einem Mann – einem dreizehnjährigen Jungen – und einem weiblichen Wesen, dass der Zauberei kundig ist und die Verbindung tabuisiert. Es geht um die Geschichte von drei Buben Partonopier, Graf von Anjou und Blois, der sich während einer Jagd im Ardennenwald verloren. Später entdeckt Partonopier ein Schiff, auf dem er erschöpft einschläft. Danach erreicht er eine menschenleere Stadt, die wahrscheinlich das Königreich von Meliur ist. In der Burg wird er von unsichtbarer Hand bewirtet und gepflegt. Nach dieser Szene kommt der zentrale und wichtige Moment dieser Arbeit: Die Schlafzimmerszene, bzw. Partonopiers nächtliche Begegnung mit Meliur. Genauer gesagt liegt Partonopier in der Dunkelheit in Meliurs Bett, bis sie ihn bemerkt, woraus sich eine erotische Szene entwickelt. Partonopier soll dann während drei Jahre in Meliurs Reich bleiben, „in denen er sich tagsüber alleine die Zeit vertreiben und nachts mit ihr zusammentreffen werde, bis er alt genug sei, um als ihr Heiratskandidat ihrem Hofe vorgestellt zu werden“[7].

Verschiedene Elemente werden in dieser Arbeit Schritt für Schritt analysiert, die man mit den typischen Eigenschaften der mittelhochdeutschen Literatur verbinden kann. Gleichzeitig werden verschiedene Parallelen mit der französischen Vorlage gezogen. Tatsächlich geht es um einen Vergleich der beiden Versionen der Schlafzimmerszene: Wie nah ist Konrad in dieser Szene an seiner Vorlage? Gehen die unterschiedenen Aspekte auf ihn zurück oder hat er sie übernommen?

Am Anfang dieser Arbeit beschäftige ich mich genauer mit der Schlafzimmerszene: Erstens vergleiche ich sie und analysiere den Aufbau. Zweitens untersuche ich die Spannungserzeugung, die mit der Emotionsdarstellung verbunden werden kann. Am Schluss fasse ich meine Arbeit zusammen.

2. Einen Vergleich der Schlafzimmerszene

Dieses Kapitel ist das Zentrum der Arbeit, da es sich um einen Vergleich der Schlafzimmerszene von Konrads Partonopier und Meliur und das französische Oeuvre Partonopeu de Blois handelt. Tatsächlich scheint Konrad mehrfach sehr nah an der französischen Version zu sein. Verschiedene Aspekte werden in diesem Kapitel verglichen, bzw. der Aufbau, die Emotionsdarstellung sowie die Spannungserzeugung.

2.1 Der Aufbau

Der Hauptpunkt dieses Kapitels ist der Aufbau der beiden Texte, die von einigen Ausnahmen abgesehen, eine grosse Ähnlichkeit aufweisen. Beispielsweise beschreibt Partonopier in der französischen Vorlage nicht, was er während des Tages macht, wie er in der germanistischen Version macht:

„Dar umbe sult ir sîn gebeten, 1410 Daz ir genâde an mir begânt Unde ir mich belîben lânt, biz diu naht ein ende habe; sô gên ich von iu hin abe und rûme diese bettestat 1415 dar ûf ich âne schulde trat.’“[8]

In der französischen Vorlage ist diese Passage nicht bemerkbar. Es gibt unter diesem Gesichtspunkt trotz grosser Ähnlichkeiten doch einige Abweichungen im Laufe der Geschichte. Beispielsweise ist die Entwicklung der Liebe zwischen Partonopier und Meliur von grosser Bedeutung.

In der Tat ist es wichtig, die fünf Stufen der Liebe ( quinque lineae amoris ) zu analysieren, die typisch in der mittelhochdeutschen Literatur sind, um unter anderem die Entstehung einer Liebe darzustellen. Nichtsdestoweniger hat die Erotik im Mittelalter nicht die heutige Bedeutung: „das ist zur Schau gestellte Schönheit im Medium der Sprache und Ikonographie: öffentliche Feier des roten Mundes, der weissen Arme, der runden Brüste“[9]. Diese fünf Stufen sind die folgenden: 1. Anblick ( visus ), 2. Gespräch ( colloqium , allocutio ), 3. Berührung ( contactus ), 4. Kuss (osculum ), 5. Vereinigung ( coitus ). Nach Waver „[deutet] [d]er Rollentausch von Gesichts- und Hörsinn [...] an, dass die Begegnung von Partonopier und Meliur sich als eine Kontrafaktur zum erotischen Topos von den fünf Stufen des Liebesgenusses lesen lässt“[10]. Mit anderen Worten scheint Konrad nicht genau den fünf Stufen zu folgen: Nämlich ist in Partonopier und Meliur dieses Schema erkennbar, selbst wenn es einige Besonderheiten gibt. Erstens beginnt schon die Abbildung anders: Statt Meliur zu sehen, hört er sie:

„Sô lîse ein phâwe nie getrat, 1230 sam ez geschriten kam dar în alrêrst dô was das herze sîn an froüden‚îtel unde toup er zittert als ein espen loup und haete nâch den sin verlorn.“[11] 1235

Anders gesagt beschränkt „die Wahrnehmung der Geliebten [...] sich danach auf das Hören der Stimme, wobei das freundliche Gespräch sich in eine Scheltrede verkehrt, [...]“[12]. Beim Anblick geht also eher um ein „ Auditus“, weil Partonopier das weibliche Wesen nicht sehen kann, wie im Zitat sichtbar ist. Partonopier hat keine Möglichkeit, sie zu sehen, er kann sie nur fühlen und hören. In Partonopeu de Blois ist es ganz ähnlich in den Versen 1121-1123: „ A tan tune arme vint al lit / Pas por pas , petit et petit / Mais il ne set que ce puet estre “. Er kann eine Anwesenheit fühlen, obwohl er sie nicht sehen kann. Dennoch gibt es keine Information über was er hören konnte. Es wird später bewiesen, dass alles sich in der Dunkelheit geschieht: „ Aprés ço c’or vos ai sentue , / [ Molt ] vos volroie avoir veüe [13] (V. 1435f.). Anders gesagt drückt die Hauptfigur ihren Wunsch aus, die Frau zu sehen, weil sie wahrscheinlich nur berührt wurde.

Als zweite Stufe wird dann das Schema wieder leicht verändert: Es geht um eine erste Berührung in beiden Versionen. Normalerweise – in Anlehnung an das traditionelle Schema – sollte es zuerst ein Gespräch geben:

„Dâ von diu maget wol getân 1312 Ruorte mit den füezen Den klâren und den suëzen, sam si sîn niht dâ weste.“[14] 1315

Es handelt sich um einen Kontakt mit den Füssen sowie in Partonopier und Meliur und Partonopeu de Blois:La damoisele a tant s’estent / Et de son pié le tousel sent ,“ (V. 1139ff.) . Das weibliche Wesen fühlt einen unbekannten Fuss im Bett, nämlich Partonopiers Fuss.

Nun, als dritte Stufe, gibt es ein langes Gespräch (ab. V. 1362) zwischen den Charakteren, in der Erzählung von Partonopier geht es um die Taggewohnheiten in Konrads Version. Übrigens sagt Huber, dass „Partonopier und das Publikum [...] nichts von Meliur [wissen], sie erhalten nur schrittweise Kenntnis von ihr (ab V. 1372ff.)“[15]. Zu dieser Zeit führen sie zusammen einen „Schein-Dialog“, der erst später gänzlich aufgeklärt wird.

Viertens gibt es in den beiden Geschichten eine andere Berührung, die man als Erotik qualifiziert werden könnte: „ unde ruorte ir suëzen brust (V. 1568). Übrigens werden die Brüste oft als einen Anreiz zur Erotik betrachtet: „um das Feuer zu entfachen oder besonders heftig zu schüren, können bestimmte Akzidentien hilfreich sein: schöne Augen, ein roter Munde, grosse Lippen, ein schmaler Hals; eine dünnes Klein, nackte Füsse, kleine Brüste, grosse Brüste [...]5. Diese Eigenschaften sind in Konrads Oeuvre sichtbar: lîp , herz und leben für eigen . In der französischen Version berührt Partonopeu mit seiner Hand die Taille der Frau, worauf er den Kopf verliert und sich von ihr in stark angezogen fühlt.

[...]


[1] Brunner, Horst: Konrad von Würzburg, S. 274.

[2] Vgl. Brunner, Horst: Konrad von Würzburg. S. 295.

[3] Vgl. Huber, Christoph: Brüchige Figur. Zur literarischen Konstruktion der Partonopier-Gestalt bei Konrad von Würzburg, S. 283f.

[4] Brandt, Rüdiger: Konrad von Würzburg. S. 152.

[5] Brandt, Rüdiger: Konrad von Würzburg. Kleinere epische Werke. S. 22.

[6] Vgl. Brunner, Horst: Konrad von Würzburg. S. 295.

[7] Eming, Jutta: Geliebte oder Gefährtin? Das Verhältnis von Feenwelt und Abenteuerwelt in Partonopier und Meliur, S. 43.

[8] von Würzburg, Konrad: Partonopier und Meliur, S. 32.

[9] Bein, Thomas: Liebe und Erotik, S. 11.

[10] Waver, Anne: Tabuisierte Liebe. Mythische Erzählschemata in Konrads von Würzburg „Partonopier und Meliur“ und im Friedrich von Schwaben, S. 74.

[11] von Würzburg, Konrad: Partonopier und Meliur, S. 29.

[12] Waver, Anne: Tabuisierte Liebe. Mythische Erzählschemata in Konrads von Würzburg „Partonopier und Meliur“ und im Friedrich von Schwaben, S. 75.

[13] Partonopeu de Blois, S. 142.

[14] von Würzburg, Konrad: Partonopier und Meliur, S. 30.

[15] Huber, Christoph: Brüchige Figur. Zur literarischen Konstruktion der Partonopier-Gestalt bei Konrad von Würzburg, S. 293.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Ein Vergleich der Schlafzimmerszene in Konrad von Würzburgs "Patronopier und Meliur" mit der französichen Vorlage "Partonopeu de Blois"
Note
5.00
Autor
Jahr
2017
Seiten
12
Katalognummer
V375336
ISBN (eBook)
9783668525139
ISBN (Buch)
9783668525146
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Partonopier Meliur
Arbeit zitieren
Valentin Tanner (Autor), 2017, Ein Vergleich der Schlafzimmerszene in Konrad von Würzburgs "Patronopier und Meliur" mit der französichen Vorlage "Partonopeu de Blois", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375336

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