Vespasian und der römische Senat. Eine Beziehung zwischen gleichberechtigten Partnern?


Hausarbeit, 2013
11 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Electio in Senatum
2.2 Der Princeps Vespasian und der Senat
2.3 Umgang mit politischer Opposition

3. Fazit

4. Quellen- und Literaturverzeichnis
4.1 Editionen und Übersetzungen antiker Texte und Quellen
4.2 Literatur

1. Einleitung

„Der Prinzipat ist ohne Zweifel eine künstliche Verfassung, soweit wir wissen, die erste nicht in der Theorie, sondern in der politischen Wirklichkeit der Weltgeschichte bewußt konstruierte Verfassung, ein Kunstprodukt […].“1 Damit bringt Jochen Blei- cken die zentrale Problemstellung der Herrschaftskonzeption des Prinzipats auf den Punkt: Eine genaue Definition und Absteckung der Kompetenzen fällt schwer. Folg- lich ergibt sich das Dilemma eines jeden Princeps, auf der einen Seite die traditionel- le republikanische Staatsform, welche dem Senat eine zentrale Rolle zukommen lässt, zu wahren (zumindest formal). Auf der anderen Seite liegt es aber auch in sei- nem Interesse seine umfassende Machtstellung nicht nur zu protegieren, sondern evtl. auch auszubauen.

In dieser Seminararbeit soll das Verhältnis des Princeps Vespasian und dem Senat, als zentralem Gremium der Republik, näher erläutert werden. War dies eine Bezie- hung von gleichberechtigten Partnern oder machte Vespasian den Senat schrittweise zu „seinem“ persönlichen Gremium von Marionetten? War die flavische Regie- rungskonzeption der Stabilität nur auf Kosten der Freiheit zu bewerkstelligen?2 Zur Klärung dieser Fragestellung soll die schubweise erfolgte electio in senatum durch Vespasian dargestellt werden. War sie etwa notwendig, aufgrund der politischen Wirren der Vorjahre, oder diente sie lediglich zum Ausbau der eigenen Herrschaft, indem man treue Parteigänger der Flavier in den Rat brachte? Des Weiteren gilt es an dieser Stelle zu beachten, wie sich Vespasian in den Jahren seiner Regentschaft ge- genüber dem Senat verhielt. Schließlich müssen das Auftreten der politischen Oppo- sition unter Vespasian und sein Umgang damit eine eingehendere Betrachtung fin- den. Hierbei soll das Beispiel des Helvidius Priscus explizit herausgehoben werden und eine Schwerpunktsetzung erfahren. Dies alles soll in der Frage gipfeln, ob Vespasian als optimus Princeps bezeichnet werden kann?

Als Grundlage für diese Arbeit dienen Suetons Kaiserbiographie des Vespasian3, die Berichte des Cassius Dio über das Verhältnis von Vespasian und dem Senat4, sowie die Berichte des Tacitus in seinen Historien5. Für die electio in senatum bildet Birks 1967 erschienene Dissertation zum Wandel der römischen Führungsschicht unter Vespasian ein wichtiges Fundament dieser Arbeit.6 Ebenso gelten Herrmann Bengtsons Werk „Die Flavier“7 und Jürgen Malitzs Artikel über Helvidius Priscus und Vespasian als besonders relevant, da bei ihnen die umfangreichen Forschungskontroversen ebenfalls Anklang finden.8

2. Hauptteil

2.1 Electio in Senatum

Unter Vespasian fand ein Wandel der römischen Führungsschicht statt.9 Diese These lässt sich unter Berücksichtigung der hohen Anzahl der adlecti in senatum (d.h. Männern, die von Vespasian (und auch seinem Sohn Titus) in den Stand der Senato- ren aufgenommen und eingeführt worden sind) verifizieren.10 Zwar ist die genaue Zahl der Männer nicht eindeutig belegbar, jedoch weiß man von verhältnismäßig vielen im Vergleich zu vorhergegangenen Herrscherperioden.11 Allerdings kommt an dieser Stelle die Frage auf, warum eine solch umfangreiche Erneuerung des höchsten römischen Gremiums notwendig war. Um dies zu verstehen, muss man vor allem die vorangegangenen Jahre und die Kaiser in dieser Zeit berücksichtigen. Laut Sueton war der Stand der Senatoren durch zahlreiche Hinrichtungen stark „zusammenge- schmolzen“.12 Damit wird offensichtlich auf die Regierungsjahre Neros angespielt, welche durch Verfolgungen und willkürliche Ermordungen der Herrscherkritiker geprägt waren und denen weite Teile des Patriziats, vor allem Regierungsbeamte, zum Opfer fielen.13 Ähnliche Zustände kann man sicherlich auch in der politisch wechselhaften Zeit des Vierkaiserjahres konstatieren. Somit oblag Vespasian die Aufgabe, die Senatoren, welche sich in den ausschweifenden und dekadenten Vor- jahren schuldig gemacht hatten, aus dem Gremium zu entfernen oder wie Sueton es schreibt, den Senat „zu säubern und zu ergänzen“.14 Gleichzeitig gilt es zu beachten, dass Vespasian im Senat auch einige Feinde und Widersacher aus dem vorangegan- genen Bürgerkrieg hatte und diese im Zuge seiner Neuordnung beseitigten wollte. Die Neuordnung des Senats fand in zwei Schritten statt. Der erste geschah in den Jahren 69/70 n. Chr. im Zuge des Konflikts der Flavier mit Vitellius. Man kann dies als eine eingeschränkte Erweiterung ansehen, da hier lediglich Gegner beseitigt und eigene Anhänger in das Gremium gebracht wurden, um diese für ihre Verdienste zu entlohnen.15 Jedoch geschah dies ohne konkrete rechtliche Legitimation, da Vespasi- ans Antrittsgesetz, die Lex de imperio Vespasiani, erst am Ende des Jahres 69 im Senat verabschiedet wurde.16 Der zweite Schritt geschah in den Jahren 73/74 n. Chr., als Vespasian gemeinsam mit seinem Sohn Titus das Amt des Zensors bekleidete. In dieser Zeit fand eine regelrechte lectio Senatus (Lese des Senats) statt, während der eine große Anzahl neuer Männer in das Gremium kam.17 Dies geschah auf rechtli- cher Grundlage der oben genannten Lex de imperio Vespasiani, in dem auch eine zusätzliche Klausel enthalten war, die alle Befehle ab dem 1. Juli 69 nachträglich legitimierte.18 Vespasian nahm die Bürde der Neustrukturierung des Senats sehr ernst und wählte die homines novi (neue Männer) sehr sorgfältig aus. Zuerst integrierte er Verwandte in den oberen Machtzirkel, bei denen er sich der Treue und Loyalität ver- sichert schien. Des Weiteren nahm er verdiente Parteigänger der Flavier in den Senat auf, die sich durch jahrelange treue Dienste empor gearbeitet hatten.19 Insoweit un- terschieden sich diese Praktiken Vespasians nicht von jenen seiner Vorgänger. Je- doch zeigt sich bei näherer Betrachtung der adlecti, dass die soziale Herkunft eine untergeordnete Rolle spielte. Bei Vespasian zählten Leistungsfähigkeit und Treue. Dabei schreckte er auch nicht davor zurück, das alte Patriziat, d.h. die führende Fa- milien und Geschlechter Roms, zu übergehen.20 Ebenso interessant an dieser Stelle ist die geographische Herkunft der neuen Senatoren und Würdenträger. . Vespasian ernannte Männer von ganz unterschiedlicher Herkunft und verschiedenen Hinter- gründen, darunter viele, die aus Provinzen stammten. Dies entsprach durchaus nicht der gängigen Praxis, da oftmals Familien aus dem römischen Kernland den Vorzug erhielten. Bei Vespasian kamen viele Männer aus Gallien, Spanien, aber auch aus den östlichen Provinzen zu Würden.21 Generell kann man festhalten, dass dadurch der Senat repräsentativer für das gesamte Imperium wurde.22 Dabei muss noch er- wähnt werden, dass es in der Fachliteratur einen regen Diskurs über die Größe des Senats zu dieser Zeit gibt. Oftmals wird von etwa 800 Senatoren ausgegangen, von denen etwa 120 bis 160 unter Vespasian neu ins Gremium kamen.23

2.2 Der Princeps Vespasian und der Senat

Vespasian findet in der römischen Geschichtsschreibung ein durchweg positives Echo. Er wird sogar als idealer Kaiser charakterisiert, der sich vorbildlich verhielt und sich nahezu nichts zu Schulden kommen ließ, was Anlass zu Kritik geboten hät- te.24 Jedoch sollte man hier beachten, dass die Geschichtsschreibung in den meisten Fällen aus den Reihen der Senatoren stammte und deswegen nur ein einseitiges Bild abgab. Demnach sollte man dieses Bild kritisch hinterfragen und sich die Frage stel- len, ob man Vespasian wirklich als den optimus Princeps sehen kann, als welcher er dargestellt wird. Er behauptete offen sich an der augusteischen Politik zu orientieren und sah sich in deren Tradition. Jedoch brach er offen mit dem Althergebrachten, indem er das Amt des Konsuls gleich mehrmals ausübte (zusammen mit seinem be- reits designierten Nachfolger Titus).25 Diesen Vorgang könnte man ihm als Verbauen oder Blockieren des höchsten Staatsamtes auslegen, aber sollte dabei beachtet wer- den, dass die Flavier consules ordinarii (d.h., dass das jeweilige Jahr nach ihnen ge- zählt wurde) waren. Vespasian und Titus traten nach einer gewissen Zeit von ihrem Amt zurück, so dass ihnen ein Senator ins Amt nachfolgen konnte (dieser wurde dann consul suffectus genannt).26 Des Weiteren gilt es festzuhalten, dass Vespasian mit seinen umfangreichen Neuernennungen von Senatoren das Gremium in gewisser Weise bevormundete und ihm sein traditionelles Recht entzog sich selbst zu erneuern bzw. neue Mitglieder zu rekrutieren. Dennoch muss man Vespasian zu Gute halten, dass seine „Personalpolitik von Kontinuität“27 geprägt war, da viele von seinen ad- lecti sich alsbald einen Namen machten und unter seinen Söhnen bzw. deren Nach- folgern zu bedeutenden Staatsmännern aufstiegen.28 Für den Senat war es nach den Wirren der Vorjahre von großer Bedeutung einen Kaiser zu bekommen, der die Re- gierungsgeschäfte Ernst nahm und gewissenhaft vollführte. Laut Quellenlage kann man bei Vespasian sogar von einer vorbildlichen Arbeitseinstellung sprechen.29 Er legte große Sorgfalt und Genauigkeit an den Tag, was in einem krassen Gegensatz zu seinen Vorgängern stand. Generell hat dieser Kontrast wohl auch sehr stark in das überaus positive Vespasianbild in der Geschichtsschreibung hineingespielt. Vor al- lem war es ihm ein besonderes Anliegen die maroden Staatsfinanzen wieder zu sa- nieren, was angesichts der ausschweifenden und verschwenderischen Lebensweise der vorherigen Kaiser eine große Aufgabe darstellte.30 Vespasian wird nicht nur Bo- denständigkeit und Volksnähe bescheinigt31, sondern auch als leutselig und milde charakterisiert. Ebenso bekommt er das Ideal der Bürgerlichkeit auf dem Kaiserthron zugeschrieben.32

2.3 Umgang mit politischer Opposition

Vespasian war nach übereinstimmenden Berichten kein Herrscher, der bei kleinster Kritikäußerung Todesurteile verhängte und willkürlich Bestrafungen aussprach. Vielmehr wird sein Umgang mit Kritik, beispielsweise durch die Opposition, als milde beschrieben.33 Bei Schmähschriften reagierte er besonnen und geradezu gleichgültig, ebenso machte er sich über Personen, die ihm vor seinem Kaisertum nicht wohlgesonnen waren, eher lustig, anstatt rechtliche Maßnahmen zu ergreifen.34 Dennoch hatte auch Vespasian mit oppositionellen Kräften zu kämpfen. Dabei sind besonders die stoischen Philosophen zu nennen.

[...]


1 Jochen Bleicken: Prinzipat und Republik. Überlegungen zum Charakter des römischen Kaisertums, in: Sitzungsberichte der wissenschaftlichen Gesellschaft an der Wolfgang Goethe Universität Frankfurt am Main, Band XXVII, Nr.1, Stuttgart 1990, S. 80.

2 Barry Baldwin: Vespasian and Freedom, RFIC 103, S.307.

3 Sueton: Cäsarenleben, übersetzt und herausgegeben von Max Heinemann, Leipzig / Stuttgart4 1936.

4 Cassius Dio: Römische Geschichte, Bd. V - Bücher 61-80, übersetzt von Otto Veh, Zürich / Mün- chen 1986.

5 Publius Cornelius Tacitus: Historien. Lateinisch - Deutsch. Herausgegeben von Joseph Borst, Mün- chen 1984.

6 Giselher Birk: Der Wandel der römischen Führungsschicht unter Vespasian, Univ. Diss. Tübingen 1967.

7 Hermann Bengtson: Die Flavier. Vespasian, Titus, Domitian. Geschichte eines römischen Kaiserhauses, München 1979.

8 Jürgen Malitz : Helvidius Priscus und Vespasian. Zur Geschichte der ‚stoischen‘ Senatsopposition, Hermes 113 (1985), 231-246.

9 Vgl. Giselher Birk: Wandel röm. Führungssicht.

siehe hierzu besonders: Werner Eck: Senatoren von Vespasian bis Hadrian. Prosopographische Untersuchungen mit Einschluß der Jahres- und Provinzfasten der Statthalter, Vestigia 13, München 1970.

11 Vgl. George W. Houston: Vespasian’s adlectio of Men in senatum, AJPh 98 (1977), S. 36/37.

12 Vgl. Sueton, Vesp. 9,2.

13 Karl Christ: Geschichte der römischen Kaiserzeit. Von Augustus bis zu Konstantin, München 2009, S. 244.

14 Vgl. Sueton, Vesp. 9.2.

15 George W. Houston: Vespasian’s adlectio, S. 35.

16 Publius Cornelius Tacitus: Historien, 4, 3, 3.

17 Houston: Vespasian’s adlectio, S. 37. / Egon Flaig: Den Kaiser herausfordern. Die Usurpation im Römischen Reich, Frankfurt/New York 1992, S. 408/409.

18 Stefan Pfeiffer: Die Zeit der Flavier. Vespasian, Titus, Domitian, Darmstadt 2009, S.22.

19 Vgl. Birk: Wandel der röm. Führungsschicht, S. 5 f.

20 Hermann Bengtson: Die Flavier. Vespasian, Titus, Domitian. Geschichte eines römischen Kaiserhauses, München 1979, S. 113-120.

21 Vgl. Werner Eck: Senatoren. / Houston: Vespasian’s adlectio, S 51-56.

22 Houston: Vespasian’s adlectio, S. 35.

23 Vgl. Houston: Vespasian’s adlectio.

24 Vgl. Cassius Dio LXV, 10, 5-11, 1. / Sueton, Vesp. 11 - 13.

25 Bernard W. Henderson: Five Roman Emperors. Vespasian, Titus, Domitian, Nerva, Trajan. A.D. 69 - 117. Rom 1968, S. 30.

26 Pfeiffer: Die Flavier, S. 21.

27 Heinz Bellen: Grundzüge der römischen Kaiserzeit. Band 2 Die Kaiserzeit von Augustus bis Diocletian. Darmstadt 1998, S. 98.

28 Bengtson: Flavier, S. 119/120.

29 Vgl. Cassius Dio LXV, 10, 5 - 11, 1.

30 Sueton Vesp. 16-19.

31 Cass. Dio LXV, 10, 5 - 11, 1.

32 Sueton: Vesp. 11 f.

33 Sueton: Vesp. 14.

34 Cass. Dio.LXV, 11 - 12, 1.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Vespasian und der römische Senat. Eine Beziehung zwischen gleichberechtigten Partnern?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar Die Flavier
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
11
Katalognummer
V375394
ISBN (eBook)
9783668525825
ISBN (Buch)
9783668525832
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Flavier, Vespasian, Römischer Senat, Römisches Kaiserreich
Arbeit zitieren
Daniel Gerhardt (Autor), 2013, Vespasian und der römische Senat. Eine Beziehung zwischen gleichberechtigten Partnern?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375394

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