John Rawls Theorie der Gerechtigkeit. Definition, Prinzipien der Gerechtigkeit für die Grundstruktur einer Gesellschaft und Gedankenexperiment


Essay, 2015

9 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

1
1. Einleitung
John Rawls hat mit seiner Gerechtigkeits-Theorie das 20. Jahrhundert in
politikwissenschaftlicher Hinsicht entscheidend geprägt und für Aufsehen in den
entsprechenden Fachkreisen gesorgt. Nicht umsonst wird sein Werk ,,A Theory of Justice"
nach Unabhängigkeit, Verfassung und Bürgerkrieg auch als ,,vierte Gründung der
amerikanischen Staaten"
1
bezeichnet.
Er diskutiert darin die Frage, was Gerechtigkeit auszeichnet und versucht Antworten darauf
zu geben, welche "Prinzipien der Gerechtigkeit für die Grundstruktur der Gesellschaft"
2
nötig
sind. Dazu entwirft er ein Gedankenexperiment, bei dem alle Menschen in einem fiktiven
Urzustand leben und sich nun vertraglich einstimmig auf Gerechtigkeitsgrundsätze einigen
müssen, auf die eine spätere Gesellschaft aufbauen wird. Rawls geht dabei von vernünftigen,
rational handelnden Menschen aus, die in der Lage sind, die beschlossenen Grundsätze zu
verstehen und auch einen Gerechtigkeitssinn haben.
3
Um partikularen Interessen der
Individuen vorzubeugen, baut Rawls eine entscheidende zusätzliche Komponente in sein
Modell ein, ,,den Schleier des Nichtwissens". Dieser sorgt dafür, dass alle Menschen zwar
allgemeines Wissen besitzen, bezogen auf individuelle Eigenschaften allerdings eine tabula
rasa sind, d. h. dass sie keinerlei Kenntnis weder über ihre soziale Position in der Gesellschaft
noch über ihre physischen und kognitiven Fähigkeiten oder sonstige Eigenschaften haben.
Freiheit und Gleichheit bedeutet für Rawls, dass alle Menschen bei der Wahl der Grundsätze
die gleichen Rechte haben (eine Stimme und jeder darf Vorschläge machen).
4
In Rawls`
Urzustand sind die Menschen zudem frei von Neid und Liebe, da diese die entstehenden
Grundsätze entscheidend verfälschen könnten.
Rawls kommt in seiner Theorie zu dem Schluss, dass Menschen sich unter seinen festgelegten
Einschränkungen auf die folgenden beiden Gerechtigkeitsgrundsätze einigen würden, welche
lexikalisch geordnet sind:
1
Dr. Markus Obrecht in seiner Vorlesung ,,Einführung in Geschichte und Entwicklungslinien politischer
Theorien", 13.07.2015.
2
Rawls (1994): 11.
3
Ebd.: 168.
4
Ebd.: 36f., 29, 160

2
1. Jedermann soll gleiches Recht auf das umfangreichste System gleicher
Grundfreiheiten haben, das mit dem gleichen System für alle anderen verträglich ist
(Prinzip der gleichen Freiheit).
2. Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind so zu gestalten, dass (a)
vernünftigerweise zu erwarten ist, dass sie zu jedermanns Vorteil dienen (Prinzip der
Chancengleichheit), und (b) sie mit Ämtern und Positionen verbunden sind, die allen
gemäß der fairen Chancengleichheit offen stehen (Unterschiedsprinzip).
5
Klausel (a) wird ,,Differenzprinzip" genannt, da gesellschaftliche Ungleichheiten nur
zugelassen werden, wenn auch die am wenigsten Begünstigten davon profitieren. Klausel (b)
versucht eine Chancengleichheit herzustellen, da Menschen unabhängig ihrer Herkunft bei
gleichen Fähigkeiten und gleicher Leistungsbereitschaft die gleichen Erfolgsaussichten haben
müssen.
6
Im Folgenden werde ich mich nun persönlich mit Rawls` Theorie auseinandersetzen und
dabei modellintern Kritik üben. Kurz werde ich dafür zuerst auf Rawls` ersten
Gerechtigkeitsgrundsatz eingehen, ehe ich mich danach länger mit seinem zweiten
Gerechtigkeitsgrundsatz beschäftige. Gerade bei Letzterem hatte ich durchaus ambivalente
Gedankengänge, sodass ich nicht nur negative Kritik üben werde, sondern auch betone, was
mich hier besonders überzeugt.
5
Ebd.: 81.
6
Ebd.: 104.

3
2. Warum sollten sich rationale Akteure immer für das Maximin-Prinzip
entscheiden?
Nach Rawls` Beschreibungen sind die im Urzustand handelnden Akteure vernünftig und
rational, d. h. sie treffen keine willkürlichen Entscheidungen, sondern wägen ihr Handeln ab,
indem sie von jeder Handlungsalternative die voraussichtlichen Kosten und den zu
erwartenden Nutzen berechnen und diese so in eine Präferenzreihenfolge bringen. Rawls
unterstellt dem rational handelnden Menschen, der seinen eigenen Nutzen maximieren möchte
und mit dem Schleier des Nichtwissens bedeckt ist, dass dieser Freiheiten und Rechte immer
so verteilen würde, dass der ,,worst case" minimal wird (Maximin-Prinzip). Alle Menschen
wären so also mit möglichst vielen gleichen Freiheiten ausgestattet, um so die denkbar
schlechteste Position in der späteren Gesellschaft möglichst erträglich zu gestalten.
7
Rawls leitet diese Schlussfolgerung aus der Annahme ab, dass die Menschen keine
Wahrscheinlichkeiten über ihre späteren Zustände berechnen können und, aus Furcht davor,
den schlechtesten Platz zu bekommen, jedem die gleichen Rechte zusprechen. Diese
Schlussfolgerung mag zunächst einleuchten, ist für mich jedoch nicht hundertprozentig aus
der gegebenen Annahme ableitbar.
Ebenso ist nämlich auch ein anderes Szenario vorstellbar, bei dem sich Menschen gegen eine
Gleichverteilung der Rechte und Freiheiten wenden, um ein größeres Wohlstandsniveau für
den Großteil der Menschen zu ermöglichen. Dies wäre möglich, wenn man die späteren
unteren Plätze der Gesellschaft in ihren Rechten und Freiheiten einschränken würde.
Sicherlich wäre dies für den Einzelnen ein großes Wagnis, da sich keine Prognose auf einen
bestimmten Platz in der Gesellschaft berechnen lässt. Dennoch ist dies nicht auszuschließen,
dass Einzelne jenes Risiko eingehen würden. Da bei Rawls die Entscheidung einstimmig
getroffen wird, würde zudem ein einziger Mensch genügen, um die Konsensentscheidung der
Mehrheit zum Scheitern zu bringen. Ich möchte nicht verhehlen, dass dies ein sehr
theoretischer Fall ist. Dennoch ist es eine Möglichkeit, die zeigt, dass Rawls` gedankliche
7
Ebd.: 177.

4
Ableitung nicht vollkommen logisch, da es Menschen geben könnte, die ein vernünftiges
Risiko eingehen und sich dafür für weniger kollektive Gleichheit aussprechen.
3. Rawls` Differenzprinzip und die fehlende individuelle Gerechtigkeit
Im Folgenden werde ich mich intensiver mit Rawls` zweitem Gerechtigkeitsgrundsatz
auseinandersetzen. Dieser besagt, dass eine Ungleichheit materieller Güter immer dann
legitim sei, wenn sie den schwächsten Mitgliedern am meisten nützen. Rawls nennt dafür das
Beispiel des Arbeiters und des Unternehmers, zwischen denen nur dann eine finanzielle
Ungleichheit in Kauf zu nehmen sei, wenn ,,eine Verminderung dieser Ungleichheit die
Arbeiterklasse noch schlechter stellen würde".
8
Dies mag auf den ersten Blick einleuchten,
doch muss auch gefragt werden, ob zu einer überzeugenden Gerechtigkeitsvorstellung nicht
auch das direkte Verhältnis zwischen zwei Individuen eine Rolle spielen sollte. Ich möchte
meine These an dem bekannten ,,Ultimatums-Spiel" verdeutlichen.
Dafür müssen wir uns die fiktive Situation vorstellen, in der ein Spielleiter einem Spieler A
100 Euro anbietet, wovon dieser wiederum einem Spieler B eine frei wählbare Teilsumme
abgeben muss. Beide Spieler dürfen ihr Geld behalten, wenn Spieler B akzeptiert, ansonsten
geht die Summe zurück an den Spielleiter. Wenn jetzt Spieler A seinem Gegenüber auch nur
einen Euro anböte und 99 selbst behielte, wäre dies nach Rawls Theorie gerecht, da zwar eine
Ungleichheit zwischen den beiden entstünde, Spieler B sich dennoch in einer besseren
Position als vorher befände. Dennoch empfänden Spieler B und weitere Außenstehende die
Situation höchstwahrscheinlich als ungerecht, weil das individuelle Verhältnis zwischen den
beiden Spielern äußerst ungleich ist.
Empirische Ergebnisse zeigen, dass Teilnehmer des Experiments in der Regel einen deutlich
größeren Betrag abgeben und dass angebotene Beträge, die weniger als 30 Prozent der
Gesamtsumme betragen, normalerweise aus Gründen der Fairness abgelehnt werden.
9
Sicherlich mag man nun einwerfen, dass Rawls in seinem Urzustand Neid ausgeschlossen
8
Ebd.: 78.
9
Nowak/Page/Sigmund (2000): 1773.
Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
John Rawls Theorie der Gerechtigkeit. Definition, Prinzipien der Gerechtigkeit für die Grundstruktur einer Gesellschaft und Gedankenexperiment
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,0
Jahr
2015
Seiten
9
Katalognummer
V375504
ISBN (eBook)
9783668526563
ISBN (Buch)
9783668526570
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rawls, Theorie der Gerechtigkeit, Schleier des Nichtwissens, Theory of Justice, Maximin-Prinzip, Differenzprinzip
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, John Rawls Theorie der Gerechtigkeit. Definition, Prinzipien der Gerechtigkeit für die Grundstruktur einer Gesellschaft und Gedankenexperiment, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375504

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